Erich Kästner war weit mehr als nur ein Kinderbuchautor: Hinter seinen pointierten Geschichten verbirgt sich ein scharfsinniger Denker, der Erziehung, Moral und Gesellschaft kritisch reflektierte. Mit Witz und Klarheit formulierte er zeitlose pädagogische Ideen, die bis heute nachwirken. Dieser Artikel beleuchtet Kästners Haltung als Pädagoge und Philosoph – und zeigt, warum seine Gedanken aktueller sind denn je.
Einführung
Erich Kästner (1899-1974) wollte ursprünglich Lehrer werden. Doch die Erziehung am Lehrerseminar schreckte ihn ab: „Er fand es empörend, wie man unbefangene und begabte fröhliche Jungen systematisch zu ‚Untergebenen‘ umschulte! Das Subaltern-Bewußtsein, das man den künftigen Lehrern einimpfte, widersprach seinem angeborenen hochempfindlichen Sinn für Freiheit und Gleichberechtigung. Er lehnte sich fortwährend gegen diese Methoden auf“ (Enderle 29).
1917 wurde Kästner zum Militär eingezogen. Das häufige Strafexerzieren unter dem sadistischen „Leuteschinder“ Sergeant Waurich führte zu einem „schweren Herzleiden“ (Enderle 32). Nach dem Krieg wollte er nicht mehr Lehrer werden. Auch seine Hospitation am König-Georg-Gymnasium, an dem Lehrer „mit ihren Schülern wie mit Freunden umgingen“ und Wissen „nicht erzwungen, sondern empfohlen wurde“ (Enderle 35), änderte daran nichts.

Stattdessen studierte Kästner in Leipzig, Rostock und Berlin Germanistik, Theaterwissenschaft, Philosophie, Pädagogik, Geschichte, Zeitungskunde und französische Literatur. Seine Theaterkritiken und eine Satire verschafften ihm 1924 eine Anstellung als „Redakteur in der Leipziger Verlagsdruckerei“ (Görtz/Sarkowicz 60).
1925 wurde Kästner mit seiner Dissertation über das Thema „Die Erwiderungen auf Friedrichs des Großen Schrift ‚De la littérature allemande‘: Ein Beitrag zur Charakteristik der deutschen Geistigkeit um 1780“ zum Doktor der Philosophie promoviert. Während er an der Dissertation schrieb, vertrat ihn der Student Friedrich Rasche vier Monate lang als Redakteur und bekam dafür die Hälfte des Gehalts. 1927 zog Kästner nach Berlin, weil ein erotisches Gedicht zu einem Skandal und seiner Entlassung führte. Dort arbeitete er als Theaterkritiker und freier Mitarbeiter für Zeitungen und Zeitschriften.
1933 erließen die Nationalsozialisten für Kästner ein Publikationsverbot in Deutschland und verbrannten seine Bücher. Andere inkriminierte Autoren waren z.B. Brecht, Döblin, Heinrich und Thomas Mann, Remarque, Schnitzler, Tucholsky, Rathenau, Freud und Stefan Zweig. Kästner schaute bei der Bücherverbrennung am 10.5.1933 zu, bei der die Bücher von 24 Autoren in Flammen aufgingen, entfernte sich aber, als eine Schauspielerin ihn bemerkte und das auch laut kundtat.
1934 sperrten die Nationalsozialisten Kästners Konto. Zwei Tage später verhaftete ihn die Gestapo. Beim Verhör wurden ihm drei Strophen eines Gedichts vorgeworfen, die nicht von ihm stammten. Da Kästner auf den anderen Stil und eine frühere Veröffentlichung seines Gedichts ohne die drei Strophen verwies, durfte er wieder gehen. Sein Anwalt Dr. Werner Somborn brauchte ein ganzes Jahr, um die Kontosperrung wieder aufheben zu lassen.
Im Herbst 1934 wurde Kästner darüber informiert, daß er alles, was er schreibe, dem Propagandaministerium vorzulegen habe. Doch später genehmigten die Nationalsozialisten Veröffentlichungen im Ausland. Das Angebot des stellvertretenden Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Dr. Heinz Wisman, in der Schweiz mit einer deutschen Zeitschrift die Emigranten anzugreifen, lehnte Kästner ab.
