Tod und Wiedergeburt weiblicher Weisheit

Teaser: Die geschichtliche Rolle der Frau wird in der philosophischen und technischen Entwicklung kaum erwähnt. Dennoch gab es viele Frauen, die unsere Kultur und Technik mit ihren Ideen entscheidend mitgestaltet haben. Lernen Sie in diesem Artikel unsere Geschichte und geistige Entwicklung aus der Perspektive der großen Frauen kennen.

"Die gelehrten Frauen brauchen ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist." (1) Auf diese Weise beteiligte sich IMMANUEL KANT 1798 am jahrtausendelangen Krieg gegen das weibliche Geschlecht. Heute lächeln wir über solche Worte, denn wir haben in unserer Lebenszeit die Wiedergeburt weiblicher Weisheit nach ihrem scheinbaren Tod erlebt. Mein Thema heißt daher: Tod und Wiedergeburt weiblicher Weisheit.

Diese war so unsichtbar geworden, daß große Zweifel darüber entstanden, ob es sie überhaupt jemals gegeben hatte. Wohin wir blickten, überall hatten große Männer das Wort und wurden verehrt. Aber SOKRATES z.B. nennt selbst DIOTIMA VON MANTINEA und ASPASIA VON MILET seine hervorragenden Lehrerinnen, d.h. die These, mit SOKRATES habe die abendländische Philosophie ihren Anfang genommen, wird durch ihn selbst widerlegt. Vor ihm war weibliche Weisheit, und das im Hochpatriarchat, das inzwischen in Griechenland entstanden war.

DiskuswerferAspasia

PLUTARCH (46-120 n.d.Zw.) schreibt über ASPASIA, die ja die Frau des berühmten athenischen Staatsmannes PERIKLES (500-429 v.u.Z.) war:

"Die einen behaupten, PERIKLES habe ASPASIA nur wegen ihrer Weisheit und politischen Einsicht umworben." Und im BROCKHAUS lesen wir: "Perikles trennte sich von seiner 1. Frau und heiratete Aspasia ... Die Komödiendichter verspotteten (sie) als Hetäre. 432 wurde sie wegen Gottlosigkeit und Kuppelei angeklagt." Vor Gericht gestellt, "brachte DIOPEITHES den Antrag vor das Volk", berichtet PLUTARCH, "es sei unter Anklage zu stellen, wer nicht an die Götter glaube und sich in wissenschaftlichen Vorträgen mit den Dingen über der Erde befasse."

Das kommt uns doch alles irgendwie bekannt vor: Die Philosophin und Frau eines großen Staatsmannes wird in der Öffentlichkeit in ihrer weiblichen Ehre angetastet, ihr Denken soll verboten sein, weil es den gängigen Götterglauben gefährden könnte. Verfolgung Andersdenkender und Ungläubiger, Unterdrückung der Meinungsvielfalt und Herabsetzung der Frau bereits im Patriarchat des 5. Jahrhunderts v.u.Z.! "PERIKLES, der (Aspasia) nach Athener Recht als Vormund vor Gericht vertrat, konnte sie nur mit Mühe retten", heißt es bei UWE WIEDEMANN im Weltnetz. (2)

Diotima

Die andere große Lehrerin des SOKRATES, DIOTIMA, lernen wir in PLATONs "Symposion" kennen (3). In dem Symposion sitzen oder, besser gesagt, lagern einige Männer beieinander und vertreiben sich die Zeit damit, einander in ausführlicher Rede vorzutragen, was sie von dem Gotte Eros halten. Als die Reihe an SOKRATES kommt, gibt dieser ein Gespräch wieder, das er mit seiner Philosophie-Lehrerin DIOTIMA gehabt habe. Wie weit die Wiedergabe PLATONs von dieser Wiedergabe des SOKRATES noch den tatsächlichen Wortlaut der Darlegungen DIOTIMAs enthält, wissen wir nicht, müssen also sowohl SOKRATES wie PLATON vertrauen.

Zunächst sei gesagt, daß in jener Männergesellschaft die Zuneigung zwischen Männern bzw. von Männern zu Knaben höchst anerkannt war. Von Frauen ist bei ihnen kaum die Rede, und wenn, dann erwähnen sie sie in Bezug auf von ihnen weniger hochgeschätzte Liebesbezeugungen. Einer aus der Runde, PAUSANIAS, sieht solche Liebesverhältnisse zwischen Frauen und Männern als von dem niederen Eros gegeben, der von einer jüngeren Göttin Aphrodite abstamme, die selbst eine Mutter, nämlich Dione, habe. Der höhere Eros stamme von der älteren Aphrodite, die selbst keine Mutter gehabt habe, sondern die "Tochter des Himmels" sei. Von dieser himmlischen Göttin sei der Eros zwischen Männern. Diese Aphrodite habe nicht teil am Weiblichen, sondern nur am Männlichen. "Daher wenden sich die von diesem Eros Begeisterten zum Männlichen; denn sie lieben das von der Natur Stärkere und mehr Vernunftbegabte", meint PAUSANIAS.

