ADHS: Sind Aufmerksamkeitsdefizite heilbar?

Es wird vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom oder ADHS gesprochen. Mehrere Faktoren wirken hier zusammen, wenn folgendes Ergebnis herauskommt: „Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich kann einem Gespräch oder einem Vortrag nicht folgen. Ich habe mir nicht gemerkt, was gesagt wurde.“

Eine Eingangsfrage wird lauten: Ist das heute eine Modeerscheinung oder haben wir früher darauf zu wenig geachtet? Was sind die Ursachen dafür, dass sich die Unaufmerksamkeit derart schnell ausbreitet?

Unser Alltagsleben ist gekennzeichnet von Reizüberflutung. Schon beim Frühstück beginnt die Tagesplanung, wir denken häufig in Aufforderungen an uns selbst und Forderungen an andere Leute. Was muss ich tun, was soll ich tun, was wird von mir erwartet, wer könnte mir heute wieder Stress bereiten?

War es früher die Tageszeitung, die wir beim Frühstück durchblätterten, so kommen heute vornehmlich belanglose SMS-Nachrichten. Mit dem Handy ist der Fluch unserer jederzeitigen Verfügbarkeit verbunden, von jedem, der etwas von mir will.

konzentrationsstörung ADHSDie Faszination des technischen Spielzeugs hält uns gefangen. Kinder lernen schon, wie Börsenmakler, drei oder mehrere Gespräche gleichzeitig zu führen. Sie gedeihen im Dunst des Elektrosmogs. Das Essen wird beinahe zur Nebensache. Wir essen gedankenlos. Es wird einfach in den Mund hineingestopft, bis wir das Gefühl haben satt zu sein.

Wir essen nicht mehr die Produkte aus der Natur, sondern aus dem Supermarktregal. Wir essen viel zu süß, viel zu fett, mit vielen künstlichen Geschmacksverstärkern, über deren Wirkung wir kaum jemals nachgedacht haben. Dass manche süße Getränke geradezu süchtig machen, uns dazu verleiten wollen, immer mehr davon zu trinken, gleichzeitig auch unsere Leistungskurve verändern, bedenken wir im Allgemeinen kaum.

Aufmerksamkeitsstörungen haben oft gänzlich unterschiedliche Wirkungen. Da ist auf der einen Seite der Tagträumer, der zwar körperlich bei einem Gespräch und bei einem Termin anwesend ist. Aber in seinen Gedanken schweift er weit ab und ist überall anders, als im Hier und Jetzt, anzutreffen. Auf der anderen Seite gibt es den umtriebigen, nicht auf einem Sessel zu haltenden Zappelphilipp, der sich selbst und die gesamte Umgebung mit seinen spontanen Einfällen beschäftigen will, aber in Wahrheit keine Ahnung hat, warum er gerade jetzt etwas sagt oder will.

Das mag auch damit in Zusammenhang stehen, dass wir stets nach Unterhaltung suchen. Der Wert einer Sendung im Fernsehen wird nach ihrem Unterhaltungswert bestimmt. Alles, was wie eine lange Abhandlung aussieht, wird verdächtigt, langweilig zu sein. Nur in der Kürze liegt die Würze.

Konzentrationsstörung ADHS heilbarDer Witz, den man sich merken kann, kommt an. Wer etwas rasch auf den Punkt bringen kann, wird geachtet. Aber wer etwas kompliziertes erklären will, soll es doch lieber bleiben lassen. So denken zumindest alle, die mit der Aufmerksamkeit ihre liebe Not haben.

Wer aber damit seine Not hat, sagt nicht automatisch, dass diese Störung beseitigt werden muss, sondern oft ist die Einstellung anzutreffen: „Ich bin eben so. Meine Umgebung muss sich damit abfinden.“

Für diese Haltung gibt es Auslöser und Verstärker. Sie ist oft in der persönlichen Lebens- und Leidensgeschichte begründet. Im deutschsprachigen Raum liegt eine häufige Ursache im mehrgliedrigen Schulsystem und in der damit verknüpften Annahme, dass sich nur Absolventen, mit dem in Noten dokumentierten besten Schulabschluss, später im Beruf durchsetzen und bewähren werden.

Auch Schulen, die einen ausgezeichneten Ruf haben, werden von Schülern und Schülerinnen besucht, die mit dem sinnerfassenden Lesen nicht zurechtkommen. Die PISA Ergebnisse dokumentieren das eindrucksvoll. In vielen dieser persönlichen Geschichten wird das Problem zunächst einmal zu spät erkannt und dann wird darauf nahezu automatisch falsch reagiert.

