Vom Untergang der Ontologie und Aufstieg des systemischen Denkens

Teaser: In der Philosophie ist seit langem bekannt, daß das alteuropäische Denken dem Untergang geweiht ist, da es unlösbare Paradoxe mit sich bringt und neue wissenschaftliche Erkenntnisse seine ontologischen Fundamente zerstören. Damit verliert es als Erkenntnisinstrument immer mehr an Bedeutung. Dieser Artikel ist eine ausführliche Rezension des Buches "Niklas Luhmann - Eine Einführung" von der Autorin Gripp-Hagelstange, in dem der Untergang des abendländischen Denkens und Luhmanns Alternative des systemischen Denkens beschrieben werden.

Was heißt "alteuropäischen" Denken?

Widmen wir uns zuallererst der Frage, was Luhmann unter einem "alteuropäischen Denken" versteht. Als "alteuropäisch" bezeichnet Luhmann unser bisheriges Denken, weil seine Wurzeln bis zurück in die Wiege der europäischen Kultur - nach Griechenland - zurückreichen. Genauer zu den griechischen Philosophen, welche diese Denkmuster vor ca. 2000 Jahren begründet haben.

Worum ging es den damaligen Philosophen? Sie versuchten die menschliche Natur und das Wesen alles Seienden durch das Werkzeug der Vernunft zu ergründen. Hierzu stellten die großen Denker der Antike einige wichtige Grundsatzfragen auf, die die Philosophen bis heute beschäftigen.


Einige Beispielfragen:

  • Was ist der Mensch?
  • Was ist Wahrheit?
  • Was ist das Seiende?
  • Woraus entsteht alles Seiende?
  • Wie kann der Mensch sich selbst und die Dinge um ihn herum erkennen?

Letztlich ging es darum, die grundsätzlichen Fragen der Menschheit zu formulieren, die man mit dem Mittel der Vernunft zu ergründen versuchte. Meine weiteren Anmerkungen zum abendländischen Denken sind nicht chronologisch geordnet, sondern versuchen vielmehr den Rahmen des ontologischen Denkens zu umreißen.

Der Mensch wurde - wie auch die Welt um ihn herum - als ein Seiendes bestimmt. Um zwischen Menschen und der Welt zu unterscheiden, trennte man die Dinge in Subjekte und Objekte. Damit war die grundlegende Beobachterperspektive dieses Denkens gesetzt - die Leitdifferenz unterschied zwischen Sein und Nichtsein.

Diese Beobachterperspektive nennt man auch ontologisches Denken, welches der Frage - in der Wissenschaft der Ontologie - nachgehen sollte, daß Wesen der Dinge (Subjekte und Objekte) zu erkennen und zu begründen.

Alles Seiende wurde als eine Ganzheit oder Einheit verstanden, die sich in eine Vielzahl von empirischen Phänomenen aufteilen läßt. Jedes Phänomen sollte man anhand der unterschiedlichen Eigenschaften und Wirkungsweisen erkennen können, welche insgesamt wiederum Teile des Ganzen waren. Man unterstellte den Dingen einen Wesenskern, der ein konkretes Phänomen "von Innersten her zusammenhält".

Die typische Frage des ontologischen Denkens ist die "Was ist X?"-Frage (also "Was ist der Mensch?" - "Was ist Gott?" - Was ist die Natur?")

Der Gedanke, daß den Dingen ein Wesenskern innewohnt besagt weiterhin, daß man ein "Etwas" anhand seiner Eigenschaften und Wirkungen identifizieren kann. Hat man diese Eigenschaften "objektiv" gefunden, so kann man identische und unterschiedliche Objekte voneinander unterscheiden. Alle Dinge mit dem gleichen "Wesenskern" wären somit "als identisch" zu denken.

Dem Subjekt kommt dabei eine herausragende Rolle zu, da es einen Sonderfall unter den anderen Objekten einnimmt. Es kann als Entität selbständig eigene Gedanken produzieren und hat einen exklusiven Zugang zu Sprache und Logos (Vernunft). Dem Subjekt stand eine Welt der Objekte gegenüber, wodurch es die Welt mit seinen Sinnen erkennen und durch den Gebrauch der Vernunft und der Logik verstehen konnte.

Diesem Denken liegt somit die Situation des "ich denke etwas" zugrunde, wodurch für die Philosophie die Aufgabenstellung erwuchs, eine Beziehung zwischen dem "Ich denke" und dem "Etwas" herzustellen und genauer zu beschreiben.

Kant versuchte die Erkenntnismöglichkeit dieses "Etwas" zu beschreiben, in dem er diese Denkphrase mit dem Erkennen "des Ding an sich" auf die Spitze trieb. Damit war gemeint: Wer die absolute (oder vollständige) Erkenntnis eines Objektes erlangen will, muß das "Ding an sich" erkennen bzw. beschreiben können.

Um die Wahrheit verstehen zu können bzw. um die richtige Erkenntnis von der Welt zu gewährleisten, war zudem ein Denkwerkzeug notwendig, daß Aristoteles beigesteuert hat: die sogenannte aristotelische Logik. Er legt mit drei berühmten Leitsätzen das Fundament auf dem die zweiwertigen Logik aufbauen sollte. Damit war die Methode - wahre von falschen Schlüssen unterscheiden zu können - geboren.

Die Basis der aristotelischen Logik besteht aus den drei berühmten Leitsätzen:

  • Dem Satz der Identität ( A = A)
  • Dem Satz vom Widerspruch (A ist ungleich Nicht-A)
  • Dem Satz des ausgeschlossenen Dritten (Entweder A ist wahr oder Nicht-A - aber nichts Drittes)

Der Satz der Identität besagt, daß es Dinge gibt, die identisch sind und über deren Identität sich auf deren "Gleichheit" schließen läßt. Der Satz vom Widerspruch ermahnt uns, daß Dinge die dem Denken sowohl als positiv, als auch als negativ erscheinen können, strikt getrennt werden müssen. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten führt diesen Gedankengang weiter, indem ausgeführt wird, daß eine Aussage über das Seiende entweder im positiven oder im negativen Sinne "wahr" sein muß - aber nichts drittes beinhalten kann. Es bezeichnet also ein striktes "Entweder-Oder-Verhältnis" von wahrheitsfähigen Aussagen.

Auf die Frage - welche letztliche Einheit allem Seienden zugrunde liegen soll - wurden im Laufe der Jahrhunderte viele Antworten gegeben, die sich teilweise widersprechen: Dies könnte Gott, die Atome, ein Chaosuniversum, der Urknall oder eine Urmaterie sein, aus denen alle Dinge erschaffen wurden. Aristoteles nannte es Substanz, die späteren Philosophen das "absolute" oder "tranzendentale Ich", Platon nannte es die "Uridee" und die Materialisten die Ursubstanz oder Urmaterie.

Der Clou an der Sache sollte sein: Wer diese Frage beantworten kann, hat damit gleichsam den Schlüssel zur Realität in der Hand - er kennt die Bausteine allen Seienden.

Damit ist der Rahmen für das ontologische - oder auch unser "modernes" - Denken gesetzt. Als nächstes ist zu verstehen, warum Luhmann der Meinung ist, daß dieses Denken ausgedient hat - welche Problematiken diesem Denken innewohnen.

06.08.2019 © seit 10.2005 Tony Kühn  
Kommentar schreiben