George Gordon Noel Lord Byron (1788–1824) gilt als einer der einflussreichsten Dichter der Romantik. Mit seinem rebellischen und leidenschaftlichen Werken prägte er das Bild des romantischen Helden. Lesen Sie hier mehr zu seinem Werk.
Einführung
George Gordon Noel Lord Byron (1788-1824) schloß sein Studium an der Universität Cambridge mit dem Titel eines Magisters der philosophischen Fakultät ab. Als Politiker kämpfte er für die Armen und Entrechteten. Er unterstützte die Griechen im Freiheitskampf gegen die Türken.

Als Dichter schrieb Byron unter Inspiration und korrigierte das Niedergeschriebene kaum. Er hatte den großen Bogen vor Augen, die Details überließ er dem Augenblick: „Stets wisse Kopf und Hand, / Wozu man schreibt. Ich kenne nie das Wort, / Das mir zunächst läuft aus der Feder fort“, teilt er uns in seinem Hauptwerk „Don Juan“ mit (1/258).
Am 30.11.1813 schrieb er an Thomas Moore: „Alle Erschütterungen enden bei mir in Reimen“ (S. 73). Die Reime waren für ihn ein Mittel, sich von der Wirklichkeit zu distanzieren. Das Abfassen einer Komödie und eines Romans brach er ab, weil sie zu realistisch waren.
Trotzdem war ihm auch beim Dichten die Wahrheit oberstes Gebot: „Doch wahr bleibt wahr! Und es ist stets die Sache / Des ächten Dichters, Dichtung zu umgehn, / Wo er nur kann. Wer recht gewandt im Fache, / Muß auch in Versen wahr zu sein verstehn“, schreibt er im „Don Juan“ (1/239).
Andererseits sah er ein, daß Verse die Lektüre erschweren. So heißt es im „Don Juan“: „Man ist einmal des Verses armer Sklave, / Doch trotzdem fließt er nicht wie Honigseim / Ja ihn zu lesen halte ich für Strafe“ (1/183).
Byron haßte es übrigens, Verse vorzulesen. Wenn ihn jemand besuchte, las er seine Reime nicht vor. Seine Zusammenstöße mit der Gesellschaft mögen zum großen Teil damit zu tun haben, daß er Heuchler und Lügner haßte. Im letzten Gesang des „Don Juan“ meinte, er daß man heucheln müsse, wenn man der Obrigkeit nicht „mißfallen“ wolle (1/395). Seine Gesellschaftskritik setzte er satirisch um.
Die Literatur hielt Byron nicht für seinen „eigentlichen Beruf“, schrieb er am 28.2.1817 an Thomas Moore (S. 107). Die Poesie betrachtete er als „eine Kunst oder eine Eigenschaft„, als „keine Profession„, schrieb er am 1.6.1818, ebenfalls an Moore (S. 111).
Der Giaur. Ein Fragment einer türkischen Erzählung (1813)
„Inhaltlich greift das Werk eine Begebenheit auf, die sich unter der Türkenherrschaft in Albanien ereignet haben soll“ (Klaus Ensslen, in: KNLL 3/449).
Die untreue Sklavin Leila wird „für ihre Liebe zu einem Christen (Giaur) von ihrem Gebieter Hassan […] ertränkt“ und von ihrem Liebhaber gerächt. Der Giaur ist „der erste vollausgebildete Repräsentant des Byronschen Heldentyps, der gegen den christlichen Sittenkodex verstößt, die Tröstungen der Religion verschmäht, gleichzeitig aber unter seiner Unfähigkeit, sie zu akzeptieren, leidet“ (Hans-Jürgen Diller, in: Wilpert II 474).
Byron malt die Folgen der Rache für Hassan und den venezianischen Rächer drastisch aus: Da Hassan im Kampf mit einem Christen gestorben ist, kommt er ins Paradies und wird von einer Huri (Paradiesjungfrau, die nicht altert und deren Jungfräulichkeit sich ständig erneuert) geküßt.
Der Venezianer kauft sich in ein Kloster ein, wird aber kein Mönch. Bei den Gebeten kniet er nicht nieder und betet nicht mit, er beichtet nicht, geht nicht zur Kommunion und bleibt insgesamt ein Fremder. Er spricht im Schlaf. An einer Klippe will ihn die abgehauene Hand Hassans in die Tiefe locken. Sein Blick ist trüb und traurig. Seine bloße Gegenwart macht andere depressiv. Sein Charakter und seine Herkunft sind durch Leid entstellt und durch Schuld entehrt. Er läßt seine Haare wachsen und sieht aus wie ein Dämon. Er ist voller Haß. Die Ermordung Hassans bereut er nicht. Seinen seelischen Zustand betrachtet er nur als die Folge der Ermordung seiner Geliebten. Die einzige Lehre, die er aus seiner Geschichte zieht, ist, daß man nur einmal im Leben lieben soll. Kein Priester kann ihn trösten.
Der Korsar (1814)
Erzählung in Versen über „Conrad, der aus Misanthropie zum Piraten und Schrecken aller Türken in der griechischen Inselwelt geworden und der nach dem Tod der geliebten Frau spurlos von seiner Felseninsel verschwunden war“ (Klaus Ensslen, in: KNLL 3/452).
Daß Said den Pascha überfällt, ist eine Racheaktion, bei der einiges schief geht. Konrad wird gefangen genommen, viele Piraten werden getötet, nur wenige können fliehen. Konrads Geliebte Medora zerbricht entweder an seinem vermeintlichen Tod oder daran, daß Konrad aus Dankbarkeit Gulnare küßt. Sie ist eine Sklavin des Paschas, der er das Leben gerettet hat. Gulnare verhilft Konrad zur Flucht, indem sie den Pascha umbringt. Konrad bringt es nicht über sich, Gulnare, die sich in ihn verliebt hat, wegzuschicken. Denn in den Harem des Pascha kann sie natürlich nicht zurück.
Lara (1814)
In dieser Verserzählung ist der Korsar Konrad unter seinem richtigen Namen als Feudalherr Lara in seine Heimat zurückgekehrt, die der Pascha einst überfallen hat. Konrads Page Kaled ist Gulnare aus „Der Korsar“. Ein gewisser Ezzelin, der Konrad erkennt, will ihn zur Rede stellen, verschwindet aber vorher spurlos. Wer ihn umgebracht und in den Fluß geworfen hat, bleibt offen. Da der Dichter hofft, es sei nicht Lara gewesen, muß man an Gulnare denken.
Otho verbürgt sich für die Ehrenhaftigkeit von Ezzelin, der zum verabredeten Zeitpunkt nicht erscheint, und fordert Konrad zum Duell. Konrad verwundet Otho. Dieser rüstet gegen Konrad und zieht gegen ihn in den Krieg. Es kommt zu zahlreichen Schlachten mit vielen Toten. Konrad wird tödlich verwundet. Gulnare stirbt ihm nach.
Gelegenheitsgedichte (1814-16)
Im Fragment „Des Teufels Spazierfahrt“ verspeist der Teufel ein Stück von einem rebellischen Iren und ein Ragout von Mördern mit Selbstmördersauce. Danach schaut er sich auf der Erde um und stellt fest, daß es nichts mehr zu tun gibt: Bei Leipzig schlachten die Menschen einander ab. Über England schreibt er ein Buch, wird aber von den Buchhändlern betrogen (was ja ganz in seinem Sinne ist). In Westminster hört er einen Richter fluchen. Das ist sogar dem Teufel zuviel, so daß er den Moloch zu ihm schickt, um ihn zur Ordnung zu rufen.
