Sinngebung oder absoluter Sinn des Lebens?

Teaser: Hat Ihr Leben einen Sinn? Lohnt es sich überhaupt diese Frage zu stellen? Die Autorin stellt in diesem Artikel verschiedene Möglichkeiten vor, sich der Sinnsuche zu nähern. Außerdem werden einige mögliche Antworten auf diese Frage durch eine Interpretation des Werkes der Philosophin Mathilde Ludendorff näher ausgeführt.

Nicht jeder ist ein "philosophischer Kopf", nicht jeder quält sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Dennoch kann sicherlich jeder Mensch, ob "philosophischer Kopf" oder nicht, ein sinnvolles Leben führen. Doch für den "philosophischen Kopf" geht bei diesem Satz das Fragen schon wieder weiter: Was ist ein "sinnvolles Leben", und kann ich ein solches führen, ohne den Sinn des Lebens zu wissen?

Hermann Hesse zum Sinn des Lebens ...

Zeigte sich z. B. Hermann Hesse als "philosophischer Kopf", wenn er schrieb:

"Das Leben ist sinnlos, grausam, dumm und dennoch prachtvoll - es macht sich nicht über den Menschen lustig (denn dazu gehört Geist), aber es kümmert sich um den Menschen nicht mehr als um den Regenwurm ... Erst dann, wenn man die ganze Scheußlichkeit der Sinnlosigkeit der Natur in sich aufgenommen hat, kann man beginnen, sich dieser rohen Sinnlosigkeit gegenüber zu stellen und sie zu einem Sinn zu zwingen. Es ist das Höchste, wozu der Mensch fähig ist, und es ist das Einzige, wozu er fähig ist. Alles andere macht das Vieh besser."

NaturMit diesen drastischen Worten zeigt Hermann Hesse auf jeden Fall Mut, unumwunden auszusprechen, was er denkt, und damit seine Wahrheitsliebe, eine erste Voraussetzung zu philosophischem Erkennen. Die zweite Voraussetzung wäre die Fähigkeit zu logischem Denken und zu Sprachgenauigkeit, doch das Wichtigste für philosophisches Erkennen ist die Fähigkeit, sich intuitiv ins Wesen der Schöpfung zu versenken. Nur mit dem "inneren Auge" läßt sich das Weben und Wirken in aller Erscheinung und damit ihr Sinn erschauen.

Obwohl Hesse also einen Sinn im Leben an sich nicht erkennen kann, die Natur sogar als scheußlich roh und sinnlos, an anderer Stelle gar als Chaos ansieht, erklärt er immer wieder, vielleicht als Trost, der Mensch könne seinem Leben einen Sinn geben.

Ein wirklich "philosophischer Kopf" aber will den Sinn des Lebens an sich wissen. Niemals läßt er sich abspeisen mit einer Antwort, die den suchenden Geist vorschnell zur Ruhe bringen soll, ehe er in seiner Sehnsucht nach Erkenntnis bis in die letzten Tiefen des Seins gedrungen ist. Nicht das Ergebnis per Knopfdruck, nicht das Feststehen auf der Ziellinie, sondern die eigenständige Suche, das innerliche Unterwegs-sein verheißt Weisheit.

Hesse hat sich begnügt mit einem Ersatz. Seine Annahme, daß man einem sinnlosen Leben, zu dem das menschliche Bewußtsein ja selbst mit gehört, einen Sinn geben könne, entbehrt zudem der Logik. Denn woran könnte sich inmitten einer Sinnlosigkeit Sinn ermessen lassen? Gäbe es aber tatsächlich einen Sinn, den der Mensch geben kann, so kann das Leben selbst nicht sinnlos sein.

"Nicht jedem Menschen ist es gegeben, eine Persönlichkeit zu werden," behauptet Hesse weiter, "die meisten bleiben Exemplare und kennen die Nöte der Individualisierung gar nicht." Dies ist zwar eine unübersehbare Tatsache, doch das Wort "gegeben" läßt innehalten. Glaubt Hesse, daß Menschen von Geburt an dazu verdammt seien, als "Exemplare" ihr Leben zuzubringen? Dagegen sträubt sich mein Freiheitswille. Es muß, so sagt mir dieser Wille, jedem leiblich unbeschädigten Menschen der Weg zur Selbstentfaltung grundsätzlich offen sein.

