Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen – Über geschichtliches Studium

1851 und im Winter 1854/55 hielt Jacob Burckhardt (1818-1897) an der Universität Basel die Vorlesung „Einleitung in das Studium der Geschichte“. In den Wintersemestern 1868/69, 1870/71 und 1872/73 erweiterte er sie, nun unter dem Titel „Über das Studium der Geschichte“. Aus Teilen davon wurden die Vorträge „Über die Individuen und das Allgemeine“, „Über historische Größe“ und „Über Glück und Unglück in der Weltgeschichte“.

Der Titel „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ für die genannten Vorlesungen und Vorträge stammt von dem Altphilologen Jacob Oeri, einem Neffen von Burckhardt. Oeri schrieb im Sommer 1905 die Einleitung zu seiner postumen Ausgabe des Werks. „Er hat die stichwortartigen Notizen Burckhardts in einen laufenden Text verwandelt, auf dem bis zum heutigen Tag alle Ausgaben beruhen.“ Oeris Streichungen wurden in der vorliegenden Ausgabe „wiederhergestellt“ (Nachwort von Werner Kaegi, S. 209).

Einleitung

Burckhardt geht „vom duldenden, strebenden und handelnden Menschen“ aus, „wie er ist und immer war und sein wird“; deshalb bezeichnet er seine „Betrachtung“ als „pathologisch“. Es kommt ihm auf „das sich WiederholendeKonstanteTypische […] als ein in uns Anklingendes und Verständliches“ an (S. 3).

Jacob Burckhardt

Er verzichtet auf Spekulationen über den Anfang der Menschheit oder gar des Universums. Ebenso verzichtet Burckhardt auf Prognosen über ein eventuelles Ende der Welt. Er beschränkt sich auf Völker, von denen ausreichende Nachrichten vorliegen.

Die „große Gesamtaufgabe der Geschichte“ (gemeint ist: der Geschichtsschreibung) ist für Burckhardt darzustellen, „wie erstlich alles Geistige […] eine geschichtliche Seite habe, […] und wie zweitens alles Geschehen eine geistige Seite habe“ (S. 4).

Er will die vaterländische Geschichte „in Parallele und Zusammenhang mit dem Weltgeschichtlichen und seinen Gesetzen […], als Teil des großen Weltganzen“ betrachten und die „Begriffe Glück und Unglück für die Weltgeschichte“ eliminieren oder beschränken (S. 9).

Von den Tips, die Burckhardt für das Studium der Geschichte bzw. „des Geschichtlichen“ gibt, sind folgende bemerkenswert:

  • Anhand eines Universitätsstudiums soll man das wissenschaftliche Arbeiten lernen.
  • Man soll möglichst viele Sprachen lernen.
  • Man soll seine Zeit nicht vergeuden und seinen Geist nicht durch Zeitungs- und Romanlektüre verwüsten.
  • Beim Quellenstudium soll man klug auswählen, da niemand alles lesen kann. „Man muß glauben, daß in allem Schutt Edelsteine der Erkenntnis vergraben liegen […]; eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, daß uns ein Licht aufgehe, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist. […] Die Quellen aber […] sind unerschöpflich, so daß jeder die tausendmal ausgebeuteten Bücher wieder lesen muß, weil sie jedem Leser und jedem Jahrhundert ein besonderes Antlitz weisen und auch jeder Altersstufe des Einzelnen“ (S. 15).
  • Man soll zweierlei exzerpieren: das, was im Hinblick auf das Forschungsziel wichtig ist, und alles, was einem irgendwie „merkwürdig vorkommt“ (S. 16).

Von den drei Potenzen

Mit den „drei Potenzen“ meint Burckhardt „Staat, Religion und Kultur“. Während die ersten beiden „wenigstens für das betreffende Volk“ eine zwingende Geltung beanspruchen, läßt die Kultur den einzelnen frei (S. 20). Anders ausgedrückt: sie geschieht „spontan“ und beansprucht „keine universale oder Zwangsgeltung“ (S. 41).

