Tod und Wiedergeburt weiblicher Weisheit

„Die gelehrten Frauen brauchen ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr,
nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben; ob
sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist.“
(1) Auf diese Weise beteiligte sich IMMANUEL KANT 1798 am jahrtausendelangen
Krieg gegen das weibliche Geschlecht. Heute lächeln wir über solche
Worte, denn wir haben in unserer Lebenszeit die Wiedergeburt weiblicher Weisheit
nach ihrem scheinbaren Tod erlebt. Mein Thema heißt daher: Tod und Wiedergeburt
weiblicher Weisheit.

Diese war so unsichtbar geworden, daß große Zweifel darüber
entstanden, ob es sie überhaupt jemals gegeben hatte. Wohin wir blickten,
überall hatten große Männer das Wort und wurden verehrt. Aber
SOKRATES z.B. nennt selbst DIOTIMA VON MANTINEA und ASPASIA VON MILET seine
hervorragenden Lehrerinnen, d.h. die These, mit SOKRATES habe die abendländische
Philosophie ihren Anfang genommen, wird durch ihn selbst widerlegt. Vor ihm
war weibliche Weisheit, und das im Hochpatriarchat, das inzwischen in Griechenland
entstanden war.

Diskuswerfer Aspasia

PLUTARCH (46-120 n.d.Zw.) schreibt über ASPASIA, die ja die Frau des berühmten
athenischen Staatsmannes PERIKLES (500-429 v.u.Z.) war:

„Die einen behaupten, PERIKLES habe ASPASIA nur wegen ihrer Weisheit und
politischen Einsicht umworben.“ Und im BROCKHAUS lesen wir: „Perikles
trennte sich von seiner 1. Frau und heiratete Aspasia … Die Komödiendichter
verspotteten (sie) als Hetäre. 432 wurde sie wegen Gottlosigkeit und Kuppelei
angeklagt.“ Vor Gericht gestellt, „brachte DIOPEITHES den Antrag vor
das Volk“, berichtet PLUTARCH, „es sei unter Anklage zu stellen, wer
nicht an die Götter glaube und sich in wissenschaftlichen Vorträgen
mit den Dingen über der Erde befasse.“

Das kommt uns doch alles irgendwie bekannt vor: Die Philosophin und Frau eines
großen Staatsmannes wird in der Öffentlichkeit in ihrer weiblichen
Ehre angetastet, ihr Denken soll verboten sein, weil es den gängigen Götterglauben
gefährden könnte. Verfolgung Andersdenkender und Ungläubiger,
Unterdrückung der Meinungsvielfalt und Herabsetzung der Frau bereits im
Patriarchat des 5. Jahrhunderts v.u.Z.! „PERIKLES, der (Aspasia) nach Athener
Recht als Vormund vor Gericht vertrat, konnte sie nur mit Mühe retten“,
heißt es bei UWE WIEDEMANN im Weltnetz. (2)

Diotima

Die andere große Lehrerin des SOKRATES, DIOTIMA, lernen wir in PLATONs
„Symposion“ kennen (3). In dem Symposion sitzen oder, besser gesagt,
lagern einige Männer beieinander und vertreiben sich die Zeit damit, einander
in ausführlicher Rede vorzutragen, was sie von dem Gotte Eros halten. Als
die Reihe an SOKRATES kommt, gibt dieser ein Gespräch wieder, das er mit
seiner Philosophie-Lehrerin DIOTIMA gehabt habe. Wie weit die Wiedergabe PLATONs
von dieser Wiedergabe des SOKRATES noch den tatsächlichen Wortlaut der
Darlegungen DIOTIMAs enthält, wissen wir nicht, müssen also sowohl
SOKRATES wie PLATON vertrauen.

Zunächst sei gesagt, daß in jener Männergesellschaft die Zuneigung
zwischen Männern bzw. von Männern zu Knaben höchst anerkannt
war. Von Frauen ist bei ihnen kaum die Rede, und wenn, dann erwähnen sie
sie in Bezug auf von ihnen weniger hochgeschätzte Liebesbezeugungen. Einer
aus der Runde, PAUSANIAS, sieht solche Liebesverhältnisse zwischen Frauen
und Männern als von dem niederen Eros gegeben, der von einer jüngeren
Göttin Aphrodite abstamme, die selbst eine Mutter, nämlich Dione,
habe. Der höhere Eros stamme von der älteren Aphrodite, die selbst
keine Mutter gehabt habe, sondern die „Tochter des Himmels“ sei. Von
dieser himmlischen Göttin sei der Eros zwischen Männern. Diese Aphrodite
habe nicht teil am Weiblichen, sondern nur am Männlichen. „Daher wenden
sich die von diesem Eros Begeisterten zum Männlichen; denn sie lieben das
von der Natur Stärkere und mehr Vernunftbegabte“, meint PAUSANIAS.

In einer so gearteten Runde also gibt SOKRATES die Philosophie seiner Lehrerin
DIOTIMA wieder. Sie zeigt zuerst auf, wer oder was Eros ist, und dann sein Wirken,
was uns heute, nach beinahe 2500 Jahren und in Kenntnis der Philosophie MATHILDE
LUDENDORFFs nur in Erstaunen versetzen kann.

Eros ist nach DIOTIMA kein Gott, sondern ein Verlangen, Sehnen nach dem Schönen
und Guten. Es ist das Verlangen nicht von Göttern, denn diese sind glückselig,
oder sagen wir es mit einem Beispiel aus der Physik: Edelgase verbinden sich
mit nichts mehr, sie sind vollendet.

„Keiner von den Göttern strebt nach Weisheit noch begehrt er, weise
zu werden, ist er’s doch schon“, sagt DIOTIMA. „Andererseits streben
auch die Unwissenden nicht nach Weisheit noch begehren sie, weise zu werden;
denn gerade deshalb ist die Unwissenheit schlimm, weil man, ohne edlen Wesens
und ohne einsichtig zu sein, mit sich selbst zufrieden ist; wer demnach nicht
glaubt, bedürftig zu sein, der begehrt auch nicht, was er nicht zu entbehren
glaubt.“

Zwischen diesen beiden Zufriedenen, den Göttern und den Unwissenden, befinden
sich die Philosophen, die Freundinnen und Freunde der Weisheit also, die ihre
Unvollkommenheit erkennen und den Eros, das große Sehnen nach Vollkommenheit,
in sich spüren. Diesen Eros verspüren auch alle Schaffenden; „denn
die Ursache dafür, daß irgend etwas aus dem Nichtsein ins Sein tritt,
ist allemal ein Schaffen (oder Dichten)“, sagt DIOTIMA. Und wie das Wort
„Dichten“ nur als Begriff fürs Verseschmieden angewandt werde,
obwohl es Begriff für alles Schaffen sein sollte, so werde auch der Begriff
„Eros“ nur für einen Teilbereich des Verlangens angewandt, nicht
für den ganzen.

„Trächtig von Samen sind alle Menschen, SOKRATES, an Leib und Seele,
und wenn sie in das bestimmte Alter gekommen sind, dann begehrt unsere Natur,
etwas hervorzubringen; doch in Häßlichem kann sie nichts hervorbringen,
wohl aber in Schönem. Denn die Verbindung von Mann und Frau ist Fortpflanzung;
das ist etwas Göttliches, und es ist das Unsterbliche in dem sonst sterblichen
Wesen, das Trächtigsein und die Zeugung. Das kann aber in dem Unharmonischen
nicht geschehen; und unharmonisch ist das Häßliche gegenüber
allem Göttlichen, aber das Schöne harmoniert.

Tempel Schicksalsmacht
und Geburtshelferin ist also die Schönheit für das Werden aus folgendem
Grunde: wenn das von Samen Trächtige sich dem Schönen nähert,
wird es froh und zerfließt vor Lust und pflanzt sich durch die Zeugung
fort; wenn es sich aber Häßlichem nähert, so verdüstert
es sich und zieht sich betrübt zusammen, wendet sich ab und weicht in sich
zurück, und es zeugt nicht, sondern trägt seine Fülle weiter
als schwere Last. … Ein ewig Werdendes und Unsterbliches (ist) mit der Zeugung
gegeben,“ fährt Diotima fort. „Unsterblichkeit aber … muß
man mit dem Guten begehren, wenn wirklich der Eros darauf gerichtet ist, daß
man das Gute immer hat. Notwendig ergibt sich ja aus diesem Satz, daß
auch der Unsterblichkeit der Eros gilt.“

Die erstrebte Vollendung geschieht also nur in Schönheit. Und nur dann
beglückt sie. Zum Wesen der Vollkommenheit gehört Schönheit.

