Reflektionen über die Rolle des Zeithorizonts im Denken

Teaser: Dieser Artikel soll die Rolle und die Wirkungen des Zeithorizonts in unserem Denken verdeutlichen. Es geht nicht nur darum eine Sammlung von Perspektiven oder eine Aneinanderreihung von Beobachtungen zu liefern, sondern die Tragweite dieses Themas aufzuzeigen. Damit kann uns bewußt werden, welche elementare Rolle der Zeithorizont in unserem Denken spielt.

Einführung

Die folgende Abhandlung soll die Rolle und die Wirkungen des Zeithorizonts in unserem Denken sichtbar werden lassen. Es geht mir nicht nur darum, eine Sammlung von Perspektiven oder eine Aneinanderreihung von Beobachtungen zu liefern, sondern auch die Tragweite dieses Themas aufzuzeigen. Damit kann uns bewußt werden, welche elementare Rolle der Zeithorizont in unserem Denken spielt.

Der Charakter dieser Abhandlung ist der des "Aufzeigens" oder "Hinweisens" - ähnlich wie man mit dem Finger auf ein bestimmtes Objekt zeigt (Ostensiv-Referenz), um zu verdeutlichen, was gemeint ist. Der Finger deutet auf das Phänomen - er weist den Beobachter nur auf die Richtung hin, in welcher Gegend er etwas erkennen kann. Darum ist es wichtig nicht auf den Finger zu achten, sondern den Blick in Richtung des Phänomens zu wenden, auf welches der Finger aufmerksam machen will.

Hier geht es - in Heideggers Worten - um ein "Entbergen" (sinngemäß "etwas aus dem Verborgenen hervorholen") eines elementaren Aspektes des Denkens, dem wir uns auf eine Weise nähern wollen, wie er sich von der Sache her selbst zeigt. Sicher ist der Zeithorizont nur eine Perspektive, die das Phänomen des Denkens nicht vollständig beschreiben kann. Eine Perspektive zeigt nie das Ganze, aber dafür zeigt sie den gezeigten Ausschnitt detaillierter.

Diese Abhandlung ist inspiriert worden von zwei Büchern von Martin Heidegger, die mich zum Nachdenken brachten. Namentlich - "Sein und Zeit" - und - "Was heißt Denken?" Inspiriert insofern, als ich beim Lesen von Heidegger erstmals ein völlig neues Denken kennenlernen durfte, das meine eigene Reflektion und Selbstverständnis - also die Frage "Was Denken heißt?" - völlig verändert hat.

Nachdem ich mich einmal von seinen Ansätzen faszinieren ließ, kamen immer mehr Anregungen hinzu, wie man die Frage "Was heißt Denken?" mit einer Fülle anderer Perspektiven ergänzen kann, von denen jede einzelne mächtig genug ist, das Phänomen des Denkens in einem völlig neuem Licht erstrahlen zu lassen.

So spricht der Meister selbst ...

"Das bedenklichste in unserer bedenklichen Zeit ist, daß wir noch nicht denken! ... In das, was Denken heißt, gelangen wir, wenn wir selber denken. Damit ein solcher Versuch glückt, müssen wir bereit sein, das Denken zu lernen. Sobald wir uns auf dieses Lernen einlassen, haben wir auch schon zugestanden, daß wir das Denken nicht vermögen." (Heidegger - "Was heißt Denken?")

Was ist ein Zeithorizont?

Bevor wir uns der Frage: "Welche Rolle der Zeithorizont im Denken spielt?" zuwenden können, sollten wir zuerst verstehen, was mit dem Begriff des Zeithorizonts gemeint ist. Verwenden wir hierfür ein Bild und stellen wir uns einen Menschen in einer Landschaft vor.

Je nachdem, wie die Landschaft beschaffen ist, beschränkt sie das Blickfeld des Betrachters. Auf einem Hügel oder einem Berg, mag die Sicht kilometerweit in die Ferne reichen, in einem Wald oder einer Stadt jedoch nur wenige Meter betragen. Dies zeigt, daß der Horizont keine vorher definierbare Grenze ausweist, sondern durch den Standort des Betrachters bestimmt wird.