„Auf der Rückseite der Scheidungsurkunde“ warf Byron im April 1816 seiner Frau vor, sie habe ihren Schwur gebrochen, ihn zu lieben und zu ehren. Sein eigenes Verhalten ihr gegenüber, das zur Trennung führte (vgl. meinen Aufsatz „Byron als Philosoph II“) scheint er nicht zu sehen.
Dabei heißt es in dem Gedicht „Höchst schmerzliche Romanze von der Belagerung und Einnahme Alhamas, welche im Arabischen so heißt“: „‚Wo man nicht folgt Gesetzen, / Wird Untergang Gesetz'“ (3/99), was ja nicht nur für eine Stadt oder ein Land, sondern auch im Privatleben gilt, besonders in der Ehe.
Der Gefangene von Chillon (1816)
„Zu diesem dramatischen Monolog wurde der Dichter durch einen Besuch der Zwingburg Chillon am Genfer See […] angeregt, wo er den Kerker besichtigte, in dem der Republikaner François Bonnivard (1493-1570), der Genf von der Herrschaft des Herzogs von Savoyen befreien wollte, den größten Teil seiner sechsjährigen Gefangenschaft verbracht hatte.“ Doch der Gefangene in Byrons Werk „ist ein weitgehend fiktiver Charakter“ (Klaus Ensslen und Redaktion KLL, in: KNLL 3/455).
Im Gegensatz zu dem historischen Bonivard ist Byrons Held mit seinen beiden Brüdern im Gefängnis. „Das wahre Thema ist nicht das Schicksal eines Freiheitskämpfers, sondern die innerseelische Wirklichkeit eines Märtyrers“ (Hans-Jürgen Diller, in: Wilpert II 434).
Der historische Bonivard wurde 1514 Prior von Sankt Viktor in Genf. Er „ergriff im Kampf der Stadt gegen Herzog Karl III. von Savoyen die Partei Genfs und war bis zu seiner Befreiung durch die Berner 1530-36 in savoyischer Gefangenschaft auf Schloß Chillon […]. Bonivard trat zur Reformation über und erhielt 1542 den Auftrag zur Abfassung einer Stadtchronik […], die ihm zu einer tendenziösen Parteischrift geriet“ (MEL 4/493).
Beppo. Eine venezianische Geschichte (1818)
Satire in Versen über die „Anekdote von der schönen Laura, die auf einem Maskenball Trost für den vermeintlichen Seemannstod ihres Mannes sucht und stattdessen den sehr lebendigen Gatten selbst antrifft“ (Hans-Jürgen Diller, in: Wilpert II 134).
Dem Seitensprung von Laura entsprechen die Abschweifungen Byrons. Bemerkenswert ist seine Liebeserklärung an England: Byron liebt sogar die Schäden des Landes. Die Regierung liebt er aus Pflichtgefühl. Die Pressefreiheit liebt er, wie das nur Dichter tun können. Die Habeascorpusakte (1679) liebt er nur „nach Sicht“ (2/205), was auch immer das heißen soll.
Die Debatten im Parlament liebt er besonders, wenn sie kurz sind, die Steuern, wenn sie nicht hoch sind. Das Kaminfeuer liebt er, wenn das Holz nicht zu teuer ist. Beefsteaks liebt er „mit und ohne Soße“ (2/205). Das englische Wetter liebt er, wenn es nicht regnet. Regenten, Kirche und König liebt er sehr.
Er liebt auch das Heer, die entlassenen Matrosen, die Abgaben für die Armen, die Staatsschulden (und auch die eigenen Schulden), die Massenunruhen (sie sind nämlich das Vorrecht freier Menschen) und die vielen Bankrotts. Daß die Frauen prüde und die Gassen nebelig sind, ist er bereit zu vergessen und zu vergeben. Den Ruhm der Nation schätzt er, sofern nicht die Tories dafür verantwortlich sind.
Da man bei satirischen Texten nicht weiß, was nun ernst gemeint ist und was nicht, bringe ich zum Abgleich noch eine Passage aus Byrons Tagebuch vom 5.11.1821: Byron empört sich „über die Brutalität der Angriffe, die […] von allen Seiten und in steigender Zahl gegen mich und meine Schriften gerichtet wurden. Aber die Engländer entehren durch ein solches Verhalten mehr sich selber als mich.“ Er konstatiert, daß er „keine große Zuneigung für England und die Engländer“ habe, aber „ihnen nichts Böses“ wünsche (S. 159).
Mazeppa (1819)
Byrons Quelle war die Histoire de Charles XII (1731) von Voltaire. Der schwedische König Karl XII. (1682-1718) verlor den Großen Nordischen Krieg (1700-1721) gegen Zar Peter I. und mußte deshalb die Vorherrschaft Schwedens in Osteuropa aufgeben.
Der ukrainische Fürst Mazeppa, der polnischem Adel entstammt, will den verwundeten Karl XII. aufmuntern, indem er ihm erzählt, wie er sich im Alter von 20 Jahren an einem Grafen gerächt hat, der ihn für den Ehebruch mit seiner Frau bestrafte. Zu diesem Zweck hat er ihn auf ein wildes Pferd gebunden und es in die Steppe gejagt. Nachdem das Pferd vor Erschöpfung zusammengebrochen ist, wird Mazeppa von Kosaken gerettet. Sie machen ihn zu ihrem Anführer und schließlich zum Fürsten der Ukraine.
Doch König Karl XII. schläft am Ende von Mazeppas Bericht schon eine Stunde lang.
Die Braut von Abydos
Byron erzählt von der Liebe zwischen Selim und Zuleika, die ihn für ihren Bruder hält. Zuleikas Vater Dschaffir will die Tochter mit einem Verwandten des ersten Grundbesitzers der Türkei verheiraten. Selim erzählt Zuleika, daß er ihr Cousin ist. Dschaffir hat einst Selims Vater vergiftet. Selim ist inzwischen Pirat geworden und will mit Zuleika fliehen, doch Dschaffir tötet ihn. Zuleika stirbt ihm nach.
Die Prophezeiung Dante’s (1819)
Byron legt Dante Alighieri (1265-1321) eine Prophezeiung in den Mund, in der er kurz vor seinem Tod „die Schicksale Italiens während der folgenden Jahrhunderte im Allgemeinen voraussagt. […] Die Gesänge sind kurz, ungefähr ebenso lang wie die des Dichters, dessen Namen ich geliehen und höchst wahrscheinlich mißbraucht habe“, heißt es im Vorwort Byrons (2/501).
Das Schicksal der Dichter, Propheten und Philosophen stellt Byron so dar: sie werden gequält, ihr Herz wird gebrochen. Sie müssen ihr Leben lang kämpfen, um dann allein zu sterben. Doch nach ihrem Tod wird das Publikum auf sie aufmerksam und verehrt sie.
Byrons Dante prophezeit nicht freiwillig, sondern wird vom Geist gezwungen. Wenn er gehorcht, darf er sterben.
Ansonsten ist noch bemerkenswert, wie es einem Dichter bei Tyrannen ergeht: Wer einmal ihr Gast ist, wird versklavt. Von da an darf er nur noch auf Befehl denken. Schon der erste Tag, an dem er unterliegt, nimmt ihm die halbe Männlichkeit. Sein Geist schwindet, seine Seele wird kastriert. Wenn er nur noch dem Tyrannen gefallen soll, flieht ihn die Inspiration.
