Kleine Einführung in die Philosophie der Epikureer

Insgesamt wandelten die Schüler von Epikur mehr in den Bahnen ihres Meisters als die Sokratiker. Während sich die Philosophie der Epikureer zu einem einheitlichen Bild zusammenschließt, kann man die Sokratiker nicht über einen Kamm scheren. Das mag mit der Natur der beiden Lehrer zusammenhängen: Während Sokrates vor allem das selbständige Denken anregte, bildete Epikur eine feste Lehre aus, die seine Schüler mehr oder weniger übernahmen.

Plutarch macht in seiner Schrift „Wider Kolotes“ die Schüler Epikurs insgesamt herunter: „Wo ist aber aus Epikurs Lehre und Schule – ich will nicht sagen ein Tyrannenmörder, ein Held, ein Gesetzgeber, ein Regent, ein königlicher Minister, ein Vorsteher einer Republik, oder ein Mann hervorgegangen der für das Recht sich hätte foltern und tödten lassen, sondern hat nur Einer dieser Weisen für sein Vaterland eine Seereise gemacht, eine Gesandtschaft übernommen, von seinem Vermögen etwas geopfert? Wo ist nur eine öffentliche Thätigkeit von Euch verzeichnet?“ Stattdessen hätten sie sich „ganz allein mit der Pflege des Bauches“ beschäftigt (S. 831).

Kolotes

Der Polemiker Kolotes aus Lampsakos warf sich „während einer Vorlesung Epikurs […] ihm zu Füßen und verehrte ihn wie einen Gott, worauf sich Epikur seinerseits vor Kolotes niederwarf“. Er wurde „wohl seit 309/06“ Epikurs Schüler, wurde „also kaum später als 325“ geboren (Ernst Günther Schmidt, in: KP 3/276). Diogenes Laertios zählt ihn zu den „Leuchten der Schule“ (X 25).

Epikur

Am meisten erfahren wir über Kolotes aus der gegen ihn gerichteten Schrift von Plutarch. Kolotes gab ein Buch mit dem Titel „Beweis daß man nach den Grundsätzen der andern Philosophen überhaupt nicht leben kann“ heraus. Plutarch wirft ihm vor, daß er „einige Aeußerungen aus dem Zusammenhang“ reißt, „einzelne Stellen und Lappen“ zusammenflickt, „die nichts Beweisendes und nichts Ueberzeugendes an sich haben“, und daraus ein Buch macht „gleich einem Trödelmarkt oder einem Gemälde von Ungeheuern“ (S. 803f).

Kolotes blamiere sich nicht nur selbst, sondern verwickle auch „den Epikur selbst in die größten Widersprüche“. So behaupte er, nach den Grundsätzen von Demokrit könne man nicht leben, doch andererseits habe sich „Epikur selbst lange Zeit […] als Demokriteer bekannt“ (S. 804). Auch die Angriffe des Kolotes auf Empedokles und Parmenides weist Plutarch zurück. Den Satz des Parmenides von der Einheit des Alls, der „uns das Leben unmöglich gemacht haben soll“, habe auch Epikur vertreten (S. 811).

Weiter weist Plutarch die Behauptung des Kolotes zurück, Aristoteles, Xenokrates, Theophrast und die übrigen Peripatetiker hätten sich den „Grundsätzen Platons […] angeschlossen“. Kolotes habe deren Schriften offensichtlich nicht einmal gelesen, „in denen sie in den vorzüglichsten und wichtigsten Fragen der Physik dem Platon durchgängig widersprechen und ihn bekämpfen. Und selbst das Haupt der übrigen Peripatetiker, Straton, ist in vielen Punkten nicht mit Aristoteles einverstanden und hat über Bewegung, Vernunft, Seele und Entstehung Meinungen aufgestellt welche dem Platon ganz entgegen sind“ (S. 813).

Kurz: Es sei leichtfertig von Kolotes, „anstatt die Lehren dieser Männer kennen zu lernen, ihnen aufzulügen was sie nicht lehren“ und seine eigene „Unwissenheit und Dreistigkeit“ dadurch zu bezeugen (S. 813f).