Was versteht DIOTIMA nun aber unter Unsterblichkeit? Das Sterbliche erhalte
sich „nicht dadurch, daß es immer völlig dasselbe bleibt wie
das Göttliche, sondern dadurch, daß das Entschwindende und Alternde
ein Anderes, Junges von der gleichen Art hinterläßt, wie es selber
war.“

Sie erklärt das an der Veränderung der Persönlichkeit eines
Mannes z.B. im Laufe seiner Lebenszeit: „Man gibt ihm stets den gleichen
Namen, obwohl er niemals die gleichen Bestandteile in sich hat, aber wird als
derselbe bezeichnet, während er sich immerfort erneuert und anderes einbüßt,
an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und so am ganzen Körper. Und nicht etwa
nur am Körper, sondern auch bei der Seele: die Neigungen, Charakterzüge,
Meinungen, Begierden, Freuden, Leiden, Ängste, all das bleibt nicht wie
bei einem Menschen gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht.“

So gehe es auch mit unseren Kenntnissen. Sie entstehen und gehen uns teils
wieder verloren. Durch das Erinnern holen wir sie wieder ins Bewußtsein,
aber sie sind nicht mehr dieselben, sie haben sich verändert.

Der Mensch müsse „die in der Seele wohnende Schönheit höher
werten als die Körper …, auf das Schöne in Tätigkeiten und
Gesetzen … schauen und dabei wahrnehmen, daß all dies miteinander verwandt
ist. Und nach den Tätigkeiten muß man ihn zu den Wissenschaften führen,
damit er auch deren Schönheit sieht und, schon im Hinblick auf diese Fülle
des Schönen, nicht mehr die Einzelschönheit bei einem unreifen Knaben
…, bei irgendeinem Menschen oder bei einer einzelnen Tätigkeit, und dadurch
minderwertig und kleinlich wird, sondern auf das weite Meer des Schönen
sich wende und in seiner Betrachtung viele schöne und erhabene Reden und
Gedanken erzeuge in unerschöpflichem Weisheitsstreben – bis er dann, hierin
gekräftigt und erstarkt, eine einzige Erkenntnis von solcher Art schaut,
die sich auf ein Schönes bezieht … ein Schönes, das erstens immer
ist, weder entsteht noch vergeht, weder wächst noch schwindet …

Wenn also jemand … jenes Schöne zu schauen beginnt, dann berührt
er wohl fast schon das Ziel. Denn das heißt den rechten Weg zur Welt des
Eros gehen oder sich von einem anderen führen lassen, daß man, von
diesem irdischen Schönen beginnend, um jenes Schönen willen immer
weiter aufsteigt, wie auf Stufen, von einem zu zwei und von zwei zu allen schönen
Körpern, und von den schönen Körpern zu den schönen Tätigkeiten
und von den Tätigkeiten zu den schönen Erkenntnissen, und daß
man von den Erkenntnissen zu jener Erkenntnis endlich gelangt, die nichts anderem
gilt als jenem Schönen an sich, damit man dann schließlich erfahre,
was das Schöne selbst ist.

Auf
dieser Stufe des Lebens, lieber SOKRATES, … lohnt sich, wenn irgendwo, das
Leben für den Menschen, im Anschauen des eigentlichen Schönen.“

Ganz offensichtlich beschreibt DIOTIMA hier die Teilhabe der Seele am Absoluten,
am Göttlichen, wenn sie auch noch weiter ausführt, dies sei „sonnenklar,
rein, unvermischt, frei von .. dem … sterblichen Tand“, und an SOKRATES
die Frage stellt:

„Glaubst du, das Leben eines Menschen könnte niedrig werden, der
dorthin blickt und jenes Eine mit dem dafür nötigen Sinn betrachtet
und bei ihm ist?“ Hier nimmt sie bereits 2500 Jahre vor MATHILDE LUDENDORFF
den Gedanken einer „Selbst-schöpfung“ auf und sieht den Eros,
das große Sehnen, den Menschen zur seelischen Vereinigung mit dem Schönen,
dem Göttlichen, führen.

Dann aber bleibt sie vor dem letzten Tor der Erkenntnis stehen, das zu öffnen
2 ½ Jahrtausende später einer anderen großen Freundin der
Weisheit, MATHILDE LUDENDORFF, vorbehalten blieb, der Erkenntnis, daß
die seelische Gottgeeintheit zugleich Teilhabe am Unendlichen ist und somit
den Eros, der zur Unsterblichkeit strebt, zufriedenstellt.

DIOTIMAs Weisheit geht zwar schon so weit, daß sie sagt, „daß
auf dieser Stufe allein es dem, der das Schöne mit dem Auge sieht, mit
dem es gesehen werden kann, gelingen wird … die wahre Tugend“ zu zeugen,
„da er die Wahrheit berührt.“ Sie spricht ganz offensichtlich
von der Intuition, der inneren Schau. Mit ihren weiteren Worten zeigt sie sich
aber doch noch in diesseitigen Vorstellungen vom Göttlichen befangen, falls
SOKRATES und PLATON ihr Denken denn zu erfassen und richtig wiederzugeben im
Stande gewesen sind. Sie glauben jedenfalls, DIOTIMA habe die rhetorische Frage
gestellt: ob es einem Menschen auf solcher innerseelischen Entwicklungsstufe
nicht vergönnt sei, „gottgeliebt zu werden und, wenn es überhaupt
ein Mensch erreicht, gar unsterblich?“

Dies läßt sich sicher auf verschiedene Weise deuten. Ich neige dazu
anzunehmen, daß DIOTIMA konkret das ewige Sein in einem konkreten Reiche
der Götter meint, wenn sie von der Unsterblichkeit spricht und sich eine
göttliche Gegenliebe vorstellt. Die Personifizierung des Göttlichen,
ein Übergriff der Vernunft, mit dem sie versucht, das Absolute in den Bereich
des Angreifbaren zu ziehen, was auf jeden Fall mißlingen muß, hält
DIOTIMA von letzter Erkenntnis noch fern. Dennoch:

Welche Weisheit erfahren wir von dieser frühen Philosophin! Selbst der
ins eigene Geschlecht verliebte SOKRATES in jener Runde der Zechbrüder,
der abschließend erklärt: „… und jetzt und immerdar preise
ich die Macht und Männlichkeit des Eros“, womit er zeigt, daß
er DIOTIMA wohl doch nicht recht folgen konnte, selbst dieses Mannsbild flocht
in der Wiedergabe seines Gesprächs mit DIOTIMA immer wieder Worte ein,
die seine geistige Unterlegenheit bezeugen wie: „Dann würde ich gewiß
nicht dich, DIOTIMA, um deine Weisheit bewundern und zu dir in die Schule gehen,
um gerade dies zu lernen.“ Oder: „Aber deswegen, DIOTIMA, komme ich
ja … zu dir, weil ich einsah, daß ich Lehrer brauche.“ Oder: „Und
als ich ihre Rede gehört hatte, staunte ich und sagte: Nun ja, weiseste
DIOTIMA, ist das wirklich so?“

Pythagoras

Doch schon vor SOKRATES und PLATON gab es Philosophie-Schulen, wie z.B. die
des PYTHAGORAS ab dem 6. Jahrhundert v.u.Z. Die Pythagoreer-Bruderschaft, wie
sie sich nannte, war aber eine Gemeinschaft von dort völlig gleichberechtigten
Männern und Frauen, die sich mit mathematischen und philosophischen Fragestellungen
befaßten.

Die Mitglieder seiner philosophischen Gemeinschaft schrieben unter dem Namen
PYTHAGORAS. Deshalb wissen wir heute nicht, welche Beiträge von Frauen
stammen. Die Pythagoreer aber kamen bereits damals zu der Erkenntnis, daß
die Erde und alle andern Planeten der Sonne kugelförmig seien und das Weltall
aus konzentrischen Sphären, Kugelbahnen, bestehe. Sie entzogen der Vorstellung,
die Erde sei Mittelpunkt des Weltalls, bereits damals die Grundlage. Erst 2000
Jahre später wurde dieser Gedanke von KOPERNIKUS wieder aufgenommen. Auch
die „Sphärenmusik“ KEPLERs hat bei den Pythagoreern ihre Vorläuferin.

