Kleine Einführung in die Philosophie von Michel Foucault IV

Foucault war durch und durch demokratisch eingestellt. Das sieht man nicht nur anhand seiner Auseinandersetzung mit der Macht, sondern auch an seinem Bemühen um größtmögliche Klarheit: „Ich mag das Obskure nicht, weil ich glaube, dass das Obskure eine Form des Despotismus ist“ (S III 718). Anders ausgedrückt: Ein wesentliches Kennzeichen der Demokratie ist die Transparenz.

Anläßlich der Wahl von François Mitterand zum Staatspräsidenten unterschied Foucault zwei Arten zu regieren:

  • Giscard d’Estaing habe nach seiner Wahl „ein paar Strafgefangenen die Hand gedrückt. Das war eine rein symbolische Geste für Wähler, die ihn nicht gewählt hatten.“
  • Mitterand dagegen habe auf seine Wahl „eine Reihe erster effektiver Maßnahmen“ folgen lassen, „die einem Teil der Wähler missfallen, aber einen gewissen Regierungsstil erkennen lassen.“ Er habe sich im „Bereich der Kernkraft, der Einwanderer oder der Justiz […] an den realen Problemen orientiert“ und sei bei seinen Entscheidungen „einer Logik gefolgt, die nicht in Richtung der Mehrheitsmeinung geht.“ Trotzdem war Foucault sicher, daß „die Mehrheit […] diese Vorgehensweise und vielleicht auch die betreffenden Maßnahmen gutheißen“ werde (S IV 220).

Er befürwortete die „Reformen und Maßnahmen im Bereich der Rechtspolitik“, die Mitterand durchführte: die Todesstrafe und die ständigen Militärgerichte wurden abgeschafft, das Gesetz gegen die Demonstranten und das gesetzliche Verbot der Homosexualität wurden aufgehoben (S IV 380).

Foucault bedauerte, daß es „keine Gesamtreflexion“ gebe, „die es gestatten würde, Projekte vorzuschlagen, die das Strafwesen, die Medizin und die Sozialversicherung betreffen. Man bräuchte ein Denken darüber“ (S IV 851).

Er räumte zwar ein, daß er für die Finanzierung der Krankenkassen und die Reform des Strafrechts keine Lösungen anzubieten habe, doch tatsächlich hatte er eine Lösung: die Sorge um sich selbst, die die Sorge um die Gesundheit und die moralischen Maßstäbe einschließt.

Die analytische Philosophie der Politik (1978)

In diesem Vortrag am 27.4.1978 in Japan weist Foucault den westlichen Philosophen als eine der „ältesten Aufgaben“ die Begrenzung der Macht zu und charakterisiert sie deshalb als „Anti-Despoten“ (S III 677f).

Michel Foucault

Er unterscheidet drei Formen der Machtbegrenzung:

  • der Philosoph als Gesetzgeber (z.B. Solon);
  • der Philosoph als Berater oder Erzieher des Fürsten (z.B. Platon und Dionysios der Tyrann, Aristoteles und Alexander der Große);
  • der Philosoph als unabhängige Instanz (z.B. die Kyniker).

Die Erfolgsbilanz fällt aber niederschmetternd aus: Es gab keine platonische Polis, das Reich von Alexander dem Großen war nicht aristotelisch, das Römische Reich unter Kaiser Marc Aurel war nicht stoizistisch. „Es gab im Westen keinen philosophischen Staat“ (S III 697).

Ganz anders in Asien: Der Konfuzianismus bestimmte die staatliche Struktur, die Form der gesellschaftlichen Beziehungen und das individuelle Verhalten.

Seit der Französischen Revolution gab es allerdings „politische Regimes, die nicht nur einfach ideologische, sondern organische, ich möchte sagen organisatorische Verbindungen zur Philosophie aufweisen.“ Seit dem 19. Jahrhundert gab es sogar „philosophische Staaten“ (S III 680). Beispiele:

  • Rousseau und die französischen Revolutionäre (einschließlich Napoleon);
  • Hegel und Preußen (Bismarck);
  • Wagner/Nietzsche und Hitler/Mussolini;
  • Marx und Lenin/Stalin.