Den Orakelspruch von Delphi, der Sokrates „für einen Weisen erklärte“, habe Kolotes für „eine plumpe Anmaßung und Sophisterei“ gehalten. Doch die Anhänger Epikurs würden ihren Meister mit „Lärmen und Jauchzen“, „Händeklatschen“, „Kniebeugungen und Anbetungen“ feiern und besingen, einen Mann, der sie „zu ununterbrochenem Sinnengenuß mahnt“. Daß Kolotes sich vor Epikur niedergeworfen habe, habe ihn nicht zum Weisen gemacht. Epikur habe lediglich zu ihm gesagt: „Wandle mir als unvergängliches Wesen und betrachte auch Uns als unvergänglich“ (S. 816).

Epikur hat also die Anbetung von Kolotes dadurch zurückgewiesen, daß er sie erwidert hat, und ihn darauf hingewiesen, daß die Seele aller Menschen unsterblich ist. Wahrscheinlich durchschaute er den Kolotes, der mit seiner Niederwerfung unlautere Absichten verfolgte.

Plutarch geht noch einen Schritt weiter: „Dem Kolotes erschien, nachdem er die vom Himmel gefallenen Regeln (Epikurs) gelesen hatte, das Brod nicht als Brod, das Heu nicht als Heu.“ Das wiederum habe er dem Sokrates untergeschoben und ihn auch noch der Prahlerei bezichtigt (S. 817).

Auch die Inschrift in Delphi, die zur Selbsterkenntnis auffordert, habe Kolotes für „lächerlich“ gehalten, obwohl sich Heraklit dafür rühme, daß er sich selbst gesucht habe, und auch Epikur „über das Wesen der Seele oder den Ursprung des Menschen“ geschrieben und gesprochen habe. Denn wer „die Natur der Seele“ untersuche, erforsche auch das „Wesen des Menschen“ (S. 818).

Den Stilpon habe Kolotes mit dem Argument bekämpft, er sage, „man könne nicht das Eine vom Andern als Prädikat gebrauchen.“ Das heißt, man dürfe nicht behaupten, daß ein Mensch gut sei, sondern „nur getrennt der Mensch ist Mensch, der Gute ist gut“. Während Kolotes meine, man könne nicht leben, wenn man diesen Satz von Stilpon für wahr halte, erwidert Plutarch, er sei nur „ein geistreicher Scherz oder eine Aufgabe zur Uebung in der Dialektik“. Noch niemand habe deshalb „schlechter gelebt“ (S. 820).

Stilpon habe mit dem Satz folgendes gemeint: „Wenn wir vom Pferde das Laufen aussagen, so ist dieses Prädikat […] nicht einerlei mit dem von welchem es ausgesagt wird. […] Wenn man von jedem besonders eine Definition verlangt, so geben wir nicht von beiden die nämliche. Es ist also ein Fehler, das Eine vom Andern als Prädikat zu gebrauchen“ (S. 821).

Seine Zeitgenossen, die Kolotes angriff, hat er nicht namentlich genannt. Auch das wirft Plutarch ihm vor. Er halte „offenbar aus Scheu vor den Lebenden an sich“, während er den Toten und Besseren seine Achtung versage. Plutarch vermutet, daß mit den Angriffen des Kolotes auf Zeitgenossen die Kyrenaiker und „Akademiker aus der Schule des Arkesilaus“ gemeint waren. Erstere hätten „die Empfindungen und Vorstellungen für subjektiv“ erklärt „und den daraus entstehenden Glauben nicht für hinreichend“ gehalten, „um von den Dingen etwas mit Gewißheit zu behaupten.“ Letztere hätten „in Allem ihre Meinung“ zurückgehalten (S. 821).

