Georg Büchner als Philosoph

Georg Büchner (1813-1837) „stammte aus einer berühmten deutschen Familie mit freiheitlicher Tradition. Sein Vater war gut napoleonisch gesinnt, sein Bruder Wilhelm war Fabrikant und liberaler Abgeordneter, seine Schwester Louise eine bekannte Frauenrechtlerin, sein Bruder Ludwig Arzt und Verfasser von Kraft und Stoff, ein anderer Bruder Rebell von 1848, der führende Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht war sein Großneffe und dessen Sohn wieder war der Kriegsgegner und Spartakist Karl Liebknecht, der 1919 von rechtsradikalen Fememördern heimtückisch ermordet wurde“ (Hoffmann/Rösch 211).

Georg Büchner als Philosoph

Er studierte Medizin, Naturwissenschaften (v. a. Zoologie und vergleichende Anatomie), Geschichte und Philosophie (v. a. Descartes und Spinoza), promovierte mit einer Abhandlung über das Nervensystem der Barben und habilitierte sich mit einer Arbeit „Über Schädelnerven“. Im Oktober 1836 wurde er Privatdozent für Medizin in Zürich. „Er äußerte damals oft: ‚Ich werde nicht alt werden'“ (S. 231), berichten seine Mutter und seine Schwester. Büchner starb noch im selben Jahr an Typhus.

„Kennzeichnend für Büchners pessimistische Weltschau ist die passive Haltung seiner tragischen Figuren“ in seinen Dichtungen: „Über die Sinnlosigkeit des Daseins verzweifelnd, treiben sie in ihr Verderben“ (MEL 4/879).

Aufsätze und Reden aus der Schulzeit

Über die Freundschaft und Heldentod der vierhundert Pforzheimer wirken etwas altklug. Bemerkenswert ist immerhin der Gedanke im zweiten Aufsatz, der überaus pompös gehalten ist, daß ein Staat untergeht, wenn er seine geistige Selbständigkeit aufgibt.

Büchners Kritik an einem Aufsatz über den Selbstmord (Überschrift vom Herausgeber) umfaßt zwei Gedankengänge: die Beurteilung des vorliegenden Aufsatzes (der Autor habe ausgewogen geschrieben und selbständig gedacht) und Argumente für und gegen den Selbstmord.

Für den Selbstmord spreche, daß es in der Natur des Menschen liege, ein Leiden beenden zu wollen. Andererseits sei er gegen das Leben gerichtet und insofern unnatürlich. Den Einwand, der Selbstmord widerspreche der Religion, widerlegt Büchner, denn was wie bei Lukretia und Cato sittlich geboten sei, könne weder der Religion allgemein noch dem Christentum im besonderen widersprechen.

Büchner wendet sich speziell gegen die Auffassung, daß unser Leben hier auf der Erde nur Mittel, nicht Selbstzweck sei. Seine Begründung: „Entwicklung ist der Zweck des Lebens, das Leben selbst ist Entwicklung, also ist das Leben selbst Zweck“ (S. 217).

Wer für sein Vaterland sein Leben hingibt, ist für Büchner kein Selbstmörder. Wenn ein Kranker sich umbringt, ist er für Büchner an seiner Krankheit gestorben und ebenfalls kein Selbstmörder.

Über den Traum eines Arkadiers handelt von einem Traum, der vom Träumer nicht ernst genommen wurde: Sein Freund erschien ihm und bat um Hilfe, da sein Wirt ihn umbringen wolle. Anstatt ihn aufzusuchen, schlief der Arkadier weiter und träumte, daß sein Freund tot sei. An dieser Stelle bricht der Text ab.

Büchners Ausführungen über Kato von Utika (1830, Überschrift vom Herausgeber), den Urenkel von Cato dem Zensor (234-149 v. Chr.), sind wortreich und bombastisch.

Der Stoiker Cato von Utika vertrat als überzeugter Republikaner die Senatsaristokratie. Gegenüber Cäsar war er feindlich eingestellt. Cicero hielt ihn für überaus streng und integer. 62 v. Chr. stellte Cato den Antrag, die Anhänger des Catilina hinzurichten. Vom Frühjahr 47 bis April 46 v. Chr. war er Stadtkommandant von Utica. Dort brachte er sich um. „Haltung und Tod haben ihn unsterblich gemacht; er verschmähte die Begnadigung durch Caesar, der ihm deshalb zürnte“ (Hans Georg Gundel, in: KP 1/1088f).

Büchner meint, man dürfe Cato nicht nach den Maßstäben der Gegenwart, insbesondere des Christentums beurteilen. Man müsse auf ihn die Grundsätze der Römer und Stoiker anwenden. „Kato war einer der untadelhaftesten Männer, den die Geschichte uns zeigt.“ Dagegen sei Caesar nicht besser als der Verschwörer Catilina gewesen, sondern lediglich erfolgreicher. Cato sei „groß durch sich selbst“ gewesen, „Cäsar groß durch sein Glück, mit dem größten Verbrechen geadelt durch den Preis seines Verbrechens“ (S. 221).

Cato sei nicht gefallen, weil Cäsar ihm überlegen, sondern weil seine Zeit verdorben gewesen sei. „Anderthalbe hundert Jahre zuvor hätte kein Cäsar gesiegt“ (S. 222). Cato habe für die Freiheit gekämpft, doch in Utika nur Sklavenseelen gefunden. Büchner weist alle niederen Selbstmordmotive, die Cato untergeschoben wurden, zurück. Er sei für das Vaterland und die Freiheit gestorben. Denn unter Sklaven habe er nicht leben wollen. Hätte er sich der Willkür Cäsars gebeugt, hätte er seine Freiheit verloren. Selbst wenn Cato Cäsar besiegt hätte, wären die Römer Sklaven geblieben. Daß Brutus Cäsar umbrachte, sei „nur ein leeres Schattenbild einer untergegangnen Zeit“ gewesen (S. 223).

Den Einwand, daß Cato doch für einzelne Menschen in Not hätte weiterleben sollen, widerlegt Büchner mit der Bemerkung, Cicero habe gezeigt, „wie wenig durch Nachgeben und Fügsamkeit erreicht wurde“ (S. 224): Er wurde zwar von Caesar begnadigt, nachdem er sich zeitweise für Pompeius entschieden hatte, wurde aber schließlich von den Schergen des Antonius, der sich mit Octavianus und Lepidus zu einem Triumvirat zusammengeschlossen hatte, ermordet.

