Krankes Europa - bist du noch zu retten?

Teaser: Viele sprechen heute von einem "vereinigten Europa" - doch ist diese Vision heute tatsächlich schon Wirklichkeit? Welche Rolle spielte Deutschland in der europäischen Geschichte vom Beginn des letzten Jhd. bis heute? Ist Deutschland heute immer noch der "Enemy Mine" - der geliebte Feind - im Hause Europas?

Ich lebe in zwei Dimensionen
der Sprache:
die eine - vertraut,
in die Wiege gelegt,
die andere - erkämpft
im Zwange des Alltags.
Die eine - geliebt -
die andere - verhaßt ...

So beginnt Eva Maria Jakubek ihr Gedicht "Zwei Dimensionen". Auf einer Dichterlesung in Tarnau im Oppelner Land/Oberschlesien im Oktober 2003 erzählte sie in bewegenden Worten (was auch ihrem kurzen Lebensbericht auf der Rückseite ihres Gedichtbandes "Schenkt mir keine Orchideen" zu entnehmen ist):

Heidrun Beißwenger1928 wurde sie in Oberglogau als Eva Maria Hellmuth geboren. Als Flüchtling machte sie 1947 in Königstein im Taunus das Abitur. Vor dem Studium der Pädagogik, das sie in Darmstadt aufnehmen wollte, kehrte sie "als polnische Heimkehrerin" in ihre Heimatstadt zurück, um ihre dort verbliebenen Angehörigen in den Westen zu holen. Dieser Plan mißglückte, sie mußte in Polen bleiben, Polnisch von Grund auf erlernen und ihr Brot verdienen.

Da ihr von Anfang an der polnische Sicherheitsdienst auf den Fersen war, beschloß sie 1955, in der Großstadt "unterzutauchen", und ging nach Breslau, wo sie 1956 einen nationalistisch denkenden Polen heiratete. Seitdem trägt sie dessen Namen Jakubek. Ihre beiden Söhne wurden Polen.

"Ich versteckte mein Deutschtum ganz tief in meinem Innern, sehr zum Nachteil meiner deutschsprachigen Ausdrucksfähigkeit", berichtete die Dichterin, die die neue Landessprache Schlesiens bald perfekt sprechen und als Dolmetscherin tätig werden konnte. Obwohl in Niederschlesien, also auch in Breslau, das Sprechen der deutschen Sprache bereits in den 50er-Jahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt wurde so wie in Oberschlesien, wo noch ganze Ortschaften von dort verbliebenen Deutschen bewohnt waren, die bis 1989 sich beim Sprechen ihrer Muttersprache nicht hatten erwischen lassen dürfen, brachte auch für Eva Maria Jakubek das Jahr 1989 eine wahre Erlösung: Sie wurde Mitglied der "Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau und wirkt aktiv in deren Kulturausschuß mit, u.a. im Redaktionskollegium des "Niederschlesischen Informationsblattes" und darf nun nach Herzenslust Deutsch sprechen.

Aber welche Menschen in Schlesien sind überhaupt noch fähig, mit ihr Deutsch zu sprechen? Die aussterbende ältere Generation, die noch vor Kriegsende 1945 in der Muttersprache, "der Sprache des Herzens", wie die Schlesier sagen, groß geworden ist und im Verborgenen die Sprache weiterhin gesprochen hat, so daß sie ihr nicht durch Nichtgebrauch verloren ging, diese Menschen sprechen heute noch Deutsch, wenn auch vielfach ungelenk.

1989 war das Jahr des deutsch-schlesischen Aufbruchs. Auch ich verbrachte bis 1993 Schulferien in Oberschlesien, um den Deutschen dort in der Pflege und dem Neuerwerb der deutschen Sprache behilflich zu sein. Familiärer Umstände wegen kam ich 2003 nach 10 Jahren wieder nach Schlesien und mußte Worte der Resignation von Eva Maria Jakubek hören und leider nach meinen Beobachtungen bestätigen: "Ich gebe dem Deutschtum in Schlesien noch 10 Jahre. Dann ist es - mit dem Aussterben meiner Generation - verschwunden."

GermanyDamit hätte Polens Politik gegen die verbliebenen Deutschen ihr Ziel erreicht. Polen wird deutschenfrei, wenn man von den wenigen jüngeren Deutschen absieht, die von den Eltern "die Sprache des Herzens" gelernt haben und ihr Deutschtum als eine stille Sehnsucht und als einen Teil ihres Wesens in sich wachhalten. Die meisten jungen Deutschen in Schlesien möchten als "Europäer" betrachtet werden, die zwar von Deutschen abstammen, aber Polnisch sprechen.

