Einführung in die Philosophie Friedrich von Schillers - Teil 1

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759-1805) wollte eigentlich Pfarrer werden und predigte als Kind gerne. Doch aus Angst vor Herzog Karl Eugen von Württemberg, der der Vorgesetzte seines Vaters war, und "aus Gehorsam gegen die Eltern" studierte er auf der Karlsschule Jura (Schillers Schwester Christophine Reinwald, in: Biedermann 10).

Schiller Philosophie Einführung Von da an wurde er kränklich. Später sattelte er um, studierte Medizin und verlor darüber "seinen Kinderglauben" (Burschell 20). Daß er dichtete, mußte er geheimhalten, da der Herzog "kein Freund der Dichtkunst war" (Karlsschüler Freiherr Wilhelm von Hoven, in: Biedermann 17).

Seinen ursprünglichen Berufswunsch nährte die Lektüre von Klopstock. "Nicht selten wandelten ihn heilige Schauer und gottesdienstliches Entzücken an; er ergoß sich oft in Gebete, und hielt, auch in Gesellschaft, Andachtsübungen; aber nie gesellte er sich zu den schwärmerischen Betbrüdern und verschrobenen Kopfhängern, die unter dem Namen Pietisten ebenfalls in der Akademie einige Jahre hindurch ihr Wesen trieben" (Karlsschüler Johann Wilhelm Petersen, in: Biedermann 22).

(Die 1770 von Herzog Karl Eugen gegründete "Militärische Pflanzschule" auf Schloß Solitude war ursprünglich ein Waisenhaus. 1773 wurde daraus unter Zusammenlegung mit der "Académie des Arts" (1761) die "Herzogliche Militärakademie". 1775 erfolgte die Verlegung nach Stuttgart. 1781 erhob sie Kaiser Joseph II. zur Universität und nannte sie "Karls Hohe Schule" (Hohe Karlsschule). Schiller studierte dort von 1773-80. 1794 wurde sie aufgelöst.) (MEL 13/474)

In einer frühen Ode Schillers "zählte Satan alle seine Erfindungen auf von Beginn der Welt bis auf heute, um das Menschengeschlecht zu verderben, und die übrigen Teufel fielen mit blasphemischen Chören ein" (Petersen, in: Biedermann 26f). Erst die Neigung zum Theater ließ Schillers "Hang zur Gottesgelehrsamkeit" schwinden (Petersen, in: Biedermann 23).

Doch Schiller war ein schlechter Schauspieler: Die Rolle des Clavigo spielte er "abscheulich. Was rührend und feierlich sein sollte, war kreischend, strotzend und pochend; Innigkeit und Leidenschaft drückte er durch Brüllen, Schnauben und Stampfen aus, kurz, sein ganzes Spiel war die vollkommenste Ungebärdigkeit, bald zurückstoßend, bald lachenerregend" (Petersen?, in: Biedermann 37).

Ähnliches beobachteten Schillers Bekannte übrigens, wenn er dichtete: "In ihrer äußeren Wirkung betrachtet, war die Begeisterung bei Schiller in der Tat korybantischer Art. Wenn er dichtete, brachte er seine Gedanken unter Stampfen, Schnaufen und Brausen zu Papier, eine Gefühlsaufwallung, die man oft auch an Michelangelo während seiner Bildhauerarbeiten bemerkt hat" (Petersen, in: Biedermann 25).

Karlsschüler Georg Friedrich Scharffenstein, der Soldat wurde und bis zum General aufstieg, urteilte über Schiller, er habe "ohnehin im Grunde nur eine kurze Zeit seines Lebens ganz seinem Herzen, die übrige Zeit nachher mehr seinen Lorbeeren gelebt" (in: Biedermann 30).

Jakob Friedrich Abel, Philosophieprofessor an der Karlsschule, berichtet über Schillers Unterricht während des "sogenannten philosophischen Kursus": "Schiller hörte bei Professor Schwab, dem berühmten Gegner Kants und Reinholds und Verfasser mehrerer Preisschriften Logik, Metaphysik und Geschichte der Philosophie, bei mir Psychologie, Ästhetik, Geschichte der Menschheit und Moral" (in: Biedermann 31).

Damit sind wir beim Thema des vorliegenden Aufsatzes. Schillers philosophische Schriften sind schwer zu lesen wegen des Mißverhältnisses von hohem zeitlichem Aufwand und dürftigem inhaltlichen Ergebnis. Erschwerend tritt hinzu, daß man nicht recht in Kontakt mit dem Menschen kommt, der dahinter steht. Es wirkt alles recht verkopft und gespreizt. Schillers "Beweise" (vgl. 5/581) nachzuvollziehen, würde umfangreiche Kommentare erfordern, da schon jede einzelne Prämisse diskussionswürdig ist.

So beschränke ich mich hier in der Regel darauf, einen Gesamteindruck von Schillers philosophischen Schriften zu vermitteln, so daß der Leser weiß, um was es geht, und entscheiden kann, welche Texte er selbst lesen will. Nur an einer Stelle in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" zeige ich, inwiefern in seiner "Beweisführung" eine Lücke klafft.

1. Das philosophische Gespräch aus dem Geisterseher

Der Roman "Der Geisterseher" (1787-89) für die Zeitschrift "Thalia" (hg. v. Schiller) blieb Fragment. Am 17.3.1788 schrieb Schiller an Körner, das Werk werde "schlecht", es sei eine "Schmiererei", die Zeit dafür aufzuwenden, sei Sünde. "Aber bezahlt wird es nun einmal" (Briefe 165f). "Die Handlung ist weitgehend frei erfunden", erinnert aber durch den sizilianischen Magier an "den Hochstapler und Geisterbeschwörer Alexander Graf Cagliostro (1743-1795) […]; auch der Verdacht, der Jesuitenorden betreibe die Konversion des Prinzen Friedrich Eugen zum Katholizismus und wirke damit auf protestantische Erbfolge in Württemberg ein, mag von Einfluß gewesen sein" (Redaktion Kindlers Literaturlexikon, in: KNLL 14/926). Friedrich Eugen hielt den Kontakt zu Geistern übrigens für möglich und läßt von daher an den namenlosen protestantischen Prinzen im "Geisterseher" denken, der ein rechter Schwärmer ist.