Die beiden Foscari (1821)
Francesco Foscari (1373-1457) war ab 1423 Doge von Venedig. „Wie schon als Haupt des Rates der Vierzig setzte Foscari auch als Doge die Expansionspolitik Venedigs fort, führte seit 1426 die 4 Mailänder Kriege, bis der Friede von Lodi (1454) die jahrzehntelangen Hegemoniekämpfe beendete.“ Am 18.4.1454 mußte er „einen Vertrag mit dem Sultan schließen […], der den Verzicht Venedigs auf die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer bedeutete. Die von der Familie Loredano geschürte Opposition führte 1457 zu Foscaris Sturz und zur Verbannung seines Sohnes Iacopo“ (MEL 9/200).
In Byrons Tragödie ist ein Brief an den Herzog von Mailand das Vergehen von Iacopo. Das wird von Barbarigo allerdings nur als Schwäche, nicht als Verbrechen gewertet. Da Iacopo aus Liebe zu Venedig aus der Verbannung zurückkehrt, wird er gefoltert, verhört und wieder verbannt. Loredano meint, Iacopo habe sein Verbrechen nicht gestanden, Barbarigo findet, er habe vielleicht auch gar keines begangen. Diesmal darf ihn seine Frau Marina begleiten. Um die Kinder soll sich der Doge kümmern.
Bevor Loredano ihm das Urteil des Rates der Zehn verkündet, bekommt Iacopo noch etwas zu essen und ein Glas Wasser. Kurz darauf stirbt er. Unmittelbar darauf wird Francesco als Doge abgesetzt und ein Nachfolger gewählt. Francesco bekommt einen Pokal mit Wasser von Loredano und stirbt kurz darauf.
Vor seinem Tod sagt er noch, daß das venezianische Glas angeblich zerspringt, wenn es in Berührung mit Gift kommt. Doch der Pokal ist nicht gesprungen. Das bedeutet, daß entweder das Gerücht falsch oder Loredano anständig ist. Doch Francesco traut weder dem Gerücht noch Loredano.
Dieser hat sich für den Tod seines Vaters und seines Onkels gerächt, die beide plötzlich krank wurden und starben. Davor hatte Francesco gesagt, „er werde nie als Herrscher hier / Gedeihn, bis todt sei Peter Loredano“ (3/404). Loredano jun. ist überzeugt, daß der Doge die beiden vergiftet hat, doch der Doge bestreitet es.
Barbarigo fragt nach dem Beweis, Loredano entgegnet: „Wenn ins / Geheim ein Fürst Etwas betreiben will, / Wird uns Beweis und Klage schwer gemacht, / Doch hab‘ ich von dem ersteren so viel, / Daß ich der zweiten nicht bedarf“ (3/405). Barbarigo meint, daß es in Venedig einfach ist, auf legale Art Genugtuung zu bekommen. Loredano hat die Schuld des Dogen sogar in sein Handelsbuch eingetragen. Wie er sich die Bezahlung vorstellt, sagt er Barbarigo allerdings nicht.
Es bleibt also offen, ob nun vier Menschen vergiftet wurden oder nicht. Loredano schreibt jedenfalls nach dem Tod der beiden Foscari in sein Handelsbuch, daß die Schuld bezahlt sei.
Byron kommentiert, daß das historisch sei, und liefert auch den Beleg dafür (P. Daru: Geschichte Venedigs, Band 2, Seite 411). Fazit: „Die Venezianer scheinen ein besonderes Geschick besessen zu haben, ihren Dogen das Herz zu brechen“ (3/466).
In einer Anmerkung zum „Don Juan“ erfahren wir, daß der Doge Francesco Foscari „plötzlich in Folge eines Blutsturzes“ starb, „der durch das Platzen eines Blutgefäßes in der Brust herbeigeführt worden war“. Byron kommentiert: „Das ist eine nicht ungewöhnliche Wirkung heftiger Leidenschaft“. Sie wurde beim Dogen ausgelöst durch das Läuten der „Glocken von San Marco“, die „die Wahl seines Nachfolgers verkündeten“ (1/132).
Sardanapal (1821)
Die Quelle für dieses Goethe gewidmete Drama ist das zweite Buch der „Historischen Bibliothek“ des Diodoros aus Agyrion (1. Jh. v. Chr.). Der legendäre assyrische König Sardanapal „führte […] ein zurückgezogenes Leben voller Wollust und Ausschweifungen, kleidete sich nach Weiberart, übte sich im Spinnen von Purpur und feiner Wolle und wurde zum Sinnbild verweichlichten Wesens zusammen mit großem Reichtum und sexueller Exzentrik. Er starb von eigener Hand auf einem aus all seinen Reichtümern geschichteten Scheiterhaufen, nachdem er von dem Meder Arbakes und dem Babylonier Belesys nach wechselvollem Kampf besiegt und in Ninive eingeschlossen worden war“ (W. Röllig, in: KP 4/1550).
„In die Legende von Sardanapal sind Züge mehrerer assyrischer Herrscher […] neben rein märchenhaften Motiven eingeflossen“ (W. Röllig, in: KP 4/1551).
Byron hat Sardanapals Charakter verändert und ihm autobiographische Züge verliehen:
- „Sein Sardanapalus ist ein das blutige Kriegshandwerk zutiefst verabscheuender Ästhet, der sich ganz dem Lebensgenuß hingibt und auch sein Volk glücklich sehen will.“ Er ist „die komplexeste Bühnenfigur des Dichters […]. Daß Byron sein eigenes Schwanken zwischen genießerischer Hingabe an das Leben und persönlichem Einsatz für die Menschenwürde in diese Gestalt projiziert hat, verleiht ihr Lebensnähe“ (Redaktion KLL, in: KNLL 3/456).
- „Byron machte aus dem verantwortungslosen Weichling, den er bei Diodorus Siculus vorfand, einen menschenfreundlichen Agnostiker, der sein und seiner Untertanen Wohlleben kriegerischem Ruhm und persönlicher Machtausübung vorzieht“ (Hans-Jürgen Diller, in: Wilpert II 1138).
Die Vision des Weltgerichts (1822)
Das Werk „gilt als bestes unter Byrons satirischen Gedichten“. Es „richtet sich gegen die Verherrlichung Königs Georgs III. […] in dem 1821 veröffentlichten, in pompöse Hexameter gefaßten Gedicht The Vision of Judgment von Robert SOUTHEY, der im Vorwort des Werkes heftig gegen die Dichtungen Byrons polemisiert hatte“ (Klaus Ensslen, in: KNLL 3/457).
Während König Georg I. (1660-1727) nicht englisch sprechen konnte, wurde König Georg III. (1738-1820) „in England geboren und erzogen. Er erzwang 1761, um die Stellung der Krone zu stärken, den Rücktritt von Pitt d. Ä., den er durch Bute ersetzte“ (MEL 10/101).
William Pitt der Ältere, 1. Earl of Chatham (1708-1778), plante die Strategie im Siebenjährigen Krieg, den Georg III. 1763 im Frieden von Paris beendete. Pitt versuchte diesen Friedensschluß zu verhindern. „1774/75 bekämpfte er die harten Maßnahmen der Amerikapolitik seines Landes, ohne für die Unabhängigkeit der Kolonien einzutreten“ (MEL 18/730). Georg III. „verschuldete durch seine starre Haltung gegenüber den nordamerikanischen Kolonien in der Frage der Steuererhebung die Boston Tea Party und den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg“ (MEL 10/101). 1810 wurde er wahnsinnig.
