Ingeborg Bachmann als Philosophin

Ingeborg Bachmann zählt zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag zeichnet ihren Lebensweg zwischen Philosophie, Literatur und politischem Engagement nach und beleuchtet zugleich ihre Auseinandersetzungen mit Denkern wie Heidegger und Wittgenstein.

Einführung

Ingeborg Bachmann (1926-1973) studierte 1945-50 Philosophie, Jura, Germanistik und Psychologie in Graz, Innsbruck und Wien. 1947 absolvierte sie ein Praktikum in der Nervenheilanstalt „Am Steinhof“. 1950 wurde sie mit einer Dissertation über die Kritik an Heideggers Existentialphilosophie zur Doktorin der Philosophie promoviert. Ihr Doktorvater war Victor Kraft (1880-1975). Im Sommersemester 1950 unterrichtete sie vertretungsweise an der Universität Wien im Seminar „Philosophie der Gegenwart“.

1851-53 war Bachmann Redakteurin der Alliierten-Sendergruppe Rot-Weiß-Rot in Wien. 1952 wurde sie Mitglied der „Gruppe 47“, ab 1953 freie Schriftstellerin. 1954 arbeitete Bachmann als Romkorrespondentin für Radio Bremen und die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, „teilweise unter dem Pseudonym Ruth Keller“ (Hartwig 300). 1959 wurde sie Mitglied im PEN-Club und „als erste Dozentin auf den an der Goethe-Universität Frankfurt neu eingerichteten Lehrstuhl für Poetik berufen“ (Rothmann 280), die der Fischer-Verlag gestiftet hatte. Bachmann hielt allerdings nur fünf Vorlesungen mit anschließenden Seminaren. Danach wollte sie „’nie wieder Professor sein'“ (zit. n. Stoll 225).

Ingeborg Bachmann Philosophin

Bachmanns Vater Matthias Bachmann (1895-1973) trat 1932 in die NSDAP ein. Er kämpfte als Soldat in beiden Weltkriegen. 1944 besuchte Ingeborg Bachmann die NS-Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt. Einer ihrer Lehrer war der Heimatdichter Josef Friedrich Perkonig, „der zeitweise Nationalsozialist war“ und Bachmanns Vater kannte (Hartwig 297).

1945 lernte Bachmann Jack Hamesh kennen, einen Juden aus Wien, der vor den Nationalsozialisten nach England geflohen war und nun als britischer Besatzungsoffizier zurückkehrte. Er regte sie zur Marx-Lektüre an. 1947 lernte Bachmann den „jüdischen Remigranten und glühenden Antikommunisten“ (Hartwig 298) Hans Weigel kennen. 1948 wurde sie die Geliebte von Paul Celan, der seine Eltern durch den Holocaust verloren hatte. 1959 lernte Bachmann Theodor W. Adorno kennen, 1962 Hannah Arendt. Sie kannte auch Gershom Scholem und Ernst Bloch.

1946 wurde Bachmanns Vater „aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Äußerlich wandelt er sich zum Demokraten. Über seine Mitgliedschaft in der NSDAP gilt in der Familie ein Schweigegebot, das von Ingeborg Bachmann mitgetragen wird“ (Hartwig 297).

1962 ließ sich Bachmann die Gebärmutter entfernen. 1963 fühlte sie sich von Max Frisch gedemütigt, da sie sich in dessen Roman „Mein Name sei Gantenbein“ als Schauspielerin Lila porträtiert sah. „Es ist der Beginn der jahrelangen schweren körperlichen wie seelischen Krise“ (Hartwig 304). Ihr „Alkohol- und Tablettenkonsum führt zu Verhaltensauffälligkeiten“ (Hartwig 305). 1970 brach Bachmann das Schlüsselbein. 1973 plante sie eine Entziehungskur, aber erlitt in der Nacht vor der Abreise nach der Einnahme des Beruhigungsmittels Seresta, das starke Abhängigkeit erzeugt, schwere Brandverletzungen. Am 17.10.1973 starb sie im Ospedale Sant’Eugenio in Rom.

