Nachwuchsprobleme: Alte Rezepte für ein modernes Deutschland

Teaser: In Deutschland fehlt der Nachwuchs - so hört man oft - aber wie soll dieser Entwicklung entgegengewirkt werden? Alte Patentrezepte in neue Gewänder verkleidet, sollen uns suggerieren, daß man mit antiken Konzepten das Problem lösen kann. Aber vergessen wir dabei nicht die wichtigste Frage, um welches Problem es sich überhaupt handelt?

„Viele Frauen haben so [mit außerhäuslicher Berufsarbeit] ihr Selbst verwirklicht. In demselben Maß nahm aber die Kinderzahl ab und die Verhaltensauffälligkeiten des vorhandenen Nachwuchses zu. Langsam dämmert einigen die Erkenntnis: ,Es ist etwas faul im Staate Dänemark.’ …“ Wie einfach! Und der ebenso einfache Umkehrschluß zur Rettung der Nation kann demnach nur heißen: Frauen zurück ins Haus! Dann kommen automatisch wieder mehr Kinder auf die Welt, und das Verhalten des Nachwuchses bessert sich!

Ausgeblendet sind bei solch schlichtem Strickmuster alle übrigen Einflüsse auf die Lebensumstände:

  • Essen mit der FamilieAusgeblendet ist die „Pille“, mit deren Erfindung schlagartig die Geburtenzahl nicht nur in Deutschland, sondern in allen Industrienationen zurückging;
  • Ausgeblendet ist der Wandel in der Arbeitswelt, die gesteigerte Arbeitsteilung, das Wachsen der Ballungsräume, die räumliche und seelische Entferntheit und Entfremdung zwischen Arbeitsplatz und Wohnung, die „Einkasernierung“ vieler Großstädter in öden „Wohnmaschinen“ an öden Verkehrsadern und anderen naturfernen Plätzen mit häufig zweifelhaften, zumindest unbekannten Nachbarn, alles keine Voraussetzungen für Kinderwunsch;
  • Ausgeblendet ist die Tatsache, daß sich die Arbeitswelt nach wie vor – von Ausnahmen abgesehen – nach den Bedürfnissen der Betriebe und nach der überlieferten Männerrolle ausrichtet, in welcher Familien- und Hausarbeit nicht vorkommt, und die Betriebsleitungen nur selten Bereitschaft zeigen, sich den Familien anzupassen;
  • Ausgeblendet ist die Revolution der 68er, in deren Folge sich viele Menschen umorientierten, neue – vielleicht ehrlicher erscheinende – Lebensformen suchten, dabei aber Verwurzelung und Heimatlichkeit im eigenen Volk und Land verloren, ja zu hassen lernten, was nichts anderes bedeutet als seelenzerstörender Selbsthaß. Warum sollten sich solche Menschen bemüßigt fühlen, ihr verachtetes deutsches Leben in Kindern fortzuzeugen?
  • Ausgeblendet ist die verbreitete Unsicherheit in Erziehungsfragen, die dazu geführt hat, daß viele Eltern ihre Kinder nicht mehr zu erziehen wissen und sie als unerzogene Egomanen auf die Menschheit loslassen;
  • Ausgeblendet sind die modernen Verkehrsmittel, die Reisen und internationalen Austausch mit der ganzen Welt ermöglichen, was von jedem bildungsbeflissenen Menschen, also auch von Frauen, gern wahrgenommen werden möchte und ihnen nicht vorenthalten werden sollte;
  • Ausgeblendet ist die rasend fortschreitende technische Entwicklung im Kommunikationsbereich, der Einfluß der Medien mit allen Vorzügen und Gefahren, darunter vor allem der Einfluß von menschenverachtender Pornografie, von Gewaltdarstellungen und Computer-Spielen mit Belohnungen des Spielers für seine Gewalttaten gegenüber virtuellen Menschen;
  • Ausgeblendet ist der globale Turbokapitalismus, der wenige Reiche immer reicher werden läßt und immer mehr Menschen in Armut und Abhängigkeit treibt;
  • Ausgeblendet ist die hohe Staatsverschuldung Deutschlands, wodurch vieles Notwendige und Wünschenswerte nicht mehr bezahlt werden kann.

