Die beiden Bände des Hauptwerks von Norbert Elias (1897-1990) „Über den Prozeß der Zivilisation“ (1939) beziehen sich auf die „Wandlungen des Verhaltens“ von der öffentlichen Ungeniertheit im Mittelalter zu mehr Privatheit in späteren Jahrhunderten (Bd. 1) und die „Wandlungen der Gesellschaft“ vom mittelalterlichen Feudalismus zum modernen Staat (Bd. 2).
Einleitung (1968)
Elias faßte im Nachhinein den Inhalt des ersten Bands so zusammen: Er „beschäftigt sich vor allem mit der Frage, ob sich die auf verstreuten Beobachtungen beruhende Vermutung, daß es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen von Menschen bestimmter Gesellschaften gibt, die über eine ganze Reihe von Generationen hin in ein- und dieselbe Richtung gehen, durch verläßliche Sachbelege bestätigen und als tatsachengerecht erweisen läßt“ (1/IX).
Auch den Inhalt des zweiten Bands formuliert Elias in Form einer Frage: „Ist es möglich, diese langfristige Wandlung der Persönlichkeitsstrukturen mit langfristigen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandlungen, die ebenfalls in eine bestimmte Richtung gehen, in die Richtung auf einen höheren Standard der gesellschaftlichen Differenzierung und Integrierung, in Zusammenhang zu bringen?“ (1/IX)

Die Antwort auf beide Frage lautete bisher „nein“: Es gab vor Elias‘ Studie keine empirischen Belege für einen „langfristig in ein- und dieselbe Richtung“ verlaufenden Wandel der Affekt- und Kontrollstrukturen und der Gesellschaftsstruktur.
Doch Elias behauptet, er habe diese Belege gefunden: Die Affektkontrolle nahm seiner Meinung nach zu, parallel dazu sei eine andere Struktur der Gesellschaft entstanden. Zumindest inbezug auf einige Gruppen von Menschen meint Elias sagen zu können, „daß sie zivilisierter geworden sind, ohne notwendigerweise damit den Gedanken zu verbinden, daß es besser oder schlechter ist, daß es einen positiven oder negativen Wert hat, zivilisierter geworden zu sein“ (1/XX).
Vorwort (1936)
Elias stellt fest, daß die Europäer nicht schon immer so zivilisiert wie heutzutage waren. Er gesteht allerdings zu, daß die Menschen des Mittelalters seine Zeitgenossen als ebenso unzivilisiert empfinden würden, wie seine Zeitgenossen die Menschen des Mittelalters. Er fragt also nicht nach der Bewertung, sondern danach, wie es zu der Veränderung kam.
Ansonsten gibt er eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel:
- Im Ersten Kapitel geht es um die verschiedene „Bedeutung und Bewertung […], mit der man den Begriff ‚Zivilisation‘ in Deutschland und in Frankreich gebraucht.“
- Das Zweite Kapitel handelt vom Wandel des Verhaltens und Affekthaushalts im Abendland seit dem Mittelalter (1/LXXII).
- Da für Elias Psycho- und Soziogenese einander erhellen, behandelt er im Dritten Kapitel bestimmte Prozesse der „großen Geschichte“ (1/LXXV).
Insgesamt stellt er fest: „Diese Arbeit stellt und entwickelt also ein sehr umfassendes Problem; sie gibt nicht vor es zu lösen.
Sie steckt ein Beobachtungsfeld ab, dem man bisher verhältnismäßig wenig Beachtung geschenkt hat, und sie unternimmt die ersten Schritte zu seiner Aufhellung“ (1/LXXIX).
Dieses Beobachtungsfeld umreißt Elias mit folgenden Schlagworten: „Sozio- und Psychogenese, Affekthaushalt und Triebmodellierung, Fremdzwänge und Selbstzwänge, Peinlichkeitsschwelle, gesellschaftliche Stärke, Monopolmechanismus und einige andere “ (1/LXXXI).
