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Laut bundesweiten Umfragen wollen mehr als 60 Prozent aller Eltern ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen. Wenn der Leistungsdruck auch in den Schulen weiter steigt, muß es nicht verwundern, wenn immer mehr Kinder Schulangst bekommen. In diesem Interview mit der Theologin Rabea Rentschler können sich Eltern informieren, was sie bei Schulängsten ihrer Kinder tun können.
| Peter Schipek: | Frau Rentschler - Sie haben in Heidelberg Theologie und Philosophie studiert
und sind seit einem Jahr Redakteurin bei „Gehirn&Geist“ - dem Magazin für Psychologie
und Hirnforschung.
Was bewegt Sie als Theologin sich diesen Themen zu widmen? |
| Rabea Rentschler: | Der Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hat mich schon im Studium interessiert. Da habe ich schon mal in fachfremden Fakultäten Mäuschen gespielt. Gerade im Bereich Psychologie und Hirnforschung lassen sich viele Themen nur sinnvoll betrachten, wenn beide Seiten zu Wort kommen: Leib und Seele, Gehirn und Geist. |
| Peter Schipek: | Sie beschäftigen sich unter anderem mit den Themen Gewalt und Angst.
Rechtzeitig zu Schulbeginn lesen wir in der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist Ihren Artikel
über Schulangst „Wenn die Schulbank drückt“.
Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Schulängsten steigt ständig. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung? |
| Rabea Rentschler: | Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Was Erwachsene immer stärker zu spüren bekommen,
macht auch Kindern zu schaffen. Schon Grundschülern wird eingetrichtert, dass aus ihnen nichts werden könne, wenn sie keine guten Noten haben.
Laut bundesweiten Umfragen wollen mehr als 60 Prozent aller Eltern ihr Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen. Doch nur etwa 30 Prozent eines Jahrgangs machen am Ende auch das Abitur. Daran sieht man die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Sensible Kinder halten diesem Druck oft nicht stand. |
| Peter Schipek: | Wie sehen denn die Symptome von Schulangst aus und was steckt hinter diesen Ängsten? Es ist ja nicht immer der Leistungsdruck. |
| Rabea Rentschler: | Grundsätzlich muss zwischen zwei Varianten unterschieden werden: Zunächst gibt es die klassische Schulangst, hier fürchtet der Schüler schulspezifische Situationen, etwa Prüfungen, Mitschüler oder Lehrer. Etwa 30 Prozent der Kinder, die sich vorm schulischen Versagen fürchten, haben auch soziale Ängste.
Die in Zahlen kleinere Gruppe leidet unter einer so genannten Schulphobie. In diesem Fall haben die Kinder Angst sich von ihrer Mutter bzw. ihrer primären Bezugsperson zu lösen. Schulangst zu erkennen, ist nicht immer leicht: Ein Kind sagt nicht: „Mama, ich fürchte mich vor der Mathearbeit“, sondern „Ich habe Bauchweh.“ Regelmäßige Schmerzen, für die es keine organische Erklärung gibt, sind häufig ein erster Hinweis. Bei Verdacht sollte in jedem Fall der Klassenlehrer oder ein Schulpsychologe zu Rate gezogen werden. |
| Peter Schipek: | Was sind die Anzeichen und Ursachen für Leistungsangst? Woran können denn Eltern erkennen, dass ihr Kind überfordert ist? |
| Rabea Rentschler: | Wenn ein Kind vor Klassenarbeiten regelmäßig über Übelkeit klagt, an keinem Fach Freude hat oder trotz Nachhilfe keine Fortschritte macht, können das Hinweise auf Überforderung sein. Möglicherweise wurde der falsche Schultyp gewählt. Es sollte auch getestet werden, ob eventuell eine Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche vorliegt.
Ist das der Fall, kann das Kind gezielt gefördert werden. Häufig kommt es erst in der siebten oder achten Klasse zu Leistungseinbrüchen. Wenn die zweite Fremdsprache auf dem Stundenplan steht und weitere Fächer hinzukommen, reicht Fleiß nicht mehr aus. |
| Peter Schipek: | Viele Kinder und Jugendliche haben Angst aufgrund der Gewaltentwicklung in Schulen.
Erpressen von Geld, Verprügeln und Mobbing gehören beinahe zum Alltag.
Was können Eltern tun, wenn ihr Kind in der Schule zum Opfer wird? Wie muss denn eine Schule aussehen, um mit diesen Problemen fertig zu werden? |
| Rabea Rentschler: | Eltern sollten ihrem Kind von Anfang an eine gesunde Portion Selbstbewusstsein vermitteln. Das gilt besonders für sehr sensible und introvertierte Kinder. Sie müssen wissen, dass sie mit Sorgen oder Problemen immer zu ihren Eltern kommen können – oder natürlich zu ihren Lehrern.
Am Schlimmsten ist das Gefühl, anderen hoffnungslos ausgeliefert, machtlos zu sein. Wenn ein Kind Mobbing-Opfer ist, müssen umgehend Lehrer und Eltern der Mobber eingeschalten werden. Dem Kind hilft es langfristig am meisten, wenn es lernt, dass und wie es sich wehren kann. Je früher desto besser. Es braucht nicht erst still abwarten, ob es von alleine besser wird. Viele Probleme gehen mit sozialen Schwierigkeiten im Elternhaus der aggressiven Schüler einher. Idealerweise gäbe es deshalb natürlich an jeder Schule einen eigenen Schulpsychologen oder Sozialarbeiter – doch das ist derzeit wohl Wunschdenken. Regelmäßige Klassengespräche und gemeinschaftsbildende Aktivitäten gehören aber auf jeden Stundenplan. |
Wert 4.8 |
Thema: 4.8 | Information: 4.8 | Verständlichkeit: 4.8 |
| Stimmen: 4 | Legende: 5: super - bis 1: erträglich |
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