"Für den, der alt geworden ist," schreibt Hesse später, "war das Suchen ein Irrtum und das Leben verfehlt, wenn er nichts Objektives, nichts über ihm und seinen Sorgen Stehendes, nichts Unbedingtes oder Göttliches zu verehren gefunden hat, in dessen Dienst er sich stellt und dessen Dienst allein es ist, der seinem Leben Sinn gibt." Hier steht Hesse an den Pforten des Rätsels. Seine Worte offenbaren Gottahnen, doch noch nicht letzte Erkenntnis des Lebenssinnes selbst, immer noch soll der Mensch dem Leben Sinn geben.

Die Folge einer "Sinngebung", die ja eines tragfähigen Urgrundes entbehrt und nur der hilflose Versuch ist, die brennende Frage nach dem Lebenssinn irgendwie zu beantworten, ist die gegenwärtig gängige Einstellung in der Naturwissenschaft, die Art, wie Naturforschung betrieben und genutzt wird, was wiederum unsere Lebensweise zutiefst beeinflußt und bestimmt.

Eine Finalität, d.h. eine Zielgerichtetheit und damit einen Sinn im Schöpfungsgeschehen anzunehmen, erscheint dem im mechanistischen Denken verhafteten Naturwissenschaftler fremd und abartig. Er verdächtigt es der Spinnerei, der Spekulation, des Okkultismus. Nur "harte Tatsachen" läßt er gelten und ist stolz auf sein "klares, realistisches" Weltbild, in dem allein er sich bewegt und bewegen will. Ihm fehlt das nach innen gerichtete Auge, und diese Blindheit läßt ihn sich selbst so überlegen vorkommen, ihm höchstens ein mitleidiges Lächeln, wenn nicht gar ein "höhnisch-hochfahrendes Lachen" (Mathilde Ludendorff) für die Tieferschauenden abnötigen, die von "Seele" in der Natur sprechen. Eine Zielstrebigkeit im Werden der Erscheinungswelt bis hin zum Menschen und damit ein absoluter Sinn des Lebens offenbart "sich uns ... nur durch die innere Wahrnehmung" (Mathilde Ludendorff). Ohne sie bleibt uns nur, was Hesse empfiehlt, unserem Leben irgendeinen willkürlich gesetzten Sinn zu geben.

Der Nobelpreisträger

ForscherDer israelische Proteinforscher Aaron Ciechanover vom Technion in Haifa wurde im vorigen Jahr mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Er habe die Proteine und ihre biologischen Prozesse in unseren Zellen sichtbar machen können und wie die "nicht mehr funktionsfähigen Proteine abgebaut werden ... Tag für Tag ersetzen wir drei bis fünf Prozent aller Proteine in unserem Körper durch neue. Das ist wirklich eine gigantische Zahl. Und sie alle müssen entsorgt werden", teilte er der Zeitung "Die Welt" mit (22.7.05). Welch eine Leistung der Natur wird hier beschrieben! Wie staunen wir über dies stille Wirken und die Wahlkraft der Natur! Zu welchen Feinstrukturen der Erscheinungswelt reicht das Forscherauge von heute!

Doch der Naturwissenschafter Ciechanover vergleicht den Abbau von Proteinen "gern mit der Müllabfuhr in einer großen Stadt. Der Abfall muß aus den Straßen entfernt werden - sonst drohen Krankheiten. Und wenn die defekten Proteine nicht aus den Zellen entfernt werden, dann drohen auch hier Krankheiten, weil sie gesunde Proteine in ihrer normalen Funktion stören können." Ebenso fordert er auf, den menschlichen Körper, diese "unglaublich komplexe Maschine", mit dem Auto zu vergleichen. Damit will er zwar auch auf die Überlegenheit der Natur hinweisen, aber er bleibt bei seinem mechanistischen Nützlichkeitsdenken. Wie ist es denn möglich, daß ein so komplexes Gebilde wie unser Körper in unbegreiflicher Feinheit und Mannigfaltigkeit seines Aufbaus und seiner Tätigkeiten so geräusch- und reibungslos unentwegt seine Aufgaben zum Besten des Ganzen erfüllt? Diese Frage stellt niemand in dem Zeitungsgespräch, und niemand könnte sie auch jemals rein vernunftmäßig beantworten.

Der Professor ist mit seinen Kollegen in der Molekular- und Genforschung ungebrochen zuversichtlich, daß sie "eines Tages" die "Struktur der Proteine richtig verstehen" und dann "genau wissen" werden, wie die Proteine "agieren und warum sie eine bestimmte Form haben müssen, um zu funktionieren." Diese Zukunftsmusik nährt den Glauben an den eigenen Forschungserfolg, den Glauben und damit die Bereitschaft der Menschen, ihre Steuern und Versicherungsbeiträge weiter fließen zu lassen und damit dieser Forschung zu ermöglichen, "ganz neue Medikamente" zu entwickeln. "Es wird beispielsweise Arzneien geben, die auf die genetischen Bedingungen eines Patienten präzise abgestimmt sind."