In einer so gearteten Runde also gibt SOKRATES die Philosophie seiner Lehrerin DIOTIMA wieder. Sie zeigt zuerst auf, wer oder was Eros ist, und dann sein Wirken, was uns heute, nach beinahe 2500 Jahren und in Kenntnis der Philosophie MATHILDE LUDENDORFFs nur in Erstaunen versetzen kann.

Eros ist nach DIOTIMA kein Gott, sondern ein Verlangen, Sehnen nach dem Schönen und Guten. Es ist das Verlangen nicht von Göttern, denn diese sind glückselig, oder sagen wir es mit einem Beispiel aus der Physik: Edelgase verbinden sich mit nichts mehr, sie sind vollendet.

"Keiner von den Göttern strebt nach Weisheit noch begehrt er, weise zu werden, ist er's doch schon", sagt DIOTIMA. "Andererseits streben auch die Unwissenden nicht nach Weisheit noch begehren sie, weise zu werden; denn gerade deshalb ist die Unwissenheit schlimm, weil man, ohne edlen Wesens und ohne einsichtig zu sein, mit sich selbst zufrieden ist; wer demnach nicht glaubt, bedürftig zu sein, der begehrt auch nicht, was er nicht zu entbehren glaubt."

Zwischen diesen beiden Zufriedenen, den Göttern und den Unwissenden, befinden sich die Philosophen, die Freundinnen und Freunde der Weisheit also, die ihre Unvollkommenheit erkennen und den Eros, das große Sehnen nach Vollkommenheit, in sich spüren. Diesen Eros verspüren auch alle Schaffenden; "denn die Ursache dafür, daß irgend etwas aus dem Nichtsein ins Sein tritt, ist allemal ein Schaffen (oder Dichten)", sagt DIOTIMA. Und wie das Wort "Dichten" nur als Begriff fürs Verseschmieden angewandt werde, obwohl es Begriff für alles Schaffen sein sollte, so werde auch der Begriff "Eros" nur für einen Teilbereich des Verlangens angewandt, nicht für den ganzen.

"Trächtig von Samen sind alle Menschen, SOKRATES, an Leib und Seele, und wenn sie in das bestimmte Alter gekommen sind, dann begehrt unsere Natur, etwas hervorzubringen; doch in Häßlichem kann sie nichts hervorbringen, wohl aber in Schönem. Denn die Verbindung von Mann und Frau ist Fortpflanzung; das ist etwas Göttliches, und es ist das Unsterbliche in dem sonst sterblichen Wesen, das Trächtigsein und die Zeugung. Das kann aber in dem Unharmonischen nicht geschehen; und unharmonisch ist das Häßliche gegenüber allem Göttlichen, aber das Schöne harmoniert.

TempelSchicksalsmacht und Geburtshelferin ist also die Schönheit für das Werden aus folgendem Grunde: wenn das von Samen Trächtige sich dem Schönen nähert, wird es froh und zerfließt vor Lust und pflanzt sich durch die Zeugung fort; wenn es sich aber Häßlichem nähert, so verdüstert es sich und zieht sich betrübt zusammen, wendet sich ab und weicht in sich zurück, und es zeugt nicht, sondern trägt seine Fülle weiter als schwere Last. ... Ein ewig Werdendes und Unsterbliches (ist) mit der Zeugung gegeben," fährt Diotima fort. "Unsterblichkeit aber ... muß man mit dem Guten begehren, wenn wirklich der Eros darauf gerichtet ist, daß man das Gute immer hat. Notwendig ergibt sich ja aus diesem Satz, daß auch der Unsterblichkeit der Eros gilt."

Die erstrebte Vollendung geschieht also nur in Schönheit. Und nur dann beglückt sie. Zum Wesen der Vollkommenheit gehört Schönheit.

Was versteht DIOTIMA nun aber unter Unsterblichkeit? Das Sterbliche erhalte sich "nicht dadurch, daß es immer völlig dasselbe bleibt wie das Göttliche, sondern dadurch, daß das Entschwindende und Alternde ein Anderes, Junges von der gleichen Art hinterläßt, wie es selber war."

