Lerntypen Kritik: Mythos oder Erfolgsmodell?

Lerntypen-Modelle stehen immer wieder unter Kritik, dass sie wissenschaftlich ungenügend sind und in der Praxis keinen nachweisbaren Lernerfolg bringen. Ist ihre Popularität nur auf einem Mythos aufgebaut oder steckt auch ein Erfolgsmodell dahinter? Sehen wir uns das Pro und Kontra einmal genauer an.

Was sind Lerntypen?

Den Begriff der Lerntypen hat der Universitätsprofessor Frederic Vester mit seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ bekannt gemacht, zu denen er auch einen Lerntypentest entwickelte. Dahinter steckt die Idee, dass Menschen unterschiedliche Vorgehensweisen (oder Strategien) beim Erlernen eines neuen Themas anwenden.

Er entwickelte eine Lerntypentheorie, die er in visuelle, auditive, motorische und kommunikative Typen einteilte. Diese Einteilung ist sehr populär geworden und wird auch heute noch häufig verwendet.

Lerntypen Kritik Lerntypen-Modelle

An der Frage „Welche Lerntypen gibt es?“ haben sich noch viele weitere Autoren mit einer eigenen Definition versucht, d. h. es dürfte heute über 100 unterschiedliche Modelle zu diesem Thema geben.

Gemein ist allen Definitionen nur, dass versucht wird, über Beobachtung verschiedener Lernstile ein bestimmtes Lernverhalten zu kategorisieren und diese Kategorien dann als „Lerntypen“ zu bezeichnen.

Im Folgenden werden wir nur häufig genannte Kritikpunkte aufgreifen und näher betrachten.

Lerntypen sind nicht empirisch nachweisbar

Der häufigste Kritikpunkt an der Idee der Lerntypen ist, dass keines der Modelle einen zusätzlichen Lernerfolg empirisch nachweisen kann. Studien, die zu positiven Ergebnissen kommen, sind nicht anerkannt.

Man will belegen, dass die Idee der Lerntypen in den Bereich des „Mythos“ gehört, dem jegliche wissenschaftliche Rechtfertigung fehlt. Damit soll den Lerntypen die Seriosität per se abgesprochen werden.

Allerdings gilt diese Kritik auch für den heutigen Schulunterricht allgemein, d. h. keine schulische Lehrtätigkeit kann sich auf ein vollständig empirisch geprüftes Lehrmodell berufen.

Gerade von Wissenschaftlern hört man häufig die Kritik, dass unser aktuelles Schulsystem unzureichend und veraltet ist. Es sich gegen neue Erkenntnisse und Verbesserungen sperrt.

Dürfte man nur unterrichten, wenn die gewählte Methode vorab wissenschaftlich geprüft wurde, wäre kein Unterricht möglich.

Fraglich ist zudem, ob man komplexe Prozesse (wie das Lernverhalten von Menschen) überhaupt empirisch prüfen kann.

Lerntypen von Vester sind unsystematisch

Spezifischer wird die Kritik bei Vester. Hier wird bemängelt, dass die Auswahl seiner Lerntypen nicht auf einem einheitlichen System beruht. Nur der visuelle, auditive und motorische Typ beziehen sich auf „Sinneskanäle“ von Menschen, während der kommunikative Typ herausfällt.

Dieses Argument ist zwar korrekt, lässt aber die Frage offen, ob und warum nur „einheitliche Systeme“ zulässig sind.

Kritik Lerntypen von Vester

Warum sollte man bei der Bestimmung von Lerntypen nicht unterschiedliche Kriterien oder Kategorien wählen dürfen? Wer legt fest, welche Beobachtungen und Beschreibungen man im realen Leben vorfindet?

Das Ziel sollte doch sein, ein beobachtbares Lernverhalten zu beschreiben. Was man beobachtet, sind individuelle Lernstile, wie sie sich in der Praxis zeigen. Ob diese Lernstile einem „einheitlichen“ Schema folgen oder nicht, ist eigentlich völlig unerheblich.