John Stuart, 3. Earl of Bute (1713-1792), „suchte im Gegensatz zu Pitt d. Ä. einen raschen Friedensschluß im Siebenjährigen Krieg, erneuerte den Subsidienvertrag mit Preußen nicht und verständigte sich in Fontainebleau am 3. September 1762 mit Frankreich über den Abschluß des Krieges“ (MEL 5/207).
Byron gestattet in seiner Satire dem König Georg III. nach seinem Tod den Eintritt in den Himmel, nachdem der Erzengel Michael und der Satan darüber diskutiert haben, wer von ihnen beiden ihn denn nun bekommen soll.
Werner oder Das Erbe (1822)
Diese Tragödie basiert auf der Erzählung „Kreutzner, Geschichte eines Deutschen“ von Harriet Lee (1757-1851). Sie ist im zweiten Teil der Canterbury Tales enthalten, die Sophia Lee (1750-1824) zusammen mit ihrer Schwester Harriet verfaßte. Diese Erzählung „enthält den Keim von Vielem, was ich seitdem geschrieben habe“ (3/559).
Mit dem ersten Akt seiner Tragödie begann Byron schon im Jahr 1815. Doch in Pisa schrieb er alles nochmals neu, da er nicht an seine Papiere in England kommen konnte. Die Tragödie spielt gegen Ende des 30-jährigen Kriegs in einem Schloß an der schlesischen Grenze und auf Burg Siegendorf bei Prag.
Werner Kreutzner, Sohn des Grafen Siegendorf, wurde im Alter von 22 Jahren von seinem Vater verstoßen. Aus Liebe hat er Josephine geheiratet, die Tochter eines verbannten Fremden aus edlem Haus. Ulrich, der Sohn der beiden, ist bei Graf Siegendorf aufgewachsen, seit er acht Jahre alt war. Von dort ist er plötzlich spurlos verschwunden und hat eine Räuberbande gegründet.
Nach dem Tod seines Vaters will Werner sein Erbe antreten, das ihm sein entfernter Vetter Baron von Strahlenheim streitig macht. Ulrich rettet bei einer Überschwemmung das Leben des Barons, tötet ihn aber, als er erfährt, wer er ist.
Werner tritt sein Erbe als Graf Siegendorf an und nimmt Ida von Strahlenheim, die Tochter des Barons, zu sich. Er will sie mit Ulrich verheiraten, der verspricht, dem Vater zu gehorchen. Doch da taucht der Zigeuner Gabor auf, der sich an Ulrich herangemacht und ihm bei der Rettung Strahlenheims geholfen hat. Er weiß, daß Ulrich den Baron ermordet hat. Nachdem er Werner alles erzählt hat, gesteht Ulrich. Er rechtfertigt sich damit, daß er Werners Gedanken in die Tat umgesetzt habe, und will Gabor töten.
Werner verhilft Gabor zur Flucht und gibt ihm die Juwelen mit, die er bei sich trägt. Ida wird ohnmächtig, als sie erfährt, daß ihr Verlobter ihren Vater umgebracht hat. Werner verstößt Ulrich und sagt zu Josephine: „Der Unglücksel’ge brachte Beide um! – / O Josephine, wir sind jetzt allein! / Ach wären wir es immer doch gewesen! / Für mich ist Alles nun vorbei. Nun öffne, / Mein Vater, weit dein Grab. Dein Fluch hat’s tiefer / Für deinen Sohn in meinem Sohn gegraben! / Zu Ende geht das Haus der Siegendorf!“ (3/661)
Die Insel oder Christian und seine Kameraden (1823)
Byrons Gedicht beruht auf der „Darstellung der Meuterei und Wegnahme der Bounty im südlichen Ocean im Jahre 1789“ von William Bligh (1754-1817), den seine Matrosen in der Südsee aussetzten, und auf dem Bericht eines Seemanns über die Tonga-Inseln (Freundschaftsinseln).
Einer der Meuterer überlebt die Strafexpedition der Engländer, da seine einheimische Geliebte ihn in einer Höhle versteckt, die man nur erreichen kann, indem man im Meer taucht.
Don Juan (1818-24)
Byrons Hauptwerk, „eine Satire auf die europäischen Eliten“ (Maurois 341), umfaßt neben der Widmung (1818) 16 Gesänge und ist sein umfangreichstes Werk (1/3-410), an dem er bis zuletzt gearbeitet hat. Es ist unvollendet.
Der 1. Gesang ist teilweise autobiographisch: Byrons Frau Annabella ist das Vorbild für Donna Ines, die Mutter von Don Juan. Im 4. Gesang teilt Byron an einer Stelle mit, daß er sich zurückhalte, weil manche Leser im 1. Gesang „zu viel Wahrheit“ fanden und deshalb Alarm schlugen (1/140).
Er selbst bestritt allerdings, daß er in Donna Ines Annabella „geschildert“ habe. Ihm komme es nicht so vor; „der Umriß mag etwas von ihr haben. Aber die Spanierin war nur ein törichtes Weib, und die andere ist ein schablonenhafter, unechter Charakter, was etwas anderes ist“, schrieb er im Oktober 1820 an seine Halbschwester Augusta (S. 135).
Donna Ines ist gelehrt, tugendhaft, großmütig und berechnend. Ihr Gedächtnis ist hervorragend. Am meisten liebt sie die Mathematik. Ihr Mann Don José betrügt sie, was zu ständigen Streitereien führt. Schließlich will Ines die Ärzte dazu bringen, ihren José für verrückt zu erklären. Als das nicht klappt, zieht sie sich darauf zurück, ihn für intrigant zu halten, ohne konkrete Beispiele zu nennen. Sie liest seine Briefe und führt Tagebuch über seine Fehltritte. Ganz Sevilla amüsiert sich über den Ehekrieg, doch Josés plötzlicher Tod beendet den Scheidungsprozeß, das Vergnügen der Stadt, den Zorn des Volkes und die Einnahmen des Gerichts.
Nun konzentriert sich Ines ganz auf die Erziehung des gemeinsamen Sohnes Don Juan. Er lernt das Reiten, Fechten, Schwimmen, die ritterlichen Künste, alle Fächer außer Naturgeschichte und sexuelle Aufklärung. Die antiken Autoren lernt er in einer kastrierten Form kennen. Da alles aus den Werken Entfernte in den Anhang verbannt wird, bekommt es Juan allerdings doch zu Gesicht. Die Mägde sucht Ines so aus, daß sie Juan nicht auf lüsterne Gedanken bringen. (Wäre Juan Byrons Sohn, würde er ihn in die Schule schicken.)
Es ist also alles gut. Doch da taucht Donna Julia auf, die Frau von Don Alfonso, mit dem Ines womöglich vor dessen Hochzeit eine Affäre hatte. Julia ist zärtlich zu Juan, und keiner findet etwas dabei, „So lang sie zwanzig und er dreizehn war“ (1/21). Drei Jahre später sieht es allerdings anders aus. Julia verliebt sich in den Sechzehnjährigen und stellt sich vor, wie es wäre, wenn Alfonso, der schon bei der Hochzeit über 50 Jahre alt war, sterben würde. Juan könnte sie heiraten, und deshalb wäre es keine Sünde, ihn schon jetzt darauf vorzubereiten.