1964 wurde Bachmann der Georg-Büchner-Preis verliehen. Die Lektüre der Rede zur Preisverleihung „Ein Ort für Zufälle“ (4/278-293) lohnt sich. Ich habe selten so sehr lachen müssen. Man stelle sich die Damen und Herren des Publikums vor, wie sie eine Dankesrede erwarten und in Anknüpfung an Büchners „Lenz“ die Phantasie eines Wahnsinnigen über Berlin zu hören bekommen. Eine Kostprobe:

„In Berlin sind jetzt alle Leute in Fettpapier gewickelt. […] Die Frauen in den Fettpapieren erwecken Mitleid, manche dürfen aus dem Papier und sich mit den fettigen Kleidern ins Gras setzen. Dann dürfen auch die Kranken an Land gehen. […] Die Nachtschwester […] gibt eine Spritze, die durch und durch geht und in der Matratze steckenbleibt, damit man nicht mehr aufstehen kann. […]

Jetzt fliegt jede Minute ein Flugzeug durchs Zimmer, böllert an dem Haken mit dem Waschlappen vorbei, prasselt eine Handbreit über der Seifenschale. […] Die Krankenhäuser haben sich beschwert. […] Im Augenblick ist abgeholfen, aber im nächsten flugfreien Augenblick läuten alle Kirchenglocken von Berlin […]. Die Aufregung wird immer größer wegen des Läutens, […] aus den Zimmern rinnt das Wasser auf den Gang, es ist Blut drin, weil einige sich die Zungen durchgebissen haben wegen der Kirchen“ (4/280f).

1965 unterschrieb Bachmann eine „Erklärung gegen den Vietnamkrieg“ (Hartwig 306) und unterstützte den Wahlkampf von Willy Brandt. Mit weiteren Unterschriften wandte sie sich „gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik“ und „gegen die Gründung des ZDF als reinem ‚Adenauer-Sender'“. Außerdem trat sie „für das Recht auf Ungehorsam im Algerienkrieg“ ein (Hartwig 64).

1966 kam es zu einem Konflikt mit dem Piper-Verlag, da er Gedichte von Anna Achmatowa „in der Übersetzung des nationalsozialistisch belasteten Hans Baumann“ veröffentlichte (Hartwig 306). 1967 wechselte Bachmann zum Suhrkamp-Verlag. „Heute kooperieren beide Verlage bezüglich der kritischen Werkausgabe, die […] insgesamt dreißig Bände umfassen soll“ (Hartwig 307).

Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers (1949)

Bachmann gliedert die Kritiker Heideggers systematisch:

  • Materialisten: Rudolf Carnap, Theodor Hartwig;
  • Idealisten: Ernst Cassirer, Heinrich Levy, Paul Menzer, Heinrich Rickert, Paul Hofmann, Wilhelm Grebe, Arnold Gehlen, Julius Kraft;
  • Lebensphilosophen: Wilhelm Dilthey, Georg Misch;
  • Phänomenologen: Oskar Becker, Hans Heyse, Salcia Passweg;
  • Existenzphilosophen: Wilhelm Ernst, Heinrich Barth, Robert Winkler, Karl Lehmann, Friedrich Traub, Emil Brunner;
  • Seinsphilosophen: Nicolai Hartmann, Hans Driesch;
  • Neuthomisten: Hans Urs von Balthasar, Johannes de Vries, Adolf Dyroff, Peter Wust, Theodor Steinbüchel, Erich Przywara.

Im Wesentlichen geht es um folgende Fragen:

  • Was ist Philosophie? Was ist Wissenschaft?
  • Können innere Erfahrungen Gegenstand der Wissenschaft sein?

Bachmann geht bei der Beurteilung der Heidegger-Kritiker von der Voraussetzung aus, „dass Philosophie notwendig wissenschaftlichen Charakter haben muss“, d.h. daß „nur intersubjektiv verifizierbare Sätze sinnvoll seien“ (S. 127).

