Pädagogik Ausarbeitung: Die Bedeutung des Spielens

In diesem Text befasse ich mich mit der Bedeutung des Spiels, speziell in Bezug auf die kindliche - oder ich möchte lieber sagen, auf die menschliche Entwicklung.

Einleitung

„Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird.“
Astrid Lindgren

Die Bedeutung des Spiels hat sich gewandelt und tut es immer noch: im Lauf der Geschichte, je nach Kultur und Gesellschaft und ganz individuell entsprechend der Überzeugung des Einzelnen. Dies liegt in der Natur des Begriffs: Bedeutung ist nichts, das einer Sache innewohnt, sondern Bedeutung gibt es immer nur für jemanden, für Menschen.

Dennoch lässt sich eine bestimmte Bedeutungszuschreibung mit Begründungen verallgemeinern und plausibilisieren. Ich möchte zeigen, dass Spielen in unserer Gesellschaft und unserer Zeit einen Stellenwert haben sollte, den es leider in weiten Teilen noch nicht hat.

Das Thema ist daher für mich von besonderer Relevanz für die Erziehungswissenschaft (und damit auch die Entwicklungspsychologie). Wir befinden uns derzeit in einer lebhaften Diskussion, die ich etwas vereinfacht in zwei Pole teilen will.

Auf der einen Seite haben wir die Fokussierung auf die frühe Förderung, die nicht früh genug beginnen kann (die verantwortungsbewusste Mutter beschäftigt sich damit schon in der Schwangerschaft).

In Vorsorgeuntersuchungen und Leistungstests im Kindergarten sollen Entwicklungsverzögerungen oder -abweichungen, die wir dank den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie sehr genau diagnostizieren können, erkannt werden und geeignete pädagogische und therapeutische Maßnahmen ergriffen werden.

Spätestens seit dem "Pisa-Schock", der 2002 eine breite Öffentlichkeit erfasste, steht das deutsche Schulsystem unter scharfer Kritik. Neben der notwendigen Reformierung der Schule diskutiert man auch die Vorverlegung von Bildung und Unterricht in den Kindergarten.

Die andere Seite, auf der ich mich mit dieser Hausarbeit positioniere, warnt vor weiteren Lösungsansätzen dieser Art. Man spricht von "einer noch früheren einseitigen Intellektualisierung (Quellennachweis 1), einer Pädagogisierung und Institutionalisierung der Kindheit (Quellennachweis 2). Wo man früher einfach mal sagen konnte: "Das verwächst sich", sorgt man sich heute, ob das entsprechende Verhalten noch normal ist oder eine Abweichung.

Und wenn ja, was sind die Ursachen? Es könnte ja auch eine Hochbegabung dahinter stecken, die ganz andere Fördermaßnahmen verlangt?

Ob Hoch- oder Minderbegabung, da das Spielen als primäre Lernform des Kindes gilt, ist es das Förder-Mittel der Wahl und wird entsprechend in Kindererziehung (privat oder institutionell) und Therapie funktionalisiert.

Das geplante, beaufsichtigte, pädagogisierte Spielen (ist es dann eigentlich noch Spielen?) verdrängt immer mehr das freie Spiel. Das freie Spielen hat aber einen ganz eigenen, unersetzlichen Stellenwert und Nutzen in der kindlichen Entwicklung.

Ich werde zunächst auf Definitionen des Begriffs Spiels eingehen und vorstellen, welche Wirkungen, welchen Nutzen des Spielens die Wissenschaft beobachtet.

Dann werde ich die Sorge und Behauptung vorstellen und begründen, dass das freie Spielen in unserer Gesellschaft in bedenklichem Ausmaß zurückgeht und schließlich dafür argumentieren, dass diese Entwicklung in das genaue Gegenteil verkehrt werden sollte: Der Stellenwert des Spielens sollte (im Vergleich zu früher) nicht ab- sondern wesentlich zunehmen.

Quellennachweise

1. Pohl, Gabriele (2006): Kindheit - auf's Spiel gesetzt: Warum Spielen nötig ist, damit Kinder ihre körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten entfalten können und was sie dazu brauchen. Berlin: Dohrmann, S. 18

2. Vgl. Zurek, Adam (2007), Ist das Kinderspiel noch zu retten? Bedrohung des Spiels und Befreiung im Spiel. In: Psychologie & Gesellschaftskritik. Heft 4: Kinder.Spiel. 31. Jahrgang (2007), Nr. 124, S. 57

Charakterisierung des Spielens

Zunächst einmal halte ich es für wichtig, zu betonen, dass Spielen eine Tätigkeit, ein Prozess ist. Wenn wir für eine Tätigkeit ein Hauptwort erfinden, distanzieren wir uns davon, machen es zu einem Ding, das man haben kann. Ein gutes Beispiel dafür ist das Hauptwort "Liebe". Liebe ist kein Ding, das man haben kann. Man kann sie nicht besitzen und auch nicht verlieren. Man kann nur selbst lieben und man kann geliebt werden. Jeder kann es jetzt tun oder eben auch lassen und nur wenn er es tut, "gibt es Liebe".