1937 wurde Kästner erneut verhaftet und drei Stunden verhört. „Diesmal hatte niemand gewußt, daß er verhaftet worden war. […] Von nun an hörte Kästner jede Klingel im Magen, und sein Herzleiden machte sich wieder recht störend bemerkbar. […] Die ’neue Zeit‘ zerfraß viele Freundschaften und freundschaftliche Gewohnheiten. Der Kreis um Kästner lichtete sich sehr. Die einen waren emigriert. Die anderen wollten sich nicht mehr öffentlich mit ihm zeigen. Manche gingen schnell auf die andere Straßenseite, wenn sie ihn kommen sahen“, kommentiert seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle (in: Enderle 70). Kästner lernte sie durch seine Mitarbeit für das Familienblatt Beyers für alle kennen, zu dessen Redaktion sie gehörte.
Nachdem Hitler 1938 das Sudentenland, Böhmen und Mähren annektiert hatte, wurden Kästners Bücher beschlagnahmt. Nach der Eroberung Hollands 1940 wurden Kästners Bücher auch dort beschlagnahmt. Doch die Verfilmung des Kinderbuchs „Emil und die Detektive“ wurde „noch im Januar 1937, am ‚Tag der Deutschen Polizei‘, in vielen großen Kinos ‚zum Hauptspaß für die Kinder'“ gezeigt. So begründete das der „Völkische Beobachter“ am 24.12.1936 (Enderle 73).
1942 erhielt Kästner die Sondergenehmigung, ein Drehbuch zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Ufa zu schreiben. So entstand der Film „Die Abenteuer des Barons Münchhausen“ unter der Regie von Josef von Baky. Kästners Name tauchte allerdings nur unter dem Pseudonym Dr. Berthold Bürger auf. Denn Hitler schäumte vor Wut, als er erfuhr, daß Kästner das Drehbuch geschrieben hatte. Diesmal erließen die Nationalsozialisten für Kästner ein Schreibverbot für Deutschland und das Ausland.
Der Film wurde in ganz Europa ein großer Erfolg. Er galt (trotz „‚Kühnheiten'“ im Dialog) als unpolitische Unterhaltung „zur Beschwichtigung des Volkes“ (Gregor/Patalas 2/308). Zum Beispiel sagt Casanova zu Prinzessin Isabella: „‚Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme. und sie hat die Macht, recht und unrecht zu tun!'“ (zit. n. Enderle 77). Insgesamt gab es bei den Unterhaltungsfilmen jedoch „kaum Ansätze, die zu einer Überwindung der prinzipiellen Verlogenheit hätten führen können“ (Gregor/Patalas 2/308).
1944 brannte Kästners Wohnung während den Luftangriffen auf Berlin ab. „Er wohnte nun bei Luiselotte Enderle, mit der er befreundet war, in der Sybelstraße“ (Enderle 77). Wegen seines Herzleidens wurde Kästner zweimal ausgemustert. Am 20. Juli entging Kästner der Verhaftungswelle nach Stauffenbergs Attentat auf Hitler dadurch, daß ihn sein Vermieter fortschickte.
„Erst nach dem Krieg folgte dem Hinauswurf die Erklärung: Der Hausbesitzer war insgeheim informiert worden, daß man in Babelsberg und Potsdam nach weiteren Verschwörern des 20. Juli suchte. Um den verbotenen Autor vor möglichen Gefahren zu bewahren, hatte er ihn kurzerhand vor die Tür gesetzt“ (Enderle 78).
Die Rechte zum Exposé des Drehbuchs „Das doppelte Lottchen“ gab die Ufa Kästner noch während des Kriegs zurück. „Die Absicht des totalen Verbots war nicht mißzuverstehen: man wollte ihn wirtschaftlich erledigen“ (Enderle 74). Erst am 27.11.1950 fand die Premiere der Verfilmung von Kästners Kinderroman „Das doppelte Lottchen“ (1949) statt. Regie führte wieder Josef von Baky.