Juan wird zum Philosophen, grübelt über die Natur nach und kommt bei den Augen von Julia heraus. Ines läßt alles geschehen. Byron mutmaßt, das sei für sie der krönende Abschluß von Juans Erziehung gewesen. Aber vielleicht wollte Ines ja auch Alfonso klarmachen, daß Julia „nicht allzu kostbar war“ (1/28).
Julia schwört dem Himmel, ihrem Gatten treu zu sein, doch an einem sechsten Juni faßt sie Juan bei der Hand, und er wühlt in ihrem Haar. Juan küßt ihre Hand, zieht sich zurück, Julia erschrickt und errötet, der Mond geht auf, Juan umarmt sie: „Und dann – und dann – Gott einzig weiß was dann, / Ich schweige still; mich reut, daß ich begann“ (1/31).
Im darauffolgenden November weckt Alfonso seine Frau mit einer Schar von Dienern und durchsucht ihr Schlafzimmer. Julia beschimpft ihn, erklärt den Dienern, daß der inzwischen 60 Jahre alte Alfonso nie mit ihr geschlafen habe, und droht damit, es ihrem Beichtvater zu erzählen. Sie zählt die Kavaliere auf, die sie abgewiesen hat. Sie schreit, Alfonsos Rechtsanwalt solle doch alles aufschreiben, was in ihrem Schlafzimmer gefunden worden sei, und ihre Magd Antonia droht damit, ihm die Augen auszukratzen. Julia fragt Alfonso, wen er denn verdächtigt. Sie fordert ihn auf, seinen nächsten Besuch gefälligst anzumelden, damit sie und Antonia sich vorher anziehen und ihn würdig empfangen können.
Nur der Rechtsanwalt freut sich über den Scheidungsprozeß. Antonia schickt Alfonso weg, der kaum ein Wort herausbringt. Als letzten schiebt Antonia den Rechtsanwalt zur Tür hinaus. Außer dem Bett wurde alles durchsucht und nichts gefunden. Juan ist unter der Bettdecke fast erstickt und wird in der Kammer versteckt. Alfonso kommt zurück und findet Juans Schuhe. Juan flieht, stößt auf Alfonso, die beiden prügeln aufeinander ein, Juan verliert sein Hemd und flieht nackt.
Der Skandal steht in der Zeitung und kommt vor Gericht. Juan wird nach Cadiz gebracht und dort eingeschifft, Julia ins Kloster gesteckt.
2. – 5. Gesang. Juan soll vier Jahre reisen. Ines macht eine Sonntagsschule auf. Das Schiff mit Juan und seinen drei Dienern gerät in einen Sturm. Als das Schiff sinkt, sterben fast 200 Menschen, als der Kutter untergeht, sterben neun. So bleiben noch 30 in einem Boot übrig. Aus Hunger wird einer zur Ader gelassen und aufgegessen. Die von seinem Fleisch gegessen haben, werden wahnsinnig. Juan überlebt als einziger und strandet an einer Insel der Kykladen.
Dort kümmern sich Haidee, die Tochter eines Piraten, und deren Magd Zoë um Juan. Haidee und Juan verlieben sich ineinander und genießen ihre Liebe, bis Haidees Vater Lambro sie entdeckt. Da Juan sich gegen seine Leute wehrt, wird er verletzt, auf ein Schiff gebracht und in Konstantinopel als Sklave verkauft.
Haidee fällt in Ohnmacht, als Juan verwundet wird. Sie dämmert noch zwölf Tage im Delirium dahin, bevor sie stirbt.
Juan wird als Spielzeug in Frauenkleidern zur vierten und jüngsten Frau des Sultans gebracht. Sie heißt Gulbeyaz und ist seine Favoritin. Sie hat Juan auf dem Sklavenmarkt gesehen und einen Narren an ihm gefressen. Für die Frauenkleider ist die Klugheit ihres Domestiken Baba verantwortlich. Immerhin handelt es sich um Ehebruch. Daß Juan sich weigert, ihr die Füße zu küssen, läßt sich noch mit einem Handkuß als Ersatz regeln.
Juan ist noch immer ganz von Haidee erfüllt und bringt kein Wort heraus, als Gulbeyaz ihn fragt, ob er lieben kann. Er kann nur weinen. Das quält Gulbeyaz. Hätte sie gekonnt, hätte sie Juan getröstet. „Doch da sie niemals ihres gleichen sah, / Lag Liebe außer ihrem Horizonte“. Außerdem kannte sie bis dahin nur kleine Sorgen, keine großen. Gulbeyaz muß selbst weinen, weiß aber nicht, „warum und wie und was?“ (1/168)
Juan merkt, wie schön Gulbeyaz ist, ist aber zornig darüber, daß er gefangen ist. Gulbeyaz sitzt in der Klemme. Sie kennt bisher nur „Bitten […] und ein Bestreben / Ihr zu gefallen“ (1/169). Außerdem riskiert sie ihr Leben damit, daß sie den Sultan mit Juan betrügt, und will keine Zeit verlieren. Von der geplanten Stunde ist schon eine Viertelstunde verflossen. Gulbeyaz wird abwechselnd rot und blaß, bevor sie zum Angriff übergeht:
„Dann legte sie in königlicher Weise
Die Hand auf seine, bog sich über ihn
Und forscht‘ nach Lieb‘ in seiner Augen Kreise,
Die sonst so heiß, nun suchten zu entfliehn;
Sie war verletzt, drum hielt sie an mit Fleiße,
Ein Weib will nicht durch Schelten an sich ziehn.
Sie stand jetzt auf und schwankte mädchenhaft,
Dann warf sie sich an seine Brust mit Kraft“ (1/169).
Juan findet das plump. Er schiebt sie sanft beiseite und setzt sie hin, „von Scham und Zorn entseelt.“ Er selbst steht auf, schaut auf sie hinab und sagt kalt, daß sich ein gefangener Adler nicht paart. Er sei keine Speise für „geile Launen“ (1/170).
Erst jetzt beantwortet er ihre Frage: Er liebe so sehr, daß für sie nichts übrig bleibe. Liebe gebe es nur in Freiheit. Von Thron und Tiara lasse er sich nicht beeindrucken, sondern nur vertreiben. Sie könne zwar seinen Körper, aber nicht sein Herz unterwerfen.
Gulbeyaz „hatte nie so was gehört, / Sie wähnte, Alles müss‘ für sie nur leben, / Die Welt sei da, daß sie ein Weib bethört, / Ob rechts ob links die dummen Herzen kleben, / Das hatte niemals ihren Schlaf gestört.“ Byron kommentiert: „So denkt, wer von Geburt Legitimist / Und seines Rechts auf Andre sicher ist“ (1/170).
Außerdem ist sich Gulbeyaz ihrer Reize sicher. „Sie glaubte fest, es leite sich hieraus / Ein doppelt göttlich Herrscherrecht für sie“. Byron kommentiert wieder: „Zur Hälfte theil‘ ich diese Theorie“ (1/170). Welche Hälfte er meint, ist klar: Den Reizen einer Frau unterwirft er sich, ihrem hohen Stand aber nicht.
Aus den Augen von Gulbeyaz sprühen Funken. Ihre Wangen glühen rot. Sie ist voller Wut, da ihr noch nie ein Wunsch versagt wurde:
„Ihr Wüthen währt‘ zum Glück nur zwei Minuten,
Noch eine mehr und sie war umgebracht;
Doch gab’s ’nen Einblick in der Hölle Gluten.
