Lernverhalten: Wie Kinder lernen die Welt zu verstehen

Es gibt zahlreiche Theorien über Lernverhalten von Kindern, über die verschiedenen Lernformen, von der richtigen Aufbereitung bis hin zum empfohlenen Lernmaterial. In diesem Artikel wollen wir untersuchen, „wie“ Kinder lernen.

Lernen in der Kindheit

Die Kindheit stellt die intensivste Lernphase im Leben der meisten Menschen dar – darüber sind sich die Untersuchungen einig.

Durch unsere eigenen Lernerfahrungen in der Schule, dem Familienleben und Berufsleben, hat sich eine bestimmte Einstellung zum Thema „Lernen“ ausgeprägt. Manche sind davon überzeugt, dass es ohne Druck nicht geht. Andere finden es wichtig, Kinder zu motivieren.

Lernverhalten wie Kinder lernen

Aber unabhängig davon, welche Einstellung man sich zum Thema „Lernen“ angeeignet hat, sollten Eltern über das Lernverhalten ihrer Kinder Bescheid wissen.

Schließlich steht jedes Kind vor der Herausforderung, die hohe Komplexität der Welt in einer vergleichsweise kurzen Zeit erfolgreich bewältigen zu müssen.

Wie lernen Kinder?

1. Kinder lernen spielerisch

Am meisten lernen Kinder spielerisch, in ungeplanten Situationen – im sogenannten Freispiel. Das haben psychologische und pädagogische Untersuchungen herausgefunden. Kinder lernen – so scheint es – unsystematisch.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen: 3 Kinder zwischen 4 und 6 Jahren spielen mit einem Fußball. Die Rollen wechseln schnell, ebenso die Regeln dieses Spiels. Am Anfang darf der Ball nur mit den Füßen berührt werden. Dann jedoch gibt es Regeländerungen. Der Ball darf eine kurze Zeit mit den Händen gespielt werden, um dann auf Kommando wieder nur mit dem rechten Fuß den Fußball berühren zu dürfen, dann mit dem linken, wieder mit den Händen…

Die Kinder kommunizieren laufend miteinander. Jeder darf Kommandos geben, denen auch Folge geleistet wird. Auch das Tor ändert seine Richtung. Mal ist es zwischen den beiden Bäumen, dann wieder in der entgegengesetzten Richtung.

Kinder lernen Ball spielen

Dieses Beispiel zeigt schön, wie Kinder lernen. Das, was zuerst chaotisch aussieht, hat jedoch System. Kinder erfinden Regeln, wechseln sie, tauschen ihre Rollen als Kommandogeber und Ausführender. In diesem Spiel geht es aber nicht nur darum, Regeln zu erfinden, sondern vor allem sich an diese auch verbindlich zu halten.

Die Situation ist komplex, komplexer als es auf den ersten Blick scheinen mag, denn die Kinder haben nicht nur ihren Körper zu koordinieren, sondern auch den Kommandos zu folgen bzw. selbst Regeländerungen vorzuschlagen. Sie denken sich ein Spiel selbst aus, um sich spielerisch in einer Welt, die aus Regeln besteht, zurechtzufinden.

Wer spielenden Kindern zusieht, wird beobachten, dass sie es mit großem Ernst und Verbindlichkeit tun. Kinder unterscheiden nicht von sich aus, ob sie spielen oder arbeiten. Sie machen noch keinen nennenswerten Unterschied zwischen diesen beiden Tätigkeiten.

Wer das Spiel abwertet, was schon mit einer kleinen Bemerkung geschehen kann, wie „Geh du mal lieber spielen, anstatt mich hier zu nerven…“, handelt unangemessen. Denn das Spiel ist die Methode der Kinder, sich in der Welt zurechtfinden zu lernen und sie zu erobern.

