Die Jüngere Stoa bringt die stoische Philosophie in die Praxis des römischen Alltags und in die höchsten politischen Kreise. Mit Denkern wie Seneca, Epiktet und Kaiser Marc Aurel.
Areios Didymos
Areios Didymos aus Alexandria war einer der Lehrer des Kaisers Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.). Als Nero Claudius Drusus (38 – 9 v. Chr.) durch einen Sturz vom Pferd gestorben war, verfaßte Areios ein Trostschreiben an die Kaiserin Livia, die Mutter des Drusus.

„Sein Tod war für Rom ein unersetzlicher Verlust“ (WA 169): 18 v. Chr. wurde Drusus Quaestor, 16 v. Chr. Praetor. 15 v. Chr. besiegte er zusammen mit seinem älteren Bruder Tiberius die Raeter. 13 v. Chr. wurde Drusus Statthalter der tres Galliae. 11 v. Chr. wurde er Praetor urbanus und führte Krieg gegen die Usipeter, Sugambrer, Cherusker, Tenkterer und Chatten. 10 v. Chr. besiegte er die Chatten, Sueben und Marcomannen. Er „verwüstete das Land der Cherusker bis zur Elbe“ (Rudolf Hanslik, in: KP 1/1212).
In seinem Trostschreiben bat Areios die Kaiserin, sich im Umgang mit ihren Freunden „nicht empfindlich und unzugänglich“ zu zeigen (zit. n. Nestle II 149).
Herakleitos
In seinen „Homerischen Allegorien“ interpretiert der Mythograph Herakleitos, über den man sonst nichts weiß, die Ilias und die Odyssee:
„In beiden Epen wimmelt es ja von gottlosen Geschichten, die von widergöttlichem Unverstand erfüllt sind. Wenn man nun meint, dies seien einfach dichterische Erzählungen ohne philosophische Bedeutung, ohne einen allegorischen Sinn, der im Hintergrunde steht, dann müßte Homer ein Salmoneus [Gotteslästerer, den Zeus samt der von ihm gegründeten Stadt Salmonia mit einem Donnerkeil zerschmetterte] oder Tantalos [Beleidiger der Götter, der dafür im Hades Tantalusqualen erleiden mußte] gewesen sein und an dem schmählichen Gebrechen einer zügellosen Zunge gelitten haben“ (zit. n. Nestle II 151).
Herakleitos betrachtete die Epen von Homer als Begleiter durch das ganze Leben. Schon deshalb könnten sie nicht gottlos sein. Die Frömmigkeit von Homer leitet er aus folgenden Versen der Ilias ab:
- „Nimmer alsdann begehr‘ ich mit himmlischen Mächten zu kämpfen“ (VI 129).
- „Törichte, die wir mit Zeus so gedankenlos uns ereifern / Oder sein Tun zu stören uns abmühn, nahend mit Worten / Oder mit Macht! Er sitzet von fern und achtet nicht unser, / Unbesorgt; denn er dünkt sich vor allen unsterblichen Göttern / Weit an Kraft und Gewalt den erhabensten sonder Vergleichung. / Duldet denn, was auch immer des Unheils jedem er sendet“ (XV 104-109).
Beispiele für die allegorischen Deutungen des Herakleitos:
- „Diomedes, dem Athene, d. h. die Klugheit zur Seite steht, verwundet die Aphrodite, d. h. die Unklugheit: nicht eine Göttin wahrhaftig, sondern die Unbesonnenheit der kämpfenden Barbaren“ (zit. n. Nestle II 152).
- Daraus, daß Zeus auf dem Gipfel des Olymps thront (vgl. Ilias VIII 1ff), macht Herakleitos folgendes: „Er selbst steht an der Spitze, weil den obersten Raum, wie gesagt, das Naturelement des Äthers einnimmt. Er befestigt dann eine goldene Kette am Äther. Die philosophischen Autoritäten in diesen Fragen meinen, es bedeute dies das feurige Aufleuchten der Gestirne in ihren Bahnen“ (zit. n. Nestle II 153).
Cornutus
Lucius Annaeus Cornutus wurde 65 n. Chr. „mit andern Stoikern von Nero aus Rom verwiesen“ (Nestle I 76). Auch er interpretierte in seinem „Handbuch der griechischen Theologie“ die Göttererzählungen allegorisch:
„Athene ist die Vernunft des Zeus, dasselbe wie die ihm innewohnende Vorsehung […]. Sie soll aus dem Haupte des Zeus geboren sein, vielleicht weil die Alten meinten, der führende Teil unserer Seele habe hier seinen Sitz, […] vielleicht auch, weil der Kopf den obersten Teil des menschlichen Körpers bildet ebenso wie im Weltall der Äther, wo dessen leitendes Prinzip und das Wesen der Vernunft wohnt“ (zit. n. Nestle II 153f).