Am 8.3.1945 wurde Kästner vor einer „Nacht der langen Messer“ der SS gewarnt. Auch er stehe auf der Liste (6/96). Eberhard Schmidt brachte Kästner als Drehbuchautor seines Filmprojekts „Das verlorene Gesicht“ (6/106) nach Mayrhofen (Tirol). Luiselotte Enderle wurde von Wolfgang Liebeneiner, dem Produktionschef der Ufa, als Dramaturgin nach Innsbruck geschickt, „um mit einem dort wohnhaften Schriftsteller einen Filmstoff zu erörtern“ (6/100).
Als zwei Tiroler Gutstöchter wissen wollten, „wieso die Regierung, kurz vorm Zusammenbruch, Filme drehen lasse“, erklärte Schmidt: „Man habe ein paar konsequente Lügner beim Wort genommen, nichts weiter. Da der deutsche Endsieg feststehe, müßten deutsche Filme hergestellt werden. Es sei ein Teilbeweis für die unerschütterliche Zuversicht der obersten Führung. […] Wer A sage, müsse auch B sagen“ (6/101f).
Der Film wurde nicht gedreht. Die Kameras liefen leer, da das Filmmaterial teuer war und es für die Zeit nach dem Krieg aufgespart werden sollte. Über 100 Beteiligte spielten bei den „Außenaufnahmen“ (6/102) „recht sichtbar für die Einwohner“ Theater … (Enderle 79).
Nach dem Krieg wurden zur Eröffnung des Kabaretts „Die Schaubude“ in München zum ersten Mal seit 1933 wieder Gedichte von Kästner öffentlich vorgetragen. In der „Münchener Zeitung“ erschien Kästners erste Theaterkritik nach dem Krieg. Im Spätsommer 1945 wurde Kästner Feuilletonleiter der „Neuen Zeitung“.
1951 war er Mitgründer des Kabaretts „Die kleine Freiheit“ in München und wurde der erste Präsident des westdeutschen PEN-Clubs (PEN ist die Abkürzung für engl. poets, playwrights, essayists, editors und novelists). 1957 wurde Kästner der Büchner-Preis verliehen, 1960 die Hans Christian Andersen-Medaille, 1968 der Lessing-Ring (Literaturpreis der Deutschen Freimaurer).
Kästner kämpfte gegen die Atombombe, für die Demokratie, gegen den Vietnam-Krieg, gegen das Jugendschutzgesetz (1950), gegen eine Verjährung der Verbrechen der Nationalsozialisten und gegen die Bücherverbrennung, die Mitglieder des „Evangelischen Jugendbundes für entschiedenes Christentum“ veranstalteten (1965). Inkriminierte Autoren waren neben Kästner z.B. Albert Camus, Vladimir Nabokov und Günter Grass. Dabei beriefen sie sich nicht auf Goebbels, sondern auf Paulus.
Die Ausgabe der Gesammelten Schriften für Erwachsene (1969) hat Kästner selbst betreut. Es handelt sich um seine letzte Veröffentlichung. „Der umfangreichen Korrespondenz mit dem Verlag ist zu entnehmen, mit welcher Akribie Kästner, der gelernte Philologe, zu Werke ging. Korrektur las er selber. Auch in den Fragen von Typographie und Seitenlayout, Papierqualität und -farbe wollte er gefragt sein und verschickte Aktennotizen und Memoranden, wenn er fürchtete, daß man seinen Wünschen vielleicht nicht im vollen Umfang entsprechen werde“ (Görtz/Sarkowicz 365, 367).
Friedrich der Große und die deutsche Literatur (1925)
Eine Untersuchung des literarischen Geschmacks um 1780
Es handelt sich um einen Auszug aus Kästners Dissertation mit dem Titel „Die Erwiderungen auf Friedrichs des Großen Schrift ‚De la littérature allemande‘: Ein Beitrag zur Charakteristik der deutschen Geistigkeit um 1780“.