Heidegger entwerte „eine intellektuelle Erkenntnis im Bereich der Philosophie“ und setze „an Stelle des Verstandes ein ‚Erleben‘, eine Stimmung (die ‚Angst‘)“ ein, „um den Zugang zur Wirklichkeit zu bekommen“ (S. 127). Er setze auf die Intuition, „die die Intersubjektivität ausschliesst und daher geglaubt werden muss“, erhebe aber trotzdem „Anspruch auf Allgemeingültigkeit“ (S. 128).

Bachmann fragt, „was denn eigentlich den Gehalt dieser Philosophie ausmache“, da „wissenschaftliche Wahrheiten, die allein allgemeingültig sind, sich in der Existentialphilosophie nicht finden“ (S. 128).

Mit A. Gehlen und I. M. Bochenski betrachtet Bachmann die „psychologischen und phänomenologischen Analysen“ Heideggers als eine Form der Kunst ohne Wahrheitsgarantie (S. 128). Sie fragt, ob heutzutage eine Form der Wissenschaft überhaupt berechtigt sei, „die die unaussprechbaren, unfixierbaren Unmittelbarkeiten des emotional-aktualen Bereichs des Menschen rational zu erfassen suchen darf, wie Heidegger dies tut?“ (S. 128)

Bachmann fürchtet, daß eine Wissenschaft über innere Wahrnehmungen zu einer gefährlichen „Halbrationalisierung einer Sphäre“ führt, über die man mit Wittgenstein besser schweige. Innere Erfahrungen seien „nicht rationalisierbar, und Versuche hierzu werden immer zu Scheitern verurteilt sein“ (S. 129).

Andererseits beruft sich Bachmann auf Carnap, der Glauben und Intuition wertneutral ansah und etwa mit „‚Lyrik und Erotik'“ verglich. Selbstverständlich könne alles Gegenstand der Wissenschaft sein, aber die genannten irrationalen Gegenstände seien „‚inhaltlich […] von der Wissenschaft völlig getrennt.'“ Sie und die Wissenschaft „‚können einander weder bestätigen noch widerlegen'“ (S. 130).

Deshalb verweist Bachmann zurück auf die Kunst: „Dem Bedürfnis nach Ausdruck dieses anderen Wirklichkeitsbereiches, der sich der Fixierung durch eine systematisierende Existentialphilosophie entzieht, kommt jedoch die Kunst mit ihren vielfältigen Möglichkeiten in ungleich höherem Mass entgegen“ (S. 130).

Kritik von mir: Die Kunst kann die Wissenschaft nicht ersetzen, da in ihr die Frage nach der Wahrheit nicht gestellt wird. Es geht nicht nur darum, das sog. Irrationale auszudrücken, sondern auch darum herauszufinden, was davon nun wahr ist und was nicht. Es ist ähnlich wie in der physischen Welt: Es reicht nicht, alles was unklar ist, in die Kunst abzuschieben, da wir sonst hoffnungslos im Chaos versinken.

Ludwig Wittgenstein – Zu einem Kapitel der jüngsten Philosophiegeschichte (1953)

Für Bachmann war Wittgenstein „eigentlich der unbekannteste Philosoph unserer Zeit […]. War er in seinem Werk nur wenigen erreichbar, so in seinem Leben keinem“. Er versuchte, „die Philosophie schweigend zu vollziehen“ (4/12). Für Bachmann sichert „seine verzweifelte Bemühung um das Unaussprechliche“ „seinem Werk den höchsten Rang“ (4/13). Er hielt seine Skepsis nur gegen das Gewicht seiner Erschütterung durch ein mystisches „Erlebnis des Unsagbaren“ (4/15).

Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus bezeichnet Bachmann „formal gesehen“ als „eine Kuriosität“. Durch allgemeine Sätze entsteht kein „neuer Sinn“, keine „neue, allgemeine Wahrheit, über die Wahrheit der Einzelaussagen hinaus“ (4/15). Die Logik besagt „gar nichts. Sie hat […] rein tautologischen Charakter. Somit kann die Logik die Wirklichkeit nicht erforschen und nichts über sie lehren“ (4/16).

