Julius Robert Mayer (1814-1878) aus Heilbronn war Arzt und Physiker. Als Schiffsarzt auf einem holländischen Handelsschiff (1840/41) entdeckte er, „daß in den Tropen geringere Farbunterschiede zwischen venösem und arteriellem menschlichen Blut bestehen als in gemäßigten Zonen“ (Klaus Mainzer, in: EPhW 2/819). Diese Beobachtung wurde zum Ausgangspunkt seiner Naturphilosophie und Wärmelehre. 1867 gab er seine Schriften in einem Sammelband mit dem Titel „Die Mechanik der Wärme“ heraus.
Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur (1842)
Mayer betrachtet Kräfte als unzerstörliche und wandelbare Ursachen, die eine nicht berechenbare Wirkung haben. Beispiele: Wenn man zwei Metallplatten aneinander reibt, werden sie warm. Wenn man Wasser stark schüttelt, wird es etwas wärmer und dehnt sich aus. Mayer leitet daraus die Annahme ab, „dass Wärme die Wirkung von Bewegung sei“ (S. 12). Umgekehrt würde bei den Dampfmaschinen Wärme in „Bewegung oder Lasterhebung“ zerlegt (S. 13).

Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhang mit dem Stoffwechsel. Ein Beitrag zur Naturkunde (1845)
Mayer unterscheidet folgende „Hauptformen der Kräfte“: Fallkraft, Bewegung, Wärme, Magnetismus/Elektrizität/Galvanischer Strom und chemisches Getrenntsein bzw. Verbundensein gewisser Materien (S. 32f).
Er distanziert sich von der Naturphilosophie: „Die echte Wissenschaft begnügt sich mit positiver Erkenntnis und überlässt es willig dem Poeten und Naturphilosophen, die Auflösung ewiger Rätsel mit Hilfe der Phantasie zu versuchen“ (S. 19).
Einerseits will er „mit den Imponderabilien“ (Unwägbarkeiten) „die letzten Reste der Götter Griechenlands aus der Naturlehre verbannen“, andererseits weiß er, „dass die Natur in ihrer einfachen Wahrheit größer und herrlicher ist, als jedes Gebilde von Menschenhand und als alle Illusionen des erschaffenen Geistes“ (S. 34).
Mayer betrachtet die Pflanzen als „Reservoir, in welchem die flüchtigen Sonnenstrahlen fixiert und zur Nutznießung geschickt niedergelegt werden“. Er konstatiert, daß Pflanzen Materie oder „auch eine Kraft“ nur umwandeln, nicht erzeugen können (S. 35).
Tiere wenden ungleich mehr Kräfte auf als Pflanzen, um mechanische Effekte und Wärme zu erzeugen. Als Ursache davon betrachtet Mayer einen chemischen Prozeß (Verbrennung). Wenn ein Tier ruht, ist der Stoffwechsel geringer, als wenn es tätig ist: „der Schweiß verzehrt die Kraft“ (S. 42).
Die „Aufstellung einer besonderen Lebenskraft“ lehnt Mayer ab (S. 49). Sie wurde „besonders von Chemikern des 17. – 19. Jahrhunderts“ postuliert, um den Aufbau organischer Verbindungen in Organismen zu erklären. Ihre Existenz wurde „zuerst 1828 von F. Wöhler […] widerlegt“ (MEL 14/723). Seine Herstellung von Harnstoff aus Ammoniumcyanat „bestärkte die Überzeugung, daß man organische Substanzen aus anorganischen herstellen könne“ (MEL 11/461).
Laut Horst E. Miers diente die Postulierung der Lebenskraft der „Erklärung der Lebensvorgänge“. Es wurde angenommen, sie stehe „außerhalb der physikalischen und chemischen Lebensprozesse“, wirke aber in diesen; „bei Rudolf Steiner ist Lebenskraft die artbildende Kraft der Fortpflanzung; sie bleibt den Sinnen verborgen, wahrnehmen kann sie nur, wer das geistige Auge dafür erwirbt und ausbildet; zuweilen auch Prana […] genannt“ (Miers 248).