Das und sicher noch vieles mehr ist die neue Welt. Mit ihr haben wir uns auseinanderzusetzen. Sie unterscheidet sich grundlegend von der Welt, in der die Älteren ihre Jugend verbracht haben. Das Leben zeichnet sich durch Wandel aus, nicht durch starres Beharren auf überkommenen Formen. Veränderungen schaffen neue Möglichkeiten, darunter selbstverständlich bei der menschlichen Unvollkommenheit auch Schwierigkeiten, Irrwege, ja Verbrechen. Sie zu meistern, ist die Aufgabe der Lebenden. Das aber gelingt nur bei vorherigem genauen Hinsehen, beispielsweise auf ...

... die medialen Miterzieher

„Ihr werdet noch von uns hören“, soll einer der jugendlichen Mörder von Tessin in Mecklenburg in der Schule verkündet haben. „Ein typischer Topos von Jungen, deren Leben dabei ist, gegenüber ihrem virtuellen Dasein den Kürzeren zu ziehen.“ Der Psychologe aus Hannover, Wolfgang Bergmann, „arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die am Computer ihre Tage verdaddeln … Deren Aufmerksamkeit so konditioniert ist, daß sie alles andere ausblenden und genau genommen eine Aufmerksamkeitsstörung haben. Fast alle sind Jungen … sie seien dabei, ihren ,Empfindungskern’ zu verlieren, sagt Bergmann, ein Ersatz-Ich agieren zu lassen, ohne daß sich das Ich engagiert. ,Ich bin gar nicht ich, das ist das große Versprechen der Computerspiele.’

fernbedienungZehnjährige Jungen aus Dortmund verbringen inzwischen im Jahr mehr Zeit mit elektronischen Medien als in der Schule, ermittelte das Team um Christian Pfeiffer. Pfeiffer hat dafür das Wort ,Medienverwahrlosung’ geprägt. Viele kommen in der Schule nicht mit, aber finden traumwandlerisch die Pfade im Netz, die sie zu den Plattformen mit den verbotenen Spielen führen.“

Da hat es offenbar bisher nichts genützt, daß der Paragraf 131 des Strafgesetzbuches „die Verbreitung von Darstellungen grausamer oder unmenschlicher Gewalt gegen Menschen und (seit 2004 auch) gegen ,menschenähnliche Wesen’“ verbietet. Denn um die Begriffsbestimmung für „Darstellung von Gewalt“ ringen die Juristen bis heute offenbar in jedem Einzelfall, wenn es zur Klage kommt: „Es gibt die Kunstfreiheit und das Zensurverbot“, die Gewalthandlung kann auch als „ästhetisiert“ angesehen werden. „Abgründe des deutschen Jugendmedienschutzes tun sich auf.“

In wie vielen Kinderzimmern – nicht nur in Familien, bei denen die Mutter einer außerhäuslichen Berufstätigkeit nachgeht, auch in solchen, bei denen die Mutter zu Hause bleibt – steht für die Kinder und Jugendlichen der Fernseher, der Rechner, die Musikanlage zur freien Verfügung! Wie viele Kinder und Jugendliche bekommen ein Taschengeld, das in seiner Höhe leicht dazu reicht, sich Videos und Software aller Art und vor allem ein "Händi" zu beschaffen bzw. durch Ältere beschaffen zu lassen!

Mit den Handys sind Pornos im Siegeszug auf dem Schulhof eingezogen. Die Heranwachsenden können sich – unbeobachtet von zu Hause gebliebener oder außerhäuslich arbeitender Mutter – „reinziehen“, was sie wollen. Und: Welche Macht bleibt Eltern gegenüber dem Meinungsterror unter Jugendlichen, der sich bis ins Elternhaus fortsetzt?

„Im Internet gibt es eine Seite von amerikanischen Frauen, die sich ,World of Warcraft Widows’ nennen. Manche führen Tagebuch darüber, wie sie ihre Männer an ein Computerspiel verlieren. Wie diese aufhören, sich zu waschen, und in Flaschen zu ihren Füßen pinkeln, statt aufs Klo zu gehen. Wie sie nicht mehr mitkriegen, wenn ihnen ihre Kinder einen Gutenachtgruß sagen. Die Frauen teilen mit ihren Männern noch eine Wohnung. Aber das Leben nicht mehr.“ Sie sind gleichsam zu „Witwen“ ihrer killerspielsüchtigen Ehemänner geworden.

Wie viele Väter geben auch in Deutschland ihren Kindern solches Beispiel? Auf jeden Fall ist ersichtlich, wohin die Computer-Sucht führen kann. Die Kleinfamilie alter Prägung, was vermag sie gegenüber den mächtigen, milliardenschweren und geldgierigen Miterziehern? Die Psychologin Simone Trautsch behandelt spielsüchtige Kinder. Sie stellt fest: „Die Eltern wissen nicht, was ihre Kinder tun. Sie sind ratlos – und überfordert mit der Technik …“, in deren Handhabung die Kinder ihren Eltern weit überlegen sind.