Auch den Einwand, daß Cato für seine Freunde, seine Schwester Porcia und seinen Sohn hätte weiterleben sollen, widerlegt Büchner: „seinen Freunden nützte sein Tod mehr als sein Leben, seine Porcia hatte einen Brutus gefunden, sein Sohn war erzogen; der Schluß dieser Erziehung war der Selbstmord des Vaters, er war die letzte große Lehre für den Sohn. Daß derselbe sie verstand, lehrte die Schlacht bei Philippi“ (S. 224).

Zur Erläuterung: Porcia war mit Lucius Domitius Ahenobarbus verheiratet, der ein „erbitterter Gegner Caesars“ war (Hans Georg Gundel, in: KP 2/128). In der Schlacht bei Pharsalos 48 v. Chr. kämpfte Domitius für Pompeius. Caesar berichtet in seinem Buch über den Bürgerkrieg, daß von den Soldaten des Pompeius ca. 15000 fielen, über 24000 kapitulierten, während er selbst „nicht mehr als 200 Soldaten verlor“. Allerdings hatte er „den Verlust von fast 30 Centurionen zu beklagen, alles tapfere Männer. […] L. Domitius hatte versucht, aus dem Lager auf den Berg zu entkommen, aber da ihn vor Erschöpfung seine Kräfte verließen, wurde er von Reitern getötet“ (III 99).

Marcus Porcius Cato, der Sohn des Cato von Utika, ahnte, daß sein Vater sich umbringen wollte, und nahm ihm während des Abendessens heimlich das Schwert weg. Cato fragte einen Sklaven, „wer die Waffe von ihrem Platz genommen habe“, erhielt aber keine Antwort und las in Platons Phaidon weiter. „Nach einer kleinen Weile befahl er, das Schwert zu bringen, wobei er weder Eile noch Ungeduld verriet, sondern tat, als ob er einfach seine Waffe vermißte. Allein die Zeit verstrich, und niemand brachte ihm, was er forderte. So las er das Buch zu Ende und rief dann abermals seine Sklaven, einen nach dem andern, in immer heftigerem Tone nach seinem Schwert verlangend. Einen schlug er dabei mit der Faust ins Gesicht, daß seine Hand blutig wurde, und schrie voller Zorn und Erbitterung, er werde von seinem eigenen Sohn und Gesinde wehrlos dem Feind überliefert, bis der Jüngling mit den Freunden hereinstürzte und den Vater unter Tränen und flehentlichen Bitten umklammerte“ (Plutarch IV 430).

Cato warf dem Sohn vor, er werde hier zum Narren gemacht, denn niemand versuche, ihn mit vernünftigen Argumenten vom Selbstmord abzuhalten. „‚Stattdessen beraubt man mich der Waffen, will mich hindern, meinen Grundsätzen treu zu bleiben.'“ Er könne sich schließlich auch ohne Schwert umbringen. Doch bisher sei noch alles offen. Sein Sohn solle ihn „’nicht zu etwas zwingen, wovon er ihn nicht überzeugen kann'“ (Plutarch IV 431).

Das Schwert wurde ihm gebracht, doch Cato prüfte es nur und las dann wieder. Er soll den Phaidon zweimal durchgelesen haben. Danach legte er sich schlafen. Den Freigelassenen Butas schickte er unter einem Vorwand ans Meer, von dem Arzt Kleanthes ließ er sich seine entzündete Hand verbinden. Danach stieß er sich das Schwert in den Bauch, so daß die Eingeweide heraushingen. Er stürzte, der Sohn hörte es und kam, der Arzt stopfte die Eingeweide in den Bauch zurück und nähte ihn zu. Der bewußtlose Cato wachte wieder auf, stieß den Arzt weg, riß die Wunde wieder auf und starb.

Plutarch erzählt weiter: „Seinem Sohn tat Caesar kein Leid an. Es heißt von ihm, er sei ein leichtes Blut gewesen und nicht sehr stark den Frauen gegenüber. […] Aber all diese Flecken auf seinem Ruf tilgte er durch seinen Tod. Er kämpfte bei Philippi gegen Caesar und Antonius für die Freiheit. Als das Heer zu weichen begann, hielt er es für eine Schande, zu fliehen oder sich zu verbergen, vielmehr schleuderte er den Feinden seine Herausforderung entgegen, gab sich ihnen als Catos Sohn zu erkennen und riß auch die Kameraden, welche bei ihm ausharrten mit sich fort. So fiel er als ein Soldat, dessen Tapferkeit sogar den Feinden Bewunderung abnötigte“ (IV 434).

In seiner Biographie über Brutus berichtet Plutarch folgendes: Catos Tochter Porcia war mit Brutus verheiratet, der sich mit den Senatoren gegen Caesar verschwor und ihn umbrachte. Nachdem er sich selbst umgebracht hatte, wollte sich Porcia, die an einer Krankheit litt, ebenfalls umbringen. Doch ihre Freunde beobachteten sie, um es zu verhindern. Da verschluckte sie glühende Kohlen, hielt ihren Mund fest geschlossen und starb.

Fazit: Wenn man die antiken Quellen liest, kann man Büchners Idealisierung nicht nachvollziehen. Er meint, Catos Tod sei dadurch „noch großartiger“ geworden, daß er sich die vom Arzt vernähte Wunde wieder aufriß (S. 225).

Briefe 1833/34

An seine Familie schrieb Büchner, er sei „kein Katholik“ (S. 157).

Er bekannte sich zur Gewalt: „Meine Meinung ist die: Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt“ (S. 157). „Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand?“ (S. 158) Nachdem in Neustadt Soldaten „über eine friedliche und unbewaffnete Versammlung hergefallen“ waren „und ohne Unterschied mehrere Personen niedergemacht“ hatten, kommentierte Büchner: „man vergilt Gleiches mit Gleichem, Gewalt mit Gewalt. Es wird sich finden, wer der Stärkere ist“ (S. 158f).

Doch im Augenblick betrachtete Büchner „jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung“ (S. 158), trotz der Mißstände: „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen“ (S. 164).

Nachdem Büchners Studienfreund Karl Minnigerode (1814-1894) verhaftet worden war, ohne daß Büchner begriff, warum, wurde Büchners Wohnung durchsucht. Er suchte Genugtuung, denn: „Das Gesetz sagt, nur in Fällen sehr dringenden Verdachts, ja nur eines Verdachtes, der statt halben Beweises gelten könne, dürfe eine Haussuchung vorgenommen werden“ (S. 171).