Wir erinnern uns: "Die natürliche Grenze Polens ist im Westen die Oder", schrieb am 5. April 1926 der KURIER POZNANSKI. "... Darum lautet unsere Parole: Von Stettin bis Riga! Doch fürs erste wollen wir Rußland nicht reizen, weil es Riga nicht für immer aufgeben möchte. Es wird uns auch so später gehören. Unsere jetzige Parole lautet: Von Stettin bis Polanen. Deutschland ist machtlos. England wird mit Rußland zu tun haben, und wir werden mit Hilfe Frankreichs freie Hand gegen Deutschland haben ..." (1)

In diesem Stil wurden die Polen bis zum Kriegsbeginn 1939 für Eroberungen irrsinnigen Ausmaßes begeistert. "Die englische Garantieerklärung vom 31. März 1939 war ein Freibrief, mit dem sich Polen in seinem Verhalten gegenüber Deutschland und auch seinen volksdeutschen Einwohnern gegenüber keine Rücksicht mehr aufzuerlegen brauchte. Polen glaubte am Ziel seiner Bestrebungen zu stehen und ging nun mit aller Schärfe gegen die Deutschen vor. Presse und Rundfunk hetzten in einem nationalen Propagandafeldzug ohnegleichen die Bevölkerung auf. Immer wieder wurde gepredigt, daß im Kriegsfall "kein einheimischer Feind lebend entrinnen darf".

"Alle Polen wußten, daß damit die Deutschen gemeint waren", heißt es bei Lindenblatt/Bäcker, Bromberger Blutsonntag (2). "Immer allgemeiner ist jetzt die Auffassung, daß "Karthago" zerstört werden müsse. Mit raschen Schritten nähert sich der Augenblick, in dem die Meinung über die Notwendigkeit der Beseitigung des "Pestherdes" im Zentrum Europas Allgemeingut wird. Dann wird von Deutschland nur noch ein Trümmerhaufen übrigbleiben", schrieb am 10. August 1939 die Polnische Zeitung KURJER POLSKI (3).

"Wir wollen den Krieg mit Deutschland. Wir werden ihn bekommen. Deutschland wird ihn nicht verhindern können, auch wenn es das wollte" (4), rief Marschall Edward Rydz-Smigly, der Oberbefehlshaber der polnischen Armee, seinen Offizieren zu in einer Zeit, als der flämische Schriftsteller Ward Hermanns am 3. August 1939 beim Anblick der Landkarten, die überall in Polen verbreitet wurden, schrieb: "Die Polen haben das letzte Gefühl für Maß und Größe verloren. Jeder Ausländer, der in Polen die neuen Landkarten betrachtet, worauf ein großer Teil Deutschlands bis in die Nähe von Berlin, weiter Böhmen, Mähren, die Slowakei und ein riesiger Teil Rußlands in der überaus reichen Phantasie der Polen schon annektiert sind, muß denken, daß Polen eine riesige Irrenanstalt geworden ist." (5)

Nachdem Polen eine wirre Nachkriegszeit hinter sich gebracht hat, in der die Katholische Kirche unter Kardinal Wyszynski mit der moskauhörigen Kommunistischen Partei unter Gomulka um die Vorherrschaft in Polen kämpfte, sich beide aber im Chauvinismus gegenüber Deutschland einig waren, strebte Polen "nach Europa":

"Polen wird, sobald es 2004 in der Europäischen Union ist, mit Spanien in Wettbewerb treten um die Verteilung der Subventionsfonds", erklärte der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski der Madrider Zeitung EL PAIS vom 28.9.2003 (6) und zeigte damit schamlos, wie unter seiner "Europa"-Tünche nach wie vor die Eiterbeule seiner nationalistischen Selbstsucht schwärte.

