Was ist Buddhismus - Teil 1

Buddhismus ist eine große Weltreligion mit über 800 Milionen Anhängern. Wenn Sie einen fundierten Einstieg in dieses faszinierende Weltbild finden wollen, sind Sie hier an der richtigen Stelle. Lama Gonsar Rinpotsche stellt Ihnen in dieser kurzen Einführung alle wichtigen Aspekte des Buddhismus vor.

Was ist Buddhismus?

Im allgemeinen ist unter dem Buddhismus das zu verstehen, was auch die meisten Leute darunter verstehen, nämlich eine der großen Weltreligionen. Es gibt etwa 800 Millionen Buddhisten, von denen der größte Teil in Asien lebt, aber eine recht große Zahl von Buddhisten gibt es heutzutage auch in Europa und in Amerika.

Buddha Shakyamuni

Lama Gonsar Rinpotsche BuddhismusDer Buddhismus geht auf Buddha Schakyamuni zurück. Buddha Schakyamuni war vor 2620 Jahren als Sohn des Königs Schudhodhana aus dem Geschlecht der Schakyas geboren. In seinen jungen Jahren erfuhr er den ganzen Luxus eines königlichen Lebens in dem nordindischen Königreich seines Vaters. (In der rechten Abbildung sehen Sie Lama Gonsar Rinpotsche)

Aber ein Menschenleben ist nicht nur angenehm, ganz gleich, wer es erfährt. Es ist durch viele Leiden von Körper und Geist geprägt. Das Leid der Krankheit, das Leid des Alterns und das Leid des Todes sind unausweichlich.

Der junge Prinz Siddharta sah, daß er selbst und alle anderen Wesen sich in dieser unkontrollierten Situation befinden. Das Erkennen dieser Tatsache veränderte seine Auffassung grundlegend. Er fand keine Zufriedenheit mit dem Luxus seines königlichen Lebens und entschloß sich, Mittel zu finden, um alle Wesen von allen Leiden und deren Ursachen zu befreien.

So verließ Buddha sein Leben als Prinz und begab sich in die Wälder auf die Suche nach einem geistigen Weg. Er begegnete vielen Heiligen seiner Zeit und diskutierte mit ihnen. Ihre Antworten und Methoden konnten ihn jedoch nicht zufriedenstellen.

Er meditierte während sechs Jahren mit außerordentlichen Anstrengungen und erreichte schließlich in Bodhgaya den Zustand der vollen Erleuchtung, indem er einem Weg frei von allen Extremen folgte. Unter voller Erleuchtung versteht man den Zustand, in dem alle Fehler gänzlich beseitigt sind und alle Eigenschaften in einer perfekten Weise erlangt sind.

Buddha erkannte die Situation des Leides der Wesen und die Ursachen dieses Leides. Er erkannte den Zustand einer vollständigen Befreiung von allen diesen Leiden und den Weg, der diesen Zustand herbeiführt.

Den Zustand der vollen Erleuchtung hat Buddha in erster Linie für das Wohl der anderen angestrebt. Nach dem Erreichen der Erleuchtung war er dann ständig bemüht, anderen aus eigener Erfahrung den Weg zur Befreiung zu zeigen. Neunundvierzig Tage, nachdem Buddha die volle Erleuchtung erlangt hatte, gab er in Sarnath der ersten Gruppe von fünf Schülern Unterweisungen und von dann an bis zum Ende seines Lebens unzähligen weiteren Schülern. Die Aktivitäten eines Buddha für das Wohl der Wesen bestehen in erster Linie im Geben von Unterweisungen, weil Unerkenntnis die Wurzel aller Probleme ist.

Und im Alter von 81 Jahren hat Buddha in Kuschinagar seinen Körper verlassen.

Wenn man das Leben des Buddha in einer allgemeinen und sehr kurz gefaßten Weise erklären möchte, dann ist das etwa so zu sehen. Im Buddhismus kann das Leben des Buddha jedoch auf verschiedenen Ebenen betrachtet werden und für jemanden, der ernsthaft nach Befreiung sucht, ist der Ablauf von Buddhas Leben allein schon ein eindrucksvoller Unterricht.

Die Überlieferung

Sieben große Nachfolger des Buddha, von denen Kashappa und Ananda direkte Schüler waren, führten dann den Buddhismus weiter. Zu dieser Zeit gab es drei Versammlungen, in denen die Gesamtheit der Unterweisungen des Buddha zusammengetragen und aufgeschrieben wurde. Die erste Versammlung fand gleich nach dem Ende von Buddhas Leben statt, die zweite 110 Jahre später und die dritte 300 Jahre später. Buddhas Unterweisungen werden in drei Sammlungen (Tripitaka) aufgeteilt:

  • Vinaya-Pitaka: Ethik als zentrales Thema
  • Sutra-Pitaka: Ebenen von Konzentration als zentrales Thema
  • Abhidharma-Pitaka: Weisheit als zentrales Thema

Nach diesen sieben Nachfolgern des Buddha gab es eine Zeit der Degeneration des Buddhismus. Lehrer, die nur auf der Grundlage von intellektuellem Verständnis ohne direkte Erkenntnis unterrichteten, und die Verbreitung in verschiedenen Sprachen brachten einige Mißverständnisse.

