Wo findet man das „Ich“ des Menschen?

„Erkenne dich selbst!“, befahl einst die Inschrift auf dem Apollo-Tempel in Delphi. Und so sind wir auch heute noch unaufhörlich damit beschäftigt, unser wahres Selbst zu suchen. Doch die neuesten Ergebnisse der Neurowissenschaft zeigen: „Das Ich ist eine bloße Konstruktion!“

afrikanische Maske So macht uns der Klappentext eines brandneuen Buches über die bisherigen Erkenntnisse der Wissenschaft vom Gehirn neugierig. (Werner Siefer/Christian Weber, Ich – Wie wir uns selbst erfinden, Campus Frankfurt am Main/New York 2006) Das Ich – nur eine Einbildung, eine menschliche „Illusion, jemand zu sein“? Neurowissenschaftler finden keinen Ort im Gehirn, der Sitz des Ichs sein könnte, und viele medizinische Befunde scheinen die Annahme zu bestätigen, daß es das Ich „objektiv“ nicht gibt, was an den Ausspruch des berühmten Pathologen und Begründers der modernen Medizin Rudolf Virchow (1821 – 1902) erinnert: „Ich habe Tausende von Leichen seziert, aber keine Seele darin gefunden.“

Auch Thomas Metzinger von der Universität Mainz (Jg. 1958), „einer der wenigen deutschen Philosophen, die sich ernsthaft mit den neuen Herausforderungen der Neurowissenschaft beschäftigen“ (ebd., S. 26-27), kommt in seinem Buch „Being No One“ (Thomas Metzinger, Being No One. The Self-Model Theory of Subjektivity. Cambridge: MIT Press, 2003) zu dem Ergebnis: „Keiner war oder hatte jemals ein Selbst.“ (zit. bei Siefer/Weber, a. a. O., S. 252) Damit sei dem Menschen erneut die „Kränkung“ angetan worden, nicht Mittelpunkt der Welt zu sein, nachdem schon Nikolaus Kopernikus dem Menschen die Vorstellung von der Erde als dem Mittelpunkt des Sonnensystems geraubt, Charles Darwin die unmittelbare göttliche Schöpfung des Menschen verneint und ihn als Nachfahren des „Affen“ beschrieben und Sigmund Freud den Glauben des Menschen zerstört hatte, „Herr im eigenen Haus“ zu sein, statt dessen „auf die kärglichen Nachrichten angewiesen“ zu bleiben „von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht.“

Metzinger nun „kippt unser verbliebenes ptolemäisches Selbstbild. Damit ist die hartnäckige Illusion gemeint, daß es in uns einen Kern gibt, um den sich die Welt dreht. Etwas, das über die Zeit hinweg identisch bleibt – von einer Seele im Freudschen Sinn ist in der wissenschaftlichen Literatur ohnehin längst nicht mehr die Rede.“ (ebd.)

Weil die biologische Grundlage, ein bestimmter Ort im Gehirn, für das Ich – noch dazu für ein gleichbleibendes Ich – nicht auffindbar sei – im Gegensatz etwa zum Sehzentrum -, gibt es nach der Theorie dieses Philosophen „so etwas wie Selbste in der Welt nicht. Selbste gehören nicht zu den irreduziblen (nicht ableitbaren) Grundbestandteilen der Wirklichkeit. Was es gibt, ist das erlebte Ichgefühl und die verschiedenen, ständig wechselnden Inhalte des Selbstbewußtseins …“ Bedauernd fügt er hinzu, daß „die Ergebnisse der Philosophie nicht immer erbaulich sind.“ Dem kann man wohl besonders dann zustimmen, wenn man die Sprache seiner Philosophie auf sich wirken läßt: „Das Selbstmodell ist die einzige repräsentationale Struktur, die im Gehirn durch eine kontinuierliche Quelle intern generierten Inputs verankert ist.“ (ebd., S. 253-254)

Auf Erbaulichkeit kommt es wahrer Philosophie nicht an. Ihr Ziel ist Wahrheitserkenntnis, Weisheit und deren sprachliche Übermittlung. Weisheit hat ihre eigene Sprache. Stellt sich die Sprache eines Philosophen, mit der er doch seine Leserschaft erreichen will, sperrig in den Weg, so sind schon von daher gewisse Zweifel an seinen Aussagen berechtigt. Andererseits sollten Wahrheit ersehnende Menschen bereit sein, liebgewordene Denkmuster zu verlassen, wenn sie sich denn als überholt erwiesen haben. So stellt sich die Frage, ob Mathilde Ludendorff mit ihren Ausführungen über die Seele und insbesondere das Ich des Menschen durch die neuen Naturerkenntnisse und deren philosophische Auslegung nun nicht überholt ist, vor allem mit ihrer Darlegung, daß der Mensch sein Ich „innerhalb des Lebens zu einem Brennpunkte des Weltalls entfalten“ könne, in dem sich noch obendrein „alles göttliche Wollen“, das im Weltall erschaubar sei, sowie „das Wesen des Göttlichen offenbart.“ (Mathilde Ludendorff, Des Menschen Seele (Erstausgabe 1923), Pähl 1941, S. 99)