Die Entstehung der Staaten erklärt Burckhardt durch Gewalt. Die „Kontrakthypothese“ (vgl. Rousseau) hält er für absurd (S. 21). Ist die Macht einmal erlangt, schämt man sich der Verbrechen, die man dafür begangen hat, und „kommt […] zu einer Sophistik, wie sie z. B. Friedrich II. beim ersten schlesischen Kriege sich gestattete, und zu der sauberen Lehre von den ‚unberechtigten Existenzen'“ (S. 26).

Friedrich II. benutzte „u.a. die Erbverträge der Hohenzollern und der Liegnitzer Piasten von 1537 als Rechtsgrundlage“ für seinen Einfall in Schlesien am 16.12.1740. „Er unterstrich seine Gebietsforderungen durch militärische Erfolge“ (MEL 21/124).

Burckhardt kommentiert: „Die spätere wirklich erreichte Amalgamierung des Geraubten ist keine sittliche Lossprechung des Räubers, wie überhaupt nichts gutes Folgendes ein böses Vorangegangenes entschuldigt“ (S. 26). „Jedenfalls darf man nicht in den Mitteln der Unterwerfung und Bändigung die bisherige Barbarei selber überbieten“ (S. 27).

Die Entstehung der Religionen erklärt Burckhardt aus dem metaphysischen Bedürfnis der Menschen. Genauso könnte man die Entstehung der Staaten aus dem Sicherheitsbedürfnis erklären, die Entstehung der Kultur aus dem Bedürfnis zu überleben, die Entstehung von Wissenschaft und Philosophie aus dem Bedürfnis nach der Wahrheit und die Entstehung der Künste aus dem Bedürfnis nach dem Schönen.

Der Poesie widmet Burckhardt ein eigenes Unterkapitel, weil sie eine der „allerwichtigsten Quellen“ der Geschichtsschreibung sei, außerdem „eine ihrer allerreinsten und schönsten“ (S. 51).

Der folgende Satz klingt ganz nach Hegel: „Wenn der Geist sich einmal seiner selbst bewußt geworden, bildet er von sich aus seine Welt weiter“ (S. 44).

Die Betrachtung der sechs Bedingtheiten

In diesem Kapitel handelt Burckhardt davon, wie sich Staat, Religion und Kultur gegenseitig bedingen (= bestimmen, beschränken, beeinflussen, unterdrücken, in Beziehung stehen, verändern, färben, verbinden). Um das zu illustrieren, bringt er Beispiele aus der Geschichte.

Wenn der Staat einseitig dominiert, führt das zu folgendem Szenario: „Die allmähliche Gewöhnung an gänzliche Bevormundung aber tötet endlich jede Initiative; man erwartet alles vom Staat, woraus dann bei der ersten Verschiebung der Macht sich ergibt, daß man alles von ihm verlangt, ihm alles aufbürdet“ (S. 70). Wenn ein Staat sich verschuldet, beweist er für Burckhardt „einen herzlosen Hochmut als wesentlichen Charakterzug“, da er „das Vermögen der künftigen Generationen vorweg“ verschleudert (S. 99). Platons Politeia ist für Burckhardt „der indirekte Beweis, weshalb Athen verloren sei“ (S. 93). Das erläutert er allerdings nicht weiter.

Burckhardts Kritik am Islam erscheint mir angesichts der Geschichte von Judentum und Christentum als einseitig und ungerecht: „Der Islam […] ist […] wohl vorwiegend eher schädlich als nützlich gewesen, und wäre es auch nur, weil er die betreffenden Völker gänzlich unfähig macht, zu einer andern Kultur überzugehen“ (S. 72). Hat Burckhardt vergessen, daß der Islam die antike Kultur bewahrt und überliefert hat, während das Christentum sie unterdrückte? Auch daß der Islam „nur von sich Notiz“ nahm (S. 153), stimmt vor diesem Hintergrund nicht.