Im „Pschyrembel“ werden Lebenskraft (Dynamis) und Lebensenergie (v. griech. energeia = Tätigkeit, Wirksamkeit) unterschieden:
- – Die Lebenskraft ist ein „in der Homöopathie verwendeter älterer Begriff für die Gesamtheit der Reaktionsfähigkeit des Organismus, die für den harmonischen Ablauf der Lebensvorgänge sorgt. […] Ohne Lebenskraft ist der Organismus zu keiner Empfindung, Tätigkeit oder Selbsterhaltung fähig und zerfällt in seine chemischen Bestandteile.“
- – Die Lebensenergie ist die „Bezeichnung für eine in der traditionellen östlichen wie in der westlichen Heilkunde zugrundegelegte ‚Lebenskraft‘; Beispiele für die Lebenskraft sind in China das Qi, in Japan Ki bzw. Reiki, in Indien das Pranah, im antiken Griechenland Pneuma; Hahnemann bezeichnete die Lebensenergie als vis vitalis (Lebenskraft), moderne Begriffe sind Bioenergie oder Orgon“ (PWN 171).
Die Rolle der Blutkörperchen beim Verbrennungsprozeß erkannte Mayer auf seiner Ostindienreise, nämlich „dass der Temperaturunterschied zwischen der Eigenwärme des Organismus und der Wärme des umgebenden Mediums in einer Größenbeziehung mit dem Farbenunterschiede beider Blutarten, des Arterien- und des Venenblutes stehen müsse. Je größer dieser Temperaturunterschied, oder die Kraftproduktion, umso größer muss auch der Farbenunterschied, und je kleiner der Unterschied der Temperatur, umso kleiner auch der der Farbe sein. Dieser Farbenunterschied ist ein Ausdruck für die Größe des Sauerstoffverbrauches, oder für die Stärke des Verbrennungsprozesses im Organismus“ (S. 57).
Insgesamt waren Mayer die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis sehr wohl bewußt: „In unzähligen Fällen gehen die Umwandlungen der Materien und der Kräfte auf anorganischen und organischen Wegen vor unseren Augen vor, und doch enthält jeder dieser Prozesse ein für das menschliche Erkenntnisvermögen undurchdringliches Mysterium“ (S. 58).
Er verglich „die Lebenserscheinungen einer wundervollen Musik […], voll herrlicher Wohlklänge und ergreifender Dissonanzen; nur in dem Zusammenwirken aller Instrumente liegt die Harmonie, in der Harmonie nur liegt das Leben“ (S. 72).
Über das Fieber. Ein iatromechanischer Versuch
Beim Gesunden richtet „sich die Wärmeerzeugung genau nach dem durch die äußeren Umstände bedingten Wärmeverlust […]. Diese Regulierung des chemischen Prozesses […] ist nun im Fieber wesentlich gestört.“ Der Fieberkranke kann trotz hoher Außentemperatur kühl und trotz niedriger Außentemperatur heiß sein (S. 77).
Mayer unterscheidet drei Klassen von Fiebern:
- Bei den hektischen Fiebern breitet sich eine lokale Störung der Körperchemie auf den ganzen Körper aus.
- Bei den exanthematischen Fiebern (mit Hautausschlag), rheumatischen und typhösen Fiebern führt eine allgemeine Blutveränderung zu einer lokalen Störung der Körperchemie.
- Bei den Wechselfiebern treten „wenigstens nicht pathognomonisch notwendig lokale dyskrasische Prozesse entweder veranlassend oder konsekutiv“ auf (S. 82), einfacher ausgedrückt: keine der beiden Möglichkeiten der beiden anderen Fieber ist gegeben.
Warum es zu Fieber kommt, kann Mayer nicht beantworten. Er kann lediglich auf „eine Veränderung der chemischen Beschaffenheit der Säftemasse, also in erster Linie des Blutes […] schließen“ (S. 79).
Während sich mechanische Vorgänge mathematisch konstruieren lassen, kann uns die zeitgenössische „chemische Analyse […] über die vitalen Prozesse keineswegs den nötigen Aufschluss […] geben.“ Doch Mayer hofft, „dass mit der Zeit Schwierigkeiten überwunden werden, die uns dermalen als ganz unübersteiglich erscheinen“ (S. 79).
