Feedbackregeln: 5 Regeln für konstruktives Feedback

Ein konstruktives Feedback ist bei vielen Lern- und Lehrveranstaltungen heute weit verbreitet. Richtige Feedbackregeln sind nötig, um Stärken und Schwächen von Personen und Inhalten sichtbar zu machen. Falsch angewendet, erzeugen sie jedoch Streit oder eine schlechte Stimmung. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie die Feedbackregeln konstruktiv anwenden.

Wozu sind konstruktive Feedbackregeln wichtig?

Wozu Feedbackregeln Feedback gebenImmer mehr Seminarleiter und Moderatoren nutzen die Möglichkeit, Teilnehmer zu animieren sich gegenseitig Feedback zu geben. Das hat den Vorteil, dass alle Teilnehmer eine Präsentation oder Person aufmerksam beobachten und damit "voll bei der Sache sind".

Sie lernen hinzusehen und gelerntes Wissen auf einen konkreten Fall anzuwenden, was sich in den Pro- und Kontra-Punkten des Feedbacks widerspiegelt. Sie lernen "selbst zu denken", bilden eigene Maßstäbe aus und werden dadurch unabhängiger von der Meinung des Lehrers.

Der Seminarleiter oder Moderator erkennt über das geäußerte Feedback, welche der von ihm vermittelten Maßstäbe und Beobachterperspektiven von den Teilnehmern bereits angewendet werden. Damit kann er "Lücken" in seiner Vermittlung ausmachen, die noch nicht - oder nicht ausreichend - verstanden worden sind.

Auch ein Teilnehmer, der Feedback bekommt, erhält wertvolle Hinweise, in welchen Bereichen er sich konkret verbessern kann. Natürlich beschreibe ich hier den günstigsten Fall, der das Ideal repräsentiert. Dieser kann nur dann realisiert werden, wenn man mit den Teilnehmern Feedbackregeln ausmacht und diese konsequent anwendet.

So schön diese Vorteile auf den ersten Blick aussehen, so können doch leicht eine Menge Fehler gemacht werden. Denn Feedbackregeln einzuführen ist im Grunde nichts anderes, als Teilnehmer anzuregen (konstruktive) Kritik zu geben. Wer jedoch Kritik üben will, muss das richtige Maß finden, damit der betroffene Teilnehmer Kritik annehmen kann. Denn die Grenze zwischen konstruktiver Kritik und "Herunterputzen" ist schnell überschritten.

Ist die Kritik zu heftig oder gar beleidigend, verkehren sich die Vorteile eines Feedbacks schnell ins Gegenteil. Es bricht Streit aus, die Teilnehmer verwickeln sich in Statuskämpfe - eine schlechte Stimmung vergiftet die Lehratmosphäre.

Damit es nicht soweit kommt, ist es wichtig, sich beim Feedback an konstruktive Feedbackregeln zu halten. Diese Regeln sollte der Seminarleiter seinen Teilnehmern rechtzeitig erklären.

Im Folgenden habe ich eine kleine Liste elementarer Feedbackregeln zusammengestellt, welche die Eckpfeiler einer konstruktiven "Feedback-Kultur" ausmachen. Zuerst werde ich die Regeln aufzählen und dann im Anschluss erläutern.

Feedbackregeln für den konstruktiven Austausch

Die wichtigsten Feedbackregeln sind ...:

  • den Teilnehmer persönlich anzusprechen
  • konkrete Beobachtungen zu formulieren
  • konstruktiv zu kritisieren
  • höflich und wertschätzend zu formulieren
  • ausgewogen Pro- und Kontra-Punkte vorzutragen

1. Feedbackregel: Teilnehmer persönlich ansprechen

Ungeübte Kritiker machen häufig den Fehler die betroffene Person nicht persönlich anzusprechen, sondern eher "mit der Gruppe zu reden", als wäre der Betroffene gar nicht anwesend. Der Teilnehmer bekommt leicht den Eindruck, dass "über ihn geredet wird" statt "mit ihm". Er kann schwerer unterscheiden, welche Kritikpunkte ihn persönlich betreffen bzw. was "nur allgemeine Anmerkungen oder Meinungsbekundungen" sind, die ihn gar nicht betreffen.