Erstes Kapitel: Zur Soziogenese der Begriffe „Zivilisation“ und „Kultur“
Da man fast alles auf zivilisierte und unzivilisierte Art tun kann, ist der Begriff „Zivilisation“ sehr weit gesteckt. Für Elias drückt er jedenfalls das Selbst- oder Nationalbewußtsein des Abendlands aus. „Er faßt alles zusammen, was die abendländische Gesellschaft der letzten zwei oder drei Jahrhunderte vor früheren oder vor ‚primitiveren‘ zeitgenössischen Gesellschaften voraus zu haben glaubt“ (1/1f).
Während „Zivilisation“ „einen Prozeß oder mindestens das Resultat eines Prozesses“ bezeichnet, bezieht sich der deutsche Begriff „Kultur“ „auf Produkte des Menschen, […] auf Kunstwerke, Bücher, religiöse oder philosophische Systeme, in denen die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck kommt“ (1/3f).
Was die Deutschen „Kultur“ nennen, nennen die Franzosen „Zivilisation“: „Der französische Begriff ‚civilisation‘ spiegelt genau in dem gleichen Maße das spezifische, soziale Schicksal des französischen Bürgertums, wie der Begriff der ‚Kultur‘ das des deutschen“ (1/63).
Zweites Kapitel: Über die „Zivilisation“ als eine spezifische Veränderung des menschlichen Verhaltens
Anhand der Tischsitten (Verwendung von Besteck), des Schneuzens (Aufkommen des Taschentuchs), des Spuckens (wird unterlassen), des Schlafens (jeder bekommt sein eigenes Bett), der Sexualität (stärkere Tabuisierung des Ehebruchs) und der Aggression (Bestrafung von Gewalttaten) zeigt Elias den Wandel von den mittelalterlichen zu den modernen Umgangsformen. Wenn etwas im Lauf der Entwicklung als peinlich empfunden wird, wird es hinter verschlossenen Türen praktiziert.
Drittes Kapitel: Zur Soziogenese der abendländischen Zivilisation
Erster Teil: Mechanismen der Feudalisierung
Bemerkenswert ist der Teufelskreis von Angst und Krieg: Da sich die Territorialherren bedroht fühlten, mußten sie ein Heer unterhalten, das in Naturalien bezahlt wurde. Da durch diese Naturalien die Erträge ihres Territoriums aufgebraucht wurden, mußten sie neues Territorium erobern. Das wiederum machte ihren Nachbarn Angst, die selbst ein Heer unterhalten und in Naturalien bezahlen mußten.
Ein weiteres Problem ist die Übervölkerung, die nicht in absoluten Zahlen gemessen werden darf, sondern nur in Relation zu den Ressourcen betrachtet werden kann. Elias beschreibt die Symptome der Übervölkerung folgendermaßen:
- Immer weniger Menschen können ihre Standardbedürfnisse befriedigen.
- Die Spannungen nehmen zu. Die Reichen schließen sich von den Armen ab.
- Menschen in derselben sozialen Lage schließen sich zusammen, um Außenstehende abzuwehren oder um Monopole von anderen zu erobern.
- Auf dünner besiedelte oder schlecht verteidigte Nachbargebiete wird Druck ausgeübt.
- Die Tendenz zur Auswanderung nimmt zu, ebenso die Tendenz zur Eroberung neuen Territoriums.
- Die Immigranten schließen sich zusammen und erzwingen „sich allmählich überall in blutigen und oft recht langwierigen Kämpfen eigene, neue Rechte“ (2/59).
Die Kreuzzüge erklärt Elias mit dem Drang nach Land und Macht. Die Kirche verlieht diesem Drang lediglich ein religiöses Deckmäntelchen.
Die Beziehungen zwischen den Burgherren vergleicht Elias mit denen heutiger Staaten. Den „Veränderungen der gesellschaftlichen Stärke“ hält „auf die Dauer kein Treuschwur und kein Vertrag“ stand (2/86). Die Ritter „sind wild, grausam, zu Ausbrüchen geneigt und hingegeben an die Lust des Augenblicks“ (2/96). Die Spielleute (Possenreißer, Narren, Minnesänger, Troubadoure) wechseln ihre politischen Überzeugungen mit den Herren. Wer eine Frau aus der Ferne besingt, will für sie arbeiten, auch wenn bei manchen Sängern echte Gefühle im Spiel sind. Von den Rittern werden die Frauen dagegen auf die Nase geschlagen, so daß Blut fließt. „Übrigens wird auch oft genug der Ritter ausdrücklich getadelt, der von seiner Frau Rat annimmt“ (2/106).
