Ganzheitlich leben: Das Kopf-Herz-Hand-Prinzip (Pestalozzi)

Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass Denken, Gefühle und Handeln nicht voneinander losgelöst sind. Pestalozzi bezeichnete diese Einheit als Kopf, Herz und Hand. Was man darunter versteht und wie diese Prinzipien zusammenhängen, beschreiben wir in diesem Artikel.

Das Kopf-, Herz- und Handprinzip

Unter dem Prinzip „Kopf“ versteht Pestalozzi das bewusste, verstandesmäßige Denken. Wir verwenden unseren „Kopf“, wenn wir planen, nachdenken, reflektieren oder eine Entscheidung abwägen. Das „Herzprinzip“ steht für Stimmungen und Gefühle, die unser Denken und Erleben stets begleiten. Die „Hand“ steht für unsere faktischen Handlungen, also das, was wir tun.

Alle drei Elemente sind in unserem Leben allgegenwärtig, d. h. sie sind präsent, egal ob wir sie immer bewusst wahrnehmen oder nicht. Außerdem sind sie miteinander vernetzt und beeinflussen sich so immer wechselseitig.

Betrachtet man einen konkreten Menschen, stellt man oft fest, dass er sich spezialisiert, d. h. eine dieser Fähigkeiten primär nutzt und die anderen vernachlässigt.

Ein Archetyp wäre beispielsweise ein „Kopfmensch“, der sein Leben primär nach seinem Verstand ausrichtet – aber sein Herz (Gefühle) und seine praktischen Fähigkeiten vernachlässigt oder gering schätzt. Ein reiner „Herzmensch“ hätte seine Stärken im sozialen Umgang mit anderen, bildet das Herzzentrum einer Gruppe – schätzt aber das rationale Denken und die Tatkraft als eher sekundär ein. Ein „Handmensch“ wäre der geborene Macher, für zählt was man tut und nicht was man sagt, denkt oder wie man sich dabei fühlt. Für ihn zeigt die Tat wer man wirklich ist.

Wenn die drei Elemente nicht ganzheitlich in einer Person entwickelt sind, ergeben sich aus der Spezialisierung Stärken und Schwächen bei jedem Typ.

Ideal – oder ganzheitlich – wäre, wenn wir möglichst alle drei Elemente ausgewogen entwickeln und nutzen könnten. Sehen wir uns die einzelnen Prinzipien und ihre Entwicklung näher an.

Kopf (assoziatives Denken – Verstand – Vernunft)

Als Kleinkinder treten wir in die Welt und können nicht unterscheiden, zwischen uns selbst, der Welt, unseren Gedanken, Bedürfnissen, Gefühlen und Handlungen. Assoziierend lernen wir Sprache: Alles, was ein Fell hat, ist ein Wauwau. Dieses assoziative Denken nutzen wir später bei Techniken, wie automatisches Schreiben, Clustering, Brainstormen. In ausgereifter Form kann es zur Quelle unserer Inspiration und unserer Kreativität werden.

Kopf Herz Hand

Doch nicht alle Felltiere sind Hunde und nicht alle roten Beeren genießbar. Viele assoziativen Ideen sind aber weder richtig, brauchbar noch realistisch. Mit der Zeit müssen wir lernen unsere Gedanken zu prüfen, Denkfehler erkennen. Wir lernen zu argumentieren oder logisch Schlussfolgerungen aus Prämissen zu ziehen – sprich systematisch zu denken.

Die ersten Denkregeln lernen wir spätestens in der Schule. Hier machen die meisten Menschen auch die ersten Erfahrungen, inwieweit das verstandesmäßige Denken eine persönliche Stärke oder Schwäche ist. Oder genauer – welche Themen wir erfolgreich mit dem Verstand durchdringen und verarbeiten können.