Das Merkwürdige an diesen Beispielen ist, daß Freiheitsphilosophien zu terroristischen Regimen führten. In dieser Hinsicht sei die Philosophie sogar noch schlimmer als die Religion gewesen, meint Foucault (vgl. etwa Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverfolgung im Christentum) und fragt: „Handelt es sich um einen Verrat der Philosophie? Oder war die Philosophie insgeheim immer, was sie auch sagen mochte, eine bestimmte Philosophie der Macht?“ (S III 681)

Foucaults Antwort: Die Philosophie habe sich selbst verraten, indem sie sich „in die empirischen Bereiche“ verirrte, „wie dies die Fragen der Politik und der Macht sind“; dabei könne sie sich „nur kompromittieren“. Die „tiefe und wesentliche Berufung der Philosophie“ bestehe darin, „sich mit der Wahrheit zu befassen oder das Sein zu erkunden“ (S III 681).

Trotzdem sieht Foucault eine Möglichkeit, wie die Philosophie „eine Rolle auf der Seite der Gegen-Macht spielen“ könne: Sie dürfe die „Frage der Macht“ nicht „in Begriffen von Gut und Böse […] stellen, sondern vielmehr im Begriff der Existenz.“ Das heißt für Foucault, daß die Philosophie fragt, worin „eigentlich die Machtbeziehungen“ bestehen (S III 682).

Er grenzt Philosophie und Wissenschaft folgendermaßen voneinander ab: „Während es Aufgabe der Wissenschaften ist, das erkennen zu lassen, was wir nicht sehen, ist es Aufgabe der Philosophie, das sichtbar zu machen, was wir sehen“ (S III 682).

Dagegen kann man (wie oben Foucault selbst!) einwenden, daß das eine empirische Angelegenheit sei. Doch nun beruft er sich auf die angloamerikanische analytische Philosophie, die „über den alltäglichen Gebrauch der Sprache in den verschiedenen Diskurstypen“ reflektiere (S III 683).

Entsprechend könne es „eine analytisch-politische Philosophie“ geben, „die folglich eher auf die Machtbeziehungen als auf die Sprachspiele bezogen wäre“ (S III 683). Nun geht es also um die Analyse der „Machtspiele […] in Begriffen von Taktik und Strategie, […] Regel und Zufall, […] Einsatz und Ziel“ (S III 684).

Foucault hat in dieser Richtung gearbeitet und ist dabei zu folgenden Überlegungen und Ergebnissen gekommen:

Er interessierte sich weniger für den Staat als für die alltäglichen Machtspiele in der Medizin und im Strafvollzug. Denn er meinte, daß sie den Menschen näher lägen als etwa die Bedeutung einer parlamentarischen Wahl. Foucault fragte also: Welche Rolle spielt die Macht beim Umgang mit dem Wahnsinn, mit der Krankheit, mit dem Tod, mit dem Verbrechen?

Die Menschen wollen diese Machtspiele nicht mehr. Dabei sind nicht große Prinzipien der Ausgangspunkt des Widerstands, sondern kleine Alltäglichkeiten: Gefangene wollen für ihre Arbeit mehr Lohn und eine komfortablere Unterbringung. Foucault erzählt in diesem Zusammenhang von einer schwedischen Studentin, die zwar ihren Geliebten im Gefängnis in einem eigenen Zimmer besuchen und mit ihm Sex haben durfte, aber sich darüber beschwerte, daß das Zimmer nicht abgeschlossen werden konnte. In der Medizin proklamiert Foucault das „Recht auf den Tod“, „das Recht, nein zu sagen zum medizinischen Wissen“ (S III 688).

Fazit: „Mir scheint, dass die Rolle einer solchen analytischen Philosophie der Macht darin bestehen müsste, die Bedeutung dieser Kämpfe und dieser Phänomene zu erfassen, denen man bisher nur marginale Bedeutung einräumte“ (S III 689). Es handle sich dabei nicht um politische und rechtliche Formen der Macht, sondern um „eine Macht religiösen Ursprungs, […] die beansprucht, die Menschen während ihres gesamten Lebens und in jeder Lebenssituation zu führen und zu leiten, […] um sie […] zu ihrem Seelenheil zu zwingen“ (S III 691).