Kinderspiel spielen PädagogikWarum ist mir das wichtig zu betonen? Weil wir auch das Spielen nicht verordnen, besitzen oder kaufen können.

Wir können Spiele entwerfen und initiieren, Spielzeug verkaufen, aber Spielen entsteht nur, wenn jemand aktiv und freiwillig eine Tätigkeit spielerisch vollzieht. Deshalb habe ich im Titel das Verb 'spielen' verwendet und will dies auch weiterhin tun.

Wenn man sich die anerkannte Definition für Spiel des Philologen und Kulturhistorikers Johan Huizinga anschaut, wird das auch deutlich: Er verwendet das Hauptwort Spiel und definiert dann eine Tätigkeit:

Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewußtsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘. (Quellennachweis 3)

Eine eindeutige und umfassende Definition von Spielen ist schwierig. Dies ist immer wieder versucht worden und immer fand dann jemand Beispiele oder Begründungen, warum die jeweilige Definition entweder zu eng oder zu weit ist.

Zum Beispiel betrachtet man es gemeinhin als eine zentrale Eigenschaft von Spielen, dass es mit Spaß verbunden ist. In manchen Texten wird der Ernst als der Gegenbegriff zum Spiel vorgeschlagen. (Quellennachweis 4)

Jedoch wird auch in diesen - eigentlich in allen Definitionen von Spiel, die ich gefunden habe - festgestellt, dass ein "heiliger Ernst" ebenfalls essentiell zum Spiel gehört. Wer spielt, der ist in das Spiel versunken, er ist hineingezogen und handelt mit heiligem Ernst - ansonsten ist er ein Spielverderber. Dieses Mitgehen ist dem Spiel nicht äußerlich, sondern wesentlich. Der Gegenbegriff zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Nichtdabeisein, Nichtdrinsein.

Wie bei vielen anderen Begriffen ist es schwer, die Grenzen scharf abzustecken: Ab wann ist ein Spiel kein Spiel mehr? Ist ein Bundesliga-Fußballspiel, bei dem es um viele Millionen Euro geht noch ein Spiel oder nicht vielmehr Arbeit/Geschäft? Darf ein Spiel anstrengend sein? Huizinga nennt die Freude: Was also, wenn man sich im Spiel ärgert?

Die meisten Autoren nennen als notwendige Merkmale des Spiels, dass es als Gegenstück zur Arbeit keinen Zweck außerhalb seiner selbst (exotelisch) haben darf (Quellennachweis 5)und der Realitätsbezug wechseln muss. (Quellennachweis 6)

Damit ist aber vieles "Spielerisch-tätig-Sein", das der Flowforscher Csikszentmihalyi untersucht hat, kein Spiel(en) mehr. Der Sudbury-Gründer Greenberg bezeichnet auch manche Tätigkeit eines Forschers als Spielen.

The mind of a person at play must be engaged in some creative fancy; I generally call this mental activity "model-building". Play is model-building in action. It is the mind's laboratory, testing in the physical domain the fancies it has come up with in its purely mental exercises. Play does what every experiment, every "reality check", does: it provides feedback to the brain about the consequences of its models when played out in the real world environment. (Quellennachweis 7)

Nach den beiden oben genannten Kriterien fallen diese Tätigkeiten aber nicht mehr unter den Oberbegriff "Spielen".

Meiner Ansicht nach grenzen wir so Spielen häufig aus der Welt aus, verbannen es in Schonräume und beschneiden letztlich den spielenden genauso wie den arbeitenden Menschen. Meine Hypothese ist, dass es eher Pole eines Kontinuums sind: Ab einem bestimmten Maß zunehmender exotelischer und abnehmender autotelischer Motivation sprechen wir nicht mehr von Spielen, sondern von reiner Arbeit - die im Extrem letztlich krank macht. (Quellennachweis 8)

Ich bin mir dessen bewusst, dass eine bestimmte Definition oder Charakterisierung eine Entscheidung ist, die wir auch anders hätten treffen können, und keine unhintergehbare Wahrheit.