Er kritisiert weiter, daß sich „ein diabolischer Hochmut gegenüber dem nicht-islamischen Einwohner und gegenüber andern Völkern“ entwickelte, „bei periodischer Erneuerung des Glaubenskrieges“ (S. 73). Hat Burckhardt die in der Bibel dargestellte Haltung der Juden zu anderen Völkern und die Kreuzzüge der Christen vergessen? Warum verweist er stattdessen auf „die trübste christliche Kontemplation und Askese“, die „der Kultur nicht so schädlich als der Islam“ gewesen sei? (S. 73)

Die Muslime „haben lange nicht so viel geforscht und entdeckt, als sie frei gedurft hätten, es fehlte der allgemeine Drang zur Ergründung der Welt und ihrer Gesetze“ (S. 73). Wo war denn dieser Drang zur Zeit des Alten Testaments und im christlichen Mittelalter?

Die folgende Bemerkung Burckhardts betrifft den Umgang des Westens mit dem Islam: „Wer die Moslemin nicht ausrotten kann oder will, läßt sie am besten in Ruhe; ihre […] Länder kann man ihnen vielleicht nehmen, ihren wirklichen Gehorsam aber unter ein nicht koranisches Staatstum nicht erzwingen“ (S. 81).

Die nachstehenden allgemeinen Aussagen Burckhardts lassen sich auch auf den Islam anwenden: „Zwang aber erzeugt Heuchelei und böses Gewissen“ (S. 108). Und: Dem „Gesamtgeist“ ist „nur durch Freiheit zu helfen“ (S. 90).

Für Burckhardt ist die Philosophie „der höchste Zweig der Kultur“ (S. 107).

Die geschichtlichen Krisen

In diesem Kapitel behandelt Burckhardt die „beschleunigten Prozesse“, während es im vorigen Kapitel um die „allmählichen und dauernden Einwirkungen und Verflechtungen der großen Weltpotenzen auf- und miteinander“ gegangen ist (S. 116).

Diese „beschleunigten Prozesse“ nennt er auch Krisen. „Die echten Krisen sind überhaupt selten“ (S. 122). Das Unterscheidungskriterium: „Wahre Krisen geraten durch den materiellen Widerstand erst recht in Flammen, unwahre oder ungenügende erlahmen dabei, nachdem vielleicht der Lärm vorher überaus groß und laut gewesen“ (S. 127). „Wenn zwei Krisen sich kreuzen, so frißt momentan die stärkere sich durch die schwächere hindurch“ (S. 129).

Eine Invasion, die „von einem jungen kulturfähigen Volk gegen ein älteres Kulturvolk ins Werk gesetzt wird“, betrachtet Burckhardt als „Verjüngung“ (S. 116), wenn die Angehörigen der beiden Völker Nachkommen miteinander zeugen. Die mit einer Invasion verbundene Traumatisierung übersieht er nicht. Auch gibt er zu bedenken, daß der Sieger verwildern kann, wenn er sich auf den Besiegten einläßt.

Den Gedanken der Konkurrenz zwischen zwei Menschen verwirft Burckhardt entschieden: „Es gehört mit zur Jämmerlichkeit alles Irdischen, daß schon der Einzelne zum vollen Gefühl seines Wertes nur zu gelangen glaubt, wenn er sich mit anderen vergleicht und es diesen je nach Umständen tatsächlich zu fühlen gibt. Staat, Gesetz, Religion und Sitte haben alle Hände voll zu tun, um diesen Hang des Einzelnen zu bändigen, d. h. ins Innere des Menschen zurückzudrängen. Für den Einzelnen gilt es dann als lächerlich, unerträglich, abgeschmackt, gefährlich, verbrecherisch, sich ihm offen hinzugeben“ (S. 118).

Entsprechend geißelt Burckhardt die Konkurrenz zwischen zwei Staaten: „Im großen aber, von Volk zu Volk, gilt es als zeitweise erlaubt und unvermeidlich, aus irgendwelchen Vorwänden übereinander herzufallen. Der Hauptvorwand ist, im Völkerleben gebe es keine andere Art von Entscheid, und ‚wenn wir’s nicht tun, so tun’s die andern'“ (S. 118).