Laut Pschyrembel sind Pyrogene (fiebererzeugende Stoffe) „aus aktivierten Phagozyten, insbesondere aus Makrophagen, aber auch aus Tumorzellen“ die Ursache von Fieber. Sie kommen in Bakterien, Pilzen oder Viren vor und beeinflussen das Temperaturzentrum. Auslösend wirken Infektionen, die Zerstörung von Körperzellen und Injektionen. „Fieber kann Abwehrvorgänge des Körpers unterstützen“ (PKW 501).
Heinz und Rut Barthels geben zu bedenken: „Den Sinn des Fiebers versteht man nur unvollständig. Sicher ist, daß phagozytierende Zellen freigesetzt werden und versuchen, die Erreger unschädlich zu machen“ (Barthels 209).
Aus psychosomatischer Sicht bedeutet Fieber „Feuer und Flamme sein auf der körperlichen Ebene statt im Bewußtsein […]; statt vor Wut zu kochen, im eigenen inneren Feuer schmoren; (ärgerliche) Probleme verbrennen“ (Dahlke 204), „Wut, aufgezehrt werden“ (Hay 22).
Beiträge zur Dynamik des Himmels in populärer Darstellung (1848)
Daß die Sonne ihr Licht und ihre Wärme nicht verbraucht, erklärt Mayer damit, daß ständig kosmische Massen (Kometen, Asteroiden) auf die Sonne stürzen. Den damit verbundenen Wärme- und Lichteffekt illustriert er mit dem Schlagen von Feuer, dem Schmieden, der Erhitzung einer Dampfschiffkurbel, den Funken eines Eisenbahnzugs in der Kurve und der Holzrinne am Pilatus, die mit Wasser gekühlt werden mußte, damit die herabrutschenden Stämme sich nicht entzündeten und verkohlten.
Der Atmosphäre um die Erde schreibt Mayer eine doppelte Funktion zu: Sie dämpft einerseits das Sonnenlicht ab und verhindert andererseits bei Nacht die Entweichung von Wärme. Die Erdatmosphäre sorgt für die Reibung, die Sternschnuppen erhitzt und leuchten macht. Entsprechend nimmt er an, daß die Sonne von einer Atmosphäre umgeben ist.
Schon Newton, der das Licht für etwas Materielles hielt, sah in der Sonnenstrahlung „einen Grund zur fortwährenden Verminderung der Sonnenmasse, nahm aber, um diesen Verlust zu decken, einen sich stets wiederholenden Sturz kometarischer Materien auf den Zentralkörper an“ (S. 101).
Mayer stellt sich die Sonne als „einen ununterbrochenen Ozean feurig flüssiger Materien“ vor, auf dem „eine Schichte glühender Gase“ liegt. „Diese elastisch-flüssige Hülle setzt sich in immer größerer Verdünnung nach oben hin in den Äther fort“ (S. 105). Vom Widerstand dieses Äthers hänge es ab, ob die Sonne von Himmelskörpern umkreist wird, oder ob sie sich der Sonne immer mehr nähern (S. 92).
Die „Entstehung der Sonnenflecken und Fackeln“ erklärt Mayer damit, „dass durch höchst gewaltsame meteorische Prozesse, […] und zum Teil wohl auch durch die unmittelbare Einwirkung ganzer Asteroidenschwärme usw., der lichtgebende Ozean einerseits in seinen Tiefen aufgewühlt, andererseits zu Bergen aufgetürmt wird. Die auf solche Weise bloß gelegten tieferen und mehr abgekühlten Schichten des Sonnenkörpers mögen uns dann als Flecken, die aufgeworfenen Gebirge aber als Fackeln erscheinen“ (S. 107).
Laut Meyers enzyklopädischem Lexikon werden die Sonnenflecken „durch starke Magnetfelder verursacht, die in kleinen Bereichen unterhalb der Photosphäre die Konvektion [Wärmetransport durch bewegte Teilchen] unterbinden und damit den nach außen fließenden Energiestrom erheblich verringern“ (MEL 22/62).