„Wenn man sich aber Athene bewaffnet denkt und erzählt, daß sie schon so geboren sei, so soll dies zeigen, daß die Klugheit, sich selbst genug, zu den größten und schwierigsten Unternehmungen gerüstet ist; die größten aber sind, wie es scheint, die kriegerischen“ (zit. n. Nestle 154).
Wohlgemerkt: Cornutus war kein Kriegstreiber. Er betrachtet den Krieg als eine Stufe in der Bewußtseinsentwicklung der Menschheit, die überwunden werden muß:
„Es ist ja natürlich, daß die ersten, aus der Erde hervorgegangenen Menschen gewalttätig und leidenschaftlich gegeneinander waren, weil sie noch nicht imstande waren, den ihnen innewohnenden Funken des Gemeinschaftssinnes zu erkennen und anzufachen“ (zit. n. Nestle 154).
Seneca
Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.; vgl. a. meinen Aufsatz, Philognosie 2015) „war kein origineller, systematischer Philosoph; seine Werke sind nicht frei von inneren Widersprüchen. Er verarbeitete vor allem die Philosophie der alten, weniger der mittleren Stoa, aber auch des Kynismus und des Epikureismus; den Atomismus lehnt er ab. Zentrales Anliegen Senecas ist die lebenspraktische Ethik, die volkstümliche, situationsgemäße Anwendung der stoischen Güterlehre; er propagiert konsequent das Ideal des unerschütterlichen […] stoischen Weisen. Die Hauptthemen seiner Ethik – Gefaßtheit gegenüber dem Tod und Beherrschung der Leidenschaften – kehren in fast allen seinen Werken wieder“ (Matthias Gatzemeier, in: EphW 3/786).
„Man hat in manchen Gedankengängen Senecas Berührungen mit christlichen Lehren gefunden und diese haben schon im Altertum zur Abfassung eines gefälschten Briefwechsels zwischen Paulus und Seneca geführt. Daß er die Juden gekannt, aber auch verachtet hat, beweist sein eigenes Zeugnis“ (Nestle I 83):
„Inzwischen ist die Sitte jenes verworfenen Volkes (der Juden) so erstarkt, daß sie bereits in allen Ländern Aufnahme fand. Die Besiegten haben den Siegern ihre Gesetze auferlegt. Doch kennen jene wenigstens die Gründe ihres Kultus; der größte Teil des Volkes aber übt ihn aus, ohne zu wissen, warum er es tut“ (zit. n. Nestle II 196).
Nestle fährt fort: Seneca hätte auch „von den Christen […] wohl Kunde haben können, hatte doch schon zur Zeit des Claudius die neue Religion den Weg in den Kaiserpalast gefunden […], und Tacitus spricht […] von einer großen Menge Christen in Rom. Indessen Augustinus […] bezeugt uns, daß Seneca jedenfalls in seinen Schriften die Christen nie erwähnt hat“ (Nestle I 83).
Belege:
- Aus dem Brief des Paulus an die Philipper: „Es grüßen euch alle Heiligen, besonders aber die vom kaiserlichen Hofe“ (Phil 4,22).
- Aus den Annalen des Tacitus: Nero schob die Schuld am Brand Roms auf „jene ob ihrer Abscheulichkeit verhaßten Menschen, die das Volk Christen nannte.“ Tacitus hält ihren Glauben für unheilvoll und für einen Irrglauben. „Zuerst faßte man diejenigen, die sich offen als Christen bekannten, dann auf deren Angaben hin eine riesige Anzahl (ihrer Glaubensgenossen). Sie wurden zwar nicht gerade der Brandstiftung überführt, wohl aber des allgemeinen Menschenhasses“ (XV 44).
- Aus dem „Gottesstaat“ des Augustinus: Seneca wagte die Christen, „schon damals die verhaßten Feinde der Juden, […] überhaupt nicht zu erwähnen, um sie nicht entweder der alten Gepflogenheit seines Vaterlandes zuwider loben oder vielleicht gegen seinen eigenen Willen tadeln zu müssen“ (VI 11).
Wieder Nestle: „Bei den Anklängen an christliche Lehren aber darf man nicht an Entlehnung denken, sondern die betreffenden Gedanken ergaben sich aus ähnlichen Voraussetzungen auf beiden Seiten“ (Nestle I 83).