So hofft und verheißt der Professor, weiß es aber nicht und verschwendet keinen Gedanken an einen sorglichen Umgang mit dem Körper und daran, wie Störungen seiner natürlichen Vorgänge von vornherein vermieden werden könnten. "In der Zukunft wird man noch viel gezielter wirkende Medikamente entwickeln können", fährt er fort. "Diese werden wie Gewehrkugeln wirken, die ihr Ziel ganz genau treffen und daher weniger Nebenwirkungen haben." Welch entlarvende Wortwahl!

Eine US-Firma hat bereits ein - allerdings noch nicht "hochspezifisches" - Medikament in dieser Richtung entwickelt und "damit einen Umsatz von mehreren hundert Millionen Dollar pro Jahr erzielt." Aber natürlich wohlgemerkt: "Ich mache Grundlagenforschung", hält der Professor fest. "Weder berate ich irgendwelche Pharmafirmen, noch bin ich über Aktien an solchen Unternehmen beteiligt ... Aber die Unternehmen denken natürlich daran, unsere Erkenntnisse für die Entwicklung weiterer Medikamente zu nutzen ..."

Welcher Forscher kann sich dem - samt Einkünften - entziehen, zumal das alles doch dem hehren Ziel "menschlicher Gesundheit" dienen soll! Welcher Forscher macht wirklich nur Grundlagenforschung, forscht also zweckerhaben allein aus dem Wunsch, die Natur in ihren letzten Geheimnissen zu enträtseln, wenn er wie dieser Nobelpreisträger in Wirklichkeit den (lukrativen) Nutzen dabei mitdenkt! Die Menschen werden durch die noch zu erringenden Erkenntnisse in Zukunft 120, ja 150 Jahre alt werden können, schwärmt der Mann. Leider werde sich damit allerdings die Zahl der Alzheimer-Kranken drastisch erhöhen!

Welch eine Sinn-Gebung so eines Forscher-, Pharmazeuten- und Industriellen-Lebens! Sie macht die Fragwürdigkeit deutlich, die einer Sinn-Gebung anhaftet, welche jeglicher Grundlage entbehrt und blind ist für den wahren Sinn des Lebens.

Die etwas andere Sicht

Ganz anders nähert sich dagegen die mexikanische Psychoanalytikerin mit ungarischen Vorfahren Clarissa Pinkola Estés der Sinnfrage: "Die Vorstellung vom Körper als reiner Skulptur ist falsch und ignorant, auch wenn sie im Abendland weithin verbreitet ist. Der Körper ist keine Masse, die zurecht geschnizt, behämmert und bearbeitet werden muß ... Die Frage ist nicht, wie der Körper aussieht, sondern ob er gelähmt oder kribbelig vor Angst ist, abgestumpft von jahrelangen Mißhandlungen, oder ob er seine natürlichen Melodien summt und ob seine vielfältigen Augen sehen und seine tausend Ohren durch Haut und Organe hindurch hören." (Die Wolfsfrau)

SonnenuntergangDas sind Töne, von denen sich die Mechaniker der Naturwissenschaft und Medizin mit Grausen abwenden. Aber wie wollen sie das Aufblühen unserer körperlichen Erscheinung erklären, wenn die Seele froh ist, wenn sie liebt, wie das Verschwinden von Krankheiten, wenn die Verklemmungen der Seele behoben sind, wie wollen sie erklären, daß bei seelischem Gram unser Leib grau und fahl, der Gang schleppend wird und die glanzlosen Augen in ihre Höhlen zurückfallen?

Estés hat in ihrer Praxis als Seelenärztin immer wieder erlebt, daß Gesundheit des ganzen Menschen nicht am Weg zum "Urgrund der Seele" vorbei erreichbar ist. Dort werde man die "Urmutter" "des Werdens und Vergehens" finden, wie sie auch in der eigenen Einzelseele walte. Tief "im Urgrund wartet etwas Heilsames, das niemanden zurückweist, der es soweit geschafft hat." Ohne Verbundenheit mit dieser göttlichen "Jahrmillionenalten" "sind wir rastlos." Wer "nie nach Hause geht", in diesen gotterfüllten "Urgrund der Seele", den Mathilde Ludendorff das "gottahnende Ich" nennt, "verurteilt sich zu einem Dasein als Zombie, als wandelnde, nach außen manchmal sogar trügerisch funktionierende Tote."