„Dutzende von Kliniken“ behandeln die Computersucht inzwischen wie Alkohol- und Drogenabhängigkeit, obwohl die Krankenkassen sie bis heute nicht als Krankheit anerkennen. Bereits bei einem Fünftel der 12- bis 17-jährigen Jungen will der Kriminologe Christian Pfeiffer die „Medienverwahrlosung“ beobachtet haben.

Doch die Wissenschaft ist auch auf diesem Gebiet vielstimmig. Das freut die Spiele-Industrie. Sie lädt daher gern Medienwissenschaftler ein, die die „Chancen“ betonen, die sie in den neuen Medien sehen. Es mangelt bis heute „weltweit an Langzeit- und Querschnittstudien. Neurologische Untersuchungen lassen vermuten, daß sich im Gehirn von Spielern ähnliche Vorgänge abspielen wie bei echten aggressiven Handlungen.“ Zumindest werde die Bereitschaft zu Gewalttaten gefördert. Die Folgen solcher Handlungen dagegen würden nur noch abgeschwächt wahrgenommen. Nur – wie verwickelt ist das alles! Schauen wir doch besser nach dem Einfachen!

Der alte Moebius erwacht zu neuem Leben

„Sehen wir uns auch genötigt, das normale Weib für schwachsinnig zu erklären, so ist damit doch nichts zum Nachteil des Weibes gesagt.“ „Kleiner Schäker!“ bemerkte die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm zu dieser Spruchweisheit des Neurologen Moebius. Auch die junge Doktorandin der Medizin von 1913, Mathilde von Kemnitz, war ja echt angetan davon, baute doch Moebius „seine ganze Abhandlung“ auf einer einzigen Untersuchung eines Kollegen „von 140 Kinderhirnen“ auf, die nur das Pech hatte, später anhand „einer weit größeren Zahl von Gehirnen“ widerlegt zu werden.

bettelnAuch von Kemnitz hatte offenbar eine Schwäche für das Einfache: … „die“ Frau aus Gründen der Rassegesundheit wie „,Kühe auf die Weide’ zu führen, aber beileibe keine geistige Berufsarbeit von ihr zu verlangen“ – diesem „einleuchtend einfachen Verfahren steht aber ein kleines Hindernis im Wege, nämlich die Seele der Frau“, und deren Energien „verlangen Entwicklung und Verwertung“ – wir sagen heute lieber Betätigung. Wie schade!

Heute erinnert Alain de Benoist, aufgefallen als Gegner der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte, schon mal an das früher weit verbreitete, zwischenzeitlich ein wenig in Vergessenheit geratene Wissen um bestimmte schädliche Einflüsse: „Je mehr die Frau zu einer höheren Entwicklung in der Ordnung des männlichen Prinzips gelangt, desto weniger wird der Mann schöpferisch.“

Nicht nur die Verwahrlosung der Jugend, sondern natürlich auch das Abschlaffen der männlichen Schöpferkraft geht auf das Schuldkonto der Frauen, wie letztlich – die Alten wußten es längst – alles Übel der Welt. Da kommt der neue Aufbruch der Konservativen gerade recht, und Christa Meves steuert ein griffig-schlichtes Strickmuster bei:

„In der früheren Sowjetunion konnte man sehen, daß 70 Jahre Krippenerziehung ein Volk zerstören. Nach 6 Wochen gingen dort die Frauen wieder in die Produktion, und wir haben dort so viele Alkoholiker wie nirgendwo sonst.“ Nun ist die Trunksucht der Russen zwar eine uralte Erscheinung – nicht minder die anderer Europäer einschließlich der Deutschen –, aber wenn’s doch so schön ins Konzept paßt!

Da wird es dann wohl Zeit, uns wieder aufzumachen in die alte, ach so schön gewesen sein sollende Idylle der Vergangenheit, in der dem Vater von der braven Hausfrau „der Rücken freigehalten“ sowie die Kinderschar rund um die Uhr „betreut“ wird und der „Feminismus“ als der verderblichste aller Teufel ausgemacht ist. Das katholisch-moslemische Patriarchat freut sich schon auf das Anwachsen seiner Schafherde.

06.08.2007 © seit 07.2007 Heidrun Beißwenger
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