Karl Theodor Körner als Philosoph

Karl Theodor Körner (1791–1813) war ein deutscher Dichter und Freiheitskämpfer, der als Symbolfigur der Befreiungskriege gegen Napoleon gilt. Schon früh zeigte sich sein literarisches Talent, und er wurde als Dramatiker am Wiener Burgtheater bekannt. Lesen Sie hier mehr über sein Leben und Werk.

Einführung

Karl Theodor Körner studierte Bergbau, Rechtswissenschaft, Philosophie (er hörte Schleiermacher und Fichte), Geschichte und Naturwissenschaften (Botanik, Zoologie, Mineralogie, Versteinerungslehre, Geologie, Physik, Chemie und technische Chemie). Er lernte Altgriechisch und Spanisch.

Karl Theodor Körner als Philosoph

Viele seiner Gedichte sind Huldigungen an Mädchen und Frauen. Am 9. Januar 1813 erhielt Körner am Hofburgtheater in Wien eine Stelle als kaiserlich königlicher Hoftheaterdichter mit festem Gehalt und Zusatzvergütung. Von seiner Geliebten, der Schauspielerin Antonie Adamberger (1790-1867) hatte er das Jawort bekommen.

Trotzdem meldete er sich freiwillig als Soldat, um Napoleon aus Deutschland zu vertreiben. Der Hintergrund: „Insbesondere die akademische Jugend stellte ein bedeutendes Kontingent zu den neugebildeten Jägerdetachements. Aus Berlin allein kamen 370 Gymnasiasten. Die Hörsäle leerten sich. Führten doch die Professoren selber […] ihre Studenten auf den Werbeplatz“ (Weldler-Steinberg I XXXII).

An seinen Vater schrieb Körner am 10. Januar 1813: „Deutschland steht auf; der preußische Adler erweckt in allen treuen Herzen durch seine kühnen Flügelschläge die große Hoffnung einer deutschen, wenigstens norddeutschen Freiheit. […] Ja, liebster Vater, ich will Soldat werden, will das hier gewonnene glückliche und sorgenfreie Leben mit Freuden hinwerfen, um, sei’s auch mit meinem Blute, mir ein Vaterland zu erkämpfen.“ Für das „höchste menschliche Gut, für seines Volkes Freiheit“, sei „kein Opfer zu groß“; „zum Opfertode für die Freiheit und für die Ehre seiner Nation ist keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu! […] Eine große Zeit will große Herzen“ (II 497).

„Toni hat mir auch bei dieser Gelegenheit ihre große edle Seele bewiesen. Sie weint wohl, aber der geendigte Feldzug wird ihre Tränen schon trocknen. Die Mutter soll mir ihren Schmerz vergeben, wer mich liebt, soll mich nicht verkennen, und Du wirst mich Deiner würdig finden. […] Humboldts, Schlegels und die meisten meiner Freunde haben bei meinem Entschlusse zu Rate gesessen“ (II 498).

Wieder Weldler-Steinberg: „Humboldt schickte seinen Sohn Theodor, Dorothea Schlegel ihren Sohn Philipp ins Feld. Der letztere ließ sich wie Körner bei dem Lützowschen Freikorps anwerben“ (I XXXII).

Körner hoffte, aus dem Krieg zurückzukehren und eine Familie zu gründen. Seine Stelle war ihm sicher. Obwohl er mehrfach verwundet wurde, kämpfte er nach Abheilung seiner Verletzungen weiter.

Doch als am 26. August 1813 an einem Waldrand das Signal zum Rückzug gegeben wurde, hörte Leutnant Körner es nicht oder wollte es nicht hören. So wurde er von einer feindlichen Kugel tödlich getroffen. Er wurde noch am selben Tag begraben. Seine Kameraden sangen zur Totenfeier seine eigenen Lieder.

Körners Schwester Emma starb im März 1815. „Es war, als ob jene geheimnisvoll bindende Naturkraft zwischen Geschwistern, wie sie Körner in den Erzählungen ‚Die Tauben‘ und ‚Die Rosen‘ geschildert hatte, sie dem geliebten Bruder nachzöge“ (Weldler-Steinberg I XXXVIII).

Die Tauben

Diese Erzählung von Körner hat Karoline Pichler schriftlich festgehalten. Sie handelt von den Zwillingen Liddy und Alfred, die durch „eine wunderbare Sympathie“ miteinander verbunden sind. Ihre Eltern sind darüber nicht nur glücklich, sondern auch besorgt. „Denn jene unbegreifliche Übereinstimmung, welche aus beiden Geschwistern nur ein Wesen machte und jede Einwirkung von der einen getrennten Hälfte auf die andere übertrug, so daß Liddy nur ein losgeschlagener Funke von Alfreds Leben zu sein schien (Körners eigne Worte), regte nicht ohne Grund den bangen Gedanken auf, daß ein Schlag wohl einst beide treffen, und der Verlust des einen Kindes die Eltern beider berauben könnte“ (I 236f).

Bevor Alfred im Alter von 18 Jahren das Elternhaus verläßt, um zu studieren, schenkt er Liddy einen Käfig mit zwei Tauben. Er hat sie selbst gefangen, gezähmt und ihnen die Namen „Alfred“ und „Liddy“ gegeben.

„Am andern Tage reiste er ab. Alle im Hause empfanden schmerzlich seine Entfernung; bei Liddy schien es, als sei ihre Seele oder wenigstens ein Teil derselben von ihr gewichen; ja diese stille Trauer des Gemüts griff endlich auch den Körper an, sie verfiel, ohne krank zu sein. Blaß, matt, teilnahmslos ging sie unter den Ihrigen umher, die vergebens alles aufboten, um sie zu zerstreuen und vergebens von einem Monat zum andern hofften, die Gewohnheit und die gute Zeit würden auch hier ihre still wirkende Gewalt zu üben nicht unterlassen“ (I 238).