„Eine solche Gewalttat stillschweigend ertragen, hieße die Regierung zur Mitschuldigen machen; hieße aussprechen, daß es keine gesetzliche Garantie mehr gäbe; hieße erklären, daß das verletzte Recht keine Genugtuung mehr erhalte. Ich will unserer Regierung diese grobe Beleidigung nicht antun“ (S. 172).

Insgesamt stellte Büchner „drei Verletzungen des Gesetzes“ durch die Hausdurchsucher fest: es lag kein dringender Verdacht vor, es war keine Urkundsperson dabei, „und endlich Haussuchung am dritten Tage meiner Abwesenheit ohne vorher erfolgte Vorladung“ (S. 172f).

Fazit: „Der Vorfall ist so einfach und liegt so klar am Tage, daß man mir entweder volle Genugtuung schaffen oder öffentlich erklären muß, das Gesetz sei aufgehoben und eine Gewalt an seine Stelle getreten, gegen die es keine Appellation als Sturmglocken und Pflastersteine gebe“ (S. 173).

Minnigerode wurde im Gefängnis „drei Jahre lang totgequält“, schrieb Büchner am 20.11.1836 an seine Familie, und meinte, die Guillotine der französischen Revolutionäre sei humaner gewesen (S. 197).

Der hessische Landbote (1834)

1834 gründete Büchner die geheime „Gesellschaft für Menschenrechte“, um die reaktionären Verhältnisse im Großherzogtum Hessen umzustürzen. Wegen seiner revolutionären Flugschrift „Der hessische Landbote“ (1834) mußte er im Frühjahr 1835 nach Straßburg fliehen und wurde steckbrieflich gesucht. Sein Koautor Friedrich Ludwig Weidig (1791-1837), protestantischer Theologe und Rektor der Lateinschule in Butzbach bei Gießen, starb im Gefängnis von Darmstadt an Folter oder zumindest unterlassener Hilfeleistung. Angeblich soll er einen Selbstmordversuch unternommen haben.

Die Parole der Flugschrift, „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ (S. 133), stammt aus der Französischen Revolution. Die Autoren wenden sich gegen Steuern und Fürstenwillkür. Sie treten für Freiheit und Demokratie ein. König Ludwig von Bayern (1786-1868), der erst während der Märzrevolution 1848 zum Rücktritt gezwungen wurde, wird mit den Etiketten „Scheusal„, „Gotteslästerer„, „Schwein“ und „Wolf“ beleidigt (S. 141).

August Becker (1814-1871) sagte 1835/36 vor Gericht aus, Büchner habe die Flugschrift als Testballon verstanden. Er habe herausfinden wollen, „inwieweit das deutsche Volk geneigt sei, an einer Revolution Anteil zu nehmen.“ Das Resultat war negativ: „Als er später hörte, daß die Bauern die meisten gefundenen Flugschriften auf die Polizei abgeliefert hätten, als er vernahm, daß sich auch die Patrioten gegen seine Flugschrift ausgesprochen, gab er alle seine politischen Hoffnungen in bezug auf ein Anderswerden auf“ (S. 307).

„Die Tendenz der Flugschrift läßt sich vielleicht dahin aussprechen: Sie hatte den Zweck, die materiellen Interessen des Volkes mit denen der Revolution zu vereinigen, als dem einzigen möglichen Weg, die letztere zu bewerkstelligen“ (S. 307).

Weidig habe die Flugschrift durch seine Überarbeitung „noch gehässiger“ gemacht. „Das ursprüngliche Manuskript hätte man allenfalls als eine schwärmerische, mit Beispielen belegte Predigt gegen den Mammon, wo er sich auch finde, betrachten können […]. Die biblischen Stellen sowie überhaupt der Schluß sind von Weidig“ (S. 308).

„Büchner war über die Veränderung, welche Weidig mit der Schrift vorgenommen hatte, außerordentlich aufgebracht; er wollte sie nicht mehr als die seinige anerkennen und sagte, daß er ihm gerade das, worauf er das meiste Gewicht gelegt habe und wodurch alles andere gleichsam legitimiert werde, durchgestrichen habe“ (S. 309).

Eine mündliche Äußerung Büchners gegenüber August Becker weckt den Verdacht, Büchner sei die Revolution wichtiger gewesen als die Behebung der Mißstände: „Sollte es den Fürsten einfallen, den materiellen Zustand des Volkes zu verbessern, sollten sie ihren Hofstaat, […] sollten sie die kostspieligen stehenden Heere […] vermindern, sollten sie den künstlichen Organismus der Staatsmaschine […] auf einfachere Prinzipien zurückführen, dann ist die Sache der Revolution, wenn sich der Himmel nicht erbarmt, in Deutschland auf immer verloren“ (S. 230).

Jedenfalls zog sich Büchner in der Folge von der Politik zurück.

Briefe 1835

Büchners Kunstphilosophie: „Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts als ein Geschichtschreiber, steht aber über letzterem dadurch, daß er uns die Geschichte zum zweiten Mal erschafft und uns gleich unmittelbar, statt eine trockene Erzählung zu geben, in das Leben einer Zeit hinein versetzt, uns statt Charakteristiken Charaktere und statt Beschreibungen Gestalten gibt. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein als die Geschichte selbst; aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden“ (S. 181).

„Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben“ (S. 182).

Von der Philosophie hielt Büchner immer weniger: „Ich werde ganz dumm in dem Studium der Philosophie, ich lerne die Armseligkeit des menschlichen Geistes wieder von einer neuen Seite kennen“ (S. 187).

Seine Einstellung zur Gewalt blieb unverändert:

  • Es fiel ihm „leichter […], in Lumpen zu betteln, als im Frack eine Supplik [Bittgesuch] zu überreichen, und fast leichter, die Pistole in der Hand: la bourse ou la vie! [Geldbeutel oder Leben!] zu sagen, als mit bebenden Lippen ein: Gott lohn es! Zu flüstern“ (S. 174).
  • Über einen aufdringlichen Menschen, der ihm auf die Nerven ging, schrieb Büchner: „Ich kann ihn endlich mit guter Manier vor die Türe werfen. Ich war bisher unvernünftig gutmütig; es wäre mir leichter gefallen, ihn tot zu schlagen als zu sagen: Pack dich!“ (S. 185)

Dantons Tod (1835)

Dieses Historiendrama „schildert in vier Akten die letzten beiden Wochen vor der Hinrichtung Dantons am 5.4.1794 in Paris“ (Redaktion KLL, in: KNLL 3/308). Büchner hat „überlieferte Reden aus dem Revolutionskonvent zum Teil wörtlich in sein Stück aufgenommen“ (Laaths 622).