Das veränderliche Ich-Bewußtsein

Daß der Mensch subjektiv ein „Ich-Gefühl“ habe, bestreitet selbst Metzinger nicht, wenn er dieses „Gefühl“ auch gemeinsam mit vielen Neurowissenschaftlern als bloße Einbildung bezeichnet. Zu dieser Beurteilung trägt auch die erkannte und anerkannte Tatsache bei, daß sich das Ich-Bewußtsein entwickelt und mannigfachen Veränderungen unterworfen sein kann. Das ist zwar nicht so neu, Mathilde Ludendorff hat seit 1920 mehrere Werke dieser Erscheinung gewidmet.

Aber immerhin kann die Neurowissenschaft heute genaue Angaben über den Zeitraum machen, wann ein gesundes Kleinkind sein Bewußtsein, es selbst zu sein, entwickelt: „Das Alter von 18 bis 24 Monaten bringt gravierende Veränderungen im geistigen Erleben der Kinder. In ihrem Gehirn erwacht zusehends ein neues Prinzip, das ihr Erleben grundsätzlich verändert: das Ich.

Mit 22 Monaten schließlich erkennen sie sich auf Bildern selbst.“ Und siehe da, die Autoren Siefer und Weber lassen sich für einen Augenblick vom Gebiet „exakter“ Wissenschaft weglocken und vertrauen der verachteten Intuition: „Es ist kein Zufall, daß das Erwachen des Selbst mit einer emotionalen Reifung einhergeht. Wie Doris Bischof-Köhler aus München zeigte, entwickeln Kinder in dieser Lebensphase erstmals Mitgefühl.“ (Siefer/Weber, a. a. O., S. 69-70)

Baby Nicht verhehlen können die Autoren sympathischerweise ihre Bewunderung für Naturleistungen bei der Gehirnentwicklung: „Da das Gehirn bei der Geburt bereits die endgültige Zahl von hundert Milliarden Neuronen enthält, müssen in einer neunmonatigen Schwangerschaft durchschnittlich pro Minute 250 000 Nervenzellen hervorsprießen. Tatsächlich liegen die Wachstumsraten bedeutend höher, denn der größte Teil der Nervenzellen ist nach der Hälfte der Schwangerschaft bereits produziert. Die Fabrikationsrate dürfte im Mittel also bei über einer halben Million Neuronen pro Minute liegen, das macht 8300 jede Sekunde … Bis zu 1,8 Millionen Synapsen (Nervenanbindungen) formen sich pro Sekunde teils während der Schwangerschaft und teils nach der Geburt, um auf dem Höhepunkt gegen Ende des ersten Lebensjahres den Wert von einer Billiarde Kontakte zu erreichen.“

Der Schädelumfang des Neugeborenen kann in seiner Größe offenbar deshalb so gering und dem Geburtskanal der Mutter angepaßt gehalten sein, weil sich erst nach der Geburt die Leiterbahnen der Nervenzellen ummanteln, was dann die nachgeburtliche Schädelerweiterung notwendig macht. „Im Stirnhirn, einer Region, die für das autobiografische Gedächtnis und manche Merkmale der Persönlichkeit verantwortlich ist, dauert die Ummantelung der Leiterbahnen bis zum 30. Lebensjahr. Diese Ausreifung steigert die Nervenleitungsgeschwindigkeit um mehr als das Zwanzigfache.

Mit der Geburt beginnt der Prozeß der Feinabstimmung und setzt sich in den folgenden Jahren bis zur Pubertät fort. War die Reifung des Nervensystems bis dahin weitgehend genetisch festgelegt, spielen nun die Erfahrungen des Lebewesens zunehmend eine bestimmende Rolle. Die Reize aus der Umwelt bilden die Grundlage für einen massiven Ausleseprozeß, in dessen Verlauf zwei Drittel aller zuvor geknüpften Kontaktstellen wieder gekappt werden. Ein Ich zu werden, Lernen und Heranwachsen geht also mit einem großen Sterben der Synapsen bei Babys, Kindern und schließlich Jugendlichen einher. Bestehen bleiben diejenigen Verbindungen, die benutzt werden.“ (ebd., S. 70-72)

Dieser Zuwachs an Bewußtsein allgemein und insbesondere des Ichs ergibt sich nach Ansicht der Forscher zwar aus der Strukturierung des Gehirns, aber ein eigentlicher Sitz des Ichs sei damit trotzdem nicht auffindbar.