Der vollständige Titel der Schrift von Friedrich II. von Preußen (1712-1786) lautet in deutscher Übersetzung: „Über die deutsche Literatur, die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, die Ursachen derselben und die Mittel, sie zu verbessern“ (1780).
Werner von Stegmann bemerkt: „An diesem Traktat eines über seinen Gegenstand nur ungenügend informierten Staatsmanns sind Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, Motive und Tendenzen bemerkenswerter als der Inhalt, den der Titel verspricht. Die Ausbeute war schon für den, der nur ein bißchen besser Bescheid wußte als Friedrich, äußerst mager“ (KNLL 5/836).
Friedrich II. favorisiert zweitrangige Autoren zuungunsten von großen Dichtern. Er macht absurde Vorschläge zu einer Sprachreform. Er verlangt von der Literatur, daß sie den Staat stützt. Er hofft auf zukünftige Geister, die „Humanität, Fortschritt und Gemeinnutzen“ bringen. „Die Ursachen des geistigen Tiefstandes liegen für Friedrich im Kriege“ (KNLL 5/837).
Stegmann kommentiert: „Die kritischen, protestierenden Stellungnahmen der geistigen Elite deutscher Zunge ließen Friedrich ungerührt. Er hatte sein Thema verfehlt, aber seine Kritiker von damals und heute verfehlen das ihre, wenn sie diese Aussagen zur deutschen Literatur isolieren von den höchst komplexen Motiven und Tendenzen des Aufklärers, Staatsmannes und Pädagogen“ (KNLL 5/837).
Kästner charakterisiert den König als rationalistischen Aufklärer, der „keinerlei innere Entwicklung erlebte“ (6/10).
Da sich die Antworten auf die drei im Titel gestellten Probleme nicht aus der Gliederung des Traktats ergeben, sucht Kästner sie aus der ganzen Schrift zusammen:
- „Das Verhältnis zwischen Literatur und Zivilisation entspricht […] dem einer einseitig gerichteten mathematischen Funktion insofern, als die Bedeutung einer Literatur mit dem Wohlstand der Nation wächst; die Literatur von sich aus aber fördernden Einfluß auf die innere und äußere Organisation von Volk und Staat nicht haben kann“ (6/12).
- „Das Verhältnis zwischen Literatur und Sprache ist dem König bei weitem nicht so eindeutig klar“ (6/13). „Sobald der Denkprozeß selber unscharf wird, fehlt dem Autor jede andere seelische Instanz für Berichtigungen.“ Die Äußerungen des Königs sind widersprüchlich: „Das eine Mal begründet Friedrich die Unzulänglichkeit deutscher Literatur mit der Nachlässigkeit ihrer ausübenden Vertreter […]. Dann wieder entschuldigt er den literarischen Tiefstand mit der künstlerisch mangelhaften deutschen Sprache“ (6/14).
- Die „Frage nach dem Verhältnis zwischen deutscher Literatur und fremdem Kunstideal“ beantwortet Friedrich II. dahingehend, daß die deutsche Literatur durch „Übersetzungen aus den Werken zivilisierter Völker und durch das ernsthafte Studium der Originalwerke aus antiken und modernen Hochkulturen“ gefördert werden könne (6/15).
Kästner beanstandet an der Haltung des Königs, daß er die „deutsche Dichtung als vollendetes Zierobjekt, als allgemein verständlichen geschmackvollen Ideenausdruck und als gepflegte Nachahmung zu sehen wünscht – nicht als seelischen Ausdruck, nicht als individuelle Gestaltung, nicht als nationales Gut“ (6/15).
Über die Kritiker von Friedrich II. schreibt Kästner: „Es gibt keine Behauptung des Königs, der nicht irgend jemand widersprochen hätte; keine, die nicht einmal gebilligt worden wäre; beides bald mit des Königs, bald mit den entgegengesetzten Gründen“ (6/18).