Musonius Rufus
Gaius Musonius Rufus (ca. 30-100 n. Chr.) „wurde 65/66 im Zusammenhang mit der Bestrafung des Piso und seiner Anhänger auf die Kykladen-Insel Gyaros verbannt; er kehrte um 69, vielleicht von Galba zurückgerufen, nach Rom zurück, wurde aber unter Vespasian erneut verbannt (wiewohl ihn die Philosophen-Ausweisung des Jahres 72 nicht betraf). Hernach rief ihn Titus ehrenvoll zurück“ (Heinrich Dörrie, in: KP 3/1496).
Die Philosophie des Musonius fasse ich nach der Anthologie zusammen, die Rainer Nickel herausgegeben hat:
Menschenbild
Musonius zufolge können alle Menschen nach der Tugend streben. Das meint er dadurch beweisen zu können, daß auch die Gesetze für alle gelten. Er bedauert, daß zwar in anderen Fachgebieten (z.B. Gesundheit, Musik, Seefahrt) die Ärzte, Musiker und Steuermänner als Experten anerkannt werden, daß das aber hinsichtlich der Lebensführung nicht so sei. Darin seien die Philosophen die Experten.
Er stellt weiterhin fest, daß sich alle Menschen für tugendhaft, verständig, gerecht, züchtig und gut halten. Auch das betrachtet er als Beweis, „daß der Seele des Menschen von Natur die Anlage zur Sittlichkeit innewohnt und der Keim der Tugend einem jeden von uns eingepflanzt ist“ (S. 222).
Ein weiterer Beweis dafür sei die Tatsache, daß keiner, auf den das nicht zutrifft, behaupte, er könne lesen und schreiben, er verstehe etwas von der Musik oder vom Ringkampf, daß aber jeder meine, er sei tugendhaft, auch wenn er es nicht ist.
Gleiche Rechte und Pflichten für Männer und Frauen
Musonius denkt, daß Frauen und Männer gleich für die Philosophie begabt sind. Die ideale Frau ist „haushälterisch“, „keusch und züchtig“ (S. 223). Sie liebt ihre Kinder mehr als ihr Leben und stillt sie selbst. Die Selbstbeherrschung fordert Musonius von Männern und Frauen, die sich der Philosophie ergeben. Sie erleiden lieber Unrecht, als daß sie es tun.
Die Philosophie, die Musonius als „das Streben nach wahrer Sittlichkeit“ definiert (S. 230), solle niemand davon abhalten, seine Pflicht zu erfüllen. Jungen und Mädchen sollen dieselbe Erziehung und Nahrung erhalten. Beide sollen ihren Verstand und ihr Gerechtigkeitsgefühl ausbilden. Musonius verwirft die Naschhaftigkeit und Prunksucht bei Jungen und Mädchen, Männern und Frauen. Beide müßten tapfer sein und sich verteidigen können.
Das Spinnen behält Musonius freilich den Frauen vor, die Gymnastik den Männern. Er behauptet „vielmehr – da bei den Menschen die Männer von Natur das stärkere Geschlecht sind, die Frauen das schwächere -, daß man jeder der beiden Naturanlagen die für sie förderlichen Leistungen zuweisen muß, die schwereren dem stärkeren, die leichteren dem schwächeren Geschlecht“ (S. 228).
Natürlich gebe es Ausnahmen, d.h. Männer, die lieber weibliche Arbeiten, und Frauen, die lieber männliche Arbeiten verrichten. Dabei dachte er etwa an die Amazonen. Aber alle müßten lernen, Gemeinheit zu verabscheuen, Anstrengungen zu ertragen, „den Tod nicht zu fürchten, sich durch keinerlei Unglück unterkriegen zu lassen“ (S. 229).
Die Praxis sei bei allem wichtiger als die Theorie. Denn wer etwas tun könne, sei besser als jemand, der nur über etwas reden könne. Deshalb spornte Musonius seine Jünger zur Askese an, d.h. zur Übung der Tugend, zur Sorge um die Seele und den Körper, zur Abhärtung, Anstrengung, Enthaltsamkeit und Sparsamkeit.
Auch die Könige müßten Philosophen sein, denn sie müßten wissen, was die Menschen glücklich und unglücklich mache. Sie müßten Maß halten können. Auch könnten nur Philosophen begreifen, was Gerechtigkeit sei, und wissenschaftlich argumentieren.