Da Wittgenstein die Philosophie „als logische Analyse der Sprache definiert […], kann auch sie nichts über die Wirklichkeit aussagen; sie ist nur eine Tätigkeit und übt eine Art Kontrolle aus. […] Die einzigen Sätze, die sinnvoll sind und etwas besagen, sind Erfahrungssätze“ (4/16). Die Aussagen der Metaphysik sind lediglich „Scheinsätze“. Sie beruhen laut Carnap „auf einer Verletzung der logischen Syntax“ (4/17).

Wittgenstein erforscht die Logik und betrachtet alles außerhalb von ihr als „‚Zufall'“ (4/19). Für ihn hat die Philosophie nicht die Funktion, „‚philosophische Sätze'“ zu produzieren, sondern Sätze zu verstehen. Angesichts des Mystischen kommt die Logik an ihre Grenzen (4/20). „Es kann keine Sätze der Ethik geben, da ein Satz nichts Höheres ausdrücken kann. Es kann auch der Wille nicht Träger des Ethischen sein, denn die Welt ist unabhängig von unserem Willen“ (4/21).

Sagbares und Unsagbares – Die Philosophie Ludwig Wittgensteins (1953)

Aus diesem Radio-Essay teile ich nur mit, was über den vorigen Aufsatz hinausgeht. Zwei Sprecher und ein Kritiker setzen sich mit dem Tractatus logico-philosophicus und den „Philosophischen Untersuchungen“ auseinander, aus denen Wittgenstein zitiert.

Das Wesentliche: Wittgenstein steht zwar der Metaphysik feindlich gegenüber, doch „die Wirklichkeit bleibt bewußt unangetastet und ‚unbestimmt‘, denn es liegt nicht in unserer Kraft, ihren Charakter zu bestimmen“ (4/112).

Der Kritiker sieht darin einen Berührungspunkt zwischen Wittgenstein und Heidegger, daß beide auf je ihre Weise fragen, warum es die Welt gibt (4/113): „‚Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist'“ (Wittgenstein). „‚Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?'“ (Heidegger).

Doch der 2. Sprecher betont eher den Unterschied: „Wittgenstein wäre es unmöglich, die Heideggersche Frage zu stellen, da er verneint, was Heidegger voraussetzt: daß nämlich im Denken das Sein zur Sprache komme“ (4/114).

Der 1. Sprecher charakterisiert die Philosophie Wittgensteins als „negative Philosophie“: „Denn was wir sprechen können, ist nichts wert, und von dem, wo der Wert beheimatet ist, können wir nicht sprechen“ (4/115).

Daß sich laut Wittgenstein Gott nicht in der Welt offenbart, interpretiert der 1. Sprecher so: „Daß die Welt sprechbar – also abbildbar wird -, daß Sagbares möglich ist, ist erst durch das Unsagbare, das Mystische, die Grenze oder wie immer wir es nennen wollen, möglich“ (4/116). Der 2. Sprecher dreht den Satz Wittgensteins herum: „Es heißt, daß die Welt als die Gesamtheit der Tatsachen, die nur naturwissenschaftliche Beschreibung zuläßt, Gott nicht offenbart“ (4/117).

Der Kritiker weist darauf hin, daß Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ das, „was wir jahrtausendelang in den verschiedensten Formen als Philosophie betrieben haben, beenden“ wollen. Die „Crux“ dabei sei, „daß nach dieser Beseitigung oder Ausschaltung der Probleme, die heute so gern als ‚existenzielles Anliegen‘ bezeichnet werden, diese Probleme doch bestehen bleiben, weil es in der Natur des Menschen liegt, zu fragen und in der Wirklichkeit mehr als das Positive und Rationale zu sehen, von dem ja auch Wittgenstein meint, daß es nicht die ganze Wirklichkeit ausmacht“ (4/125).

Dem Kritiker zufolge läßt Wittgenstein „ein Vakuum zurück – den von allen Inhalten entleerten metaphysischen Bereich.“ Der 1. Sprecher korrigiert: „Aber was Sie das Vakuum nennen, ist wieder offen für echte Glaubensinhalte“ (4/125). „Eine Konfession hat nur keinen Platz in seinem Werk, da sie sich nicht aussprechen läßt, sie würde, ausgesprochen, es schon verlassen“ (4/126).

