Schulangst: Was Eltern gegen Schulangst tun können

Schulangst kann Kindern den Spaß am Lernen verleiden. Schulängste haben verschiedene Ursachen und sollten von Eltern möglichst früh erkannt werden, damit sie ihrem Kind helfen können.

Schulangst - Was Eltern gegen Angst vor Schule tun könnenEs gibt unterschiedliche Formen der Schulangst wie Prüfungsängste, Angst dem Leistungsdruck nicht gewachsen zu sein, Angst vor Gewalt in der Schule, Angst vor Erniedrigung etc. - um einige Beispiele zu nennen.

Ängste hemmen uns, wir ziehen uns zurück, bilden Schutzreaktionen aus oder wir neigen vermehrt zur Aggressivität, um uns selbst zu verteidigen.

Auch aus der Sicht der Gehirnforschung wirken sich schlechte Gefühle beim Lernen negativ aus. Denn das Gehirn speichert nicht nur das, was wir getan haben, sondern auch die dabei erlebten Gefühle - quasi als Einheit - ab. Wer also mit Angst lernt, muss sich nicht wundern, wenn er später als Erwachsener eine Abneigung gegen das Lernen entwickelt.

Laut bundesweiten Umfragen wollen mehr als 60 Prozent aller Eltern ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen. Denn wer später "etwas Wert sein will", muss sich schon in der Schule beweisen - zu den Besten gehören. Statt spielerisch zu lernen, sehen sich die Kinder schon früh unter Konkurrenzdruck der Leistungsgesellschaft ausgesetzt.

Kinder und Eltern können aktiv etwas tun, um Schulängste zu vermeiden - gemeinsam einen Weg zu finden, wie Lernen wieder Spaß macht. Dieses Interview mit der Theologin Rabea Rentschler informiert Eltern, was sie gegen Schulängste ihrer Kinder tun können.

Interview: Was können Eltern gegen Schulangst tun?

Peter Schipek: Frau Rentschler - Sie haben in Heidelberg Theologie und Philosophie studiert und sind seit einem Jahr Redakteurin bei „Gehirn&Geist“ - dem Magazin für Psychologie und Hirnforschung.

Was bewegt Sie als Theologin sich diesen Themen zu widmen?

Rabea Rentschler: Der Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat mich schon im Studium interessiert. Da habe ich schon mal in fachfremden Fakultäten Mäuschen gespielt. Gerade im Bereich Psychologie und Hirnforschung lassen sich viele Themen nur sinnvoll betrachten, wenn beide Seiten zu Wort kommen: Leib und Seele, Gehirn und Geist.

Peter Schipek: Sie beschäftigen sich unter anderem mit den Themen Gewalt und Angst. Rechtzeitig zu Schulbeginn lesen wir in der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist Ihren Artikel über Schulangst „Wenn die Schulbank drückt“.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Schulängsten steigt ständig. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

gegen Schulangst etwas tunRabea Rentschler: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Was Erwachsene immer stärker zu spüren bekommen, macht auch Kindern zu schaffen. Schon Grundschülern wird eingetrichtert, dass aus ihnen nichts werden könne, wenn sie keine guten Noten haben.

Laut bundesweiten Umfragen wollen mehr als 60 Prozent aller Eltern ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen. Doch nur etwa 30 Prozent eines Jahrgangs machen am Ende auch das Abitur. Daran sieht man die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Sensible Kinder halten diesem Druck oft nicht stand.

Peter Schipek: Wie sehen denn die Symptome von Schulangst aus und was steckt hinter diesen Ängsten? Es ist ja nicht immer der Leistungsdruck.

Rabea Rentschler: Grundsätzlich muss zwischen zwei Varianten unterschieden werden: Zunächst gibt es die klassische Schulangst, hier fürchtet der Schüler schulspezifische Situationen, etwa Prüfungen, Mitschüler oder Lehrer. Etwa 30 Prozent der Kinder, die sich vorm schulischen Versagen fürchten, haben auch soziale Ängste.

Die in Zahlen kleinere Gruppe leidet unter einer sogenannten Schulphobie. In diesem Fall haben die Kinder Angst sich von ihrer Mutter bzw. ihrer primären Bezugsperson zu lösen. Schulangst zu erkennen, ist nicht immer leicht: Ein Kind sagt nicht: „Mama, ich fürchte mich vor der Mathearbeit“, sondern „Ich habe Bauchweh.“ Regelmäßige Schmerzen, für die es keine organische Erklärung gibt, sind häufig ein erster Hinweis.