Als Alfred wie geplant in den Ferien zurückzukehren gedenkt, freuen sich alle außer Liddy, als ob sie nicht glauben könnte, daß er käme. In den Tagen vor seiner Ankunft stürmt und regnet es heftig. Liddy schreit, daß Alfred ertrinke. Zu diesem Zeitpunkt will Alfred den Fluß schwimmend überqueren, da der Sturm die Brücke mitgerissen hat. Sein Diener sieht ihn ermatten und sinken. Er holt Hilfe im Dorf und rettet ihn. Die Nacht verbringt er im Pfarrhaus.

Am nächsten Morgen wundert sich Alfred, daß ihm niemand entgegenkommt. Er erfährt, daß Liddy „an den Folgen eines alten schleichenden Übels und unaussprechlicher Angst um ihn verschieden sei“, und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, „wo er, mit den Wellen kämpfend, jenes geisterhafte Umschlingen gefühlt hatte, das ihn seiner Sinne beraubte“ (I 240f).

Alfred kehrt nicht an die Universität zurück, sondern wohnt im Zimmer von Liddy mit seinen beiden Tauben. Er hilft dem Vater bei seinen Geschäften und liest der Mutter vor; „aber er tat es wie einer, dessen Körper mechanisch wirkt, indes der Geist weit davon entfernt ist“ (I 241).

Im Frühling besucht der Vater zusammen mit Alfred seinen Bruder. Als sie zurückkehren, sehen sie, daß eine Scheune vom Blitz getroffen wurde und das Feuer auf das Wohnhaus überzugreifen droht. Der Vater freut sich über Alfreds Engagement beim Löschen. Da sieht Alfred, daß Liddys Zimmer brennt und will seine Tauben retten. Balken und Decke stürzen ein, die Tauben fliegen fort, doch Alfred wird von einem Balken tödlich getroffen.

Andreas Hofers Tod (1810)

Der Gastwirt Andreas Hofer (1767-1810) wurde von den Tirolern zum Landeskommandanten gewählt. 1809 vertrieb er „durch seine beiden Siege am Berge Isel Franzosen und Bayern aus dem Lande“ (Frenzel 342). „Nach dem Sieg […] über die Bayern setzte er, von Wien ermutigt, auch nach dem Waffenstillstand von Znaim […] den Kampf um Tirol fort“ und besiegte die Franzosen; „danach wurde Hofer Regent von Tirol“ (MEL 12/138).

Doch Napoleon besiegte Österreich und verpflichtete es, Tirol zu räumen. „Als im Frieden von Schönbrunn […] Österreich auf Tirol verzichten mußte, gab Hofer, aus Unkenntnis der politischen Lage, den Kampf nicht auf“ (MEL 12/138). Ein Knecht namens Raffl verriet ihn. Die Franzosen erschossen ihn in Mantua.

Lieder, Tragödien und Opern über ihn waren „nicht nur während der Dauer der napoleonischen Herrschaft, sondern auch noch in der Folgezeit verboten; Hofer galt dem Metternich-Regime nicht so sehr als nationaler Kämpfer gegen die Franzosen wie als eigenmächtiger Exponent des Volkswillens, der die Botmäßigkeit gegen den Kaiser verletzt hatte“ (Frenzel 342).

„Sein Verhältnis zum Kaiser, das aus kindlicher Loyalität und überheblichem Stolz seltsam gemischt und durch die Enttäuschung völlig gestört war, gab den Taten Hofers etwas Unfreies, Gehemmtes und fast Passives“ (Frenzel 342).

„Keines der etwa 80 Hofer-Dramen hat dem Stoff eine künstlerische Gestaltung und den Tag überdauernde Wirkung verleihen können. […] Auch die erzählerischen Darstellungen des Stoffes […] sind nicht von großer Bedeutung gewesen. […] Am besten hat sich der Hofer-Stoff […] in der volkstümlichen Ballade und im Rollengedicht bewährt“ (Frenzel 343).

Hofers Gedicht steht in der Sammlung „Leyer und Schwert“ (1814). Körners Vater Christian Gottfried, der mit Schiller befreundet war, hat sie nach dem Tod seines Sohnes herausgegeben. Die darin enthaltenen Gedichte, zum Teil aus Körners Nachlaß, rufen zum „Kampf für das Vaterland“ auf. „Tod oder Freiheit heißt die Alternative in Schlachten, die als gottgewollt und von Gott gelenkt begriffen werden. Individuelle Rechte zählen nicht, der einzelne wird an dem gemessen, was er für ein letztlich doch ganz abstrakt begriffenes ‚Vaterland‘ einsetzt“ (Heide Gaiser, in: KNLL 9/573).

„Nur im Munde jener zum Freiheitskampf drängenden Jugend hatten die aus der Spontaneität geborenen und augenblicks zu bekannten Melodien eingerichteten Lieder ihren historisch rechten Platz und Sinn“ (Manfred Beller, in: Wilpert II 806).

Körners Gedicht „Andreas Hofers Tod“ gebe ich ganz wieder:

„Treu hingst du deinem alten Fürsten an,
Treu wolltest du dein altes Gut erfechten;
Der Freiheit ihren ew’gen Bund zu flechten,
Betratst du kühn die große Heldenbahn.
Und treu kam auch dein Volk zu dir heran,
Ob sie der Väter Glück erkämpfen möchten;
Ach! Wer vermag’s, mit Gottes Spruch zu rechten?
Der schöne Glaube war – ein schöner Wahn.
Es fangen dich die Sklaven des Tyrannen;
Doch wie zum Siege blickst du himmelwärts:
Der Freiheit Weg geht durch des Todes Schmerz.
Und ruhig siehst du ihre Büchsen spannen.
Sie schlagen an, die Kugel trifft ins Herz,
Und deine freie Seele fliegt von dannen“ (I 10).

In Körner saß beides: der Dichter (der Sänger mit der Leier) und der Soldat (mit dem Schwert). So schließt die „Zueignung“ vom 24.4.1813 mit folgenden Versen: „Und sollt‘ ich einst im Siegesheimzug fehlen: / Weint nicht um mich, beneidet mir mein Glück! / Denn was, berauscht, die Leier vorgesungen, / Das hat des Schwertes freie Tat errungen“ (I 9).