Zweiter Teil: Zur Soziogenese des Staates
Die Könige verhalten sich wie die Feudalherren: Sie sichern ihren Besitz und vergrößern ihre Macht. „Der Mechanismus der Staatenbildung […] ist […] in großen Zügen immer der gleiche“ (2/132): „Ein Menschengeflecht, in dem kraft der Größe ihrer Machtmittel relativ viele Einheiten miteinander konkurrieren, neigt dazu, diese Gleichgewichtslage […] zu verlassen und sich einer anderen zu nähern, […] einer Lage, bei der eine gesellschaftliche Einheit durch Akkumulation ein Monopol über die umstrittenen Machtchancen erlangt“ (2/135).
In Frankreich setzten sich die Kapetinger durch, in Deutschland die Hohenzollern, in England (nach Wilhelm dem Eroberer und dem Aussterben der männlichen Erben der normannischen Dynastie) die Plantagenets. Für den Herrschaftskomplex der Habsburger wurde „seit dem 15. Jahrhundert die Bezeichnung Haus Österreich gültig“ (MEL 11/256).
Wilhelm der Eroberer (um 1027 – 1087) hatte „die bestehenden Verfassungseinrichtungen“ anerkannt und „einen zentral gelenkten anglonormannischen Feudalstaat“ geschaffen, „in dem die Herrschaft über die Kirche […] unter Ausschaltung des päpstlichen Einflusses allein beim König lag“ (MEL 25/369).
Die „Schlüsselmonopole“ sind die „freie Verfügung über militärische Machtmittel“ und die „Erhebung der Steuerabgaben vom Besitz oder vom Einkommen der einzelnen Menschen […]. Die finanziellen Mittel, die so zur Verfügung dieser Zentralgewalt zusammenströmen, halten das Gewaltmonopol aufrecht, das Gewaltmonopol hält das Abgabenmonopol aufrecht“ (2/142f).
Den Unterschied zwischen Feudal- und Hofadel sieht Elias darin, daß bei ersterem „die gesellschaftliche Stärke des einzelnen Hauses“ entscheidend ist; dagegen ist bei letzterem „die unmittelbare Anwendung von Gewalt weitgehend ausgeschaltet; […] die Einzelnen schwanken nun hin und her zwischen dem Widerstand gegen die Zwänge […] und dem Stolz auf die angezüchtete Selbstbeherrschung […]; es ist, kurz gesagt, ein Schub auf dem Wege der Zivilisation“ (2/154f).
„Der nächste Schritt ist dann die Übernahme des Gewalt- und Steuermonopols samt aller anderen Herrschaftsmonopole, die auf ihnen beruhen, durch das Bürgertum“ (2/155).
Elias unterscheidet also zwei Phasen: die Phase der Monopolbildung und „zweitens die Phase, in der die Verfügungsgewalt über die zentralisierten und monopolisierten Chancen dazu tendiert, aus den Händen eines Einzelnen in die einer immer größeren Anzahl überzugehen“ (2/157).
Das „Geheimnis der Soziogenese und der Beziehungsdynamik“ sieht Elias darin, daß „aus der Verflechtung von unzähligen individuellen Interessen und Absichten […] schließlich etwas entsteht, das, so wie es ist, von keinem der einzelnen geplant oder beabsichtigt worden ist, und das doch zugleich aus Absichten und Aktionen vieler Einzelner hervorging“ (2/221).
Der Zeitpunkt zur Entstehung einer starken Zentralgewalt nähert sich laut Elias dann, wenn die verschiedenen Interessen einer vielfältigen Gesellschaft weder zu einem Kompromiß noch zu dem Sieg einer Seite führen, und ein einzelner das Zünglein an der Waage spielen kann.