Aus den oben genannten Gründen habe mich für folgende essentielle Spiel-Merkmale entschieden:

  • freiwillige, intrinsisch motivierte Tätigkeit (auf die Frage, ob extrinsische Motivation hinzu kommen kann, werde ich noch eingehen)
  • d.h. Spielen findet primär zum Selbstzweck (autotelisch) statt, jedoch wird ein Spielziel festgelegt. (Quellennachweis 9)
  • d.h. es ist nicht mit materiellen Interessen verbunden, oder anders: materiellen Profit zu erzielen, ist nicht der Zweck des Spielens
  • es findet nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln statt
  • in der Regel mit Freude und Genuss verbunden
  • gleichzeitig ist der Spieler ganz ins Spiel versunken und nimmt es sehr ernst
  • es ist eine Herausforderung, aber keine Überforderung für ihn
  • das Zeiterleben ist weitgehend ausgeschaltet
  • es ist immer eine aktive Tätigkeit

Wenn man sich diese Kennzeichen von Spielen ansieht, kann man sich vorstellen, warum Spielen in der Geschichte häufig verteufelt und verachtet wurde. Bekannt dafür sind das Mittelalter, der deutsche Pietismus in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und der englische Puritanismus vom 16. bis ins 18. Jahrhundert.

So galt das Spiel im Mittelalter über lange Zeitspannen hinweg als Gotteslästerung. Nach der 1713 in Kraft getretenen Allgemeinen preußischen Schulordnung sollten Kinder "zu 'wahrer Gottseligkeit' und 'christlicher Klugheit', abseits von Spiel und Vergnügungen aller Art (Quellennachweis 10) erzogen werden. "Pietistischer Haltung entsprach es (...), dass ein Pastor, wenn er Kinder spielen sah, sie mit einem Rohrstock schlagen konnte, um ihnen dieses unfromme und nutzlose Tun zu verleiden. (Quellennachweis 11)

Natürlich: Die Entwicklung des freien Willens, der Kreativität, Tätigkeiten, die primär auf die Erfahrung von Lust und nicht auf die Produktion materieller Werte und Profite gerichtet waren, stellten im Grunde eine Gefahr für die Gesellschaft und die bestehenden Herrschaftsverhältnisse dar. Solche Tätigkeiten konnten allenfalls einer kleinen Elite oder als kurze Regeneration von und für die Arbeit gestattet werden.

Selbstständiges Denken und Entscheiden, eigene Interessen sind in Gesellschaften, in denen nur die Kirche und der Kaiser die Macht haben soll, und in Gesellschaften, in denen der Großteil der Menschen fast ausschließlich schwere, monotone, mechanische Arbeit verrichten soll, nicht nur nicht erforderlich, sondern höchst unerwünscht.

Die Erkenntnis, dass das frühe einseitige Abrichten des Kindes letztlich zu Stillstand und Niedergang der Gesellschaft führt, setzte sich allerdings im Zeitalter der Aufklärung nach und nach durch. Jean-Jacques Rousseau, die Philanthropen Johann Bernhard Basedow, Johann Christoph Friedrich GutsMuths und später Friedrich Fröbel erkannten, dass das Spiel als wesentliche kindliche Entwicklungs- und Lernform geschützt und gefördert werden musste.

Quellennachweise:

3. Huizinga, Johan (1938/202006): Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbek: Rowohlt, S. 37

4. Vgl. Kramer, Wolfgang (2002): 6. Bedeutung von Spielen, URL: http://kramer-spiele.privat.t-online.de/vortraege/vortrag6.htm [13.09.2010]

5. Vgl. Oerter, Rolf (1997): Psychologie des Spiels. Weinheim: Psychologie Verlags Union, S. 5 "Wer durch Klavierspiel sein Geld verdient, der arbeitet."

6. Ebd., S. 9

7. Greenberg, Daniel: Play. URL: http://www.sudval.org/05_underlyingideas.html#02 [13.09.2010]

8. Vgl. Csikszentmihalyi, Mihaly (2010): Flow - der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. Freiburg im Breisgau: Herder, S. 150: "... alles, was wir tun, ist teils autotelisch (...), teils aber exotelisch ..."

9. Vgl. ebd. S. 138: Im einfachsten Fall: "... wenn ein Kind z.B. mit Bausteinen spielt und einen Turm errichten möchte, dann ist sein gegenwärtiges Ziel, einen Stein auf den nächsten zu setzen ...".

10. Richter, Wilhelm (1981): Berliner Schulgeschichte. Berlin: Copress, S. 32, zitiert nach Binger, Lothar u.a. (1993): Kinderspielräume. Berlin-Kreuzberg: Transit Buchverlag, S. 20

11. Binger, Lothar u.a. (1993): Kinderspielräume. Berlin-Kreuzberg: Transit Buchverlag, S. 21

05.04.2017 © Priska Buchner

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