Etwas verwundert mich, daß das Stirnhirn „für das autobiografische Gedächtnis und manche Merkmale der Persönlichkeit verantwortlich ist“, aber dennoch nichts mit einem Sitz des Ichs zu tun haben soll. „Manche Merkmale“, heißt es einschränkend, ohne daß darauf näher eingegangen wird. Der Neurologe Hans Heimann – bei Siefer/Weber unerwähnt – beschreibt einen Mann, dessen Stirnhirn beschädigt wurde, als „verflachte Persönlichkeit. Lebensproblemen gegenüber nimmt er eine passive Haltung ein, wählt den Weg des geringsten Widerstandes und ist im allgemeinen sorglos.

Dieser Haltung entspricht eine heitere bis euphorische Stimmung, eine verminderte Selbstkritik, vor allem hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit, ein Ausweichen vor Verantwortung und ein herabgesetztes Pflichtbewußtsein. Seine (Gesprächs-)Beiträge sind dürftig, unoriginell, stark von seinem auf das Alltägliche gerichteten und durch seine Trieb- und Bequemlichkeitsansprüche geprägten Wesen bestimmt. Auffallend ist seine Ich-Bezogenheit, welcher alles untergeordnet wird. Es fehlen ihm höhere Selbstwertgefühle, Stolz, Scham und Reue …“ (zit. bei Erwin Lausch, Manipulation – Der Griff nach dem Gehirn, Hamburg 1983, S. 82-83)

Warum also erkennen die Neurowissenschaftler nicht im Stirnhirn den Sitz des Ich-Bewußtseins? Wir hören in dem Bericht von Heimann von „Ich-Bezogenheit“ und „höheren Selbstwertgefühlen“. Die Ich-Bezogenheit steht nach der Beschädigung des Stirnhirns im Vordergrund, die „höheren Selbstwertgefühle“ fehlen. Mathilde Ludendorff zeigt, daß die „Ich-Bezogenheit“ der Selbsterhaltungswille ist, der beim Menschen im Gegensatz zu den anderen Lebewesen von Geburt an zunächst schrankenlos auf Lusterfüllung und Leidmeidung aus ist, den aber gerade die „höheren Selbstwertgefühle“ zügeln könnten, wenn der Mensch sie denn entfalten würde.

Mathilde Ludendorff bezeichnet diese „höheren Selbstwertgefühle“ als das „gottahnende Ich“. Zu dessen Veränderung ist dem Menschen die Möglichkeit gegeben. Das Ich selbst kann der Antrieb zu seiner eigenen Veränderung sein.

Gerade die Veränderbarkeit des Ichs läßt die Forscher an seiner tatsächlichen Existenz zweifeln. So wird das Beispiel eines Kindes angeführt, das nach schwerstem sexuellen Mißbrauch ein zweites Ich entwickelt habe. „Manchmal, so sagt die dazugehörende Theorie, überlebt ein Kind solchen wiederholten Horror nur, wenn es seine Identität aufspaltet und mehrere Bewußtseinszentren ausbildet. Vor allem dann, wenn die engsten Bezugspersonen, häufig die Eltern, die Täter oder billigenden Mitwisser sind, kann ein Kleinkind seine Seele nur retten, wenn es fantasiert, daß nicht ihm, sondern einer anderen Person die Gewalt angetan wurde.

Ich Es ist eine psychodynamisch rationale Reaktion, denn so kann das Kind seine Beziehung etwa zur Mutter aufrechterhalten, ohne wahnsinnig zu werden: Ein Kind kann nicht verstehen, daß die gleiche Person, die ihm nach all seinen Instinkten Schutz und Vertrauen schenken soll, ihm schwersten Schaden zufügt. Dabei geht es nicht um vorübergehende Fantasien. Viele Psychotraumatologen nehmen an, daß auf diese Art tatsächlich in einem Hirn zwei oder viele autonome Selbste mit unterschiedlichen Charakterzügen und Erinnerungen entstehen können, die noch nicht einmal voneinander wissen müssen.“ (Siefer/Weber, a. a. O., S. 31)