Die bekannteste pythagoreische Kosmologin war THEANO, die „die mathematischen,
physikalischen und medizinischen Abhandlungen sowie den pythagoreischen Lehrsatz
vom ,goldenen Schnitt‘ aufgezeichnet hat.“ Sie „und ihre Töchter
hatten den Ruf ausgezeichneter Heilerinnen“ und vertraten z.B. „die
Ansicht, der Fötus sei schon vor dem siebten Monat lebensfähig. Sie
betrachteten den menschlichen Körper als das mikrokosmische Abbild des
Makrokosmos, des gesamten Universums“, schreibt die Amerikanerin MARGARET
ALIC. (4)

DIONYS, der Tyrann von Syrakus (430-367 v.d.Z), verlangte von der Spartanerin
TYMICHA, einem späteren Abkömmling der pythagoreischen Schule, die
Preisgabe ihres geheimgehaltenen Wissens. Sie verweigerte sie trotz in Aussicht
gestellter hoher Belohnung, biß sich sogar die Zunge ab und spuckte sie
dem Tyrannen ins Gesicht.(5) Erkenntnisse und Wissen vor der Allgemeinheit geheimzuhalten,
ist einerseits elitäres Herrschaftsverhalten, andererseits Schutz vor Mißbrauch
und Herabzerrung nach dem Motto: „Du sollst die Perlen nicht vor die Säue
werfen.“ Doch welche Furchtlosigkeit, welchen Mut bewies diese Wissenschaftlerin!
Ihr Vorbild ist noch immer halb wach in unserer Redensart: „Lieber beiß
ich mir die Zunge ab, als daß ich etwas verrate.“

Niedergang

Bei all diesen Darstellungen müssen wir im Auge behalten, daß nach
der Bronzezeit (etwa 2500 bis 1500 v.d.Z.) die Patriarchate entstanden und Mädchen
im Gegensatz zu Jungen von sämtlichen Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen
wurden, das wissenschaftliche Hervortreten von Frauen dem zum Trotz also ganz
besonderer Kraftanstrengungen bedurfte, so wie es Jahrtausende lang bis ins
20. Jahrhundert bleiben sollte.

Athen
verlor seine Bedeutung im 3. Jahrhundert v.u.Z. durch die Gründung der
Stadt Alexandria an der Nilmündung durch ALEXANDER den Großen. Alexandria
stieg zur Weltstadt ersten Ranges auf.

„Alle bedeutenden Philosophenschulen der Antike waren (im Museion, der
Universität von Alexandria) vertreten. Die Regierung beschäftigte
über hundert Professoren, errichtete eine große Bibliothek, einen
zoologischen und einen botanischen Garten, ein Observatorium und Seziersäle.
Bald ließen sich die größten Gelehrten in Alexandria nieder“,
lesen wir (bei ALIC). „Als Ägypten im Jahre 30 v. Chr. römische
Kolonie wurde, blieb Rom zwar Sitz der politischen Macht, aber Alexandria wurde
zum intellektuellen Mittelpunkt des Imperiums.“

Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurden, so schreibt ALIC, „die theoretischen
und praktischen Grundlagen der westlichen Alchimie und damit der modernen Chemie
… von MARIA, der Jüdin, gelegt.“ (6) Sie erfand „ausgeklügelte
Laborapparate zum Destillieren und Sublimieren. Sie beschrieb ihre Konstruktionen
bis in alle Einzelheiten. Ihr „balneum mariae“ gehörte für annähernd
2000 Jahre zur westlichen Ausrüstung jedes Laboratoriums. „Marias Bad“
glich einem doppelten Kessel und wurde wie das moderne Wasserbad dazu benutzt,
Substanzen langsam zu erwärmen und auf einer konstanten Temperatur zu halten.
Im modernen Französisch heißt dieser Doppelkochkessel immer noch
„bain-marie“.“ Ich erspare uns, Marias weitere Erfindungen aufzuzählen,
die Jahrtausende im Gebrauch blieben.

Hypatia

Ich wende mich noch kurz der berühmten HYPATIA von Alexandria zu. Der
Verfall der Wissenschaft war schon seit einigen Jahrhunderten im Gange, als
HYPATIA im 4. Jahrhundert n.Chr. (370-415) eine Wiederbelebung begann. Christliche
Eiferer hatten mehr und mehr die Oberhand gewonnen. „Mathematiker wurden
wilden Tieren vorgeworfen oder lebend verbrannt“, wird berichtet. (7) Schon
verkündeten Kirchenväter, die Erde sei eine Scheibe. Die Universität
von Alexandria war aufgespalten in mehrere Schulen, die von Heiden, Juden und
Christen getrennt besucht wurden.

In dieses brisante Klima hinein wagte HYPATIA ihren Weg als Wissenschaftlerin.
Sie lehrte Mathematik, Astonomie, Mechanik und Philosophie für alle Vertreter
der Religionen gemeinsam. Sie fand neue Lösungen für algebraische
Gleichungen und zahlreiche neue Problemstellungen, die aber später den
Werken des sog. „Vaters der Algebra“, DIOPHANT, einverleibt worden
sein sollen. Sie befaßte sich mit Kegelschnitten und den daraus entstehenden
Ellipsen, deren Bedeutung erst im 17. Jahrhundert in Anbetracht der Sternenbahnen
erkannt wurden. Sie erfand u.a. ein sog. Astrolabium zur Bestimmung der Positionen
von Sternen und Planeten, entwickelte ein Wasserdestilliergerät, ein Instrument
zur Messung des Wasserspiegels und einen Hydrometer aus Messing mit einer Gradeinteilung
zur Bestimmung des spezifischen Gewichtes von Flüssigkeiten.

Auch politisch war sie tätig. „Ihr jüdischer Schüler HESYCHIUS
schrieb: ,Im Philosophentalar zog sie durch die Innenstadt und sprach für
alle, die zuhören wollten, öffentlich über die Lehren des PLATON
oder des ARISTOTELES oder irgendeines anderen Philosophen … Die Magistraten
pflegten für die Verwaltung der Staatsgeschäfte zuerst ihren Rat einzuholen.“
(8)

Als Heidin und einflußreiche Anhängerin des griechischen wissenschaftlichen
Rationalismus geriet sie zunehmend in Gefahr in der Stadt, die sich immer stärker
dem Christentum zuwandte. „Die Leute verehrten und bewunderten sie wegen
ihrer einzigartigen Bescheidenheit, was ihr andererseits Neid und Gehässigkeit
eintrug“, schreibt der christliche Historiker des 5. Jahrhunderts SOCRATES
SCHOLASTIUS. „Da sie zudem häufig und sehr vertraut mit ORESTES diskutierte“
– ORESTES war ihr früherer Schüler, ihr Freund und jetzt römischer
Statthalter in Ägypten und von dem fanatischen christlichen Patriarchen
von Alexandria, CYRILLUS, gehaßt und befeindet -, weil sie also mit ORESTES
verkehrte, „warf man ihr vor, ihretwegen könnten sich der Bischof
und ORESTES nicht vertragen.

Kurzum“, schreibt SOCRATES SCHOLASTIUS weiter, „einige vorschnelle,
unbesonnene Hitzköpfe,“ – es waren Mönche – „unter ihnen
ihr Anführer Petrus, ein Vorleser in der Kirche, lauerten der Frau auf
dem Heimweg auf und zerrten sie in die Caesarium-Kirche hinein. Sie rissen ihr
die Kleider vom Leib, schnitten ihr mit scharfen Muscheln die Haut auf und zerfleischten
sie. Dann vierteilten sie ihren Körper und brachten die Teile zu einem
Ort namens Cinaron und verbrannten sie zu Asche.“ (9)

CYRILLUS, der zumindest die Stimmung zu dieser Grausamkeit angeheizt hatte,
wurde später heiliggesprochen.

