Franz Peter Schubert als Philosoph

Franz Peter Schubert, meist gefeiert als Meister der Romantik, lässt sich auch als Philosoph in Tönen begreifen. In seinen Liedern, Sinfonien und Kammerwerken spürt man eine tiefe existenzielle Fragilität – eine Musik, die nicht nur Gefühle ausdrückt, sondern über sie hinausdenkt. Schubert komponiert wie ein Denker: kontemplativ, suchend, oft an der Schwelle zwischen Licht und Dunkel. Seine Harmonien hinterfragen Gewissheiten, seine Melodien tasten sich vorsichtig ins Unbekannte – eine stille Philosophie der Sehnsucht und des menschlichen Daseins.

Einführung

Es ist schwierig, den Komponisten Franz Peter Schubert (1797-1828) als Denker und Menschen darzustellen: „Ein eindeutiges Charakterbild Schuberts ergibt sich aus den hinterlassenen Briefen und den Erinnerungen der Freunde nicht. Es scheint, als habe er auf diese Freunde immer nur den Eindruck eines stets gutgelaunten, heiteren, geselligen Menschen gemacht. Nichts steht in ihren Aufzeichnungen etwa darüber zu lesen, wie er darunter litt, in der Öffentlichkeit nicht nach Verdienst beachtet zu werden. Seine an den Tag gelegte gute Laune war zu einem großen Teil Maske einer höchst sensiblen Natur, hinter der sich Leid und Enttäuschung verbargen. Schubert war zurückhaltend, besonders wenn es sich um seine Erkrankung handelte. Verzweiflung hat er sehr selten bekundet […]. Frauen gegenüber ist er schüchtern gewesen. Nicht ein einziger Liebesbrief ist überliefert; was man über Beziehungen zu Therese Grob, Karoline Esterházy oder andere zu wissen meint, sind bloße Vermutungen. Schuberts sprachliches Ausdrucksvermögen war beschränkt. Seine volle Persönlichkeit, seine Offenheit, Herzenswärme und Zärtlichkeit haben nur in seinen Werken ihren Niederschlag gefunden“ (Brown/Redlich 127).

Franz Peter Schubert

Anders formuliert: Schuberts Charakter und Gedanken zeugen von einer lichten und einer finsteren Seite, von der letztere mitunter schockierend ist. Eduard Gronau findet den Ausweg, auf Schuberts Denken anhand der von ihm vertonten Texte zu schließen. Auf dieser Basis postuliert er das „Grundthema“ „Der Mensch als Wanderer“ (S. 77).

Außerdem findet er eine starke Affinität zum Jenseits: „Schubert wich der Wirklichkeit des Todes nicht aus, dessen Abgründe ihn erschauern ließen. Aber er schaute durch ihn hindurch, sah über ihm eine höhere Wirklichkeit, ewiges Licht und ewigen Frieden“ (S. 101). Laut Anselm Hüttenbrenner glaubte Schubert „‚fest an Gott und die Unsterblichkeit der Seele'“ (S. 222).

Ernst Bücken hält folgenden Satz aus Schuberts Tagebuch vom 8.9.1816 für ein „Motto, das dem ganzen Liedschaffen vorangesetzt werden kann“ (Bücken 44): „Selige Augenblicke erheitern das düstere Leben“ (zit. n. BTG 34). Für Bücken ist Schuberts „wundervoll durchsichtige, klare Einfachheit […] – man fällt hier geradezu über Schellings bekannten Ausspruch – symbolische Darstellung des Unendlichen geworden“ (Bücken 48).

Mein Traum

Unter dieser Überschrift hat Schubert am 3. Juli 1822 einen Text verfaßt, über dessen Natur sich die Interpreten uneinig sind (vgl. a. BTG 131): Ist das eine „‚autobiographische Skizze'“ (Walter Dahms), eine „Erzählung“ (Brown/Redlich 117), ein literarischer „‚Erguß'“ (Otto Erich Deutsch), ein „‚Bekenntnis'“ (Heinrich Werlé), ein Programm zur unvollendeten 8. Sinfonie, die im selben Jahr entstand (Arnold Schering; Renner 181), ein Text, der psychoanalytisch gedeutet werden muß (Eduard Hitschmann) oder ein Programm zu den Liederzyklen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ (Nestler 430)?

Im folgenden interpretiere ich diesen Text als Niederschrift eines tatsächlichen, prophetischen Traums, d.h. eines Traums, in dem die wesentlichen Züge von Schuberts Schicksal zusammengefaßt sind. Der Traum ist nicht nur in Erich Valentins Ausgabe der Briefe, Tagebuchnotizen und Gedichte abgedruckt (BTG 55f), sondern auch in Reclams Konzertführer (S. 181f). Die Zitate gebe ich in Kursivschrift wieder, die Kommentare in Normaldruck.