Eine räumliche Metapher versinnbildlicht hier nur den Begriff des "Horizontes" - doch wie können wir uns einen zeitlichen Horizont vorstellen? Um den zeitlichen Horizont darstellen zu können, knüpfe ich an unser "vulgäres" Zeitverständnis an, welches drei Dimensionen umfaßt - Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft.

Diese Ausdehnung der Zeit ist jedem von uns aus dem alltäglichen Verständnis geläufig. Analog des Landschaftsbeispiels kann man sagen, daß es beim Zeithorizont um ein "Überblicken" oder "Über-Sehen" eines "Zeitraumes" geht. Dieser Horizont entsteht, indem Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges bewußt in den Blick genommen wird.

Als Metapher: Es ist die Größe der zeitlichen Lichtung, in der wir stehen und in der wir durch die Zeit sehen können. Der Zeithorizont spielt beispielsweise bei unseren Entscheidungen eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich beispielhaft in der Frage, welchen Zeitraum unsere Entscheidungen einschließen - sprich - ob wir nur kurzfristig zu Denken vermögen (im Hier-und-Jetzt leben) oder eine langfristige Perspektive (Lebensperspektive) im Blick haben.

Die Geschichte des Menschen als Zeithorizont ...

Jedes Dasein hat eine eigene Geschichte und einen Anfang, in dem es - in Heideggers Worten - "geworfen" wurde. Geschichte ist hier in einem zweifachen Sinne zu verstehen. Zum Einen als "persönliche" und zum anderen als "kulturelle Geschichte". "Geworfen" ist das Dasein deshalb, da es sich die Umstände und den Rahmen seiner eigenen Existenz nicht frei aussuchen konnte. Wir werden in eine bereits bestehende Kultur geboren und auf eine bestimmte Art erzogen - z.B. wie es dem Ideal unserer Eltern entspricht.

Der Blick in die Vergangenheit offenbart uns, wie wir zu dem wurden, der wir sind. Nach Heidegger erschließt sich uns unsere "Geworfenheit" als unsere Befindlichkeit. Sie bringt zum Ausdruck, "wovor wir geworfen wurden" bzw. daß wir an unser "Geworfensein in die Welt" überlassen sind. Überlassen in dem Sinne, daß wir an unserer eigenen Geworfenheit nichts zu ändern vermögen - sie bestimmt den Ausgang und Fortgang unseres eignenen "In-der-Welt-Seins".

Wieweit wir in die Vergangenheit zu blicken vermögen, bestimmt eine Grenze unseres Zeithorizontes - eine Grenze, die sozusagen hinter uns liegt.

Was uns unser "Vor-Blick" erschließt, nennen wir Zukunft. Darin erschließen wir ein mögliches Wohin unseres Daseins - die Möglichkeiten des eigenen Seinkönnens. Zudem kann es uns offenbaren, "worumwillen" wir leben - beinhaltet also die Möglichkeit einen Sinn im Dasein zu finden bzw. ihm diesen zu geben. In unserer Metapher bestimmt die Zukunft unseren Vor-Blick auf den Zeithorizont.

Die Ausdehnung unseres Zeithorizontes ist somit durch das "Im-Blick-haben" unser eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestimmt.

Wie wir Zeithorizonte in unserem Denken setzen ...

Beziehen wir den Horizont auf das Denken, so ist außerdem zu sagen, daß je nachdem, an was wir denken, der im Blick gehaltene Zeithorizont sehr unterschiedlich ausgedehnt sein kann. Je nachdem, wie schwerwiegend eine zu treffende Entscheidung ist, berücksichtigen wir unterschiedliche Zeithorizonte beim Bedenken einer Sache.

Bei der Auswahl eines Mittagessens mag es genügen, den Verlauf des weiteren Tagesgeschehens mit im Blick zu haben, während die Wahl eines Partners möglicherweise eine Entscheidung auf "Lebenszeit" ist.

Doch inwiefern ist eine solche Setzung des Zeithorizonts für das Denken relevant?

Halten wir zunächst fest, daß das Denken sich als Prozeß immer in der Zeit abspielt.