Das anschließende philosophische Gespräch handelt von "Willkür und Planmäßigkeit der Geschichte" (KNLL 14/927).

2. Geburtstagsreden

Gehört allzuviel Güte, Leutseligkeit und große Freigebigkeit im engsten Verstand zur Tugend? Das Thema dieser Geburtstagsrede Schillers für Franziska von Hohenheim (1779), zuerst Mätresse, später Frau des Herzogs, stammt von letzterem. Schiller beantwortet die Frage so: "Allzuviel Güte und Leutseligkeit ist nicht Nachahmerin Gottes, nicht Tugend. Sie ist aus Liebe entsprungen, aber ohne Weisheit vollbracht. Tugend ist das harmonische Band von Liebe und Weisheit!" (5/246)

Die Tugend in ihren Folgen betrachtet. Es handelt sich wieder um eine Geburtstagsrede für Franziska von Hohenheim (1780). Schiller definiert Tugend als Fähigkeit, "Geister vollkommener zu machen" (äußere Folge der Tugend) "und durch Vervollkommnung derselben selbst glückselig zu sein" (innere Folge der Tugend) (5/282).

3. Dissertation

Philosophie der Physiologie. Von diesem ersten Dissertationsversuch (1779) sind nur 11 Paragraphen erhalten.

§ 1: Schiller hält das Universum für "das Werk eines unendlichen Verstandes", der planmäßig vorgegangen sei (5/250). Die Aufgabe des Menschen bestehe darin, diesen Plan zu erkunden, aus ihm heraus den Schöpfer zu erkennen und ihm gleich zu werden. Darin liege das höchste Glück. Liebe sei "nichts anderes als die Verwechslung meiner selbst mit dem Wesen des Nebenmenschen" (5/251). Damit meint Schiller nicht, daß Liebende Ich und Du nicht auseinanderhalten können, sondern eine psychische Kontinuität hinsichtlich der Empfindung von Lust und Schmerz.

Zwischen Materie und Geist wirkt eine Kraft (§ 2), die Schiller "Mittelkraft" nennt (5/253). Er meint, sie aus seiner Erfahrung beweisen zu können (§ 3). Zwischen der Welt und der Mittelkraft befinden sich "mechanische Unterkräfte", die von Schutzkräften beschützt werden. Beide zusammen nennt Schiller "Bau", "Bau und Mittelkraft in Verbindung heißen wir Organ" (5/254; § 4). Daß Schiller damit lediglich die Sinnesorgane meint, wird in § 5 klar. In § 6 bestimmt er den "Nervengeist" als Träger der Mittelkraft (5/256), in § 7 stellt er eine Theorie darüber auf, was beim Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen (gemeint ist das Tasten) passiert.

§ 8: "Vermittelst dieser fünf Organe hat die ganze materielle Natur freien, offenen Zugang zu der geistigen Kraft. […] Durch sie wirft die äußere Welt ihr Bild in der Seele zurück. Und dies ist nun der erste Grundpfeiler des geistigen Lebens; Vorstellung" (5/258). Sie ist die Basis von "Überschauung, Forschung der Kräfte, der Absichten". Mit Hilfe des Denkorgans werden die Sinneseindrücke festgehalten (5/259).

Schiller stellt drei Theorien über die Natur der Ideen im Denkorgan auf: Sind sie "Eindrücke in dem Kanal des Nervengeistes", "Bewegungen des Nervengeistes" oder "Schwingungen saitenartig gespannter Fibern, deren Summe und Zusammenhang das Denkorgan ausmacht"? (5/260f) Charles Bonnet (1720-1793) habe leichtsinnigerweise diese drei Theorien zu einer Hypothese verschmolzen, Schiller verwirft sie alle drei.

In § 9 fragt er: "Sind aber die materiellen Ideen der Phantasie immer in demjenigen Zustand der Lebhaftigkeit, daß sie der Seele Vorstellungen machen können, oder sind sie es nicht"? (5/262) Seine Antwort: Nein. Begründung: Sonst müßte man ohne Unterbrechung denken, auch wenn man schläft. Außerdem wäre in diesem Fall das Denken chaotisch. Schlußfolgerung: Es muß etwas geben, das die Ideen veranlaßt, Vorstellungen zu werden. Dieses Etwas sind Ideen, die bereits im Denkorgan vorhanden sind und durch materielle Ideen zum Klingen gebracht werden (Assoziation). Wie das genau vonstatten geht, will Schiller gar nicht wissen, denn dieser Wissensdurst sei krankhaft. Er selbst widerlege lieber falsche Theorien, als daß er neue aufstelle.

Doch wenn das Assoziationsprinzip richtig ist – wird dann "zuletzt der Wille mechanisch bestimmt"? Sind wir dann noch frei? (5/265) Das ist das Thema von § 10. Schillers Antwort: Die Seele kann aufmerksam sein oder aber nicht. Auf diese Weise beherrscht und schafft sie "Beweggründe" (5/266). Sie ist also frei, aufzumerken oder nicht (erster Wille). Hat sie einmal aufgemerkt, ist sie nicht mehr frei (zweiter Wille) – das Handeln folgt nun mit logischer Konsequenz.

In § 11 behandelt Schiller das Empfinden. Da dem Menschen nach § 1 die Vollkommenheit bestimmt ist, darf er sich an nichts freuen, das ihn verdirbt.