Als Resultat entstanden Aufspaltungen, die schlußendlich durch die Anstrengung und Weisheit großer Meister wieder behoben werden konnten. Dank ihren Bemühungen blühte der Buddhismus während langer Zeit in Indien. Einer dieser großen Meister war Nagardschuna, der 400 Jahre nach Buddha erschien.

Verbreitung und Einfluß

Aber nicht nur in Indien, sondern auch in den benachbarten Ländern breitete sich der Buddhismus weithin aus, und zu gewissen Zeiten war er in fast ganz Asien verbreitet. Nach Tibet kam der Buddhismus zum erstenmal im siebten Jahrhundert. Er hat eine so umfassende Integration in den Lebensstil der Tibeter gefunden, daß heute der Buddhismus von tibetischer Lebensart nicht mehr unterschieden werden kann.

Der Buddhismus hat die Gedanken unzähliger Personen in ganz Asien und auch die Kultur in den verschiedensten Ländern entscheidend beeinflußt. Die Anwendung des Buddhismus ist in Indien und vielen dieser anderen Länder Asiens heute nicht mehr in der gleichen Stärke vorhanden, aber der große Einfluß in den Gedanken der Menschen, den Religionen und der Kunst dieser Länder ist bis heute noch spürbar.

Mahatma Gandhi zum Beispiel, der wohl bekannteste und wichtigste Politiker Indiens, war ein Vertreter der gewaltlosen Politik. Seine Religion war nicht der Buddhismus, sondern der Hinduismus. Aber seine Bewegung der Gewaltlosigkeit und seine Auffassung gewaltloser Politik haben, nach eigenen Aussagen Gandhis, ihren Ursprung in den Gedanken des Buddhismus.

Auch die Kunst Indiens, Chinas, Japans, der südostasiatischen Länder und ebenso Tibets und der Mongolei ist vom Buddhismus geprägt.

Das Wort "Buddhismus"

Das Wort Buddhismus ist in westlichen Sprachen entstanden und ist gebildet mit der lateinischen Nachsilbe -ismus, die in vielen Wörtern wie in Judaismus, Amerikanismus und so weiter Verwendung gefunden hat. Im Buddhismus selbst wird der Ausdruck Dharma verwendet. Das Wort Dharma hat seine Wurzel in der Sanskrit-Silbe dhra; dhra hat die Bedeutung von halten.

Dieses Wort dhra ist manchmal gleichbedeutend mit Existentem, zum Beispiel in dem Ausdruck sarva dharma, was alle Phänomene bedeutet. Und das, weil alle Objekte ihre Natur halten. Das Wort Dharma wird auf zehn verschiedene Bedeutungen angewendet. Im Zusammenhang mit Religion wird das Wort Dharma für Unterweisung und Erkenntnis verwendet.

Denn die richtigen Unterweisungen führen, wenn sie angewendet werden, zu richtigen Erkenntnissen. Und diese Erkenntnisse schützen den Anwender vor Leid oder ziehen ihn aus Leid heraus. Deshalb spricht man von Dharma oder Halter. In dieser Bedeutung kann man dann davon sprechen, Dharma zu lernen, Dharma anzuwenden, Dharma zu unterrichten und Dharma im eigenen Geist zu erzeugen.

Die Essenz des Buddhismus

Was ist der zentrale Punkt des Dharma oder Buddhismus? Der zentrale Punkt, das sind die Wesen. Manche mögen denken, daß der zentrale Punkt des Buddhismus das Nirvana (Befreiung) ist, manche auch, daß es Buddha (das erleuchtete Wesen) ist. In Wirklichkeit sind es jedoch die Wesen.

Was ist unter Wesen zu verstehen? Objekte, die Geist oder Bewußtsein besitzen, werden als Wesen bezeichnet. Weil solche Wesen Geist besitzen, machen sie sowohl die Erfahrungen von Glück als auch Leid. Jedes Wesen sehnt sich nach Glück, und jedes Wesen wünscht, von Leid frei zu sein. Aufgrund dieser Tatsache besteht Dharma.

Dharma zeigt nichts anderes als die Situation der Wesen, die Ursache für diese Situation, die Umwandlung dieser Situation und das Resultat der Umwandlung. Dharma kann deshalb immer nur im Kontext mit der Situation der Wesen verstanden werden.

Die Ziele des Dharma wie Befreiung oder Erleuchtung sind auch nichts anderes als ein Zustand der Wesen. Ohne diesen Bezug zu den Wesen gibt es keine Möglichkeit, Dharma zu verstehen, keine Möglichkeit, Dharma anzuwenden und auch keinen Zweck für Dharma. Diese Tatsache tritt auch in den grundlegendsten Unterweisungen des Buddha deutlich hervor.