Ebbe und Flut erklärt Mayer mit „der Anziehung, welche Mond und Sonne auf die beweglichen Teile der Erdoberfläche ausüben“ und mit der „Achsendrehung der Erde.“ Er vergleicht Ebbe und Flut mit einem Pendel, das durch den „Einfluss der Erdanziehung“ schwingt (S. 107) und durch die Erdumdrehung in Gang gehalten wird. Er vergleicht die Erdumdrehung mit dem Aufziehen einer Pendeluhr. Ebbe und Flut bewirken „einen allgemeinen Weststrom des Ozeans“ (S. 108), der die entgegengesetzte Erdumdrehung verlangsamt.
Zur Geschichte der Erklärung der Gezeiten: Alexander der Große beobachtete Ebbe und Flut in der Mündung des Indus, Caesar lernte die Gezeiten kennen, als er nach England übersetzte. Seleukos von Seleukeia stellte fest, daß die Gezeiten mit den Bewegungen des Mondes zeitlich zusammenhängen. Poseidonios entdeckte, daß die Veränderung der Höhe des Wasserspiegels größer war, wenn Mond und Sonne in Konjunktion standen. Er erklärte die Gezeiten mit Sympathie und Antipathie.
Gilbert und Kepler erklärten die Gezeiten mit einer magnetischen Anziehungskraft von Mond und Sonne. Galilei erklärte sie aus dem „Zusammenwirken der jährlichen und täglichen Bewegung der Erde“ und betrachtete sie als Beweis für die Drehung der Erde um ihre Achse. Erst Newton gab eine „befriedigende Erklärung insbesondere auch des dem Mond gegenüberliegenden Flutberges“ (MEL 10/320).
Bernoulli postulierte eine „erste hydrostatische Gleichgewichtstheorie“; Laplace stellte eine dynamische Theorie mit Wasserschwingungen auf, „die in der Theorie mit den Perioden der gezeitenerzeugenden Kräfte Newtons übereinstimmten.“ Hough bezog auch „die Coriolis-Kräfte und freien Schwingungen des Meeres“ ein. Airy stellte die Kanaltheorie auf, die von Poincaré, Proudman und Doodson weiterentwickelt wurde. Michelson und Gale bestimmten als erste die Gezeitenwerte und -perioden (MEL 10/320).
Defant und Sterneck erforschten die Seiches. Das sind „durch Luftdruckunterschiede oder durch Wind angeregte Eigenschwingungen des Wassers in Meeresbecken und in größeren Binnengewässern“ (MEL 21/520).
1981, als der korrigierte Nachdruck von Meyers enzyklopädischem Lexikon erschien, galten die Gezeiten als „durch das Zusammenspiel von Gravitations- und Zentrifugalkräften bei der Bewegung des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonne entstehende Massenbewegungen des Meeres, die an den Küsten als periodisches Ansteigen (Flut) und Absinken (Ebbe) des Meeresspiegels […] in Erscheinung treten, der Atmosphäre und des Erdkörpers“ (MEL 10/319).
Die Entstehung der Erde führt Mayer „auf eine Vereinigung zuvor getrennter Massen zurück“ (S. 115). „Auch der Rotations-Effekt der Erde lässt sich auf eine ungezwungene Weise von dem Zusammenstoßen der die Erde konstituierenden kosmischen Massen herleiten. […] Wahrscheinlich haben, bis die Erde zu ihrer jetzigen Größe herangewachsen war, wiederholte Vereinigungsprozesse stattgefunden, und es mögen zum Teil unbeschreiblich üppige Vegetationen durch solche Massen-Konflikte unter glühendem Schutte begraben worden sein“ (S. 118).
Das entspricht der Darstellung in der sumerischen Mythologie, derzufolge (in der Interpretation Zecharia Sitchins) Erde und Mond aus der Annäherung des Planeten Marduk an den Planeten Tiamat entstanden: „Die Anziehungskraft des großen nahenden Planeten reißt bald Stücke aus Tiamat weg“ (Sitchin 223f). Nun tauchen elf Satelliten aus Tiamat auf, darunter der Hauptsatellit Kingu. Die anderen Planeten veranlassen Marduk, mit Tiamat zusammenzustoßen. Doch dazu kommt es nicht. „Marduks Satelliten reißen Tiamats Körper auf“ (Sitchin 227). Als Marduk die Sonne wieder umrundet hat, zerteilt er Tiamat. Aus deren oberer Hälfte wird die Erde. Die untere Hälfte wird zum Asteroiden-Gürtel zertrümmert. Kingu wird verkleinert und zum Satelliten der Erde. Er ist der heutige Mond.