Elias vergleicht diese Situation mit dem Tauziehen: Ein einzelner kann beide Gruppen dadurch steuern, daß er „seine individuelle Kraft bald in der Richtung der einen, bald in der Richtung der anderen Gruppe“ einsetzt und „sorgfältig darauf achtet, daß die Spannung selbst sich nicht verringert, daß keine der beiden Seiten ein entschiedenes Übergewicht gewinnt“ (2/241).
Übertragen auf die historische Situation: Das Königtum wird dann am stärksten, wenn „ein schwächer werdender Adel mit aufsteigenden, bürgerlichen Gruppen bereits in mannigfacher Hinsicht rivalisieren muß, ohne daß einer den anderen entschieden aus dem umstrittenen Felde zu schlagen vermag“ (2/243).
Ludwig XIV. (1638-1715) versorgte und beherrschte den Adel gleichzeitig. Wer etwas von ihm wollte, mußte sich ständig am Hof sehen lassen. Unter Regierungskunst verstand er Spionage, zu der er Schweizer einsetzte. In Herrschaftsangelegenheiten unterschied er nicht zwischen Verwandten und Fremden.
Das „Rückgrad“ des Staats sieht Elias im Steuer- und Gewaltmonopol (2/307).
Zusammenfassung: Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation
Die von Elias sog. Zusammenfassung umfaßt 142 Seiten. Seine Zivilisationstheorie beschränkt sich auf den Bereich dessen, was Menschen machen. Als weltanschaulichen Hintergrund kann man allenfalls die Psychoanalyse heranziehen, deren Terminologie er verwendet (Über-Ich, Unbewußtes, Unterbewußtes, Triebe). Doch m.E. läßt sich die Geschichte der Menschheit in keiner Weise aus dem bloßen Tun von Menschen erklären.
Dasselbe gilt für die Entwicklung der Zivilisation – falls es so etwas überhaupt gibt. Daß man gewisse Phasen der Verfeinerung und Verrohung feststellen kann, ist wohl unbestritten. Auch bestimmte Verhaltensmuster wiederholen sich immer wieder im Lauf der Geschichte.
Doch wer wie Elias hier eine „Veränderung des menschlichen Verhaltens und Empfindens in einer ganz bestimmten Richtung“ (2/312) sehen und erklären will, kommt m.E. nicht daran vorbei, daß die Menschheit in der Hand von etwas Größerem ist. Während religiöse Menschen hier von Gott und Teufel (Göttern, Engeln, Dämonen) reden, sprechen Ufologen von Außerirdischen.
Zecharia Sitchin verbindet beides in seiner Interpretation der antiken Mythologie, indem er die Geschichten von den alten Göttern ernst nimmt. Er versteht sie als Inanspruchnahme der Erde durch Raumfahrer auf der Suche nach Gold. Nach seiner Vorstellung haben diese Raumfahrer durch genetische Manipulationen aus dem Homo erectus den Homo sapiens und damit den Beginn der Zivilisation geschaffen. Sie benützten die Menschen als Sklaven und brachten ihnen gerade soviel bei, daß sie als Arbeiter tauglich waren, aber so wenig, daß sie sich noch beherrschen ließen. William Bramley hat diese Anschauung vor allem auf die Entstehung von Kriegen angewandt.
Ich halte diese Erklärung für einfacher und sinnvoller als die in sich widersprüchlichen Rationalisierungen von Norbert Elias.
I. Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang. Elias meint, die Zivilisation sei zwar nicht geplant worden, aber vollziehe „sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung.“ Sie gehe „gewiß nicht auf eine rationale Idee zurück“, aber sei „dennoch auch nicht nur ein strukturloser und chaotischer Wechsel“ (2/313).
Seine Frage, wie denn das möglich sei, beantwortet er mit dem Verweis auf seine früheren Ausführungen: „Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander“ und können so „Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat“ (3/314).
Die Zivilisation sei weder rational noch irrational: „Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind. […] Aber es ist durchaus nicht unmöglich, daß wir etwas ‚Vernünftigeres‘ […] daraus machen können“ (2/316).