Foucault nennt diese Macht „Pastoralmacht“, denn es sei die Macht eines Hirten über seine Herde (S III 691), oder „Seelsorge“ (S III 692), denn sie „zielt in ihrem Kern auf ein Ziel im Jenseits und interveniert im Diesseits nur in Abhängigkeit von diesem Jenseits“. Er beklagt, daß die „Pastoraltechniken im laizistischen Rahmen des Staatsapparats“ nicht nur Eingang gefunden haben, sondern sich sogar vervielfachten und ausbreiteten (S III 693).

Das kann man in der Gegenwart deutlich an der Umweltbewegung (Klima- und Energiepolitik), Migrationspolitik (Willkommenskultur) und der Gesundheitspolitik (Seuchenpolitik, Genderismus) sehen (es gab sogar Aufforderungen zur Denunziation, was an die Verfolgung von Ketzern und Hexen erinnert).

Foucault rechnet auch Kasernen, Schulen und Werkstätten, Statistiken und Humanwissenschaften zu den „großen Disziplinarmaschinen […], die es gestatten, das Individuum einzukreisen, zu wissen, was es ist, was es tut, was man aus ihm machen kann, wo man es platzieren muss, wie es unter den anderen zu platzieren ist. Auch die Humanwissenschaften bilden Wissen, das es gestattet, zu erkennen, was die Individuen sind, wer normal ist und wer nicht, wer vernünftig ist und wer nicht, wer begabt ist und wozu, welches das vorhersehbare Verhalten der Individuen ist, wen es zu eliminieren gilt“ (S III 694).

Wovon träumen die Iraner? (1978)

In dieser Reportage sind Foucaults Bemerkungen über den „‚islamischen Staat'“ bemerkenswert. Für manche ist er eine „‚Utopie'“, für die meisten ein „‚Ideal'“, jedoch für niemand „ein politisches Regime, in dem der Klerus die Leitung übernähme oder den Rahmen setzte.“ Er ist auf alle Fälle „etwas sehr Altes, das zugleich in sehr ferner Zukunft liegt: die Rückkehr zu dem, was der Islam einst zu Zeiten des Propheten war, und zugleich das Streben nach einem fernen, leuchtenden Punkt, an dem es möglich sein wird, an alte Treue anzuknüpfen statt bloßen Gehorsam aufrechtzuerhalten“ (S III 866).

Foucault unterscheidet zwei wesentliche Aspekte „des Strebens nach diesem Ideal“: den „Glauben an die schöpferische Kraft des Islam“ und „das Misstrauen gegenüber dem Legalismus“ (S III 866).

Im folgenden beruft er sich auf eine nicht näher genannte „religiöse Autorität“ (S III 866), die ihm „einige allgemeine Leitlinien“ aus dem Koran dargelegt hat:

  • die Arbeit werde hochgehalten;
  • man dürfe niemand wegnehmen, was er sich erarbeitet habe;
  • kollektives Eigentum, z.B. das Wasser oder die Bodenschätze, dürfe keiner beanspruchen;
  • die Freiheit müsse geachtet werden, „soweit ihr Gebrauch anderen nicht schadet“;
  • Minderheiten müßten geschützt werden; sie hätten das Recht, nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben, „soweit sie damit der Mehrheit keinen Schaden zufügten“;
  • Männer und Frauen müßten zwar rechtlich gleichgestellt sein, aber unter Berücksichtigung ihrer Unterschiedlichkeit;
  • das Treffen von politischen Entscheidungen sei Sache der Mehrheit;
  • „die Regierenden seien gegenüber dem Volk verantwortlich“;
  • „jeder dürfe […] aufstehen und von den Regierenden Rechenschaft verlangen“ (S III 867).

Foucault rühmt die „Klarheit“ dieser „Definitionen des islamischen Staates“, die ihm aber „kein besonderes Vertrauen einflößt.“ Der Grund: „‚Das sind die Grundformeln der bürgerlichen oder revolutionären Demokratie“, die seit dem 18. Jh. ständig wiederholt würden, aber zu nichts geführt hätten. Sein Gesprächspartner erklärte, warum: ihr Sinn sei vergessen worden (S III 867).

