Lerntyptest: Ergebnisse in der Praxis anwenden

Den eigenen Lerntyp im Test zu bestimmen, ist leicht. Doch, wie kann man das Ergebnis in der Praxis sinnvoll anwenden? Wie findet man geeignete Lerntechniken, die zu einer individuellen Art des Lernens passen? Hier geben wir ein paar Anregungen, wie Sie eine passende Lernstrategie entwickeln können.

Eine Voraussetzung zum Verständnis dieses Themas ist, dass Sie unseren kostenlosen Lerntypentest schon gemacht haben und Ihre Ergebnisse kennen. Falls das noch nicht der Fall ist, finden Sie den Test hier (Link): "Lerntypentest: Welcher Lerntyp bin ich?" Was die einzelnen Lerntypen bedeuten, haben wir im Artikel "Vier Lerntypen und wie Sie am effektivsten lernen" beschrieben.

Lerntypen Praxis Unterricht anwenden

Wie interpretiere ich den Lerntypentest?

Bevor man die Ergebnisse des Tests interpretiert, sollte man zuerst verstehen, dass sie die Selbsteinschätzung einer Person wiedergeben. Selbsteinschätzungen liefern keine objektiven Ergebnisse, sondern sind davon abhängig, wie gut und ehrlich ein Mensch seine Verhaltensgewohnheiten einschätzt.

Einige Menschen können ihr Verhalten realitätsnah einschätzen, andere schätzen sich (z. B. aufgrund von mangelnder Selbstbeobachtung) mehr oder weniger unrealistisch ein. Machen Sie daher nicht den Fehler, das Ergebnis als "feststehend" anzusehen, sondern betrachten es als aktuellen Stand, der sich künftig verändern kann. Das ist ein brauchbarer Ausgangspunkt, um Möglichkeiten zur Entwicklung eines besseren Lernverhaltens zu finden.

Die bloße Ermittlung des Lerntyps bietet dem Lernenden im Normalfall kaum Vorteile. Wenn im Anschluss kein Prozess in Gang kommt, wie man die ermittelten Stärken und Schwächen berücksichtigt und umsetzt, kann man sich die Mühe genauso gut sparen.

Das Ergebnis des Lerntypentests liefert Ihnen also "nur" eine erste Hypothese, wie Sie Lerntechniken finden, die zu den Stärken einer bestimmten Person passen. Damit beginnt im Grunde aber erst die eigentliche Arbeit: Man experimentiert mit dem Lernenden, bis man am Ende eine Verbesserung seiner Lernkurve erreicht. Erst wenn sich beide Seiten auf so einen Prozess einlassen, werden sie von dem Modell der Lerntypen profitieren.

Zur Anschauung geht es im Folgenden um ein paar Beispiele, die das Prinzip der Umsetzung zeigen sollen.

Lerntypen Praxis: Auswendig lernen

Ich wollte ein Gedicht mit 220 Versen in 2 Wochen auswendig lernen, d. h., ich musste pro Tag ca. 16 Verse erlernen. Da ich hohe Werte als auditiver Lerntyp habe, begann ich damit, mir einen Vers laut vorzulesen und ihn anschließend laut zu wiederholen. Sobald ich den Vers korrekt wiedergeben konnte, ging ich zum nächsten Vers über und wiederholte das Ganze wieder aus dem Gedächtnis. Bei jeder "Runde" kam so ein neuer Vers hinzu, bis ich alle 16 Verse vollständig im Kopf hatte.

Lerntypen in der Praxis Unterricht anwenden

Das klappte anfangs zwar gut, doch das lange Herumsitzen machte mich unruhig und zappelig; es störte meine Konzentration. Deshalb begann ich beim Lernen im Zimmer auf- und abzugehen (Anteil des motorischen Lerntyps). Dadurch blieb ich ruhig und konzentriert. Statt 30 Minuten brauchte ich nur noch 20 Minuten für meine tägliche "Lerneinheit".

Je weiter ich kam, desto schwieriger wurde es, mir die richtige Reihenfolge der Verse zu merken. Die Lösung war, dass ich mir zu jedem Vers ein Bild vorstellte (visueller Anteil), wodurch sich Sprache und Bilder stabil verknüpften. Ich wusste dadurch, welches Bild nach welchem Vers in der richtigen Reihenfolge kommt.

Mit dieser Lernstrategie habe ich zwar mein Ziel erreicht, aber schon nach einigen Monaten verschwammen die Verse in meinem Kopf und ich begann sie zu vergessen. Daher bat ich ein paar Freunde, mir einmal pro Woche ein paar Zahlen zu nennen (jeder Vers war einer Zahl zugeordnet) und ich musste dann den passenden Vers dazu sagen (kommunikativer Anteil). Dieses "Spiel" haben wir ein paar Monate lang gemacht und noch heute (fünf Jahre später) habe ich jeden Vers im Kopf.

Lerntypen Praxis: Die Gedächtniskartei

In diesem Beispiel wollte ich die Grundlagen von Luhmanns Systemtheorie lernen. Da man dafür eine Menge Definitionen kennen muss, stellte sich die Frage, wie ich sie lernen und erinnern kann.