Als die DDR-Deutschen 1989 dabei waren, einen weiteren schwärenden Krankheitsherd in Europa auszuheilen, die deutsche Teilung und die Mauer in Berlin, begann ein sorgenvolles Hasten und Eilen europäischer Staatschefs von einem zum andern, um den Heilungsprozeß unter allen Umständen zu unterbinden. So berichtete Michail Gorbatschow am 1. November 1989 Egon Krenz, "in seinen jüngsten Gesprächen mit Thatcher und Mitterrand, aber auch mit Jaruzelski und dem italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti sei "klargeworden, daß alle diese Politiker von der Bewahrung der Realitäten der Nachkriegszeit, einschließlich der Existenz zweier deutscher Staaten, ausgehen. Die Fragestellung nach der Einheit Deutschlands wurde von ihnen allen als äußerst explosiv für die gegenwärtige Situation betrachtet." Sie wollten auch nicht, daß der Warschauer Vertrag und die NATO aufgelöst werden, weshalb sie für den Verbleib Polens und Ungarns im Warschauer Pakt seien." (7)

Westminster AbbeySo stand auch Großbritannien weiterhin in seiner überlieferten altbritischen außenpolitischen Willensrichtung, die Winston Churchill Ende März 1936 vor dem Auswärtigen Ausschuß der konservativen Parlamentsfraktion im britischen Unterhaus beschreibt: "Vierhundert Jahre hat die auswärtige Politik Englands darin bestanden, der stärksten, aggressivsten und am meisten beherrschenden Macht auf dem Kontinent sich entgegenzustellen ... Hier liegt eine wunderbare, unbewußte Tradition der britischen Außenpolitik. Alle unsere Vorstellungen beruhen auf dieser Tradition ... Bitte beachten Sie, daß die Politik Englands keinerlei Rücksicht darauf nimmt, welche Nation gerade die Herrschaft über Europa erstrebt. Es kommt nicht darauf an, ob es Spanien, die französische Monarchie, das Deutsche Reich oder das Hitler-Regime ist; es hat nichts zu tun mit Herrschern oder Nationen: das Prinzip betrifft ausschließlich die Frage, wer der stärkste und möglicherweise beherrschende Tyrann ist ... Deshalb scheint es mir so wichtig, daß wir wieder einmal alle Kräfte Europas zusammenfassen, um, wenn nötig, eine deutsche Herrschaft zu vereiteln." (8)

Die "so viel gelobte "Appeasement"-Politik sollte nur dem Zweck dienen, die britische Position in Europa zu stabilisieren und Zeit zu gewinnen, bis Großbritannien ausreichend militärische Stärke gewonnen haben würde, um Deutschland mit Aussicht auf Erfolg entgegentreten zu können." (9)"... insgesamt gab England 1938/39 mit 270 Millionen Pfund Sterling soviel in einem Jahr für seine Rüstung aus wie noch nie in seiner langen Geschichte." (10)

Um den erstrebten Ausbruch des Krieges herbeizuführen, schloß Großbritannien den "Vertrag über gegenseitigen Beistand" am 25. August 1939 mit dem ebenfalls kriegslüsternen Polen, zwischen dem und Deutschland wegen Danzig Differenzen bestanden, während England weder "im eigenen Land, in Europa" noch "in der übrigen Welt" (11) von Deutschland bedroht war. Frankreich, von England genötigt, schloß sich an. Zur selben Zeit brach Polen alle Verhandlungen mit Deutschland ab.

Gemeinsam mit der Roten Armee des Massenmörders Stalin und den USA wurde Deutschland in den erwünschten Trümmerhaufen verwandelt. "Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands", teilte Churchill am 3. September 1939, dem Tag der britischen Kriegserklärung an Deutschland, dem britischen Volk mit. Und der englische Informationsminister Duff Cooper fügte 1940 hinzu: "Wir müssen die Deutschen vernichten und die notwendige Anzahl von ihnen töten, um zu gewinnen."

"Der Krieg ging ... um die Erringung der deutschen Absatzmärkte", erklärte Churchill am 5. Mai 1946. "Die allgemeine Ansicht", schreibt im September 1943 die Londoner Zeitschrift THE NINETEETH CENTURY, "daß Deutschland den Krieg begann, um die Welt zu beherrschen, ist unserer Meinung nach falsch. Deutschland wünschte eine Weltmacht zu sein, aber Weltmacht und Weltherrschaft sind nicht dasselbe. Der politische Anstrich derjenigen, die das Gleichgewicht Europas bedrohen, ist völlig gleichgültig. Auch wenn Deutschland das Modell einer Demokratie gewesen wäre und England von einem politischen System, das etwa dem System Hitlers geglichen hätte, beherrscht worden wäre, würde England trotzdem unter dem Zwang gestanden haben, das Gleichgewicht Europas aufrechtzuerhalten ... Auch wenn Deutschland sein politisches System ändern würde, wäre dies kein Grund, um die britische Politik zu ändern ... Ein despotisches Deutschland, das nicht stark ist, ist besser als ein liberales Deutschland, das zu stark ist." (12)

09.10.2013 © seit 05.2006 Heidrun Beißwenger
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