Schizophrene bemerken kurz vor Ausbruch ihrer Krankheit, daß sie „noch reflektieren können und Ich-Bewußtsein haben. Sie merken aber, wie es ihnen langsam abhanden kommt.“ Gerade diese Selbstbeobachtung, diese „tiefere Einsicht in die Konstruiertheit des Ichs“ – so die „erschreckende These“ -, „treibt Menschen in den Wahnsinn. Das Erwachen der Vernunft gebiert Ungeheuer“ in solchem Falle. Da drängt sich die Frage auf: „Wie ist es juristisch zu werten, wenn die psychiatrischen Gutachter in einem neuerlichen Mordfall tatsächlich einem Neben-Ich die Schuld zuschieben? Muß man dann die ganze Ich-Schar einsperren? … Wir müssen uns dringend eine Frage stellen: Wieso haben wir dann überhaupt ein Ich?“ (ebd., S. 29-31) Eine kluge Frage!

Die Logik der Logiker

Doch als Antworten entdecken wir in dem Buch weit und breit ausschließlich Hinweise auf Nützlichkeit. Wenn sich das Ich also krankhaft aufspalten kann, welchen Nutzen soll es dann haben, wird gefragt. Sind die Tiere und Pflanzen ohne Ich-Bewußtsein nicht viel besser dran? Dieses allein von der Vernunft geleitete, im Diesseits verhaftete darwinsche Nützlichkeitsdenken hat sich bis in den heutigen Wissenschaftsbetrieb erhalten und ist trotz seiner Hilflosigkeit gegenüber den inneren Zusammenhängen der Welt allein anerkannt: Das Nützliche werde ausgelesen, Nicht-Nützliches ausgemerzt. Nach Popper probiert die Evolution aus und verwirft wieder nach dem „Prinzip Versuch und Irrtum“. (Karl R. Popper, Alles Leben ist Problemlösen, 1994)

So beantwortet der Philosoph Metzinger die Frage, „warum im Laufe der Evolution das Selbstbewußtsein überhaupt erfunden wurde“, folgerichtig mit der Vermutung, „daß es gleichsam eine Waffe war, die im Verlauf des kognitiven Wettkampfs halbwegs vernunftbegabter Affen in die Welt kam und im Lauf der Zeit immer mehr optimiert wurde“. (Siefer/Weber, a. a. O., S. 262)

Erstaunlich ist, daß der Mann nicht auf den Gedanken kommt das männliche Waffen- und Wettkampfdenken allmählich mal zu hinterfragen, das seit Darwin der Schöpfungsgeschichte gegenüber unaufhörlich in Mode ist. „Wenn es das Selbstbewußtsein gibt, dann wird dieses schon irgendeinen Sinn für den Fortbestand der Art haben. Welchen nachweislichen Vorteil selbstbewußte Lebewesen gegenüber anderen haben, ist nicht klar belegbar, ebenso wenig wie der Zeitpunkt festzulegen ist, an dem es in die Welt trat“ (ebd.), grübeln auch die Autoren Siefer und Weber. In ihrem angeblich sinnlosen Weltall gibt es nur einen Sinn, nämlich den, daß Lebewesen Nützliches für den Wettkampf ums Dasein erwerben und ausfeilen. Doch welchen Sinn soll dieser „Sinn“ haben?

Kampf Nach ihrer Logik gilt bei den Logikern folgerichtig eine Fähigkeit als sinnlos, wenn sie in ihr keinen Nutzen fürs Überleben der jeweiligen Art erkennen können. Auf andere Antriebe in der Schöpfung kommen sie nicht bzw. lehnen darüber Hinausgehendes als Spinnerei ab. Dabei bemerken sie nicht, daß auch ihre Nützlichkeitsthese nichts als eine unbewiesene Annahme darstellt. Für diese Vernünftler ist Evolution „ein blinder Prozeß, etwas, was einfach nur passiert. Die Evolution ist keine Macht im eigentlichen Sinne, ein Wille etwa, der mit Bewußtsein verbunden ist“ – nach dieser Art, die Welt anzuschauen, ist aber auch wohl überhaupt kein Wille im Sinne Arthur Schopenhauers und Mathilde Ludendorffs.

Es ist nicht zu erwarten, daß die Logiker bei ihren Erforschungen der Naturerscheinungen darin erfolgreich sein werden, einen Sinn des Weltalls und dessen Werdeganges bis hin zum Ich des Menschen zu finden. Wenn sie wenigstens Kants „Kritik der reinen Vernunft“ zur Kenntnis nehmen und verstehen würden, dann würden sie bei genügend starkem Wahrheitswillen – und gerade den kann ihnen niemand absprechen – zumindest den Vernunftsübergriff unterlassen, uns Menschen als „wechselnde Muster in einem sinnlosen Universum“ (Metzinger, zit. ebd., S. 285) zu bezeichnen, nur weil Sinn und Seele nicht Erscheinung und damit nicht meßbar sind.