Ich war ein Bruder vieler Brüder und Schwestern. Schubert war das zwölfte Kind des Lehrers Franz Theodor Florian Schubert (1763-1830) und seiner Frau Maria Elisabeth Vietz (1756-1812). Von den insgesamt 14 Kindern überlebten nur fünf: Ignaz, Ferdinand, Karl, Franz und Maria Theresia. Von seiner Stiefmutter Anna Kleienböck wurden noch Josefa Theresia geboren, die bei der Pflege des sterbenskranken Halbbruders Franz half, und Theodor Kajetan Anton, der früh starb,.

Unser Vater und unsere Mutter waren gut. Ich war allen mit tiefer Liebe zugethan. Schuberts Vater bildete den Sohn nicht nur musikalisch aus, sondern verschaffte ihm auch eine „solide Allgemeinbildung, auch in Latein und Mathematik“ (Brown/Redlich 106). „Franz achtete und liebte seinen Vater, aber er litt auch unter ihm. Franz liebte seine Mutter, die manches ausglich […]. Franz liebte seine Stiefmutter, […] Anna Kleienböck“ (Gronau 30).

Einstmahl führte uns der Vater zu einem Lustgelage. Da wurden die Brüder sehr fröhlich. Ich aber war traurig. Da trat mein Vater zu mir, und befahl mir, die köstlichen Speisen zu genießen. Ich aber konnte nicht, worüber mein Vater erzürnend, mich aus seinem Angesichte verbannte.

Schubert wurde in ein Internat gesteckt, das „der Regel der Piaristen“ folgte. „Es war ein freudloses Gebäude, das keinerlei Annehmlichkeit für seine jugendlichen Bewohner aufwies. Schubert klagt in seinem ersten, noch erhaltenen Brief an seinen Bruder Ferdinand über die endlosen Unterrichtsstunden und die kargen Mahlzeiten“ (Brown/Redlich 106).

Er konnte sich nicht in ein bürgerliches Berufsleben (Hilfslehrer und Präparandist, Musiklehrer) integrieren und wurde einer der ersten freischaffenden Künstler. „Seit Schubert 1818 den Schuldienst zu verlassen gewagt hatte, um im Vertrauen auf sein Können das unsichere Los des freien Künstlers auf sich zu nehmen, war er der drückenden Unterhaltssorgen nie ledig geworden. Er wohnte bei Freunden reihum, mit denen gemeinsam er manchmal geradezu gedarbt hat“ (Moser 557).

Ich wandte meine Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich in ferne Gegend. Jahre lang fühlte ich den größten Schmerz und die größte Liebe mich zertheilen. Da kam mir Kunde von meiner Mutter Tode. Ich eilte sie zu sehen, und mein Vater von Trauer erweicht, hinderte meinen Eintritt nicht. Da sah ich [ihre] Leiche. Thränen entflossen meinen Augen. Wie die gute alte Vergangenheit, in der wir uns nach der Verstorbenen Meinung auch bewegen sollten, wie sie sich einst, sah ich sie liegen.

1818 zog Schubert als Musiklehrer nach Zseliz, um die beiden Töchter des Grafen Esterhazy von Galantha in Musik zu unterrichten. Schuberts Mutter starb 1812. Ein Jahr später heiratete sein Vater Anna Kleyenböck.

Und wir folgten ihrer Leiche in Trauer und die Bahre versank. – Von dieser Zeit an blieb ich wieder zu Hause. Da führte mich mein Vater wieder einstmahls in seinen Lieblingsgarten. Er fragte mich ob er mir gefiele. Doch mir war der Garten ganz widrig und ich getraute mir nichts zu sagen. Da fragte er mich zum zweitenmahl erglühend: ob mir der Garten gefiele? –

Ich verneinte es zitternd. Da schlug mich mein Vater und ich entfloh. Schuberts Vater versuchte immer wieder, seinen Sohn in einen bürgerlichen Beruf zu drängen.

Und zum zweitenmal wandte ich meine Schritte, und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich abermals in ferne Gegend. Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.

So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz. 1824 unterrichtete Schubert wieder in Zseliz. Er komponierte 603 (Nestler 430) bzw. ca. 950 Lieder (P. Reinhard Van Hoorickx, ofm, in: Gronau 512).

Und einst bekam ich Kunde von einer frommen Jungfrau, die erst gestorben war. Und ein Kreis sich um ihr Grabmahl zog, in dem viele Jünglinge und Greise auf ewig wie in Seligkeiten wandelten. Sie sprachen leise, die Jungfrau nicht zu wecken.