Bei Verdacht sollte in jedem Fall der Klassenlehrer oder ein Schulpsychologe zurate gezogen werden.

Peter Schipek: Was sind die Anzeichen und Ursachen für Leistungsangst? Woran können denn Eltern erkennen, dass ihr Kind überfordert ist?

Rabea Rentschler: Wenn ein Kind vor Klassenarbeiten regelmäßig über Übelkeit klagt, an keinem Fach Freude hat oder trotz Nachhilfe keine Fortschritte macht, können das Hinweise auf Überforderung sein. Möglicherweise wurde der falsche Schultyp gewählt. Es sollte auch getestet werden, ob eventuell eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche vorliegt.

Ist das der Fall, kann das Kind gezielt gefördert werden. Häufig kommt es erst in der siebten oder achten Klasse zu Leistungseinbrüchen. Wenn die zweite Fremdsprache auf dem Stundenplan steht und weitere Fächer hinzukommen, reicht Fleiß nicht mehr aus.

Peter Schipek: Viele Kinder und Jugendliche haben Angst aufgrund der Gewaltentwicklung in Schulen. Erpressen von Geld, Verprügeln und Mobbing gehören beinahe zum Alltag.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind in der Schule zum Opfer wird? Wie muss denn eine Schule aussehen, um mit diesen Problemen fertig zu werden?

Gegen Schulangst etwas tunRabea Rentschler: Eltern sollten ihrem Kind von Anfang an eine gesunde Portion Selbstbewusstsein vermitteln. Das gilt besonders für sehr sensible und introvertierte Kinder. Sie müssen wissen, dass sie mit Sorgen oder Problemen immer zu ihren Eltern kommen können – oder natürlich zu ihren Lehrern.

Am Schlimmsten ist das Gefühl, anderen hoffnungslos ausgeliefert, machtlos zu sein. Wenn ein Kind Mobbing-Opfer ist, müssen umgehend Lehrer und Eltern der Mobber eingeschaltet werden. Dem Kind hilft es langfristig am meisten, wenn es lernt, dass und wie es sich wehren kann.

Je früher desto besser. Es braucht nicht erst still abwarten, ob es von alleine besser wird. Viele Probleme gehen mit sozialen Schwierigkeiten im Elternhaus der aggressiven Schüler einher. Idealerweise gäbe es deshalb natürlich an jeder Schule einen eigenen Schulpsychologen oder Sozialarbeiter – doch das ist derzeit wohl Wunschdenken.

Regelmäßige Klassengespräche und gemeinschaftsbildende Aktivitäten gehören aber auf jeden Stundenplan.

Peter Schipek: Viele Kinder sprechen gar nicht mit den Eltern über ihre Ängste. Wie können denn Eltern ihren Kindern mögliche ängstigende Erfahrungen aus der Schule entlocken?

Rabea Rentschler: Das ist von Kind zu Kind natürlich sehr verschieden. Eltern sollten sich regelmäßig Zeit nehmen, über den Schulalltag zu sprechen. Nur wenn sie auch sonst am Schulleben ihres Kindes Interesse zeigen, wird es in Konfliktsituationen auch mit ihnen reden. Besteht Grund zur Sorge, sollten Eltern ihr Kind beobachten:

Meidet es plötzlich bestimmte Klassenkameraden, den Sportunterricht oder verliert es die Freude an einem bestimmten Fach – dann sollte einfühlsam genauer nachgeforscht werden. Druck hilft hier nicht weiter.

Peter Schipek: Manche Lehrer entmutigen oder kränken sogar ihre Schüler und verstärken damit die Unsicherheit und Ängste der Kinder. Was können Eltern dagegen unternehmen?

Rabea Rentschler: Das ist eine schwierige Situation. Es nützt nichts, die Fronten zwischen Schüler und Lehrer noch zusätzlich zu verhärten.

Eltern sollten das angeschlagene Selbstwertgefühl ihres Schützlings durch viel Lob gezielt wieder aufbauen. Hält die angespannte Situation zwischen Schüler und Lehrer an, sollten sie darüber mit dem betreffenden Lehrer sprechen.

Am besten ist jedoch, wenn das Kind das zunächst selbst versucht. Traut es sich das nicht, kann es dem Lehrer einen Brief schreiben, in dem es erklärt, wie er seine Gefühle verletzt hat. So hat der Lehrer die Chance ein Verhalten, das ihm vielleicht gar nicht bewusst ist, zu ändern und sich zu entschuldigen.

