Lerntypen nach Vester und ihre Bedeutung

Eines der bekanntesten und beliebtesten Lerntypen-Modelle stammt vom deutschen Universitätsprofessor Frederic Vester. In seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ definierte er vier Lerntypen, deren Sinn und Bedeutung wir hier erklären.

Wer ist Frederic Vester?

Professor Frederic Vester war als Systemforscher, Biochemiker, Umweltexperte und populärwissenschaftlicher Autor tätig. Bekannt wurde er durch die Fernsehserie „Denken, Lernen, Vergessen“ (nach seinem gleichnamigen Buch), die 1973 ausgestrahlt wurde.

Ihn beschäftigte vorwiegend die Frage, wie Erkenntnisse aus der Biochemie und Gehirnforschung auf das Lernen – speziell auch im Kontext zur schulischen Ausbildung – praktisch angewandt werden kann. Hier kritisiert er nicht nur „die Katastrophe in der schulischen Praxis“ in puncto Pädagogik und veralteten Lernstrategien. Er will auch neue Wege aufzeigen, wie man Lernende mit Freude und gehirngerecht aufbereiteten Themen besser unterrichten kann.

Einer seiner Anregungen bestand darin, auch verschiedene Arten von Lernstilen von Menschen mit in Erwägung zu ziehen. Der Unterricht sollte nicht mehr nur nach einem „Schema F“ erfolgen, sondern sich an den Bedürfnissen der Lernenden orientieren. Hierzu entwickelte er ein Modell von vier Lerntypen, die sich in unterschiedlicher Weise Wissen aneignen und verarbeiten.

Lern-Video: Lerntypen nach Vester

In dieser Zusammenfassung haben wir die Lerntypen nach Vester auch in unserem Video erklärt.

Lerntypen nach Vester und ihre Bedeutung

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Lerntypen und das „Netzwerk der Gehirntätigkeiten“

Da die Lerntypen nach Vester oft sehr trivial dargestellt werden, gehen wir noch auf den größeren Kontext ein, in das dieses Modell eingebettet ist. Vester selbst nennt es das „Gesamtnetz“ oder auch „Netzwerk der Gehirntätigkeit“, in dem die Lerntypen (auch Grundmuster genannt) nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Lerntypen Netzwerk Gehirntätigkeit

Wie Sie hier sehen können, sind die Lerntypen nur einer von vielen Faktoren, die das Lernverhalten von Menschen beeinflussen. Sein gesamtes Buch ist auf eine umfassende Lernpraxis ausgelegt, wobei die Lerntypen (also ein bestimmter Aspekt eines Lernstils) nur ein Teil des Ganzen sind. Wer ihn vollständig verstehen will, sollte sein Buch (siehe Quellenangaben) hierzu lesen.

Für die Praxis bedeutet das, dass die Beschäftigung mit Lerntypen lediglich den Aspekt der individuellen Aufnahme und Verarbeitung von Wissen behandelt. Damit soll eine Reflexion des eigenen Lernverhaltens angeregt werden, die Probleme aufzeigt und neue Anregungen bietet. Defizite – wie mangelhafte Sozialkompetenz, schlechtes Unterrichtsmaterial, sinnfreien Lernstoff etc. – beseitigt es natürlich nicht.

Da die schulische Ausbildung bis heute unter harter Kritik steht, haben seine Überlegungen zum Verbessern des Systems ihre Aktualität behalten.

Lerntypentest nach Vester

Der im Buch beschriebene Lerntypentest ist sehr umfangreich und beinhaltet 2 Kategorien, die er Lerntypentest und Gedächtnistest nennt. Diese unterteilen sich wiederum in kleinere Testeinheiten, die in einem Auswertungsdiagramm (als Ergebnis) zusammengeführt werden. Zum besseren Überblick wollen wir im Folgenden die einzelnen Kategorien und Tests kurz aufzählen und beschreiben.

