Was ist Buddhismus? - Einführung Teil 2

Allein, ganz auf sich allein gestellt jedoch, ist es ebenfalls nicht möglich. Und so ist der nächste wichtigste Punkt, sich einem qualifizierten Meister anzuvertrauen, der einem diesen Weg zeigt.

Der Meister

Was ist BuddhismusEinem geistigen Meister darf man sich nur anvertrauen, wenn man mit klaren Überlegungen sowohl die Person als auch das von dieser Person unterrichtete Dharma genau geprüft hat. Es ist in keiner Weise richtig, sich ohne solche Prüfung irgendeiner Person blind anzuvertrauen. (In der rechten Abbildung sehen Sie Lama Gonsar Rinpotsche)

Eine Beziehung zwischen Schüler und Meister darf nicht so plötzlich entstehen, wie das Aufeinandertreffen von Hund und Knochen. Alle Eigenschaften, die einen qualifizierten Meister kennzeichnen, sind in den Schriften in Aufzählungen von 10 und 20 Punkten genau beschrieben. Im geringsten Fall jedoch muß ein Meister die folgenden Eigenschaften besitzen.

  • Er muß das Dharma, das er erklärt, ganz beherrschen.
  • Seine Darlegungen des Dharma müssen klar und verständlich sein.
  • Er muß das von ihm erklärte Dharma nach bestem Vermögen selbst anwenden.
  • Alle Erklärungen muß er aus Erbarmen und ohne jedes Selbstinteresse geben.

Eine intelligente Person wird den ersten Kontakt mit einem Meister als Zuhörer herstellen, dann lange und vorsichtig analysieren. Mit der Zeit wird es sich dann herausstellen, ob die Person ein wirklicher Meister ist und ob man ihr vertrauen kann.

Auch das Dharma, das ein Meister erklärt, gilt es sowohl auf seine Worte als auch auf eine Bedeutung genau zu überprüfen und nur nach einer solchen Prüfung zu akzeptieren. Buddha sagte:

So, wie Gold durch Brennen, Schneiden und Reiben geprüft wird,
so prüft meine Worte. Und akzeptiert sie dann, aber nicht aus Respekt für mich.

Auf korrekte Begründungen muß man sich verlassen, nicht auf unbegründeten Glauben.

In dieser Weise muß man zuerst lernen und über die Bedeutung dessen, was man gelernt hat, nachdenken. Wenn man eine feste Überzeugung gefunden hat, werden die Auffassungen in den eigenen Handlungen angewendet und in konzentrativer und analytischer Meditation vertieft. Mit dieser Vorgangsweise ist es möglich, korrekte und fehlerfreie Erkenntnisse zu erlangen. Solche Erkenntnisse sind das eigentliche Gegenmittel gegen die Wurzel allen Leides, die Verblendungen.

Ziele im Buddhismus

Fragt man sich, ob das letztliche Ziel erreicht ist, wenn eine solche individuelle Befreiung erlangt ist, dann ist die Antwort nein.

Wenn man die Gesamtheit des Buddhismus anwendet, können drei Ziele unterschieden werden: ein gewöhnliches Ziel für einen ganz gewöhnlichen Anwender, ein mittleres Ziel für einen mittleren Anwender und ein höchstes Ziel.

Das gewöhnliche Ziel wird durch Vermeiden unheilsamer Handlungen und gezieltes Ausführen heilsamer Handlungen angestrebt. Man versucht, nicht in elende Daseinsformen zu geraten, sondern eine wertvolle Grundlage des Daseins zu erreichen.

Aber damit allein kann man sich nicht zufriedengeben. Das mittlere Ziel besteht darin, bedingtes Dasein, seine Eigenschaften und seine Ursachen klar zu verstehen, entschlossen zu sein, die Ursachen des bedingten Daseins zu überwinden und dadurch vollständige Freiheit über sein Dasein zu erreichen.

Das höchste Ziel jedoch ist nicht das Erlangen einer solchen individuellen Freiheit von bedingtem Dasein, sondern das Erreichen des Zustandes der vollen Erleuchtung, der auch Buddhaschaft oder Zustand der Allwissenheit genannt wird. Dieses Ziel wird von den mutigsten und intelligentesten Anwendern angestrebt, von Personen, die sich nicht damit zufriedengeben, nur selbst einen Zustand der Freiheit und des Glücks und Friedens zu erreichen, sondern entschlossen sind, alle anderen Wesen in einen solchen Zustand zu führen.