Lerntypen-Modelle sind unvollständig

Weiterhin wird bei vielen Lerntypen-Modellen kritisiert, dass man damit nur bestimmte Lernstrategien beobachten kann. Es werden Beispiele aufgezählt, was in einem System fehlt bzw. ein bestimmter Lernstil benannt, der nicht im Modell abgebildet ist.

Obwohl dieses Argument stichhaltig ist, sollte man nicht davon ableiten, dass unvollständige Ansätze unbrauchbar sind. Denn die Idee Lernstile zu beschreiben ist auch dann wertvoll, wenn sie nur wertvolle Ansätze liefern, wie man Wissensvermittlung individueller gestalten könnte.

Wenn dies noch nicht umfassend gelingt, ist dies kein Fehlschlag, sondern eher eine Anregung, weiter damit zu experimentieren. Immerhin beginnt man dadurch, den eigenen Lernstil zu reflektieren.

Fazit: Sinn und Nutzen von Lerntypen in der Praxis

Aus unserer Erfahrung ist die wichtigste Frage, welchen Sinn und Nutzen die Beschäftigung mit Lerntypen in der Praxis erreicht werden kann. Unsere Antwort ist, dass man damit sowohl beim Lernenden, als auch beim Lehrenden eine Reflexion zum Thema anstößt.

Vielen Menschen ist unklar, ob und welchen Lernstil sie verwenden. Es bilden sich einfach Gewohnheiten, wie man zu Lernen versucht. Manche kommen mit ihrem Lernstil gut zurecht, während andere (mangels Alternativen) daran verzweifeln.

Die Idee der Lerntypen dient dazu, sich einer Vielfalt an Lernoptionen bewusst zu werden. Wenn die eine Lernstrategie nicht funktioniert, können Alternativen gefunden werden.

Hierzu ist ein Zusammenwirken von Lehrer und Schüler notwendig, d. h. falls ein Lernender mit einer Methode nicht zurechtkommt, braucht es vom Lehrenden Anregungen, wie man es anders machen kann. Voraussetzung dafür ist, dass ein Lehrer überhaupt solche Alternativen kennt.

Nutzen von Lerntypen

Nehmen wir als Beispiel das Lernen von Vokabeln. Man kann Vokabeln lernen, indem man sie liest und auswendig lernt (visuell). Man kann Vokabeln als MP3 aufnehmen und solange anhören, bis man alles versteht (auditiv).

Vokabeln lassen sich aber auch mit bestimmten Bewegungen, Gesten, Mimik verbinden und sich so leichter merken. Oder man versucht, mit neuen Vokabeln ein Gespräch mit einem Gegenüber einzubauen (kommunikativ), d. h. selbst Sätze zu konstruieren, die in einem Gespräch sinnvoll verwendet werden können. Und dies ist nur eine kleine Auswahl an Möglichkeiten.

Je größer die Auswahl ist, desto wahrscheinlicher findet sich eine Option, die zu einem bestimmten Menschen passt.

Aber auch schon die Grundidee, den Unterricht sinnlicher zu gestalten, kann Leben in die Bude bringen. Sobald man versucht, den Unterricht auf alle Lerntypen von Vester anzupassen, ist Kreativität angesagt.

Findet man gute Bilder oder andere Illustrationen zum Thema? Wie erzeugt man Interesse, was sich an Fragen zum Thema äußert? Was ist der praktische Bezug am Thema, den man zeigen, nachahmen, als Bewegung darstellen kann? Wie kann man eine lebendige Diskussion zum Thema anregen?

Lehrer, die diese Elemente in der Vorbereitung berücksichtigen, werden mindestens einen lebendigen Unterricht machen. Das Ziel ist gar nicht alles von Anfang an perfekt zu machen, sondern mit den eigenen Experimenten zu wachsen. Und dazu kann die Beschäftigung mit Lerntypen immer ein guter Einstieg sein.

Tony Sperber

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