Als der König den Musonius nach einem Vortrag fragte, wie er ihm dafür danken könne, sagte Musonius, er solle seine Lehren im täglichen Leben befolgen.
Über die Verbannung
Musonius meinte, daß es einem Verbannten an nichts fehle, denn der Kosmos sei „das gemeinsame Vaterland aller Menschen“ (S. 245). Die Verbannung könne sogar helfen, tugendhaft zu werden. Denn der Verbannte habe mehr Zeit: Weder der Staat noch die Freunde und Verwandten würden Ansprüche an ihn stellen. Da in der Verbannung der Luxus fehle, könnten die Verbannten sogar gesund werden.
Nicht einmal dem Ruf würde die Verbannung schaden, denn viele würden zu Unrecht verbannt. Außerdem seien schon hervorragende Männer wie Aristeides, Hermodoros, Herakleitos, Diogenes von Sinope, der Spartaner Klearchos und andere verbannt worden. Gerade durch die Verbannung seien manche berühmter geworden, als sie es vorher waren.
Auch die Redefreiheit sei in der Verbannung nicht mehr beeinträchtigt als in der Heimat. Der eigentliche Schaden entstehe durch die eigene Schlechtigkeit, nicht durch die Verbannung. Wer zu Unrecht verbannt worden sei, könne sich damit trösten, daß „das Übel die, die einen verbannt haben“ treffe (S. 251).
Über die Beleidigung
Musonius war der Meinung, ein Philosoph müsse Schläge und Beleidigungen verachten. Deshalb sei er nie wegen Beleidigung vor Gericht gegangen und habe auch nie jemand dazu geraten, der ein Philosoph sein wollte. Ein Philosoph verachte sogar den Tod. Außerdem halte er es für eine Schande, Unrecht zu tun, nicht Unrecht zu erleiden. Wer gebissen werde und zurückbeiße, verhalte sich wie ein wildes Tier. Außerdem könne „der tugendhafte Mann von einem schlechten niemals beleidigt werden“ (S. 254).
Über die Arbeit
Die Landwirtschaft hielt Musonius für die schönste, gerechteste, gesündeste und natürlichste Art der Arbeit. Sie sei „eine Quelle des Seelenfriedens und Gott wohlgefällig, wenigstens, wenn man dabei das Streben nach dem Guten nicht vernachlässigt“ (S. 256). Er war der Ansicht, „daß man sich bemühen und lieber mit körperlicher Arbeit quälen muß, statt einen anderen Menschen zu beanspruchen, der einen ernährt“ (S. 257).
Über die Ehe
Musonius hielt den Geschlechtsverkehr nur zu Fortpflanzungszwecken im Rahmen der Ehe für „sittlich erlaubt“. Die Homosexualität betrachtete er als „ein Vergehen wider die Natur“ (S. 259). Die Ehepartner sollen keine Egoisten sein, sondern für einander sorgen „und wetteifern, einander in Liebe zu überbieten“ (S. 262).
Bei der Partnerwahl solle man weder auf Herkunft, Geld oder Schönheit achten, sondern auf Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. Wer nur mäßig schön sei, werde „auch nicht so leicht von Lüstlingen begehrt“ (S. 262). Er meinte, nur gute Menschen könnten einträchtig miteinander leben, schlechte nicht und auch kein schlechter mit einem guten Menschen.
Die Philosophie werde durch die Ehe nicht beeinträchtigt. Das sehe man anhand von Pythagoras, Sokrates und Krates, die alle verheiratet waren. „Und niemand kann behaupten, daß andere bessere Philosophen gewesen seien als sie“ (S. 263).
Die Ehe werde von Hera, Eros und Aphrodite beschützt. Empfängnisverhütung und Abtreibung seien verboten. Sogar die Kinderlosigkeit würde bestraft, dagegen der Kinderreichtum geehrt. Wer gegen die Familie sündige, sündige auch gegenüber Zeus. Viele Brüder seien „unendlich viel wertvoller […] als viele Reichtümer“ (S. 269) und sogar Freunde.
Musonius sprach sich dafür aus, daß Kinder den Eltern gehorchen sollen. Aber nur im Prinzip: Wenn der Vater dem kranken Sohn trotz medizinischer Unkenntnis helfen wolle, müsse der Sohn nicht gehorchen, wenn er es besser wisse. Wenn der Vater krank sei und etwas verlange, was ihm schadet, müsse man es ihm nicht geben. Wenn der Vater den Sohn zu einer Straftat anstifte oder ihn einem Pädophilen überlassen wolle, müsse er ihm nicht gehorchen.
