Friedrich der Große und die Freiheit

"Keine Empfindung ist so unzertrennlich von unserem Wesen wie die der Freiheit", schreibt Friedrich in seinem ANTIMACHIAVELL. "Denn wie wir ohne Ketten geboren sind, so wollen wir auch ohne Knechtschaft leben." Mathilde Ludendorff faßt diese Tatsache in die Worte: "Der Mensch wird mit der Gewißheit geboren, ein Recht auf Freiheit zu haben."

Kronprinz Friedrich von PreußenDennoch mußte auch Friedrich feststellen, wie wenig Menschen der Freiheit teilhaftig werden, und meint in seinem ANTIMACHIAVELL, "daß der Geist des größten Teils des Menschengeschlechtes ... nicht an Schlußfolgerungen gewöhnt und sein Urteil nicht geübt ist, so ist es ihm unmöglich, die Dinge, über die er sich belehren will, nach den Regeln einer gesunden Kritik zu prüfen oder einer Kette von Schlüssen zu folgen, durch die man ihn von seinem Irrtum zurückbringen könnte. Daher kommt seine Anhänglichkeit an den Kultus, den eine lange Gewohnheit geheiligt hat und von dem er nur durch Gewalt abgebracht werden kann. Auch wurden die alten religiösen Meinungen von den neuen mit Gewalt umgestürzt; und Karl der Große verkündete den Sachsen das Christentum, indem er seine Lehre mit Feuer und Eisen unterstützte."

Dazu stellt Friedrich an anderer Stelle fest: "Ein armer Unglücklicher kann wohl mit Gewalt dazu gebracht werden, eine bestimmte Formel herzubeten, er kann ihr aber seine innere Zustimmung versagen; auf diese Art hat der Verfolger gar nichts erreicht."

Für sich selbst lehnt er den christlichen Kult ab: "Wenn ich nicht zum Abendmahl gehe, so geschieht es, weil ich nicht auf dem Standpunkt des christlichen Glaubens stehe. Ich finde ihn widersinnig und möchte um nichts auf der Welt die Fehler, die ich schon habe, durch das Laster der Heuchelei vermehren; denn ich will niemanden täuschen, und man soll der Welt zeigen, daß man ein Ehrenmann sein kann, ohne an die jungfräuliche Geburt und an das Wunder der Hostie zu glauben."

Gelegentlich vermerkt er: "Was mich angeht, so bin ich bloß ein verfluchter Ketzer" - oder er teilt mit, daß er "unter allen Sterblichen derjenige sei, der die Götter am wenigsten mit Gebeten belästigt." An ein Weiterleben nach dem Tode glaubt er ebenfalls nicht: "post mortem nihil est, sieht er klar und daß das Leben nur ein Traum ist, und daß nichts übrig bleibt, wenn es vorbei ist. "

"Wenn aber gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?" schreibt Kant 1784, also 2 Jahre vor Friedrichs Tod in seinem Aufsatz "WAS IST AUFKLÄRUNG?", "so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung."

"Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen schon imstande wären oder darein auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, daß jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten, und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung oder des Ausganges aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit allmählich weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung oder das Jahrhundert Friedrichs."

In diesem Aufsatz führt Kant weiter aus: "Zu dieser Aufklärung ... wird nichts erfordert als Freiheit, und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsoniert nicht! Der Offizier sagt: räsoniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: räsoniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsoniert nicht, sondern glaubt!" (Nur ein einziger Herr der Welt [Friedrich der Große] sagt: "räsoniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!") Außer bei Friedrich "ist überall Einschränkung der Freiheit", sagt Kant.

"Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich? Welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? Ich antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt zu räsonieren, sondern man muß gehorchen."