Lerntypen nach Vester Übersicht

Lerntypentest

Im ersten Teil geht es Vester darum, wie man sein Lernverhalten kennenlernen kann. Die Lernenden sollen dabei die Abhängigkeiten ihrer Lernfähigkeit von unterschiedlichen Bedingungen verstehen, damit Lerndefizite nicht nur als „mangelnde Intelligenz“ oder „Inkompetenz“ abgetan werden.

Dabei werden folgende Themen getestet:

  • Art und Darbietung des Lernstoffs – Wie gut oder schlecht komme ich mit der verschiedenen Darbietungen eines Lernstoffs zurecht?
  • Beziehung zum Lernstoff: Welche Lern- oder „Übersetzungshilfen“ kann ich nutzen, um Inhalte besser zu verstehen?
  • Eingangskanäle: Mit welchen Eingangskanälen (Lesen, Hören, Sehen, Tasten) kann ich am einfachsten lernen?
  • Lehrperson: Welche Verhaltensweisen einer Lehrperson / Lernpartners wirken sich förderlich oder negativ auf mein Lernverhalten aus?
  • Lernatmosphäre: Welche Lernbedingungen sind für mich günstig bzw. erzeugen Stress oder Denkblockaden?
  • Lernkontrolle: Was bedeutet Lernkontrolle für mich? Unter welchen Bedingungen kann ich den Lernstoff gut abrufen?

Gedächtnistest

Im zweiten Teil soll getestet werden, wie verschiedene Lerntypen ihr Gedächtnis prüfen können. Außerdem werden noch verschiedene Einflussfaktoren betrachtet, die das Erinnern verbessern oder verschlechtern.

  • Grundlerntyp: Testen des Übergangs zwischen Ultrakurzzeit zum Kurzzeitgedächtnis verschiedener Lerntypen.
  • Einzelne Stufen des Gedächtnisses: Prüfen der individuellen Verweildauer von unzusammenhängenden Informationen im Ultrakurzzeit- und Kurzzeitgedächtnis.
  • Maximale Merkfähigkeit: Hier wird die Wirkung von Assoziationen auf das Gedächtnis getestet.
  • Neugierde: Test der Wirkung von Aufmerksamkeit und Neugierde auf das Gedächtnis.
  • Interferenz: Welche Lernstörungen werden durch Überlagerung ähnlicher Informationen hervorgerufen?

Am Ende werden alle Testergebnisse in einem Auswertungsdiagramm zusammengeführt. Hier wird dann auch eine Grafik der Lerntypen eingefügt, die von 1 bis 10 Punkten für die Bereiche – Lesen, Hören, Sehen, Tasten – dargestellt werden. Sehen wir uns zuerst die Bereiche an und anschließend, wie solche Auswertungsdiagramme interpretiert werden können.

Die vier Lerntypen nach Vester

In der oben dargestellten, vollständigen Form ist der Lerntypentest nach Vester – laut unseres Wissens – nie realisiert worden. Heute gibt es meist nur eine sehr reduzierte Version seiner Idee, die sich hauptsächlich auf die Eingangskanäle beruft, mit denen Menschen Informationen wahrnehmen.

Wir zählen hier nur die Lerntypen auf, die Vester in seinem Auswertungsdiagramm aufnimmt. Angemerkt sei aber, dass er an anderer Stelle das „Lesen“ durch „Kommunikation“ ersetzt – also einen „kommunikativen Typ“ (S.127, 2. Abs.) einführt, ihn aber nicht darstellt. Die meisten Nachahmer seines Systems verwenden den „kommunikativen Typ“ und lassen den Lesetyp weg.