Nur derjenige sei ungehorsam, „der sich um kluge, verständige und heilbringende Befehle nicht kümmert und ihnen nicht gehorcht“ (S. 271). Wenn der Vater den Sohn daran „hindern will, Philosophie zu studieren“, müsse man ihm nicht gehorchen. Doch der Vater könne am Verhalten des Sohns erkennen, ob er ein „wirklicher Philosoph“ sei (S. 273).
Dem Zeus müsse man mehr gehorchen als dem Vater. Selbst wenn der Vater den Sohn einsperre, könne er ihn nicht von der Philosophie abhalten. Denn wir „philosophieren doch nicht mit der Hand oder mit dem Fuß oder mit dem übrigen Körper, wohl aber mit der Seele und von dieser mit einem kleinen Teil, den wir das Denkvermögen nennen. Diesem wies der Gott seinen Sitz an der sichersten Stelle an, so daß es unsichtbar und unantastbar ist und jedem äußeren Zwang entrückt, frei und absolut selbständig“ (S. 274).
Über das Alter
Für die Alten und die Jugendlichen hielt Musonius dasselbe Leben für am besten, nämlich „das Leben nach festen Grundsätzen und gemäß der Natur“ (S. 275). Er hielt „den Menschen für das Abbild der Gottheit“, vorausgesetzt, er zeige „Einsicht, Gerechtigkeit, Tapferkeit und weise Mäßigung“, vorausgesetzt, er sei „hochsinnig, wohltätig und menschenfreundlich“. Wer derart „in ähnlicher Verfassung (wie Gott)“ sei, der sei „glückselig“ (S. 276).
Falls er „von seinen Mitmenschen verachtet oder von seinen Verwandten und Freunden vernachlässigt wird“, werde er sich „nicht grämen“, denn er habe „ja gegen alles dies einen schönen Schutzschild in seiner Seele: seine Bildung“ (S. 277).
Die Furcht vor dem Tod mache die Alten „am allerunglücklichsten“; Musonius plädierte stattdessen für „die Fähigkeit […], den Tod ohne Furcht und mit Gelassenheit zu erwarten“. Das gelinge aber nur dann, „wenn er mit den echten Philosophen […] zusammen lebt“. Der Reichtum bewahre nicht vor Kummer, Gram und Sorgen und könne deshalb „kein schöner Trost des Alters“ sein (S. 278).
Über die Ernährung
Musonius empfahl, beim Essen und Trinken Maß zu halten. Er empfahl vor allem pflanzliche Nahrung, ergänzt von Milch, Käse und Honig. Das Fleisch verlangsame das Denken und sei den wilden Tieren bekömmlicher als den Menschen. Kochbücher würden zwar den Genuß erhöhen, „aber die Gesundheit ruinieren“ (S. 280). Einfache Kost kräftige am besten.
Sklaven und tugendhafte Männer sollten dieselbe Nahrung zu sich nehmen. „Schlemmsucht und Feinschmeckerei“ hielt er für schimpflich (S. 281). Er legte auf gute Sitten beim Essen Wert. Damit meinte er, man solle nicht zuviel und nicht zu schnell essen, aber auch, daß man seinen „Tischgenossen“ nichts wegessen soll (S. 282). Außerdem solle man nicht essen, wenn man eigentlich etwas anderes zu tun habe.
Über Kleidung und Wohnung
Musonius meinte, barfuß zu laufen sei gesünder, als Sandalen zu tragen. Die Kleidung sei dafür da, um den Körper zu schützen, nicht um damit anzugeben. Dasselbe gelte für die Häuser. Sie sollten einfach sein, ohne „Höfe mit Säulen ringsum“, ohne Stuck und vergoldete Dächer, ohne Marmor. Es sei besser, Gutes zu tun, als „sich einen pompösen Palast zu bauen“ (S. 287).
Epiktetos
Epiktet (um 50 – um 138 n. Chr.) war ursprünglich ein Sklave, den Nero freiließ. Musonius unterrichtete ihn in der Philosophie. Domitian verbannte ihn 94 n. Chr. zusammen mit anderen Philosophen aus Rom. Nun gründete er eine Philosophenschule in Nikopolis und unterrichtete Logik, Physik und Ethik.
Diogenes Laertios berichtet, daß Epiktet den Epikur „einen Wollüstling“ nannte und „sich in den heftigsten Schmähungen gegen ihn“ erging (X 6). Mit den Kynikern identifizierte er sich dagegen in mancher Hinsicht. Von den Stoikern hielt er die meisten nur für „Leute, welche die stoischen Sprüchlein hersagen“ (zit. n. Nestle II 221).
