Ideale Kommunikation: Das verständigungsorientierte Gespräch

In diesem Artikel werde ich der Frage nachgehen, wie ein ideales Gespräch zwischen Menschen aussieht. Welche Kriterien führen zu einer idealen Kommunikationssituation? Denn oft hilft eine bloße Sammlung von Techniken nicht weiter, wenn man das Ziel nicht klar vor Augen hat.

Ideale Kommunikation - das verständigungsorientierte GesprächDem gegenüber will ich Verhaltensweisen beschreiben, die zu einer Einschränkung oder zum Zusammenbruch einer verständigungsorientierten Kommunikation führen. Damit bekommen Sie die Option, ein fehlgeschlagenes Gespräch zu analysieren, d. h. wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was schief gelaufen ist.

Im Folgenden werde ich die einzelnen Kriterien erklären und am Ende eine Zusammenfassung und einige Übungen geben, damit Sie die Theorie in der Praxis auch anwenden können.

Was meint verständigungsorientiertes Gespräch?

Ein verständigungsorientiertes Gespräch beginnt mit der Einstellung, die man zu anderen Menschen hat. Denn ein "Verstehen-wollen" setzt voraus, dass man ein Weltbild von anderen Menschen als Bereicherung und nicht als "Gefahr" ansieht. Es setzt die Erkenntnis voraus, dass es mehr als eine gültige Perspektive auf Dinge, Situationen und Menschen gibt.

Dabei stehen unterschiedliche Perspektiven nicht in Konkurrenz zueinander, sondern erweitern die Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen, zu interpretieren und zu bewerten. Da man nur sehen kann, was und wie man selbst beobachtet, können andere Arten der Beobachtungen zu neuen Erkenntnissen führen oder eigene blinde Flecken aufdecken. Wie R. A. Wilson sagt: "Was der Denker denkt, wird der Beweisführer beweisen."

Insofern sind verständigungsorientierte Gespräche immer "ergebnisoffen", d. h., man arbeitet erst gar nicht darauf hin, jemanden vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, sondern lässt im Verständigungsprozess Spielraum für einen Wandel der (eigenen) Ansichten. Eine Meinung muss primär verstanden werden, nachvollziehbar sein - es gibt dabei weder etwas anzugreifen, noch etwas zu verteidigen.

Dies funktioniert allerdings nur dann, wenn man die Fähigkeit "seine Meinung zu ändern" als Stärke und nicht als Charakterschwäche sieht. Der Gewinn ist eine neue Sicht der Dinge.

Jemanden in dieser Form zu verstehen heißt jedoch nicht, seine eigene Meinung aufzugeben oder nur opportunistisch sein Fähnchen in den Wind zu hängen. Denn man kann auch NACHDEM man jemand anderen verstanden hat unterschiedlicher Meinung sein.

Ideale Verständigung KommunikationstechnikDas Ziel bei jedem verständigungsorientierten Gespräch ist es zu verstehen und selbst verstanden zu werden - also ein zweiseitiger Prozess, den beide Gesprächspartner anstreben wollen.

In diesem Sinne gibt es weder Gewinner noch Verlierer - dennoch ist es eine Win-Win-Situation, da man nach einem erfolgreichen Prozess den Anderen ein Stück weit näher gekommen ist oder ihn besser nachvollziehen kann.

Es gehören somit immer mindestens zwei Menschen dazu, denn es ist von jeder Seite aus Offenheit, Wahrhaftigkeit und Einfühlungsvermögen nötig, damit ein solches Gespräch überhaupt gelingen kann. Falls auch nur eine Partei sich weigert, verstehen zu wollen, recht haben will, Druckmittel einsetzt o. ä. pervertiert das Gespräch.

Das einfachste Kriterium eines verständigungsorientierten Gesprächs sind aktive Fragen. Denn nur aktive Fragen erlauben es, den Standpunkt des anderen zu rekonstruieren und so verstehen zu lernen. Ob man die Antworten verstanden hat, lässt sich mit Paraphrasen prüfen. Paraphrasen sind der "Checkpoint" mit dem getestet werden kann, ob das, was man verstanden hat, auch das ist, was gemeint war.