An dieser Stelle bricht das Manuskript ab. "Die Arbeit wurde wegen ihrer selbst für die damalige Zeit besonders verwegenen Verbindung empirischer und spekulativer Gedankengänge, wegen ihrer kecken Kritik an anerkannten Meistern wie A. v. Haller und wegen ihres allzu schwungvollen, poetisch-bildhaften Stils abgelehnt, freilich wurde zugleich die geistige Befähigung und Selbständigkeit ihres Verfassers ausdrücklich anerkannt" (5/1082). Konsequenz: Schiller mußte trotz hervorragender Abschlußprüfung ein weiteres Jahr die Schulbank drücken.

Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Schillers zweite Dissertation (1780), die 27 Paragraphen umfaßt, verhalf ihm (zusammen mit einer lateinisch abgefaßten Arbeit "Über den Unterschied entzündlicher und fauliger Fieber") zur Anstellung als Militärarzt. Es handelt sich um "eine geschickte Komplilation der zeitgenössischen, recht primitiv anmutenden Forschungsergebnisse auf dem Gebiet des psychophysischen Parallelismus" (Burschell 24).

In der an den Herzog gerichteten Vorrede weist Schiller auf die Harmonie zwischen Philosophie und Medizin hin: "Diese leihet jener von ihrem Reichtum und Licht; jene teilt dieser ihr Interesse, ihre Würde, ihre Reize mit" (5/288).

In der Einleitung (§ 1) sucht Schiller die Mitte zwischen zwei gegensätzlichen Auffassungen: 1. Der Körper behindert den Geist bei seiner Vervollkommung. 2. Die Verbesserung des Körpers leistet einen Beitrag zur Vervollkommnung des Menschen.

Vollkommenheit entsteht durch die Erstarkung, die mit der "Betrachtung des Weltplans" einhergeht (5/291). Dazu sind die Sinnesorgane notwendig, die an den Körper gebunden sind. Dieser wiederum wird erhalten durch Ernährung und Fortpflanzung (§ 2).

§ 3: Es gibt zweierlei Körperkräfte: 1. physikalisch und chemisch erklärbare (z.B. Bewegung); 2. unsichtbare (z.B. "Empfindlichkeit der Nerven" und "Reizbarkeit des Muskels") (5/293).

§ 4 und 5: Tierisches Leben und Empfinden hat einen mächtigen Einfluß auf die Seele und hindert den Menschen zu vergessen, "daß er das unselige Mittelding von Vieh und Engel ist" (5/296).

Doch das ist nicht alles (§ 6). Wenn die körperlichen Bedürfnisse befriedigt sind, merkt der Mensch, daß "'doch noch für ihn etwas zu tun übrig bleibe'" (5/302). Es wird ihm bewußt, daß in alltäglichen Handlungen noch etwas Höheres liegt als etwa Stillung des Hungers und Bequemlichkeit (§ 10; Schiller zitiert hier Christian Garve). Noch deutlicher sieht man das anhand der Entstehung der Kultur, wenn man den Blick weg vom einzelnen Menschen auf die Menschheit als Ganzes richtet: Der Körper ist "der erste Sporn zur Tätigkeit; Sinnlichkeit die erste Leiter zur Vollkommenheit" (5/305f; § 11).

In den §§ 12 und 18 formuliert Schiller das Gesetz, nach dem Körper und Geist zusammenhängen: Sie unterliegen wechselseitigem Einfluß und verstärken einander – sowohl zum Guten (z.B. Lust, Gesundheit) als auch zum Schlechten (z.B. Unlust, Krankheit) hin. In den §§ 13-15, 17 und 19 führt Schiller das mit Beispielen näher aus.

Die §§ 16 und 20 bringen Einwände:

  • "Aber auch der angenehme Affekt hat getötet, auch der unangenehme hat Wunderkuren getan?" (5/310) Schiller betrachtet beides als Ausnahmen unter bestimmten Vorausetzungen: Angenehme Affekte schaden, wenn sie zu stark sind, unangenehme Affekte nützen, wenn sie mäßig sind.
  • "Aber man hat tägliche Beispiele von Kranken, die sich voll Mut über die Leiden des Körpers erheben, von Sterbenden, die mitten in den Bedrängnissen der kämpfenden Maschine fragen: wo ist dein Stachel, Tod?" (5/315) Schiller gesteht das zu, erg änzt aber: "Eben diese ungewöhnliche Heiterkeit der tödlich Kranken hat mehrmalen auch eine physische Ursach zum Grunde […]; diese Heiterkeit ist bösartig" (5/316). Begr ündung: Die Schmerzempfindung fällt plötzlich weg, weil der Körper fast zerstört ist.

In § 21 weist Schiller darauf hin, daß er psychische Krankheiten übergeht, weil das zu weit führen würde. "Genug, deucht es mich, ist es nunmehr bewiesen, daß die tierische Natur mit der geistigen sich durchaus vermischet, und daß diese Vermischung Vollkommenheit ist" (5/316).

Thema von § 22 ist die Physiognomik. Eine Zusammenfassung bringt die Überschrift: "Körperliche Phänomene verraten die Bewegungen des Geists" (5/317). Edle Affekte verschönern den Körper, unedle machen ihn häßlich, besonders wenn sie andauern und zum Charakter verhärten.

In § 23 betrachtet Schiller die Notwendigkeit des Schlafs als Nachteil, weil er "uns wenigstens den dritten Teil unsers Daseins raubt" (5/319). Auch die Ermüdung paßt ihm nicht, wenn sie seinen gedanklichen Höhenflug unterbricht. In § 24 tröstet er sich theoretisch darüber hinweg: Da der Mensch ein aus Körper und Geist gemischtes Wesen ist, sind beide notwendig: Lust und Schmerz. In § 25 erklärt Schiller das näher: Zum Körper gehört der Tod, auf den der Schmerz "abzielt" (5/321). In § 26 interpretiert er Ermüdung und Schlaf als Bremsen auf dem Weg zum Tod: "Unter dem Schlaf ordnen sich die Lebensgeister wiederum in jenes heilsame Gleichgewicht, das die Fortdauer unsers Daseins so sehr verlangt" (5/322).