Dazu passen allerdings Burckhardts positive Äußerungen über den Krieg nicht so recht:

  • „Ein Volk lernt wirklich seine volle Nationalkraft nur im Kriege, im vergleichenden Kampf gegen andere Völker kennen, weil sie nur dann vorhanden ist“ (S. 118).
  • „Die Menschen sind Menschen im Frieden wie im Kriege; das Elend des Irdischen hängt ihnen in beiden Zuständen gleich sehr an“ (S. 118).
  • „Der lange Friede bringt nicht nur Entnervung hervor, sondern er läßt das Entstehen einer Menge jämmerlicher, angstvoller Notexistenzen zu, welche ohne ihn nicht entständen und sich dann doch mit lautem Geschrei um ‚Recht‘ irgendwie an das Dasein klammern, den wahren Kräften den Platz vorwegnehmen und die Luft verdicken, im ganzen auch das Geblüt der Nation verunedeln. Der Krieg bringt wieder die wahren Kräfte zu Ehren. Jene Notexistenzen bringt er wenigstens vielleicht zum Schweigen“ (S. 119).
  • „Sodann hat der Krieg […] eine enorme sittliche Superiorität über den bloßen gewaltsamen Egoismus des Einzelnen; er entwickelt die Kräfte im Dienst eines Allgemeinen“ (S. 119).
  • „Und da ferner nur wirkliche Macht einen längeren Frieden und Sicherheit garantieren kann, der Krieg aber die wirkliche Macht konstatiert, so liegt in einem solchen Krieg der künftige Friede.“ Doch es müßte „womöglich ein gerechter und ehrenvoller Krieg sein, etwa ein Verteidigungskrieg“, ferner „ein wirklicher Krieg um das gesamte Dasein“ (S. 119).

Aber die folgende negative Äußerung über den Krieg paßt zu Burckhardts Ablehnung des Konkurrenzgedankens: „Jede erfolgreiche Gewalttat ist allermindestens ein Skandal, d. h. ein böses Beispiel; die einzige Lehre aus gelungener Missetat des Stärkeren ist die, daß man das Erdenleben überhaupt nicht höher schätze, als es verdient“ (S. 120). Allgemein: „Auf Erden ist das Unsterbliche die Gemeinheit“ (S. 134).

Staatsstreiche führen gewöhnlich in eine Despotie. Das Problem: „Der Despot kann unendlich viel Gutes stiften, nur nicht eine gesetzmäßige Freiheit herstellen“ (S. 136).

Das Individuum und das Allgemeine (Die historische Größe)

In diesem Kapitel hat es Burckhardt „mit den großen Männern zu tun.“ Er definiert die Größe in Relation zur eigenen Kleinheit, „Zerfahrenheit und Zerstreuung. Größe ist, was wir nicht sind“ (S. 151). Auch noch auf der nächsten Seite bleibt er im Vagen: „Die wirkliche Größe ist ein Mysterium“ (S. 152).

Doch dann bringt er eine wirkliche Definition: „Der große Mann ist ein solcher, ohne welchen die Welt uns unvollständig schiene, weil bestimmte große Leistungen nur durch ihn innerhalb seiner Zeit und Umgebung möglich waren und sonst undenkbar sind“ (S. 153). Kurz ausgedrückt: Einen großen Menschen kann man nicht ersetzen.

Die wirklich großen Menschen sind für Burckhardt weder die Staatsmänner, Entdecker oder Wissenschaftler, sondern die Philosophen: „Mit den großen Philosophen erst beginnt das Gebiet der eigentlichen Größe, der Einzigkeit und Unersetzlichkeit, der abnormen Kraft und der Beziehung auf das Allgemeine“ (S. 157).

Dichter und Künstler werden als groß empfunden, weil deren Phantasie „zu jeder Zeit als etwas Göttliches gegolten“ hat. Nur sie „allein können das Mysterium der Schönheit deuten und festhalten“. Nur wenige können „Inneres äußerlich machen, darstellen […]. Bloß Äußeres noch einmal äußerlich zu geben, vermögen Viele“ (S. 158). „Wer nach einmaligen bedeutenden Leistungen ein Schnellproduzent, gar um des Erwerbes willen, wird, der ist von Anfang an nie groß gewesen“ (S. 159).

Die mythologischen Gestalten sind für Burckhardt „Umdeutung des historisch Vorhandenen“ und „Neuschaffung von nicht Existierendem“ (S. 165), also verfälscht oder erdichtet. Er rechnet auch Eulenspiegel oder den Antichrist zu den mythologischen Größen.