Mayer schreibt, „dass die ganze Erdmasse früher in feurig-flüssigem Zustande sich befunden hat und allmählich von ihrer Oberfläche aus […] erkaltet ist“ (S. 116).
Laut Meyers enzyklopädischem Lexikon ist die „thermische Geschichte der Erde […] noch kaum bekannt“ (MEL 8/80). „Am wenigsten weiß man über den Verlauf der Temperatur im Erdinnern. In Bergwerken und Bohrlöchern beobachtet man eine Temperaturzunahme von im Mittel 1ºC auf 30 m. Nähme man diesen Wert als konstant an, so ergäben sich unsinnig hohe Werte“ (MEL 8/78).
In der Erdbebenkunde (Seismologie) werden „mindestens vier […] Schichten“ unterschieden: „Kruste, Mantel, äußerer Kern, innerer Kern. Die Kruste ist fest […]. Das Material des Mantels verhält sich gegen kurzperiodische Erdbebenwellen wie ein fester Körper, gibt den Gezeitenkräften […] aber nach. Der äußere Kern verhält sich auch kurzperiodischen Bewegungen gegenüber wie eine Flüssigkeit. […] Der innere Kern ist möglicherweise wieder fest“ (MEL 8/78).
Da sich die Erde abgekühlt hat, müßte sich Mayer zufolge die Länge der Tage eigentlich verkürzen, denn „die Umdrehungsgeschwindigkeit der Kugel“ muß „nach bekannten Gesetzen der Mechanik in dem Masse wachsen, als das Volumen der Kugel abnimmt“. Doch Laplace hat festgestellt, „dass im Laufe von 25 Jahrhunderten die Umdrehungszeit der Erde sich nicht um den fünfhundertsten Teil einer Sexagesimal-Sekunde verändert hat“ (S. 119).
Mayer löst diesen Widerspruch durch die Annahme dreier Perioden:
- Jugend: die Erde kühlt ab, das Erdvolumen wird geringer, die Umlaufgeschwindigkeit nimmt zu, die Tage werden kürzer;
- mittleres Alter (das ist die Zeit, die Laplace gemessen hat und in der auch Mayer lebte): Erdtemperatur und -rotation, Volumen der Erde sowie die Dauer der Tage sind konstant;
- höheres Alter: in der Zukunft wird sich die Erde wieder erwärmen, das Erdvolumen wird wieder zunehmen, die Umlaufgeschwindigkeit wird wieder abnehmen und die Tage werden wieder länger.
Laut Meyers enzyklopädischem Lexikon dient der „gleichmäßige Vorgang der Erdrotation […] der Astronomie zur Zeitmessung, dabei wird von der Voraussetzung ausgegangen, daß die Umdrehung der Erde um ihre Achse mit gleichförmiger Geschwindigkeit erfolgt. Wie aber erst in neuerer Zeit erkannt, ist dies nicht der Fall. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde unterliegt kleinen zeitlichen, unregelmäßigen und periodischen Veränderungen, für die vor allem drei Gründe erkannt wurden: die Gezeitenreibung, Verlagerungen im Erdinnern und jahreszeitliche, meteorologisch bedingte Verlagerungen auf der Erdoberfläche. Die Änderungen der Rotationszeit der Erde, die sich in einer Verlängerung des Zeitmaßes widerspiegeln, sind nur über längere Zeiträume hinweg feststellbar […]. Der Erdachse werden ferner noch Drehbewegungen durch äußere Kräfte aufgezwungen. Wirksam sind die Gravitationskräfte des Mondes, der Sonne und im gewissen Maße die Wirkungen der Planeten“ (MEL 8/76).
Bemerkungen über das mechanische Äquivalent der Wärme (1851)
Mayer betrachtet es als die Aufgabe der Naturforscher, „die Erscheinungen kennenzulernen, bevor wir nach Erklärungen suchen oder nach höheren Ursachen fragen mögen“ (S. 129). Spekulationen hält er für unfruchtbar. Stattdessen schlägt er vor, eine Untersuchung „solange fortzuführen […], bis aus ihr Größenbestimmungen, die sich durch Zahlen ausdrücken lassen, hervorgegangen sind“ (S. 130).