Die Grundlage des verstandesmäßigen Denkens ist in den letzten 2000 Jahren entstanden. Der griechische Philosoph und Naturforscher Aristoteles (384-322 v. Chr.) hat sie begründet. Heute sind die Grundlagen der aristotelischen Logik fast jedem bekannt. Aristoteles sah in der Wahrheit eine Übereinstimmung von Verstand und Sache: „Wahr ist, von etwas, was ist, zu sagen es sei, und von etwas, was nicht ist, zu sagen es sei nicht.“

Die Wahrheit finden wir durch Anschauung und Erfahrung, empirisch: Die Tasse fällt zu Boden, wenn wir sie loslassen. Wahrheit bezeichnet im Allgemeinen die Übereinstimmung von Urteilen, Aussagen oder Sätzen mit der Wirklichkeit. Aristoteles stellte die Unterscheidung in wahr/falsch auf eine formale Grundlage, er begründete die erste Logik.

Doch nicht alles in der Welt können wir mit wahr/falsch beurteilen. Bäcker oder Metzger zu werden, ist nicht wahr oder falsch. Die Berufswahl zeigt uns, dass es verschiedene Perspektiven auf der Welt gibt, die nebeneinander stehen. Unauflösbare Widersprüche in der Logik zeigen uns die Grenzen des Verstandes. Um solche Widersprüche aufzulösen, wurde das Denken immer weiter entwickelt – Gotthard Günther entwarf eine dreiwertige Logik – Nikals Luhmann die Systemtheorie.

All diese Varianten des Denkens sind die Domäne des „Kopfes“. Je erfolgreicher wir in dieser Disziplin sind, desto mehr wird sie zu unserer Stärke. Für Kopfmenschen kann diese Fähigkeit so wichtig erscheinen, dass sie nahezu allem – sprich dem Herzen und der Tat – weit überlegen scheint. Sie versuchen alle Probleme rational mit dem Verstand zu lösen – Emotionen wirken banal und vergänglich – die Umsetzung ist nur noch ein realisieren des eigentlichen Genius.

Kopf Herz Hand

Die Schwächen des Kopfmenschen sind alle Bereiche, die dem Verstand nicht zugänglich sind. Kopforientierte Beziehungen sind pragmatisch, aber herzlos. Ein Plan der nicht realisiert wird, bleibt eine tote Kopfgeburt bzw. reine Fantasie. Erst wenn alle drei Elemente zusammenarbeiten, kann die Stärke des Denkens auch Menschen motivieren (Herz) und in die Tat umgesetzt werden.

Aber unser Denken kann uns auch helfen ein Ziel zu setzen, weit in die Zukunft entworfen, an dem wir uns ein Leben lang orientieren können – ein Lebensziel, eine Vision. Wir erdenken etwas, das unser Leben sinnvoll macht, denn den Sinn unseres Lebens können wir uns nur selbst geben. Von solch einer Vision profitieren Sie gerade: „Ein PC auf jedem Schreibtisch und in jedem Zuhause.“ (Die Vision von William „Bill“ Henry Gates III – 1955)

Herz (Emotionalität – Distanzierung und Reifung – Löwenherz)

Als Kinder weinen wir hemmungslos, wenn uns danach ist. Und solange wir noch nicht sprechen können, bleibt uns auch nichts anderes übrig als zu schreien, wenn wir uns nicht gut fühlen oder Hunger haben. Ganz natürlich reagieren wir auf unsere Sinneswahrnehmungen und Gefühle.

Spätestens in der Schule lernen wir, dass wir nicht jedem Gefühl sofort nachgehen können. Wir lernen still zu sitzen, am Unterricht teilzunehmen und erst in der Pause herumzutoben. Wir lernen unsere Gefühle zu steuern, d. h. unsere Gefühle / Gefühlsausdruck kann reifen. Aggressionen z. B. können primitiv, durch Zerschlagen des Mobiliars oder konstruktiv, durch engagiertes Verfechten der eigenen Meinung ausgelebt werden.

Ein paar Empfehlungen zu anregenden Texten zum Thema „Gefühle“:

Wir können aber auch lernen uns von ihnen zu distanzieren, ohne sie zu unterdrücken, d.h. uns mit ihnen entwickeln. Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen. Wir können mit uns verhandeln, dass wir erst das Notwendige tun oder den Abwasch machen und uns danach etwas gönnen.