Im Amt hat man sich an die gegebene Gesetzeslage zu halten. Oder denken wir an unsere Verkehrsregeln: Wir fahren Auto, also blinken wir z. B. vor dem Abbiegen. Wir gehorchen der Vorschrift, die für uns während der privaten Handlung unseres Fahrens auf öffentlichen Verkehrswegen gilt, aber grundsätzlich räsonieren könnten wir über die Regel, ja, könnten ganze Abhandlungen darüber veröffentlichen, die entweder dazu führen, daß die Regel geändert oder - weil uns doch nichts Besseres einfällt - beibehalten wird. Diese Meinungsfreiheit ist uns heute selbstverständlich.

Als Friedrich II. von Preußen sein Amt als König antrat, gab es sie nicht. Er ist es, der sie auf den Weg gebracht hat. Dafür schon allein gebührt ihm der Beiname der Große, den ihm das Volk 1745 ja für etwas anderes beigelegt hatte, nämlich für seine Großmut gegenüber seinen Kriegsgegnern beim Friedensschluß von Dresden.

Wenn er an den Rand einer Eingabe, die bei ihm eingelaufen ist, vermerkt: "Mir geht es auch nicht immer, wie Ich es gern haben möchte, deswegen muß Ich immer König bleiben", so zeigt er hier die Notwendigkeit auf, aus Einsicht in die Pflicht dem Ganzen gegenüber die eigene Freiheit einzuschränken.

Mathilde Ludendorff führt dazu aus, daß sich eine solche vermeintliche Unfreiheit im Handeln in dem Augenblick in Freiheit verwandelt, in dem die Einsicht gar keinen anderen Wunsch in der Seele mehr aufrecht erhält. Frei wählt der Mensch dann die Pflichterfüllung, und sei sie noch so widerwärtig. Kant mißt einer Handlung sogar erst dann einen echten moralischen Wert bei, wenn sie ohne alle Neigung, lediglich aus Pflicht erbracht wird, wie er in seiner "GRUNDLEGUNG DER METAPHYSIK DER SITTEN" darlegt und - damit entschieden zu weit geht.

Friedrich der Große gab allerdings das Beispiel für Pflichterfüllung ohne Neigung: "Ich habe dieses Leben satt", berichtet er aus seinem Elend im Siebenjährigen Krieg. "Der ewige Jude kann nicht müder geworden sein als ich. Ich habe alles verloren, was ich auf Erden am meisten liebte und achtete. Ich bin von Unglücklichen umgeben, denen ich nicht helfen kann. Noch immer stehen mir das Elend unserer blühendsten Provinzen sowie die schauderhaften Taten vor Augen, die eine Bande, nicht von Menschen, sondern von Bestien, verübt hat. In meinen alten Tagen bin ich fast zu einem Theaterkönig herabgesunken."

1754, also noch vor dem Siebenjährigen Krieg, hatte er Minister Earl Marishal von Keith gegenüber Verständnis gezeigt, daß der von seinem Gewerbe angeekelt, nach Freiheit lechzt.

"Das ist eine so natürliche menschliche Empfindung, daß ich nichts dagegen zu sagen weiß. Wäre ich ebenso Herr meiner Handlungen, wie Sie Herr der Ihrigen sind, so hätte ich schon längst einen ähnlichen Entschluß gefaßt, aber in meinem Handwerke muß man sein Joch das ganze Leben lang tragen ... Man soll da, wo man nun einmal ist, zufrieden sein, kein vollkommenes irdisches Glück erwarten, den Kummer ertragen, wenn er kommt, und das Vergnügen genießen, wenn man es festhalten kann ..."

Doch in der Bedrängnis des Krieges träumt auch er von einem anders gearteten Leben: "Wenn ich dereinst aus all diesem Gewirr herauskomme", soll er 1759, also mitten im Krieg, seinem Vorleser de Catt gegenüber geäußert haben, dann wolle er sich "einige ehrenhafte, aufgeklärte und entgegenkommende Freunde erwählen, deren keiner jedoch ein Schmeichler sein dürfte. Mit allen Kräften würde ich bemüht sein, Ehrgeizige und Intriganten fern von mir zu halten. Ich würde nicht zu nahe an einer Stadt wohnen, um nichts von Königtum und Ehrfurchtsbezeugungen zu sehen. Als unverbrüchlichstes Gesetz würde ich die völlige Freiheit eines jeden hinstellen. Jeder sollte mit mir als Freund handeln und sprechen."