Weniger problematisch sind die Religionsstifter und Politiker. Marius, Robespierre und St. Just spricht Burckhardt keine Größe zu, denn derartige Menschen „stellen nie ein Allgemeines, sondern nur das Programm und die Wut einer Partei dar. Ihre Anhänger mögen versuchen, sie bei den Religionsstiftern unterzubringen“ (S. 167).

Die „Umrisse der Größe“ beschreibt Burckhardt so:

  • „Die Fähigkeiten entwickeln sich oder schließen sich wie selbstverständlich und vollständig auf mit dem Selbstbewußtsein und den Aufgaben. […] Wo wir konfus werden“, da wird der große Mensch „erst recht klar“ (S. 168).
  • Große Menschen sind nicht nur kontemplativ, sondern haben den Willen, „sich der Lage zu bemächtigen“ (S. 169). Ihr Wille reicht über ihr „Erdendasein“ weit hinaus (S. 170). Wer ihnen widersprechen oder widerstehen will, muß mit ihnen kämpfen (S. 169).
  • Große Menschen können „gewisse Seelenspannungen und Anstrengungen ersten Ranges in gewissen Zeiten aushalten“ und ständige Gefahren erdulden (S. 170).
  • Die „Seelengröße […] liegt im Verzichtenkönnen auf Vorteile zugunsten des Sittlichen, in der freiwilligen Beschränkung nicht bloß aus Klugheit, sondern aus innerer Güte, während die politische Größe egoistisch sein muß und alle Vorteile ausbeuten will […]; die historische Größe betrachtet aber von vornherein als erste Aufgabe, sich zu behaupten und zu steigern, und Macht bessert den Menschen überhaupt nicht“ (S. 170). „Schwierig ist es oft, Größe zu unterscheiden von bloßer Macht“ (S. 171). Man dürfe die Macht weder „ohne weiteres für Glück“ noch „Glück für etwas dem Menschen Gebührendes, Adäquates […] halten“ (S. 172).
  • Wenn große Menschen erfolgreich sind, werden sie vom Sittengesetz dispensiert. „Nun ist tatsächlich noch gar nie eine Macht ohne Verbrechen gegründet worden“ (S. 175). „Dagegen ist die Nachwelt eher streng gegen solche, die einst bloß mächtig gewesen sind“ (S. 178).
  • „Das große Individuum […] zerstört, bändigt oder engagiert die wilden Einzelegoismen“ (S. 177).

Über Glück und Unglück in der Weltgeschichte

Bei der Beurteilung der Weltgeschichte hält Burckhardt Glück und Unglück für die falschen Kategorien. Es geht um die Wahrheit, nicht darum, was wir nun aus den verschiedensten Gründen gut oder schlecht finden. Dabei ist das Unglück eindeutiger zu bestimmen als das Glück.

Burckhardt unterscheidet folgende Urteile, die er allesamt ablehnt:

  • aus Ungeduld (interessant = gut, langweilig = schlecht);
  • vom gegenwärtigen Standpunkt aus (da kann man gegenüber der Vergangenheit nur noch Mitleid empfinden);
  • „nach dem Geschmack überhaupt“ (S. 185; was einer toll findet = gut);
  • „nach der politischen Sympathie“ (S. 186);
  • entsprechend dem Sicherheitsbedürfnis (zu Zeiten Homers kontrastieren Raubüberfälle mit einfachen und adeligen Sitten);
  • „nach der Größe“ (S. 187; dabei wird das Leid vieler bagatellisiert);
  • aus Selbstsucht (was mir ähnlich ist = gut).

Insgesamt hält Burckhardt die Natur- und Weltgeschichte mit Darwin, dessen Namen er allerdings nicht ausspricht, für „einen angstvollen Kampf ums Dasein“ (S. 188). „Der Kampf ums Dasein“ ist die Überschrift des dritten Kapitels von Darwins „Entstehung der Arten“ (1859).

