Sir-Karl-Popper-Schule: Ein „Schulversuch für Hochbegabte“““

Vorwort der Redaktion

Wenn man den populären Medien und Meinungen glauben darf, läuft bei unserem Schulsystem eine Menge schief. Es bestehen nicht nur Zweifel daran, daß die Art der Wissensvermittlung veraltet ist, auch die pädagogische Praxis wirkt wie ein Relikt aus der Nachkriegszeit, welches unseren heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen scheint. Wen wundert es da, wenn Artikel wie „Der Notruf aus der Rütli-Schule“ einschlagen wie eine Bombe. Viele sehen darin nur eine Bestätigung, daß wir es versäumt haben unser Schulsystem erfolgreich zu reformieren.

Vorbildliche Schulen Interessant in diesem Kontext ist, daß wir unseren Blick häufig auf die „Schlußlichter des Bildungssystems“ werfen, aber den positiven oder kreativen Ansätzen von manchen Lehrinstituten kaum Beachtung schenken. Dabei sollte es eigentlich einleuchtend sein, daß wir uns an den besten Schulen orientieren müssen, wenn wir einen neuen bzw. erfolgreichen Weg für die Bildung der Zukunft finden wollen.

Lernen ist in unserer „Informationsgesellschaft“ schon lange nichts mehr, das mit der Schulzeit oder Ausbildung endet, sondern immer mehr zum „Normalzustand“ wird, wenn wir im Beruf „Up-to-date“ bleiben wollen.

Die Fähigkeit zu Lernen wird immer mehr zur Grundvoraussetzung, um sich in einer immer schneller verändernden Welt zurecht zu finden. So muß man kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß die Zukunft den Menschen gehören wird, die das „Lernen lernen“ verinnerlicht haben.

Leider ist das Vorurteil, daß Lernen etwas mit Streß, Angst oder unsinnigen Pauken zu tun hat, immer noch weit verbreitet. Daher freut es mich besonders hier einen Artikel über eine Schule vorstellen zu dürfen, die einen neuen und konstruktiven Ansatz zum Thema „Lernen und Lehren“ verfolgt. Ich kann nur hoffen, daß sich viele Menschen, die in einem Lehrberuf tätig sind, diese Anregungen zu Herzen nehmen. Vielleicht findet sich so ein Weg, Schülern wieder beizubringen, daß Lernen Spaß macht.

Tony Kühn – Philognosie Redaktion

Die „Sir-Karl-Popper-Schule“ – ein „Schulversuch für Hochbegabte“

Über wen sprechen wir hier? Lassen Sie mich zunächst die Schule vorstellen, über die wir im Weiteren berichten werden. Die „Sir-Karl-Popper-Schule“ ist ein als „Schulversuch für Hochbegabte“ geführter Teil des Wiedner Gymnasiums, also einer öffentlichen AHS – der mit je einer gymnasialen und einer realgymnasialen Klasse von der 5. bis zur 8. Klasse (d.h. aus insgesamt acht Klassen bestehend) parallel zu den „normalen“ Oberstufenklassen dieser Schule läuft.

Sir Karl Raimund Popper (geboren 28. Juli 1902 in Wien, gestorben 17. September 1994 in London) war ein österreich-britischer Philosoph, der mit seinen Arbeiten zur Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und politischen Philosophie den Kritischen Rationalismus begründet hat. 1965 wurde Popper von Queen Elisabeth II. für sein Lebenswerk zum Ritter geschlagen.

Das einzige umgesetzte Projekt für Begabtenförderung in Österreich wurde nach Sir Karl Popper benannt und widmet sich als Vorzeigeprojekt auf Oberstufenebene der Begabtenförderung mit dem Grundsatz: „Nicht Quantität an Wissen, sondern Qualität von Erkenntnis und Verständnis zählen“.

Soweit zu den Eckdaten, die diese Schule betreffen. Desweiteren will ich Ihnen zunächst die Leitlinien dieser Schule vorstellen und den Artikel mit einem Interview mit dem Hofrat Dir. Dr. Günter Schmid abrunden.