Im Iran unterscheidet Foucault zwei politische Bewegungen: Während die eine den Islam gegen den Schah in Stellung bringen wolle, versuche die andere, „dem politischen Leben wieder eine spirituelle Dimension zu verleihen. Das politische Leben soll nicht mehr wie bisher ein Hindernis für die Spiritualität darstellen, sondern deren Gefäß, Auslöser und Ferment sein“ (S III 868).

Über die Macher der Geschichte (1983)

Foucault kritisiert hier einen Umschwung in der Philosophie: Während man sich früher in der Geschichtsphilosophie bedenkenlos auf Historiker bezog und sie zitierte, sei es Mode geworden, nicht mehr einfach über die historische Arbeit anderer reflektieren, sondern selbst als Historiker zu arbeiten. Man dürfe jedenfalls die Arbeit von anderen nicht als eigene Arbeit ausgeben:

„Es gibt keinen Grund, es zur Pflicht zu machen, Fußnoten zu setzen, Bibliographien aufzustellen oder Belege anzuführen. Keinen Grund, nicht die freie Reflexion über die Arbeit der anderen zu wählen. Man muss halt nur, und zwar deutlich, bezeichnen, welche Beziehung man zwischen der eigenen Arbeit und der Arbeit der anderen herstellt. […] Eine Arbeit muss sagen und zeigen, wie sie gemacht ist“ (S IV 501).

Politik und Ethik: ein Interview (1984)

Sein Verhältnis zum Aufstellen von Theorien stellte Foucault folgendermaßen dar: Er meinte, man dürfe „im Bereich der Theorie“ nicht „irgendetwas Beliebiges sagen“, sondern man müsse „im Gegenteil […] eine anspruchsvolle, vorsichtige, ‚experimentelle‘ Haltung haben […]; man muss jeden Augenblick, Schritt für Schritt, das, was man denkt, und das, was man sagt, mit dem konfrontieren, was man tut und was man ist“ (S IV 717).

Wer einen Philosophen kennenlernen wolle, dürfe den „Schlüssel zur persönlichen politischen Haltung […] seinen Ideen abgewinnen“ wollen, „so als ließe er sich daraus ableiten“, sondern er müsse nach „seiner Philosophie als Leben […], seinem ethos“ schauen (S IV 717). Mit ethos meinte Foucault „eine Seinsweise“, während er unter „Ethik eine Praxis“ verstand (S IV 720).

Die Moral interessierte Foucault mehr als die Politik. Es kam ihm mehr darauf an, wie einer lebt, als was er sagt. Denn reden kann man viel; doch das, was man sagt, muß man auch im Alltag leben, um glaubwürdig zu sein. So warf Foucault etwa Sartre, Simone de Beauvoir und Merleau-Ponty vor, daß sie während des Zweiten Weltkriegs keinen „Widerstand geleistet haben“ (S IV 717).

Im Grund wurde Foucault von den meisten mißverstanden. Die Marxisten und Anhänger von Habermas, die politisch rechts und in der Mitte Stehenden sahen in ihm einen Feind. Foucault kommentierte das so: Wenn seine Arbeit „politisch wäre, müsste sie ja wohl ihre Lokalisierung auf dem politischen Feld finden.“ Die Ursache der Anfeindungen auf allen Seiten liege darin, daß er Probleme „zum Vorschein bringen“ wollte, die „auf dem Feld der Politik […] kein Bürgerrecht hatten“ (S IV 718).

Manche Marxisten hielten Foucault für „eine Gefahr für die westliche Demokratie“; ein Sozialist rückte ihn sogar in die Nähe von Hitlers „Mein Kampf“. Die Liberalen betrachteten Foucault als einen technokratischen Agenten der Regierung von Charles de Gaulle, während die Gaullisten und andere politisch rechts Stehende ihn als einen gefährlichen linken Anarchisten ansahen. Ein US-Professor hielt Foucault für „einen Kryptomarxisten […], der offensichtlich ein Agent des KGB wäre, usw.“ (S IV 719).