Kolotes kritisiere bei anderen Philosophen, was er bei Epikur schätze, fährt Plutarch fort. Er sei wie ein ABC-Schütze, der die Buchstaben nur auf seiner Schreibtafel erkenne, nicht aber woanders. Epikur selbst habe an Arkesilaos kritisiert, er lehre seine Schüler nur die Gedanken von anderen Philosophen. Doch genau das schätzt Plutarch, nämlich daß Arkesilaos die Gedanken der Alten nicht für eigene ausgab. Die zeitgenössischen Sophisten hätten Arkesilaos sogar beschuldigt, er unterschiebe seine eigenen Lehrsätze den alten Philosophen, „um sie durch die Namen berühmter Männer zu empfehlen und zu bekräftigen“ (S. 823).

Außer Kolotes habe es noch niemand gewagt, „ein Buch mit einem solchen gegen alle Philosophen zusammengerichteten Titel […] herauszugeben“ (S. 827). Wer die Lehren der Philosophen mißachte, brauche Gesetze und die Furcht vor Bestrafung, „König und Obrigkeit“, um ihn vom Kannibalismus abzuhalten. Er lebe wie die Tiere, die „nichts Edleres kennen als die Lust, von der göttlichen Gerechtigkeit nichts wissen und für die Schönheit der Tugend keinen Sinn haben, im Gegentheil all ihre natürliche Kühnheit, List und Stärke nur für die Fleischeslust und zur Befriedigung der Begierden verwenden. Das ist die rechte Verfassung nach dem Weisen Metrodor“ (S. 828).

Metrodoros

Metrodoros von Lampsakos (um 330 – 277 v. Chr.) trennte sich nicht mehr von Epikur, seit er ihn kennenlernte, „außer einmal auf sechs Monate, die er in seiner Heimat zubrachte, um dann wieder zurückzukehren. Er war ein durch und durch trefflicher Mann“ (Diogenes X 22f). Cicero meinte in De finibus bonorum et malorum, Metrodoros sei „beinahe ein zweiter Epikur“ (II 92).

Seneca schreibt im 52. Brief an Lucilius, daß Epikur diejenigen am meisten schätzte, die ohne Hilfe zur Wahrheit fanden und sich selbst vervollkommneten. Andere wie Metrodoros und er selbst „bedürfen fremder Hilfe, außerstande vorwärts zu kommen, wenn ihnen nicht einer vorangeht, aber als Gefolgsleute sich wohlbewährend.“ Epikur habe auch „diese Art Geister […] für vortrefflich“ erklärt, „wenn auch nur zweiten Ranges“ (S. 178f).

In seiner Schrift „Wider Kolotes“ stellt Plutarch die Lehre des Metrodoros folgendermaßen dar: Er „behauptet, alle schönen, weisen und kunstreichen Erfindungen des Geistes haben nur die Lust des Fleisches und die Hoffnung darauf zum Zweck, und alle Arbeit sei eitel die nicht auf dieses Ziel gerichtet sei“ (S. 828).

Er kritisiert Metrodoros dafür, daß er „in seiner Schrift über Philosophie“ die politische Tätigkeit verhöhnt und verspottet habe. Ein Solon und ein Lykurg hätten aus übertriebenem Stolz Athen befreit und „Sparta eine gute Verfassung“ gegeben. Plutarch führt die Haltung des Metrodoros auf Epikur selbst zurück, der daran gezweifelt habe, daß ein Weiser sich an die Gesetze halten würde, wenn deren Übertretung keiner bemerke (S. 832).

Wilhelm Nestle faßt zusammen: „Metrodoros brachte sich in übeln Ruf durch die scharf zugespitzte Form, in die er den Grundsatz der epikureischen Ethik zu fassen liebte, daß die Grundlage aller Lust die körperliche sei […]. Daß er aber damit nicht sinnlicher Schlemmerei das Wort reden wollte, beweisen andere Äußerungen […]. Auch ihm ist die geistige Lust […] die höchste Aufgabe […]. Wie Epikuros lehnt Metrodoros die Beschäftigung mit der Politik ab“ (Nestle 14).

Aus den von Nestle übersetzten Fragmenten: Metrodoros hielt die Vermeidung des Schlimmen für das Gute. Das „seelisch Gute“ sei „der gesunde Zustand des Fleisches und die zuverlässige Hoffnung auf seine Erhaltung“ (zit. n. Nestle 220). „Auf den Magen […] richtet die in den Spuren der Natur wandelnde Lehre ihre ganze Bemühung“ (zit. n. Nestle 221). Aber: „Schon oft haben wir auf die leiblichen Lüste gepfiffen“ (zit. n. Nestle 223).

