Religion: Welche Rolle spielen Christen im neuen Europa?

Teaser: Politisch wächst Europa in den letzten Jahrzehnten immer enger zusammen. Die Grenzen zwischen den Nationen werden durchlässiger. Doch welche Werte wird das neue Europa vertreten? Das Christentum - als einigende und anerkannte Religion - befindet sich allerorten auf dem Rückzug. Doch wie soll das entstehende Vakuum gefüllt werden?

"Auf keinen Fall kann man davon sprechen, daß sich die Welt säkularisiert", stellt - offensichtlich erleichtert - der Präsident von PANEUROPA Deutschland und Mitglied des Europaparlamentes Bernd Posselt fest. Denn christlich soll Europa sein nach dem Willen der "PAN-Europäer", die auch zahlreich in der Europäischen Volkspartei (EVP) im Straßburger Europaparlament vertreten sind. Somit ist ihnen die lange Phase der zunehmenden Abkehr der Europäer vom christlichen Glauben und überhaupt von Religion ein Dorn im Auge und soll in ihr Gegenteil zurückgeführt werden.

kirchenfensterDen Glanz seiner Hochkultur habe das Abendland durch das Christentum erhalten. Mit Geduld und Stetigkeit, allen Widrigkeiten zum Trotz, das Fernziel fest im Blick, erstreben die überzeugten PAN-Europäer die Verwirklichung des Zukunftsbildes, das Richard N. Graf Coudenhove Kalergi 1923 für ein geeintes Europa entworfen hat. Im friedlichen Miteinander seiner Völker soll PANEUROPA wirtschaftlich und kulturell zu einer Führungsmacht der Erde werden, was aber ohne Religiosität, ohne Christentum, nicht denkbar sei.

Der erste PANEUROPA-Präsident nach Coudenhove-Kalergi, Erzherzog Otto von Habsburg, blieb auch nach seinem Einzug ins Europaparlament 1979 seinen Grundsätzen und seinem Programm treu: "Christentum, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Föderalismus in Staat und Wirtschaft, Selbstbestimmungsrecht für die Völker Ost- und Mitteleuropas."

Posselt berichtet über den weitblickenden, einsatzfreudigen Europäer Habsburg: "Er sieht Europa weder mechanisch noch materialistisch, sondern wie einen lebendigen, von Gott geschaffenen Organismus. Mit seinen eigenen Worten gesagt: "Unsere einmalige Zivilisation und Kultur, vor allem die Idee der persönlichen Freiheit, wären ohne christliche Grundsätze niemals entstanden. Das Christentum ist die Seele Europas. Sollte es aus unserem Kontinent verschwinden, würde auch Europa sterben."

Ich selbst war 1987, als ich Otto von Habsburg bei einer Europa-Tagung in Goslar das erste Mal aus nächster Nähe persönlich erleben durfte, für seine politische Sichtweise stark eingenommen, schrieb ihm aber aus Sorge vor einem "Gottesstaat" einen diesbezüglichen Brief. Habsburg, der schon als Europa-Abgeordneter seinen Fleiß bewies, indem er fast keiner Parlamentssitzung fernblieb (im Gegensatz z.B. zu dem "faulsten Abgeordneten" Willy Brandt ), scheute auch nicht die Mühe, mir, einem für ihn unbedeutenden Menschen, äußerst freundlich zu antworten, und zwar: Es sei selbstverständlich der menschlichen Unvollkommenheit zuzuschreiben, daß im Namen des Christentums schlimmste Verbrechen begangen worden sind, das berühre aber das Christentum selbst nicht. Und meine Art einer Beziehung zum Göttlichen sei ja schon immerhin etwas.

Um was es diesen paneuropäisch denkenden und wirkenden Christdemokraten geht, ist ganz offensichtlich, Gottlosigkeit und Materialismus mit all der ihnen innewohnenden Gemütskälte, Kaltschnäuzigkeit und Kulturlosigkeit zu wehren. Wahrhaft gottverbundene Menschen fühlen auch zueinander innere Verbundenheit, gleich, aus welcher Glaubensrichtung mit all den so unterschiedlich anmutenden Bildern ihrer Glaubenssprache sie kommen. Es gilt, hinter den Bildern, den Sprachgleichnissen, den wahren Gottgehalt zu erkennen, den Wunsch zum Guten in den Gläubigen zu erspüren, den sie mit ihren Glaubensbildern verbinden.

Aus dieser Sicht wäre Bernd Posselt zuzustimmen, wenn er mit Genugtuung die wachsende Glaubensbewegung vor allem in den außereuropäischen Ländern begrüßt. Doch bereits hier muß unser Wohlwollen seine Grenze finden. Denn Posselt heißt gut, daß "in Afrika nicht nur der Islam eine immer stärkere missionarische Dynamik entwickelt, sondern auch eine Fülle christlicher Kirchen." Posselt freut sich über Berichte von römisch-katholischen Messen in West- und Zentralafrika, "die von jungen Familien und Jugendlichen überfüllt waren und nach zweistündigem Verlauf das entfesselte Publikum den Priester lautstark aufforderte weiterzumachen." Offensichtlich gerieten diese Menschen mit ebenso großer Wonne in Ekstase wie bei ihren Stammestanzfesten in Vergangenheit und Gegenwart. Es sei ihnen gegönnt, für Europäer ist es in der Form aber wohl kaum nachvollziehbar.

bibel mit rosenkranz"In Asien", frohlockt Posselt, "macht sich, wenn auch in sehr unterschiedlicher Gestalt, eine islamische Erneuerungsbewegung bemerkbar, die von der arabischen Halbinsel bis ins chinesische Singkiang und vom Kaukasus bis in die äußersten Inselgruppen Indonesiens reicht." Darüber hinaus berichtet Posselt über "das religiöse wie auch das weltliche Erstarken von Hinduismus und Buddhismus, die sich auf dem indischen Subkontinent immer häufiger gewaltsam entladen." Wie ist solches gewaltsame Entladen mit dem paneuropäischen Ideal von Freiheit und Selbstbestimmung vereinbar? Spätestens an dieser Stelle müßte doch auch ein PAN-Europäer wie Posselt ins Grübeln kommen. Aus keinem Grunde haben Menschen bisher größeren Fanatismus und schlimmere Gewalt entwickelt als aus ihren Religionen heraus. Wo also bleibt die Freiheit des Einzelnen, die sich angeblich aus der Religion, der christlichen zumal, ergeben soll?

13.04.2006 © seit 03.2006 Heidrun Beißwenger
Kommentar schreiben