Eine Schule mit Leitlinien

Unser Menschenbild
Absolventinnen und Absolventen der Sir Karl Popper-Schule sind bereit für lebenslanges Lernen. Sie wissen, daß wir nur Bilder über die Welt haben und daß diese Bilder nicht gleichzeitig die Welt sind, aber sie bleiben neugierig und bestrebt, immer mehr solcher Bilder kennen zu lernen und zu überprüfen.

Unser Bildungsbegriff
Nicht Quantität an Wissen, sondern Qualität von Erkenntnis und Verständnis zählen.

Unser Bild von Schule
Schule ist für uns ein Ort, an dem eine solche Bildung erworben werden kann bzw. an dem die Grundsteine gelegt werden, damit an dieser Bildung lebenslang gearbeitet werden kann.

Unser Bild vom Lernen
Alle Erkenntnisse der Lernpsychologie sollen im Unterricht umgesetzt werden. Die Auswahl dessen, was behalten wird, ist heute mehr denn je überlebensnotwendig. Kriterien für diese Auswahl müssen geliefert/gefunden werden. Wir wollen „breit beleuchten und sparsam beurteilen“.

Unser Bild vom Schüler / von der Schülerin
Die Lernenden in der Sir Karl Popper-Schule lassen sich schon durch ihre Entscheidung für diese Schule auf einen Weg ein, der nicht gerade der einfachste ist. Sie messen sich mit Gleichbegabten und geben oft dadurch eine „Pole-position“ auf, die sie in anderen Lerngruppen relativ mühelos behalten könnten.

Damit sagen sie prinzipiell „ja“ zu einer gewissen Form der Anstrengung, wenn sie dabei auch, vor allem am Beginn, noch viel Unterstützung und Ermunterung brauchen. Sie sind bereit, sich mit sich selbst auseinander zu setzen, zu reflektieren, ihre Begabungen zu suchen und auszuloten. Sie bringen sich selbst und ihre Ideen in den Unterricht und in das Schulleben im Allgemeinen ein. Sie gestalten mit, sie äußern ihre Kritik in adäquater und konstruktiver Form und können auch die Grenzen akzeptieren, die das System setzt und die (noch?) nicht verrückbar sind.

Ein offener, einladender Raum – Thesen zum Lernen:

  • These 1: Schule ist für Schüler da
  • These 2: Ziel = „Lebensgestaltendes Lernen“ statt Anhäufung von „Wissen“
  • These 3: Der Lernprozeß muß demokratisiert werden
  • These 4: Lehrerqualität ist eine Frage der pädagogischen Haltung
  • These 5: Ultimatives Ziel = Lernerentwicklung

Neuer Lehrertyp – Lehrer, die lernen

Kennzeichen dieses Typus des „begabenden“ Lehrers (wie ich ihn geradezu als Gattungsbegriff einführen möchte) ist nicht in erster Linie Fachkompetenz und nicht einmal vordergründig methodische Brillanz. Jede/r Lehrende, der/die in der Lage und willens ist, die Einmaligkeit jedes seiner/ihrer Schützlinge als eines einzigartigen Individuums zu respektieren und dessen uneingeschränktes Recht auf Experimentieren, auf das Stellen bisher noch nicht gestellter Fragen, auf „learning by doing“ nach der „trial & error“ Methode anzuerkennen, hat die Chance, dieses höchste Gütesiegel, das der Lehrberuf zu vergeben hat, zu erwerben.

Individualisierung des Lernprozesses – Leistung ist ein Glück

Contracting (Unsere Leistungsbeurteilung): Jeder Lehrer der Sir Karl Popper Schule verpflichtet sich am Anfang des Schuljahres mit seiner Klasse ein so genanntes „Contracting“ zu vereinbaren. Darin werden die Lernziele, die Erwartungen des Lehrers an die Schüler, sowie die Lernmethoden (Schularbeiten, Tests, Anzahl) festgehalten.

Sind sowohl Schüler als auch der Lehrer damit einverstanden, wird dieses Contracting von beiden Seiten unterzeichnet. Durch dieses Contracting wird gewährleistet, daß es zu keinen „bösen Überraschungen“ während des Schuljahres kommt.