Die Todessehnsucht findet man in mehreren Gedichten des Zyklus „Leyer und Schwert“ (I 7-50). Körner versteigt sich sogar zu dem Satz, daß es „für den Willen […] keinen Tod“ gibt (I 42).

Ansonsten geht es um Treue, Ehre, Verläßlichkeit (das Einhalten des Eids), Liebe, Deutschland (Germania), das Erwachen der deutschen Frau, die Freiheit. Das Vaterland des Sängers ist dort, „Wo edler Geister Funken sprühten, / Wo Kränze für das Schöne blühten, / Wo starke Herzen freudig glühten, / Für alles Heilige entbrannt“ (I 18).

Die höchste Tat für Körner ist das Opfer von „Gut und Blut„, also Eigentum und Leben, „für Volk und Freiheit“ (I 14). Die Freiheit ist für ihn „das höchste Gut“, und wenn sie tausend Menschenleben kostet (I 28). Er setzt sie gleich mit der Liebe. „‚Denn der versteht das Lieben nicht, / Der nicht auch zuschlagen kann'“ (I 49), läßt er ein Liebchen sagen, während die Mutter den frischgebackenen Soldaten daheim mit Bratäpfeln und Wurst durchfüttern will.

Körner bettet das Soldatentum in einen religiösen Hintergrund ein: „Denn was uns mahnt zu Sieg und Schlacht, / Hat Gott ja selber angefacht“ (I 19). Es geht um „die gerechte Sache“ (I 19), nämlich den Kampf gegen die Tyrannei des Wüterichs (Napoleon), um Kreuzzug und heiligen Krieg. Doch Körner greift diejenigen an, die zu Gott beten, er solle die Menschheit vernichten, nur ihn selbst und die Seinigen verschonen. Diese Sünder soll Gott zertreten.

Woldemar

Diese „Geschichte aus dem italienischen Feldzuge von 1805“ (I 209-218) ist dokumentarisch gehalten. Der Erzähler verwendet Briefe, um darzustellen, wie der Soldat Woldemar sich in Italien in Magdalene verliebt, den Segen ihrer Eltern bekommt, aber im Zweikampf ihren Bruder tötet, der für die Franzosen kämpft. Magdalene verzeiht ihm, stirbt aber an ihrem Schmerz. Woldemar verzeiht sich nicht und sucht in der Schlacht den Tod.

Wer begreifen will, warum Körner sich freiwillig als Soldat gemeldet hat, findet in dieser Erzählung zwei Hinweise: Woldemars Ahnungen von seinem frühen Tod und den Satz, daß er der „Seligkeit“ mit Magdalene und ihren Eltern „nicht gewachsen“ ist (I 213).

Vermischte Gedichte

Der Traum (I 53-56) handelt von der Verführung eines Mädchens, das bei der Geburt ihres Kindes stirbt.

In seiner Überschwenglichkeit überschreitet Körner manchmal die Grenzen des guten Geschmacks, wenn etwa In Dornbach (I 81) „mit eines Kusses Wunderbeben / Unsre Seelen ineinander weben / Und in heil’gem Liebesrausch zerfließen!“ oder „Am 21. April 1812“ in der Augustiner-Kirche die Orgel niedersaust (I 82). Dazu paßt der Schlußvers aus Friedrichs Totenlandschaft: „Und im Gefühl vollendet sich die Kunst“ (I 113).

Daß sich in der Elegie (I 85ff) „im ewigen Frühling der Seele […] Tod und Vergessenheit […] an kein liebendes Paar“ wagt (I 87), paßt nicht zu den vielen Todesahnungen Körners, es sei denn man denkt an den Flug der Seele zum Himmel in Sängers Morgenlied (I 63).

Die schöne Sprache der Liebeständelei täuscht fast darüber hinweg, daß Körner eine Vergewaltigung (den Raub eines Kusses) schildert: „Süßes Liebchen, komm zu mir! / Tausend Küsse geb‘ ich dir. / […] Mädchen, werde doch nicht rot! / Wenn’s die Mutter auch verbot. / […] Liebchen, warum zierst du dich? / Höre doch und küsse mich! / […] Sieh, dein Sträuben hilft dir nicht; / Schon hab‘ ich nach Sängers Pflicht / Dir den ersten Kuß entrissen!“ (I 74)

Das Frauenlob ist Körner wie die „Ahnung einer höhern Welt“ (I 92).

In Mein Symbolum entfaltet der Dichter eine Art geistiger Autobiographie: Von „‚Cäsar oder nichts‚“ über die Freundschaft, die Liebe, den Genuß und das Maßhalten bis zur Überwindung des Spießbürgertums: „‚toll – aber klug‚“ (I 96f). Eine Art Ergänzung steht im Gedicht An Gustav Zedlitz: „Der reife Sinn wird doch das Höchste wählen“ (I 118f).

Die Burschentreue besteht in der freien Liebe: „Ein Burschenherz ist wie ein Taubenhaus. / Die eine fliegt ’nein, die andre fliegt ‚raus“. Aber wenn eine sich „für immer“ einnisten will, „fliegt der Bursch wohl am Ende selber ‚raus“ (I 98f).

Das Berglied ist eine Reminiszenz an Körners Bergbaustudium: „Und wenn sich Herrscher und Völker entzwein / Und dem Ruf der Gewalt nur gehorchen, / Und Nationen im Kampf sich bedräun, / Dann sind wir geschützt und geborgen; / Denn wem auch die Welt, die entflammte, gehört, / Nie wird in der Tiefe der Frieden gestört“ (I 104).