Peter Schipek: Wie tolerant sollen Eltern sein, wenn ihre Kinder aus Angst die Schule schwänzen?

Hilfe gegen SchulangstRabea Rentschler: Beim Schuleschwänzen hilft nur eins: Null Toleranz. Auch wenn anfangs oft nur Abenteuerlust dahinter steckt, sollten Eltern und Lehrer hier keine Ausnahmen machen. Derzeit nimmt die Zahl der Schulschwänzer in Deutschland ständig zu, und zwar in allen Altersgruppen. Kinder und Jugendliche müssen da von Anfang an lernen, das Schwänzen kein harmloser Streich ist.

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass regelmäßiges Fehlen nicht nur Folgen für den beruflichen Werdegang hat: Etwa die Hälfte der regelmäßigen Schwänzer entwickelt mit der Zeit auch psychische Störungen wie etwa soziale Ängste oder Depressionen.

Kinder, die aus Angst schwänzen, brauchen Hilfe. Doch die Angst können sie nur da wieder verlernen, wo sie entstanden ist – in der Schule.

Peter Schipek: Viele Kinder und Jugendliche nehmen Medikamente gegen Angst, Stress und Hyperaktivität. Behandeln wir damit nur Symptome? Liegt darin nicht die nächste Gefahr?

Rabea Rentschler: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Medikamente sind jedoch gewiss nicht der erste Schritt. Zunächst müssen Eltern gemeinsam mit spezialisierten Therapeuten die Ursachen der Angst klären. Meist hilft eine ambulante Verhaltens- oder Familientherapie schon viel weiter.

In den allermeisten Fällen ist eine medikamentöse Behandlung bei Schulangst oder Schulphobie nicht nötig.

Peter Schipek: Viele Eltern fragen sich, was sie tun können, um Schulängste zu vermeiden. Welchen Rat können Sie diesen Eltern geben?

Rabea Rentschler: Im Wesentlichen sollten Eltern vier Punkte beherzigen:

  • Konsequent sein – Schule ist ein Einschnitt, bei dem sich Kinder stärker als bisher von den Eltern lösen müssen, um selbstständig zu werden. Besonders ängstliche Kinder sollten daher lieber gemeinsam mit Freunden in die Schule gehen, statt von Mama oder Papa bis ins Klassenzimmer begleitet zu werden.
  • Richtig trösten – klagt ein Kind morgens über Bauchweh, sollten Eltern es einfühlsam trösten und ermutigen, aber nicht darüber diskutieren, ob die Schule heute mal ausfallen kann. Sonst siegt am Ende die Angst.
  • Nicht an den falschen Stellen verwöhnen – kommt der Schulbesuch wirklich einmal nicht infrage, ist Bettruhe angesagt. Comiclesen oder Fernsehen statt Unterricht sollten nicht erlaubt werden.
  • Viel loben – Bestätigung ist und bleibt das beste Hausmittel für ein gesundes Selbstwertgefühl. Dann hat die Angst auch keine Chance.

Peter Schipek: Frau Rentschler, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Schulangst: Weitere Infos zum Thema und zur Autorin

Rabea Rentschler bringt seit September 2006 ihr vergleichsweise "exotisches" Hintergrundwissen als frischgebackene Theologin und Philosophin in die Redaktion ein. Ihr liegt die Sorge um die Seele natürlich besonders am Herzen, auch im Dialog von Glaube und Wissenschaft. Gemäß ihres Lieblingszitats: »Nicht Gott ist relativ, und nicht das Sein, sondern unser Denken« (Einstein).

Sie hat zusammen mit Gerd Lehmkuhl in der Zeitschrift "Gehirn & Geist" den Artikel "Wenn die Schulbank drückt" veröffentlicht, der sich ebenfalls mit dem Thema "Schulangst" beschäftigt.

Ich hoffe Sie mit diesem Artikel angeregt zu haben, dass Thema Schulangst bei Ihrem Kind im Auge zu behalten - Symptome zu erkennen und eine Bereitschaft zu entwickeln Ihr Kind hier tatkräftig zu unterstützen.

Helfen Sie Ihren Kindern den Spaß am Lernen zu behalten!

Peter Schipek

09.06.2016 © seit 12.2007 Peter Schipek  

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