„Seine Vorstellungen über Gott (ein Gott als Vater aller Menschen) und die sich an sie anschließende Ethik sind christlichen Grundüberzeugungen sehr ähnlich, jedoch von ihnen wohl nicht direkt beeinflußt“ (Heinz-Ludwig Nastansky, in: EPhW 1/563).
Im Mittelpunkt der Philosophie von Epiktet steht die Hingabe an den göttlichen Willen: „Ich halte das, was Gott will, für besser als das, was ich will. Ich bin ihm ergeben als sein Diener und Knecht: seine Absicht ist meine Absicht, sein Streben ist mein Streben, kurz, sein Wille ist mein Wille“ (zit. n. Nestle II 219). Denn wir stammen alle von Gott ab, der „der Vater der Menschen und Götter ist“ (zit. n. Nestle II 213f). Zum Vergleich: „‚Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst'“ (Mt 26,39).
Epiktet gliederte die Philosophie in drei Bereiche:
- die Moral, z.B. das Verbot zu lügen;
- die Ethik, z.B. die Begründung, warum das Lügen verboten ist;
- die Erkenntnistheorie, z.B. die Frage, ob diese Begründung zureichend ist, ob sie ein Beweis ist, was ein Beweis ist, was eine Schlußfolgerung ist, was ein Widerspruch, was Wahrheit und was Falschheit ist (Nestle II 204). Zum Vergleich: „Nicht ein Mensch ist Gott, daß er lüge“ (Num 23,19). Der Teufel ist „‚ein Lügner […] und der Vater der Lüge'“ (Joh 8,44).
Das „Wesen Gottes“ ist für Epiktet „Vernunft, Wissenschaft, richtige Lehre“, in denen man „das Wesen des Guten“ suchen soll (zit. n. Nestle II 205f). Gott bleibt „keine Tat, keine Willensregung und kein Gedanke verborgen“ (zit. n. Nestle II 206). Zum Vergleich: „Denn alle Herzen erforscht Jahwe, und alles Sinnen der Gedanken kennt er“ (1 Chr 29,9). Der himmlische Vater sieht „‚ins Verborgene'“ (Mt 6,4).
Epiktet zufolge regieren die Götter die Welt „gut und gerecht“ (zit. n. Nestle 206). Zum Vergleich: „Der Gott in Treuen, des Frevels bar, / gerecht und redlich ist er!“ (Dt 32,4)
Laut Epiktet hat Zeus „jedem Menschen seinen Dämon als Aufseher zur Seite gestellt und diesem aufgetragen, ihn ihm zu bewachen, und zwar unaufhörlich und untrüglich“ (zit. n. Nestle II 209). Zum Vergleich: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, damit er dich auf deinen Wegen behüte und dich an den Ort führe, den ich bestimmt habe“ (Ex 23,20).
Epiktet: „Kein Soldherr läßt es einem braven Soldaten, kein Lohnherr einem Tagelöhner oder Arbeiter am Unterhalt fehlen. Und dem guten Menschen sollte er ausgehen?“ (zit. n. Nestle II 210) Zum Vergleich: „‚Sorget euch nicht um euer Leben, was ihr essen werdet, noch um euren Leib, was ihr anziehen werdet. […] Schaut auf die Vögel des Himmels: sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr (wert) als sie?'“ (Mt 6,25f)
Epiktet: „… solange ich lebe, ist es meine Aufgabe, Gott zu preisen allein und zu zweien und vor vielen“ (zit. n. Nestle II 211). Zum Vergleich: „‚Er ist mein Gott, ihn will ich preisen'“ (Ex 15,2). „‚Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde'“ (Mt 11,25).
Epiktet: Du bist etwas Wertvolles, du bist ein Stückchen von Gott, du trägst einen Teil von ihm in dir“ (zit. n. Nestle II 214). Zum Vergleich: „Ich lebe, doch nicht mehr als Ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).
Epiktet: „Die Erinnerung an den Tod des Sokrates ist für die Menschheit nicht weniger, sondern sogar mehr wert als das Gedächtnis an das, was er im Leben gesagt oder getan hat“ (zit. n. Nestle II 219). Bei den Christen ist Ostern mit der Erinnerung an Jesu Kreuzigung und Auferstehung das höchste Fest.