Lesen

Lerntyp Lesen Lesetyp

Beim Lesen ist die Aufnahme und Verarbeitung eines Lernstoffs durch Erklärungen aus Schulbüchern, alternativen Büchern oder auch den eigenen Aufzeichnungen gemeint. Man lernt, in dem man Begriffe versteht und sie mit den eigenen Begrifflichkeiten vernetzt. Dies geschieht z. B. anhand von Aufzeichnungen (Notizen), die in eigenen Worten etwas Gelerntes wiedergeben. Begriffe (oder Konzepte) werden so ins eigene Wissensnetz eingebaut (übersetzt) und können dann erinnert, modifiziert und weiterentwickelt werden. Für diesen Lerntyp ist es wichtig, dass er „Brücken“ findet, wie er neue Inhalte mit seinem vorhandenen Wissensnetz verknüpft. Fehlt dieser Zusammenhang, sind neue Inhalte unverständlich – sie sind für ihn sinnlos bzw. das Konzept nicht greifbar.

Hören

Lerntyp hören auditiver Typ

Ein auditiver Typ kann verbale Erklärungen einer Sache gut folgen, sich Gespräche merken oder in Diskussionen verschiedene Standpunkte einprägen. Er erinnert Inhalte in Form von inneren Dialogen und ist nicht selten musikalisch begabt, da er sich klangliche Muster leicht einprägt. Jedoch lässt er sich von Umgebungsgeräuschen leicht ablenken, wobei angenehme Geräuschkulissen fördernd wirken können. Er ist ein guter Zuhörer und sucht das Gespräch. Diskussionen über eine Sache helfen ihm, neue Inhalte besser zu verstehen und in sein eigenes Wissensnetz zu integrieren.

Sehen

Lerntyp sehen visueller Typ

Hier sind visuell orientierte Menschen gemeint, die sich eine Anschauung zu einer Sache gerne durch eine bildliche Darstellung des Gemeinten machen. Dies können Bilder, Grafiken, Schemata oder auch bewegte Bilder sein, die auf visuelle Art den Inhalt darstellen. Sie bilden Inhalte in ihrer Vorstellung ab, können sie in Gedanken sehen, imaginieren und die Formen erinnern. Wie man Lerninhalte für solche Lerntypen aufbereitet, können Sie in unserem Artikel „Visualisieren lernen – Mit Bildern moderieren“ nachlesen.

Tasten

Lerntyp Tasten haptischer Typ

Der haptische – oder motorische – Typ lernt über Erfahrungen mit seinem Körper. Er „begreift“ Inhalte am besten, wenn er sie anfassen und mit ihnen direkt experimentieren / umgehen kann. Er erinnert, was er getan hat und stellt sich seine Erfahrung konkret vor. Haptische Typen haben mit abstrakten Inhalten öfter Probleme und benötigen praktische Beispiele, wozu ein Lerninhalt in der Praxis gut ist. Sie sind Praktiker, die wissen wollen, was man mit einer Sache machen kann.

Auswertungsdiagramm und seine Bedeutung

Wenn man sich mit dem Thema Lerntypen beschäftigt, ist es wichtig zu verstehen, was damit gemeint ist. Daher wollen wir uns ein Auswertungsdiagramm einmal zusammen ansehen und auswerten. Als Erstes gilt es zu verstehen, dass Menschen gewöhnlich immer über alle „Eingangskanäle“ Informationen aufnehmen und verarbeiten.

Im folgenden Beispiel wurden auf einer Skala von 1 bis 10 folgende Werte für die einzelnen Punkte ermittelt: Lesen: 3, Hören: 7, Sehen: 5, Tasten: 4.

Diagramm Bedeutung Lerntyp Auswertung

Damit würde man den Tester einem „auditiven Lerntyp“ zuordnen, was aber nur bedeutet, dass dort seine größten Stärken liegen. Es wäre ein grober Fehler, die Wissensvermittlung nur auf diesen Bereich zu beschränken bzw. „optimieren“ zu wollen. Er braucht nach wie vor alle Bereiche zum Lernen – der auditive Zugang kann hier nur zusätzlich – quasi als Hilfsmittel – genutzt werden, wenn er über die anderen Kanäle einen Sachverhalt nicht – oder nur schlecht – versteht.