Nichts größer doch als solcher Galle Macht,
ein Schmerzensbild wie wilde Meeresfluten,
Die Felsen stürmen in erhabner Pracht;
Die Leidenschaft, die sie durchtobt‘, der Wahn
Erhob sie zum verkörperten Orkan“ (1/171).
Sie will Juan töten und weint. Sagen kann sie nichts. Ihr Mut ist gebeugt. Byron kommentiert, daß das für derartige Menschen häufig gut sei. Denn daraus könnten sie lernen, daß sie Menschen wie die andern seien, verletzlich, ob gut oder schlecht. Wer es ihnen beibringe, sei schließlich egal. Es nähere die Stände jedenfalls einander an.
Gulbeyaz überlegt, ob sie Juan köpfen oder nur wegschicken soll, ob sie ihn ausfragen und verhöhnen soll, bis er sein Verhalten bereut, ob sie sich in ihr Bett zurückziehen und sich umbringen soll, ob sie Baba bestrafen soll, der Juan schließlich gebracht hat, allerdings auf ihren Befehl hin. Sie tut das alles nicht, sondern setzt sich hin und weint.
Da sie einen Dolch bei sich hat, könnte sie sich erstechen, doch ihre Kleider sind dünn, so daß ein Dolch kaum auf ein Hindernis stoßen würde. Dann überlegt sie wieder, Juan den Kopf abzuschneiden. Doch sie sieht ein, daß sie auf diese Weise nicht sein Herz gewinnen kann.
Juan ist ergriffen. Er hat erwartet, gefoltert oder wilden Hunden zum Fraß vorgeworfen zu werden. Er ist entschlossen, lieber zu sterben als mit Gulbeyaz zu schlafen. Doch als er sieht, wie sehr sie leidet, schmilzt sein Heldentum dahin. Er wundert sich darüber, daß er sie abgewiesen hat, und denkt, daß noch nichts verloren ist. Er wirft sich vor, daß er spröde war, als sei er ein Mönch, der sein Gelübde bereut.
Er stammelt und bittet, Gulbeyaz lächelt. Doch da kommt Baba angerannt und meldet den Sultan. Gulbeyaz wünscht, er sei erst am nächsten Tag gekommen. Dann befiehlt sie, daß Juan unter ihre Mädchen eingereiht wird. Als sie zusammen mit den Eunuchen Spalier stehen, fällt Juan dem Sultan gleich auf, doch er nimmt es locker und bedauert, daß die Christen so schön sind.
Der Hofstaat ist empört. Noch nie hat einer von ihnen ein Kompliment vom Sultan bekommen. Doch jetzt hat er ausgerechnet eine Christin gelobt. Gulbeyaz wird rot und blaß. Die andern flüstern und husten. Kichern dürfen sie nicht.
Byron kommentiert, daß die Türken ihre Frauen zu Recht einschließen, da die südliche Sonne den Ehebruch begünstige. Außerdem klärt er uns über den Sultan auf: Fehltritte an seinem Hof werden nicht an die große Glocke gehängt, sondern im Stillen durch Ersäufen im Meer geregelt. Der Sultan hält den Mond für eine Kugel, weil er ihn sieht, die Erde aber für eckig, da er beim Reiten noch nichts Rundes an ihr gesehen hat.
Mit Aufrührern ist er bisher fertig geworden. Seine 50 Töchter und 50 Söhne wohnen alle im Palast. Die Töchter leben bis zu ihrer Verheiratung wie Nonnen. Manche werden schon im Alter von sechs Jahren verheiratet, weil der Sultan den Brautpreis haben will. Die Söhne leben wie im Gefängnis und werden gehängt, falls sie nicht vom Schicksal für den Thron bestimmt sind.
In der Vorrede zum 6. – 8. Gesang (1822) gibt Byron Auskunft über die historischen Hintergründe seines Epos und nennt seine Quellen. Das hat er bisher in den Anmerkungen getan. Mit andern Worten: Es ist im „Don Juan“ sehr viel mehr wahr, als man denkt.
Ein Beispiel aus dem 4. Gesang: Eine Truppe von Opernsängern geht auf Tournee nach Sizilien und wird dort von ihrem Direktor als Sklaven verkauft. Anmerkung von Byron: „Dies ist Thatsache. Vor einigen Jahren engagirte ein Unternehmer eine Gesellschaft für ein fremdes Theater und schiffte sie in einem italienischen Hafen ein, von wo jene nach Algier geführt und dort verkauft wurde. Eine der Frauen, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, hörte ich Anfangs 1817 merkwürdiger Weise in Rossini’s ‚Italienerin in Algier‘ singen“ (1/137).
In Rossinis komischer Oper (1813) befreit die Italienerin Isabella die europäischen Sklaven von Mustapha, dem türkischen Bey von Algerien. Sie wurde selbst von dem Korsaren Aly zu Mustapha gebracht, da sie nach Algier gereist ist, um Lindoro zu suchen, der dort gefangen ist. Sie nutzt die Verliebtheit von Mustapha aus, gründet einen Orden, in den sie ihn aufnimmt, und schläfert ihn so ein. Mustapha begreift „zu spät […], daß einer klugen Frau nichts unmöglich ist“ (Zentner 131).
Byron beruft sich unter anderen auf Voltaire und verwahrt sich gegen dessen Kritiker, die ihn als Gotteslästerer beschimpfen. Schließlich seien auch Sokrates und Jesus wegen Gotteslästerung hingerichtet worden, da sie sich „dem sichtlichen Mißbrauch des Namens Gottes und der menschlichen Seele widersetzt“ hätten. „Aber Verfolgung ist nicht Widerlegung, nicht einmal Triumph“ (1/179).
Die Verfolger hält Byron für ehrlos und seelisch tot. Er wünscht, daß sie „ihr Gewinsel etwas herabstimmen“, denn es sei „die schreiende Sünde einer doppelzüngigen und falschen Brut selbstsüchtiger Räuber“ (1/179).
Daß Byron als Tugendhasser und Nihilist verleumdet wurde, erfahren wir im 7. Gesang. Zu seiner Verteidigung beruft er sich auf Salomo, Cervantes, Dante, Luther, Swift, Machiavelli, Platon, Laroche Foucault, Fénelon, Rousseau, Wesley, Tillotson, Sokrates und Newton, die ungefähr dasselbe wie er geschrieben hätten.
Schon während seiner Schulzeit wurde Byron verleumdet. Nachdem er als Schurke bezeichnet worden war, was er hintenherum erfuhr, schrieb er an seine Mutter (wahrscheinlich im Jahr 1804): „Sie können mich einen Schurken nennen, aber Gott sei Dank keinen aus mir machen“ (S. 24).
Der 6. Gesang spielt im Harem, in den Juan als angebliches Mädchen gesteckt wird. Da kein Bett frei ist, schläft er im Bett der liebestollen Dudù. Warum sie in der Nacht durch ihr Schreien die andern weckt, wird doppelt erklärt: Erstens schwebten „Phantome […] leise durch das Haus“ (1/194), zweitens erzählt sie einen Traum, in dem sie in einen Apfel beißen will, aber von einer Biene gestochen wird. Die Symbolik ist offensichtlich: Entdeckt sie, daß Juan ein Junge und kein Mädchen ist? Jedenfalls beauftragt Gulbeyaz Baba, die beiden im Meer zu ersäufen.
Erst im 7. Gesang lesen wir, daß der Engländer Johnson, der vor seiner Versklavung als Soldat für die Russen gekämpft hat, Juan, zwei Frauen und einen Eunuchen befreit. Er stößt zum Heer von General Suworow, der Ismail belagert. Johnson und Juan kämpfen für die Russen.