Doch in einem Punkt waren sich alle Kritiker einig: „Alle widersprachen sie dem Urteil des Königs über das niedrige Gesamtniveau deutscher Literatur.“ Kästner kommentiert bissig: „Das ist nicht verwunderlich; denn auch der ärgste Gottschedianer wußte vom literarischen Leben in Deutschland der vergangenen Jahrzehnte mehr als der König von Preußen“ (6/19).
Fabian – Die Geschichte eines Moralisten (1931)
Den Inhalt dieses Romans fassen Franz Josef Görtz und Hans Sarkowicz in einem einzigen Satz zusammen: „Der Reklamefachmann Jakob Fabian verliert seinen Job, seine Freundin, seinen Freund und schließlich auch sein Leben“ (Görtz/Sarkowicz 160). Denn er (als Nichtschwimmer) will einen Jungen retten, der schwimmen kann.
Konrad Kratzsch zufolge geht es in dem Roman um die „Warnung vor menschlichem, poltitischem und moralischem Verfall“ (in: Wilpert II 347). Das entspricht Kästners Vorwort zur Neuauflage (1950), in dem der Roman als „ein ausgesprochen moralisches Buch“ gekennzeichnet wird. Dem ursprünglichen Titel „‚Der Gang vor die Hunde'“, den der Verleger ablehnte, entspricht das „Ziel“: Der Roman „wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherten“ (2/9).
Jörg Drews hält den Roman für eine Satire, in der der Moralist Fabian nicht „im trüben Strom der zeitgenössischen Amoral und Inhumanität“ mitschwimmen kann (in: KNLL 9/20). Auch das entspricht Kästners Vorwort: Als Satire beschreibe der Roman nicht, „was war“, sondern übertreibe. „Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur […] ist das Äußerste, was er vermag“ (2/10).
Den Ausweg Schopenhauers, „dieses verbiesterten Onkels der Menschheit, Europa mit Hilfe einer indischen Heilpraxis zu veredeln“, hält Kästner für „eine Kateridee, wie bisher alle positiven Vorschläge, ob sie nun von Philosophen des neunzehnten oder von Nationalökonomen des zwanzigsten Jahrhunderts stammten“ (2/111).
In dem ursprünglich als Nachwort gedachten Aufsatz Fabian und die Sittenrichter nennt Kästner sich einen Moralisten, der die Offenheit liebt und die Wahrheit verehrt.
Der Herr ohne Blinddarm ist ein Kapitel aus dem Roman, das der Verlag ablehnte. In diesem Kapitel zeigt Fabians Chef, Direktor Breitkopf, seine Operationsnarbe, um sein Pflichtbewußtsein zu illustrieren. Denn anstatt im Bett zu liegen, arbeitet er.
Gesang zwischen den Stühlen (1932)
In dieser Zusammenstellung von Gedichten verarbeitet Kästner immer wieder wahre Begebenheiten:
- Als ein Turner auf dem Loreley-Felsen einen Handstand machte, stürzte er ab und „brach sich das Genick“ (1/231).
- In einem Fall von Versicherungsbetrug stellte sich das Problem, daß ein „Mord auf Bestellung“ ein „Schwindel und doch wieder echt“ ist (1/246).
- Im Jahr 1930 spielten Kinder mit einem ihrer Kameraden Erhängen – mit Todesfolge. Einer sagte bei der Festnahme, sie hätten nur die Erwachsenen nachgemacht.
Seine eigene politische Haltung stellt Kästner ganz an den Anfang: „Was auch immer geschieht: / Nie dürft ihr so tief sinken, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken!“ (1/223) Der Kakao ist braun wie die Hemden der Nationalsozialisten, die schon 1931/32 im „Völkischen Beobachter“ gegen ihn hetzten …
In dem Gedicht „Die deutsche Einheitspartei“ (1/262f) gründet Max Müller „die Partei / aller Menschen, die Müller hießen“ (1/261). Der Zulauf ist groß, da sein politisches Programm so ziemlich alles und auch das Gegenteil umfaßt. Es lassen sich sogar Menschen umtaufen, um der Partei beitreten zu können. Der Rest wird aus dem Land gewiesen. Doch am Tag nach der Krönung von Müller I. zum Kaiser gründet ein gewisser Möller „eine Gegenpartei“ (1/263).