§ 27: Der Tod hindert uns am Mißbrauch des Körpers durch unsere Freiheit. Durch die Verwesung werden seine Elemente anderen Zwecken zugeführt. "Die Seele fähret fort, in andern Kreisen ihre Denkkraft zu üben und das Universum von andern Seiten zu beschauen" (5/324) – also aus dem Jenseits. Sie hat das Leben auf der Erde zwar noch nicht ausgeschöpft, doch vielleicht kommt sie ja wieder und versteht dann die irdischen Verhältnisse besser – ein Hinweis auf die Reinkarnationstheorie, die Schiller aus der Lektüre der griechischen Klassiker vertraut war.

4. Frühe philosophische Schriften

Der Spaziergang unter den Linden. Thema dieses Dialogs zwischen den Einsiedlern Edwin und Wollmar (1782) ist die Seelenwanderung als Alternative zur Vorstellung, daß mit dem Tod alles aus ist, der Optimismus als Alternative zum Pessismismus. Die überraschende Ursache der beiden Auffassungen erfährt man ganz am Schluß: Unter der Linde, unter der die beiden sich am liebsten unterhalten, hat Edwin den ersten Kuß von Juliette bekommen, während Wollmar dort von seiner Laura verlassen wurde.

Der Jüngling und der Greis. Dieser Dialog (1782) wurde wahrscheinlich von Scharffenstein entworfen und von Schiller ausgearbeitet. Es prallen hier zwei Lebensgefühle aufeinander: der Tatendrang des jungen Selim und die Genügsamkeit des alten Almar.

Tugend, Liebe, Freundschaft. Die kurze Abhandlung ist eine Beilage zu Schillers Brief an Körner und dessen Frau Minna vom 7.8.1785, in dem er die beiden bat, über ihrem Eheglück die Freundschaft zu ihm nicht zu vergessen. In der Abhandlung sagt die Freundschaft zu Jupiter über die Tugend und die Liebe: "Mich lassen sie stehen, wenn sie glücklich sind, aber sie suchen mich auf, wenn sie leiden." Jupiter versöhnt die drei: Die Tugend lehrt die Liebe die Standhaftigkeit, die Liebe beglückt nur den Tugendhaften, die Freundschaft steht zwischen ihnen und garantiert "die Ewigkeit dieses Bundes" (5/335).

Der bittere Hintergrund: Körners Vater, ein protestantischer Pfarrer, der zum Superintendenten von Leipzig aufgestiegen war, hatte sich verbeten, daß der Sohn ihm seinen Freund vorstellte. Mehr noch: Schiller durfte nicht einmal ins Haus des Vaters. Das Brautpaar durfte ihn nicht zur Hochzeit einladen (Biedermann 129), die erst nach dem Tod von Körners Vater stattfinden konnte, da er auch die Braut ablehnte (Lahnstein 195).

Philosophische Briefe. Der 1786 veröffentlichte fragmentarische Briefwechsel zwischen dem jugendlichen Julius (= Schiller) und seinem Lehrer Raphael (= Körner, eventuell mit Zügen von Abel und Scharffenstein, vgl. Gert Sautermeister in KNLL 14/937) handelt von dem Ringen des ersteren um Weisheit. Raphael hat die naive Religiosität des Julius mit seinen Argumenten zerstört. Jetzt empfindet er die Vernunft lediglich als "Fackel in einem Kerker", von dem er vorher nichts wußte (5/341). Seine Zweifel machen ihn unglücklich und mutlos. Raphael verweist Julius auf sich selbst und appelliert an seine eigenen heilenden Kräfte. Er habe durch seine Worte den natürlichen Entwicklungsprozeß des Julius lediglich beschleunigt.

Darauf schickt Julius dem Raphael ein Manuskript, das seine Theosophie enthält (wahrscheinlich schon 1779 entstanden, aber später überarbeitet). Es ist "ein philosophischer Essay […], der populärmetaphysische Konzepte leibnizianischer (J. J. Spalding, Ch. Garve) und hermetisch-theosophischen Ursprungs (J. F. Oetinger, J. H. Obereit) aufnimmt und in der Idee der Entäußerung Gottes in seinen Geschöpfen und der Wiederherstellung der göttlichen Einheit durch die Liebe, mit der die geschaffenen Individuen zueinander streben, gipfelt" (Wolfgang Riedel, in: LPHW 556).

In seinem Brief an Wilhelm Friedrich Reinwald vom 14.4.1783 vertieft Schiller die Theosophie des Julius. Die entscheidenden Sätze: "Alle Geburten unsrer Phantasie wären also zuletzt nur wir selbst. […] Liebe […] ist zuletzt nur ein glücklicher Betrug. Erschrecken, entglühen, zerschmelzen wir für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf? Gewiß nicht. Wir leiden jenes alles nur für uns, für das Ich, dessen Spiegel jenes Geschöpf ist. Ich nehme selbst Gott nicht aus. […] Er erblickt sich, sein großes, unendliches Selbst, in der unendlichen Natur umhergestreut" (Briefe 45).

Körner schrieb noch einen abschließenden Brief von Raphael an Julius, der erst 1789 veröffentlicht wurde. Das Wichtigste: Statt der in Schulen üblichen "Unterjochung des Geistes" will Raphael den Julius "zu einer höhern Freiheit des Geistes" führen, die ihn von irgendwelchen einseitigen philosophischen Systemen unabhängig macht (5/1099).