Solche Gottferne treffen wir in der mechanistischen Denk- und Vorgehensweise an, in der Anwendung der nackten reinen Vernunft in der Naturwissenschaft. Rastlos wird die angeblich "tote" Materie weiter und weiter zerschnitten; mit Hilfe technischer Geräte vermag das menschliche Auge tiefer und tiefer in die Materie hineinzusehen; Tiere werden zu Versuchsmaterial herabgewürdigt; die Gelehrten rechnen und rechnen, stellen mathematische Formeln auf und erwarten, daß die Materie sich mit den aufgestellten Theorien fassen und manipulieren lasse.

Und ihr Erfolg gibt ihnen sogar noch Recht: Der Computer rechnet tatsächlich mit unfaßlicher Datenmenge und Geschwindigkeit nach unseren Vorgaben, die gezündete Atombombe löst die erwartete Kettenreaktion aus, und wir sind in unserer Knopfdruck-Mentalität nun soweit vom unmittelbaren Naturerleben "fortgeschritten", daß wir erwarten, das Leben müsse wie eine Maschine funktionieren, andernfalls repariert werden können, wenn nicht jetzt, dann eines Tages in der Zukunft. Doch was haben wir an Weisheit um den Sinn des Lebens gewonnen?

Seit Kants "Kritik der reinen Vernunft" wissen wir zwar "Erscheinung" und "Wesen der Dinge" fein säuberlich zu trennen und sollten die von Kant aufgezeigten Grenzen der reinen Vernunft achten, um nicht in Irrtümern zu landen. Die "Dinge" sind räumlich ausgedehnt, ihrem Dasein ist eine bestimmte Länge der Zeit zugemessen und sie unterliegen der Kausalität. Das "Wesen der Dinge" aber ist frei von diesen Begrenzungen. Und doch können einerseits die "Dinge" ohne das göttliche Wesen, andererseits die Einzelseele ohne ihren Leib nicht dasein. Beide bilden eine Einheit, oder sie sind nicht.

"In der deutschen Sprache unterscheidet man zwischen dem bloß materiellen Leib und dem Leib als ,beseeltem' Körper," stellen Marit Rullmann und Werner Schlegel fest. Diese sprachliche Trennung ist ohne Zweifel die Folge unserer "dualen" Denkweise, die auf Sokrates und Platon zurückgeht. Platon ging in der Trennung von Leib und Seele soweit, an die Wiedergeburt der leiblosen Seele eines gestorbenen Menschen zu glauben und diesen Gedanken vielfältig auszuschmücken. So nahm er z. B. an, daß ein Mann, der sein "Leben feige und ungerecht hingebracht" habe, bei seiner "zweiten Geburt" als Frau auf die Welt komme (Timaios).

"Aristoteles ... ging wenigstens davon aus, daß die Seele sich zwar vom Körper unterscheidet, aber ohne diesen nicht existieren kann. Es gab deshalb keinen Zweifel für ihn, daß die verschiedenen Seelen sterblich waren. Mit einer einzigen Ausnahme: Und das - wie könnte es anders sein - war die männliche Vernunftseele." (Rull-mann/Schlegel)

Giordano Bruno zeiht Platon der "Hirngespinste" und Aristoteles der "Dürftigkeit", der "niemals müde wird, das, was in Natur und Wirklichkeit ungesondert ist, im Verstande zu sondern." (Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen). Bruno sieht die Schöpfung als beseelte Einheit. "Tote Materie" anzunehmen - wie Moses, der seinen Gott JHWH den Menschen "Adam" aus einem Lehmkloß "machen" und erst nach Fertigstellung seinen Atem als Seele einhauchen läßt, und wie später auch Descartes und Folgende "tote Materie" annahmen -, ein solches Denken ist für Bruno barer Unsinn. Materie, das ist für ihn wie für die Vorsokratiker das aus der magna mater, der großen Mutter, geborene Universum. Und diese Mater bringt immer wieder neue Formen aus sich, der Materie, hervor. Wie könnte die Materie also tot sein?

Damit steht Bruno einer tausendjährigen Denkentwicklung entgegen, die bestimmt wurde von der Vorherrschaft des Logos im Menschen, der reinen Vernunft - die aber zudem ihre Grenzen überschritt und somit irrte -, und die bestimmt wurde von der Unterdrückung der Sichtweise, die Jahrtausende vor Sokrates auf der gesamten Erde anerkannt war, die intuitive Schau der Weisheitsgöttin Sophia.