Im Dialog über die Macht (1/273-276) charakterisiert Kästner die Macht als gewissenlose Hure, die mit Mördern, Räubern und Dieben ins Bett geht, das Recht beugt und ihr Wort bricht. Mit seiner Prophezeiung des Zweiten Weltkriegs 1940 liegt Kästner nicht weit daneben: Die Wehrmacht überfiel Polen am 1.9.1939. Den Kriegsgrund konstruiert Kästner allerdings nach dem Vorbild des Ersten Weltkriegs, nur daß er aus einem neun Morde macht. Tatsächlich hat Hitler mit dem Überfall auf den Gleiwitzer Sender seinen eigenen Kriegsgrund geschaffen. Während bei Kästner der Krieg durch die Ermordung von 22 Generälen durch 200 Männer, von denen 83 fallen, schnell zu Ende ist, kostete der Zweite Weltkrieg, der bis zum 2.9.1945 dauerte, das Leben von 27 Millonen Soldaten und 25 Millionen Zivilisten (MEL 25/215).
In seinem Gedicht „Die Entwicklung der Menschheit“ (1/223f) stellt sich Kästner auf die Seite der Darwinisten: Statt auf Bäumen sitzen die Menschen zwar inzwischen in Hochhäusern, doch der zwischenmenschliche Umgang ist derselbe geblieben. Abgesehen vom technischen Fortschritt „sind sie im Grund / noch immer die alten Affen“ (1/224).
Auch eine Massenmordphantasie fehlt in dieser Zusammenstellung von Gedichten nicht: Da alle Menschen in einem Kubikkilometer Platz haben, kann man eine Kiste von dieser Größe bauen und in einen Abgrund werfen, „vielleicht in den Kordilleren“ (1/270). Dann wüßte niemand mehr, daß dort die ganze Menschheit liegt.
Die „Sonnenscheinsonate“ (1/272) ist kein eigentlicher Seitenhieb gegen Beethoven, da der Titel „Mondscheinsonate“ ja nicht von ihm stammt. Joachim Kaiser führt für die Berechtigung des Beinamens für die Sonata quasi una Fantasia op. 27 Nr. 2 (1801) zwei Goethe-Zitate an, von denen das erste aus dem „Faust I“ Beethoven „mit Sicherheit bekannt“ war, „denn 1822 erörterte er ja mit Friedrich Rochlitz eine ‚Faust‘-Komposition […]. Kurz vor seinem Selbstmordversuch sagt Faust in der Studierstube: ‚O sähst du, voller Mondenschein, / Zum letztenmal auf meine Pein'“ (Kaiser 254).
Die Augsburger Diagnose – Kunst und deutsche Jugend (1946)
Anhand einer Umfrage über eine Kunstausstellung stellt Kästner fest, daß „die dümmsten und niederträchtigsten Bemerkungen fast ohne Ausnahme von Schülern, Studenten, Studentinnen und anderen jungen Menschen herrühren“ (7/31).
Er erklärt das mit deren Erziehung im Dritten Reich: „Sie wuchsen, jedenfalls ihre Majorität, in der Respektlosigkeit vor modern und freiheitlich gesonnenen Eltern und Lehrern auf. Sie lernten schon mit dem kleinen Einmaleins die Autorität der Fachleute verachten und das Geschwätz reaktionärer Dilettanten glauben. Sie wuchsen in Unkenntnis ausländischer Leistungen auf und ohne Ehrfurcht vor dem Mut eigenwilliger Naturen“ (7/32).
Kästner nennt auch die Hauptverantwortlichen: „Ein durchgefallener Kunstmaler wie Hitler, ein dielettantischer Schriftsteller wie Goebbels, ein mißglückter, schwafelnder Kulturphilosoph wie Rosenberg, haben die junge Generation gelehrt, was Dichtung, Musik und bildende Kusnt zu sein hat. Der billigste Geschmack, ein Jahrmarktsgeschmack, wurde auf den Thron gesetzt. Das Gewagte, das Außergewöhnliche, das Exklusive, das Neue – es wurde verbrannt, verbannt, verschwiegen und bespuckt. So wuchsen Kinder mit den Kunstidealen von Greisen, Impotenten und Kitschonkels heran“ (7/33).