Georges Jacques Danton (1759-1794) „gründete 1790 zusammen mit C. Desmoulins und J. P. Marat den Klub der Cordeliers“, eine „‚Gesellschaft der Freunde der Menschenrechte'“ zur Mobilisierung von nichtadeligen Revolutionären. Als Justizminister organisierte Danton „den revolutionären Terror, mobilisierte den französischen Widerstandsgeist und Patriotismus gegen die Intervention europäischer Mächte und verkündete die These von den ’natürlichen Grenzen‘ Frankreichs.“ Im März 1793 verfügte er die „Gründung des Revolutionstribunals […]. Seit April 1793 führend im Wohlfahrtsausschuß, schlug Danton innen- und besonders außenpolitisch eine kompromißbereitere Politik ein, wodurch er in scharfen Gegensatz zu Robespierre geriet, der ihn zunächst aus dem Wohlfahrtsausschuß verdrängte und am 31. März 1794 verhaften ließ. Nach kühner Verteidigung wurde Danton verurteilt und zusammen mit C. Desmoulins und einigen befreundeten Cordeliers guillotiniert“ (MEL 6/251).

Maximilien Marie Isidore de Robespierre (1758-1794) „erwarb sich aufgrund seiner bescheidenen Lebenführung und seines Eintretens für das einfache Volk den Ruf des ‚Unbestechlichen‘. […] Immer deutlicher zeigte sich Robespierres Tendenz, die Tugend […] mit terroristischen Mitteln zu verwirklichen. […] Das Instrument zur Ausübung der Schreckensherrschaft war v. a. der von Robespierre (seit 27. Juli 1793) gegründete Wohlfahrtsausschuß. „Seine Gegner ließen ihn verhaften und hinrichten (MEL 20/219).

Büchner macht aus Danton eine Art Lebemann, aus Robespierre eine Art Asketen. Philosophisch interessant ist in dem Stück nur ein Beweis über die Nichtexistenz Gottes, den Thomas Payne, Deputierter des Nationalkonvents, aufstellt:

Wenn Gott die Welt nicht geschaffen hat, so hat sie „ihren Grund in sich, und es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, daß er den Grund alles Seins enthält.“ Wenn Gott die Welt „zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen“ hat, muß er, „nachdem er eine Ewigkeit geruht, einmal tätig geworden sein, muß also einmal eine Veränderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn anwenden läßt, was beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich wissen, daß die Welt oder daß unser Ich wenigstens vorhanden ist, und daß sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in etwas haben muß, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben. Quod erat demonstrandum“ (S. 38).

Kritik: Mit Logik und Vorstellungen kann man weder der Welt noch Gott beikommen, sondern nur mit konkreten Wahrnehmungen und widerspruchsfreiem Denken.

Briefe 1836

Büchner wandte sich gegen die Zensur: „Der König von Bayern läßt unsittliche Bücher verbieten! Da darf er seine Biographie nicht erscheinen lassen, denn die wäre das schmutzigste, was je geschrieben worden!“ (S. 187)

Sein Rezept für eine bessere Gesellschaft lautete so: „Ich glaube, man muß in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volke suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen“ (S. 191).

Seinen Leichtsinn interpretierte Büchner als „das unbegrenzteste Gottvertrauen“ (S. 193). Er erfuhr von Minnigerodes Tod, dem drei Jahre Folter vorangingen. Im Vergleich damit hielt Büchner die Todesstrafe für humaner.

Die europäischen Mißstände faßte Büchner folgendermaßen zusammen: „Ich meine, eine Tour durch die Spitäler von halb Europa müßte einem sehr melancholisch und die Tour durch die Hörsäle unserer Professoren müßte einem halb verrückt und die Tour durch unsere teutschen Staaten müßte einem ganz wütend machen“ (S. 193).

Seine Heilmittel: „Unsere Zeit braucht Eisen und Brot – und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man muß in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volke suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen“ (S. 191).

Seinen Leichtsinn rechtfertigte Büchner mit seinem Gottvertrauen: „Ich denke ‚Befiehl du deine Wege‘ und lasse mich nicht stören“ (S. 193).

Lenz (1836)

Diese (unvollendete?) Novelle über Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) basiert auf dem Bericht des elsässischen evangelischen Theologen und Sozialpädagogen Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), „bei dem der unglückliche Lenz in seiner beginnenden Verfinsterung [1778] Zuflucht gesucht hatte“ (Fechter 238f), und auf Briefen von Lenz.

Lenz litt an einer Psychose. Da sich sein Zustand verschlechterte, ließ Oberlin ihn nach Straßburg bringen. „Oberlins Bericht erhielt Büchner in einer Abschrift durch seine Straßburger Freunde August (1808-1884) und Adolf Stoeber (1810-1892). August Stoeber veröffentlichte 1831 einen Aufsatz Der Dichter Lenz im ‚Morgenblatt für gebildete Stände‘, sein Vater, Daniel Ehrenfried Stoeber (1779-1835), publizierte 1831 eine umfangreiche Oberlin-Biographie (Vie de J. F. Oberlin), und der Vater von Büchners Braut Minna, Johann Jakob Jaeglé (1763-1837), war es, der beim Tode Oberlins 1826 eine der Totenreden gehalten hatte. Weitere Einzelheiten entnahm Büchner GOETHES Lenz-Porträt in Dichtung und Wahrheit“ (Dieter Barber und Redaktion KLL, in: KNLL 3/315).

Oberlin wirkte ab 1767 „als Pfarrer in dem verarmten Steintal (Ban de la Roche), einer Talschaft der oberen Breusch [Vogesen], der er zu wirtschaftlichem Aufschwung verhalf.“ Er „gründete einen landwirtschaftlichen Verein zur Beratung der Bauern sowie eine Spar- und Darlehnskasse und setzte sich für eine bessere Ausbildung von Bauern und Handwerkern ein. Ab 1779 richtete er Strickschulen ein“ (MEL 17/524).

Die von Oberlin eingerichteten Kinderbewahranstalten (Kleinkinderbewahrungsanstalten, Kleinkinderschulen) wurden von Pestalozzi empfohlen. Sie sind ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in den Kindergärten von Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852) aufgegangen, die am 7.8.1851 vom preußischen Kultusministerium „wegen angeblicher ‚destructiven Tendenzen auf dem Gebiet der Religion und Politik‘ verboten“ worden waren. „Erst 1860 wurde das Verbot wieder aufgehoben“ (MEL 9/478).