Die "Philo-Sophen" waren nur die vermeintlichen "Freunde der Sophia, der Weisheit". In Wirklichkeit verachteten sie diese. Die Philosophin Annegret Stopczyk empfiehlt, sie "Philo-Logen", "Freunde des Logos", zu nennen. So sieht auch Estés den Abstieg der Zivilisierten in die Gottferne darin, daß das spezifisch "weibliche" Denken nicht mehr zum Zuge gekommen ist:

"Im Laufe mehrerer Jahrtausende wurden die weiblichen Urinstinkte systematisch plattgewalzt, abgeholzt, ausgeplündert, unterdrückt, oft auch zubetoniert. Die selbsternannten Verwalter der Erde hielten alles Ursprüngliche, alles Instinktive und Intuitive für eine Bedrohung ihrer Position und folglich auch nicht für erhaltenswert."
Mathilde Ludendorff scheut sich nicht, in ihrem ersten philosophischen Werk ihr Gotterleben in Bildern wiederzugeben und wie Bruno sogar solche der mythischen "Vorzeit" mit einzubeziehen. Ihre Sprache sei "betont nichtphilosophisch", meint daher der Theologe Frank Schnoor in seiner Doktorarbeit. Was mag nach seiner Meinung eine Sprache als "philosophisch" auszeichnen? Die lebensferne, tottrockene der Nur-Logiker? Zu denen allerdings stellt sich die Philosophin - nicht nur sprachlich - ganz bewußt in Gegensatz:

"In Urtagen war's, als Adler schrien
Und heilige Wasser von Himmelshöhn rannen",
So kündet die Edda, da lauschten die Väter,
Wenn sinnend die Ahne aus Runen deutete heilige Rätsel.
Doch seit ihr verfluchtet die Runen
Und nanntet sie Werke des Teufels,
Verstummten die Mütter ...
So schuft ihr allein denn das traurige Leben.
Ihr schuft euch allein unseliges Hasten, ruhloses Jagen,
Und bautet euch stolz die Städte der plappernden Toten,
Ersticktet bei Götzen des Nutzens die Seele! ...
Verachtet aber des Weibes Weisheit."

(Mathilde Ludendorff, Triumph des Unsterblichkeitwillens)

Das empfand der Nolaner Bruno ähnlich: "Welche Torheit kann verächtlicher sein, als um des Geschlechtes willen der Feind der Natur selber zu sein, gleich jenem barbarischen König von Sarza ..., der ... sagt: "Natur kann nichts Vollkommenes gestalten, weil die Natur wird für ein Weib gehalten."

Um dem entgegenzutreten, zählt Bruno - vielleicht nicht allzu ernst gemeint - eine Menge Gegensatzpaare auf, wobei die jeweils gute Seite sprachlich weiblich gekennzeichnet ist, die jeweils schlechte männlich (z. B. "die Wahrheit - der Irrtum"). Doch überzeugend weist er sich als ein Philosoph aus, der sich einer Erkenntnisfähigkeit anvertraut, die mehr im weiblichen Geschlecht ausgeprägt ist, der intuitiven Schau, und ihn ebenfalls in Bildern sprechen läßt. Er kleidet sein Gotterleben in das Bild des Jägers Aktaion, der der Muttergöttin Diana nachjagt und dabei selbst zum gejagten Wild wird.

Damit will er sagen: Indem er sich der göttlichen Weisheit näherte, wurde er von ihr gefangen genommen und mit ihr eins. Das ist - noch vertieft - auch die Aussage der Philosophin Mathilde Ludendorff:

"In gesegneter Stunde" dringen die "Seltnen" "ins Wesen der Dinge, ins Jenseits von Zweck, von Raum, von Zeit. Die Gottheit erlebt sich endlich bewußt. Die Heimat ist dieses Land nun der Seele." Als sie 1920 ihren "Triumph" schrieb, hatten die Erkenntnisse der "reinen Vernunft", der Naturwissenschaft, einen Stand erreicht, der nun gemeinsam mit der intuitiven Gottschau Mathilde Ludendorffs zu dem Ergebnis führen konnte:

"Der unermeßliche Kosmos seit undenklichen Zeiten und auf undenkliche Zeiten hin stumm kreisender Welten aber erfüllt den Sinn seines Werdens und Seins jeweils in der Vollendung, wenn der sterbliche Mensch, der einzige, der schuldig werden kann, im Dasein den Weg der Heiligung schreitet, göttliche, unsterbliche Worte, Taten und Werke auf Mit- und Nachwelt ausstrahlt und am Abende seines Lebens so vollkommen ist, wie alle nicht bewußte Erscheinung des Alls und diese Vollkommenheit, diesen dauernden Einklang mit dem Göttlichen bewußt erleben darf."

Der absolute Sinn des Lebens ist damit erkannt.

15.05.2006 © seit 04.2006 Heidrun Beißwenger
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