Fazit: Wittgenstein gliedert einen Teil der Wirklichkeit aus der Philosophie aus (was m.E. sinnlos ist).

Das Unglück und die Gottesliebe – Der Weg Simone Weils (1955)

Bachmann bezeichnet in diesem Radio-Essay Simone Weil (1909-1943) als „Philosophieprofessorin und Fabrikarbeiterin, Jüdin und gläubige Christin, die Kritikerin der katholischen Kirche und halbe Häretikerin und potentielle Heilige“ (4/128f), als „Fanatikerin der Genauigkeit“ (4/130), die sich mit griechischer Philosophie und Literatur, indischer Philosophie und Mystik befaßte. Das Alte Testament, Aristoteles und die römische Literatur lehnte sie ab.

Weil ruinierte ihre Gesundheit als „Fräserin in den Renault-Werken“ (sie litt an Brustfellentzündung), als Helferin der Kommunisten im Krieg gegen Franco (Verbrennungen durch einen Unfall), als Mitarbeiterin der französischen Exilregierung in London (sie gab Flüchtlingen ihre „höheren Lebensmittelrationen“). Als sie mit einer akuten Lungenschwindsucht starb, war sie noch keine 34 Jahre alt (4/131f).

Bachmann schildert Weils Weg als „‚via negativa'“, als einen „Weg von Gott weg, um den Abstand zwischen sich und Gott zu vergrößern“ (4/147). Weil wandte sich „gegen alle Totalitarismen“ (4/150). „Christus ist für sie das Vorbild der Gerechtigkeit, weil er nackt und tot war“ (4/152). Simone Weil hielt es für die „Pflicht der Gesellschaft gegenüber“, „für die Einschränkung des Bösen“ einzutreten (4/154).

Die wunderliche Musik (1956)

Hier schreibt Bachmann, was sie selbst denkt. Auf die Frage, was die Musik sei, findet sie folgende Antwort: „die Musik ist eine Sprache“, die wir nicht verstehen können. Denn die Noten verraten „uns wohl die Musik, aber nicht, was die Musik uns sagt“ (4/52).

Die Welt Marcel Prousts – Einblicke in ein Pandämonium (1958)

Dieser Radio-Essay handelt von Prousts (1871-1922) Bildungsroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, der von 1913-1917 in 15 Bänden erschien.

Bachmann liest Proust nicht nur als Dichter, sondern auch als Philosophen (4/179), der „die Welt mörderischer Triebe […] wie ein Wissenschaftler“ untersucht (4/173), als „Positivisten, der sich keinen Blick über das Gegebene hinaus erlaubt, in dessen Welt kein Licht von oben kommt und dessen Ekstasen nur der Wahrheitssuche galten“ (4/175).

Sie zitiert ausführlich Prousts Ansichten über das Lesen. Eine Kostprobe: „‚In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. […] Daß der Leser das, was das Buch aussagt, in sich selber erkennt, ist der Beweis für die Wahrheit eben dieses Buches, und umgekehrt gilt das gleiche, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, da die Differenz zwischen den beiden Texten sehr oft nicht dem Autor, sondern dem Leser zur Last gelegt werden muß'“ (4/178).

Bemerkenswert sind noch Bachmanns Reflexionen über den Baron de Charlus, einen Dandy, der sein ganzes Leben mit Maske spielt: „Nur sekundenlang, um sich denen, die ihm gleichen, zu erkennen zu geben, wagt er eine Geste, die sein wahres Wesen zeigt. […] Und doch ist er niemals sicher. Hegt jemand Zweifel? Verdächtigt ihn jemand? Zuletzt ist nicht mehr er ein Rätsel für die anderen, aber alle, die ihn umgeben, sind Rätsel für ihn. Für den maskierten Menschen trägt die ganze Welt eine Maske, deren Anblick ihm qualvoll ist. Er kann seine Freunde nicht mehr von seinen Feinden unterscheiden; er meint, überall beleidigende Anspielungen zu hören; er empfindet jeden als Richter und steht ununterbrochen vor dem Tribunal.