Die Nachvollziehbarkeit des eigenen Standpunktes kann man dem Gegenüber durch eine transparente Argumentation erleichtern, d. h., man begründet seine Behauptungen und erklärt, wie man bestimmte Schlussfolgerungen daraus zieht.

Dies setzt Kommunikationskompetenz voraus, denn man muss einen roten Faden formulieren und konzentriert beibehalten können. Ständige Themensprünge, unbegründete Behauptungen, Schlussfolgerungen ohne Argumente o. ä. erschweren das Verstehen oder machen es unmöglich.

Das Ziel bei einem verständigungsorientierten Gespräch ist - beispielsweise bei Dissensen - Handlungsoptionen oder Lösungsmöglichkeiten mit dem Anderen kreativ zu erarbeiten. Ideal wäre es, eine Synthese der beiden Standpunkte zu erforschen, die beiden Ansichten am ehesten gerecht wird, d. h. die Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt.

Mein alter Lehrer (M. D. Eschner) hat die Einstellung der Beteiligten an einem verständigungsorientierten Gespräch einmal wie folgt zusammengefasst:

  • Miteinander reden - statt überreden
  • Aufeinander hören - statt weghören oder Ignoranz
  • Füreinander handeln - statt gegeneinander.

Wer diese Einstellung hat, wird gute Chancen haben eine glückliche Beziehung zu führen, Dissense als Chance zu einer Änderung zu nutzen oder allgemein mit Menschen gut auszukommen. Allerdings kenne ich keinen Menschen, der die genannten Fähigkeiten "natürlicherweise hat" bzw. eine solche Gesprächsform gewohnheitsmäßig anstrebt oder ausführt.

Der "Normalfall" ist meiner Beobachtung eher die machtorientierte Kommunikation, die ich als Gegenspieler charakterisieren will.

Was meint machtorientierte Kommunikation?

Viele Menschen gehen bei Meinungsverschiedenheiten davon aus, dass sie die "richtige" oder "wahre" Perspektive vertreten, von der das Gegenüber "überzeugt" werden muss. Das Ziel des Diskurses ist es, den Anderen zur "Aufgabe" seines Standpunktes zu bewegen und zu zeigen, dass man "recht hat".

Machtoreintierte Kommunikation Streitgespräche"Recht zu haben" bedingt somit eine "Win-Loose"-Situation, in der es immer einen Gewinner und Verlierer gibt. Das geht mit der Vorannahme einher, dass es nur eine gültige Interpretation einer Situation, eines Verhaltens oder Sachverhalts gibt. Das erwünschte Resultat des Dissenses ist im Kopf schon festgelegt, d. h., es geht schon von Anfang an darum, wie man den "Kontrahenten" zur Annahme des eigenen Standpunktes bewegt.

Man beginnt oft vorher in Gedanken, die Argumente des "Gegners" zu zerlegen, ihre Schwächen zu analysieren, um sie dann geschickt widerlegen zu können. Das Resultat ist ein Streitgespräch, das mindestens für den "Verlierer" unschön endet.

Solange ein Gespräch nur Gewinner und Verlierer zum Ausgang haben kann, ist es machtorientiert, d. h. es geht letztlich nur darum zu kämpfen, wer recht bzw. unrecht hat.

Das Problem ist nur, dass man Menschen so nicht überzeugen kann - im Gegenteil. Druck erzeugt Gegendruck und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Verlierer widersetzt, die gewünschte Kooperation sabotiert oder das Ganze einfach ignoriert und geht.

Solche machtorientierten Menschen übersehen die Konsequenzen ihres Handelns, welches ein altes Sprichwort - "Wer Recht haben will, muss den Krieg lieben." - auf den Punkt bringt. Denn wer andere wirklich überzeugen und zum Handeln anleiten will, muss sie zuallererst verstehen.