Das Vergessen-Machen

Nach HYPATIAs Ermordung breitete sich das Christentum verstärkt aus. Wissenschaftliche
Forschung wurde durch religiöse Verwirrung und Aberglauben aller Art abgelöst.
Das römische Reich ging unter, und „im Jahre 640 eroberten Araber
Alexandria und zerstörten, was vom Museion noch übrig war. Europa
trat ins finstere Mittelalter ein…“ (10)

SOKRATES hatte von etwa 470-399 v.u.Z. gelebt. In den folgenden 24 Jahrhunderten
sind zahlreiche Philosophinnen, Mathematikerinnen, Naturwissenschaftlerinnen
und Kunstschöpferinnen hervorgetreten, die zu ihrer Zeit auch bekannt und
anerkannt waren, dann aber wieder in Vergessenheit gerieten. Die Vermutung,
ihre Werke seien, um mit HEGEL zu sprechen, von der Weltgeschichte als ihrem
Weltgericht zum Tode verurteilt worden, weil sie unbedeutend waren, diese Vermutung
können wir älteren Heutigen aus eigener Erfahrung getrost beiseite
legen. Wir haben erlebt, wie eine bedeutende Philosophin, MATHILDE LUDENDORFF
(1877-1966), erst verlästert und dann totgeschwiegen wurde. Ihre männlichen
Zeitgenossen und Kollegen dagegen blieben bekannt: JASPERS, HEIDEGGER, HORKHEIMER,
ADORNO u. v. a.

So ist weibliche Weisheit in Wirklichkeit nie erstorben, sie ist nur immer wieder
aus dem Blickfeld geraten, sei es, daß Männer sie in ihr Werk übernommen
und als ihr geistiges Eigentum ausgegeben haben, sei es, daß die
Werke von Frauen keine Werbung und Unterstützung fanden, ja, weil sie Werke
von Frauen waren, gering geachtet wurden und schließlich als gar
nicht vorhanden der Vergessenheit anheimfielen, sei es, daß die Frauen
ihre Werke unter Männernamen veröffentlichten bzw. ihren Namen durch
Heirat verloren. Wer aber ohne Namen ist, ist nicht.

Anne Finch Conway

Wer weiß heute, daß z.B. LEIBNIZ die Idee zu seiner „Monadenlehre“
einer Frau verdankt? Die Engländerin ANNE FINCH CONWAY ist die vergessene
Philosophin des 17. Jahrhunderts, die das cartesianische Weltbild öffentlich
erörterte und die strenge Trennung ablehnte, in der DESCARTES die sogenannte
Materie in Bezug auf die Seele sah. Seele habe allein der Mensch, meinte DESCARTES
und erblickte im gesamten Weltall einschließlich aller Lebewesen außer
dem Menschen nichts anderes als sich mechanisch bewegende Materie.

ANNE
CONWAY bestritt diese Trennung von Materie und Wesen, „und behauptete,
die beiden seien unabdingbar miteinander verbunden. Für sie war die Natur
nicht eine kosmische Maschine, sondern ein lebendiges Ganzes, bestehend aus
kleinsten individuellen Einheiten, den Monaden, mit eigener Lebenskraft, organisiert
und zusammengehalten von einem kosmischen Ordnungsprinzip.“ (11) Sie hatte
auch bereits die Vorstellung, „daß sich die Materie der Monaden wandeln
könne“ (12) – bis hin zum Menschen. Damit war sie Wegbereiterin für
DARWINs Evolutionstheorie. Wir sollten uns ihren Namen einprägen: ANNE
FINCH CONWAY, geboren 1631, gestorben 1679.

GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ wurde mit dem philosophischen System ANNE CONWAYs
bekannt, als VAN HELMONT Schriften von ihr der Kurfürstin SOPHIE von Hannover
gebracht hatte. Diese war die philosophische Freundin LEIBNIZens, und sie machte
ihn mit der Philosophie ANNE CONWAYs bekannt. „Innerhalb weniger Monate
gebrauchte er (LEIBNIZ) den Begriff ,Monade‘ zur Beschreibung der Urmaterie.
So ging ANNE CONWAYs Auffassung von der Monade als dem unteilbaren Grundbaustein
aller Materie und jeden Lebewesens in LEIBNIZ‘ philosophisches System, die „Monadenlehre“,
ein,“ schreibt ALIC. (13)

Mathilde Ludendorff

CONWAYs Lehre von der Beseeltheit der Welt der Erscheinungen stand im Gegensatz nicht nur
zu DESCARTES‘ mechanistischem Universum, sondern auch zur Weltsicht NEWTONs, der
glaubte, alles bestünde aus unbelebten Partikeln, die der Schwerkraft gehorchten.
Diese mechanistische Weltsicht aber siegte, so wie auch der männliche,
vernunftbezogene, der Erscheinungswelt zugewandte Geist über den
weiblichen siegte, der dem Lebendigen in allen Erscheinungen nahesteht, bis MATHILDE
LUDENDORFF auftrat. Sie erschaute das Weltall als gottdurchseelt und legte
eine einzig dastehende „Schöpfunggeschichte“ vor, mit deren
Erweiterungen in den Spätwerken „Das Hohe Lied der göttlichen Wahlkraft“
und „In den Gefilden der Gottoffenbarung“. In ihnen zeigt
sie die göttlichen Willensoffenbarungen mit deren Auswirkungen und deren
Vorhandensein in der Menschenseele auf.

MATHILDE LUDENDORFF sieht durchaus den Gegensatz zwischen Materie und Seele,
von daher ist ihr Weltbild dual zu nennen. Die Materie, die Erscheinungswelt
ist eingeordnet in die Kategorien Raum, Zeit und Ursächlichkeit, von denen
das Seelische, Göttliche, dagegen frei ist. Die Materie aber besteht aus
Atomen, kleinsten Energiewölkchen, die sich selbst an den Grenzen zwischen
der Erscheinung und göttlicher Freiheit befinden: Denn sie haben

1. eine unvorstellbar geringe räumliche Ausdehnung, bestehen hauptsächlich
aus verhältnismäßig großen leeren Räumen und sind
damit nahe der Nichterscheinung, nahe Null,
2. haben sie eine zeitlich fast unbegrenzte Dauer, nämlich die des gesamten
Weltalls, befinden sich somit nahe dem Unendlichen und sind
3. in ihrer
Kausalität nicht bis ins Letzte vorausberechenbar, also nahe der göttlichen
Freiheit, der Spontaneität.

Die Materie liegt also als endliche Erscheinung nahe der Unendlichkeit, oder
wie Mathilde Ludendorff sagen würde: Das Göttliche hat sich den Formen der
Erscheinung nur soweit wie unbedingt nötig eingeordnet. Weil das Weltall aber in
all seinen Erscheinungen auf wenigen göttlichen Willenrichtungen beruht, bildet
es in sich und mit dem Göttlichen eine Einheit.


Das Beispiel der ANNE CONWAY könnte durch zahlreiche weitere Beispiele
ergänzt werden. „Jeder intellektuelle Erfolg einer Frau erschütterte die These
der männlichen Überlegenheit“, schreibt ALIC und fährt fort: „In anderen Fällen
unterbanden Zeitgenossen und Nachfahren die wissenschaftliche Anerkennung von
Frauen durch gemeinste Verunglimpfungen ihres Privatlebens.“ (14) Wie ist uns
auch das aus dem Leben MATHILDE LUDENDORFFs bekannt! Mit Grauen denke ich an die
Zeiten zurück, da ich selbst noch miterlebt habe, in welcher Weise sich Männer
erniedrigten, um die große Philosophin mit Unrat zu bewerfen.

Zahlreiche Parallelen haben sich – wie wir gesehen haben – in den vergangenen
Jahrtausenden ereignet. Was ist nun aber die Ursache für diese Sucht, weibliche
Leistungen und die Frau an sich von der Bildfläche und aus dem Gedächtnis
der Völker zu tilgen? MATHILDE LUDENDORFF erklärt es so:

„Diesem (Freiheits-)Willen, der alle Machtkämpfe des Mannes anregt,
ist die größere Hörigkeit vom Weibe, welches sich
selbst als unabhängiger erweist, seit je ein Greuel. So hat denn der Mann
ein sehr lebhaftes Interesse daran, diese Tatsache sich und andern möglichst
wenig fühlbar zu machen. Nun ist es ohne weiteres einzusehen, daß
die gehaßte Hörigkeit am sinnfälligsten und fühlbarsten
bei einer Vormachtstellung des Weibes, am unmerklichsten aber bei einer Vormachtstellung
des Mannes ist. Das ist das tiefe Geheimnis, welches uns die allgemein bestehende
Neigung der Männer aller Rassen, ihr Drängen nach Vormachtstellung
über das Weib erklärt.“ (15)

MATHILDE LUDENDORFF schließt dem noch die Beobachtung an, daß der
bei Frauen häufig anzutreffende Altruismus eine notwendige Begleiterscheinung
der weiblichen Veranlagung zur Mutterschaft sei und die Bereitschaft der Frauen
begünstige, „sich Jahrhunderte hindurch eine Unterordnung gefallen“
zu lassen.