Ähnlich hatte er eine Woche nach seinem Amtsantritt als König 1740 schon Voltaire geschrieben: "Ich bitte Sie, sehen Sie in mir nichts als einen fleißigen Bürger, einen leicht skeptischen Philosophen, doch einen wahrhaft treuen Freund. In Gottes Namen, schreiben Sie mir einfach als Mensch und verpönen Sie bei mir Titel, Namen und äußerlichen Glanz."

Diese Gesinnung eines absolutistischen Herrschers des 18. Jahrhunderts mutet wie Wetterleuchten an, 30 Jahre vor der französischen Revolution, in der die Menschen nach Gleichheit riefen.

Gerade im tiefsten Kriegselend lebt Friedrich der Große Europa seine freiheitliche und pflichtbewußte Gesinnung vor. Er ist Soldat bei seinen Soldaten und trägt dazuhin die schwere Bürde der Verantwortung für seine Entscheidungen.

"Die drei mächtigsten Monarchien, und Schweden noch dazu, auf seinem Rücken!" schreibt Benjamin Franklin anerkennend nach dem Sieg der Preußen bei Roßbach. "Keiner Großmütigkeit als seiner könnte es je in den Sinn kommen, das zu ertragen; kein Mut als seiner, der davon nicht erdrückt würde; und nur seine Tapferkeit, Fähigkeit und Einsatzbereitschaft sind dem gewachsen."

So eigenartig es anmutet, dieser Einsatz, der einer Unzahl von Soldaten Leben und Gesundheit gekostet und den vom Krieg heimgesuchten Landesteilen Vergewaltigung und Zerstörung gebracht hat, dieser Einsatz ist es gewesen, der Goethe feststellen ließ: "Wir waren alle fritzisch geworden." Und: "Friedrich hatte die Ehre eines Teils der Deutschen gegen eine verbundene Welt gerettet ..."

Das deutsche Volk war sich 100 Jahre nach seinem Niedergang im Dreißigjährigen Krieg seiner selbst wieder bewußt geworden und hatte sich freiwillig hinter Friedrich den Großen gestellt. Sein Vorbild überzeugte, das Vorbild eines seelenstarken Menschen, der als Haupt seines preußischen Staates diesem Teil des zerrissenen Deutschlands sein Dasein und seinen Platz unter den Mächten Europas sichern und zäh behaupten wollte, und sei es unter Aufbietung aller Kräfte mit dem Wagnis des Untergangs.

Und nicht nur die Deutschen, nein, Menschen ganz Europas und darüber hinaus begeisterten sich für ihn und seine freiheitlichen Ideen, die er in Friedenszeiten schon vorgelebt hatte und für deren weitere Verwirklichung er jetzt um seine Macht rang.

So konnte er später Voltaire gegenüber festhalten: "Mit jedem Tag macht in unserem Europa die Vernunft Fortschritte, die dümmsten Länder verspüren ihr Rütteln. Nur Polen nehme ich aus. Die übrigen Staaten erröten angesichts der Torheiten, zu denen der Irrtum ihre Väter verführte; Österreich, das fette Westfalen, alle, selbst Bayern, suchen ein paar Strahlen der Erleuchtung auf sich zu ziehen."

Und er lenkt in aller Bescheidenheit den Scheinwerfer von sich weg auf Voltaire: "Sie sind es, Ihre Werke sind es, die in den Geistern diese Revolution bewirkt haben. Der Rammbock guten Spotts hat die Wälle des Aberglaubens zum Einsturz gebracht, gegen die Bayles gute Dialektik nichts auszurichten vermochte."

26.01.2017 © seit 10.2006 Heidrun Beißwenger
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