Auf mich wirkt diese Argumentation so, wie wenn Kinder mit einzelnen Buchstaben spielen, und irgendwann soll dabei ein literarisches Kunstwerk herauskommen.
Elias unterscheidet zwei Zivilisationsstadien: In der mittelalterlichen Feudalgesellschaft müssen die Menschen das Ausleben ihrer Affekte mit der Furcht vor anderen Menschen bezahlen; im neuzeitlichen Staat müssen die Menschen ihre Sicherheit mit einem Zwang zur Selbstkontrolle bezahlen.
Wie wackelig hier die Fortschrittsvermutung ist, sieht man daran, daß Elias die Selbstkontrolle mittelalterlicher Mönche von der Selbstkontrolle neuzeitlicher Staatsbürger unterscheidet: letztere sei leidenschaftsloser. Daß das nicht stimmt, sieht man an der darauffolgenden Begründung: „Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht die Kontrollapparatur, die sich im Seelenhaushalt des Individuums herausbildet“ (2/327).
Das gilt für ein Kloster gleichermaßen. Auch die Vorsicht eines mittelalterlichen Ritters inbezug auf seine gefährliche Umgebung ist eine Form der Selbstdisziplin oder -kontrolle. Im neuzeitlichen Staat haben zwar Militär und Polizei das Gewaltmonopol, doch vor allerlei Feindseligkeiten muß man sich trotzdem selbst schützen, so gut man eben kann.
II. Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht und des Selbstzwangs. Laut Elias vollzieht der „individuelle Zivilisationsprozeß […] sich, wie der gesellschaftliche, bis heute zum größeren Teil blind“ (2/338). Doch was ist mit den spirituellen Menschen, die bewußt an sich arbeiten, die sich irgendwann überlegen, was für ein Mensch sie sein wollen? Anders formuliert: Wäre ein Zivilisationsprozeß ohne den geistigen Einfluß, den spirituelle Menschen von höheren Wesen empfangen, überhaupt möglich? Ist hier nicht vor allem Elias der Blinde, dem die psychoanalytischen Scheuklappen die Sicht auf einen Teil der Wirklichkeit verstellen?
Elias beantwortet diese Fragen in den späteren Teilen dieses Dritten Kapitels:
- Die „erleuchteten Individuen“ sind für ihn „nicht die Urheber des Denktypus, der in ihrer Gesellschaft vorherrschte. Sie waren nicht die Schöpfer dessen, was wir ‚rationales Denken‘ nennen“ (2/396).
Dagegen wende ich wiederum ein, daß das rationale Denken im Praktischen (also bei Handwerkern, Bauern, Fischern usw.) schon immer dasselbe war. Sie orientierten sich an der Wirklichkeit und dem Zweck, den sie verfolgten. Elias sieht das anders, auch wenn er es zum Teil wieder zurücknimmt: „Die Langsicht des Buchdruckers oder des Maschinenschlossers ist eine andere, als die des Buchhalters, die des Ingenieurs eine andere, als die des Verkaufsdirektors, die des Finanzministers verschieden von der des Chefs der Heeresleitung, wenn auch alle diese verschiedenen, oberflächlicheren Modellierungen sich durch die Interdependenz der Funktionen beständig bis zu einem gewissen Grade an- und ausgleichen“ (2/380).
Was Elias „‚rationales Denken'“ nennt (2/396), ist mir unklar. Meint er die Langzeitstrategie, welche die impulsiv handelnden Ritter noch nicht hatten, aber die deren Pendant am Hofe, nämlich die Adeligen, entwickelten? Doch auch das ist keine neue Erscheinung. Intrigen gibt es schon, seit es Menschen gibt.
Wer die antike Literatur, oder überhaupt die Literatur verschiedener Epochen liest, merkt, daß die Menschen im Wesentlichen stets gleich dachten und empfanden. Welchen Unterschied soll es zwischen der Versklavung der Kriegsgefangenen in der Antike, der Ausbeutung der Kinder im Zuge der Industrialisierung, der Versklavung der Schwarzen und der heutigen Ausbeutung der Arbeiter nach der Verlagerung der Industrie ins Ausland geben? Welchen Unterschied soll man zwischen einem Aristoteles, der meinte, es gebe Sklaven von Natur aus, und den modernen Rassisten konstruieren?