Der politische Hintergrund sind die Türkenkriege:
„Schon unter Alexeis Sohn Fjodor III. Alexejewitsch (1676-82) ließ sich Rußland in seinen ersten, erfolglosen Türkenkrieg von einer Allianz, die der Kaiser, Venedig und Polen bildeten, hineinziehen“ (MEL 22/137).
„Der folgende Große Türkenkrieg (1683-99) mit der Hl. Liga von 1684 endete erst mit den Friedensverträgen von Karlowitz und Konstantinopel (1699/1700), in denen v. a. die Peloponnes und Athen, das westliche Dalmatien, Ungarn, der größte Teil des seit dem 15./16. Jahrhundert mit weiten Teilen zum Osmanischen Reich gehörenden Kroatien mit Slawonien, Siebenbürgen, Podolien, die polnische Ukraine und Asow abgetreten werden mußten“ (MEL 24/33).
„Ab 1695 intensivierte Peter I. […] die Türkenkriege.“ Nach dem Türkenkrieg von 1735-1739 gewann Rußland „das Gebiet der Saporoger Kosaken und wiederum Asow“ (MEL 22/138).
Unter Katharina II., der Großen (1762-96) wurde der erste siegreiche Türkenkrieg (1768-74) „mit dem endgültigen Gewinn von Asow und der Schwarzmeerküste zwischen Dnjepr und Südlichem Bug“ abgeschlossen. „1783 annektierte Katharina die Krim. […] Ein zweiter Türkenkrieg (1787-92) erbrachte den Gewinn der Schwarzmeerküste bis zur Dnjestrmündung“ (MEL 22/138).
Feldmarschall Alexandr Wassiljewitsch Suworow (1729 oder 1730 – 1800) zeichnete „sich im Siebenjährigen Krieg, in den Türkenkriegen, v. a. aber im 2. Koalitionskrieg in Oberitalien und durch seinen spektakulären Übergang über den Sankt Gotthard mitten im Winter aus“ (MEL 23/69).
Wann Ismail gegründet wurde, ist unbekannt. Im 16. Jahrhundert war die Stadt eine „osmanische Festung und ein wichtiger strategischer Punkt im Türkenkrieg 1787-91“. 1791 wurde Ismail von Suworow erobert, „nach dem Friedensschluß 1792 jedoch wieder osmanisch.“ Im nächsten Türkenkrieg wurde Ismail „1809 erobert“ und blieb „bis 1856 russisch. Nach dem Frieden von Paris (1856)“ wurde die Stadt „der Türkei zugesprochen; im folgenden russisch-türkischen Krieg (1877/78)“ wurde Ismail „von Rußland erobert“. 1917 wurde die Stadt „durch Rumänien besetzt und erst 1940 an die Sowjetunion abgetreten“ (MEL 12/759).
8. Gesang. Juan rettet ein Türkenmädchen vor zwei Kosaken. Da sie nicht auf ihn hören, verwundet er sie. Das Mädchen gibt er in die Obhut von Johnson, der sie seinen besten Männern anvertraut, denen, die sich noch ein Stück Menschlichkeit bewahrt haben. Wenn dem Mädchen etwas passiert, will er die Soldaten in Ketten legen lassen. Doch wenn sie unversehrt bleibt, bekommt jeder ihrer Wächter 50 Rubel und den Beuteanteil, der ihm zusteht.
Juan stürzt sich mit Johnson in die Schlacht. Ismail wird von den Russen erobert. Es kommt kaum zu Vergewaltigungen. Da Juan Mut und Menschlichkeit bewiesen hat, wird er als Bote in die russische Hauptstadt St. Petersburg geschickt. Das türkische Mädchen darf ihn begleiten. Juan freut sich mehr über ihre Rettung als über den Orden, der ihm verliehen wird. Er schwört, sie zu beschützen.
Durch Juans Teilnahme am Türkenkrieg ist eine zeitliche Einordnung des Epos möglich. Byrons Don Juan lebt deutlich später als Don Juan Tenorio von Tirso de Molina (1571-1648), der ihn in seinem Drama „Der Verführer von Sevilla oder Der steinerne Gast“ zum ersten Mal in die Literatur eingeführt hat.
Inwieweit Don Juan eine historische Persönlichkeit war, ist nicht so recht klar:
Otto C. A. zur Nedden ist sich sicher: „Tirso entnahm den Stoff aus alten spanischen Chroniken, die von einem Mitglied der berühmten Familie der Tenorios in Sevilla berichteten, der den Komtur Ulloa umbrachte, nachdem er dessen Tochter gewaltsam entführt hatte. Der Komtur wurde im Kloster der Franziskaner in einer Familiengruft beigesetzt. Die Mönche, die Don Juans schamloses Treiben schon längere Zeit beobachtet hatten, sollen ihn eines Tages zu sich ins Kloster gelockt, ihn getötet und das Gerücht verbreitet haben, Don Juan habe in der Kapelle die Statue des Komturs beleidigt und sei von ihr zur Strafe in die Hölle gezogen worden“ (Nedden 83).
Doch Elisabeth Frenzel ist vorsichtig: „Das religiöse Drama Tirso de Molinas verbindet zwei ursprünglich wohl nicht zusammengehörige Stoffkomplexe – die Liebesabenteuer eines jungen Draufgängers und die Bestrafung eines Frevlers durch die Erscheinung eines Standbildes – zu einer Fabel, die das Problem der göttlichen Gnade in dem Sinn beantwortet, daß der Sünder, der Besinnung und Reue stets aufschiebt, schließlich vom Tode überrascht und zur Hölle verdammt wird. […] Über die Quellen Tirsos, d. h. über die Entstehung des Stoffes, gibt es mehrere Thesen; die Bestrafung eines jungen Mannes durch ein Standbild, das er herausgefordert hat, taucht in volkstümlicher Überlieferung auf, etwa in spanischen Romanzen und in einem Ingolstädter Jesuitendrama von 1635, aber die Verschmelzung beider Stoffkomplexe ist bisher vor Tirso noch nicht nachgewiesen worden. Die Anknüpfung an historische Gestalten ist unwahrscheinlich, aber möglicherweise hat der Dichter Namen historischer Familien für seine erdichteten Gestalten benutzt“ (Frenzel 164).
„Lord BYRONS gesellschaftssatirisches Epos […] ließ Fabel und Personen des Stoffes völlig fallen. Den Dichter interessierte nur der Typ des unwiderstehlichen Liebhabers, der hier nicht eigentlich Verführer, sondern verführerisch ist und der das Verführen erst von den Frauen lernt“ (Frenzel 166).
Im 9. Gesang kommt Juan an den Hof von Katharina II., auf deren „Lebensstil mit zahlreichen Liebhabern und Günstlingen“ (MEL 13/538) Byron ausführlich eingeht. Natürlich funkt es sofort zwischen ihr und Juan: „Sie sah herab, der Jüngling sah nach oben / Und so verliebte sie in sein Gesicht, / In seine Anmuth sich und andre Proben“ (1/263).
10. Gesang. Don Juan wird krank. Die Ärzte sagen: Er vertrage als Spanier das kalte Klima von Petersburg nicht. Byron will über Intrigen schweigen, der Hofstaat munkelt von einer Vergiftung. Katharina schickt ihn deshalb als Diplomat nach England. Leila, die Juan bei der Eroberung von Ismail gerettet hat, begleitet ihn. Sie ist erst zehn Jahre alt. Die beiden lieben einander ohne zu wissen, was Platonismus ist, und ohne daß Juan sexuelle Gelüste hätte. Katharina tröstet sich mit einem anderen Mann.