Er versuchte, den Zufall dadurch zu überwinden, daß er das, was geschah, akzeptierte. Gegen den Tod gebe es keine Sicherheit.

Hermarchos

Hermarchos von Mytilene (325 – um 250 v. Chr.) wurde von Seneca (ebenfalls im 52. Brief an Lucilius) als drittklassig angesehen. Er rechnete ihn zu denjenigen, „die man zum Rechten nötigen und drängen kann, die nicht nur eines Führers bedürfen, sondern eines Gehilfen und so zu sagen eines Zwangsvollstreckers“ (S. 179).

Er sprach sich für den „Grundsatz“ aus, „einander nicht ohne rechtliches Urteil zu töten“ (zit. n. Nestle 226). Anders sei es bei den Tieren, die uns alle schaden würden, wenn man ihrer Vermehrung nicht Einhalt geböte.

Über die „von Empedokles eingeführten Dämonen“ sagte Hermarchos, „daß sie, wenn sie schlecht und sündhaft sind, unmöglich selig und langlebend sein können, da die Bosheit immer mit viel Blindheit geschlagen und der Vernichtung ausgesetzt ist“ (zit. n. Nestle 228).

Polystratos

Polystratos verfaßte um 230 v. Chr. eine Schrift „Über die grundlose Verachtung der Volksmeinung“, worunter er die „Anschauung von dem konventionellen Ursprung der sittlichen Begriffe und der daraus gezogenen Folgerung ihrer Unverbindlichkeit“ verstand (Nestle 15).

Plutarchs satirischer Dialog „Ob die Landthiere oder die Wasserthiere mehr Verstand haben?“ ist vielleicht „eine Antwort auf die Schrift des Polystratos von kynischer Seite“ (Nestle 16). Darin läßt Plutarch den Autobulus die allgemeine Anschauung äußern, „eben daher sei die Gefühllosigkeit und die wilde Mordlust unter die Menschen gekommen, daß sie auf der Jagd sich gewöhnt haben bei dem Blut und den Wunden der Thiere gleichgültig zu bleiben und am Abwürgen und Tödten derselben Vergnügen zu finden“ (S. 605).

Autobulus kritisiert die Auffassung, daß „die angeborne Kinderliebe“ der „Grund der menschlichen Gesellschaft und Gerechtigkeit“ sei. Dabei seien auch die Tiere sehr kinderlieb, und doch werde ihnen die Gerechtigkeit abgesprochen. Andererseits würden sie Tiere für feige, geil, ungerecht und bösartig halten, „als ob das ein gänzlicher Mangel, nicht blos ein Gebrechen und eine Schwäche der Vernunft wäre“ (S. 609).

Alle „beseelte Wesen“ hätten Vernunft (S. 609). Die Tiere würden nur „langsamer denken und weniger richtig urtheilen“ als die Menschen. Denn ihre Vernunft sei „schwach und verwirrt“ (S. 610).

Aristotimus meint, die Philosophen (laut G. Tappe die platonischen Akademiker) würden „die Vernünftigkeit der Thiere zu beweisen suchen aus den Vorsätzen, Vorbereitungen, Erinnerungen, Leidenschaften derselben, aus ihrer Sorge für die Jungen, Dankbarkeit für Wohlthaten und ihrem Groll gegen Mißhandlungen, ferner aus der Auffindung ihrer Bedürfnisse, Kundgebung von Tugenden, wie Herzhaftigkeit, Geselligkeit, Enthaltsamkeit, Großmuth“ (S. 615).

Nachdem er zahlreiche Beispiele angeführt hat, sagt Aristotimus, es sei „nicht leicht bei den edlen Thieren eine Handlung aufzufinden die nur der Ausdruck einer einzigen Tugend wäre. In ihrer Anhänglichkeit zeigt sich Ehrliebe, in ihrer Tapferkeit weise Mäßigung, selbst ihre Schlauheit und Verschlagenheit ist nicht ohne Muth und Herzhaftigkeit“ (S. 621).