Für die Kunsterziehung der Zukunft empfiehlt Kästner „die Einsicht, daß auch Kunst, die man nicht versteht, trotz allem als Dame behandelt werden sollte“ (7/34).
Gedanken eines Kinderfreundes (1946)
Dieser Zeitungsartikel bildet das Gegenstück zum vorigen Beitrag über die Kunst: Während man einer Dame nicht „mitten ins Gesicht […] spucken“ darf (7/34), soll man vor sog. historischen politischen Größen keinen falschen Respekt haben, sondern auch deren Schattenseiten zur Kenntnis nehmen. Mit „Geschichtslügen“ sei niemand gedient (7/42). „Man hat die falschen Ideale ausposaunt, und die wahren hat man verschwiegen. Man hat uns Kriegsgeschichte als Weltgeschichte verkauft“ (7/42f).
Als konkretes Beispiel falscher Beweihräucherung nennt Kästner Friedrich den Großen, der in seiner Jugend ein Schürzenjäger gewesen sei, sich eine Geschlechtskrankheit eingefangen und von da an allen Frauen mißtraut habe. Er habe sich leichtsinnig verschuldet, von politischen Gegnern des Vaters Geld angenommen und dadurch „die Politik des Königs, seines Vaters, in durchaus landesverräterischer Weise illusorisch und, was schlimmer ist, lächerlich“ gemacht (7/39f).
Den Ersten Schlesischen Krieg habe Friedrich der Große „aus Ruhmsucht vom Zaune“ gebrochen, während der Schlacht von Mollwitz sei er geflohen. Wenn er „über Frau von Pompadour, die Herrscherin über Ludwig XV.,“ „weniger zynische Witze […] gerissen hätte“, wäre „die völlig unpopuläre Koalition zwischen Habsburg und Frankreich gegen ihn schwerlich zustande gekommen“ (7/40).
Während einer Schlacht im Siebenjährigen Krieg habe er „mit dem Stock auf seine zurückweichenden Grenadiere eingehauen und gebrüllt […]: ‚Kerls, wollt ihr denn ewig leben?'“ Er habe den Krieg nur gewonnen, weil Zar Peter III. seine Armeen zurückgerufen habe. Seine Frau habe Friedrich der Große auf Festen so sehr brüskiert und gekränkt, daß sie weinte. Ohne jede Ahnung von der deutschen Literatur habe er auf französisch ein Buch darüber geschrieben (7/40).
Kästner mildert die Demaskierung historischer Größen nur in zweifacher Hinsicht ab: Man dürfe ihnen nur die Maske, nicht gleich den Kopf abreißen. Außerdem müsse man darauf hinweisen, „daß die Demaskierung nicht nur für Friedrich II. von Preußen, sondern für alle Herrschaften gelte, die, historisch kostümiert, als schöne Masken durch die Hallen der Geschichte wandeln“ (7/41).
Die Schule der Diktatoren (1936-1956)
Daß Kästner 20 Jahre lang an dieser „Komödie“ (5/7) arbeitete, erklärt er in seinem Tagebuch Notabene 45 am 6.5.1945 so: „Es machte, jahrelang, so gar kein Vergnügen, Szenen und Dialoge niederzuschreiben, die, im Anschluß an eine Haussuchung, den Kopf gekostet hätten. Und man braucht Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß es nun nicht mehr den Kopf kostet“ (6/160).
In seinem Tagebucheintrag vom 15.6.1945 geht Kästner dem Gedanken nach, wie sich ein Mensch unter einer Diktatur verändert. Er beginnt mit einem Vergleich: „Wasser verwandelt sich bei großer Kälte und Hitze, der Mensch unter großem Druck“ (6/187).