Epiktet zufolge soll jeder die Rolle akzeptieren, die Gott ihm zugeteilt hat, gleichgültig, ob er nun Bettler, ein Lahmer, ein Fürst oder ein Bürger ist (Nestle II 222f). Zum Vergleich: „In dem Stande, in dem er berufen wurde, darin soll ein jeder bleiben“ (1 Kor 7,20).
Nach Epiktet bricht man die Ehe schon, wenn man die schöne Frau eines anderen Mannes sieht und ihn für glücklich hält (Nestle II 225f). Zum Vergleich: „‚Jeder, der eine Frau begehrlich anblickt, hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen'“ (Mt 5,28).
Epiktet plädierte für das Einhalten der Gesetze (Nestle II 226). Zum Vergleich: „‚So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist'“ (Mt 22,21).
Epiktet meinte, ein Philosoph solle besser über Glück und Freiheit als in die Politik gehen und über Wirtschaft und Steuern reden. Sogar den Königsthron würde er ausschlagen, weil der Philosophenthron höher stehe (Nestle II 227). Zum Vergleich: Als Pilatus Jesus fragt, ob er ein König sei, bejaht Jesus, schränkt aber ein, daß sein Reich „’nicht von dieser Welt'“ sei (Joh 18,33-37).
Epiktet lehnte den Eid ab (Nestle II 228). Zum Vergleich: „‚Ich aber sage euch, ihr sollt überhaupt nicht schwören'“ (Mt 5,34).
Epiktet: „Von dem, was ist, steht das eine in unserer Gewalt, das andere nicht. In unserer Gewalt steht unsere Meinung, unser Wille, unser Streben und Meiden: mit Einem Wort, all unser Handeln. Nicht in unserer Gewalt steht unser Körper, unser Besitz, Ansehen, Ämter: mit Einem Worte, alles was nicht unser Handeln ist“ (zit. n. Nestle II 211).
Hier kann ich keine direkten Parallelen finden, obwohl auch das ganz biblisch gedacht ist: Jesus hat nie gelehrt, daß man nach Ämtern und Würden streben soll, sondern, daß man wie Gott vollkommen sein soll: „‚Seid ihr also vollkommen [teleioi], wie euer himmlischer Vater vollkommen [teleios] ist'“ (Mt 5,48). Die Stelle aus der Bergpredigt ist eine Reminiszenz an Lev 11,44: „‚Denn ich bin Jahwe, euer Gott. So erweist euch denn als heilig und seid heilig, weil ich heilig bin.'“
Hierokles
Hierokles (Mitte d. 2. Jh.s n. Chr.) äußerte sich über Neurologie und Psychosomatik: „So ist die Folge von Entzündungen wichtiger körperlicher Organe Wahnsinn, Verrücktheit oder Hemmung des gesamten Vorstellungsvermögens und ebenso wird der Körper durch Kummer, Angst, Zorn, kurz durch die seelischen Gefühle mit beeinflußt, so daß er die Farbe wechselt und die Beine ein Zittern ankommt“ (zit. n. Nestle II 230f).
Er meinte, „daß Gott niemals an einem Übel schuldig ist, sondern daß diese einzig und allein Folgen der Bosheit sind. Die Götter in ihrem Teile sind nur Ursache des Guten und Nützlichen; wir aber eignen uns ihre Wohltaten nicht an und ziehen uns selbsterwählte Übel zu“ (zit. n. Nestle II 233).
Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau forderte er nicht ausnahmslos: „Denn es kann auch einmal für die Frau Pflicht werden, die Arbeiter auf dem Felde zu beaufsichtigen und die Stelle des Hausherrn auszufüllen, oder für den Mann, zu Hause zu bleiben, nach dem und jenem zu fragen, und sich das, was hier vorgeht, anzusehen“ (zit. n. Nestle II 236).
Marcus Aurelius Antoninus
Kaiser Marcus Aurelius Antoninus (121 – 180 n. Chr.) „verfaßte als erster in der griechischen Literatur ‚Gespräche mit sich selbst‘ (eis heauton) zu Themen der stoischen Ethik“ (Matthias Gatzemeier, in: EPhW 2/763).