- Elias kritisiert die Psychoanalyse zwar, aber nicht im Hinblick auf die Psychologisierung des Spirituellen, sondern im Hinblick auf die Außerachtlassung des Gesellschaftlichen. Er träumt von einer „historischen Psychologie“, die allein den geschichtlichen Rationalisierungsprozeß erfassen könne, aber „noch nicht existiert“ (2/385).
Für eine solche Psychologie wären wir auf die schriftlichen Quellen angewiesen, vor allem Memoiren oder autobiographische Äußerungen (etwa eines Platon oder Xenophon, eines Augustinus oder Rousseau). Doch ich kann nicht erkennen, inwiefern man aus ihnen einen Rationalisierungsprozeß herauslesen könnte. Sie haben gedacht und gefühlt wie wir.
Auch der Selbstzwang ist nichts Neues, wenn man an die Gewissenskonflikte eines Paulus und Augustinus und deren Versuche denkt, damit umzugehen.
III. Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten. Elias meint, „daß Unterschichten ihren Affekten und Trieben unmittelbarer nachgeben, daß ihr Verhalten weniger genau reguliert ist, als das der zugehörigen Oberschichten“ (2/342). „Schichten, die dauernd in der Gefahr des Verhungerns oder auch nur in äußerster Beschränkung, in Not und Elend leben, können sich nicht zivilisiert verhalten“ (2/422). Dagegen habe ich einzuwenden, daß Jesus die spirituelle Selbstdisziplinierung eines Armen für leichter hielt als die eines Reichen.
IV. Mit der Verhöflichung der Krieger meint Elias, daß „Schritt für Schritt an Stelle eines Kriegeradels ein gezähmter Adel mit gedämpfteren Affekten tritt, ein höfischer Adel“ (2/352).
V. Die Dämpfung der Triebe. Psychologisierung und Rationalisierung. Interessant ist hier die Betrachtung des Königshofs als „eine Art von Börse“, nur daß hier nicht über Aktien spekuliert wird, sondern „über den Wert jedes Einzelnen“. Er liegt „in der Gunst, die er beim König genießt, in dem Einfluß, den er bei anderen Mächtigen, in der Bedeutung, die er für das Spiel der höfischen Cliquen hat“ (2/371); „jeder Gruß, jedes Gespräch hat eine Bedeutung über das unmittelbar Gesagte oder Getane hinaus; sie zeigen den Kurswert der Menschen an“ (2/370).
Mit „Psychologisierung“ meint Elias die „stärkere Durchtränkung“ „der Verhaltensvorschriften […] mit Beobachtungen und Erfahrungen“ (2/375). Unter „Rationalisierung“ versteht er hier die Ausbildung der „Selbstzwangapparatur“ (3/379).
VI. Scham und Peinlichkeit. Elias betrachtet den starken „Schub von Rationalisierung und das nicht weniger starke Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle“ als „verschiedene Seiten der gleichen, psychischen Transformation“ (3/397).
Diese Transformation stellt er auch bei den Angehörigen der Kirchen fest:
- Der „Verinnerlichungs- und Rationalisierungsschub“ bei Protestanten „steht offenbar mit bestimmten Veränderungen in der Lage und im Aufbau mittelständischer Schichten im engsten Zusammenhang.“
- Bei den Katholiken sieht Elias eher den Ausbau von Macht und Hierarchie, der sich „in engerer Tuchfühlung mit den absolutistischen Zentralorganen zu vollziehen“ scheint (2/402).
VII. Stärkere Bindung der Oberschicht. Stärkerer Auftrieb von unten. Darunter versteht Elias die Ausbildung von „spezifischen Automatismen der Selbststeuerung“ bei den Adeligen aus Angst vor den Bürgern (2/414), die „den Adel und seine Manieren“ nachahmen (2/415). Aber als „immer mehr Beruf und Geld zur primären Quelle des Prestiges“ werden, verliert „die Verfeinerung des Verhaltens im geselligen Verkehr“ an „Bedeutung für das Ansehen und den Erfolg des Einzelnen in der Gesellschaft“ (2/416).