Nicht nur man selbst befindet sich in dieser bedingten Art des Daseins, sondern auch alle anderen Wesen erfahren die Leiden bedingten Daseins in gleicher Weise. Nachdem man in bezug auf die eigene Situation das Leid des bedingten Daseins klar verstanden hat, wird der Ausblick auf die anderen gerichtet.

Und indem man sieht, daß die anderen sich in der gleichen schwierigen Situation befinden, vermehren sich die Gedanken um das Wohl der anderen. Einerseits sind die anderen genau gleich wie man selbst: sie sehnen sich nach Glück und sehnen sich danach, von Leid frei zu sein. Andererseits erkennt man, daß die anderen eine sehr enge Verbindung, ähnlich wie Verwandte, mit einem selbst haben und ebenso, daß man von den anderen ständig unvergleichliche Güte erfährt.

Wenn einem diese Tatsache immer deutlicher wird, entsteht die Entschlossenheit, die Verantwortung für das Wohl aller anderen Wesen selbst zu tragen. Zwei Zustände des Geistes entstehen in einem: einerseits Erbarmen, mit dem man selbst alle anderen von Leiden loslösen will, und Liebe, die entschlossen ist, selbst alle anderen in einen Zustand von Glück zu führen. Um dieses Ziel erfüllen zu können, entsteht der Wunsch, selbst den Zustand des Buddha zu erreichen, in dem Fehler gänzlich beseitigt und alle Eigenschaften vollkommen sind.

Eine solche Person hat nicht den Wunsch, die volle Erleuchtung zu erreichen, um selbst zum Höchsten oder Besten zu werden. Sondern vielmehr wird Erleuchtung erkannt als ein unumgänglicher Zustand, um wirksam und vollkommen das Wohl der anderen herbeizuführen. So, wie man den Wunsch nach einem Becher hat, um Wasser trinken zu können, so entsteht der Wunsch, die volle Erleuchtung zu erreichen, um dadurch das Wohl der Wesen erfüllen zu können.

Wenn diese Entschlossenheit fest entstanden ist, wird sie Bodhitschitta oder Geist der Erleuchtung genannt. Eine Person, die diesen Zustand des Geistes in stabiler Weise in sich erzeugt hat und entsprechend dieser Entschlossenheit sich bemüht, wird Bodhisattva genannt. Um dieses Ziel zu erreichen, entwickeln Bodhisattvas Geben, Ethik, Geduld, Enthusiasmus, Konzentration und Weisheit. Faßt man die Anwendungen eines Bodhisattva zusammen, dann spricht man von Methode und Weisheit.

Die Essenz der Methode ist das große Erbarmen, der Wunsch, selbst alle Wesen von allen Leiden loszulösen, und Handlungen wie Geben, die von diesem Erbarmen erfaßt sind.

Weisheit ist die Erkenntnis, die die letztliche Art des Bestehens aller Objekte direkt wahrnimmt. Bodhisattvas streben nicht nur nach der Erkenntnis der Identitätslosigkeit der eigenen Person, sondern nach der Erkenntnis der Identitätslosgkeit aller Objekte.

Identitätslosigkeit

Uns erscheinen im Moment alle Objekte so, als ob sie ihre Identität in sich tragen würden. Die Wirklichkeit jedoch ist, daß alles aufgrund einer Benennung durch unsere Vorstellung existiert.

Alle Objekte existieren in Abhängigkeit von Ursachen, Umständen, Teilen, Aspekten und so weiter. Uns jedoch erscheint es entgegen der Wirklichkeit, als ob die Objekte unabhängig von der Seite ihrer Grundlage her bestünden. Wir glauben auch, daß die Objekte so existieren, wie sie uns erscheinen. Bodhisattvas untersuchen die Wirklichkeit in präziser Weise und erkennen, daß alle Objekte leer von innewohnender Existenz sind.

Sie erreichen eine direkte Wahrnehmung der Leerheit und beseitigen durch fortgesetztes Entwickeln dieser Wahrnehmung in ihren Meditationen alle Fehler des Geistes. Die Weisheit und das große Erbarmen, das beabsichtigt, alle Wesen von Leid loszulösen, sind die zwei essentiellen Anwendungen des Bodhisattva. Alle Anwendungen eines Bodhisattva sind von diesen beiden Zuständen erfaßt.