Coaching – System

Coaching System Der Coach ist ein Mitglied des Lehrerteams, das vier bis fünf Schüler/Schülerinnen individuell betreut und für diese die pädagogischen Aufgaben des traditionellen Klassenvorstands übernimmt. Voraussetzung ist, daß er die Schüler in keinem Fach unterrichtet. Der wesentliche Teil des Coaching-Systems besteht darin, daß die einzelnen Mitglieder der Gruppe in ihrer wöchentlichen Coaching-Stunde mit Unterstützung (durch den Coach und – ganz wesentlich – durch die Mitschüler) ihre Begabungen herausfinden, indem sie reflektieren lernen.

Sie setzen sich mit ihren Leistungen auseinander, mit der Relevanz und Irrelevanz von Noten, mit ihren Vermeidungsmustern, mit ihren eigenen Motivations- und Arbeitsstrategien. Sie sollen mit der Zeit ihre Ziele klarer definieren können und Handlungsweisen entwickeln, um sie zu erreichen.

Für eine andere Pädagogik – unsere pädagogische Haltung

Richtig verstandene Begabungsförderung ist somit nicht eine Frage von (systemischen) Strukturen oder erlernbarem Wissen auf Seiten der Lehrenden, sondern manifestiert sich in einer ganz bestimmten pädagogischen Haltung seitens der handelnden Personen. Diese Haltungsänderung stellt einen Paradigmenwechsel dar: vom Fokus auf das Lehren (der Dominanz der Methodik, deren Qualität am sichtbaren Produkt gemessen wird) zum Fokus auf das Lernen (mit dem zentralen Ziel der Lernerentwicklung, die aus einem maßgeschneiderten Lernprozeß resultiert und erst mittelfristig erkenn- und messbar wird).

Entwicklung geschieht dort, wo kalkulierte Wagnisse eingegangen werden. Der Mut zum Experimentieren (trial) bringt unvermeidlich auch Fehler mit sich (error).
Im Sinne der Falsifikationstheorie von Karl Popper bedeutet aber jeder Fehler, sofern auf die Phase des Experimentierens eine Phase der Reflexion folgt, eine Annäherung an die Wahrheit.

Dieser Grundsatz, in Fehlern prinzipiell potentielle Lernanlässe zu erblicken, hat für den zu fördernden Schüler in gleicher Weise zu gelten wie für den „begabenden“ Lehrer oder für die Schule insgesamt in ihrer Eigenschaft als lernende Institution. Wer krampfhaft versucht Fehler zu vermeiden, nimmt sich – und anderen – die Chance zu lernen, wie man aus „Fehlern“ Fortschritte macht.

Ein Ort zum erwachsen werden – lebensgestaltendes Lernen

Richtig verstandene Begabungsförderung will aktive Selbststeuerung des Lernprozesses und Eigenverantwortung bei den Lernenden generieren und sie auf diese Weise befähigen, das eigene Leben bewußt zu gestalten. „Lebensgestaltendes Lernen“ sollte jeder Schule als ultimatives Ziel vor Augen stehen. Ein so ehrgeiziger Anspruch kann aber nicht einfach durch zusätzliche Angebote oder strukturelle Veränderungen im Kleinen verwirklicht werden. Hier ist ein grundsätzliches Umdenken des gesamten Systems gefragt.

Eine Schule die lernt – Entwicklung und Zukunft sind offen

Unsere Schule lernt, indem sie sich selbst reflektiert. Dazu haben wir einige Instrumente. Das Popper-Forum, Qualitätszirkel und eine Zusammenarbeit – bzw. einen Austausch mit anderen Schulen. Im Popper-Forum treffen sich 3 – 4 mal im Schuljahr das Leitungsteam der Schule mit Schülern und Eltern. Wer Lust hat, kann daran teilnehmen.

Am Qualitätszirkel nehmen ca. 15 Lehrer teil. In diesen Qualitätszirkeln schauen wir, wo unsere Schule steht, wie wir unsere Grundsätze und Leitlinien erfüllen,
wie wir unsere Philosophie leben. Ganz wichtig ist uns der Austausch mit anderen Schulen. So haben wir z.B. eine sehr enge Partnerschaft mit dem Deutschhaus Gymnasium in Würzburg (ein sprachliches und naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium mit Hochbegabtenförderung).

Mehr über diese Schule finden Sie auf deren Webseite: Sir Karl Popper-Schule.