Himmlische Gedanken schienen immerwährend aus der Jungfrau Grabmahl auf die Jünglinge wie lichte Funken zu sprühen, welche sanftes Geräusch erregten. Da sehnte ich mich sehr auch da zu wandeln. Doch nur ein Wunder, sagten die Leute, führt in den Kreis. Ich aber trat langsamen Schrittes, [mit] innerer Andacht und festem Glauben, mit gesenktem Blicke auf das Grabmahl zu, und ehe ich es wähnte, war ich in dem Kreis, der einen wunderlieblichen Ton von sich gab; und ich fühlte die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zusammengedrängt.

Was Schubert hier schreibt, paßt nicht zu seinen irdischen Geliebten, sondern eher zu Maria, der Mutter Jesu (vgl. das „Ave Maria“ mit dem Untertitel „Ellens dritter Gesang (Hymne an die Jungfrau) aus Walter Scotts ‚Fräulein vom See'“ op. 52 Nr. 4). Von Scotts Verserzählung (1810) wurden im ersten Jahr nach der Veröffentlichung 20000 Exemplare verkauft. Der See Loch Katrine, an dem sie spielt, wurde zu einer Attraktion für Touristen. Wie stets bei Scott geht die Handlung auf historische Begebenheiten zurück, hier den Krieg zwischen den Bewohnern der Lowlands und Highlands.

Ellen gibt James Fitz-James, der sich beim Jagen verirrt hat, am Loch Katrine Unterkunft. Erst später erkennt sie in dem Jäger den König Jakob V., der sie mit ihrem Geliebten Malcolm Graeme verheiratet.

Am 25. Juli 1825 schrieb Schubert an seine Eltern: „Auch wundert man sich sehr über meine Frömmigkeit, die ich in einer Hymne an die heil. Jungfrau ausgedrückt habe, und, wie es scheint, alle Gemüther ergreift und zur Andacht stimmt. Ich glaube, das kommt daher, weil ich mich zur Andacht nie forcire, und, außer wenn ich von ihr unwillkürlich übermannt werde, nie dergleichen Hymnen oder Gebete componire, dann aber ist sie auch gewöhnlich die rechte und wahre Andacht“ (BTG 85).

Über die Kruzifixe: „Du herrlicher Christus, zu wie viel Schandthaten mußt du dein Bild herleihen. Du selbst das gräßlichste Denkmal der menschlichen Verworfenheit, da stellen sie dein Bild auf, als wollten sie sagen: Seht! Die vollendetste Schöpfung des großen Gottes haben wir mit frechen Füßen zertreten, sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?“ (BTG 97)

Auch meinen Vater sah ich versöhnt und liebend. Er schloß mich in seine Arme und weinte. Noch mehr aber ich. Schubert kehrte immer wieder zu seiner Familie zurück. Gronau hebt hervor, wie oft das Weinen in den von Schubert vertonten Liedertexten eine Rolle spielt. Beispiele: „Das Weinen“, „Vor meiner Wiege“, „Weine du nicht“, „Gesänge des Harfners“, „Wasserflut“, „Letzte Hoffnung“.

Am 29. Oktober 1818 schrieb Schubert an seinen Bruder Ferdinand: „Die Trauermesse gefiel Dir, Du weintest dabey und vielleicht bey dem nähmlichen Wort, wo ich weinte; lieber Bruder, das ist mir der schönste Lohn für dieses Geschenk, laß ja von keinem andern was hören“ (BTG 47). Am 31. März 1824 klagte Schubert in seinem Brief an Leopold Kupelwieser: „Mit einem Wort, ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt“ (BTG 71).

Eine der Schubertiaden mußte wegen den Tränen der anwesenden Mädchen und Frauen abgebrochen werden …

Über die Ehe

Schubert blieb unverheiratet. Therese Grob sang am 16.10.1814 die Solo-Partie in Schuberts erster Messe (F-dur). Um sie heiraten zu können, bewarb sich Schubert in Laibach um den Posten eines Schulmusikers, wurde aber abgelehnt, weil er kein Blasinstrument spielen konnte. Therese heiratete 1820 den reichen Bäckermeister J. Bergmann.

Seiner zweiten großen Liebe, seiner jugendlichen Schülerin Caroline Esterhazy, gestand Schubert nur indirekt seine Verehrung: „Als sie ihn einmal scherzend fragte, warum er ihr noch nichts gewidmet habe, soll er gestammelt haben: ‚Ihnen gehört ja ohnehin alles, was ich schreibe.'“ Nachdem er mit einer anderen Frau geschlafen hatte, litt er an einer Geschlechtskrankheit, „lag (’stolz auf seine Unfälle‘) kahlköpfig im allgemeinen Krankenhaus und schrieb derweil an seinen ‚Müllerliedern'“ (Moser 559).