Dichtung und Wahrheit

Wenn es schon eine Unmöglichkeit ist, wahre Geschichte bis ins Letzte
darzustellen, weil es uns nicht möglich ist, alle Gegebenheiten zu kennen,
die zu bestimmten Entwicklungen geführt haben, so trifft das erst recht
für die Frühgeschichte zu, die weit zurückliegt und in der die
meisten Matriarchatskulturen angesiedelt sind. Immer sind wir auch auf unsere
Deutungen und Auslegungen angewiesen, die sich nicht zuletzt aus unseren Blickwinkeln
unserer eigenen Zeitumstände und den sich daraus ergebenden Vorurteilen
herleiten.

Dadurch,
daß in den letzten Jahrzehnten ein Heer gebildeter Frauen die Kapazität
weiblichen Denkvermögens und weiblicher geistiger Leistungskraft unter
Beweis gestellt hat, haben wir keine Schwierigkeiten damit uns vorzustellen,
daß Frauen sich an der Schaffung von Zeugnissen der Urzeit ebenso beteiligt
haben wie Männer. Wir wissen es im einzelnen nicht, aber es wurde aus patriarchalischer
Erfahrung stets so dargestellt, daß in der Frühgeschichte der Völker
alle Erfindungen und Kunstschöpfungen von Männern erbracht wurden,
während Frauen meist an der Herdstelle hockend von Kindern umgeben dargestellt
wurden, wenn überhaupt. Heute haben wir keine Hemmungen, uns mit dem Engländer
GORDON CHILDE vorzustellen, daß die …

schreiben „… systematische Entwicklung von Wissen und Technologie, die wir „Wissenschaft“
nennen, in vorgeschichtlichen Jahrtausenden (entstand), und unter diesen ersten
„Wissenschaftlern“ auch Frauen (waren). Sie erfanden Werkzeuge, behauptet CHILDE,
„sammelten Kenntnisse über eßbare und heilsame Pflanzen und
entdeckten vermutlich „die Chemie der Töpferei, die Physik des Spinnens,
die Mechanik des Webstuhls und die Botanik von Flachs und Baumwolle.““(16)

In alten Sagen wird von hervorragenden Frauen berichtet: z.B. von Dido, deren
Namen „die Heldenhafte“ bedeutet, die im 9. Jahrhundert v.u.Z. Karthago
gründete, nachdem sie den Einheimischen vorgeschlagen hatte, ihr nur so
viel Land zu verkaufen, wie eine Kuhhaut umspannen könne. Nach Vertragsabschluß
schnitt sie die Kuhhaut in schmale Streifen, die sie an den Enden jeweils aneinander
nähte, und legte das so entstandene lange Band im Halbkreis über das
Stück Land des zukünftigen Karthago, das an der anderen Seite vom
Mittelmeer begrenzt wurde. „Damit hatte sie eine Lösung gefunden,
deren mathematischer Beweis erst im 19. Jahrhundert erbracht wurde“ (17),
nämlich das mathematisch genaue Verhältnis von Fläche zu Umfang.

Oder HOMER berichtet aus der späten Bronzezeit des 8. Jahrhunderts v.u.Z.
von AGAMEDE, die „sämtliche Arzneien“ kannte, „die auf der
weiten Welt wuchsen“, wie es in der Ilias heißt. Und in seiner Odyssee
erzählt er von weiteren berühmten Ärztinnen wie HELENA VON TROJA
und POLYDAMNA. Der Name POLYDAMNA bedeutet „Bezwingerin vieler Krankheiten“.

Im Tempel von Sais, nördlich von Memphis in Ägypten lautet eine Inschrift:
„Ich kam von der Medizinschule zu Heliopolis und studierte an der Frauenschule
zu Sais, wo mich die göttlichen Mütter Krankheiten heilen lehrten.“
(18)

„Medizinheilkunde war in Ägypten schon vor dem Jahr 3000 v. Chr.
ein anerkannter Beruf, und gebildete Frauen arbeiteten als Ärztinnen und
Chirurginnen … Medizinische Papyrusrollen behandeln die Gynäkologie,
das Spezialgebiet von Ärztinnen. Die Rolle von Kahun (ca. 2500 v. Chr.)
… berichtet von Spezialistinnen, die Schwangerschaftsdiagnosen stellten …,
Unfruchtbarkeitstests durchführten“ u.a. „Chirurginnen führten
Kaiserschnitte durch, operierten Brustkrebs und schienten Knochenbrüche.
„Ärztin“ war oft gleichbedeutend mit „Priesterin“, denn in den ältesten
Urkunden war es die Isis, welche die Heilbehandlungen vorschrieb“, schreibt
Alic. (19)

Die Große Mutter und die Weltreligionen

Im alten Ägypten galt Isis als die Große Mutter, die den Völkern
des Niltals Gesetze, Religion, Schrift und Heilkunde gab, sie die Kunst der
Einbalsamierung, des Landbaus, der Nahrungsherstellung aus Getreide lehrte,
und der die Erfindung des Segelbootes zugeschrieben wurde. (20)

Andere Völker gaben dieser großen mütterlichen Schöpferkraft
ihre eigenen Namen. Sie schrieben ihren Göttinnen die Erfindung des Spinnens
und Webens, der Zahlen, der Schreibkunst zu. Sie sahen sie als Schutzpatroninnen
von Schiffahrt und Handel, von Literatur und Geschichte. Die Göttin Urania
war die griechische Muse der Gestirne, und die ägyptische Seshat befähigte
die Baumeister, bedeutende Gebäude nach den Sternen auszurichten. (21)

Hätten Frauen auf diesen Gebieten nicht Wesentliches geleistet, wie wären
die Altvorderen darauf gekommen, weiblichen Gottheiten solche Fähigkeiten
zuzuschreiben, ja, eine mütterliche Schöpferkraft als die göttliche
Hervorbringerin des Weltalls anzunehmen, die „Große Mutter“?

Isis und Horus Wie
gestaltete sich nun das gesamte Leben in mutterrechtlichen Kulturen? Das spiegelt
sich in ihren Mythen. HEIDE GÖTTNER-ABENDROTH legt Wert darauf zu betonen,
daß diese Mythen keine matriarchalen Religionen seien. „Denn Religionen
sind von einer herrschenden Gruppe institutionalisierte Glaubensrichtungen und
als solche insgesamt patriarchal. Ohne eine solche Institutionalisierung, die
regelmäßig von Zentralismus und Hierarchie gekennzeichnet ist, hätten
sie sich nicht weltweit ausbreiten und zu den heutigen Staats- und Großreligionen
entwickeln können.“ Dabei werde ihre „maskuline Gottesvorstellung“
„verknüpft mit einem absoluten Wahrheitsanspruch, der in missionarische
Intoleranz mündet.

Ihr Ritus ist starre Wiederholung eines vergangenen spirituellen Ereignisses,
dem Einmaligkeit zugesprochen wird (Religionsstifter) und das in unantastbaren
Dogmen festgehalten wird (Heilige Bücher).“ Bei der „matriarchalen
Haltung“ sei die Göttin „nicht außerhalb und jenseits der
Welt in einem abstrakten Nirgendwo“ (wie der patriarchale Gott JHWH oder
Allah z.B.), „sondern die Welt ist die Göttin. Deshalb braucht man
auch nicht mittels unglaubwürdiger Dogmen an sie zu „glauben“, denn Kosmos
und Erde sind immer da, im Land, in den Elementen, in jedem Menschen. Göttinverehrung
ist daher individuell oder kollektiv frei gestalteter musischer Ausdruck, in
welchem die Lebenskräfte selbst gefeiert werden.“ (22)

Für uns, denen die Werke MATHILDE LUDENDORFFs vertraut sind, tun sich
hier erfreuliche, vertraute Anschauungen auf. Wir würden vielleicht betonen,
daß auch wir die Lebenskräfte des Göttlichen lieben und verehren,
wie sie uns in der Schöpfung deutlich werden, daß sich in ihr aber
das Göttliche selbst nur in einer begrenzten Zahl seiner Wesenszüge
spiegelt, es selbst darüber hinaus unendlich und uns in all seinen weiteren
Wesenszügen und Möglichkeiten ohne Zahl verschlossen bleibt. Somit
ist für uns die Welt nicht die Göttin, sondern sie ist nur die eine
ihrer Möglichkeiten in Erscheinung zu treten. Die Philosophie MATHILDE
LUDENDORFFs ist eben kein Pantheismus.