Ich legte einzelne Karteikarten an, wobei ich auf der Vorderseite jeweils eine Frage und auf der Rückseite die Antwort notierte. Nach jedem Kapitel lernte ich, Fragen zu stellen, die zum Verständnis des jeweiligen Abschnitts nötig waren, um den Inhalt erklären zu können. Die einzelnen Karten legte ich in einen Karton.

Lerntypen anwenden Gedächtniskartei

Um die Inhalte zu lernen, zog ich jeden Tag mindestens 20 Karten, las die Frage laut vor (auditiv) und beantwortete sie. Anschließend kontrollierte ich meine Antwort durch die Aufzeichnungen auf der Rückseite. Richtige Antworten kamen in den Karton zurück, falsche beantwortete ich ein zweites Mal.

Diese Methode kombinierte ich wieder mit Bewegung, dem Umherlaufen im Zimmer (Motorik). Manchmal erstellte ich zusätzlich noch Grafiken auf der Antwortseite (Visuell). Einige meiner Freunde fanden diese Lernmethode so interessant, dass sie ebenfalls eine Gedächtniskartei anlegten und wir uns dann gegenseitig abfragten (Kommunikation).

Bei diesem Austausch fiel mir auf, dass ich einige Aspekte einzelner Kapitel übersehen hatte - andere Aspekte fehlten bei den Karten meiner Freunde. Am Ende des Buches hatte ich dann gleichsam alle Inhalte erlernt und konnte die Zusammenhänge erklären.

Diese Methode hat den zusätzlichen Vorteil, dass ich jederzeit Themen, die ich vor langer Zeit behandelt habe, schnell wieder mit der jeweiligen Gedächtniskartei auffrischen kann. Sie eignet sich hervorragend, wenn man sich viele komplexe Themen merken und sich schnell wieder an etwas bereits Gelerntes erinnern will.

Lerntypen Praxis: Die Visualisierungsmethode

Wie die Visualisierungsmethode funktioniert, haben wir bereits im Artikel "Visualisieren lernen: Mit Bildern moderieren & präsentieren" ausführlich erklärt. Das Prinzip ist, einen Inhalt möglichst einfach grafisch darzustellen, sodass man möglichst auf einem Blick erkennen kann, um was es geht.

Um das zu erreichen, muss man das Wesentliche eines Themas verstehen und die Komplexität soweit reduzieren, bis die Kernaussage bildlich dargestellt werden kann. Viele Menschen merken sich bei komplexen Themen oftmals viele Details ohne das "Big Picture" zu erkennen. Ohne das "Big Picture" kann man jedoch die Details nicht mit dem schon vorhandenen "Wissensnetzwerk" im eigenen Kopf verbinden und vergisst daher schnell.

Welche Visualisierungen man wählt - also Bilder, Kollagen, Fotos, Diagramme, Mindmaps, Ablaufschemas etc. - bleibt der eigenen Vorliebe überlassen und dürfte auch abhängig vom Inhalt sein. Wichtig am Ende ist nur, dass man nach einer Minute erkennt, um was es geht und die dargestellten Zusammenhänge korrekt erklären kann.

Diese Methode kann man auch mit auditiven Elementen versehen - z. B. über den Inhalt eines Diagramms laut (wie vor einem Publikum) referieren. Man kann sich beim Erklären bewegen (Motorik) und einen Freund einladen, um sich Feedback geben zu lassen (Kommunikation). Je mehr Sinne beteiligt sind, desto schneller und besser kann sich Ihr Gehirn das Thema merken.

Tipps zur Entwicklung eigener Lernstrategien

Ich hoffe, dass diese Beispiele das Prinzip der Umsetzung anschaulich zeigen. Die Lernkurve steigt mehr und schneller, wenn möglichst viele Elemente am Lernprozess beteiligt wurden:

  • Nur Hören 20%
  • Nur Sehen 30%
  • Sehen und Hören 50%
  • Sehen, Hören und Diskutieren 70%
  • Sehen, Hören, Diskutieren und selber tun 90%

Selbst wenn bei einer Person das Testergebnis für einen "visuellen Typen" spricht, sollte man dennoch versuchen, möglichst viele andere Elemente zu integrieren. Das eigentliche Ziel sollte darin bestehen, dass ein Lernender mit verschiedenen Methoden experimentiert, sich dabei selbst kennenlernt, bis er am Ende eine eigene, erfolgreiche Lernstrategie entwickeln kann.

Es geht primär darum, einen Prozess der Selbsterkenntnis beim Lernenden in Gang zu setzen, der ihm bewusst macht, wie er das "Lernen lernt". Die Perspektive der Lerntypen ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten, die man als Startpunkt wählen kann. Man könnte genauso gut das Modell von Pestalozzi (Kopf, Herz, Hand) wählen oder verschiedene Systeme miteinander verbinden.

Das Modell der Lerntypen ist einfach. Das Prinzip lässt sich relativ leicht auf sehr viele unterschiedliche Themen übertragen. Das gilt auch für den eigenen Unterricht. Falls also ein Seminarleiter oder Lehrer diesen Text liest: Gehen Sie mit guten Beispiel voran und optimieren Sie Ihre Wissensvermittlung.

Viel Spaß und Erfolg beim Lernen!

16.03.2018 © seit 02.2018 Tony Kühn  

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