Oberlin starb in Waldersbach im Steintal, aus dem Büchner „Waldbach“ machte. In dem Gespräch mit Christoph Kaufmann vertritt Lenz „seine – und Büchners – naturalistische Kunstanschauung“ (Elisabeth Frenzel, in: Wilpert II 794f).

Goethe bezeichnet Lenz in „Dichtung und Wahrheit“ als talentvoll und seltsam, zurückhaltend bis schüchtern, aus Langeweile selbstquälerisch und intrigant. „Für seine Sinnesart wüßte ich nur das englische Wort whimsical [launenhaft, grillenhaft, schrullig, wunderlich, humorig, drollig], welches, wie das Wörterbuch ausweis’t, gar manche Seltsamkeiten in Einem Begriff zusammenfaßt“ (32/76).

„Auf diese Weise war er Zeitlebens ein Schelm in der Einbildung, seine Liebe wie sein Haß waren imaginär, mit seinen Vorstellungen und Gefühlen verfuhr er willkürlich, damit er immerfort etwas zu thun haben möchte. Durch die verkehrtesten Mittel suchte er seinen Neigungen und Abneigungen Realität zu geben, und vernichtete sein Werk immer wieder selbst; und so hat er niemanden den er liebte, jemals genützt, niemanden den er haßte, jemals geschadet, und im Ganzen schien er nur zu sündigen, um sich strafen, nur zu intriguiren, um eine neue Fabel auf eine alte pfropfen zu können“ (32/247).

Das dichterische Talent von Lenz sei kränklich gewesen. „Seine Tage waren aus lauter Nichts zusammengesetzt, dem er durch seine Rührigkeit eine Bedeutung zu geben wußte, und er konnte um so mehr viele Stunden verschlendern, als die Zeit, die er zum Lesen anwendete, ihm bei einem glücklichen Gedächtniß immer viel Frucht brachte, und seine originelle Denkweise mit mannichfaltigem Stoff bereicherte“ (32/247f).

Aus der Beziehung von Lenz zur Geliebten eines Barons wird man nicht recht schlau: War er wirklich in sie verliebt, oder tat er nur so? Stimmte sein Bild von ihr mit der Wirklichkeit überein? Merkte er, daß er „ihr nur zum Scherz und zur Unterhaltung diene“? Was ist von Goethes Kommentar zu halten, das sei um so „besser für ihn!“? (32/248)

Goethes Begründung: „Denn bei ihm war es auch nur Spiel, welches desto länger dauern konnte als sie es ihm gleichfalls spielend erwiderte, ihn bald anzog, bald abstieß, bald hervorrief, bald hintansetzte. Man sei überzeugt, daß wenn er zum Bewußtsein kam, wie ihm denn das zuweilen zu geschehen pflegte, er sich zu einem solchen Fund recht behaglich Glück gewünscht habe“ (32/248).

Immerhin paßt der Genuß einer double bind-Beziehung zu Lenzens Selbstquälerei. Aus meiner Sicht ist das nur krank und pervers.

Zum Hintergrund der Tragi-Komödie „Die Soldaten“ bemerkt Goethe, Lenz habe „meistens mit Officieren der Garnison“ gelebt, „wobei ihm die wundersamen Anschauungen, die er später in dem Lustspiel die Soldaten aufstellte, mögen geworden sein. Indessen hatte diese frühe Bekanntschaft mit dem Militär die eigene Folge für ihn, daß er sich für einen großen Kenner des Waffenwesens hielt; auch hatte er wirklich dieses Fach nach und nach so im Detail studirt, daß er einige Jahre später ein großes Memoire an den französischen Kriegsminister aufsetzte, wovon er sich den besten Erfolg versprach. Die Gebrechen jenes Zustandes waren ziemlich gut gesehn, die Heilmittel dagegen lächerlich und unausführbar. Er aber hielt sich überzeugt, daß er dadurch bei Hofe großen Einfluß gewinnen könne, und wußte es den Freunden schlechten Dank, die ihn, theils durch Gründe, theils durch thätigen Widerstand, abhielten, dieses phantastische Werk, das schon sauber abgeschrieben, mit einem Briefe begleitet, couvertirt und förmlich adressirt war, zurückzuhalten, und in der Folge zu verbrennen“ (32/249).

Nach dieser Abschweifung kehrt Goethe zurück zur Geliebten von Lenz: „Mündlich und nachher schriftlich hatte er mir die sämmtlichen Irrgänge seiner Kreuz- und Querbewegungen in bezug auf jenes Frauenzimmer vertraut. Die Poesie die er in das Gemeinste zu legen wußte, setzte mich oft in Erstaunen, so daß ich ihn dringend bat, den Kern dieses weitschweifigen Abenteuers geistreich zu befruchten, und einen kleinen Roman daraus zu bilden; aber es war nicht seine Sache, ihm konnte nicht wohl werden, als wenn er sich gränzenlos im Einzelnen verfloß und sich an einem unendlichen Faden ohne Absicht hinspann“ (32/249).

Lenz schickte Goethe einen Aufsatz mit dem Titel „Über unsere Ehe“, in dem er sich selbst als Dichter mit Goethe verglich. Die beiden tauschten in der Folge ihre Manuskripte aus. Goethe besorgte für Lenz sogar Verleger, „ohne auch nur im mindesten zu ahnen, daß er mich zum vorzüglichsten Gegenstande seines imaginären Hasses, und zum Ziel einer abenteuerlichen und grillenhaften Verfolgung ausersehn hatte“ (32/251).

Nachdem Goethe Straßburg verlassen hatte, verlobte sich Lenz mit Goethes Freundin Friederike Brion (1752-1813). Goethe schreibt dann noch, später habe sich Lenz „in Wahnsinn“ verloren (32/250). Als Dichter sei er plötzlich verschwunden, „ohne im Leben eine Spur zurückzulassen“ (32/252).

Als Lenz Goethes „Götter, Helden und Wieland“ (1774) unbedingt veröffentlichen wollte und Goethe nachgab, bereute er es, allerdings erst später: „Erst lange nachher erfuhr ich, daß dieses einer von Lenzens ersten Schritten gewesen, wodurch er mir zu schaden und mich bei’m Publicum in üblen Ruf zu setzen die Absicht hatte: wovon ich aber zu jener Zeit nichts spürte noch ahnete“ (32/327).