Besonders niedrige Werte in einem Bereich können auf körperliche Probleme hinweisen – beispielsweise, dass derjenige schlecht sieht, hört oder anderweitige physische Probleme hat. Diese Werte können sich stark verändern, wenn diese Defizite – z. B. mit einer Brille, Hörgerät etc. – behoben werden.

Das Lerntypenmodell ist also nicht dazu gedacht, Menschen in einfache Schubladen zu stecken bzw. ihr Lernverhalten zu simplifizieren und damit zu verzerren. Im besten Fall dient es als Anregung, sowohl den Unterricht, als auch das eigene Lernverhalten zu reflektieren. Denn hinter allem steht die Frage, wie und unter welchen Bedingungen das eigene Lernen verbessert werden kann.

Wer etwas nicht versteht, ist also nicht „dumm“, sondern braucht vielleicht nur einen anderen Zugang oder eine andere Art der Informationsvermittlung.

Ähnliche Lerntypen-Modelle

Die Idee und Einteilung der Lerntypen von Vester wurden auch von anderen aufgegriffen und modifiziert. Im NLP (Natural Language Processing oder Neuro-Linguistisches Programmieren) teilt man Lerntypen strikt nach den Sinnen ein – also Auditiv (Hörsinn) – Visuell (Sehsinn) – Haptisch (Tastsinn) – Olfaktorisch (Geruchssinn) – Gustatorisch (Geschmackssinn).

Neil Fleming macht daraus visuelle, auditive, lesend-schreibende und der kinästhetische Lerntypen. Der Lerntypentest auf Philognosie orientiert sich an Vesters Empfehlung (Buch S. 127, 2. Abs.), die Lerntypen in visuelle, auditive, kinästhetische und kommunikative zu unterteilen.

Die meisten alternativen Tests beschränken sich nur auf Lerntypen, d. h. alle anderen Überlegungen von Vester (siehe seine Test-Beschreibung oben) werden oft aus pragmatischen Gründen weggelassen.

Kritik an Vesters Lerntypen

An Vesters Lerntypen-Theorie wird oft die Kritik geäußert, dass sie weder empirisch überprüfbar noch anderweitig wissenschaftlich nachweisbar sei. Man gewinnt damit den Eindruck, dass damit die gesamte Idee entwertet werden soll. Allerdings erscheint es fraglich, ob die Fragestellung „Wie kann man ein individuelles Lernverhalten definieren?“ überhaupt empirisch überprüfbar ist.

Wie Vester in seinem Diagramm „Netzwerk der Gehirntätigkeiten“ selbst zeigt, gibt es sehr viele Faktoren, die das Lernen fördern oder behindern können. In diesem Spiel sind die Lerntypen nur eine Figur auf einem großen Schachbrett. Dass es diese Faktoren gibt, wird heute kaum noch bestritten, aber niemand weiß, wie man derart komplexe Zusammenhänge überhaupt empirisch prüfen kann.



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Insofern bleibt nur die Auseinandersetzung und die praktische Erfahrung, was wirklich einen Unterschied macht. Wenn jemand durch solche Anregungen neue Ansätze findet, leichter zu lernen, ist es unter dem Strich egal, ob sie „objektiv“ belegbar sind oder nicht.

Zudem sollte man nicht vergessen, dass auch das aktuelle Schulsystem von der Wissenschaft stark kritisiert wird. Insofern sollte sich Kritiker der „alten Schule“ durchaus einmal selbst vor Augen halten, wie sie starr an einem System festhalten, das vielen wissenschaftlichen Kriterien widerspricht.

Quellenangaben

Frederic Vester – Denken, Lernen, Vergessen – Taschenbuch 272 Seiten – Untertitel: Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich?
ISBN-10: ‎ 3423330457
ISBN-13: ‎ 978-3423330459

Tony Kühn

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