HEIDE GÖTTNER-ABENDROTH betont, die mutterrechtlichen Mythen „und
die dazu gehörigen Verehrungsformen (seien) keine isolierten, dumpfen „Kulte“,
sondern komplexe, geistig hochstehende Erklärungsmuster von Welt, die späteren
philosophischen Systemen entsprechen, nur daß ihre Sprache die der Bilder
und nicht der Begriffe ist.“ (23)

Völlig übereinstimmend mit MATHILDE LUDENDORFF, die in ihrem Werk
„Des Menschen Seele“ das mythische Bild unserer Vorfahren von der
Weltesche Yggdrasil in seiner Offenbarung tiefer Welterkenntnis unserer Vorfahren
deutet, sagt HEIDE GÖTTNER-ABENDROTH, „die verschiedenen rituellen
Verehrungsformen (hängen) geistig zusammen, was von der bisherigen Forschung
nicht wahrgenommen wurde und die Ursache für die verständnislose Zerstückelung
in einzelne „Kulte“ ist.“ Damit sei „bereits ausgeschlossen, daß
es sich bei diesen „Kulten“ in monotoner Wiederholung nur um die Idee der „Fruchtbarkeit“
handelt … Hinter der Verehrung der Gebärfähigkeit der Frauen wie
der Regenerationskraft der Natur“ überhaupt „stand statt dessen
der Respekt vor dem Mysterium des Lebens, des Todes und der Wiedergeburt.“
(24)

Auch die Höhlenforscherin MARIE KÖNIG räumt mit den bisher
gängigen Deutungen der Höhlenmalereien auf, die die Höhlenhochkultur in
ein menschheits-einheitliches chtonisches Korsett zwängen wollen: Statt
Jagdzauber und Dämonenbeschwörung sieht MARIE KÖNIG Welterkenntnis als
Anlaß der Darstellungen. Der Kosmos ist der Lehrmeister, Weltallweite atmet
schon vor mindestens 20.000 Jahren die Seele der Europäerin und des Europäers.
„Das Lehrbuch der Menschheit ist der Himmel gewesen“, schrieb MARIE
KÖNIG 1973 in ihrem Werk „Am Anfang der Kultur“ (25). Gut ein
halbes Jahrhundert vorher hatte MATHILDE LUDENDORFF in ihrem Werk „Triumph
des Unsterblichkeitwillens“ geschrieben: „… der nächtliche
Sternenhimmel ist die älteste heilige Schrift Gottes“. MARIE KÖNIGs
Ausspruch bezieht sich auf die Vernunfterkenntnis, MATHILDE LUDENDORFFs auf
das Gotterleben.

Das Matriarchat

Entscheidend wichtig sei, schreibt GÖTTNER-ABENDROTH, daß es so
wenig wie den platten „Fruchtbarkeitskult“ einen „Mutterkult“
gegeben habe. „Mutterkult mit seiner Reduktion der Frau auf ihre bloße
Gebärfunktion zu Zwecken der Bevölkerungspolitik ist typisch patriarchale
Erfindung“, stellt sie fest. „In den matriarchalen Kulturen ging es
um die Verehrung aller regenerativen und kulturschöpferischen Kräfte
der Göttin-Frau, die vom Leiblichen bis zum Geistigen reichen: Verehrt
wurde ihre Vielfalt und Umfassendheit, in die der Mann als Teil des Ganzen eingeschlossen
war.“ (26)

Und
da sind wir auch schon bei einem wesentlichen Kennzeichen des Matriarchats.
Im Mutterrecht ist der Mann nicht der Unterdrückte. Das Matriarchat ist
kein Herrschaftssystem und somit auch kein Gegenstück zum Patriarchat.

Auch Männer können Träger matriarchaler Denkweise sein und sind
es zu allen Zeiten gewesen. Ebenso können andererseits Frauen im patriarchalen
Herrschaftsdenken befangen sein. Es geht nicht um Herabsetzung des Männlichen
zugunsten einer Erhöhung des Weiblichen oder gar um Vorherrschaft von Frauen.
Diese sind so unvollkommen wie Männer. Es geht um eine grundlegend andere
Weltanschauung als die heute weitverbreitete, die sich auch daraus erklären
läßt, daß die Völker sich mit zunehmender Bevölkerungsdichte
gezwungen sahen, sich gewaltsam gegen andere durchzusetzen, um Lebensraum zu
gewinnen bzw. zu verteidigen.

Ein patriarchalisch geführtes Volk ließ die Umstellung des benachbarten
Volkes auf patriarchale Organisationsform notwendig erscheinen, und so ist es
leicht vorstellbar, daß fast alle Völker aus dem Willen zur Selbsterhaltung
heraus zum Patriarchat und damit zu Machtentfaltung übergingen. Die es
vermieden, waren dem Machtkampf meist nicht gewachsen.

Ich versuche nun, kurz das Grundmuster zu skizzieren, nach dem sich die weitverbreiteten
matriarchalen Mythen gestalteten:

Die Farben weiß-rot-schwarz sind die heiligen Farben des Matriarchats.
Sie und der dreifaltige Mond versinnbildlichen die Lebensphasen der Frau und
damit der Natur im Kreislauf des Jahres:

  • „Die weiße Sichel … ist das Symbol der Göttin in
    ihrer Mädchengestalt, der Göttin des zunehmenden Jahres (des Frühlings), der
    jugendlichen Jägerin mit dem silbernen Bogen …
  • Die purpurne Doppelsichel, deren Spitzen einander
    zugewandt sind, so daß sie eine Rundung ergeben, ist das Zeichen des
    Vollmonds, wenn er glühend am Horizont steht. So ist er das Symbol der Göttin
    in ihrer Gestalt als erwachsener Frau, der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit,
    die im Höhepunkt des Jahres (im Sommer) regiert. Sie ist die Schöpferin der
    Welt, denn der rote Vollmond bedeutet das Welt-Ei, das sie in Gestalt einer
    Taube legte: Als es zerbrach … fiel die ganze Schöpfung heraus. Darum ist
    auch dieses Zeichen gespalten …
  • Die schwarze Sichel … ist das Symbol der Göttin in ihrer Greisengestalt,
    der Schnitterin mit der Todessichel … (sie) ist die Herrin der tiefsten
    Region, der Unterwelt. Dort wohnt sie als winterliche Todesgöttin, die
    alles Leben mit sich in die Tiefe nimmt, um es nach seiner Metamorphose im
    neuen Jahr wieder zum Licht aufsteigen zu lassen. Und damit beginnt der Kreislauf
    des mythischen Jahres der Göttin von vorn.

Doch wie der Mond in allen drei Phasen eine Einheit ist, so ist die Göttin
in allen drei Gesichtern nur eine Gottheit … Die Triade der heiligen Farben
Weiß-Rot-Schwarz ist bereits ein Symbol für sie selbst; deshalb trägt
manche mythische Gestalt diesen Dreiklang … (Denken Sie z.B. an Schneewittchen.)

Die Sonne ist das Symbol des Heros, des menschlichen Partners der Göttin.
Männliche Götter gab es im matriarchalen Kosmos nicht“, behauptet
GÖTTNER-ABENDROTH. „Die Mädchengöttin initiiert ihn (den
Heros) im Frühling, sie verleiht ihm die Würde eines sakralen Königs.
Im Sommer vollzieht die Frauengöttin mit ihm das zentrale Fest, die Heilige
Hochzeit, die Land und Meer fruchtbar macht. Zu Beginn des Winters tötet
ihn die Greisingöttin und führt ihn in die Unterwelt, aus der er am
Anfang des nächsten Jahres geläutert wiedergeboren wird.“ (27)
Soweit die Beschreibung GÖTTNER-ABENDROTHs.