Er beträgt sich wie ein Verbrecher, und unter Gleichen, als ob er einer Diebsbande angehörte. Schließlich geht er so weit, alle Welt des Lasters zu beschuldigen, um sich besser verteidigen zu können“ (4/161f).

Frankfurter Vorlesungen: Probleme zeitgenössischer Dichtung (1959/60)

I Fragen und Scheinfragen. Bachmann will ihr Publikum „nichts lehren, vielleicht aber etwas erwecken […] – ein Mitdenken von der Verzweiflung und der Hoffnung, mit der einige wenige – oder sind es schon viele? – mit sich selber und der neuen Literatur ins Gericht gehen“ (4/183).

Ausführlich geht sie auf die Frage der Rechtfertigung der Existenz des Schriftstellers ein: „Warum schreiben? Wozu? Und wozu, seit kein Auftrag mehr da ist von oben und überhaupt kein Auftrag mehr kommt, keiner mehr täuscht“ (4/186).

Was Bachmann mit dem „oben“ meint, bleibt offen: einen Regierungsauftrag oder eine göttliche Inspiration? Jedenfalls sagt sie weiter unten: „Religiöse und metaphysische Konflikte sind abgelöst worden durch soziale, mitmenschliche und politische. Und sie alle münden für den Schriftsteller in den Konflikt mit der Sprache“ (4/190f).

Sie kritisiert, daß etwa Rilke oder Brecht für große Dichter gehalten werden, sich aber keiner für das interessiert, was sie zu sagen haben: „Hauptsache, daß die schönen Worte da sind, das Poetische, das ist gut, das gefällt uns, besonders die Pflaumenbäume und die kleine weiße Wolke“ (4/194).

Dem stellt sie ein anderes Konzept gegenüber: „Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung. Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewußtsein.

Wenn sie eine neue Möglichkeit ergreift, gibt die Kunst uns die Möglichkeit zu erfahren, wo wir stehen oder wo wir stehen sollten, wie es mit uns bestellt ist und wie es mit uns bestellt sein sollte“ (4/195f).

II [Über Gedichte]. Bachmann beklagt „eine Blicktrübung in der Gegenwart für Gedichte“ (4/200). Sie seien „nicht markttüchtig“, und „nirgends schießt der Dilettantismus prächtiger ins Kraut als in der Lyrik […]. Und die unfreundlichste Vermutung mancher Leute geht dahin, daß kein Gedichtband bei uns eine Wirkung hätte, ausgenommen die, daß er wieder zwanzig junge Leute ermutige, auch Gedichte zu schreiben“ (4/201).

III Das schreibende Ich. Bachmann unterscheidet grundsätzlich zwischen dem Ich, das den Schreibenden bedeutet (etwa bei Vorworten von Herausgebern, Memoiren, Briefen oder Tagebüchern) und dem fiktiven Ich von Dichtern: „dem fingierten, verkappten, dem reduzierten, dem absoluten lyrischen, dem Ich als Denkfigur, Handlungsfigur, einem Ich, stofflos oder in den Stoff gefahren“ (4/221).

IV Der Umgang mit Namen. Bachmann erklärt es mit der Natur des menschlichen Gedächtnisses, daß wir uns an die von Dichtern verwendeten oder geschaffenen Namen von Personen und Orten erinnern (etwa Undine, Don Quijote, Odysseus, Wilhelm Tell, Josef K., Adrian Leverkühn, Felix Krull; Alexanderplatz, Orplid, Atlantis), während wir die Namen von Menschen und Orten, die wir kannten, mitunter vergessen. Sie referiert anhand von Beispielen aus der Literatur über die „Behauptung der Namen“ und das „Verkümmern der Namen“, sie redet „von ihrer Gefährdung und der Ursache dafür“ (4/242).