Damit Sie in diesem Artikel nicht nur die „trockenen Facts“ über diese Schule vorgesetzt bekommen, habe ich mir erlaubt am Ende ein Interview mit dem Hofrat Dir. Dr. Günter Schmid anzufügen. Hier werden Sie noch weitere Informationen bekommen, wie man die oben vorgestellten Leitlinien in eine lebendige Praxis überführen kann.

Interview mit Herrn Hofrat Dir. Dr. Günter Schmid

Interview

Peter Schipek: Herr Dr. Schmid, ich darf mit einem Zitat von Ihnen beginnen: „Seit ich Lehrer bin (seit 1968) „bastle“ ich am Bildungswesen herum. Nach 7 Jahren als Direktor des Wiedner Gymnasiums startete ich die „Sir-Karl-Popper-Schule“ und leite sie seither.

Ich sehe das als Freude, Herausforderung und Erfüllung meines Lebenstraumes. Gemeinsam mit Gleichgesinnten will ich einem Ideal der Schule näher kommen.“ Wie schaut Ihr Traum, wie schaut das Ideal Ihrer Schule aus?

Dr. Günter Schmid: Mein Traum, mein Ideal – wenn alles so umgesetzt wird, wie es in den Grundsätzen und Leitlinien steht. Die Schüler stehen im Mittelpunkt. Sie sollen ihren Bildungsprozeß selber gestalten. Die Schule, die Lehrer sollen dabei den Rahmen bieten.
Peter Schipek: Ihre 5 Thesen zum Lernen. Die erste These „Schule ist für Schüler da“. Sollte das nicht selbstverständlich sein?
Dr. Günter Schmid: Natürlich ist das für alle Schulen gültig. Die Popper-Schule ist ein Labor, wo Modelle entwickelt werden. Wir haben ein „geschütztes Umfeld“, wo wir experimentieren können, weil wir ein Schulversuch sind. Wir wollen auch unsere Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen Schulen teilen.

Das wirkliche Ziel wäre, daß sich die Popper-Schule wegrationalisiert – daß die anderen Schulen nach ähnlichen Grundsätzen und Leitlinien arbeiten.

Peter Schipek: Ihre 2. These: „Lebensgestaltendes Lernen“ statt Anhäufung von „Wissen“. Bildung wird ja heute fast ausschließlich als Schul- und Ausbildung verstanden – also eine Anhäufung von Faktenwissen. Ihre Schule, Sie und Ihre Kollegen verstehen Bildung umfassender. Was dürfen wir uns unter Bildung in der „Sir-Karl-Popper-Schule“ vorstellen?
Dr. Günter Schmid: Bildung bedeutet nicht ein Anhäufen von Faktenwissen. Wir können als Menschen nicht mit einem PC konkurrieren. Aber ein PC kann das nicht, was Bildung ausmacht. Wir brauchen auch nicht eine Antwort auf jede Frage wissen, sondern wir müssen gescheite Fragen stellen.

Es geht um Fragen, die bisher noch nicht gestellt wurden. Wir müssen fähig sein, mit neuen Situationen umzugehen, Probleme zu lösen. Dazu brauchen wir „lebensgestaltendes Lernen“. Die Fähigkeit, sein eigenes Leben bewußt und aktiv zu gestalten.

Peter Schipek: These 4: Lehrerqualität ist eine Frage der pädagogischen Haltung „begabungsfördernde Lehrer“. Diese Haltung schafft eine förderliche Lernatmosphäre. In den meisten Schulen sind die Lehrer doch einfach überfordert und teilweise ausgebrannt. Es beginnt doch schon mit der Ausbildung der Lehrer.

Wie soll eine Ausbildung der Lehrer aussehen? Eine Ausbildung, die Voraussetzungen schafft, daß Lehrer mit Freude ihren Beruf ausüben – eine Ausbildung, die zu dieser pädagogischen Haltung führt?

Dr. Günter Schmid: Wichtig sind natürlich Fach- und Methodenkompetenz. Wichtiger jedoch ist Offenheit – eine Haltung für ungewöhnliche, kreative Wege und für einen demokratischen Weg. Weg von der Autorität und hin zu einem Miteinander.

Lehrer brauchen Feedback. Feedback von Schülern, Eltern und von den Kollegen. Man kann nicht jahrzehntelang Lehrer sein ohne Feedback. Das ist unmoralisch, nicht zu verantworten. Ich muß mich dafür interessieren wie das, was ich mache, ankommt. Ich lerne als Lehrer in diesem Umfeld eine starke Persönlichkeit zu werden.