Der Weltschöpfer bringt ein brillantes Stück Psychologie: Der Knabe Gottlieb wird vom ganzen Dorf zum Sündenbock gemacht und jeweils so lange geprügelt, bis er gesteht. Um die Prügel zu vermeiden, gesteht er sofort. Nur der Pfarrer merkt, daß hier etwas nicht stimmt, und fragt Gottlieb, wer die Welt erschaffen habe. Falls Gottlieb nicht sofort antworte, werde er geprügelt. Der arme Gottlieb schluchzt: „‚Ach, laß Er den Ziemer nur ruhn! / Ich will’s ja gestehen, ich bin es gewesen / Und will es auch nimmermehr wieder tun'“ (I 137).

Anhand der einaktigen „Posse in Versen“ Der Nachtwächter (1811; II 327-347), in der dieselbe Geschichte sehr viel ausführlicher erzählt wird (II 330ff), merkt man dann, daß der Pfarrer kein brillanter Psychologe, sondern auch nicht besser ist als alle andern. Man merkt aber auch, daß der arme Nachtwächter Tobias Schwalbe nicht recht bei Trost ist: Er macht seiner Cousine Röschen, die den Studenten Karl Zeisig liebt, schöne Augen, läßt sich aber von Karl übertölpeln: Während Tobias auf einem Dach sitzt, nicht mehr herabkommt und sein Amt riskiert, entführt Karl die Geliebte und heiratet sie. Karls Kommilitone Ernst Wachtel ist übrigens ein ganz unverfrorener Antisemit, der stolz darauf ist, daß er Juden betrogen hat. „… der Stoff hat seinen Ursprung in einer Geschichte, die mir selbst in Leipzig begegnete“, schrieb Körner am 8.1.1812 an seine Familie (II 434).

Das gestörte Glück (I 139f) schildert das Schicksal eines Zukurzgekommenen, dem beim Küssen stets etwas dazwischen kommt: Einmal sticht er sich an einer Nadel im Miederband von Röschen, einmal beißt ihn ein Hund, einmal hindert ihn Röschens Vater, einmal bricht die Leiter, als er zu ihr durch’s Fenster steigen will. Dabei mag ihn Röschen! Friedrich Theodor Vischer (1807-1887) hat in solchen Fällen von der „‚Tücke des Objekts'“ gesprochen (vgl. „Auch einer“, 1/10, 32).

In Die Monatssteine (I 154-160) auf der Basis eines arabischen Mythos ordnet Körner nach astrologischer Manier jedem Monat einen Stein zu. Am wichtigsten ist seine Kritik an der Aufklärung: „Doch plötzlich ward aus Lebens Reichen / Der Sternenglaube streng verbannt. / Der schönste Traum ward uns entrissen, / Seit man die Geisterwelt verwarf, / Seit man nur kalten Weisheitsschlüssen / Und nicht dem Herzen glauben darf“ (I 155).

Der Kynast (I 161-171) bringt eine Sage aus dem Riesengebirge. Sie handelt von der verwitweten Gräfin Kunigunde, die ihren Freiern eine tödliche Mutprobe auferlegt. Um die Toten zu rächen, freit ein verheirateter Ritter um sie, besteht die Mutprobe und läßt sie dann sitzen. Kunigunde, die sich in ihn verliebt hat, stürzt sich von dem Felsen, der den anderen Freiern den Tod gebracht hat.

Geistergeschichten

Dazu gehören nicht nur die Erzählungen „Die Harfe“ (I 219-222) und „Hans Heilings Felsen“ (I 223-235), sondern auch die Gedichte „Hans Heilings Felsen“ (I 134f), „Wallhaide“ (I 171-177) und „Der Teufel in Salamanka“ (I 160f).

Die grundlegenden Aussagen sind allen gemeinsam:

  • Tote leben als Geister im Jenseits oder (wenn sie mit etwas unzufrieden sind) auf der Erde weiter. Sie beeinflussen die Menschen und ziehen sie mitunter zu sich hinüber in den Tod.
  • Wer sich dem Teufel verschreibt, kann zwar großen Schaden im Sinne des Teufels anrichten, muß aber selbst untergehen.

Trauerspiele

Thema von Toni (1812) ist die Sklaverei mit dem daraus resultierenden Haß der Schwarzen auf die Weißen. Toni, Tochter eines Weißen mit der Mestizin Babeckan, weigert sich im Gegensatz zu ihrer Mutter, unschuldige Weiße abzuschlachten, und flieht mit dem Schweizer Gustav, in den sie sich verliebt hat.

Die Herausgeberin kommentiert, daß in Toni „nur das Blut des weißen Vaters“ spricht. Sie kennt kein Verständnis für die in den tiefsten Gefühlen gekränkte Mutter, kein Mitgefühl für die unterdrückten schwarzen Volksgenossen (II 9).

Babeckan wurde gegeißelt, obwohl sie unschuldig war. Tonis Vater hat die Tochter nicht einmal anerkannt. Toni selbst ist nach unseren heutigen Begriffen eine Rassistin: „Doch was ein Bube grausam hier verbrach, / Warum es rächen an dem ganzen Volk? / Warum schuldloser Menschen Blut verspritzen, / Weil sie nicht schwarz wie Eure Brüder sind, / Weil ihre Sonne güt’ger sie bedachte, / Und klar die Farbe ihres milden Tags / Auf ihren weißen Zügen widerleuchtet?“ (II 19f)

In Die Sühne (1812) führt Körner vor, wohin es führen kann, wenn Menschen nicht zu ihren wahren Gefühlen stehen und eine Frau den Bruder anstatt den Mann heiratet, den sie liebt. Körner hielt das Thema und auch sein Stück für gräßlich. Am 22.2.1812 schrieb er an die Familie: „Mit der Sühne bin ich fertig und hätte nicht geglaubt, daß auch der gräßlichste Stoff so vielen Eindruck auf meine Nerven machen könnte. ’s ist eine verfluchte Sache um die Versinnlichung einer empörenden Situation“ (II 440). „Meine Sühne ist fertig und nach aller Geständnis das Gräßlichste, was man je gewagt hat. Was die Ausführung betrifft, so kann ich wohl mit mir zufrieden sein“ (26.2.1812; II 442). Doch „bei dem ersten Eindruck“ überwog „das Peinliche“ (3.4.1812; II 445).