Thales sei dafür bewundert worden, daß er einen Maulesel überlistete. Dieser Maulesel hatte bemerkt, daß das ihm aufgeladene Salz sich bei der Überquerung eines Flusses in Wasser auflöste. Deshalb machte er sich in Zukunft absichtlich naß, um seine Last zu erleichtern. Doch Thales belehrte ihn eines Besseren, indem er „die Gefäße mit Wolle und Schwämmen anstatt mit Salz“ füllen ließ. Als der Maulesel „nun nach seiner Gewohnheit that, füllte sich die Last mit Wasser“, und er „begriff daß seine List ihm schlecht bekomme.“ Von da an ging er vorsichtig durch den Fluß (S. 622).

Polystratos sprach den Tieren die Denkfähigkeit ab und meinte, sie könnten auch nichts mit Vorzeichen und Moralvorstellungen anfangen. Menschen sollten sich erst recht nicht durch Träume und Vorzeichen beunruhigen lassen, denn sie könnten ja denken. Wer individuell für seine Gesundheit sorge, werde „von keinem einzigen dieser Dinge mehr belästigt werden“ (zit. n. Nestle 230).

Er forderte seine Leser ausdrücklich dazu auf, seine Aussagen zu prüfen. „Findest du, daß es sich anders verhält, als wir sagen, so verachte es; bestätigt sich dir aber diese Auffassung, so schenke ihr immer mehr Glauben und versuche diese Grundsätze auch in deinen Handlungen zu befolgen. Dann wirst du am besten deine eigenen und der andern Menschen Leidenschaften überwinden, nicht nur in der Theorie, sondern mit der Tat. Das nämlich ist in Wahrheit die Aufgabe der Philosophie“ (zit. n. Nestle 236).

Philonides

Philonides von Laodikeia (2. Jh. v. Chr.) betätigte sich im Widerspruch zu den epikureischen Grundsätzen in der Politik und Verwaltung. Obwohl er die Schriften von Epikur sammelte, wurde er „wegen seiner dogmatischen Entgleisungen von den ‚echten‘ Epikureern als ‚Sophist‘ bekämpft“ (Nestle 17).

Zenon von Sidon

Zenon von Sidon (150 – ca. 70 v. Chr.) war Schüler und Nachfolger von Apollodoros Kepotyrannos („Gartentyrann“), der über 400 Bücher schrieb.

Das Werk von Zenon „umfaßt Erkenntnistheorie, Logik, Physik, Ethik und Einzeldisziplinen wie Geometrie, Grammatik und Rhetorik.“ Er kritisierte die deduktive Methode und axiomatische Geometrie von Euklid. Außerdem verteidigte er „den Epikureischen Induktionsschluß gegen stoische Kritik […]. Unter der Voraussetzung gleicher Beschaffenheit der Dinge fordert er, daß man die gleichbleibenden Eigenschaften in verschiedenen Dingen derselben Art aufsucht, um sie dann allen übrigen Exemplaren der gleichen Art zuzuschreiben. Erst solche Analogie- und Induktionsschlüsse erlauben nach Zenon eine Erweiterung der Naturerkenntnis, die Gleichförmigkeiten der Natur voraussetzt“ (Klaus Mainzer, in: EphW 4/841).

Philodemos

Philodemos von Gadara (ca. 110 – 40/35 v. Chr.) war ein Schüler des Zenon von Sidon. In seiner Schrift „Über Charakterfehler“ kritisierte er z.B. den Selbstgefälligen, den Sonderling und den Alleswisser.

In der Schrift „Über den Zorn“ unterschied er zwei Arten von Zorn, nämlich den grundlosen und natürlichen Zorn. Ersterer sei „ein Übel […], weil er von einer ganz schlimmen Stimmung seinen Ausgang nimmt und ungezählte Widerwärtigkeiten nach sich zieht“; letzterer sei, „weil er aus einer ernsten Ursache entspringt, kein Übel, sondern ein Gut“. Denn über Beschimpfungen und Mißhandlungen müsse man sich entrüsten, wenn man nicht als Mensch von „erbärmlichster Denkart“ gelten wolle (zit. n. Nestle 242).