Orientieren Sie Ihre Teilnehmer deshalb darauf, den betroffenen Menschen immer persönlich anzusprechen und ihn beim Feedback anzusehen. Falls sich ein Teilnehmer nicht daran hält, unterbrechen Sie ruhig seine Ausführungen und orientieren Sie ihn auf diese Feedbackregel. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass "persönliches Feedback" oft viel respektvoller und höflicher als unpersönliche Statements formuliert werden.

2. Feedbackregel: Konkrete Beobachtungen formulieren

Wichtige Feedbackregeln für konstruktiven AustauschEin weiterer Fehler sind zu allgemeine Formulierungen der Kritik. Man kann sich nichts Konkretes darunter vorstellen. Wenn man beispielsweise sagt, dass der Vortrag von XY "langweilig" war, kann der Kritisierte damit nichts anfangen. Hier muss der Moderator nachfragen, was der Kritiker genau meint (siehe hierzu meinen Artikel "Kommunikationstraining: Beobachten, Interpretieren und Bewerten").

Ist es die Wortwahl, sind es zu weitschweifige Erklärungen, eine eintönige Stimme, zu wenig Gestik oder Mimik etc., die diesen Eindruck auslösen? So kommt man beim genaueren Nachfragen vielleicht darauf, dass der Vortrag inhaltlich interessant war, er aber aufgrund einer eintönigen Stimme oder zu wenig Blickkontakt "langweilig" wirkte. Erst wenn der Kritikpunkt konkret formuliert wurde, weiß der Kritisierte, was er beim nächsten Mal besser machen kann.

3. Feedbackregel: Konstruktiv kritisieren

Konstruktive Kritik folgt im Grunde immer dem Motto: "Was kann XY tun, um noch besser zu werden?" Denn ein konstruktives Feedback sollte auch immer Handlungsanweisungen enthalten, die beschreiben, was man später noch besser tun kann. Destruktive Kritik zeichnet sich meist dadurch aus, dass lediglich formuliert wird, was "falsch war", nicht "gut ankam" oder irgendjemandem schlicht nicht gefallen hat.

Der Kritisierte weiß am Ende lediglich, was er nicht tun sollte, hat aber noch kein Bild davon, was stattdessen gewünscht wird. Wenn Feedback kein konkretes Bild beim Betroffenen erzeugt, was er besser machen kann, dann ist es bestenfalls wertlos - schlimmstenfalls erzeugt es eine aggressive Stimmung.

4. Feedbackregel: Wertschätzung und Höflichkeit

Wertschätzung und Höflichkeit kommen beim Feedback durch das "Wie" des Gesagten zu Ausdruck. "Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus." Niemand bricht sich "ein Zacken aus der Krone", wenn er Kritikpunkte höflich formuliert und darauf achtet, dass der Kritisierte das Feedback auch annehmen kann.

Beleidigungen oder grobe Herabwürdigungen sollte kein Moderator dulden, denn es gibt kein Mittel, das die Stimmung in einer Gruppe schneller vergiftet. Ist die gegenseitige Wertschätzung erst dahin, hat ohnehin niemand mehr Interesse daran seinem Gegenüber zuzuhören. Man schaltet dann nur noch auf "Durchzug" oder auf "Abwehr".

5. Feedbackregel: Ausgewogenheit zwischen Pro und Kontra

Einige Menschen tun sich schwer damit eine Kritik ausgewogen zu formulieren, d. h. zwischen positiven und negativen Anmerkungen ein Gleichgewicht zu finden. Selbst einseitig positives Feedback wirkt schnell wie "Plastik-Lob" und wird genauso wenig angenommen, wie einseitige negative Äußerungen.

Feedbackregeln für ausgewogenes FeedbackPositives Feedback hat den Nutzen, dass eigene Stärken erkannt werden, mehr Offenheit für andere Aspekte erzeugt wird und der Lerneffekt höher ist.

Negatives Feedback hat den Nutzen blinde Flecken und Fehler aufzudecken, damit der Kritisierte weiß, in welchen Bereichen er etwas tun muss, um besser zu werden. Er wird aber nur dann Feedback annehmen, wenn er es versteht und sich zutraut, die geforderten Fehler zu meistern.