Während Burckhardt die Kategorien Glück und Unglück verwirft, behält er die Kategorien Gut und Böse bei: Das Böse „ist die Gewalt, das Recht des Stärkeren über den Schwächeren, vorgebildet schon in demjenigen Kampf ums Dasein, welcher die ganze Natur, Tierwelt wie Pflanzenwelt, erfüllt, weitergeführt in der Menschheit durch Mord und Raub in den früheren Zeiten, durch Verdrängung resp. Vertilgung oder Knechtung schwächerer Rassen, schwächerer Völker innerhalb derselben Rasse, schwächerer Staatenbildungen, schwächerer gesellschaftlicher Schichten innerhalb desselben Staates und Volkes.

Der Stärkere ist als solcher noch lange nicht der Bessere. Auch in der Pflanzenwelt ist ein Vordringen des Gemeineren und Frecheren hie und da erweisbar“ (S. 190).

Wenn aus Bösem etwas Gutes folgt, wird dadurch das Böse nicht gut. Die Heuchelei empfindet Burckhardt allerdings als noch schlimmer als das Böse. Wenn ein Volk zu sehr mißhandelt wird, erholt es sich nicht mehr. Es kann „auf ewig nie mehr an Recht und an menschliche Güte glauben“ (S. 191).

Wenn wir darüber nachdenken, was passiert wäre, wenn dieses und jenes nicht geschehen wäre, sollten wir uns klar machen, daß es nicht unbedingt besser gekommen wäre. Statt eines „schlimmen Unterdrückers“ wäre vielleicht „ein noch böserer“ gekommen (S. 192).

Daß „nach großen Seuchen und Kriegen“ die Bevölkerung wieder zunimmt, betrachtet Burckhardt nicht als Wiedergutmachung, sondern nur als „ein Weiterleben der verletzten Menschheit mit Verlegung des Schwerpunktes“ (S. 193). Jeder einzelne Mensch ist für ihn in seiner Einzigartigkeit unersetzlich. Das gilt auch, wenn auf einen guten Menschen, der untergeht, ein anderer ebenso guter Mensch folgt.

Manchmal ist es besser zu warten, als die Dinge über’s Knie zu brechen. Das gilt vor allem für Konflikte, die unter Umständen erst Jahrhunderte später beigelegt werden können, schlicht und einfach deshalb, weil erst dann die Gegensätze ihre „Gefährlichkeit völlig verloren“ haben (S. 194).

Burckhardt bedauert es zutiefst, wieviel an Wissenschaft, Kunst und Geschichtsschreibung zerstört wurde. Denn die Kontinuität der Erinnerung ist „ein wesentliches Interesse unseres Menschendaseins und ein metaphysischer Beweis für die Bedeutung seiner Dauer; denn ob Zusammenhang des Geistigen auch ohne unser Wissen davon vorhanden wäre, in einem Organ, das wir nicht kennen, das wissen wir nicht und können uns jedenfalls keine Vorstellung davon machen, müssen also dringend wünschen, daß das Bewußtsein jenes Zusammenhanges in uns lebe“ (S. 194f).

Würdigung und Kritik

Friedrich Gundolf (1880-1931) hielt die „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ für „‚Burckhardts persönlichstes Werk, nicht nur, weil er darin die Geschichte gleichsam gesprächsweise vorführt und zu aktuellen Dingen Stellung nimmt, sondern weil hier noch der Hauch seiner menschlichen Gegenwart näher zu spüren ist als sonst, weil sie unmittelbar die Grundstimmung seines Gesamtschaffens wiedergeben und uns die Methode offenbaren, wie er der Sachen Herr ward. Hier baut er vor unsern Augen …'“ (zit. n. d. Nachwort v. Kaegi, S. 210).

Die Nationalsozialisten versuchten einerseits, Burckhardt zu vereinnahmen, indem sie Sätze aus dessen Briefen und den „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ aus dem Zusammenhang rissen und entsprechend ihrer Ideologie zusammenmontierten. Anderseits lehnten sie Burckhardt ab und polemisierten gegen ihn.