Zriny (1812) handelt von Miklós (Nikola) Graf Zriny (wahrscheinlich 1508 – 1566), der bei der Verteidigung der Burg von Szigetvár gegen die Osmanen bei einem letzten Ausfall starb. Seine Soldaten sprengten sich in einem Pulverturm in die Luft, als die Niederlage unabwendbar war.

Körner machte in „Zriny“ „Gebrauch von der Erzählung einer ungarischen Chronik, daß Eva, seine Gemahlin, bei dem letzten Ausfall auf dem Pulverturme mit einer Fackel stehend, diesen mit dem ganzen Schloß und über dreitausend Türken, wie sie ihren Gemahl fallen sieht, in die Luft sprengt“ (Brief an seine Familie vom 29.3.1812; II 445).

Inwieweit mit Körners Entschluß, gegen Napoleon zu kämpfen, die folgenden Worte von Hauptmann Lorenz Juranitsch (Zrinys Schwiegersohn) zu tun haben, wäre interessant zu erfahren, denn Toni lebte ja nach Körners Tod weiter und heiratete vier Jahre später Josef Arneth, den Direktor des kaiserlichen Antikenkabinetts in Wien:

„Nicht ohne dich, Geliebte, möcht‘ ich sterben.
Doch so mit dir, in deinen Armen! Sieh,
Was kann uns diese Erde dann noch bieten?
Hat sie noch eine Seligkeit für uns?
Ich möchte untergehen wie ein Held,
Im frischen Glanze meiner kühnsten Liebe,
Und was die wilde Sehnsucht hier versprach,
Dort drüben von der Lust des Himmels fordern.
Was bleibt denn Höhres noch auf dieser Welt,
Das ich im sel’gen Wunsche nicht gekostet?
Gibt’s mehr als einen Silberblick im Leben?!
Hier ist das Glück vergänglich, wie der Tag,
Dort ist es ewig, wie die Liebe Gottes!“ (II 101)

Hedwig (1812) handelt vom Kampf gegen das Böse. Rudolf unterliegt, indem er selbst zum Mörder wird. Seine Moral: Was der Himmel verweigert, gibt ihm die Hölle „nach kurzem Dienst“ (II 187), nämlich Rache, Geld und eine Frau. Doch seine Rechnung geht nicht auf: Hedwig bringt Rudolfs Banditen und ihn selbst um, als sie das Schloß, in dem sie aufgewachsen ist, überfallen, ausrauben und anzünden wollen.

Rosamunde (1812) de Clifford war zeitgenössischen Chroniken zufolge die Geliebte von König Heinrich II. von England (1133-1189), die er in Schloß Woodstock verborgen hielt. In den Chroniques de Londres ist Heinrichs II. Gemahlin Eleonore von Aquitanien (um 1122-1204) Rosamundes Mörderin.

„Die Sage erwuchs offensichtlich aus dem Bestreben, Rosamundes raschen Tod und die Gefangensetzung der Königin in einen kausalen Zusammenhang zu bringen. Aus der Untreue des Königs und den Gerüchten um das Labyrinth erschloß man eine Eifersucht der Frau und ein Bestreben, die Rivalin zu beseitigen; Rosamundes Tod wurde einem Anschlag der Königin zur Last gelegt, die daraufhin – hier änderte man die Chronologie der Ereignisse entscheidend – von ihrem Mann mit lebenslänglichem Kerker bestraft wurde“ (Frenzel 693).

Körner legt den Schwerpunkt auf Rosamundes Unschuld – sie weiß nicht, daß sie die Geliebte des Königs ist, sondern denkt, sie habe es mit einem seiner Leute bei Hof zu tun. Als sie die Wahrheit erfährt, opfert sie sich für das Leben ihrer beiden Kinder von Heinrich II.: Eleonore droht sie erstechen, wenn sich Rosamunde dem Trinken des Giftbechers verweigert.

Betroffen machen vor allem die Verlogenheit, Falschheit und religiöse Heuchelei von Richard Löwenherz („Der Himmel siegt!“), Eleonore („Die Hölle steht vernichtet!“) und Heinrich II. („König der Könige, du hast gerichtet!“; II 264), als sie noch vor der Leiche von Rosamunde stehen.

Dem Soldaten-Einakter Joseph Heyderich oder: Deutsche Treue (1813) liegt eine „wahre Anekdote“ zugrunde, so der Untertitel (II 265). Die Handlung spielt „in Boghera am Abend nach der Schlacht von Montebello (9. Juni 1800)“ (II 266). Der verwundete Oberleutnant rettet dem Hauptmann von den Jägern das Leben, indem er ihn fortschickt, und wird dafür von einem Korporal gerettet, der für ihn sein Leben riskiert.

Lustspiele

Die Braut (1811) ist ganz ohne Tiefgang. Trotzdem hatte die Komödie „die Ehre […], verboten zu werden, zwar noch nicht offiziell, doch unter der Hand. Weswegen? – Darüber zerbricht sich alles den Kopf“ (7.3.1812; II 444).

Der grüne Domino (1811) kann man als feministische Komödie lesen, in der die Frauen über die Männer herziehen.

In dem Einakter Der Vetter aus Bremen (1811), ein „Spiel in Versen“ (II 349), und der Posse „Die Gouvernante“ finden sich Spitzen gegen den Autoritarismus im Schulwesen.

Gretchen im ersten Stück hält „das Denken“ für ein „gar zu köstliches, süßes Gefühl!“ (II 351) Ihr Vater, Pachter Veit, will sie mit einem „Schulmeister“ verheiraten und seine Tochter dadurch zur „Schulmeisterin“ machen. Doch Gretchens Geliebter Franz, der Veit ansonsten für vernünftig hält, fragt zu Recht: „Was verspricht er sich denn von dem Schultyrann?“ (II 352)

Gretchen erklärt es ihm: Ihr Vater ist aus der Familientradition ausgebrochen, selbst Schulmeister zu werden, und wurde ein Bauer. Damit die Tradition erhalten bleibt, hat er Gretchen einem weitläufigen Vetter aus Bremen versprochen, der Schulmeister ist.