In der „Campagne in Frankreich 1792“ zählte Goethe Lenz zu einer „Zahl von jungen Männern“, die er sich „aufgebürdet“ hatte und „die, anstatt mit mir auf meinem Wege einer reineren höheren Bildung entgegen zu gehen, auf dem ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden, und mich in meinen Fortschritten hinderten“ (37/213).

In den „Tag- und Jahres-Heften“ rechnete Goethe Lenz zu den Sprudelköpfen, „welche fast den Ehrennamen eines Genies zum Spitznamen herabgebracht hätten“ (40/39).

Goethe hielt Lenz für verkehrt, höchst seltsam und unbestimmbar. In „Biographische Einzelnheiten“ erklärt er die Intrigen von Lenz genauer: er tat „alles, auch das Simpelste, durch Intrigue […], dergestalt daß er sich Verhältnisse erst als Mißverhältnisse vorstellte, um sie durch politische Behandlung wieder ins Gleiche zu bringen. In dem Umgang mit seinen Freunden, Eleven und Bekannten war es seine Art sich die närrischesten Irrwege auszusinnen, um aus Nichts etwas zu machen, und ohne in der damaligen Epoche etwas Böses oder Schädliches zu wollen, übte er sich doch immer dergestalt, um in der Folge bei andern Zwecken, die er sich vorsetzen mochte, auf die tollste Weise zu einer Art von Schelmen zu werden. Wobei ihm, in Absicht auf Beurtheilung und Imputation [Beschuldigung], immer seine Halbnarrheit, ein gewisser von jedermann anerkannter, bedauerter, ja geliebter Wahnsinn, zu statten kam“ (41/229f).

1776 ging Lenz nach Weimar, „das er 1777 nach Differenzen mit Goethe verließ“ (MEL 14/817).

1779 sah Goethe Friedrike Brion wieder. Sie erzählte ihm, was sie mit Lenz erlebt hatte: „Dieser hatte sich nach meiner Abreise im Hause introducirt, von mir was nur möglich war zu erfahren gesucht, bis sie endlich dadurch daß er sich die größte Mühe gab meine Briefe zu sehen und zu erhaschen, mißtrauisch geworden. Er hatte sich indessen nach seiner gewöhnlichen Weise verliebt in sie gestellt, weil er glaubte, das sei der einzige Weg hinter die Geheimnisse der Mädchen zu kommen; und da sie nunmehr gewarnt, scheu, seine Besuche ablehnt und sich mehr zurückzieht; so treibt er es bis zu den lächerlichsten Demonstrationen des Selbstmords, da man ihn denn für halbtoll erklären und nach der Stadt schaffen kann. Sie klärt mich über die Absicht auf, die er gehabt mir zu schaden und mich in der öffentlichen Meinung und sonst zu Grunde zu richten, weßhalb er denn auch damals die Farce gegen Wieland drucken lassen“ (41/230f).

In „Maximen und Reflexionen“ zieht Goethe folgendes Resümee: „Leichtsinnige leidenschaftliche Begünstigung problematischer Talente war ein Fehler meiner frühern Jahre, den ich niemals ganz ablegen konnte“ (49/132).

Lenz „reiste – geistig bereits erkrankt – wiederholt in die Schweiz, nach Riga und starb in Moskau im Elend“ (MEL 14/817).

Büchner entwirft in seiner Novelle ein Psychogramm von Lenz. Die „Naturbeschreibungen und -erfahrungen sind fast vollständig aus der Hand Büchners, ebenso die den Text prägende Auseinandersetzung mit dem Christentum sowie das sogenannte ‚Kunstgespräch‘, das Lenz mit Christoph KAUFMANN führt, einem befreundeten Dichter, der sich kurz im Steintal aufhält. […] Die ästhetischen Ansichten, die Lenz äußert, sind jene, die sich auch in Dantons Tod und in Leonce und Lena finden“ (Dieter Barber und Redaktion KLL, in: KNLL 3/315).

Fritz Bergemann weist darauf hin, daß Büchner die Ansichten über Kunst von Christoph Kaufmann (1753-1795) falsch dargestellt hat. Kaufmann sei „gerade für Natur im Gegensatz zur Kunst“ gewesen (vgl. Register, S. 370).

Büchner schreibt: „Die idealistische Periode fing damals an; Kaufmann war ein Anhänger davon, Lenz widersprach heftig“ (S. 71): Der Idealismus sei „die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur“ (S. 72).

Kaufmann wirft Lenz „vor, daß er in der Wirklichkeit doch keine Typen für einen Apoll von Belvedere oder eine Raffaelische Madonna finden würde.“ Lenz erwidert: „Der Dichter und Bildende ist mir der liebste, der mir die Natur am wirklichsten gibt, so daß ich über seinem Gebild fühle; alles übrige stört mich“ (S. 73).

Leonce und Lena (1836)

Diese Märchenkomödie „ist voller Anspielungen auf die trottelhaften Fürsten deutscher Kleinstaaten und ihre rechtshegelianische Staatsphilosophie“ (Hoffmann/Rösch 212).

König Peter ist eine Art Karikatur eines platonischen Philosophenkönigs, der sich durch die Regierungsgeschäfte beim Nachdenken gestört fühlt. Es werden keine sachgemäßen Entscheidungen getroffen. Stattdessen regieren Beliebigkeit, Zufall und Willkür. Die Aufrechterhaltung des schönen Scheins ist am wichtigsten.

„Langeweile und Lebensüberdruß quälen den Prinzen Leonce genauso wie Danton und Lenz, antiidealistische Haltung wird nicht nur in dem Motto des Werkes (Alfieri: E la fama? Gozzi: E la fame?) ausgedrückt, sondern auch in der Lebensanschauung des Narren Fantasio komisch paraphrasiert, und hinter den […] Repräsentanten des Hofes von Leonces Vater, König Peter, ist politische und soziale Zeitkritik kaum verborgen“ (Elisabeth Frenzel, in: Wilpert II 796).

Die Handlung ist denkbar primitiv: Leonce und Lena laufen vor einer arrangierten Hochzeit davon und verlieben sich in einander im Exil. So können sie doch noch heiraten. „Der Handlungsgang des Stückes parodiert das gängige Schema der Komödie“ (Dieter Barber und Redaktion KLL, in: KNLL 3/319).