Philodemos hielt die Götter für „ewig und unvergänglich“ (zit. n. Nestle 256). Sie seien weder „fleischlich“ noch das Gegenteil (zit. n. Nestle 264). Die „Furcht vor dem Tode“ hielt er für „grundlos“ (zit. n. Nestle 260). Von Orakeln, Träumen, Weissagungen und Astrologie hielt er nichts.

Daß Epikur im Gegensatz zu anderen Philosophen wie etwa Sokrates nicht verfolgt und in der Komödie verspottet wurde, führte Philodemos darauf zurück, daß er sich an die Sitten hielt. Andere meinten, es liege daran, daß „seine Philosophie den meisten Leuten unbekannt geblieben sei“ (zit. n. Nestle 256).

Amafinius

Von seinem Zeitgenossen C. Amafinius berichtet Cicero in den Tusculanae disputationes, er habe Bücher herausgegeben, „die die Menge dazu bewogen, sich vor allem seiner Lehre zuzuwenden, vielleicht, weil sie überaus leicht zu verstehen war, oder weil man durch die einschmeichelnden Verlockungen der Lust dazu verführt wurde, oder weil man sich eben daran hielt, solange nichts Besseres vorlag“ (IV 6).

Amafinius war sehr erfolgreich: „Als nach Amafinius viele andere in derselben Richtung mit ihm wetteiferten und vieles schrieben, da konnten sie ganz Italien für sich gewinnen. Und was der größte Beweis dafür ist, daß jene Lehre nicht wissenschaftlich ist, daß man sie sich nämlich so leicht aneignen kann und sie so leicht auch von Ungebildeten gebilligt wird, das halten jene für einen Beweis ihrer Richtigkeit“ (IV 7).

Lukrez

Der „Klatsch des Hieronymus“, Titus Lucretius Carus (zwischen 99 und 94 – 55/53 v. Chr.) „sei durch einen Liebestrank wahnsinnig geworden, habe in lichten Momenten gedichtet und schließlich Selbstmord verübt, gleicht tausend anderen erbaulichen Philosophenlegenden“ (Albrecht 230).

54 v. Chr. geriet sein Lehrgedicht De rerum natura in die Hände Ciceros und seines Bruders Quintus. Das Werk ist nicht fertig geworden: Das Versprechen des Lukrez, später „in breiter Rede“ über die Götter zu schreiben (V 155), blieb unerfüllt.

Thema sind der letzte Grund des Himmels und der Götter sowie „der Dinge Atome, / aus denen alles Natur erschafft, vermehret und nähret, / in die zugleich sie Natur dann wieder vernichtet und auflöst“ (I 54-57). Die beiden zentralen Sätze lauten, „daß kein Ding aus nichts entsteht auf göttliche Weise“ (I 150) und daß „Alle Natur […] aus […] Körper und […] Leere“ besteht (I 419f).

Außerdem handelt Lukrez vom „Wesen der Seele“ (I 112), von den Jahreszeiten und dem Wetter, von Erdbeben, dem Wasserkreislauf, dem Vulkanismus und Krankheiten. Gegen die Unsterblichkeit der Seele wendet er ein, daß wir uns „nicht an das frühere Leben erinnern“ können (III 672).

Lukrez verspricht, den Leser zu erleuchten, so daß er „in der Tiefe […] die verborgenen Dinge erschauen“ kann (I 145). Seine Erkenntnistheorie geht auf Demokrit zurück: „Also ich sag, daß Bilder der Dinge und feine Gestalten / aus von den Dingen werden gesandt vom Rand ihres Körpers“ (IV 42f).

Er bezieht sich mehrfach auf Epikur, nennt ihn aber nur einmal beim Namen: „Selbst Epikur verstarb, als die Bahn er des Lebens gelaufen, / der doch der Menschen Geschlecht überwand an Geist und sie alle / überstrahlte, wie Sterne beim Aufgang die Sonne des Himmels!“ (III 1042ff) Stoa, Platon und Aristoteles werden von Lukrez kritisiert.