Leila will keine Christin werden und wundert sich beim Anblick der Kathedrale von Canterbury, daß Gott ausgerechnet bei Leuten ein Haus hat, die „seine heil’gen Tempel ruinirt, / Die Gläubigen gemordet um die Wette? – / Sehr schmerzlich war sie dadurch afficirt, / Daß Mahomed solch Münster missen sollt‘, / Das hier als Perle vor die Schweine rollt'“ (1/282).
Byron kritisiert den englischen Kolonialismus. England ist in seinen Augen verfemt, alle Völker rotten sich gegen die Herren zusammen, die von Freiheit reden, aber andere Völker in Ketten legen. Er findet, daß England sich auf diese Weise selbst knechtet. Denn: „Wer Ketten schließt, genießt so wenig Luft, / Wie wer sie trägt in feuchter Kerkergruft“ (1/281).
Im 11. Gesang wird Juan von vier Räubern überfallen und schießt einen von ihnen nieder. Er beeindruckt die Diplomaten, weil er einen Diamanten trägt, hinter dem sie Katharina II. wittern. Von Mädchen und Frauen wird er umschwärmt. Die Vormittage verbringt er mit „Staatsgeschäften, / Was in geschäft’gem Nichtsthun meist bestand, / Das gleichwol nagte an des Jünglings Säften“ (1/298).
Im Hinblick auf das, was Byron in den folgenden Gesängen erzählen will, sichert er sich ab: „Von m e i n e m Leben soll man nichts erspähen, / Ein Autor sieht zwar oft im falschen Schein, / als ob auf dies und das er spiele an; / Ich thu‘ das nie, ich zeige meinen Zahn“ (1/302).
12. Gesang. Leila wird von Lady Pinchbeck erzogen. Juan freundet sich mit Lord Henry an.
Etwas Philosophisches: „Der Weg zur Wahrheit ist mit Noth beschlagen“ (1/313). Zu den Tugenden eines Historikers rechnet Byron „Gelehrsamkeit, Fleiß, Forschung, Zorn und Parteinahme. Ich nenne letztere unter den Tugenden eines Schriftstellers, weil sie zeigen, daß es ihm Ernst ist“ (1/307).
Im 1. Gesang hatte Byron sein Werk als Epos nach dem Vorbild des Homer und Vergil bezeichnet, das 12 Gesänge umfassen sollte. Im 12. Gesang wollte er zeigen, „Wohin die Schlechten kommen ganz gewiß“ (1/49).
Wenn man danach sucht, findet man folgendes: Im mittleren Alter schwankt der Mensch „zwischen einem weisen Mann / Und einem wahren Narrenhaus-Vasallen.“ Die Liebe macht krank, aber mehr noch der Alkohol. „Ehrgeiz und Spiel bringt Schaden und Verlust, / Doch Geldgewinne“ sind „Mehr […] als die Lieb‘, des Spielers Steine, / Des Weines Trost, des Staatsmanns böse Lust“ (1/303). Geld hält die Welt im Gleichgewicht und gängelt die Politik. Was man mit der Liebe nicht erreicht, erreicht man mit Geld.
Am Ende des 12. Gesangs bezeichnet Byron die bisherigen Gesänge als „Präludgesänge“, also als Vorspiel, nach dem das Eigentliche erst kommt: Erst ab dem 13. Gesang beginne das Buch „in seinem Kern“, sein „Hauptgesang“ soll von der Nationalökonomie handeln. „Dies ist der Text, um populär zu werden“, doch den Plan, wie man bankrott geht, will Byron vorerst noch zurückhalten und dafür zeigen, „wie man die Staatsschuld lenkt“ (1/320).
13. und 14. Gesang. Doch der eigentliche Bankrott scheint Byrons Schaffenskraft zu betreffen. Byron bezeichnet sich als „Schwätzer“ (1/315), und tatsächlich fragt man sich, was er denn eigentlich noch sagen will. Daß er die Inhaltslosigkeit hinter Ansprüchen an den Leser versteckt, hilft da auch nicht mehr.
Seine Poesie gerät zum „Seifenblasenspiel“ und zerrinnt in der Leere. „Einst schrieb ich viel, das Herz war mir so voll, / Jetzt fühl‘ ich wol, daß es nicht mehr so toll“ (1/345). Was Byron über andere Autoren sagt, scheint auch auf ihn selbst zuzutreffen: „Warum ist, was sie schreiben, so verloren?“ Antwort: „Weil wirklich wenig zu beschreiben ist“ (1/347).
Fazit: Byron hat einfach nichts mehr zu sagen. Daß Don Juan ein perfekter Gentleman wird, ist nun wirklich nicht spannend.
15. Gesang. Lady Adeline Amundville will Don Juan verheiraten, ist aber nicht damit einverstanden, daß er mit Aurora Rebhuhn liebäugelt. Byron muß gespürt haben, daß alles etwas schal bleibt, denn er prüft, „was den Gesang / Erheben kann auf eine höhre Stufe“. Doch „es kommt wie’s oben liegt, / Wenn der Improvisator an mich fliegt“ (1/368). Es hängt also von der Inspiration ab, und die ist leider versiegt.
Im 16. Gesang begegnet Juan einem Geist. Am nächsten Morgen merken alle, daß mit ihm etwas nicht stimmt, und machen ihn mit dem schwarzen Mönch bekannt, der auf Amundville spuken soll. Denn Lord Amundville, der Lehnsherr des gleichnamigen Hügels, hat einst alle Mönche bis auf einen vertrieben. Die Absichten des schwarzen Mönchs, der als Gespenst umgehen soll, bleiben unklar. Jedenfalls interessiert er sich für Hochzeiten und Todesfälle. Als Juan in der nächsten Nacht seinen ganzen Mut zusammennimmt und den Mönch berühren will, hat er die Brust einer Frau in der Hand. Es ist die Herzogin Fitz Fulke.
© Gunthard Rudolf Heller, 2024
Literaturverzeichnis
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BYRON, Lord: Sämtliche Werke in drei Bänden, frei übersetzt von Adolf Seubert, mit einer biographischen Einleitung von Rudolf von Gottschall, Leipzig o.J.
– Briefe und Tagebücher, ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Friedrich Burschell, Frankfurt am Main/Hamburg 1960
DÜHRING, Karl Eugen: Die Grössen der modernen Literatur populär und kritisch nach neuen Gesichtspunkten dargestellt, zwei Bände, Faksimile-Nachdruck der zweiten Auflage 1910, Viöl 2000
FRENZEL, Elisabeth: Stoffe der Weltliteratur – Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart 81992
HELLER, Gunthard: Byron als Philosoph I/II, Facebook 2024
– Byron als Politiker, Facebook 2024
KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996 (KNLL)
LAATHS, Erwin: Geschichte der Weltliteratur, München/Zürich 1953
MAUROIS, André: Don Juan oder Das Leben Byrons – Biographie, aus dem Französischen übersetzt von Hans A. Neunzig, München 1979
MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)
NEDDEN, Otto C. A. zur: Tirso de Molina, in: Reclams Schauspielführer, Stuttgart 121973, S. 79-84
SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986
WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur, 4 Bände, München 1971
– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993
ZENTNER, Wilhelm: Reclams Opernführer, Stuttgart 261973
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