Auffallend sind die vielen Imperative. Beispiele: „Habe Achtung vor deiner Denkkraft!“ (zit. n. Nestle II 236) „Vollbringe, was die Natur jetzt von dir fordert!“ (zit. n. Nestle II 237) „Den Hunger nach Büchern aber gewöhne dir ab […]!“ (zit. n. Nestle II 238) „Laß die Bücher!“ (zit. n. Nestle II 240) „Liebe nur das, was dir widerfährt und bestimmt ist!“ (zit. n. Nestle II 243) „Die Menschen sind füreinander geboren; belehre sie oder ertrage sie!“ (zit. n. Nestle II 247)
Die Philosophie bestand für Mark Aurel „darin, daß man den Genius in seinem Innern vor Gewalt und Schädigung bewahrt, so daß man über Lust und Schmerz Herr bleibt, nichts gedankenlos tut, sich nie der Lüge oder Heuchelei bedient, sich vom Tun und Lassen anderer Leute unabhängig macht, alles, was einem widerfährt und zugewiesen wird, annimmt als aus demselben Ursprung kommend, aus dem wir selbst stammen, vor allem aber den Tod heiteren Sinnes erwartet“ (zit. n. Nestle II 241).
Er meinte, „daß der Geist jedes Menschen ein Gott ist und aus Gott entsprungen ist“ (zit. n. Nestle II 244).
Von seinen Mitmenschen erwartete er die Einhaltung der Gesetze und den Dienst am Gemeinwohl. Er propagierte die Technik der kleinen Schritte und hielt nichts davon, auf das Eintreten des platonischen Zukunftsstaats zu warten (Nestle II 237).
Kebes
Der Dialog mit dem Titel Kebētos Thēbaiou pinax („Gemälde des Kebes von Theben“) handelt von der wahren und falschen Bildung.
„Die Elemente dieser populärmoralischen Schrift, in welcher ein Gemälde allegorisch gedeutet wird, sind tatsächlich kynisch-stoisch, nach Absicht des Verfassers stellen sie indes pythagoreische Weisheit dar; bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. war diese Verwechslung möglich. Das Buch kann erst von Späteren dem Kebes von Theben zugeschrieben sein; sein Verfasser hat eine solche Unterstellung nicht angestrebt“ (Heinrich Dörrie, in: KP 3/173).
© Gunthard Rudolf Heller, 2025
Literaturverzeichnis
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DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976
DIOGENES LAERTIOS: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt, Hamburg 21967
ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE, hg. v. Jürgen Mittelstraß, 4 Bände, Stuttgart/Weimar 2004 (EPhW)
EPIKTET: Handbüchlein der Moral und Unterredungen, hg. v. Heinrich Schmidt, neubearbeitet von Karin Metzler, Stuttgart 111984
– Handbüchlein der Ethik, aus dem Griechischen übersetzt, mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ernst Neitzke, Stuttgart 1974
EPIKTET · TELES · MUSONIUS: Wege zum Glück, auf der Grundlage der Übertragung von Wilhelm Capelle neu übersetzt und mit Einführungen und Erläuterungen versehen von Rainer Nickel, München 1991
GRANT, Michael / HAZEL, John: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, München 141999
HELLER, Gunthard: Einführung in das Werk von Seneca, Philognosie 2015
– Die Ethik des Epiktet, Facebook 2019
– Das Notizbuch des Marc Aurel, Facebook 2019
HOMER: Ilias, übersetzt von Johann Heinrich Voß, Stuttgart 1970
– Odyssee, übersetzt von Johann Heinrich Voß, Stuttgart 1970
KAMPITS, Peter: Ta eis heauton, in: Lexikon der philosophischen Werke, hg. v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988, S. 203
DER KLEINE PAULY – Lexikon der Antike in fünf Bänden, München 1979 (KP)
MARC AUREL: Selbstbetrachtungen, übertragen und mit Einleitung von Wilhelm Capelle, Stuttgart 121973
MENGE-GÜTHLING: Langenscheidts Großwörterbuch Altgriechisch-Deutsch, Berlin/München/Wien/Zürich 261987
MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81
NESTLE, Wilhelm: Die Nachsokratiker, 2 Bände, Jena 1923
DAS NEUE TESTAMENT – Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch von Ernst Dietzfelbinger, Neuhausen-Stuttgart 21987
SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986
SCHMALZRIEDT, Egidius: Mark Aurel, in: Kindlers neues Literatur-Lexikon, hg. v. Walter Jens, München 1996, Band 11, S. 188f
SUETON: Leben der Caesaren, übersetzt und herausgegeben von André Lambert, München 1972
TACITUS: Germania / Die Annalen, ins Deutsche übertragen und ausgewählt von Wilhelm Harendza, München 1960
WÖRTERBUCH DER ANTIKE mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens, in Verbindung mit E. Bux und W. Schöne begründet von Hans Lamer, fortgeführt von Paul Kroh, Stuttgart 81976 (WA)
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