"Alles kam darauf an, Dich auf den Wert des Selbstdenkens aufmerksam zu machen, und Dir Zutrauen zu Deinen eignen Kräften einzuflößen. […] Daß ein System wie das Deinige die Probe einer strengen Kritik nicht aushalten konnte, darf Dich nicht befremden. Alle Versuche dieser Art […] hatten kein andres Schicksal" (5/1100).

Die "demütigenden Wahrheiten von den Grenzen des menschlichen Wissens" will Raphael dem Julius noch ersparen. "Alles zu entfernen, was Dich im vollen Genusse Deines Daseins hindert, den Keim jeder höhern Begeisterung – das Bewußtsein des Adels Deiner Seele – in Dir zu beleben, dies ist mein Zweck" (5/1101).

"Träges Anstaunen fremder Größe kann nie ein höheres Verdienst sein. Dem edleren Menschen fehlt es weder an Stoffe zur Wirksamkeit noch an Kräften, um selbst in seiner Sphäre Schöpfer zu sein. Und dieser Beruf ist auch der Deinige, Julius. Hast Du ihn einmal erkannt, so wird es Dir nie wieder einfallen, über die Schranken zu klagen, die Deine Wißbegierde nicht überschreiten kann" (5/1102).

5. Historische Schriften

Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Es handelt sich um den ersten und einzigen Band (1788) eines auf sechs Bände angelegten Werks. Schiller beginnt mit der Besetzung der Niederlande durch die Römer und behandelt hauptsächlich "die politischen Ereignisse von der Einsetzung der Inquisition (1522) bis zur Abreise der Herzogin von Parma aus den Niederlanden (1567)". Er "ist darin der Geschichtsphilosophie des frühen 18. Jahrhunderts verpflichtet, daß er eine Gesetzmäßigkeit in den historischen Abläufen zu erkennen glaubt; diese wiederum werden freilich häufig genug vom Zufall in Gang gesetzt" (Hans-Wolf Jäger, in: KNNL 14/928).

Jäger faßt Schillers Thesen folgendermaßen zusammen:

  • Geographie, Umwelt und durch Freiheit ermöglichter Wettbewerb bedingen das Niveau einer Kultur.
  • Zensur verhindert den Fortschritt am meisten.
  • Das Naturrecht erlaubt den Aufstand gegen die Unterdrücker.

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Schillers Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor in Jena am 26. und 27.5.1789 "beschäftigte sich ausführlich mit dem Unterschied zwischen dem 'Brotgelehrten' und dem 'philosophischen Kopf'" und der Möglichkeit, Ordnung in "die Bruchstücke des historischen Wissens" zu bringen, d.h. sie als System darzustellen (Helmut Koopmann, in: KNLL 14/953).

Schiller hält hier die Wahrheit für das größte Geschenk, das ein Mensch einem anderen machen kann. Leider ist der Brotgelehrte, der seine Wissenschaft für Geld, Ehre, gute Presse und Gunst der Fürsten treibt, dafür nicht geeignet: Er regt sich über Reformationen auf und blockiert wissenschaftliche Revolutionen. "Je weniger seine Kenntnisse d u r c h s i c h s e l b s t ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen" (10/242). Dadurch stellt er sich auf eine Stufe mit dem Tagelöhner und offenbart seine sklavische Gesinnung.

Dagegen stellt der philosophische Kopf die Wahrheit über sein eigenes Gedankengebäude. Er anerkennt die Verdienste anderer und fühlt sich durch die wissenschaftliche Tätigkeit selbst angespornt und belohnt.

Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde – Uebergang des Menschen zur Freiheit und Humanität (1790) gehört zu Schillers universalhistorischen Vorlesungen in Jena. Schiller versucht hier das, was in der Bibel fehlt, mit seiner eigenen Vernunft zu füllen. Dabei stellt er die elterliche und eheliche Liebe über den gesellschaftlichen Umgang, der nur dem Vergnügen dient. Er räsoniert über Ackerbau und Viehzucht, den ersten Mord, die Monogamie, die Entstehung der Schere zwischen Armen und Reichen, den Ehebruch der Herren mit den Mägden und die Entstehung von Räubern und Tyrannen aus den Bastarden. Er denkt, daß der erste König "ein Usurpator war, den nicht ein freiwilliger, einstimmiger Rauf der Nation (denn damals war noch keine Nation), sondern Gewalt und Glück und eine schlagfertige Miliz auf den Thron setzten" (10/270).

Die Sendung Moses (1790), ebenfalls eine von Schillers universalhistorischen Jenaer Vorlesungen, macht durch ihren Antisemitismus betroffen.

Schiller nimmt sich vor, "gerecht" gegen die Hebräer zu sein (10/271). Was das bei ihm heißt, sieht man anhand des folgenden: Die Juden seien unwürdig und verworfen, unrein und gemein, von der Vorsehung gebrochen, seit ihre Mission, nämlich die Etablierung des Monotheismus, erfüllt sei. Die Ägypter hätten die Hebräer als Nomaden verabscheut und sie durch ihre Versklavung zum rohesten, bösartigsten, verworfensten Volk auf der ganzen Erde gemacht. Die Hebräer seien verwildert, seien erbittert, verzagt, ehrlos und entschlußlos gemacht worden, sie seien verdummt und verwahrlost geworden, "endlich fast bis zum Tier herunter gestoßen" worden (10/273).

Moses wird bei Schiller zu einem in die ägyptischen Mysterien Eingeweihten, der sein Initiationswissen von dem Schöpfer Jao für die Fassungskraft der Hebräer herabtransponiert und in einen Nationalgott namens Jehovah verwandelt, den Gott der hebräischen Patriarchen. Dieser stürzt die andern Götter und unterwirft die andern Völker sowie die Natur.