Die grundlegendsten Unterweisungen des Buddha sind die Vier edlen Wahrheiten. Es ist das Dharma, das Buddha seinen ersten fünf Schülern unterrichtete. Nicht nur sind das die grundlegendsten Unterweisungen des Buddha, sondern die Essenz aller Unterweisungen des Buddha ist darin enthalten. Kurz ausgedrückt sind es vier Punkte: Wahrheit des Leids, Wahrheit des Ursprungs, Wahrheit der Beseitigung und Wahrheit des Weges.

Die Wahrheit des Leids

Die Wahrheit des Leides beschreibt unsere gegenwärtige Situation. Das bedeutet aber nicht, daß unsere gegenwärtige Lage nur aus Schmerzen und Traurigkeit besteht. Buddha hat deutlich gemacht, daß es drei Ebenen von Leid gibt. Diese werden Leid der Schmerzen, Leid der Veränderung und allumfassendes Leid genannt.

Das, was wir Menschen und auch die Tiere als Leid erkennen, ist diese erste Ebene von Leid, das Leid der Schmerzen. Das sind Krankheiten und Leiden, Schmerzen des Körpers und Traurigkeit, körperliche und geistige Schmerzen.

Viele Arten von Erfahrungen, die wir im allgemeinen als Glück bezeichnen, gehören zur zweiten Art von Leid. Auch davon gibt es sowohl körperliches als auch geistiges Leid. Das ist zum Beispiel das Wohlbehagen der Wärme, wenn wir frieren, das Wohlbehagen der Kühlung, wenn uns zu heiß ist, das Wohlbehagen des Essens, wenn wir hungrig sind, und so weiter.

Auch geistiges Wohlbehagen, das wir aufgrund von Reichtum, von gesellschaftlich guter Stellung und gutem Ruf oder einer Begleitung erfahren. Das ist geistiges Glück. Diese Erfahrungen sind zweifellos nicht schmerzhaft.

Was Buddha deutlich macht, ist, daß diese Erfahrungen jedoch kein reines Glück sind. Vielmehr haben diese Erfahrungen die Eigenschaft, daß wir das Abnehmen eines vorher vorhandenen Leides als Glück erfahren. Wenn wir zum Beispiel hungrig sind und Nahrung einnehmen, wird mit fortschreitender Einnahme von Nahrung das Unbehagen des Hungers abnehmen; und das erfahren wir als Glück.

Aber das ist kein bleibendes und kein reines Glück. Denn diese Erfahrung hat eine Grenze. Wenn die Grenze überschritten wird, wird die gleiche Erfahrung leidvoll.

Aus diesem Grund hat Buddha diese Art von Erfahrung als veränderliches Leid bezeichnet. Buddha hat nicht gesagt, daß diese Art von Glück nicht erfahren werden darf, sondern vielmehr macht er deutlich, daß diese Erfahrungen eine Grenze und eine Verbindung mit Leid haben und wir sie deshalb nicht als wirkliches Glück mißverstehen sollen und beim Erfahren dieser Art von Glück bedacht vorgehen müssen. Wenn wir dieses Glück mit Zufriedenheit und Genügsamkeit verwenden, kann es nützlich sein; wenn es ohne Zufriedenheit und Genügsamkeit angestrebt wird, wird es zusätzliches Leid erzeugen.

Da diese Erfahrungen nicht vollständig frei von Leid sind, werden sie als Leid der Veränderung bezeichnet. Diese Tatsache kann man nur verstehen, wenn man eine etwas schärfere Intelligenz besitzt. Ein Tier zum Beispiel ist nicht in der Lage, diesen Zusammenhang zu erkennen. Nicht nur das, selbst die meisten Menschen betrachten diese Art von Erfahrung als das eigentliche, erstrebenswerte und höchste Glück.

Nun die dritte Art von Leid: sie ist die Basis der ersten zwei Arten von Leid. Ein Dasein ohne Freiheit ist darunter zu verstehen. Es ist die Tatsache, daß wir über unsere Geburt, über die grundlegenden Erfahrungen während unseres Lebens, über unser Alter und über unseren Tod keine Freiheit besitzen und darüber nicht nach Wunsch bestimmen können.

Daß unsere Geburt und unser Tod nicht entsprechend unseren Wünschen verlaufen, ist klar zu sehen. Mit dem Ende des Lebens hört das Dasein jedoch nicht auf, sondern man nimmt wieder Geburt. Nun, wo man Geburt nimmt, in welcher Umgebung, ist wiederum nicht durch den eigenen Willen bestimmbar.

Diese Tatsache, daß wir zwar wohl gegenwärtige Freiheit, aber keine grundlegende Freiheit besitzen, wird als umfassendes Leid bezeichnet. Und auf dieser Grundlage erfahren wir in unserem Dasein die anderen Arten von Leid. Um diese dritte Art von Leid erkennen zu können, muß man präzisen Überlegungen folgen.

Das war eine kurze Beschreibung der grundlegenden Situation unseres Daseins, der Wahrheit des Leides.

15.06.2016 © seit 01.2003 Philognosie Team  
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