Franz erinnert sich an seinen ehemaligen Lehrer Peter, den Bruder von Veit, der ihn in der Schule „oft genug braun geschlagen“ hat (II 353). Er hält Veit vor, daß er „der Tochter Glück und Frieden“ opfere, wenn er ihr Herz breche. „Soll sie, von Lieb‘ und Hoffnung geschieden, / Einsam verwelken am Dornengesträuch?“ Er selbst hält sich für „besser als solch ein Perückengesicht“ (II 356), den Franz noch nicht einmal gesehen hat.

Er nennt Veit einen Barbaren. „Denkt nur an das elende Stubensitzen / Hinterm Ofen auf weicher Bank, / Bei den latein’schen Vokabeln zu schwitzen, / Schwach auf der Brust und im Magen krank; / Kann keine derbe Speise vertragen, / Nimmt sich vor Zug und Regen in acht; / Sieht nur in traurigen Wintertagen, / Wie die Sonne aufgeht in heiterer Pracht“ (II 356).

Auf diese Weise geht es noch eine Weile weiter. Dann fragt Franz: „Und neben der trocknen, verschwitzen Seele / Soll Euer blühendes Gretchen stehn? / Wollt Ihr sie in der vergifteten Höhle / Der Bücherwürmer verschmachten sehn?“ (II 356)

Veit schätzt den Franz, will aber sein Wort nicht brechen. Franz weist darauf hin, daß es auch in seiner Familie „große Geister“ gab und der „jetzige Magister“ mit ihm verwandt sei (II 357). Veit denkt daran, daß der Vetter „eben nicht der Sauberste sein“ soll und „schon längst aus den Bräutigamsjahren“ ist. „Wenn ich’s recht überlege – es geht nicht! – nein! – / Das arme Gretchen!“ Schließlich erachtet er es als seine Pflicht, sein Versprechen zurückzunehmen und den Vetter „mit ein paar Talern“ abzufinden (II 358).

Nun spielen beide dem Gretchen eine Posse vor, indem sie sich verkleiden und sich als ihr Zukünftiger ausgeben. Veit will dadurch herausfinden, ob Gretchen Franz wirklich liebt, Franz will Veit den Vetter abspenstig machen. Gretchen hält nichts von derart krummen Touren, doch sie läßt den Geliebten machen.

Die Intrige von Veit geht schief, da Gretchen in ihm ihren Vater erkennt. Die Intrige von Franz geht schief, da er Veit nicht erkennt und meint, sein Rivale sei schon da. Also gibt er sich als Kollege aus und Veit zeigt seine wahre Gesinnung, indem er sicherheitshalber fragt: „Ein Schuldespot?“ (II 364)

Während die beiden falschen Schwiegersöhne noch darüber diskutieren, wer nun der rechte ist, gibt sich Gretchen für den echten „Schultyrann aus Bremen“ (II 360) aus und lädt die beiden zum Essen bei ihrem „künftigen Schwiegerpapa“ ein (II 365).

Franz und Veit wollen sich noch einmal vergewissern, wen sie da vor sich haben, und Gretchen antwortet ganz unbefangen, sie sei aus Bremen, Veit sei ihr Vetter. „Sein Gänschen will ich zur Frau mir nehmen; / Der alte Narre versprach sie mir“ (II 366).

Erst als Franz und Veit kurz davor sind, auf den angeblichen Vetter loszugehen, enttarnt sich Gretchen: „Ach, wenn sich im Dorfe die Schulmeister prügeln, / Das würde ein schönes Exempel sein!“ Dann reißt sie sich die Perücke vom Kopf (II 366).

Franz erkennt den Veit immer noch nicht, doch Gretchen klärt ihn auf, und Franz bittet Veit um Verzeihung für seine Posse. Veit antwortet: „Du bist ein braver Bursche, du! – / Das bleibt doch der beste Stand im Leben; / Drum nimm sie und meinen Segen dazu!“ Die beiden Verliebten rufen „Vater!“, Franz sagt: „Mein Trost ist geblieben: / Der dort im Himmel hat uns nicht verkannt; / Und wenn sich zwei Herzen nur redlich lieben, / Da kommt das Schicksal doch noch zu Verstand“ (II 366).

Veit resümiert: „Zum Glücke braucht’s keine Gelehrsamkeit. / […] Das erste Kind, das die Engel bescheren, / Ist’s ein Sohn“ – „Er soll Schulmeister sein!“, ergänzen Gretchen und Franz (II 367).

Die Gouvernante ist eine verbiesterte alte Jungfer, die ihren Zöglingen Franziska und Luise das Leben so sauer wie möglich macht. Sogar die vermeintlichen Briefe ihrer Liebhaber enthält sie ihnen vor, will sie selbst lesen und danach zurückschicken.

Franziska liest ihr die Leviten: „Ist’s etwa denn erlaubt, / Wenn man wie Kinder uns noch an den Schultisch schraubt? – / Groß, alt und hübsch genug, um in der Welt zu glänzen, / Was soll die Weisheit uns, was helfen die Sentenzen? / Nicht ein vernünftig Buch gibt man uns in die Hand, / Ein deutsches gutes Werk heißt Ihnen Konterband. – / Nun soll ich, um nicht fremd in dieser Welt zu bleiben, / Noch im achtzehnten Jahr die Erdbeschreibung treiben. / Das ist zu arg!“ (II 375)

Die Gouvernante rechtfertigt sich: Sie selbst habe als Jugendliche Dutzende Liebesbriefe bekommen, aber nicht gelesen, sondern ihrer Gouvernante gegeben, die sie verbrannt habe. Franziska und Luise wehren sich: Sie nehmen der Gouvernante die Brille weg, so daß sie die Briefe nicht lesen kann.