Sie erklärt das an der Veränderung der Persönlichkeit eines Mannes z.B. im Laufe seiner Lebenszeit: "Man gibt ihm stets den gleichen Namen, obwohl er niemals die gleichen Bestandteile in sich hat, aber wird als derselbe bezeichnet, während er sich immerfort erneuert und anderes einbüßt, an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und so am ganzen Körper. Und nicht etwa nur am Körper, sondern auch bei der Seele: die Neigungen, Charakterzüge, Meinungen, Begierden, Freuden, Leiden, Ängste, all das bleibt nicht wie bei einem Menschen gleich, sondern das eine entsteht, das andere vergeht."

So gehe es auch mit unseren Kenntnissen. Sie entstehen und gehen uns teils wieder verloren. Durch das Erinnern holen wir sie wieder ins Bewußtsein, aber sie sind nicht mehr dieselben, sie haben sich verändert.

Der Mensch müsse "die in der Seele wohnende Schönheit höher werten als die Körper ..., auf das Schöne in Tätigkeiten und Gesetzen ... schauen und dabei wahrnehmen, daß all dies miteinander verwandt ist. Und nach den Tätigkeiten muß man ihn zu den Wissenschaften führen, damit er auch deren Schönheit sieht und, schon im Hinblick auf diese Fülle des Schönen, nicht mehr die Einzelschönheit bei einem unreifen Knaben ..., bei irgendeinem Menschen oder bei einer einzelnen Tätigkeit, und dadurch minderwertig und kleinlich wird, sondern auf das weite Meer des Schönen sich wende und in seiner Betrachtung viele schöne und erhabene Reden und Gedanken erzeuge in unerschöpflichem Weisheitsstreben - bis er dann, hierin gekräftigt und erstarkt, eine einzige Erkenntnis von solcher Art schaut, die sich auf ein Schönes bezieht ... ein Schönes, das erstens immer ist, weder entsteht noch vergeht, weder wächst noch schwindet ...

Wenn also jemand ... jenes Schöne zu schauen beginnt, dann berührt er wohl fast schon das Ziel. Denn das heißt den rechten Weg zur Welt des Eros gehen oder sich von einem anderen führen lassen, daß man, von diesem irdischen Schönen beginnend, um jenes Schönen willen immer weiter aufsteigt, wie auf Stufen, von einem zu zwei und von zwei zu allen schönen Körpern, und von den schönen Körpern zu den schönen Tätigkeiten und von den Tätigkeiten zu den schönen Erkenntnissen, und daß man von den Erkenntnissen zu jener Erkenntnis endlich gelangt, die nichts anderem gilt als jenem Schönen an sich, damit man dann schließlich erfahre, was das Schöne selbst ist.

Auf dieser Stufe des Lebens, lieber SOKRATES, ... lohnt sich, wenn irgendwo, das Leben für den Menschen, im Anschauen des eigentlichen Schönen."

Ganz offensichtlich beschreibt DIOTIMA hier die Teilhabe der Seele am Absoluten, am Göttlichen, wenn sie auch noch weiter ausführt, dies sei "sonnenklar, rein, unvermischt, frei von .. dem ... sterblichen Tand", und an SOKRATES die Frage stellt:

"Glaubst du, das Leben eines Menschen könnte niedrig werden, der dorthin blickt und jenes Eine mit dem dafür nötigen Sinn betrachtet und bei ihm ist?" Hier nimmt sie bereits 2500 Jahre vor MATHILDE LUDENDORFF den Gedanken einer "Selbst-schöpfung" auf und sieht den Eros, das große Sehnen, den Menschen zur seelischen Vereinigung mit dem Schönen, dem Göttlichen, führen.

Dann aber bleibt sie vor dem letzten Tor der Erkenntnis stehen, das zu öffnen 2 ½ Jahrtausende später einer anderen großen Freundin der Weisheit, MATHILDE LUDENDORFF, vorbehalten blieb, der Erkenntnis, daß die seelische Gottgeeintheit zugleich Teilhabe am Unendlichen ist und somit den Eros, der zur Unsterblichkeit strebt, zufriedenstellt.

DIOTIMAs Weisheit geht zwar schon so weit, daß sie sagt, "daß auf dieser Stufe allein es dem, der das Schöne mit dem Auge sieht, mit dem es gesehen werden kann, gelingen wird ... die wahre Tugend" zu zeugen, "da er die Wahrheit berührt." Sie spricht ganz offensichtlich von der Intuition, der inneren Schau. Mit ihren weiteren Worten zeigt sie sich aber doch noch in diesseitigen Vorstellungen vom Göttlichen befangen, falls SOKRATES und PLATON ihr Denken denn zu erfassen und richtig wiederzugeben im Stande gewesen sind. Sie glauben jedenfalls, DIOTIMA habe die rhetorische Frage gestellt: ob es einem Menschen auf solcher innerseelischen Entwicklungsstufe nicht vergönnt sei, "gottgeliebt zu werden und, wenn es überhaupt ein Mensch erreicht, gar unsterblich?"