Schuberts Aussagen über die Ehe sind widersprüchlich:

  • „Glücklich, der einen wahren Freund findet. Glücklicher, der in seinem Weibe eine wahre Freundin findet“ (BTG 35).
  • „Ein schreckender Gedanke ist dem freyen Manne in dieser Zeit die Ehe; er vertauschet sie entweder mit Trübsinn, oder grober Sinnlichkeit“ (BTG 35).
  • An Anselm Hüttenbrenner schrieb Schubert am 19.5.1819: „Bald sitzt ihm das, bald jenes Mädchen in dem Kopf, ey so hohle der Teufel alle Mädchen, wenn Du Dich gar so von Ihnen behexen läßt. Heurathe in Gottes Nahmen, so hat die Geschichte ein Ende“ (BTG 50).
  • An die Eltern schrieb er am 25.7.1825: „Was macht Karl, wird er reisen oder nicht? Er hat wohl jetzt viel zu thun; denn ein verheiratheter Künstler ist verpflichtet, sowohl Kunst- als Naturstücke zu liefern, und wenn beide Arten gerathen, so ist er doppelt zu loben, denn das ist keine Kleinigkeit. Ich leiste Verzicht darauf“ (BTG 88).
  • Aus einer Reisebeschreibung vom 21.9.1825, die Schubert an seinen Bruder Ferdinand schickte: „Wir fuhren durch das oben beschriebene Thal, wie durch’s Elysium, welches aber von jenem Paradies noch das voraus hat, daß wir in einer scharmanten Kutsche saßen, welche Bequemlichkeit Adam und Eva nicht hatten. Statt den wilden Tieren begegneten uns manche allerliebste Mädchen, – – -. Es ist gar nicht recht, daß ich in einer so schönen Gegend so miserable Späße mache, aber ich kann heut einmal nicht ernsthaft sein“ (BTG 95).

Über die Religion

Schubert war fromm, stand der Kirche aber kritisch gegenüber: „In seinen Messen sind die Worte ‚Credo in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam‚ regelmäßig unkomponiert geblieben“ (Brown/Redlich 151). Den 92. Psalm vertonte er im Juli 1828 in hebräischer Sprache für die Wiener Synagoge. Noch im Sommer desselben Jahres wurde er dort gesungen.

„Ähnlich wie Mozart stand Schubert Freimaurerkreisen nahe und damit der Aufklärung […]. Zu ihren Grundüberzeugungen gehörte die Ehrfurcht vor der Transzendenz Gottes, das Vertrauen auf Gottes Schöpfertum und die göttliche Vorsehung, die Gewißheit einer jenseitigen und einer zukünftigen besseren Welt, die Erkenntnis der tiefgreifenden Störung des gegenwärtigen Weltzustandes und endlich der Glaube an die vom Schöpfer verliehene lebende Existenz der menschlichen geistigen Persönlichkeit über den Tod hinaus, die Unsterblichkeit“ (Gronau 221).

In seinem Gebet vom 8.5.1823 thematisiert Schubert die christliche Wiedergeburt: Gott soll das Leid des irdischen Lebens töten und vergessen machen. Er soll auch Schubert töten und „ein reines kräft’ges Sein […] dann gedeih’n“ lassen (BTG 65).

Schuberts finstere Seite

Als Hilfslehrer ärgerte sich Schubert über seine Schüler, wenn sie ihn beim Komponieren störten. Dann „‚verhaute'“ er sie „‚tüchtig.‘ Kein Wunder, daß die Inspektoren ihn nicht als Musterpädagogen betrachtet haben werden“ (Moser 548).

Gronau beschreibt ausführlich den schlechten Einfluß, den Franz von Schober (1796-1882) auf Schubert ausübte: „Schubert wurde ein anderer Mensch. Er trat anmaßend auf, stieß seine besten Freunde vor den Kopf, verfremdete sich denen, die ihn wirklich liebten, ließ eine Distanz zwischen sich und seinen Angehörigen entstehen. Die äußeren Erfolge stiegen ihm zu Kopf“ (Gronau 208).

Johann Michael Vogl (1768-1840), der als Sänger Schuberts Lieder bekannt machte, war laut Anton Spaun darüber erbittert, daß Schubert unter Schobers Einfluß sich ihm selbst gegenüber „‚äußerst undankbar […] benommen hat'“; außerdem warf er Schober vor, daß er Schubert benütze, „‚um sich aus Geldverlegenheiten zu reißen und den Aufwand zu bestreiten, der schon das Vermögen seiner Mutter größtenteils erschöpft hat'“ (Gronau 210).