Das „mechanische Äquivalent der Wärme“ definiert Mayer als Zahl: Er hat herausgefunden, „dass die Erwärmung von einem Gewichtsteile Wasser um einen Grad der hundertteiligen Skale der Erhebung von einem gleichen Gewichtsteile auf ungefähr 1.200′ [Fuß] Höhe entspricht.“ Allgemein ausgedrückt: „Wärme und Bewegung verwandeln sich ineinander“ (S. 133). „Bewegung ist latente Wärme, und Wärme ist latente Bewegung“ (S. 151).
Ansonsten blickt Mayer zurück auf die vorausgehenden Aufsätze des vorliegenden Sammelbands und gibt noch allgemeine Tips für Naturwissenschaftler: sie sollen doppeldeutige Begriffe vermeiden, nicht bei der elementaren Physik hängenbleiben, die eine „Halbwisserei“ sei (S. 142), aber in ihrem Erkenntnisdrang bescheiden bleiben (sich um die „Atomen-Frage“ zu kümmern, sei „unpraktisch“, S. 150),
Würdigung und Kritik
Karl Eugen Dühring (1833-1921), der Julius Robert Mayer persönlich kannte, berichtete ausführlich über sein Schicksal: Mayer wurde Opfer einer Intrige seiner Familienangehörigen, von Hochschullehrern, von Sozialdemokraten und der Presse. Aus Traurigkeit (auch über die „Herrschsucht und Beschränktheit“ seiner Frau, RM I 240) sprang er aus dem Fenster in 10 m Höhe und überlebte. Wegen angeblichen Größenwahns verbrachte er etwa 15 Monate in den Irrenanstalten von Göppingen und Winnenthal, in denen die Irrenärzte versuchten, ihn per Zwangsstuhl zum Widerruf seiner Entdeckungen zu veranlassen.
„Sein Rückgrat und Kreuz wurden […] arg mitgenommen, das Fleisch an mehreren Stellen des Körpers gequetscht und zerschunden, kurz die physische Stärke und Grösse bis auf das an der Grenze des Todes liegende Minimum herunterkurirt“ (RM I 83). Dühring kommentierte: „Die sogenannte Psychiatrik ist vielfach nur ein Euphemismus für Nerven- und Muskelfolter“ (RM I 84).
Insgesamt hielt Dühring die Psychiatrie, die er mit der Inquisition verglich, für verworren und verlogen. „Ueberdies ist heute die Paranoia psychiatrica, d. h. die unter Umständen indicirte Verrücktheit sogenannter psychiatrischer Sachverständigkeit bereits zum populären Schlagwort geworden, und für einen zugleich erfahrenen und redlichen Denker kann kein Zweifel obwalten, dass ausser psychiatrischem eigentlichen Schwindel auch die psychiatrische Monomanie und der Psychiatergrössenwahn eine bedenkliche Ausdehnung angenommen haben“ (RM II 23).
Die medikamentöse psychiatrische Behandlung seiner Zeit hielt Dühring für noch schlimmer, da sie nicht recht nachweisbar sei: „Die klotzigen Mittel, wie Zwangsstühle, sind sichtbare Dinge; die moleculare Tortur aber, die sich in eine Hauteinspritzung, ein Pülverchen, ein Pillchen hüllen und durch jedes Tröpfchen geübt und selbst dem klügsten Arzte beigebracht werden kann, ohne dass er das, was mit ihm vorgenommen ist, genau festzustellen vermöchte, – diese den Nervenatomen geltende Bewirthschaftung des menschlichen Organismus kann im Dunkeln schleichen und hinterlässt kein recht greifbares Corpus delicti“ (RM I 85).