„Dem Thema ‚Langeweile‘ widmen sich psychologisch und philosophisch ausgerichtete Interpretationen. Sie kann als Kennzeichen menschlicher Existenz, als ein auch von anderen Dichtern und Philosophen behandeltes Problem sowie als Ausdruck einer bestimmten sozialen Lebensform begriffen werden“ (Brück 76).

Über Schädelnerven (1836)

Büchner kritisiert in seiner Züricher Probevorlesung die in England und Frankreich übliche teleologische Naturbetrachtung: „Die teleologische Methode bewegt sich in einem ewigen Zirkel, indem sie die Wirkungen der Organe als Zwecke voraussetzt“ (S. 145).

Seinen eigenen Standpunkt faßt Büchner so zusammen: „Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reibt sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Äußerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Das Gesetz dieses Seins zu suchen, ist das Ziel der der teleologischen gegenüberstehenden Ansicht, die ich die philosophische nenne will. Alles, was für jene Zweck ist, wird für diese Wirkung. Wo die teleologische Schule mit ihrer Antwort fertig ist, fängt die Frage für die philosophische an“ (S. 146).

Für den Philosophen ist „das ganze körperliche Dasein des Individuums nicht zu seiner eigenen Erhaltung aufgebracht, sondern es wird die Manifestation eines Urgesetzes, eines Gesetzes der Schönheit, das nach den einfachsten Rissen und Linien die höchsten und reinsten Formen hervorbringt“ (S. 146).

Büchner kritisiert den „Enthusiasmus des absoluten Wissens“, der sich aus „der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus der Vernunftphilosophen“ speise. Zwischen Rationalismus und Natur gebe es keine Brücke. „Die Philosophie a priori sitzt noch in einer trostlosen Wüste; sie hat einen weiten Weg zwischen sich und dem frischen grünen Leben, und es ist eine große Frage, ob sie ihn je zurücklegen wird“ (S. 146).

Bei der vergleichenden Anatomie vermißt Büchner die Beweise: „Man strebte danach, alle „Formen auf den einfachsten primitiven Typus“ zurückzuführen. „[Wenn Oken] gesagt hatte: der Schädel ist eine Wirbelsäule, so mußte man auch sagen: das Hirn ist ein metamorphosiertes Rückenmark, und die Hirnnerven sind Spinalnerven. Wie aber dies im einzelnen nachzuweisen sei, bleibt bis jetzt ein schweres Rätsel“ (S. 147).

Im weiteren Verlauf einer Vorlesung führt Büchner aus, daß bei Fischen und Fröschen „der hypoglossus [beim Menschen nach der modernen Zählung: XII. Hirnnerv] als ein selbständiger Nerv“ erscheint und „auf das deutlichste den Typus eines Spinalnerven“, also eines Rückenmarknerven, zeigt (S. 151). Die Analogie des menschlichen trigeminus (heute: V. Hirnnerv) mit dem Spinalnerven sei „unverkennbar und längst anerkannt“ (S. 152). Zum Schluß weist Büchner noch „die Analogie der drei höheren Sinnesnerven [Tractus olfactorius, Nervus opticus und Nervus statoacusticus, heute = I., II. und VIII. Hirnnerv] mit den Spinalnerven“ nach (S. 153).

Woyzeck (1836)

Dieses Dramenfragment basiert auf dem Eifersuchtsmord eines Leipziger Perückenmachers oder Barbiers im Jahr 1821, der am 27.8.1824 „trotz des Nachweises, daß sein Verstand zerrüttet war“, in Leipzig öffentlich hingerichtet wurde. Büchner machte aus dem Perückenmacher einen Soldaten, der „ertrinkt, als er das Mordmesser in den Teich wirft“ (Hoffmann/Rösch 212).

„Bereits der erste Herausgeber des Textes, Karl Emil FRANZOS, hatte mit der Entzifferung der schwer lesbaren Handschrift Büchners seine Probleme […]; nach Gutdünken ließ er aus oder dichtete er phantasiereich hinzu […]. Wenn noch immer in zahlreichen zeitgenössischen Ausgaben am Anfang die Rasierszene steht und gegen Ende die durch nichts gerechtfertigte Annahme, daß Woyzeck im Teich ‚ertrinkt‘, so geht das auf Franzos und den ästhetischen Bewußtseinsstand des späten 19. Jahrhunderts zurück“ (Werner R. Lehmann, in: KNLL 3/319).

In der Bibliothek des Vaters von Büchner waren die beiden gerichtsmedizinischen Gutachten des Königlich Sächsischen Hofrats Dr. Clarus über Woyzecks „Gemüthszustand“ (1821) und seine „Zurechnungsfähigkeit“ (1823). Büchner erfuhr von ihnen aus der „Zeitschrift für Staatsarzneikunde“, bei der auch sein Vater mitarbeitete.

„Sie berichten detailliert über den Hergang der Tat und das Leben des 41jährigen Inquisiten. Zur Tatzeit war der ehemalige Perückenmacher, Diener und Soldat Woyzeck Gelegenheitsarbeiter, der zuletzt so wenig Geld besaß, daß er im Freien kampieren mußte. Am Abend des 21. Juni 1821 stach er mit einer abgebrochenen Degenklinge die 46jährige Baaderswitwe Woost im Hausgang ihrer Wohnung nieder. Als Motiv galt Eifersucht. Drei Jahre nach der Tat, am 27. August 1824, wurde er in seiner Geburtsstadt Leipzig öffentlich durch das Schwert hingerichtet“ (Werner R. Lehmann, in: KNLL 3/320).

Die Handlung von Büchners Stück: Woyzeck hat ein Kind von Marie. Er verdient etwas Geld, indem er sich für (sinnlose) medizinische Experimente hergibt. Nachdem er Marie mit dem Tambourmajor hat tanzen sehen, ersticht er sie.

Büchner legt Woyzeck einen Satz in den Mund, der an Freuds Unbewußtes erinnert: „Jeder Mensch is ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“ (S. 123).

Würdigung und Kritik

Paul Fechter hält Büchner nicht für einen Nihilisten, sondern für einen Existentialisten. Im „Woyzeck“ findet er ganz heideggerisch „die Angst aus dem Geworfensein in das Nichts, die wenige Jahre nach Büchners Tod der Däne Sören Kierkegaard zum Ausgangspunkt aller Diskussion des menschlichen Daseins und seiner Beziehung zu Gott macht“ (S. 236).

Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch bemerken: „Seine Zeit hat von Büchner kaum Notiz genommen. Weil er empört in sie eingriff und flüchten mußte, galt er als gescheiterter Revoluzzer; weil er lächelnd über der ‚ziemlich verpfuschten Schöpfung‘ und ihrem Getriebe stand, wurde seine Dichtung nicht begriffen.“ Er wurde als „Vorläufer des Naturalismus von Gerhard Hauptmann“, als „Vorläufer des Expressionismus“, als „Stürmer und Dränger“ und als „erster Realist“ gedeutet (S. 210). Er war „ein Republikaner von Geblüt und geistiger Herkunft“, ein „Sozialist, aber ohne Dogma und Ideologie“ (S. 211).

Büchner im Urteil seiner Zeitgenossen

Im folgenden trage ich Passagen aus den Erinnerungen von Zeitgenossen Büchners zusammen, in denen er als Philosoph verstanden und gewürdigt wird.

Friedrich Zimmermann (1814-1884) erzählt, daß er mit Büchner auf Spaziergängen philosophierte und Wirtshäuser mied. „Für Unterhaltungslektüre hatte er keinen Sinn; er mußte beim Lesen zu denken haben.“ Büchner „warf sich frühzeitig auf religiöse Fragen, auf metaphysische und ethische Probleme, in einem inneren Zusammenhang mit Angelegenheiten der Naturwissenschaften, für deren Studium er sich frühe entschied“ (S. 300). Zimmermann war davon überzeugt, daß Büchner „mehr zum Philosophen als zum Dichter geboren war“. Er sei in Sachen Religion „zwar ein kühner Skeptiker, aber nicht Atheist“ gewesen (S. 301).

Für Ludwig Wilhelm Luck (1813-1881) war Büchner „ein ruhiger, gründlicher, mehr zurückhaltender Beobachter. Wo er aber fand, daß jemand wirklich wahres Leben suchte, da konnte er auch warm, ja enthusiastisch werden.“ In politischen Angelegenheiten sei Büchners Freund Karl Minigerode „noch radikaler“ als Büchner gewesen (S. 302).

„Georg Büchner ging schon frühe und allezeit gradaus auf das los, was er als das Wesen und den Kern der Dinge erkannte, auch in der Wissenschaft, besonders der Philosophie, sowie hinsichtlich der politischen Volksbedürfnisse, wie er sie ansah, und in allem war sein Prinzip die Freiheit, die er meinte. Er war nicht gewillt, daß die Unwissenheit des Volks benützt werde, es zu betrügen oder zum Werkzeug zu machen, oder gar mit seinem Talent lukrative Spekulationen zu machen“ (S. 303).

„In seinem Denken und Tun durch das Streben nach Wesenhaftigkeit und Wahrhaftigkeit frühe durchaus selbständig, vermochte ihm keine äußerliche Autorität noch nichtiger Schein zu imponieren.“ Ständig kritisierte Büchner unerbittlich alles, „was in der menschlichen Gesellschaft oder Philosophie und Kunst Alleinberechtigung beanspruchte oder erlistete“ (S. 303).

Deshalb habe er die „Taschenspielerkünste Hegelischer Dialektik und Begriffsformulationen“ verhöhnt (S. 303). „Aufs tiefste verachtete er, die sich und andere mit wesenlosen Formeln abspeisten, anstatt für sich selbst das Lebensbrot der Wahrheit zu erwerben und es andern zu geben …“. Büchner verachtete alles, was nichtig und niederträchtig war (S. 304).

„Er lebte zurückgezogen“ und schien während seines Studiums auf der Landesuniversität Gießen „mit der Philosophie, mit sich und der Welt zerfallen. […] Ein Gläubiger im kirchlichen Sinn ist Georg Büchner nicht gewesen. Aber selbständig und objektiv in seinem Denken, ist er später, als Reiferer, auch gerechter gegen die geschichtlichen Mächte der Kirche geworden sowie gegen den Glauben des einzelnen, der auf einem andern Standpunkt stand als er. Namentlich war er von aller Aufdringlichkeit und Propaganda seiner Anschauung, von Ansichts- und Parteifabrikationskünsten für die zu dirigierende Menge weit entfernt“ (S. 304).

„Er hat lebenslang aus wirklichem Durst nach Wahrheit gesucht und gerungen und deshalb, wie ich glaube, nie mit sich abgeschlossen …“ (S. 305).

© Gunthard Rudolf Heller, 2024

Literaturverzeichnis

DIE BIBEL – Die heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

BRÜCK, Martin: Georg Büchner / Leonce und Lena, Freising 2001

BÜCHNER, Georg: Werke und Briefe, mit einem Nachwort von Fritz Bergemann, München 131979

CAESAR: Der Bürgerkrieg, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Marieluise Deissmann-Merten, Stuttgart 1971

FECHTER, Paul: Geschichte der deutschen Literatur Band 1, Gütersloh 1960

GOETHE, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit. Dritter Theil, Weimarer Ausgabe Band 28, Nachdruck als Band 32, München 1987

– Campagne in Frankreich 1792, in: Weimarer Ausgabe Band 33, Nachdruck als Band 37, München 1987, S. 1-271

– Tag- und Jahres-Hefte als Ergänzung meiner sonstigen Bekenntnisse, von 1749 bis 1806, Weimarer Ausgabe Band 35, Nachdruck als Band 40, München 1987

– Biographische Einzelnheiten, in: Weimarer Ausgabe Band 36, Nachdruck als Band 41, München 1987, S. 221-299

– Maximen und Reflexionen über Literatur und Ethik, in: Weimarer Ausgabe Band 42, Nachdruck als Band 49, München 1987, S. 109-252

HOFFMANN, Friedrich G. / RÖSCH, Herbert: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur – Ein geschichtliche Darstellung, Frankfurt am Main 61973

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996 (KNLL)

DER KLEINE MURET-SANDERS – Langenscheidts Großwörterbuch Englisch-Deutsch, Berlin/München/Wien/Zürich/New York 71996

DER KLEINE PAULY – Lexikon der Antike in fünf Bänden, München 1979 (KP)

LAATHS, Erwin: Geschichte der Weltliteratur – Eine Gesamtdarstellung (1953), München/Zürich 6o. J.

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)

PLUTARCH: Große Griechen und Römer Band 4, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Konrat Ziegler und Walter Wuhrmann, Mannheim 32010

PSCHYREMBEL: Klinisches Wörterbuch, Berlin/New York 2581998

Gunthard Heller

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