Polemik, Politik und Problematisierungen (1984)

Foucault distanzierte sich von jeglicher Polemik. Einen Dialog stellte er sich folgendermaßen vor: „Derjenige, der fragt, macht nur Gebrauch von dem ihm gegebenen Recht: nicht überzeugt zu sein, einen Widerspruch wahrzunehmen, zusätzliche Information zu benötigen, unterschiedliche Postulate geltend zu machen, einen Fehler in der Gedankenführung aufzudecken. Und derjenige, der antwortet, verfügt genauso wenig über ein über die Diskussion selbst hinausgehendes Recht; er ist durch die Logik seines eigenen Diskurses an das, was er zuvor gesagt hat, und durch das Akzeptieren des Dialogs an die Befragung durch den anderen gebunden“ (S IV 724).

Der Polemiker dagegen führe einen Krieg und maße sich Rechte an, die ihm nicht zustünden. Er betrachte den Gesprächspartner als Verdächtigen bzw. Feind, den er überführen bzw. ausschalten wolle. Dem Polemiker gehe es nicht um die Suche nach der Wahrheit, sondern um die Durchsetzung seiner eigenen Meinung, die er für die einzig richtige halte. Polemik sei unschöpferisch.

Die Sorge um die Wahrheit (1984)

Foucault meint, daß ein Intellektueller nicht die Aufgabe habe, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Dazu habe er kein Recht. Außerdem sehe man ja, was bisher dabei herausgekommen sei, daß sich Intellektuelle in den letzten 200 Jahren dieses Recht anmaßten.

Die eigentliche Aufgabe des Intellektuellen sei es, „durch die auf seinen eigenen Gebieten durchgeführten Analysen die Selbstverständlichkeiten und die Postulate neu zu befragen, die Gewohnheiten und die Handlungs- und Denkweisen zu erschüttern, die übernommenen Vertrautheiten zu zerstreuen, wieder die Auseinandersetzung mit den Regeln und Institutionen zu suchen und ausgehend von dieser Reproblematisierung […] an der Ausbildung eines politischen Willens […] teilzuhaben“ (S IV 834).

Über den Umgang von Regierungen mit der Wahrheit sagte Foucault: „Nichts ins unbeständiger als ein politisches Regime, dem die Wahrheit gleichgültig ist; doch nichts ist gefährlicher als ein politisches System, das die Wahrheit vorschreiben will“ (S IV 836).

Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit (1984)

Foucault versteht unter Askese eine „Einwirkung des Subjekts auf sich selbst, durch die man versucht, sich selbst zu bearbeiten, sich selbst zu transformieren und zu einer bestimmten Seinsweise Zugang zu gewinnen“ (S IV 876).

Bei den antiken Griechen und Römern war diese Art der Askese eng verbunden mit der Erkenntnis seiner selbst. Wer sich nicht um sich selbst kümmert und „zum Sklaven seiner Begierden geworden ist“, läuft in die Gefahr, zum Tyrannen zu werden, der andere anstatt sich selbst zu beherrschen versucht. Foucault meint, daß jemand, der weiß was er ist und was er kann, seine Macht über andere nicht mißbrauchen kann.

Er sieht die Macht im Gegensatz zu Sartre nicht als prinzipiell böse an, sondern betrachtet sie eher als Strategie, um ein Ziel zu erreichen. In gesunden Beziehungen sei die Machtausübung wechselseitig, nicht einseitig. In der Pädagogik sei nichts dagegen einzuwenden, daß der Lehrer mehr weiß und kann als der Schüler und ihm deshalb etwas beibringt. Doch der Lehrer dürfe seine Position nicht dazu mißbrauchen, um über seine Schüler Autorität auszuüben oder sie von sich abhängig zu machen.

Die Philosophie habe schon immer die Aufgabe gehabt, „alle Erscheinungen der Herrschaft […] in Frage“ zu stellen. Diese Aufgabe rühre „bis zu einem gewissen Punkt vom sokratischen Imperativ“ her, der dazu auffordere, sich um sich selbst zu kümmern und durch die Beherrschung seiner selbst Freiheit zu erlangen (S IV 902).