Das Ziel machtorientierter Kommunikation ist immer die Manipulation des anderen - völlig egal, ob man den anderen nur totquatscht, Druckmittel einsetzt oder ihn zum Idioten macht. Kurzfristig mag man so seine Meinung durchsetzen, aber langfristig baut man sich nur eine Armee von Gegnern auf, die nur darauf warten, es einem heimzuzahlen.

Zusammenfassung der Kriterien

Wer Gespräche beobachten und einschätzen will, kann sich diese kurze tabellarische Zusammenfassung von einigen genannten Unterschieden zunutze machen:


Verständigungsorientiert Machtorientiert
  • Ergebnisoffenes Gesprächsziel
  • Primär verstehen / verstanden werden
  • Miteinander reden
  • Aufeinander hören
  • Füreinander Handeln
  • Nachfragen / Paraphrasieren
  • Offenheit
  • Wahrhaftigkeit
  • Empathie
  • Win-Win-Situation
  • Feste Meinung
  • Den eigenen Standpunkt verteidigen
  • Jemand überreden
  • Weghören / Ignoranz
  • Gegeneinander handeln
  • Die andere Meinung widerlegen
  • Manipulation
  • Gefühle oder Argumente als Druckmittel einsetzen
  • Win-Lose-Situation

Übungen zur verständigungsorientierten Kommunikation

1. Lernen Sie die Gesprächstypen zu unterscheiden

Hören Sie Gesprächen zwischen Menschen zu und versuchen Sie die genannten Kriterien darin zu entdecken. Versuchen Sie bei mindestens 4 unterschiedlichen Gesprächen zu erkennen, ob diese verständigungsorientiert oder machtorientiert verliefen. Machen Sie sich Notizen, anhand welcher Kriterien Sie zu welcher Schlussfolgerung kommen.

2. Beobachten Sie Ihre eigene Gesprächsführung selbstkritisch

Versuchen Sie bei einem Dissens festzustellen, wie Sie sich auf ein "Streitgespräch" vorbereiten. Wollen Sie den anderen wirklich verstehen oder geht es eher darum eine "Kampfargumentation" vorzubereiten?

3. Halten Sie sich die Konsequenzen vor Augen

Welche Vorteile hat es langfristig, wenn sich Menschen von Ihnen verstanden und nicht gedrängt oder überredet fühlen? Wie entwickelt sich eine Beziehung zwischen Menschen, die verständigungsorientiert bzw. machtorientiert verläuft?

4. Wie gehe ich mit machtorientierten Menschen um?

Leider gibt es "unbelehrbare" Menschen, denen ein Verständnis des Anderen völlig egal ist. Sie haben mit Druckmitteln, Zwang, Manipulation oder Machtdemonstrationen kurzfristig Erfolg. Andere haben es nicht anders gelernt - leiden aber vielleicht selbst unter den von ihnen produzierten Feinden. Bei welchen Menschen lohnt es sich, sie von einem verständigungsorientierten Gespräch zu überzeugen - bei welchen halten Sie es für sinnlos?

Hier können Sie Unterschiede - z. B. zwischen Beruf und Beziehung - vornehmen. Im Beruf mag man seinen Chef nicht ändern können. Will man jedoch privat in einer Beziehung leben, bei der es um Macht und nicht um Verstehen geht?

Damit bin ich mit meiner Ausarbeitung am Ende und hoffe Ihnen wertvolle Perspektiven gezeigt zu haben, wie Sie Kommunikationssituationen neu kennenlernen und bewerten können.

Meiner Erfahrung nach ist das Streben zu verständigungsorientierter Kommunikation nie abgeschlossen. Obwohl ich seit über 20 Jahren danach strebe, lerne ich heute noch hinzu. Mein daraus folgender Vorteil ist, dass ich mit Menschen immer besser auskomme - glückliche Beziehungen führe und den unnützen Kleinkrieg mit anderen nicht mehr nötig habe.

In diesem Sinne - viel Erfolg bei Ihren Bemühungen!

14.06.2016 © seit 03.2014 Tony Sperber  
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