Währenddessen erinnert sich die Gouvernante an ihre einstigen Verehrer und sinniert: „Jetzt ist die Welt verkehrt: die Henne lernt vom Ei! / Das junge arge Volk wird alle Tage schlimmer; / Das greift nur nach dem Schein und freut sich nur im Schimmer. / […] Da war noch gute Zeit, als wir die Jugend waren; / Doch als wir nach und nach auch grau geworden sind, / Hat sich die Welt verkehrt, das ganze Volk ist blind, / Und die Verderbnis ist in vollem Gange da. – / Nun, mich verführt sie nicht, Dieu me protègera!“ (II 385)

Danach führen die jungen Damen erfolgreich eine Maskerade auf, um an die Briefe zu kommen, lesen sie und schätzen sich glücklich, daß Vater und Vormund mit ihren Brautwerbern einverstanden sind.

Briefe

Vom Vater zum Freund. Der Briefwechsel zwischen Körner und seinem Vater ist ein Briefwechsel zwischen Freunden. Am 11.2.1809 schrieb der Vater an den Sohn: „Ich gestehe, daß es mir erwünscht wäre, wenigstens etliche Jahre mit meinem ausgebildeten Sohne als Freund zu verleben. Vielleicht könnte ich Dir selbst, in Deinem Fache, als unbefangener Betrachter nützlich sein und Dich auf Lücken aufmerksam machen, die ich Dir auszufüllen überlassen müßte“ (II 398).

Beim Geschichtsstudium legte der Vater dem Sohn die Lektüre der Quellen ans Herz: „Aber Kompendien und Handbücher muß man nicht lesen, sondern die Quellen studieren. […] Exzerpieren würde ich dabei anraten, aber um das Schreiben abzukürzen ein Buch wie Schmidts deutsche Geschichte zum Grunde legen, und bloß was dort fehlt, mir aufnotieren. Die Exzerpte könnten fortlaufende Seitenzahlen haben, und in Dein Exemplar von Schmidt könntest du am Rande die Seite Deiner Anmerkungen allegieren [anführen], um alles leicht finden zu können“ (II 422).

Am Weihnachtsabend 1811 bestätigte Körner, daß das Vorhaben des Vaters geglückt war: „Du hast aus dem Sohne Dir den Freund gemacht, und kindliche Liebe ist zu männlichem Vertrauen gereift“ (II 429).

Politik und Gesellschaft. Körner war vor allem an einem Austausch über Politik interessiert, der jedoch dadurch, daß Briefe geöffnet wurden oder/und nicht ankamen, beeinträchtigt wurde: „Schreibt bald und womöglich Politica, denn das Kannegießern ist jetzt wieder im höchsten Flor“, schrieb Körner am 27.2.1809 an seinen Vater.

„Kannegießern“ war die Bezeichnung für das Politisieren am Stammtisch anhand von Zeitungsberichten und politischen Lehrbüchern. Sie ging auf die Komödie „Der politische Kannegießer“ (1722) von Ludvig Baron von Holberg (1684-1754) zurück (vgl. meinen Aufsatz „Friedrich Hebbel als Philosoph VII“, Seite 2f).

Im April 1811 warnte der Vater den Sohn, der wegen Händeln in Burschenschaften in Schwierigkeiten geraten war, vor Geheimgesellschaften: „Ein anderer Punkt ist das Eingehen der Verbindung mit einer geheimen Gesellschaft, deren in Berlin von mancher Art vorhanden sein mögen. Was für den Zweck einer solchen Gesellschaft angegeben wird, ist oft begeisternd für eine hochherzige und poetische Natur; aber durch eine glänzende Außenseite darf man sich nicht blenden lassen. Schlaue und herrschsüchtige Köpfe wissen in solchen Gesellschaften bald eine Rolle zu spielen und den Eifer eines Mitgliedes, dem es bloß um die Sache zu tun ist, zu ihren besondern Zwecken zu mißbrauchen“ (II 411f).

Religion. Am 1.2.1813 schrieb der Vater an Körner über dessen Braut Toni: „Wenn ich den Schluß Deines Briefes recht verstehe, so hast Du wegen des Unterschiedes der Religion Kämpfe zu erwarten. Ich begreife dies wohl, aber ich habe zu Dir und Toni das Vertrauen, daß dieser Punkt Euch beide nicht beunruhigen wird. Nur von Euern Umgebungen sind vielleicht peinliche Diskussionen zu besorgen. Toni würde weniger liebenswürdig sein, wenn sie ihrem Glauben nicht eifrig ergeben wäre. Die frühsten Eindrücke haben auf ihre Phantasie mächtig gewirkt, und das Heiligste in ihrem Herzen ist mit gewissen kirchlichen Gebräuchen innig verwebt. Auch hat der katholische Lehrbegriff überhaupt für ein weibliches Gemüt viel Anziehendes und Beruhigendes. Und es gibt achtungswürdige Männer, die sich aus wahrem Gefühl für Religion dafür bestimmten, wenn sie den Mut verloren, als Selbstforscher, auf dem beschwerlichern Wege des Protestantismus, zu einem innern Frieden zu gelangen. […]

Du hast den Sinn für das Heilige bewahrt, aber kirchliche Meinungen haben jetzt für Dich kein Interesse, jedoch nicht aus Frivolität oder Geringschätzung, sondern weil Liebe und Kunst in Deiner Seele ausschließend herrschen. Du hast zuviel Tiefe, um nicht früher oder später auch auf Untersuchungen über Gegenstände der Religion geführt zu werden. Für diesen Zeitpunkt ist es wichtig, die Freiheit Deines Geistes zu behaupten und nicht in die peinliche Lage eines Streites zwischen Deinem Bekenntnisse und Deiner Überzeugung zu geraten.