Der Vernunft wird es ein ewig verschlossenes Rätsel bleiben, auf welche Weise das Ich der Menschenseele mit dem Gehirn zusammenwirkt und wie es dazu kommt, sich zu entfalten und damit das Gehirn umzugestalten. Gerade diese Vorgänge verschließen sich auch bewußtem, vernunftgeborenem Wollen. Sie können nicht verursacht werden, sondern vollziehen sich spontan wie alles schöpferische Geschehen.

Ein „Philosoph“, der sich allein dem Vernunfterkennen verschreibt, trägt daher seine Berufsbezeichnung „Philo-Soph“, das heißt „Freund der Sophia“, der Göttin Weisheit, zu Unrecht. Doch immerhin stellt Metzinger in einem Gespräch fest, und seine Sprache ist nun auch zu verstehen: „Die Wissenschaftler werden belohnt, wenn sie alles kaputtmachen. Aber wir müssen uns auch fragen: Wer räumt eigentlich hinterher auf?“ (ebd., S. 292)

Das Ich als Tatsache längst erkannt

„Bewußtheit bedingt Erscheinung“, das ist seit 80 Jahren klar, seit Mathilde Ludendorff ihr einzig dastehendes Werk „Schöpfunggeschichte“ veröffentlicht hat. (Mathilde Ludendorff, Schöpfunggeschichte (Erstauflage 1923), Pähl 1954) Ohne Gehirn ist augenscheinlich das Sein einer Einzelseele mit ihrem Ich-Bewußtsein nicht möglich. Sie erlischt mit dem Tod des Leibes. Einen Sinn in allem zu erkennen, erfordert ein Sich-Aufschließen des Ichs dafür. Solange das Ich eines Forschers oder eines sogenannten Philosophen sich dazu nicht herbeiläßt und seine Vernunft nicht in ihre naturgegebenen Schranken weist, werden zu alten Irrtümern neue gehäuft werden, mag die Naturwissenschaft auch noch so tief in die letzten Feinheiten der Materie vordringen.

Was in der Psychologie und Philosophie Mathilde Ludendorffs seit Jahrzehnten an klaren Erkenntnissen über seelische Vorgänge und deren Sinn vorliegt, ist bisher nicht widerlegt worden. Es gibt den Wunsch zum Guten, es gibt den Wahrheitswillen und die Freude am Schönen, es gibt die Mutterliebe und den göttlichen Stolz, die Menschenwürde, die Erhabenheit über Nützlichkeits- und Vorteilsdenken, und es gibt das Anwachsen all dieses seelischen Erlebens und Könnens im Ich, wenn dieses sich dafür aufschließt und sich dabei entfaltet, und es gibt auch das Gegenteil, das frei gewählte Absterben der Aufmerksamkeit und der Liebe für alles Hohe.

„Somit unterscheidet sich das „Ich“ der verschiedenen Menschen so sehr, daß es uns ganz widersinnig erscheint, ihnen den gleichen Namen zu geben und zu wähnen, sie könnten einander verstehen.“ (Mathilde Ludendorff, Des Menschen Seele, a. a. O., S. 99) Dies alles ist Wirklichkeit, auch wenn es in der Erscheinung nicht verfolgt werden kann, weil es sich dem Auge der Vernunft entzieht.

Mathilde Ludendorff erkannte: „Das Ich als einzige Stätte der Freiheit im All“

„Seit unermeßlichen Zeiten schritt das Werden der Schöpfung
Still und feierlich dem fernen, hehren Ziele der Freiheit entgegen! …
Und endlich, in dem Erfüller des Schöpfungzieles, dem Menschen,
Erwacht dann der Schöpfer dieser gewordenen Seele, das Ich,
Und wie ein Ahnen ist diesem Ich ein göttliches Leben geschenkt.
Es kennt dieses Ich … Zeiten der Feier der Seele …
Es sind die Stunden dem göttlichen Leben geweihter Ruhe;
Da schweiget Lustsehnen, Leidangst und schweiget ererbtes Wollen.
In solchen Stunden wählt dann das Ich, ursachlos wie Gott selbst,
Das Göttliche, steigt auf in Gottnähe oder schafft sich Gotteinklang …
Oder aber das Ich verwertet die Stunde der Ruhe zur Selbstverkümmerung.“ (ebd., S. 46-47)

Mag der Sitz des Ichs den Nur-Logikern auch unauffindbar bleiben – das Ich ist erlebbar, und somit ist es.

Heidrun Beißwenger

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