"So rettete er in dem Bild, worin er ihn den Hebräern vorstellte, die zwei wichtigsten Eigenschaften seines wahren Gottes, die Einheit und die Allmacht, und machte sie wirksamer in dieser menschlichen Hülle. […]

Freilich ist es nur ein neuer Irrglaube, wodurch er den alten stürzt; aber dieser neue Irrglaube ist der Wahrheit schon um vieles näher, als derjenige, den er verdrängte" (10/284).

Die Wahrheit wäre Schiller zufolge der Gott der Philosophen gewesen. Doch mit dem hätten die Hebräer seiner Meinung nach nichts anfangen können. Der Sinn des Unternehmens: Moses habe die unwürdigen und unfähigen Hebräer "wieder in die Menschenrechte einsetzen", ihnen "Hoffnung, Zuversicht, Heldenmut, Enthusiasmus" einflößen wollen (10/282). Moses sei also nicht von Jahwe (Jehovah) berufen worden, sondern habe sich in der Wüste einen Plan zur Befreiung der Hebräer ausgedacht. Die hätten das alles nur glauben, nicht mit Hilfe der Vernunft erkennen können.

Die württembergischen Bürger hatten aus zwei Gründen Vorurteile gegenüber den Juden: Erstens waren Hof und Karlsschule eher tolerant bis liberal-humanistisch eingestellt, zweitens hatte Joseph Süß Oppenheimer im Auftrag Herzog Karl Alexanders von Württemberg, dem Vater von Herzog Karl Eugen, das Volk ausgepreßt. Schiller schätzte wie seine Lehrer Lessings "Nathan der Weise" und Moses Mendelssohn, den Kant 1777 nach einer Vorlesung per Handschlag begrüßt und umarmt hatte, nachdem seine Studenten ihn unbekannterweise verh öhnt und verspottet, wegen ihm geschnalzt, gepfiffen und gestampft hatten (vgl. Keller 402f).

Der jüdische Bandit Spiegelberg in Schillers "Räubern" ist ein ziemlich übler Bursche – doch im 18. Jahrhundert "gab es jüdische Räuberbanden" (Lahnstein 138).

Als Schiller 1782-83 in Bauerbach (Thüringen) wohnte, lernte er viele Juden kennen. Er schätzte es, daß sie wöchentlich die Synagoge besuchten, während die Christen nur ab und zu einem Gottesdienst in einer schuppenähnlichen Kirche beiwohnten. Ein jüdischer Hausierer namens Mattich wurde zu Schillers Partner beim Kartenspielen und Spazieren – gegen den Widerstand von Mattichs Frau, die Schiller für einen Nichtsnutz (Chattes) hielt. Gesprächsthemen waren die Religion, Lokales und Anekdoten. Aus letzteren machte Schiller ab und an eine Ballade. Dem betrunkenen Juden Jonas Oberländer rettete Schiller das Leben, als er in einem Wassergraben lag. "Der Mann ist steinalt geworden und hat zeitlebens den Dichter als seinen Retter gepriesen" (Lahnstein 138).

Goebbels nahm Schiller übrigens "vor dem Vorwurf, 'liberaler Humanist' zu sein, in Schutz: 'Hätte Schiller in dieser Zeit gelebt, er wäre zweifellos der große dichterische Vorkämpfer unserer Revolution [gemeint ist die nationalsozialistische Machtergreifung] geworden.' Wo freilich der Vorkämpfer Rezepturen für den Tyrannenmord lieferte oder allzu arg in Freiheit schwelgte, zeigte seine Beliebtheit Lücken: 'Die Verschwörung des Fiesco' und 'Don Carlos' waren 'unerwünscht', 'Wilhelm Tell' am Ende sogar verboten" (Heiber 175).

Die Gesetzgebung des Lykurgus und Solon (1790). Bei seiner Kritik an Lykurg, dem Gesetzgeber Spartas, befolgt Schiller folgende Grundsätze: "Alles darf dem Besten des Staats zum Opfer gebracht werden, nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst nur als ein Mittel dient. Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist kein andrer, als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung" (10/297), "Fortschreitung des Geistes" (10/299).

Solon, der Athen die Gesetze gegeben hat, mißt Schiller daran: "Das edelste Vorrecht der menschlichen Natur ist, sich selbst zu bestimmen und das Gute um des Guten willen thun. Kein bürgerliches Gesetz darf Treue gegen den Freund, Großmut gegen den Feind, Dankbarkeit gegen Vater und Mutter zwangsmäßig gebieten; denn sobald es dieses thut, wird eine freie moralische Empfindung in ein Werk der Furcht, in eine sklavische Regung verwandelt" (10/310).

Das Ergebnis liegt auf der Hand: Lykurg genügt Schillers Anforderung nicht, Solon aber schon. "Um den atheniensischen Gesetzgeber steht die Freiheit und die Freude, der Fleiß und der Ueberfluß – stehen alle Künste und Tugenden, alle Grazien und Musen herum, sehen dankbar zu ihm auf und nennen ihn ihren Vater und Schöpfer. Um den Lykurgus sieht man nichts als Tyrannei und ihr schreckliches Gegenteil, die Knechtschaft, die ihre Ketten schüttelt und dem Urheber ihres Elends flucht" (10/313). Doch Schiller vergißt auch den Undank Athens "gegen seine größten Männer" und die "Grausamkeit gegen seine überwundenen Feinde" nicht (10/314).