Göttin und Heros

Auch MARIE KÖNIG hebt die Dreiheit hervor. Das Dreieck ist den Menschen
der Jungsteinzeit bereits ein Begriff. „Das Dreieck war eine schöpferische
Idee, die in den Begriffsschatz der Menschheit einging. Als die lunarsymbolischen
Bilder verschwanden, überdauerte dieses Idiogramm,“ schreibt KÖNIG.
„Dreieck und Stierbild im gegenseitigen Bezug wurden überliefert“,
fügt sie hinzu. (28)

Und wie JHWH einst Regen und Fruchtbarkeit bringender Stiergott war, so ist
sein Zeichen noch heute das Dreieck, das sog. Auge Gottes. So ist das Prinzip
des Männlichen bildlich im Stier dargestellt, aber auch im Bild der Sonne.

Die Sonne, Sinnbild des Heros, geht auch täglich unter. Und so ist dies
sein Heldentum: zugunsten des Lebens, des Ganzen, freiwillig in den Tod zu gehen.
An seiner Stelle wurde aber auch ein Stier geopfert. Wie die Sonne stets aus
der Unterwelt wieder aufersteht, so glaubte man überhaupt an die Wiedergeburt
der Lebewesen und sah in der Tötung des Heros nichts Unrechtes, zumal der
Heros freiwillig zur Großen Mutter in die Unterwelt, zur Hel, ging.

In den weltweit gefeierten Jahreszeitenfesten wurden diese Naturvorgänge
versinnbildlicht dargestellt und gefeiert. Die Göttin wurde durch eine
Priesterin vertreten, der heilige König oder Heros war Sinnbild der geschaffenen
Schöpfung, daher auch als Sohn der Göttin gedacht, er vertritt neben
der übrigen Natur auch die Menschen. Somit verbindet sich in Gestalt der
Priesterin die Göttin mit dem Heros, ihrem Geschöpf mit ihrer Schöpfung
bei der Heiligen Hochzeit.

Dieses Bild zeigt doch deutlich die Intuition, daß die göttliche
Schöpferkraft eins ist mit ihrer Schöpfung, zeigt das gottlebendige
Weltbild der frühen Menschen, fernab materialistisch-mechanistischer Welterklärung.
Das Weltall wurde als gottdurchseelt erlebt, wie wir in der Sprache MATHILDE
LUDENDORFFs sagen können.

Jörd

Die uralte Große Mutter unserer Vorfahren war Jörd, das bedeutet
Erde. Sie wurde später vermännlicht in Njörd. „In der Geschichtsschreibung
Roms über Germanien wurde sie ,Nerthus‘ genannt.“ Bei Tacitus lesen
wir, daß sie in einem heiligen Hain auf einer Insel weit im Westen des
Ozeans (in der Anderen Welt) wohnte und von dort zu den Völkern gefahren
kam: „zuerst auf einem Schiff, auf dem sie die Sonne (und damit Licht und
Fruchtbarkeit) mitbrachte …

Stonehenge Einmal
gelandet, fuhr sie dann auf einem geweihten Wagen, vor den Kühe gespannt
waren, von Ort zu Ort. … Überall wurde sie begeistert empfangen, denn
jetzt begann die liebliche Jahreszeit. Die Waffen … wurden weggeschlossen,
in der Gegenwart der Göttin herrschte Frieden. Alle Orte waren mit Blumen
geschmückt … Wenn sie zum Meer zurückkehrte, wurde der Wagen in
einem See gewaschen, dann stieg sie wieder aufs Schiff. Die Männer, die
den Wagen gezogen hatten, verschlang das Meer. Vermutlich fuhren sie auf dem
Schiff der Göttin mit in die andere Welt“, meint GÖTTNER-ABENDROTH,
„das Sonnenschiff war daher auch ein Totenschiff … Jörd war die
älteste Göttin der Wanengruppe, zu der noch ihre Tochter Freyja und
ihr Sohn Freyr gehören.“ (29)

„Bezeugt ist bei den Wanen die Geschwister-Ehe und ein nur ihnen eigentümlicher
Zauber“, heißt es im BROCKHAUS. Und diese Geschwister-Ehe bezeugen
auch die Mythen der ganzen Welt.

Ansonsten wissen wir von den alten Mythen des friedlichen Göttergeschlechtes
der Wanen unmittelbar kaum etwas, nur in alten Sagen und Märchen sind noch
Überreste erhalten. Der Sage nach gab es eine gewaltige Götterschlacht
zwischen den Wanen und den patriarchalen Asen, die obsiegten. Was wir aber noch
über die Urmythen unserer nordischen Vorfahren erfahren aus den Bildwerken,
die aus der Erde gegraben wurden, zeigt eine fast völlige Übereinstimmung
mit noch gut erhaltenen schriftlichen und bildnerischen Darstellungen in Europa,
Asien und Afrika.

Jörd ist die Rhea und Hera in Griechenland, die Kybele und Anat in Kleinasien,
Isis, Hathor, Neith und Nuth in Ägypten, Inanna im Zweistromland, Anahita
in Persien, Prithivi und Shakti (Kali) in Indien und viele andere in den Kulturen
der Erde.

Sie werden übereinstimmend in heiligen Hainen, auf Anhöhen verehrt,
feiern dort mit dem Heros, dem heiligen König die Heilige Hochzeit. Ihre
Attribute sind das Füllhorn oder die Schale, Kuhhornkrone, Schlange, Mondsichel,
Sonnenscheibe, Sonnenwagen, Thron.

Ex nocte lux

War man Jahrhunderte lang davon ausgegangen, daß „die Kultur“
sich ex oriente bis nach Nordeuropa ausgebreitet hätte, so können
wir heute aufgrund der C-14-Radiokarbon-Methode sicher sein, daß der Weg
die umgekehrte Richtung genommen hat. „Nun ist klar“, schreibt der
britische Professor COLIN RENFREW, „daß die Megalithbauten in der
Bretagne früher als 4000 v. Chr. erbaut wurden, also eintausend Jahre,
bevor die monumentale Grabarchitektur im östlichen Mittelmeer, und 1500
Jahre, bevor die Pyramiden erbaut wurden. Der Ursprung der europäischen
Begräbnissitten und -monumente darf nicht im Nahen Osten, sondern in Europa
selbst gesucht werden. “ (30)

Megalithbauten finden sich entlang der Meeresküsten bis hin nach Japan,
den Osterinseln und Amerika. Mit ihnen scheinen auf dem eben genannten Weg über
alle Meere die nordischen Mythen gewandert zu sein. (Bild:Karte)

Auf Samoa finden wir heute noch die hohe Achtung vor der Frau als der
Überträgerin der Weisheit, wenn auch das Bild von der Großen Mutter vor einer
bildlosen Wortfassung gewichen ist: Die Samoaner erleben das Göttliche als das
„Große Sehnen“ nach seiner selbst. So hat es die Häuptlingstochter
Kifanga dem deutschen Emil Reche in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts
nahegebracht, ehe sie mit ihm in einem der kleinen seetüchtigen Boote Polynesiens
eine kühne Meeresfahrt unternahm. Wichtig war den Polynesiern, daß
die Häuptlingstöchter möglichst hellhäutige Jünglinge
zum Mann nahmen. Hellhäutigkeit war ihnen ein Zeichen von Höherentwicklung.
Kifanga war dem Deutschen denn auch in gemütstiefer Minne verbunden.

„Im 4. Jahrtausend (v.u.Z.) erscheinen fremde Siedler in der Sahara. Es
sind Rinderhirten mit vermutlich blonden Haaren“, schreibt DIETER BRAASCH.
Noch heute kann man Thuareg mit blauen Augen antreffen. BRAASCH hebt hervor:
Während man in Europa ein stetiges Reifen der Steinzeitkultur an den Funden
feststellen könne, hätten wir es in Nordafrika und im Zweistromland
mit Kultursprüngen zu tun.

Logisch folgert BRAASCH aus der Sonnenarmut des Nordens die Entstehung der
Sonnenverehrung hier bei uns, die im sonnenreichen Süden, wo die Sonne
zeitweise todbringend ist wie in der Dürreperiode, wohl weniger ihren Ursprung
haben dürfte. Er bringt zahlreiche Beweise dafür, daß sich die
Kultur der Megalithgräber, der Sonnenspiralen und der Rinderverehrung aus
Nordeuropa nach Afrika und Asien ausgebreitet hat. Die Schiffahrt war den Seevölkern
des Nordens durch ihre Schiffsentwicklungen bereits sehr früh möglich.
Ihre Darstellungen von Schiffen in Europa sind Legion.