Wenn durch solche Anwendungen Erbarmen, Weisheit und Kraft zur Perfektion gebracht worden sind und alle Fehler vollständig beseitigt sind, dann wird dieser Zustand als volle Erleuchtung bezeichnet. Das Erreichen der vollen Erleuchtung kennt nur ein Ziel, und das ist, dadurch das Wohl der Wesen in vollständiger Weise zu erwirken. Für einen Anwender des Dharma ist dieser Zustand der Erleuchtung das höchste Ziel.

Zuflucht

Der Zustand der Erleuchtung ist nicht nur das höchste Ziel, sondern für jeden Anwender von Dharma auch die letztliche Zuflucht. Im Buddhismus gibt es drei Objekte der Zuflucht: Buddha, Dharma und Sangha.

Unter Buddha versteht man den Zustand, in dem alle Fehler beseitigt sind und alle Eigenschaften zur Perfektion gebracht worden sind, und ebenso eine Person, die diesen Zustand erreicht hat.

Unter Dharma versteht man den fehlerfreien Weg, den die erleuchteten Wesen gezeigt haben, ebenso wie die Erkenntnisse, die durch die Anwendung dieses Weges erreicht werden. Das Dharma der Erkenntnisse wird als die eigentliche Zuflucht bezeichnet. Indem man diese Erkenntnisse im Geist entwickelt, wird die Ursache von Leid beseitigt, genauso wie man durch das Einnehmen der Medizin direkt der Krankheit entgegenwirkt.

Unter Sangha versteht man Wesen wie den vollständig erleuchteten Buddha, Bodhisattvas und alle Wesen, die die individuelle Befreiung erlangt haben, und ebenso alle Wesen, die sich auf dem Weg zur Befreiung befinden. Diese werden als Sangha oder heilige Gemeinschaft bezeichnet.

Diese drei Objekte der Zuflucht sind vergleichbar mit einem qualifizierten Arzt, einer fehlerfreien medizinischen Behandlung und Pflegepersonal, wie sie für einen Schwerkranken für eine Genesung unbedingt notwendig sind.

Freiheit von Leid und den Ursachen des Leides wird erreicht, indem man einerseits selbst den richtigen Bemühungen folgt und mit einem solchen fehlerfreien Objekt der Zuflucht eine Verbindung herstellt. Buddha benützt viele Mittel, um das Wohl der Wesen zu erreichen, aber das wichtigste Mittel ist, ihnen den fehlerfreien Weg zur Freiheit von Leid zu zeigen.

In den Schriften heißt es, Buddha kann die negativen Eindrücke der Wesen nicht mit Wasser wegwaschen. Er kann den Wesen das Leid nicht abnehmen, wie man einen Dorn aus dem Fleisch entfernt. Er kann seine Erkenntnisse den Wesen nicht wie ein Geschenk überreichen, aber er befreit die Wesen, indem er ihnen die Wahrheit des Dharma zeigt.

Wenn man sein ganzes Vertrauen, für das eigene Wohl und das Wohl der anderen, auf die Drei Juwelen setzt, dann spricht man von Zufluchtnehmen. Dieses Zufluchtnehmen ist die wichtigste Grundlage für die Anwendung des Buddhismus. Aus den verschiedenen Arten von Meditation ist die Zufluchtnahme auch die erste Meditation. Die Drei Juwelen sind auch das Objekt der Gebete und Verehrung im Buddhismus.

Aber Vertrauen und Hingabe allein sind nicht genug, es ist auch notwendig, den Verpflichtungen, die einem aus der Zuflucht entstehen, zu folgen. Die Verpflichtungen sind ein fehlerfreies Befolgen des Gesetzes von Ursache und Wirkung und ebenso, die Drei Juwelen als Objekt des Schutzes und Quelle der Inspiration zu betrachten.

Die jetzt existenten Drei Juwelen werden als die Drei Juwelen der Ursache bezeichnet. Der Zustand der Drei Juwelen, den man selbst in Zukunft erreichen wird, wird als resultierende Drei Juwelen bezeichnet. Diese sind das letztliche Ziel, das man anstrebt, und auch das Objekt, auf das man sein ganzes Vertrauen setzt.

15.06.2016 © seit 01.2003 Philognosie Team  
Kommentar schreiben