James Hastings Nichols meinte in seiner Einleitung zur amerikanischen Ausgabe, Burckhardt habe im Jahr 1871 das Jahr 1941 besser verstanden als die meisten, die 1941 lebten. Der New Yorker Zensor strich aus dem vierten Kapitel über die „geschichtlichen Krisen“ 11 von 18 Seiten, weil er Sorge hatte, daß sonst die Alliierten verletzt würden. Er schützte sogar Napoleon III. (1808-1873).

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen in Deutschland vier Neuausgaben mit Einleitungen von Wilhelm Hansen (Detmold 1947), Bernhard Knaus (Wuppertal 1948), Alfred von Martin (Krefeld 1948) und Rudolf Stadelmann (Tübingen 1949). „Daneben lief die ältere Krönersche Ausgabe […] in Neuauflagen einher. Nicht mehr ‚Flucht in die Vergangenheit‘ ist das Thema dieser Einführungen, sondern ‚Erleuchtung der Gegenwart'“, schreibt Werner Kaegi im Nachwort der vorliegenden Ausgabe (S. 216).

Benedetto Croce (1866-1952) meinte, Burckhardt sei „‚kein Liebhaber der Philosophie'“ gewesen. Doch Kaegi zweifelt daran, daß Croce Burckhardts „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ „damals wirklich gelesen hat, […] denn er gesteht selbst, daß er ‚die meisten Stellen‘, ‚die er zitiere‘, ‚den Darstellungen Karl Löwiths entnommen habe'“, der sein eigenes Bekenntnis „zur Apolitie […] als Lehre Jacob Burckhardts darstellte“ (ebd. S. 219).

Kurt von Fritz charakterisiert Burckhardts „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ als „eine andere Art der Geschichtsphilosophie oder zum mindesten eine philosophische Anthropologie auf historischer Basis“ (KNLL 3/382). Burckhardts Prognosen hätten sich in „ungeheurem Maße […] bewahrheitet“ (KNLL 3/383).

Laut Frank-Lothar Kroll „bietet das […] Werk Ansätze zu einer geistes- und kulturgeschichtlichen Methodenlehre“. Daß Burckhardt historische Persönlichkeiten „als ausführende Organe einer ‚höheren Notwendigkeit'“ betrachte und die „‚Geistesgeschichte'“ als „Entwicklungsgeschichte des Kontinuität verbürgenden Menschengeistes“ konzipiere, rücke „das Werk ungewollt in die Nähe Hegels. Andererseits verweist es durch einen äußerst un-hegelianischen Kulturpessimismus sowie durch gegenwartskritische Zeitdiagnostik bereits auf die dem Historismus entgegentretende Geschichtskonzeption Nietzsches“ (LphW 808).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

BURCKHARDT, Jacob: Weltgeschichtliche Betrachtungen – Über geschichtliches Studium (1868; Berlin/Stuttgart 1905), Nachwort von Werner Kaegi, München 1978

– Griechische Kulturgeschichte (Berlin/Stuttgart 1898-1902), Einführung von Werner Kaegi, München 1977

– Die Zeit Constantins des Großen (1852), hg. v. Hans Eberhard Friedrich, o.O. 1954

– Die Kultur der Renaissance in Italien (1860), Wien o.J.

DARWIN, Charles: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Stuttgart 1995

ENZYKLOPÄDIE PHILOSOPHIE UND WISSENSCHFATSTHEORIE, hg. v. Jürgen Mittelstraß, 4 Bände, Stuttgart/Weimar 2004 (EPhW)

HELLER, Gunthard: Jacob Burckhardt: Griechische Kulturgeschichte I/II, Facebook 2025

HUNKE, Sigrid: Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe, Frankfurt am Main 42003

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)

DER KLEINE PAULY – Lexikon der Antike in fünf Bänden, München 1979

LEXIKON DER PHILOSOPHISCHEN WERKE, hg. v. Franco Volpi und Julian Nida-Rümelin, Stuttgart 1988 (LphW)

MENGE-GÜTHLING: Langenscheidts Großwörterbuch Altgriechisch-Deutsch, Berlin/München/ Wien/Zürich 261987

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)

ROUSSEAU, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts (1754), Stuttgart 2001

WÖRTERBUCH DER ANTIKE, Stuttgart 81976

Gunthard Heller

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