VIII. Überblick. Elias meint, daß man die Vergangenheit erst durch den Vergleich mit der Gegenwart verstehen kann. Er faßt Bd. 2 folgendermaßen zusammen:
„Aus den Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfen kleinerer Herrschaftseinheiten, der Territorialherrschaften, […] gehen langsam einige wenige und schließlich eine der kämpfenden Einheiten als Sieger hervor. Der Sieger […] bildet die Monopolzentrale einer Staatsorganisation“ (2/435). „Im Laufe dieser Arbeit wurde versucht, genauer zu zeigen, daß und wie der Aufbau der psychischen Funktionen […] mit dem Aufbau der gesellschaftlichen Funktionen […] zusammen hängt“ (2/441). „Die Verhaltensschemata unserer Gesellschaft […] sind […] etwas geschichtlich Gewordenes“ (2/443). Sie werden durch Ängste bestimmt: „Niemals gelangt der Heranwachsende zu einer Regelung seines Verhaltens ohne die Erzeugung von Angst durch andere Menschen“ (2/447).
Das Erreichen des Ziels des Zivilisationsprozesses macht Elias von der Überwindung des Kriegs abhängig: „Erst wenn sich diese zwischenstaatlichen und innerstaatlichen Spannungen ausgetragen haben und überwunden sind, werden wir mit besserem Recht von uns sagen können, daß wir zivilisiert sind. […] Erst mit den Spannungen zwischen den Menschen, mit den Widersprüchen im Aufbau des Menschengeflechts können sich die Spannungen und Widersprüche in den Menschen mildern“ (2/453). Erst dann „kann es die Regel sein, daß der einzelne Mensch jenes optimale Gleichgewicht seiner Seele findet, das wir so oft mit großen Worten, wie ‚Glück‘ und ‚Freiheit‘ beschwören“ (2/453f).
Würdigung und Kritik
Meinhard Prill betrachtet das Hauptwerk von Elias, „das sich gängigen Etikettierungen entzieht“, als „Verbindung von Psychologie, historischer Wissenschaft und Soziologie“. Man könne es „keiner traditionellen Wissenschaftsschule“ zuordnen.
Die Kritik von Hans Peter Duerr im ersten Band seines vierbändigen Werks über den „Mythos vom Zivilisationsprozeß“, der eher ein universelles Wesen des Menschen als einen zivilisatorischen Fortschritt betont, sieht Prill differenziert: Duerr könne zwar einzelne Fehlinterpretationen der Quellen durch Elias aufzeigen, treffe aber „nicht den Kern der Argumentation von Elias, dessen Hervorhebung der unterschiedlichen Modellierung menschlicher Verhaltensweisen eine gewisse Konstanz immer schon impliziert und letztlich auf den Zusammenhang von Verhaltensformung und politisch-sozialer Entwicklung hinweisen will“ (KNLL 5/122f).
Hans Peter Duerr „will […] zeigen, daß die heute weitgehend anerkannte Theorie der Zivilisation ein Mythos ist […]. Dieser Mythos besagt, daß die derzeitige Domestikation unserer tierischen Natur das Ergebnis eines langwierigen Prozesses sei, der im westlichen Europa gegen Ende des Mittelalters und bei den ‚Primitiven‘ – vor kurzem noch ‚Wilde‘ genannt – erst in allerjüngster Zeit begonnen habe.“ Diesen Mythos hält Duerr für „ein Zerrbild vergangener und fremder Kulturen […], ein Bild, das zwanglos zur Rechtfertigung des Kolonialismus verwendet werden konnte, indem man darauf hinwies, es gehe darum, die ‚kulturarmen‘ zu gesitteten und mithin zu wahren Menschen zu machen“ (1/7).