Auch nach seiner Entlassung galt Mayer noch als Geisteskranker. Die Augsburger Allgemeine Zeitung verkündete, „Mayer sei im Irrenhause verstorben“ (RM I 83f), was fast zehn Jahre lang unwidersprochen blieb. Seine Entdeckungen (und Fehler) wurden von mehreren Gelehrten plagiiert und als eigene Forschungen ausgegeben, was Dühring im Gebrauch von Schimpfwörtern sehr erfinderisch machte: Er sprach z.B. von „Gelehrtenkannibalismus“ (RM I 86), „Verlehrtentum“ (RM II 11), „Schlichologie“ (RM II 13), „Lügenmusik“ (RM II 101) und „Entdeckungsparasitenthum“ (RM II 122), von „Nach- oder Quasientdeckern“ (RM II 98) und „Zehntelnaturen“ (RM II 90). Als Hauptmotiv der „Gewerbsgelehrten“ (SLF 215), die „Prädicat- und Titelsüchtige“ seien (RM II 99), benannte Dühring den Neid (RM I 6).
Die Moral von der Geschicht‘: „Aerzte für Nervenleidende, wie der moderne Euphemismus lautet, können Angesichts mancher gesellschaftlichen und familiären Zustände leicht zur Falle werden, womit freilich nicht gesagt sein soll, dass nicht auch ein gemeiner praktischer Arzt unter besondern Umständen dasselbe werden kann“ (RM I 76). Denn mit dem bloßen Entkommen ist es ja nicht getan: Wer in der Psychiatrie war, gilt „zeitlebens für einen Narren“ (RM I 72). Mayer konnte es seiner Familie „nicht vergeben, dass er nun zeitlebens hätte für einen Narren gelten müssen“ (RM I 147).
Wie aktuell Dührings Warnung vor Ärzten und speziell Psychiatern heutzutage noch ist, zeigen z.B. die Bücher von Blüchel, Buchwald, Chevalier, Coleman, Humphries/Bystrianyk, Illich, McTaggart, Robert S. Mendelsohn, Möntmann, Ruesch, Saint-Pierre Lanctôt und Ziegler.
Noch eine Warnung von mir: Wegen seines Antisemitismus sind Dührings Bücher ziemlich ungenießbar. Denn er giftet auch da gegen alles Jüdische, wo die Religion nichts zur Sache tut, und macht aus dem Judentum eine Rasse. Unter Dührings Feinden, vor allem den Professoren, Sozialdemokraten, Journalisten und Spionen, waren jedenfalls auch Juden.
Mayers Errungenschaften faßte Dühring folgendermaßen zusammen: „Das Kraftmaass der Wärme, ausgedrückt in einer bestimmten Zahl, ist das Handgreifliche an der Entdeckung“ (RM I 17). „Mayers ganze Schöpfung ruht auf dem Satze von der Kraftnatur der Wärme“ (RM I 213). Er habe die „Differenz der beiden Wärmecapacitäten der Luft richtig als die zur Ausdehnungsarbeit verbrauchte Wärmemenge aufgefasst und durch die so berechnete Arbeit mechanisch gemessen“ (RM I 248).
Mayer habe ein „System der Physik“ geschaffen (RM I 48). Er sei der „Bildner eines neuen, bis in die Physiologie erstreckten Physikbereichs“, nämlich der „Physik der Kraftübergänge und ihrer mechanischen Maasse“ (RM I 251). Ohne Mayer würde „die ganze Wärmemechanik im Sinne eigentlicher Kraftäquivalenz“ nicht existieren (RM II 50).
Dührings Kritik an Mayer ist widersprüchlich: Einerseits warf er ihm vor, sich nicht entschieden genug gewehrt zu haben, sondern der christlichen Feindesliebe erlegen zu sein und die etablierten Wissenschaftler zu positiv eingeschätzt zu haben. Andererseits räumte Dühring ein, daß Mayer alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft habe und von vornherein chancenlos gewesen sei: „Mayer wäre unterdrückt worden, was er auch immer für seine Sache gethan und wie geschickt er sich dabei auch benommen hätte“ (RM II 121). Er sei eben kreativ und kein Dieb gewesen, ehrlich und kein Krimineller wie die Angehörigen des „verbrecherischen Verlehrtenthums“ (SLF 252).