Dabei sind unpädagogische Vorwürfe der Eltern an die Adresse der Jugendlichen nur der Anfang und noch der kleinste Teil des einsetzenden Übels. Weil die betroffenen Jugendlichen die Erwartungen nicht alleine erfüllen können, wird ihnen allerlei Hilfe aufgezwungen. Statt die Chance zu bekommen, mit der Zeit immer selbständiger zu werden, wird die Kontrolle immer weiter verschärft.

In der Zeit der Pubertät führt das zu lähmenden Kraftanstrengungen auf beiden Seiten. Wenn die eigene Kontrolle versagt, dann wird oft ein Kontrollorgan (Hauslehrer) engagiert und daran werden wiederum Erwartungen geknüpft, die meist gar nicht erfüllbar sind. Das bewirkt weitere Stufen der Eskalation.

Einerseits sollen Jugendliche gleichaltrige Freunde haben, aber weil der Erfolg ausbleibt, werden die Kontakte strafweise auf ein Minimum reduziert. Statt dem natürlichen Bedürfnis nach Bewegung und Sport freien Lauf zu lassen, werden die dafür reservierten Zeiten eingeschränkt. Umgekehrt wird nicht selten auch das Verhalten der Jugendlichen auffallender, die Lust an der Provokation entsteht aus der Verzweiflung.

Jeder Mensch will natürlich Lob und Anerkennung. Aber wenn sich unter unzähligen Mühen herausstellt, dass dieses Ziel ohnehin nicht zu erreichen ist, dann ist es mit dem Selbstwertgefühl leichter in Einklang zu bringen, ein Ziel aufgrund der eigenwilligen Art nicht zu erreichen, als den Stempel des Versagers aufgedrückt zu bekommen.

Denn da bleibt immer noch die Ausrede: Ich könnte ja, wenn ich es nur will. So belastend die Situation für die Beteiligten auch sein mag, Schuldzuweisungen in Form eines Schwarzen-Peter-Spiels, bringen keine Verbesserung.

Wie passt denn das zusammen? Auf der einen Seite: "meine Umgebung muss mich so nehmen wie ich bin", auf der anderen Seite die Angst vor dem Versagen, eine dauerhaft getrübte Stimmung, keine Freude am Leben, kein Antrieb um etwas zu tun - anscheinend keine Perspektive für die Zukunft zu haben.

ADHS HeilungIn dieser Situation schlüpfen wir in Rollen, die mit unserem eigentlichen Sein gar nicht viel zu tun haben. Wie in einem Experiment sehen wir, was geschieht. Wer sich selbst wenig oder überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, kommt damit vielleicht in eine Meta-Ebene, in der man die Beliebigkeit der Rolle erkennt und damit die Chance hat, auch weitere Muster zu erproben.

Einige Betroffene werfen all das ab, was sie bisher bedrängt hat, und erobern damit eine Bühne, auf der sie zum bewunderten Selbstdarsteller werden können.

Und das kommt in unserer Zeit oft sehr gut an. Die Liste der Schulabbrecher, die es im Leben zu Ruhm und Erfolg gebracht haben, ist bemerkenswert lang.

Andere Betroffene schlagen den Weg in die Tristesse ein. Die Verletzungen sitzen tief und je mehr selbstverletzende Glaubenssätze hinzukommen, umso geringer ist die Chance auf einen Ausbruch aus dem Teufelskreis. Zu einem emotionalen Problem kommt dann oft auch ein gesundheitliches. Die Krankheiten, die sich in der Folge einstellen können, lesen sich beinah wie ein Handbuch der Medizin.

Was aber fast in jeder dieser Krankengeschichte vorkommt, sind Schlafstörungen. Wir können entweder nicht einschlafen oder nicht die ganze Nacht durchschlafen, wir werden selbst aus den Träumen herausgerissen, können uns nicht einmal auf unseren Traum konzentrieren und ihn bis zum Aufwachen in Erinnerung behalten.

Wer es schwer hat einem Gespräch zu folgen oder bei einem Vortrag zuzuhören, der hat es auch schwer auf seine innere Stimme zu hören, auf seine innere Führung zu vertrauen. Diesen Tatbestand zu erkennen, ist oft zugleich der Ansatzpunkt zur Heilung. Denn wir erkennen, dass die Heilung in unseren Gedanken liegt, die wir zu einem Ergebnis, zu einem Ende bringen müssen.

Günter Wittek

05.09.2017 © seit 07.2009 Günter Wittek
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