Dies läßt sich sicher auf verschiedene Weise deuten. Ich neige dazu anzunehmen, daß DIOTIMA konkret das ewige Sein in einem konkreten Reiche der Götter meint, wenn sie von der Unsterblichkeit spricht und sich eine göttliche Gegenliebe vorstellt. Die Personifizierung des Göttlichen, ein Übergriff der Vernunft, mit dem sie versucht, das Absolute in den Bereich des Angreifbaren zu ziehen, was auf jeden Fall mißlingen muß, hält DIOTIMA von letzter Erkenntnis noch fern. Dennoch:

Welche Weisheit erfahren wir von dieser frühen Philosophin! Selbst der ins eigene Geschlecht verliebte SOKRATES in jener Runde der Zechbrüder, der abschließend erklärt: "... und jetzt und immerdar preise ich die Macht und Männlichkeit des Eros", womit er zeigt, daß er DIOTIMA wohl doch nicht recht folgen konnte, selbst dieses Mannsbild flocht in der Wiedergabe seines Gesprächs mit DIOTIMA immer wieder Worte ein, die seine geistige Unterlegenheit bezeugen wie: "Dann würde ich gewiß nicht dich, DIOTIMA, um deine Weisheit bewundern und zu dir in die Schule gehen, um gerade dies zu lernen." Oder: "Aber deswegen, DIOTIMA, komme ich ja ... zu dir, weil ich einsah, daß ich Lehrer brauche." Oder: "Und als ich ihre Rede gehört hatte, staunte ich und sagte: Nun ja, weiseste DIOTIMA, ist das wirklich so?"

Pythagoras

Doch schon vor SOKRATES und PLATON gab es Philosophie-Schulen, wie z.B. die des PYTHAGORAS ab dem 6. Jahrhundert v.u.Z. Die Pythagoreer-Bruderschaft, wie sie sich nannte, war aber eine Gemeinschaft von dort völlig gleichberechtigten Männern und Frauen, die sich mit mathematischen und philosophischen Fragestellungen befaßten.

Die Mitglieder seiner philosophischen Gemeinschaft schrieben unter dem Namen PYTHAGORAS. Deshalb wissen wir heute nicht, welche Beiträge von Frauen stammen. Die Pythagoreer aber kamen bereits damals zu der Erkenntnis, daß die Erde und alle andern Planeten der Sonne kugelförmig seien und das Weltall aus konzentrischen Sphären, Kugelbahnen, bestehe. Sie entzogen der Vorstellung, die Erde sei Mittelpunkt des Weltalls, bereits damals die Grundlage. Erst 2000 Jahre später wurde dieser Gedanke von KOPERNIKUS wieder aufgenommen. Auch die "Sphärenmusik" KEPLERs hat bei den Pythagoreern ihre Vorläuferin.

Die bekannteste pythagoreische Kosmologin war THEANO, die "die mathematischen, physikalischen und medizinischen Abhandlungen sowie den pythagoreischen Lehrsatz vom ,goldenen Schnitt' aufgezeichnet hat." Sie "und ihre Töchter hatten den Ruf ausgezeichneter Heilerinnen" und vertraten z.B. "die Ansicht, der Fötus sei schon vor dem siebten Monat lebensfähig. Sie betrachteten den menschlichen Körper als das mikrokosmische Abbild des Makrokosmos, des gesamten Universums", schreibt die Amerikanerin MARGARET ALIC. (4)

DIONYS, der Tyrann von Syrakus (430-367 v.d.Z), verlangte von der Spartanerin TYMICHA, einem späteren Abkömmling der pythagoreischen Schule, die Preisgabe ihres geheimgehaltenen Wissens. Sie verweigerte sie trotz in Aussicht gestellter hoher Belohnung, biß sich sogar die Zunge ab und spuckte sie dem Tyrannen ins Gesicht.(5) Erkenntnisse und Wissen vor der Allgemeinheit geheimzuhalten, ist einerseits elitäres Herrschaftsverhalten, andererseits Schutz vor Mißbrauch und Herabzerrung nach dem Motto: "Du sollst die Perlen nicht vor die Säue werfen." Doch welche Furchtlosigkeit, welchen Mut bewies diese Wissenschaftlerin! Ihr Vorbild ist noch immer halb wach in unserer Redensart: "Lieber beiß ich mir die Zunge ab, als daß ich etwas verrate."

12.05.2015 © seit 06.2006 Heidrun Beißwenger
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