In der Neuzeit wurde er „philosophisch zu einem ‚Schutzheiligen‘ der Materialisten (zu Recht) und Atheisten (nicht ganz zu Recht) oder auch – der häufigere Fall – zur Zielscheibe frommer Widerlegungsversuche“ (Albrecht 249).

Diogenes von Oinoanda

Bei den antiken Völkern war es selbstverständlich, die Götter als Kulturbringer zu betrachten. Doch Diogenes von Oinoanda (2. Jh. n. Chr.) erklärt die Entstehung der Kultur als Reaktion der Menschen auf unliebsame Lebensbedingungen: Sie bauten Häuser gegen Unwetter und erfanden Kleider gegen die Kälte.

„Man braucht also für keine Kunstfertigkeit […] eine Gottheit, wie etwa Athene, in Anspruch zu nehmen; denn alle sind mit der Zeit aus den Bedürfnissen und Verhältnissen hervorgegangen. Und was nun die Sprache betrifft, […] so wollen wir weder den Hermes zum Unterricht in Anspruch nehmen […] noch wollen wir denjenigen Philosophen glauben, die behaupten, die Bezeichnungen seien den Dingen durch (willkürliche) Festsetzung und auf dem Wege der Belehrung beigelegt worden“ (zit. n. Nestle 286).

Diogenes betrachtete die Seele als „Ursache dafür, ob unser Organismus lebt oder nicht lebt“. Sie habe „nicht dieselbe Zahl von Atomen […] wie der Körper“ (zit. n. Nestle 292).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

ALBRECHT, Michael von: Geschichte der römischen Literatur Band 1, München 1994

CICERO: De finibus bonorum et malorum / Über das höchste Gut und das größte Übel, Lateinisch / Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Harald Merklin, Stuttgart 1996

– Gespräche in Tusculum, Übersetzung, Kommentar und Nachwort von Olof Gigon, Stuttgart 1985

DIOGENES LAERTIOS: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt, Hamburg 21967

ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE, hg. v. Jürgen Mittelstraß, 4 Bände, Stuttgart/Weimar 2004 (EPhW)

EPIKUR: Philosophie der Freude – Briefe. Hauptlehrsätze. Spruchsammlung. Fragmente, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Paul M. Laskowsky, Frankfurt 1988

HELLER, Gunthard: Kleine Einführung in die Philosophie des Epikur, Philognosie 2017

DER KLEINE PAULY – Lexikon der Antike in fünf Bänden, München 1979

LUKREZ: De rerum natura / Welt aus Atomen, Lateinisch / Deutsch, übersetzt und mit einem Nachwort herausgegeben von Karl Büchner, Stuttgart 1994

MELLEIN, Richard: Lukrez, in: Kindlers neues Literatur-Lexikon, hg. v. Walter Jens, München 1996, Band 10, S. 702ff

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

NESTLE, Wilhelm: Die Nachsokratiker – Erster Band, Jena 1923

PLUTARCH: Ob die Landthiere oder die Wasserthiere mehr Verstand haben?, in: Moralia Band 2, hg. v. Christian Weise und Manuel Vogel, Wiesbaden 2012, S. 604-642

– Wider Kolotes, in: Moralia Band 2, Wiesbaden 2012, S. 802-832

– Beweis daß man nach Epikurs Grundsätzen überhaupt nicht vergnügt leben kann, in: Moralia Band 2, Wiesbaden 2012, S. 833-865

– Ob es eine richtige Vorschrift sei: „Lebe im Verborgenen“. (Gegen Epikur.), in: Moralia Band 2, Wiesbaden 2012, S. 866-870

SENECA, Lucius Annaeus: Briefe an Lucilius. Erster Teil – Briefe 1-81, übersetzt, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Otto Apelt, Wiesbaden 2004

WÖRTERBUCH DER ANTIKE mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens, Stuttgart 81976

Gunthard Heller

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