Ausarbeitung: Kritische Betrachtung der Funktionen der Schule

Ist unser Schulsystem den Anforderungen der heutigen Zeit noch gewachsen oder ist es völlig veraltet? In der folgenden Ausarbeitung soll der Zweck, die Aufgabe und Verantwortung der Schule in unserer Gesellschaft erörtert werden. Dazu wird die gängige Praxis dargestellt und aufgezeigt, was sinnvoll verändert werden sollte.

Vorwort - Funktionen der Schule

Die Hausarbeit untersucht die Funktionen der Schule in unserer 'westlichen' Gesellschaft. Da der Begriff 'Funktion' in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich gebraucht wird, hier eine kurze Präzisierung:

Ich möchte in dieser Arbeit den Zweck, die Aufgabe und Verantwortung der Schule in unserer Gesellschaft erörtern. Um die tatsächliche Funktion von Schule zu verstehen, ist es allerdings wichtig, nicht nur die Intentionen zu betrachten, sondern auch die realen Wirkungen.

Das Thema Schule ist für mich von großem Interesse. Vermutlich auch aufgrund meiner eigenen Biographie. Ich glaube, Schule war für mich im Wesentlichen ein 'Schonraum', um meine schwierige und bewegte Kindheit und Jugend zu verlängern, bevor ich in der Lage war, halbwegs selbstständig in der (Arbeits-/Erwachsenen-)Welt zu bestehen.

Inhaltlich erinnere ich so gut nichts mehr. Ich habe es mit einigen Aussetzern und Umwegen irgendwie bis zum Schluss ausgehalten, und anscheinend war meine Auffassungsgabe und mein Kurzzeitgedächtnis gut genug, um am Ende das Abitur zu bestehen.

Das System als solches hatte ich lange Zeit nicht grundsätzlich in Frage gestellt, man musste eben durchkommen. Das eigentliche Leben begann danach, wo man die Sachen machen konnte, die einen wirklich interessierten. Ich sah Schule zwar als hoffnungslos ineffektiv, aber zumindest hatte sie mich nicht sonderlich gestört, während ich versuchte, meine größeren 'extracurrikularen' Probleme zu bewältigen.

Diese zwar kritische, aber im Grunde desinteressierte Haltung änderte sich, als ich das Buch 'Die Sudbury Valley School. Eine neue Sicht auf das Lernen' ( 1 ) in die Hände bekam. Mir wurde klar, dass die in der Schule ver(sch)wendete Lebenszeit keine sekundäre und vorrangig subjektive Angelegenheit ist, sondern schon in der Schule ungeahnte Möglichkeiten stecken für den einzelnen, ein erfülltes Leben zu führen, und für die Gesellschaft, zu einem wesentlich höheren Niveau von Verantwortung, langfristiger Vernunft, Engagement und Kreativität zu kommen.

Dazu müssen sich Schule und Schulpolitik aber grundlegend ändern. Diese Behauptung zu entfalten und zu begründen, ist Ziel dieser Hausarbeit.

Die Schule ist eine Institution und als solche muss sie wichtige Aufgaben erfüllen für die Gesellschaft, in der sie sich befindet. Das heißt, das intendierte Ergebnis muss für die jeweilige Gesellschaft förderlich und wünschenswert sein (nicht unbedingt für einzelne Mitglieder und auch nicht langfristig für alle, wie gescheiterte Gesellschaftssysteme zeigen), andernfalls dürfte die Institution nicht zugelassen werden. Auch sollte sie effektiv und effizient sein, andernfalls müsste sie verändert werden.

In den folgenden Seiten werde ich näher auf verschiedene Funktionen der Schule eingehen und diese kritisch reflektieren.

Quellennachweise:

(1)The Sudbury Valley School Press (Hrsg.) (2005): Die Sudbury Valley School. Eine neue Sicht auf das Lernen. Leipzig: tologo

Sozialisation als Reproduktion der Gesellschaft

Sinn der SchulbildungHinter diesen allgemeinen Feststellungen steckt eine zentrale Funktion von Schule, die so direkt nur selten genannt wird: Sie soll die bestehende Gesellschaft aufrecht erhalten.

Diese Behauptung klingt für manchen recht provokant - stünde das nicht im Widerspruch zum pädagogischen Ideal von Schule, das Potenzial möglichst jeden Kindes zu fördern?(2) Andere halten das vielleicht für eine Selbstverständlichkeit - indirekt setzt die Aussage, dass Schule die Kinder sozialisieren soll, ja einen ähnlichen Schwerpunkt.

Und natürlich erwarten wir alle, dass eine Schule keine prinzipiell gesellschaftskritische Institution ist, sondern die jeweilige gesellschaftliche Ordnung den Schülern gegenüber positiv vermittelt. In unserem Fall heißt das, eine Schule darf zwar reformpädagogisch sein, aber nicht prinzipiell unsere westliche, demokratische Gesellschaft in Frage stellen.