Würdigung und Kritik

Foucault stellte fest, „dass die Politiker immer noch Angst vor politisch-intellektueller Arbeit haben“, und er fand das „gut so“. Denn die „Staatsschefs der großen Nationen“ hätten „seit fünfunddreißig Jahren keines der großen, durch den Krieg geschaffenen politischen, diplomatischen und stategischen Probleme […] lösen können“ (S IV 419).

Er selbst wisse allerdings „nicht so recht, was all die Leute, die ‚Intellektuelle‘ beschreiben, beschuldigen und beschimpfen, darunter verstehen.“ Er wisse nur, was er selbst darunter verstehe: Ein Intellektueller sei jemand mit einem geschmeidigen Verstand und einem aufrechten Rücken (S IV 420).

Foucault verriet seine Prinzipien nicht, auch wenn er mißverstanden oder geschmäht wurde. Auf die Beschuldigungen, er sei ein „Antipsychiater“ oder ein „‚Antijurist'“ (S III 953), antwortete er nicht, da er sich prinzipiell nicht auf Polemiken einließ. Denn mit Berufung auf Maurice Blanchot dachte er, ein Kritiker müsse aufmerksam, präsent und großmütig sein. Auf Menschen, die ihn mit dem Satz, er sei ein Mörder, wenn er nicht gestehe, erpressen wollten, ließ er sich nicht ein.

Mit seinen Aussagen stellte Foucault keinen Anspruch auf Totalität und Verallgemeinerung. Was er nicht sagte, lehnte er nicht notwendigerweise ab. Er hielt es auch nicht für „unwesentlich“. Er verstand seine Äußerungen als „Werkstatt“, als Vorschläge, nicht als Dogmen. Seine Bücher waren für ihn „philosophische Fragmente in der Baustelle der Historiker“ (S IV 26).

Wer Foucault kennenlernen will, liest am besten die vier Bände Dits et Ecrits (S I – IV). Die darin enthaltenen Interviews, Gespräche und Aufsätze sind leichter zu lesen als seine Bücher. Außerdem bringen sie leichtverständliche Zusammenfassungen bzw. Erklärungen der Bücher von Foucault.

Die Lektüre der Bücher ist größtenteils mühsam und langwierig. Das hängt auch damit zusammen, wie Foucault sie verfaßt hat: „ich schreibe sehr langsam, beginne unablässig von neuem und überfrachte den Text immer weiter.“ Foucault zählte sich „zu jener Kategorie von Autoren […], die, wenn sie spontan schreiben, ein wenig verschlungen schreiben und zur Vereinfachung gezwungen werden müssen“ (S IV 745).

Dabei faßte Foucault seine wichtigsten Bücher immer wieder ganz einfach und knapp zusammen. Eines von zahlreichen Beispielen:

  • „Wahnsinn und Gesellschaft“: Wie konnten die Wahnsinnigen zum Thema der Wahrheitssuche werden?
  • „Die Ordnung der Dinge“: Wie wurden Sprache, Arbeit und Naturgeschichte zum Thema der Wahrheitssuche?
  • „Überwachen und Strafen“: Wie wurde der Verbrecher zum Thema der Wahrheitssuche?
  • „Sexualität und Wahrheit“: „Wie lässt es sich erklären, dass der moderne Mensch seine Wahrheit in seinem sexuellen Begehren sucht?“ (S IV 809)

Er betonte, seine Bücher seien „in einem gewissen Sinne Bruchstücke einer Autobiographie“; sie seien immer seine „persönlichen Probleme mit dem Wahnsinn, dem Gefängnis und der Sexualität gewesen“ (S IV 925).

Daß aus der „Sorge um sich“ die Verantwortlichkeit für die eigene Gesundheit abgeleitet werden könnte, was die Krankenkassen (zumindest ein wenig) entlasten würde, sprach Foucault nicht explizit aus. Doch es ist in dem Seminar „Technologien des Selbst“ (1982) und in „Sexualität und Wahrheit 4“ enthalten.

Der Eigenverantwortung für die Gesundheit widerspricht allerdings Foucaults Aussage über die Integration der Drogen als Lustquellen in unsere Kultur. Immerhin meinte er, es gebe „gute und schlechte Drogen“ (S IV 913).