2. Kinder lernen aktiv durch „Begreifen“

Das soll wörtlich verstanden werden. Kinder brauchen sinnliche Erfahrungen, um zu lernen. Sie müssen die Dinge in die Hand nehmen, anfassen, greifen und so viele Sinne wie möglich einsetzen. Je mehr sie ihren Körper aktiv einsetzen, desto besser ihr Lernerfolg. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich Kinder bewegen, denn sie lernen nicht nur mit dem Kopf, sondern ganzheitlich, d.h. sie sind als ganzer Mensch am Lernprozess beteiligt, mit Geist, Seele und Körper.

Mit Formeln, Abstraktionen oder Theorien lernen sie erst später umzugehen. Das Problem vieler Erwachsener besteht darin, dass sie zwar mit Abstraktionen gut klarkommen, oft aber im Lauf ihres Lebens, den sinnlichen Kontakt zu den Dingen verlieren.

Insofern wird heutzutage empfohlen darauf zu achten, dass sich Kinder täglich mindestens 1 – 1 1/2 Stunden aktiv bewegen. Es gibt immer mehr Kinder, die sich zu wenig bewegen, was sich nachteilig auf ihren Lernerfolg und ihr Gewicht auswirkt.

3. Kinder lernen entdeckend

Kinder leben in einer Welt, die für sie voller Wunder ist, ihr Interesse weckt, sie neugierig macht. Sie gehen, wie jeder Mensch, von etwas aus, was ihnen bekannt ist. Damit hantieren und experimentieren sie. Doch dann geschieht etwas, das sie verwundert, was vielleicht nicht in das vertraute Muster passt, was anders ist.

Dies erweckt ihr Interesse, ihre Neugier, ihr Staunen – es entstehen Fragen. Hier gibt es etwas zu entdecken, herauszufinden und zu lernen. Sie bilden Hypothesen, experimentieren, versuchen sich die Welt zu erklären. Sobald sie eine Antwort gefunden haben, wird diese auf viele anderen Situationen übertragen, ausprobiert, gespielt.

4. Kinder lernen durch Kommunikation

Lernen ist ein sozialer Akt. Der Austausch mit anderen Menschen ist Bedingung für Lernerfolge – nicht nur bei Kindern. Doch bei Kindern lässt sich das besonders gut beobachten. Sie brauchen Menschen, denen sie ihre Erfahrungen und Erfolge mitteilen können.

Sie brauchen ein soziales Umfeld, indem Fragen gestellt und Antworten gegeben werden. Nicht alles können sich Kinder direkt über ihre Umwelt erschließen, weshalb die Kommunikation über die Welt besonders wichtig ist.

Es gibt viele Bereiche, die eine Vermittlung über Kommunikation erfordern. Freuen Sie sich deshalb über die vielen Fragen, die Ihr Kind stellt.

5. Kinder lernen ohne Vorurteile

Kinder gehen sehr offen auf Menschen zu, unabhängig von Hautfarbe oder sonstigen Besonderheiten. Besonders gut lässt sich das im Umgang mit Behinderten beobachten.

Wo Erwachsene oft wegsehen, sehen Kinder hin, denn das Ungewöhnliche weckt ihre Aufmerksamkeit.

Kinder bilden sich keine vorgefassten Meinungen. Viele Eltern dürfte die Erfahrung gemacht haben, dass sich ihr Kind für Dinge interessiert, vor denen sich ein Elternteil gruselt, z.B. eine Spinne in die Hand zu nehmen oder Mistkäfer mit nach Hause zu bringen, wegen der „schön-schillernden Farben“.

Kinder bieten damit ungewollt ihren Eltern die Chance sich zu beobachten und herauszufinden, wo Vorurteile bestehen. Die Gelegenheit sich als Eltern darüber bewusst zu werden, mag dazu dienen eigene Vorurteile kritisch zu hinterfragen oder sogar abzubauen.