Peter Schipek: In Ihrem Artikel „Förderung ist nicht gleich Förderung“ schreiben Sie: „Es sieht so aus, als ob man endlich begriffen hätte, daß die Bevölkerung nicht in „Normalbürger“, „Minderbemittelte“ und „Hochbegabte“ einteilbar ist, sondern daß jeder Mensch ein einzigartiges, mit einer oder u.U. besonderen Begabung(en) ausgestattetes Individuum ist.“

Ihre Schule ist eine Schule für „Hochbegabte“. Lassen Sie mich die anderen einmal „die Begabten“ nennen. Was können wir für diese „Begabten“ tun? Ist denn nicht die Philosophie Ihrer Schule – sind nicht die Grundsätze und Leitlinien auch in anderen Schulen machbar?

Dr. Günter Schmid: Ich spreche nicht gerne von Hochbegabten. Hochbegabung ist ein wertender Begriff. Ich möchte eher von besonderer Begabung sprechen. Besonders Begabte haben unter Umständen größere Probleme als Begabte.

Lehrer brauchen dann oft noch mehr Einfühlungsvermögen. Was können wir für die Begabten tun? Was wir in der Popper-Schule tun, ist allgemein gültig.

Peter Schipek: Bleiben wir bei der Lernkultur. Noch einmal ein Zitat von Ihnen: „Der Lehrer muß die Entwicklung des Lernenden als ganzheitliches menschliches Phänomen sehen und sein Augenmerk auf dessen Stärken und nicht auf vorhandene Defizite richten.“ „Sein eigenes Rollenverständnis muß er von dem des klassischen „Besserwissers“ auf das eines „Mitlernenden“ einerseits und eines „Coaches“ andererseits umpolen. Wie wird das an Ihrer Schule gelebt und wie kann ich mir das Coaching vorstellen?
Dr. Günter Schmid: Coaching ist bei uns ein Bestandteil des Stundenplanes. Wir haben an unserer Schule ein Coaching-Tutoren-System. Abwechselnd werden in einer Woche die Schüler der 7. Klasse gecoacht und in der zweiten Woche sind diese Schüler Tutoren für die 1. und für die 5. Klassen. Beides ist uns sehr wichtig, denn auch für die Tutoren bringt das sehr viel.

Lehrercoach sein, ist jedoch nicht Händchenhalten oder Problemlösen. Der Coach bringt die Kinder in seiner Gruppe dazu, sich selbst zu verstehen. Er unterstützt die Schüler dabei, ihre Ziele zu definieren. Er arbeitet mit ihnen am Zeitmanagement usw. Der Coach hilft mir zu erkennen, was in mir selber steckt. Unsere Lehrer haben eine besondere Coach-Ausbildung. Diese Ausbildung wird laufend weitergeführt. Wir haben in unserem Haus auch eine eigene Expertin für Coaching.

Die Schüler als Tutoren arbeiten mehr in die pragmatische Richtung. Sie führen die Anfänger in den Schulalltag ein.

Peter Schipek: Sie beschreiben in Ihrer „Begabungsfördernden Lernkultur“ beinahe paradiesische Zustände. Die Lehrer legen mit jeder Klasse inhaltliche Akzente, Methodik usw. fest. Alles wird in einem so genannten „Contracting“ fixiert. Wie läuft das in der Praxis ab?
Dr. Günter Schmid: Worauf legen wir Akzente, welche Arbeitsmaterialien, Verfahren setzen wir ein, wie passiert Leistungsbeurteilung? Das alles wird zum Anfang des Schuljahres vom Lehrer gemeinsam mit den Schülern im Contracting festgelegt.

Das Contracting-Modell war auch für uns ein Lernprozeß. Ganz zu Beginn wurde ein Erwartungshorizont vom Lehrer festgelegt. Das war aber eine Einbahnstraße. Wir haben daran gearbeitet und auch dabei ein Miteinander geschaffen. Lehrer und Schüler sind dabei gleichberechtigt und wir können natürlich die Vereinbarungen gegenseitig einfordern.