Manchmal muss man Abstriche machen, was die Vollständigkeit des Feedbacks angeht. Verbesserungsvorschläge wollen verarbeitet werden und die Kapazität - d. h. wie viel Verbesserungsvorschläge jemand verarbeiten kann - ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Erschlagen Sie einen Teilnehmer also nicht mit übermäßig vielen Details, wenn er sie nicht verarbeiten kann - wenig kann oft mehr sein! Daher gehört auch das rechte Maß zum Aspekt der Ausgewogenheit.

Wie wende ich die Feedbackregeln praktisch an?

Am Besten notieren Sie Ihre Feedbackregeln für alle Teilnehmer gut sichtbar auf einer Tafel. Sprechen Sie deren Sinn und Bedeutung an, damit jeder Teilnehmer versteht, worum es geht.

Überlegen Sie sich konkrete Fragen, auf die Feedback gegeben werden soll, und notieren diese ebenfalls gut sichtbar. Damit lässt sich die Komplexität für alle Teilnehmer reduzieren und lenkt deren Blick auf das Wesentliche. Wer sich gerne überraschen lässt, kann auch ein allgemeines Feedback erfragen. So erfasst man meist die Stimmung oder das Erleben der Teilnehmer einer Veranstaltung.

Wenn ich beispielsweise einen Tai-Chi-Kurs leite, will ich oft nur zu bestimmten, wenigen Fragen Feedback einholen. In solchen oder ähnlichen Fällen reicht es aus, den Teilnehmern die Frage(n) mündlich mitzuteilen. Ein oder zwei einfache Fragen kann sich jeder leicht merken.

Anders verhält es sich bei einer Präsentation eines komplexen Themas vor einer Gruppe. Hier können schnell sehr viele Beobachterperspektiven wichtig werden, welche die Qualität einer Präsentation beeinflussen.

Beispiel: Qualität eines Seminars aus Sicht der Teilnehmer erfragen ...

  • Wie verständlich (akustisch - inhaltlich) war der Vortrag?
  • War die Visualisierung (Grafiken, Zeichnungen, Diagramme) übersichtlich?
  • Wurde das Ziel (z. B. der vorher definierte Nutzen) für die Teilnehmer erreicht?
  • Welchen Nutzen sehen die Teilnehmer selbst?
  • Was kann man an der Vermittlung, Präsentation, Erklärung etc. noch besser machen?
  • usw.

Kommen viele Fragen zusammen, kann es sinnvoll sein einen Feedback-Bogen vorzubereiten, den die Teilnehmer am Ende einer Präsentation ausfüllen sollen.

Jeder Feedbackpunkt sollte als offene Frage formuliert sein, um die Teilnehmer zum Reflektieren anzuregen. Vermeiden Sie also Fragen, die man mit "Ja" oder "Nein" beantworten kann. Fragen, die sich lediglich nur mit "Ja" oder "Nein" beantworten lassen, eignen sich nicht wirklich für ein konstruktives Feedback.

Beispiele:

  • Positivbeispiel: Wie beurteilen Sie die Verständlichkeit des Vortrags?
  • Negativbeispiel: War der Vortrag verständlich?

Nur beim Positivbeispiel wird der Kritiker aufgefordert konkrete Beobachtungen anzugeben oder seine Einschätzung zu erklären. Wie oben angemerkt, ist diese Art der Kritik am fruchtbarsten für den Betroffenen. Beim Negativbeispiel bleiben die Gründe einer Beurteilung oft im Ungewissen, d. h., Sie erfahren nicht, was genau Sie verbessern können.

Damit bin ich mit meiner kleinen Ausarbeitung zu den Feedbackregeln am Ende und hoffe, dass Sie einige brauchbare Anregungen gefunden haben, die Sie in die Praxis umsetzen können. Die Feedback-Methode kann sehr konstruktiv und mächtig sein, wenn Sie wissen, wie sie sich richtig anwenden lässt.

Falls Sie selbst noch wertvolle Anregungen zum Thema "konstruktives Feedback geben" haben, können Sie diese gerne unterhalb des Artikels als Kommentar posten. Ich freue mich immer über gute Anregungen. Vielleicht können Sie ja noch Aspekte hinzufügen, die hier noch nicht genannt wurden ...

Viel Spaß und Erfolg beim Anwenden der Feedbackregeln!

12.05.2016 © seit 06.2008 Tony Kühn  

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