Der wesentliche Vorteil des Protestantismus ist, daß er zu der ursprünglichen Reinheit des Christentums den Weg öffnet und von der Knechtschaft unter kirchlichen Autoritäten befreit. Ohne den hohen Wert einer göttlichen Offenbarung zu verkennen, darf man mit äußerster Strenge prüfen, was unter diesem Namen uns dargeboten wird. Das Edelste muß ausarten, wenn es durch mehrere Zeitalter von Menschen bewahrt und fortgepflanzt wird. Daher die Notwendigkeit, den Gehalt von den Schlacken zu sondern. […]

Warum solltest Du und Toni nicht über kirchliche Meinungen und Gebräuche verschieden denken können? In dem Wesentlichen der Religion seid Ihr gewiß einverstanden. Wo ein Teil von dem andern abweicht, liegen schätzbare Triebfedern zum Grunde. Nicht also Toleranz, sondern gegenseitige Achtung wird Euch mit der Verschiedenheit der Ansichten aussöhnen“ (II 488; Abschnittsetzung von mir).

Über den Tod. Als Tonis Großvater im Alter von 88 Jahren gestorben war, schrieb Körner am 27.1.1813 an seine Familie: „Der alte Mann lag nun seit achtzehn Monaten an allen Gliedern gelähmt, der Sprache und jedes andern Mittels, sich verständlich zu machen, beraubt, auf dem Krankenbette. […] Ich stand an seinem Sterbebette. Die große Fassung der Tante vor den Kindern war das Ehrwürdigste, was ich seit lange mit erlebt habe. […]

Sein Tod war ruhig und sanft. – Man sollte doch so oft, als man könnte, an das Lager eines Sterbenden treten, es gibt kaum größere Momente“ (II 487; Abschnittsetzung von mir).

Der Vater antwortete am 1.2.1813 ziemlich nüchtern: „Die längere Dauer eines solchen Lebens war keine Wohltat für den Verstorbenen und eine Quelle von Leiden für die Seinigen“ (II 487).

Die folgenden Briefe schrieb Körner als Soldat an Frau von Pereira:

„Eben erhalten wir die Nachricht, daß wir binnen acht Tagen vor dem Feinde stehen. […] Wir werden mit aller Eile vorgeworfen, und ich halte es für keine kleine Gunst des Schicksals, daß ich entweder die heilige Erde meiner Heimat befreien helfen darf oder doch vor den Mauern meiner väterlichen Stadt, wie ein ehrliches deutsches Herz, verbluten kann. Das walte Gott, ich bin bereit! – […]

Es gleicht wohl nichts dem klaren bestimmten Gefühle der Freiheit, das dem Besonnenen, im Augenblicke der Gefahr, lächelnd entgegentritt. Kein Tod ist so mild wie der unter den Kugeln der Feinde; denn was den Tod sonst verbittern mag, der Gedanke des Abschieds von dem, was einem das Liebste, das Teuerste auf dieser Erde war, das verliert seinen Wermut in der schönen Überzeugung, daß die Heiligkeit des Untergangs jedes verwundete, befreundete Herz bald heilen werde“ (30.3.1813; II 501f; Abschnittsetzung von mir).

„Wenn man das Leben weggeworfen hat und das, was man davon wieder erhält, als ein liebevolles Geschenk von der Huld des Glücks betrachtet, so treten alle Nebel der bürgerlichen Verhältnisse zurück, und klar und hell steht Wunsch und Wille vor den Augen“ (13.4.1813; II 503).

„Über die Ahnungen hab‘ ich jetzt recht tüchtige Erfahrungen gemacht. Vor der unglücklichen Affäre bei Kitzen wies mir der Major Lützow von weitem ein Grab, deren es dort seit der Lützener Schlacht zahllose gibt. Ich sprengte darauf zu, und als ich näher heranritt, sank mein Pferd mit den Vorderfüßen hinein. Es war mir eine unangenehme Empfindung, und etwas verstimmt kam ich zum Major zurück. Ich sagte ihm, mir wäre zumute, als ging’s uns heute noch schlecht, – die französischen Vorposten hatten wir schon von weitem gesehn, – er lachte mich aus und bat mich, die Poesie aus dem Leben zu verjagen.

Kurz darauf, als ich mit zum Parlamentieren vorritt, stürzte sein Pferd, der beste Springer im ganzen Korps, als er über einen kleinen Graben setzte. Mühsam arbeitete sich Lützow unter ihm hervor, und ich hatte das unangenehme peinliche Gefühl eines nahen Unglücks zum zweiten Male.

Fünf Minuten darauf sank ich, von drei Hieben zerfleischt, auf den Hals meines Pferdes, und nur seinem Sprunge verdank‘ ich mein Leben, sonst hätte mich der vierte Hieb, der mir den Mantel zerhaute, vollends abgefertigt“ (18.7.1813; Abschnittsetzung von mir).

„Ich bin wieder beim Korps, von allen mit der herzlichsten Liebe empfangen; soeben marschieren wir, in zwei Tagen erwarten wir die Todeshochzeit“ (18.8.1813).

Am 23.8.1813 schrieb Körner an den Hofrat Parthey: „Ich lebe noch“ (II 512). Am 26.8.1813 wurde Körner tödlich von einer feindlichen Kugel getroffen.

© Gunthard Rudolf Heller, 2024

Literaturverzeichnis

FECHTER, Paul: Geschichte der deutschen Literatur 1 – Von ihren Anfängen bis ins 19. Jahrhundert, Gütersloh 1960

FRENZEL, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur – Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 81992

HELLER, Gunthard: Friedrich Hebbel als Philosoph VII, Facebook 2024

HOFFMANN, Friedrich G. / RÖSCH, Herbert: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur – Ein geschichtliche Darstellung, Frankfurt am Main 61973

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996

KÖRNERS WERKE in zwei Teilen – Auf Grund der Hempelschen Ausgabe neu herausgegeben mit einem Lebensbild, Einleitungen und Anmerkungen versehen von Augusta Weldler-Steinberg, Berlin/Leipzig/Wien/ Stuttgart o.J. (Bei Zitaten habe ich Sperrdruck kursiv wiedergegeben.)

MARTINI, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 141965

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

VISCHER, Friedrich Theodor: Auch einer – Eine Reisebekanntschaft, Reprint Wurmlingen o.J.

WILPERT, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 51969

– (Hg.): Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

Gunthard Heller

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