Was Foucault über Rousseau und Marx sagte, die von den französischen bzw. russischen Revolutionären als „Werkzeug der Unterdrückung“ mißbraucht wurden (S IV 960), gilt auch für ihn selbst: Er wollte „den Menschen […] zeigen, dass sie weit freier sind, als sie meinen“, er wollte etwas „in den Köpfen der Menschen […] verändern“ (S IV 960).

Doch zu was das führt, liegt nicht in seiner Verantwortung. Er konnte sich nicht einmal vor Mißverständnissen schützen. So mußte er sich eigens vor der Unterstellung schützen, er betrachte das Gefängnis als Mittel zur Gewinnung von Zwangsarbeitern. Vielleicht kam er auch deshalb zu dem Schluß, „dass der Irrtum die Wurzel dessen ist, was das menschliche Denken und seine Geschichte ausmacht“ (S IV 957).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

ERIBON, Didier: Michel Foucault – Eine Biographie (1989), aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen, Frankfurt am Main 1993

FOUCAULT, Michel: Dits et Ecrits – Schriften, 4 Bände, Übersetzung von Reiner Ansén, Michael Bischoff, Ulrike Bokelmann, Horst Brühmann, Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und Jürgen Schröder, Frankfurt am Main 32014 / 22014 / 22016 / 22020 (S)

– Psychologie und Geisteskrankheit (1954/62), aus dem Französischen übersetzt von Anneliese Botond, Frankfurt am Main 51977

– Die Geburt der Klinik – Eine Archäologie des ärztlichen Blicks (1963), hg. v. Wolf Lepenies und Henning Ritter, o.O. o.J.

– Wahnsinn und Gesellschaft – Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft (1961), aus dem Französischen von Ulrich Köppen, Frankfurt am Main 1969

– Raymond Roussel (1963), aus dem Französischen von Renate Hörisch-Helligrath, Frankfurt am Main 1989

– Die Ordnung der Dinge – Eine Archäologie der Humanwissenschaften (1966), aus dem Französischen von Ulrich Köppen, Frankfurt am Main 1974

– Archäologie des Wissens (1969), übersetzt von Ulrich Köppen, Frankfurt am Main 1981

– (Hg.): Der Fall Rivière – Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz (1973), aus dem Französischen von Wolf Heinrich Leube, Frankfurt am Main 1975

– Die Macht der Psychiatrie – Vorlesungen am Collège de France (1973/74), aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder, Frankfurt am Main 2005

– Die Anormalen – Vorlesungen am Collège de France (1974-1975), aus dem Französischen von Michaela Ott und Konrad Honsel, Frankfurt am Main 32013

– Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses (1975), aus dem Französischen übersetzt von Walter Seitter, Frankfurt am Main 1994

– In Verteidigung der Gesellschaft – Vorlesungen am Collège de France (1975/76), aus dem Französischen von Michaela Ott, Frankfurt am Main 1999

– Sexualität und Wahrheit – Erster Band: Der Wille zum Wissen (1976), übersetzt von Ulrich Raulf und Walter Seitter, Frankfurt am Main 1983

– Der Gebrauch der Lüste – Sexualität und Wahrheit 2 (1984), übersetzt von Ulrich Raulf und Walter Seitter, Frankfurt am Main 1989

– Die Sorge um sich – Sexualität und Wahrheit 3 (1984), übersetzt von Ulrich Raulf und Walter Seitter, Frankfurt am Main 1989

– Die Geständnisse des Fleisches – Sexualität und Wahrheit 4, hg. v. Frédéric Gros, aus dem Französischen von Andrea Hemminger, Berlin 2019

HELLER, Gunthard: Kleine Einführung in die Philosophie von Michel Foucault (Philognosie 2022)

– Foucault lesen I – VII (Facebook 2022/23)

– Kleine Einführung in die Philosophie von Michel Foucault II (Philognosie 2022)

– Kleine Einführung in die Philosophie von Michel Foucault III (Philognosie 2025)

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

RUFFING, Reiner: Michel Foucault, Paderborn 22010

Gunthard Heller

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