Ueber Völkerwanderung, Kreuzzüge und Mittelalter (1790). In diesem Aufsatz, einem Teil der Einleitung zur "Allgemeinen Sammlung Historischer Memoires vom zwölften Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten", fragt Schiller, ob das Mittelalter mit seinen Gewalttätigkeiten der kürzeste Weg zum Ziel der modernen Menschenfreiheit war. War es gar "eine n o t w e n d i g e Bedingung unserer bessern Zeiten?" (11/7). Schillers Antwort ist bejahend: "Die lange Waffenübung des Mittelalters hatte dem sechzehnten Jahrhundert ein gesundes, starkes Geschlecht zugeführt und der Vernunft, die jetzt ihr Panier entfaltet, kraftvolle Streiter erzogen" (11/9). Doch andererseits verneint er einen willentlichen Einfluß der Menschen auf die Geschichte: "Wie anders säet der Mensch, und wie anders läßt das Schicksal ihn ernten!" (11/13)

In seiner Geschichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV. vorangingen aus der zweiten Abteilung der Historischen Memoires (1791/92) stellt Schiller fest, "daß keine Kriege zugleich so ehrlos und so unmenschlich geführt werden, als die, welche Religionsfanatismus und Parteihaß im Innern eines Staats entzünden. […] Die Gefühle für Gerechtigkeit, Anständigkeit und Treue, welche sich auf anerkannte Gleichheit der Rechte gründen, verlieren in Bürgerkriegen ihre Kraft, wo jeder Teil in dem andern einen Verbrecher sieht und sich selbst das Strafamt über ihn zueignet" (11/80f).

Geschichte des dreißigjährigen Krieges (1791-93). Peter Lahnstein kritisiert aus heutiger Sicht Schillers "betont konfessionelle Sicht der Ereignisse. Im Ringen der Mächte waren die konfessionellen Motive selten mehr als drittranging; das Volk allerdings hat den dreißigjährigen als einen Konfessionskrieg empfunden" (S. 293).

Doch gleich zu Beginn seines Buchs schränkt Schiller die Bedeutung der Religion für den Krieg (1618-48) ein: "Durch sie allein wurde möglich, was geschah, aber es fehlte viel, daß es f ü r sie und ihrentwegen unternommen worden wäre. Hätte nicht der Privatvorteil, nicht das Staatsinteresse sich schnell damit vereinigt, nie würde die Stimme der Theologen und des Volks so bereitwillige Fürsten, nie die neue Lehre [der Reformation; Anm. v. mir] so zahlreiche, so beharrliche Verfechter gefunden haben" (9/4f). Kurz: Die Regierenden kämpfen für sich, d.h. für ihre Macht und ihr Land, doch das Volk "glaubte für die Wahrheit sein Blut zu vergießen" (9/5).

Als Kriegsursache gelten heute "ständische und religöse Auseinandersetzungen im Reich" (MEL 7/208), als Kriegsanlaß der Aufstand in Böhmen wegen der Verletzung der im Majestätsbrief vom 9. Juli 1609 den Ständen garantierten Rechte auf freie Ausübung der Religion, auf freien Bau von Kirchen und Schulen und auf protestantische Verteidiger ("Defensoren") (MEL 15/484).

Schiller stellt das genauso dar, nur etwas ausführlicher: Neben den genannten Punkten führt er noch die Gleichberechtigung der Protestanten an, die die Universität Prag und eine eigene Verwaltungsbehörde ("Konsistorium") bekamen. "Alle Kirchen, die sie zur Zeit der Ausstellung dieses Briefes in Städten, Dörfern und Märkten bereits inne haben, sollen ihnen bleiben, und wenn sie über diese Zahl noch neue erbauen lassen wollten, so soll dieses dem Herren- und Ritterstande und allen Städten unverboten sein. Diese letzte Stelle im Majestätsbriefe ist es, über welche sich nachher der unglückliche Streit entspann, der Europa in Flammen setzte" (9/27).

Als Erzherzog Ferdinand (1578-1637), seit 1617 König von Böhmen, die Kirche in Klostergrab abreißen, die Kirche in Braunau sperren und Unruhestifter gefangensetzen ließ, wurden Abgeordnete nach Prag geschickt. Der König gab in einem Briefwechsel nicht nach und betrachtete die Protestanten als Gesetzesbrecher und Rebellen. Da eine Empörung gegen den König noch zu gewagt erschien, richteten die Protestanten ihre Aggression gegen dessen Statthalter Martiniz und Slawata und deren Sekretär Fabricius: Am 23. Mai 1618 warfen sie die drei aus einem Fenster des Hradschin "achtzig Fuß tief in den Schloßgraben hinunter." Da die drei weich auf einem Misthaufen landeten, passierte ihnen nicht einmal etwas. Schiller kommentiert: "Ueber eine so seltsame Art zu exequieren verwunderte sich die ganze gesittete Welt, wie billig; die Böhmen entschuldigten sie als einen landüblichen Gebrauch und fanden an dem ganzen Vorfalle nichts wunderbar, als daß man von einem so hohen Sprunge so gesund wieder aufstehen konnte" (9/52).

In der Folge stellten die protestantischen Böhmen ein Heer auf und weigerten sich, dem 1619 zum Kaiser gewählten Ferdinand II. zu huldigen. Dabei wurden sie von den Niederländern unterstützt. Sie erklärten Böhmen für unabhängig, setzten Ferdinand ab und wählten Friedrich V. zum König. "Dessen Wahlannahme weitete den Böhmischen Aufstand zur Reichssache (Bündnis Ferdinands mit der Liga) und löste den Dreißigjährigen Krieg aus" (MEL 4/444).

Schillers positive Beurteilung des Westfälischen Friedens hält Lahnstein für "des Nachdenkens wert" (S. 293).