Unsere Schulen sollen aber nicht nur zu demokratischer, sondern auch zu religiöser Gläubigkeit erziehen. Interessanterweise ist "der Religionsunterricht als einziges Unterrichtsfach (...) für öffentliche Schulen im Grundgesetz abgesichert. (Art. 7, Abs. 3)"(3)

In der bayerischen Verfassung heißt es beispielsweise:

Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne.(4)

Die baden-württembergische Verfassung bezieht sich sogar explizit auf die christliche Religion:

Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.(5)

Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) brachte es kürzlich auf den Punkt: "Aus Religionsfreiheit darf nicht Religionsgleichheit werden."(6) Ja, alle sind gleich, aber einige gleicher. Paradox ist das aber ohnehin für einen Staat, in dem Staat und Religion eigentlich getrennt sein sollen.

Durch diese Bindung an die Verfassung werden auch noch andere Werte mit der Schulerziehung verknüpft, ein Beispiel aus der bayerischen Landesverfassung:

Art. 124 – 1) Ehe und Familie sind die natürliche und sittliche Grundlage der menschlichen Gemeinschaft und stehen unter dem besonderen Schutz des Staates. Und:

Art. 131 - 4) Die Mädchen sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.(7)

Natürlich: Das Welt-Bild beeinflusst die Bild-ung. "Bildung beinhaltet stets ein normatives Element" - die Erziehungs- und Lernziele. "Entscheidend ist die Frage, (...) ob das Weltbild, auf dem [die Ziele] basieren, offen gelegt wird."(8)

Der "Begründer der modernen Soziologie"(9) Émile Durkheim und der bedeutende amerikanische Soziologe Talcott Parsons haben diese Funktion der Schule, die Gesellschaft zu reproduzieren,(10) offen formuliert, freilich nicht kritisch in Frage gestellt, sondern als notwendiges Mittel des wünschenswerten Zwecks, die moderne Gesellschaft, so wie sie ist, aufrecht zu erhalten.

So muss nach Durkheim die Schule "Einsicht in die Notwendigkeit und Vernunft gesellschaftlicher Regeln" vermitteln, sodass das Individuum letztlich will, was es soll. Die Normen müssen zur "zweiten Natur" geworden sein, d.h. wir müssen von ihnen so selbstverständlich und ohne Zweifel überzeugt sein, dass kein Zwang notwendig ist, um uns dazu zu bringen, sie einzuhalten.(11)

Parsons begründet, warum speziell die Schule diese Schlüsselaufgabe hat: Nach seinem Modell ist die Gesellschaft eine Pyramide. Oben sind die mit guten Leistungen, unten die mit wenig Leistung und durch den Selektionsprozess, der in der Schule stattfand, haben die Menschen das Leistungsprinzip verinnerlicht. Wenn sie die Schule durchlaufen haben, sind sie überzeugt, dass es gerecht ist, wenn sie oben bzw. unten sind, denn jeder hatte in der Schule die gleiche Chance, sodass ihre gesellschaftliche Stellung ihrer Verantwortung zuzuschreiben ist.(12)

Dass die Schule die Basis sozialer Ungleichheit ist, bestätigt auch der Entwicklungspsychologe Rolf Oerter, nur denkt er dabei in die andere Richtung: "Die Schule ist die einzige Institution, die das Klassendenken in der Gesellschaft überwinden könnte."(13)

Quellennachweise:

(2) Vgl. Berliner Schulgesetz, § 1 Auftrag der Schule: "Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln."

URL: Bildung für Berlin - Schulgesetz

(7) Verfassung des Freistaates Bayern, a.a.O.

(8) Pech, Detlef (2008): Bildung und Kindheitswissenschaften. Überlegungen zu einem vernachlässigten Verhältnis. In: Luber, E. & Hungerland, B. (Hrsg.), Angewandte Kindheitswissenschaften. Eine Einführung für Studium und Praxis. Weinheim, München: Juventa. S. 101

(9) Baumgart, Franzjörg (Hrsg.) (2004): Theorien der Sozialisation. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. 3., durchgesehene Auflage. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. S. 31

(10) Vgl. ebd. und S. 84

(11) Ebd. S. 32f.

(12) Vgl. Parsons, Talcott (1959): Die Schulklasse als soziales System. In: Baumgart, F. (Hrsg.), Theorien der Sozialisation. Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. 3., durchgesehene Auflage. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. S. 99 - 115

(13) Oerter, Rolf (1999): Die Schule zwischen Nestwärme und Leistungsdruck. In: SZ, Nr. 116. S. 63

05.04.2017 © seit 02.2011 Priska Buchner

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