Stattdessen meint Duerr, „daß es aller Wahrscheinlichkeit nach zumindest innerhalb der letzten vierzigtausend Jahre weder Wilde noch Primitive, weder Unzivilisierte noch Naturvölker gegeben hat“ (1/12). Er versucht „nachzuweisen, daß weder die vorneuzeitlichen Gesellschaften noch die der sogenannten Naturvölker die ‚Affektstruktur‘ ihrer Mitglieder in geringerem Maße ‚modelliert‘ haben, als die Gesellschaft es tut, in der wir heute leben“ (2/7f).
Duerr hat „Elias natürlich nicht vorgeworfen, vor einem halben Jahrhundert für die deutsche Reichsregierung eine ‚Kolonialtheorie‘ erarbeitet zu haben.“ Sondern Duerr hat „behauptet, daß seine Zivilisationstheorie vom Typus jener Evolutionstheorien – etwa der Spencerschen – ist, wie sie früher unter anderem zur Legitimation des Kolonialismus verwendet worden sind“ (2/13).
Er hat „versucht zu zeigen, daß das, was Elias vom Mittelalter und den ‚unzivilisierten Gesellschaften‘ behauptet, in mancher Hinsicht viel eher bei uns heute – etwa an den Stränden oder in der Sauna – zu beobachten ist, so daß die Wilden, wenn man unbedingt will, eher dort als am Kongo oder in Grönland zu finden sind.“ Er hat „nicht behauptet, daß sich in der Geschichte nichts geändert hätte, sondern daß sich diese Veränderungen – langfristig gesehen – nicht in Form einer Evolutionskurve darstellen lassen“ (2/19f).
Duerrs „‚Argument‘ gegen die Eliassche ‚Zivilisationstheorie‘ ist […] kein moralisches.“ Ihm „geht es vielmehr darum, die Behauptung, ‚westlichen‘ Menschen sei innerhalb der letzten fünfhundert Jahre das, was Nietzsche ‚die Tierzähmung des Menschen‘ genannt hat, wesentlich besser gelungen als den Orientalen, den Afrikanern oder Indianern, als falsch aufzuweisen“ (3/13).
Die „Wurzel“ der „unzutreffenden Vorstellungen vom Zivilisationsprozeß“ des Norbert Elias liegt seines Erachtens darin, daß er sich „ein völlig anderes Bild von den ‚traditionellen‘, vormodernen Gesellschaften“ machte. „Nach diesem Bild lebten die Menschen von ehedem noch so unabhängig voneinander, daß es im Vergleich zu heute eine sehr viel geringere soziale Kontrolle gab, d. h., der gesellschaftliche Druck ungleich schwächer war“ (3/25).
Die „Jäger und Sammlerinnen“ hätten kein „solch bedrohtes und leidvolles Dasein gefristet“, wie Elias sowie „die Evolutionisten und Sozialdarwinisten des 19. Jahrhunderts“ dargestellt hätten, meint Duerr, denn sonst „könnte man kaum verstehen, wie sie schon vor mehr als 32000 Jahren Höhlenheiligtümer wie die Chauvet-Grotte ausgestalten, Mondkalender herstellen oder wie sie eine komplexe Schmuck-Industrie auf die Beine stellen konnten, die in der Lage war, Elfenbeinperlen von 2 mm Durchmesser zu durchlochen“ (4/21f).
© Gunthard Rudolf Heller, 2025
Literaturverzeichnis
BRAMLEY, William: Die Götter von Eden, Peiting 31995
DUERR, Hans Peter: Nacktheit und Scham – Der Mythos vom Zivilisationsprozeß Band 1 (1988), Frankfurt am Main 1994
– Intimität – Der Mythos vom Zivilisationsprozeß Band 2 (1990), Frankfurt am Main 1994
– Obszönität und Gewalt – Der Mythos vom Zivilisationsprozeß Band 3 (1993), Frankfurt am Main 1995
– Der erotische Leib – Der Mythos vom Zivilisationsprozeß Band 4 (1997), Frankfurt am Main 1999
ELIAS, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation – Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (1939), 2 Bände, Frankfurt am Main 11976/131988 (Bei Zitaten habe ich Sperrdruck durch Kursivdruck wiedergegeben.)
KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)
MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)
SITCHIN, Zecharia: Der zwölfte Planet, München 1995
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