Gefühle sind unabdingbar für jeden, der sein Leben bewusst gestalten, oder auch nur ein verständnisvolles Gespräch führen will. Um uns in einen anderen Menschen einfühlen zu können, müssen wir uns von unseren Gefühlen distanzieren, um die Gefühle unseres Gegenübers wahrnehmen zu können. Gelingt uns das nicht, fühlen wir nur uns selbst.

Das Herz ist die Triebkraft, die Freude und Lebendigkeit in sozialen Beziehungen. Doch das Herz entscheidet nicht logisch – es will mit sich und anderen glücklich sein. Daher erleben Herzmenschen das reine Verstandesdenken als kalt – vielleicht sogar als Tod oder herzlos. Bei der Umsetzung von Plänen ist weniger wichtig was, sondern wie man es macht. Schadet oder nutzt eine Sache den Menschen / der Familie / der Gemeinschaft?

Herzmenschen

In seiner Erwachsenenform wird es zum Mut des Löwen, der Überzeugungskraft großer Anführer oder schlicht zu einem liebenswerten Menschen. Unentwickelt entfalten sich alle Schwächen ungelenkter Gefühle – man wird launisch, wechselhaft, boshaft egoistisch – kurz ein emotionales Monster, das mit seinen Launen die Welt terrorisiert.

Um Großes zu erreichen – sich einen Lebenstraum zu erfüllen – brauchen wir die Kraft des Herzens. Die Begeisterung kann uns auch über Tiefschläge hinweg helfen. Mit dem Herz eines Löwen kämpfen wir für unser Ziel.

„Über das Herz zu siegen, ist groß, ich verehre den Tapferen, aber wer durch sein Herz siegt, er gilt mir noch mehr.“ (J. C. Friedrich von Schiller – 1759 – 1805)

Hand (Lehrling – Geselle – Meister)

Wir werden mit zwei „linken“ Händen geboren, stolpern über unsere Beine und erobern krabbelnd die Welt. Die ersten Jahre sind sozusagen unsere Lehrlingszeit. Wir leben bei unseren Eltern und lernen Jahr für Jahr unabhängiger von ihnen zu werden, um selbst für uns sorgen zu können.

Handmensch

In unseren Gesellenjahren zeigen wir, dass wir selbst für uns sorgen und eine Familie ernähren können. Wir leben von der Hand im Mund oder machen etwas, das Hand und Fuß hat. Wir halten das Ruder fest in der Hand. Handmenschen machen ihre Tatkraft zu Geld, wodurch sie alles bekommen, was sie für ihr Leben brauchen.

„Wenn der Bauer nicht muss, rührt er weder Hand noch Fuß.“ (Deutsches Sprichwort)



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Als Meister haben wir unser Leben selbst in die Hand genommen. Wir managen uns selbst. Wir entwickeln die Tatkraft eines Terminators, die Körper“beherrschung“ eines Bruce Lee, Akrobaten oder Spitzensportlers oder backen unsere eigenen Brötchen, wie der älteste Nürnberger Lebkuchenbäcker. Nichts und niemand kann uns aufhalten.

Tatkraft (Hand) verleiht „reale“ Macht – Handmenschen realisieren, worüber andere nur „reden“. Der Erfolg ist der Beweis des Handmenschen – er ist stolz auf seine Werke. Doch ohne Kopf bringt er nur banales zustande oder produziert schlicht Murks. Ohne Herz geht er beim Erschaffen über Leichen.

Am Ende brauchen wir alle drei Bereiche: Kopf, Herz und Hand. In einem erfüllten Leben sind alle drei Bereiche entwickelt und im Einklang miteinander.

„Der, der mit seinen Händen arbeitet, ist ein Arbeiter. Der, der mit seinen Händen und mit seinem Kopf arbeitet, ist ein Handwerker. Der, der mit seinen Händen, seinem Kopf und seinem Herzen arbeitet, ist ein Künstler.“ (Franz von Assisi – 1182 – 1226)

Werden Sie also ein Lebenskünstler – ein ganzheitlicher Mensch!

Petra Sütterlin