6. Kinder lernen nach individuellem Interesse

Das hängt in diesem Kontext vor allem mit ihrem momentanen Interesse zusammen, das sehr schnell – zumindest aus den Augen der Erwachsenen – wechseln kann.

Lernverhalten von Kindern

Ein Beispiel mag diesen Punkt verdeutlichen: Eltern gehen mit ihrem 5-jährigen Sohn zum Zoo. Sie wollen dem Kleinen die vielen verschiedenen Tiere zeigen.

Schon kurz hinter dem Eingang des Zoos weckt ein Tor, das wie von unsichtbarer Hand gesteuert wird, das Interesse des Kindes. Es will wissen, wer dieses große und schwere Tor bewegt. Nach einer 1/2 h Beobachtung und vielen Fragen ist das Kind zufrieden und setzt mit den Eltern zusammen seinen Weg fort.

Viele Eltern dürften mit ähnlichen Situationen genügend Erfahrungen gesammelt haben. Sie bereiten einen Ausflug vor oder sprechen ein Thema an, doch die Aufmerksamkeit und Fragen des Kindes gehen in eine etwas andere Richtung. Doch sie sind nicht unkonzentriert, sondern eben von seinem individuellen Interesse geleitet. Ihr Interesse lässt sich nur nicht genau vorhersagen.

7. Kinder lernen ohne Konkurrenz

Kinder lernen an ihren Vorbildern, also Menschen, die sie bewundern. Doch Konkurrenz im Sinne – „ich lerne, um besser als andere zu sein“ – oder – „ich muss immer Erster sein“ – ist ihnen fremd.

Sie lernen, um sich zu perfektionieren, um etwas selbst – von sich aus – besser zu machen. Kinder beobachten das Verhalten anderer Menschen, nicht aber ihre Defizite. Sicherlich lässt sich beobachten, dass Kinder andere Kinder als „dumm“ bezeichnen. Doch das geschieht nicht im Kontext eines Qualitätsurteils, sondern meist im Kontext einer Streitsituation (z.B. wird „dumm“ als allgemeines Schimpfwort gebraucht).

8. Kinder lernen aus Spaß

Kinder haben noch kein Konzept über Leistung oder Leistungserfolge. Selbst viele Kinder, die schon in der Grundschule sind, v.a. in der ersten Klasse, haben kaum einen Bezug zu Noten.

Kinder lernen aus Freude

Sie lernen, weil es ihnen Spaß macht, weil sie Lust haben etwas herauszufinden und sich eigen zu machen. Sie werden Situationen, in denen sie Unlust und Widerwillen verspüren, vermeiden.

Auch wenn Kinder eine gute Beziehung zur Bezugsperson haben, sind sie bereit viel aufzunehmen und sich intensiv zu engagieren.

Kinder haben noch keine Lernziele im Sinne der Erwachsenen. Sie haben ihre eigenen erfüllbaren Zwecke, die sich von denen der Erwachsenen unterscheiden.

9. Kinder lernen mit der richtigen Lernmethode

Erst in der Schule lernen sie anders zu lernen. Der Wissensdurst von Kindern kommt von der Notwendigkeit, sich in der eigenen Umwelt zurechtfinden zu wollen. Erst später werden sie Spezialgebiete wählen, denen sie sich intensiv und geplant widmen.

Belehrbar sind Kinder nicht, doch sie können lernen und andere Erfahrungen machen. Wenn wir Kinder darin unterstützen, ihren eigenen Lernweg zu gehen, können wir beobachten, welche persönlichen Strategien sie einsetzen. Wir können beobachten, wie sie mit Fehlern umgehen, welche Antworten sie finden und wo sie uns brauchen. Eltern haben hier eine einzigartige Chance sich selbst über die vielen wunderbaren Dinge in der Welt wieder bewusst zu werden, andere Perspektiven einzunehmen und wieder mehr zu spielen.

Viel Freude beim gemeinsamen Lernen mit Ihren Kindern!

Cassandra B.

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