Peter Schipek: Zur Beurteilung der Schüler – die Art und Weise, wie Leistungen beurteilt werden, bringt Schüler dem Wissen, der Bildung nicht unbedingt näher. Es ist ein „Lehrerurteil“ – kein Feedback. Wie schaut die Beurteilung der Schüler an Ihrer Schule aus? Wie könnte das herkömmliche Notensystem an unseren Schulen geändert werden?
Dr. Günter Schmid: Lernen ist ein Prozeß und kann z.B. nicht an einer Schularbeit gemessen werden. Jeder Lernende ist ein einzigartiges Individuum. Das wird auch bei der Leistungsbeurteilung berücksichtigt. Die Leistungsbeurteilung vereinbart jeder Lehrer mit dem Schüler im Contracting.
Peter Schipek: Schauen wir jetzt einmal in die Zukunft. Alle reden vom „Lebenslangen Lernen“. Das setzt Freude am Lernen voraus. Den meisten Kindern geht jedoch in der Schule die Freude am Lernen verloren. Wie kann Schule Freude am Lernen vermitteln? Freude, die nicht wieder aufhört, wenn ich die Schule verlasse?
Dr. Günter Schmid: Wir müssen Lernen wieder als beglückendes Erlebnis darstellen. Leider haben viele Schulen in den vergangenen Jahren das Gegenteil vermittelt. Es kommt darauf an, wie wir den jungen Menschen Lernen präsentieren. Wichtig dabei ist „forschendes Lernen“. Nur Fachwissen erzählen – das kann jeder. Situationen schaffen, die Forschen ermöglicht – das ist Aufgabe des Lehrers.
Peter Schipek: Wir sprechen auch davon, dass wir unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten. Vorbereiten auf die Zukunft? Wir können doch nicht heute schon sagen, was unsere Kinder in 10 Jahren brauchen.
Dr. Günter Schmid: Wichtig ist, daß ein Mensch in einer Situation, die neu ist, nicht verloren ist. Junge Menschen sind dann gut auf die Zukunft vorbereitet, wenn sie gelernt haben, mit neuen Situationen umzugehen, richtige Fragen zu stellen und Probleme zu lösen.
Peter Schipek: Zum Schluß möchte ich noch einen Satz aus Ihrem Leitbild zitieren, der mir besonders gut gefällt. Sie schreiben in „Weiterentwicklung der Schule“: „Die Sir-Karl-Popper-Schule“ ist also eine Schule, die aus sich selbst lernt“. Wie und was lernt die „Sir-Karl-Popper-Schule“ – wie entwickelt sie sich weiter?
Dr. Günter Schmid: Unsere Schule lernt, indem sie sich selbst reflektiert. Dazu haben wir einige Instrumente. Das Popper-Forum, Qualitätszirkel und eine Zusammenarbeit, bzw. einen Austausch mit anderen Schulen.

Im Popper-Forum treffen sich 3 – 4 mal im Schuljahr das Leitungsteam der Schule mit Schülern und Eltern. Wer Lust hat, kann daran teilnehmen. Es gibt in diesem Forum keinen fest geregelten Tagesablauf. Jeder kann sagen, was ihm am Herzen liegt. Wir erhalten Ideen, Kritik, und dabei erfahren wir sehr viel Neues. Wir erfahren, wie Schüler und Eltern unsere Schule erleben.

Am Qualitätszirkel nehmen ca. 15 Lehrer teil. In diesen Qualitätszirkeln schauen wir, wo unsere Schule steht, wie wir unsere Grundsätze und Leitlinien erfüllen, wie wir unsere Philosophie leben.

Ganz wichtig ist uns der Austausch mit anderen Schulen. So haben wir z.B. eine sehr enge Partnerschaft mit dem Deutschhaus Gymnasium in Würzburg (ein sprachliches und naturwissenschaftlich-technologisches Gymnasium mit Hochbegabtenförderung). Jährlich besuchen wir einander. Gegenseitig überprüfen wir unsere Schulen kritisch anhand einer Wunschliste. Das bringt uns beiden sehr viel, denn wir haben die gleiche Philosophie, dieselben Vorstellungen von Schule.

Peter Schipek: Herr Dr. Schmid – herzlichen Dank für den freundlichen Empfang und für das Gespräch.

Peter Schipek

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