  • Es hat eine Geschichte (Vergangenheit), in der wir zu dem wurden, was wir sind. Wenn ich hier von Geschichte spreche, meine ich sowohl die "Denkgeschichte einer Kultur", welche die Möglichkeiten (oder auch vorbestimmte Ausrichtungen/ Werturteile) des Denkens bereitstellt, als auch unsere persönliche Geschichte, die auf unseren Erfahrungen fußt und zu bestimmten Denkgewohnheiten geführt hat.
  • Es hat eine Gegenwart, in der wir stehen, entscheiden und handeln.
  • Und es hat eine Zukunft, die wir vorausdenken, um uns selbst zu entwerfen - Pläne für ein künftiges "Seinkönnen" schmieden können.

SanduhrAlle drei Aspekte des Zeithorizonts wirken auf unser Denken ein. Anders gesprochen, beeinflussen sich die drei Dimensionen der Zeit in unserem Denken immer gegenseitig. Dies gilt auch dann, wenn wir einer bestimmten Dimension den Vorrang einräumen, in dem wir beispielsweise hauptsächlich aus unseren Erfahrungen der Vergangenheit urteilen oder unser gegenwärtiges Verhalten an unseren Plänen ausrichten, die erst in der Zukunft real sein werden.

Das Vordenken in die Zukunft verändert aber nicht nur unserer gegenwärtiges Denken und Handeln, sondern ebenso unsere Vergangenheit. Wie kann ich mir diese "Verzahnung" oder "gegenseitige Beeinflussung" der drei Zeitdimensionen vorstellen?

Wenn ich daran denke, was ich im Laufe des Tages noch tun will (Zukunft), berücksichtige ich dabei sowohl meine Vergangenheit (beispielsweise als Erfahrungen/ konkrete Fähigkeiten) als auch die gegenwärtigen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen. Sobald ich meine Planung vorgedacht habe, vergegenwärtige ich mir meine gegenwärtigen Handlungsmöglichkeiten, die zu dem künftig angestrebten Ereignis führen werden und handle entsprechend.

In diesem "vergegenwärtigen" meiner Handlungsmöglichkeiten fließen alle drei Zeitdimensionen zusammen und bilden eine Synthese. Mir ist klar, was ich bereits getan habe, was gerade getan werden muß und noch zu tun ist, wenn ich das künftige Ereignis erleben will. Diese Synthese von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kann man als ein "Verzahnt-Sein" der drei Zeitdimensionen ansehen. Ohne dieses fließende Ineinanderübergehen der drei Dimensionen der Zeit wäre sinnvolles Handeln gar nicht denkbar.

Um die Auswirkungen des Zeithorizonts auf das Denken besser verstehen zu können, werden wir in Folge einige Beispiele besprechen, welche die Auswirkungen des Zeithorizonts auf das Denken veranschaulichen sollen.

Orientierung an einem kurzen Zeithorizont

Beobachten wir den Zeithorizont von Kindern. Kinder erleben die Welt zunächst in einem Zeithorizont, der sich sehr stark auf das Gegenwärtige - das Hier und Jetzt - bezieht. Wenn Kinder spielen, können sie vollends im "Hier und Jetzt" des Spieles aufgehen - sich voll auf das Spiel einlassen. Triebe und Bedürfnisse werden in der Gegenwart ausgelebt.

Ein Sublimieren oder Aufschieben der momentanen Bedürfnisse ist schwierig und trifft bei Kindern auf Unverständnis. Das Denken des Kindes ist lustorientiert, d.h. es präferiert diejenigen Dinge, die der momentanen Luststeigerung dienen. Lust wird hauptsächlich in der Gegenwart befriedigt. Die Aufgabe - den Zeithorizont des Kindes auf ein Künftiges auszudehnen - übernehmen in der Erziehung die Eltern oder Lehrer.

Ein "kurzer" Zeithorizont eignet sich zum Erlernen simpler Tätigkeiten, wie einfache motorische Koordinationen. Je komplexer ein Thema ist, desto länger wird der Zeithorizont der durchschritten werden muß, bis man zum "Erfolg" - der Belohnung - gelangt. Um beispielsweise Mathematik zu lernen ist - je nach angestrebter Qualifikation - ein Zeithorizont von Jahren oder gar Jahrzehnten nötig, bis die angestrebten Fähigkeiten vollendet sind.

06.08.2019 © seit 03.2006 Tony Kühn  
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