In Dührings Beurteilung des Universitätswesens sind auch seine eigenen Erfahrungen eingeflossen: Die Verfolgung durch seine Kollegen führte bis zu seiner Absetzung als Privatdozent. Die Ursachen sind nicht recht deutlich. Dühring vermutete folgende:
- den Gegensatz zwischen freier Wissenschaft und Zunftwesen, das von „Cliqueninteressen“ bestimmt sei (SLF 160);
- Eitelkeit, Mißmut und Neid einzelner Professoren;
- Dühring arbeitete doppelt soviel wie seine Kollegen: er hielt Vorlesungen über Nationalökonomie, Logik, Philosophiegeschichte, Sozialismus, Materialismus und Literaturgeschichte; er hatte Hunderte von Zuhörern;
- in der zweiten Auflage seiner „Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ äußerte er sich nicht nur „über die Tartüfferie des sogenannten Kathedersocialismus und über die Beschaffenheit der Professorökonomie“, sondern „nannte hiebei ein halbes Dutzend meistbetheiligter Professoren“ (SLF 167);
- in seinen Repliken auf Zeitungskritiken und in seinen Büchern (v.a. in seiner „Kritischen Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik“ und in „Der Weg zur höheren Berufsbildung der Frauen und die Lehrweise der Universitäten“) nahm Dühring kein Blatt vor den Mund, so daß die Leser auf seiner Seite waren;
- Dühring kritisierte Hermann von Helmholtz dafür, daß er in seiner Schrift „Ueber die Erhaltung der Kraft“ (Berlin 1847) Robert Mayer nicht genannt hatte;
- er wies darauf hin, „dass schon blosse mathematische Kritik auf Universitäten etwas Lebensgefährliches wäre“ (SLF 191);
- er wehrte sich gegen alle Vorwürfe und Verleumdungen (er leide z.B. unter Verfolgungs- und Größenwahn), ohne von seinem Standpunkt abzuweichen.
Was ihm alles untergeschoben wurde, zählte Dühring an einer Stelle seiner Autobiographie auf: „Krankhaftigkeit, zerrüttetes Nervensystem, Grössenwahn, Verbitterung, krüppelhafte Bosheit, Thersitesnatur, Unverträglichkeit, geistiger Tod, Verlassenheit von Anhängern und Derartiges mehr“ (SLF 233).
Insgesamt faßte er die Ursachen seiner Amtsenthebung mit den Anklagepunkten gegen Sokrates zusammen: „‚Erstens lehre ich andere Götter als die Zunft und der Staat, also beispielsweise Robert Mayer anstatt Herrn Helmholtz. Zweitens verderbe ich die studirende Jugend, indem ich sie anleite, die wahren von den falschen Autoritäten und das natürliche Ansehen von dem zünftlerisch gemachten zu unterscheiden'“ (SLF 207).
Rudolf Steiner (1861-1925) faßte Mayers Errungenschaften in seiner Philosophiegeschichte so zusammen: Mayer sei klar geworden, „daß zwischen mechanischer Arbeitsleistung und Wärme eine ganz bestimmte, durch eine Zahl ausdrückbare Beziehung herrscht. Durch Druck, Stoß, Reibung usw., das heißt aus Arbeit, entsteht Wärme. In der Dampfmaschine wird Wärme wieder in Arbeitsleistung umgewandelt. Die Menge der Wärme, die aus Arbeit entsteht, läßt sich aus der Menge dieser Arbeit berechnen“ (S. 358).
Steiner kontrastierte Mayers Erkenntnisse mit einer Passage aus Hegels „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“, um zu zeigen, „daß in solchen Tatsachen ein ungeheurer Fortschritt gesehen wurde gegen Erklärungen über die Materie, wie sie Hegel gegeben hat“. Die Bedeutung von Hegels Bemerkung könne man nur erkennen, „wenn man in dem Gedanken als solchen etwas Wertvolles sehen kann. Das aber lag den hier genannten Denkern ganz fern“ (S. 359).
Die von Steiner zitierte Passage lautet: „Der Übergang von der Idealität zur Realität, von der Abstraktion zum konkreten Dasein, hier von Raum und Zeit zu der Realität, welche als Materie erscheint, ist für den Verstand unbegreiflich und macht sich für ihn daher immer äußerlich und als ein Gegebenes“ (Hegel 9/56, aus § 261).
© Gunthard Rudolf Heller, 2025
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– Männermacht Medizin – wie Ärzte die Frauen beherrschen, Holthausen/ü. Münster 1989
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