6. Briefstellen über Kant

Die Lektüre von Kants "Kritik der Urteilskraft" riß Schiller hin und weckte in ihm das Verlangen, sich "nach und nach in seine Philosophie hineinzuarbeiten" – so schrieb er am 3.3.1791 an Christian Gottfried Körner (Briefe 256). Schillers Begeisterung hielt an. So heißt es im Brief vom 1.1.1792, ebenfalls an Körner, er befasse sich eifrig mit Kant und werde nicht ruhen, bis er ihn verstanden habe, auch wenn das drei Jahre dauere. "Übrigens habe ich mir schon sehr vieles daraus genommen und in mein Eigentum verwandelt. Nur möchte ich zu gleicher Zeit gerne Locke, Hume und Leibniz studieren. Weißt Du mir von Locke keine brauchbare Übersetzung?" (Briefe 270)

Hinsichtlich des Geschmacks, den Kant für eine empirische Angelegenheit hielt, war Schiller allerdings anderer Ansicht. So schrieb er am 25.1.1793 an Körner: "Aber eben von dieser Unvermeidlichkeit des Empirischen, von dieser Unmöglichkeit eines objektiven Prinzips für den Geschmack kann ich mich noch nicht überzeugen" (Briefe 276).

Zum Prinzen von Schleswig-Holstein-Augustenburg meinte Schiller am 9.2.1793: "Anstatt seine Gefühle nach Grundsätzen zu prüfen und zu berichtigen, prüft man die ästhetischen Grundsätze nach seinen Gefühlen.

Dies ist der Knoten, dessen Auflösung leider selbst Kant für unmöglich hält" (Briefe 278). Ein wenig später im selben Brief fährt Schiller fort: "Diese fruchtbare Philosophie […] gibt nach meiner gegenwärtigen Überzeugung die festen Grundsteine her, auch ein System der Ästhetik zu errichten, und ich kann es mir bloß aus einer vorgefaßten Idee ihres Schöpfers erklären, daß er ihr nicht auch noch dieses Verdienst erwarb. Weit entfernt, mich für denjenigen zu halten, dem dieses vorbehalten ist, will ich wenigstens versuchen, wie weit der entdeckte Pfad mich führt" (Briefe 279).

Nun, dieser Pfad führte zu Schillers ästhetischen Schriften (vgl. d. nächste Kapitel).

Auch von Kants Schriften zur Religion war Schiller beeindruckt. So schrieb er am 28.2.1793 an Körner: "Kant […] liebt sehr, Schriftstellen einen philosophischen Sinn zu geben. Es ist ihm […] nicht sowohl darum zu tun, die Autorität der Schrift dadurch zu unterstützen, als vielmehr die Resultate des philosophischen Denkens dadurch an die Kindervernunft anzuknüpfen und gleichsam zu popularisieren. […] Aber ob er überhaupt wohl daran getan hat, die christliche Religion durch philosophische Gründe zu unterstützen, zweifle ich sehr" (Briefe 280).

Noch am 23.8.1794 schrieb Schiller an Körner: "Das Studium Kants ist noch immer das einzige, was ich anhaltend treibe, und ich merke doch endlich, daß es heller in mir wird" (Briefe 300). Gegenüber Goethe äußerte Schiller sich dahingehend, Herder habe ihm widersprochen und könne ihm seinen "Kantischen Glauben, wie es scheint, nicht verzeihen" (Briefe 317). "Herder haßt Kanten, wie Du wissen wirst", hatte Schiller schon am 24.7.1787 an Körner geschrieben (Briefe 126).

Schiller hielt Herder in seinem Brief an Körner vom 1.5.1797 übrigens für eine "ganz pathologische Natur": Er sei feige, neidisch "auf alles Gute und Energische und affektiert, das Mittelmäßige zu protegieren. […] Gegen Kant und die neusten Philosophen hat er den größten Gift auf dem Herzen, aber er wagt sich nicht recht heraus, weil er sich vor unangenehmen Wahrheiten fürchtet, und beißt nur zuweilen einen in die Waden" (Briefe 457).

Am 21.11.1794 an Friedrich von Hoven: "Seitdem ich wieder in Jena bin, habe ich mich sehr mit Kantischer Philosophie abgegeben und mich sehr wohl dabei befunden. Fichte interessiert mich auch sehr." Er sei "nach Kant […] gewiß der größte spekulative Kopf in diesem Jahrhundert" (Briefe 319).

Im Brief an Goethe vom 7.1.1795 war die Begeisterung für Kant dann abgekühlt: "So viel ist indes gewiß, der Dichter ist der einzige wahre Mensch, und der beste Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn" (Briefe 324). Am 29.6.1795 schrieb Schiller an Friedrich Jacobi: "Da, wo ich bloß niederreiße und gegen andre Lehrmeinungen offensiv verfahre, bin ich streng kantisch; nur da, wo ich auf baue, befinde ich mich in Opposition gegen Kant. Indessen schreibt er mir, daß er mit meiner Theorie ganz zufrieden sei; ich weiß also doch noch nicht recht, wie ich gegen ihn stehe" (Briefe 341). Am 21.12.1795 teilte er Körner mit, er habe Kants Schrift "Zum ewigen Frieden" "noch nicht gelesen (Deine Bemerkungen darüber sende mir ja). […] Ich lese jetzt überhaupt sehr wenig" (Briefe 385).

Nachdem Goethe am 19.12.1798 Kants "Anthropologie" als unerquicklich verworfen hatte, weil man sich von dessen Standpunkt "immer im pathologischen Zustande" sehe, meinte Schiller in seiner Antwort vom 22.12.1798: "Ich bin sehr verlangend, Kants 'Anthropologie' zu lesen. Die pathologische Seite, die er am Menschen immer herauskehrt und die bei einer Anthropologie vielleicht am Platze sein mag, verfolgt einen fast in allem, was er schreibt, und sie ists, die seiner praktischen Philosophie ein so grämliches Ansehen gibt" (Briefe 516).

Link zum Teil 2: Friedrich Schiller - Philosophie Einführung

15.06.2016 © seit 08.2015 Gunthard Heller
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