Gronau vermutet, „daß Schubert sich von Schober in dessen lockeren Lebenswandel hat hineinziehen lassen“. Schubert überwand seine Krise, „allerdings wohl erst dadurch“, daß er sich „etwa ab 1823 zu der Erkenntnis durchringen mußte, er habe sich unter die schreckliche Folgelast seiner Verirrung zu beugen und seinem nun begrenzten Leben die höchstmögliche Vollendung seines künstlerischen Auftrages mit Hingabe aller seiner Kräfte abzugewinnen“ (Gronau 210).

„Der Aufenthalt im Elternhaus zeigt, daß er auch zu einem von Anhänglichkeit und Liebe bestimmten Verhältnis zu seinen Angehörigen zurückgefunden hatte“ (Gronau 211).

Am 29. März 1824 schrieb Schubert um 2 Uhr in der Nacht in sein Tagebuch: „Beneidenswerther Nero! Der du so stark warst, bei Saitenspiel und Gesang ekles Volk zu verderben!“ (BTG 71)

Aphorismen

Bei Schuberts Aphorismen ist nicht immer klar, inwieweit es sich lediglich um Früchte seiner Lektüre handelt. Einige Beispiele:

  • Der Mensch gleicht einem Balle, mit dem Zufall u. Leidenschaft spielen. Mir scheint dieser Satz außerordentlich wahr“ (BTG 34).
  • Selige Augenblicke erheitern das düstere Leben; drüben werden die seligen Augenblicke zum währenden Genuß, u. seligere werden Blicke in seligere Welten u.s.f.“ (BTG 34). Bücken betrachtet den ersten Halbsatz bis zum Strichpunkt als ein „Motto, das dem ganzen Liedschaffen vorangesetzt werden kann“ (Bücken 44).
  • „Ein mächtiger Antipode der Aufrichtigkeit der Menschen gegeneinander ist die städtische Höflichkeit“ (BTG 35).
  • „Genieße stets der Gegenwart mit Klugheit, so wird Dir die Vergangenheit eine schöne Erinnerung und die Zukunft kein Schreckbild sein“ (BTG 53).
  • „Schmerz schärfet den Verstand und stärket das Gemüth; da hingegen Freude sich um jenen selten bekümmert, und dieses verweichlicht oder frivol macht“ (BTG 70).
  • „Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zu einander zu gehen, und man geht immer nur neben einander. O Qual für den, der dieß erkennt!“ (BTG 70)
  • „Verstand ist nichts als ein analysirter Glaube“ (BTG 71).
  • „Man glaubt an dem Orte, wo man einst glücklicher war, hänge das Glück, indem es doch nur in uns selbst ist“ (BTG 75).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

BROWN, Maurice J. E. / REDLICH, Hans Ferdinand: Schubert, Franz Peter, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart – Allgemeine Enzyklopädie der Musik, hg. v. Friedrich Blume, Kassel/Basel/London/New York 1965, Band 12, Spalten 106-163

BÜCKEN, Ernst: Die Musik des 19. Jahrhunderts bis zur Moderne (Handbuch der Musikwissenschaft Band 3), Laaber 1979

GRONAU, Eduard: Franz Schubert – Musik zwischen Himmel und Abgrund. Eine Werkbiographie, Allensbach 1993 [Zwei Korrekturen: Die auf Seite 286 besprochene Klaviersonate in C-dur wurde später unter dem Titel Reliquie veröffentlicht (nicht Requiem). Die auf den Seiten 294-297 besprochene Second Grande Sonate steht in D-dur (nicht C-dur).]

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

MOSER, Hans Joachim: Musikgeschichte in 100 Lebensbildern, Stuttgart 1958

NESTLER, Gerhard: Geschichte der Musik, Gütersloh o.J.

RECLAMS KLAVIERMUSIKFÜHRER Band II – Von Franz Schubert bis zur Gegenwart, hg. v. Werner Oehlmann, Stuttgart 21973

RENNER, Hans / SCHWEIZER, Klaus: Reclams Konzertführer – Orchestermusik, Stuttgart 101976

RIEMANN MUSIK-LEXIKON, 5 Bände, Mainz/London/New York/Paris 1959-1975

SCHNEIDER, Marcel: Schubert in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 1979

SCHUBERT, Franz: Briefe, Tagebuchnotizen, Gedichte, hg. v. Erich Valentin, Zürich 1997 (BTG)

Gunthard Heller

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