„Namensverweigerung, Namensironisierung, Namensspiel mit und ohne Bedeutung, die Erschütterung des Namens: das sind die Möglichkeiten – aber es gibt noch eine radikalere“, nämlich bei William Faulkner, der in seinem Roman „Schall und Wahn“ (1929) Personen mit ähnlichen oder denselben Namen anhand von „kleinen Zitaten“ unterscheidet, „auf die wir achten sollen […]. Wichtiger, als auf den Namen zu achten, ist es, auf den Zusammenhang zu achten, in dem der Name genannt wird. Er kann im Kontext stehen mit einer Blume, einem Geißblatt, einer verkauften Wiese, einer Vermählungsanzeige“ (4/252).

V Literatur als Utopie. Dieser Titel der Vorlesung ist eine Absage an die Literaturwissenschaftler, die versuchen zu bestimmen, was Literatur ist, und die die literarischen Werke einordnen und katalogisieren wollen. Denn diese Werke enthalten „alle die Voraussetzungen […], die sich jeder endgültigen Absprache und Einordnung entziehen.“ Bachmann nennt diese Voraussetzungen, „die ‚utopischen'“ (4/260).

„Wenn nun aber die Schreibenden den Mut hätten, sich für utopische Existenzen zu erklären, dann brauchten sie nicht mehr jenes Land, jenes zweifelhafte Utopia anzunehmen – etwas, das man Kultur, Nation und so weiter zu benennen pflegt, und in dem sie sich bisher ihren Platz erkämpften“ (4/270).

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (1959)

In dieser Rede, die Bachmann anläßlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden hielt, sprach sie der Kunst die Aufgabe zu, dem Publikum die Augen zu öffnen. Der Schriftsteller dürfe das Leid nicht verdrängen, sondern müsse es darstellen. Denn erst „jener geheime Schmerz macht uns […] für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die der Wahrheit. Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kommen, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufgegangen“ (4/275).

Gerade der Leiderfahrene könne am besten „bezeugen, daß unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück, daß man, um vieles beraubt, sich zu erheben weiß, daß man enttäuscht, und das heißt, ohne Täuschung, zu leben vermag. Ich glaube, daß dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelhaft der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen“ (4/277).

[Georg Groddek] Entwurf (1967)

Bachmann faßt die Medizinphilosophie des Massagearztes Georg Groddek (1866-1934) so zusammen: Der Kranke produziert die Krankheit, „und die Krankheit bedeutet etwas.

Sie will etwas sagen, sie sagt es durch eine bestimmte Art zu erscheinen, zu verlaufen und zu vergehn oder tödlich zu enden. Sie sagt das, was der Kranke nicht versteht, obwohl sie sein eigenster Ausdruck ist, und man kann dennoch den Kranken dazu bringen, wenn es nötig ist [zu erkennen] […], was er damit sagen wolle. […] Eine causa externa für Krankheiten gibt es nicht. Für Groddeck ist auch eine Infektion nichts weiter als die ausdrückliche Suche des Es„, also des Unbewußten – Groddek hat „das berüchtigt-berühmte Wort geprägt […], und Freud hat es von ihm übernommen und auf andere Weise verwendet“ (4/351).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

BACHMANN, Ingeborg: Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers (Dissertation Wien 1949), hg. v. Robert Pichl, mit einem Nachwort von Friedrich Wallner, München/Zürich 1985

– Werke, 4 Bände, hg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster, München/Zürich 21982

– / CELAN, Paul: Herzzeit – Der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange, herausgegeben und kommentiert von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2009

HARTWIG, Ina: Wer war Ingeborg Bachmann? – Eine Biographie in Bruchstücken, Frankfurt am Main 22017

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

ROTHMANN, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart 71985

STOLL, Andrea: Ingeborg Bachmann – Der dunkle Glanz der Freiheit. Biographie, München 2013

WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur – Autoren, 4 Bände, München 1971

– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

Gunthard Heller

Teilen

Einen Kommentar schreiben

Die Angabe des Namens ist optional.
Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung, Verarbeitung und Veröffentlichung der angegebenen Daten durch diese Website einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.