Ebenso hatten unsere nordeuropäischen Vorfahren bereits in der Bronzezeit
zwei Schriften, noch bevor die Runenschrift bei ihnen eingeführt war. Das
weist der Amerikaner BARRY FELL nach. Eine davon, die Tifinag-Schrift, finden
wir mit den gleichen Zeichen in Skandinavien wie bei den Berbern in Nordafrika.
Mit dieser Schrift hat sich der norwegische König Woden-Lithi vor 3700
Jahren auf einer Felsplatte in Ontario/Kanada verewigt. FELL ist es gelungen,
die Schrift zu entziffern. „Während meiner Arbeit in Nordafrika traf
ich Berber, die keine Überlieferung ihres Ursprungs hatten, aber offensichtlich
europid waren mit ihrem blonden Haar, blauen, grauen oder hellbraunen Augen
und typischen europäischen Zügen“, schreibt FELL. (31) Auch die
Schrift war also von Nordeuropa aus in alle Welt getragen worden.

Wie heute in der ganzen Welt unser nordeuropäisches Wintersonnenfest Weihnachten
gefeiert wird, selbst in Ländern, in denen zu Weihnachten Hochsommer ist,
so wie technische Entwicklungen der nordeuropäischen Völker heute
in aller Welt aufgenommen werden, so können wir uns die Ausbreitung der
Kultur unserer Vorfahren vorstellen, die bereits vor 12 000 Jahren hier in unseren
Breiten entwickelt wurde, als das Eis zurückgewichen war und das Land rund
um Ost- und Nordsee von hellhäutigen, hochgewachsenen Menschen besiedelt
werden konnte.

Die Machtergreifung

SOKRATES war angewidert von den alten Mythen, die er nicht verstand. PLATON
wertete die Minne zwischen den Geschlechtern ab und lobte statt dessen die „geistige
Fruchtbarkeit“, die Liebe unter Männern als die für Philosophen
einzig bedeutsame. „Für ARISTOTELES und THOMAS VON AQUIN bildete die
Frau lediglich ein Gefäß für den männlichen Samen, sonst
hatte sie keinen Anteil an der Zeugung der Nachkommen“, neuen Lebens. (32)

Die weiblichste aller menschlichen Fähigkeiten wurde verneint. Schwangergehen
und gebären war nun auch Männersache. Zeus gebar Athene aus dem Kopf,
Adam Eva aus der Rippe. „SOKRATES bezeichnete seine philosophische Methode
als „Hebammenkunst““, Männer liegen zuweilen bei der Hervorbringung
ihrer Geisteswerke in „Geburtswehen“, was von ihnen als höherwertig
betrachtet wurde als die wirklichen, „bloß leiblichen“ Geburtswehen
der Mütter.

Manipulieren der Natur beim Klonen und Atomwaffen-Entwickeln z.B. wird als
Gott-Spielen bezeichnet, als ob das Göttliche jemals Machertum gewesen
wäre! „Wir spielen mit dem Feuer und akzeptieren die Folgen, denn
die Alternative wäre unverantwortliche Feigheit vor dem Unbekannten“,
meint der Amerikaner RONALD DWORKEN. (33) Seine urmännliche Angst vor der
Feigheit läßt ihn vergessen, daß es auch Ehrfurcht vor der
Schöpfung geben könnte, Gemeinschaft mit der geheimnisvollen Großen
Mutter der Altvorderen.

So scheint weibliche Weisheit immer wieder zu Tode gekommen zu sein. Wir Heutigen
aber sind gesegnet, ihre Wiedergeburten im Rückblick auf die Vergangenheit
und ganz besonders im Hinblick auf unsere Gegenwart erleben zu können,
in der auf europäischer Bühne die wiedergewonnene Freiheit und Anerkennung
weiblicher Kompetenz von außereuropäischen patriarchaischen Verhältnissen
bedrängt wird.

Literatur:

1. Alic, Margaret, Hypatias Töchter, Der verleugnete Anteil der Frauen
an der Naturwissenschaft, Zürich 1987
2. Bachofen, Johann Jakob, Das Mutterrecht, Suhrkamp 1975
3. Becker, Bovenschen, Brackert u.a., Aus der Zeit der Verzweiflung, Suhrkamp
1977
4. Bovenschen, Silvia, Die imaginierte Weiblichkeit, Suhrkamp 1979
5. Braasch, Dieter, Pharaonen und Sumerer, Megalithiker aus dem Norden, Grabert
1997
6. Fell, Barry/Heinz B. Maass, Deutschlands Urahnen, Band 1, Lemwerder 1999
7. dto., Band 2, Lemwerder 2003
8. Göttner-Abendroth, Heide, Die Göttin und ihr Heros, München
1993
9. dto., Das Matriarchat I, Geschichte seiner Erforschung, Kohlhammer 1995
10. dto., Das Matriarchat II,1, Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien,
Ozeanien, Kohlhammer 1999
11. dto., II,2, Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika, Kohlhammer
2000
12. Grimm, Jakob, Deutsche Mythologie, Coburg 1943
13. König, Marie, Am Anfang der Kultur, Berlin 1973
14. Ludendorff, Mathilde, Das Weib und seine Bestimmung, Pähl 1976
15. dto., Triumph des Unsterblichkeitwillens, Schöpfunggeschichte, Des
Menschen Seele u.a. philosophische Werke, Pähl
16. Philosophenlexikon im Weltnetz, Frauen in der Philosophie
17. Platon, Symposion
18. Ranke-Graves, Robert v., Griechische Mythologie, Rowoldt 1960
19. dto., Die weiße Göttin, rororo, 2002
20. Reche, Emil, Kifanga, Leipzig 1924
21. dto., Tangaloa, München 1926
22. Rullmann, Marit/Werner Schlegel, Frauen denken anders, Suhrkamp 2000
23. Spannuth, Jürgen, Die Atlanter, Grabert 1976
24. dto., Die Philister, Osnabrück 1980
25. dto., Die Phönizier, Osnabrück 1985
26. Verhagen, Britta, Götter am Morgenhimmel, Grabert 1983
27. Weiler, Gerda, Das Matriarchat im Alten Israel, Kohlhammer 1989

Quellennachweise:

1. Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 1798, in: Kants
gesammelten Schriften, hg. von der Königlich Preußischen Akademie
der Wissenschaften, Band VII, Berlin: Reimer 1907, S. 303-311
2. Philosophenlexikon im Weltnetz, Frauen in der Philosophie
3. Platon, Symposion, hg. von Boll/Buchwald, München 1969, S. 83-111
4. Margaret Alic, Hypatias Töchter, Der verleugnete Anteil der Frauen an
der Naturwissenschaft, Zürich 1987
5. ebenda
6. a.a.O., S. 52
7. a.a.O., S. 55/56
8. a.a.O., S. 58
9. a.a.O., S. 59
10. ebenda
11. a.a.O., S. 18
12. a.a.O., S. 19
13. a.a.O., S. 19
14. a.a.O., S. 22
15. Mathilde Ludendorff, Das Weib und seine Bestimmung, Pähl 1976, S. 124,
Erstauflage 1916
16. V. Gordon Childe, What Happened in History, Harmondworth 1964, S. 15, zitiert
bei Alic, S. 24
17. a.a.O., S. 30
18. Kate C. Hurd-Mead, An Introduction to the History of Women in Medicine.
Annals of Medical History, NS 5 (1933), S. 18, zitiert bei Alic, a.a.O., S.
34
19. Alic, a.a.O., S. 33-34
20. a.a.O., S. 28
21. a.a.O., S. 29-30
22. Heide Göttner-Abendroth, Die Göttin und ihr Heros, München
1993, S. 13-15
23. a.a.O., S. 14
24. a.a.O., S. 14-15
25. Marie König, Am Anfang der Kultur, Suhrkamp, 1995
26. a.a.O., S. 15
27. a.a.O., S. 19-20
28. Marie König, a.a.O., S. 160
29. a.a.O., S. 122
30. zitiert bei Jürgen Spannuth, Die Atlanter, 1976, S. 144, übernommen
von Britta Verhagen, Götter am Morgen-himmel, Tübingen, 1983, S. 57,
und von Dieter Braasch, Pharaonen und Sumerer – Megalithiker aus dem Norden,
Tübingen 1997, S. 14
31. Barry Fell/Heinz B. Maass, Deutschlands Urahnen, Lemwerder, 1999, S. 30-31
32. siehe Marit Rullmann/Werner Schlegel, Frauen denken anders, Suhrkamp 2000,
S. 46
33.. a.a.O., S. 49

Heidrun Beißwenger

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