Er unterscheidet drei Stadien:
- Im ersten Stadium, das von Angst bestimmt sei, komme es nur zu Schlaf- und Appetitstörungen. Der Mensch „hat Angst vor wirtschaftlichem Ruin, vorm Gefängnis, vor Schlägen, vor Fußtritten, vor der Peitsche, vor Hunger und Siechtum, Angst ums Leben der Angehörigen, Angst vorm eignen Tod und Angst, aus Angst zu lügen und zu verraten.“
- „Im zweiten Stadium der Veränderung unter Druck hat er nur noch eine einzige Angst: etwas anderes zu sagen, als man von ihm hören will.“
- „Und im dritten Stadium hat er überhaupt keine Angst mehr. Das Verfahren, ihn unter Druck zu verändern, ist geglückt. Er hat den Aggregatzustand gewechselt. Er ist, weil man mit ihm zufrieden ist, mit sich zufrieden. Er ist glücklich, weil er, nun aus freien Stücken, die Ansichten der herrschenden Verbrecher teilt“ (6/188).
Und das Gewissen? Es „ist drehbar.“ Es „verbrennt, was es heute anbetet, erst in einer Woche. Es ist fähig, Unrecht für Recht zu halten, Inquisition für Gott wohlgefällig und Mord für staatspolitisch wertvoll. […] Doch man muß ihm etwas Zeit lassen. Und auch dann ist man vor Rückfällen nicht sicher“ (6/188).
Anschließend wird Kästner konkret: „Sogar Diktatoren müssen mit der öffentlichen Meinung Geduld haben. Nicht einmal sie dürfen den letzten Schritt vorm ersten machen. Weil Hitler das anfangs noch nicht wußte oder glaubte, wurde der Judenboykott im Jahre 1933 ein Fehlschlag. Die Bevölkerung der Großstädte boykottierte den Boykott.
Erst fünf Jahre später, 1938, war es soweit. Erst in der ‚Kristallnacht‘ konnte man den Pogrom exerzieren und der Bevölkerung in die Schuhe, statt der SS und der Polizei in die Stiefel zu schieben. Erst dann waren Widerspruch oder gar Widerstand nicht mehr zu erwarten“ (6/189; Abschnittsetzung von mir).
Während der Kristallnacht war Kästner mit dem Taxi unterwegs, durfte aber nicht aussteigen. Er probierte das dreimal, doch die Kriminalpolizei verbot es ihm. Beim vierten Versuch weigerte sich der Taxifahrer anzuhalten: „‚Es hat keinen Zweck‘, sagte er, ‚und außerdem ist es Widerstand gegen die Staatsgewalt!‘ Er bremste erst vor meiner Wohnung“ (6/190).
Kästner kommentiert: „Jetzt war es soweit. Jetzt herrschte die verkehrte Welt ganz offiziell, und niemand widersprach. Die Partei beging, wenn auch bei Nacht und in Räuberzivil, auf offener Straße Handlungen, die früher Verbrechen gewesen wären, und die deutsche Polizei schirmte die Verbrecher ab. Zu diesem Zweck bedrohte sie, sogar in Berlin, sogar am Kurfürstendamm, die Passanten. […] Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe“ (6/190).
Thema der Komödie ist „der dressierte, seine Würde und sein Gewissen apportierende, der als Mensch verkleidete Mensch“ (5/9). Ein Staat wird vom Premier, dem Kriegsminister, dem Leibarzt des Präsidenten und dem Professor regiert. Der Präsident ist lediglich eine Marionette der vier Regenten, die bei Ungehorsam ermordet und ausgetauscht wird. Das Volk wird nach Strich und Faden belogen.
Die Bildung gilt laut Kriegsminister als „staatsgefährlich“, worauf der Leibarzt kontert: „Medizin hat zum Glück nichts mit Bildung zu tun“ (5/18).
Der Major, der für die sexuellen Bedürfnisse der Präsidentin bereitgestellt wird, klärt deren Sohn auf: „Auch Brutalität braucht Methode. Wer die öffentliche Meinung unterdrückt, darf nie vergessen, daß die Unterdrückten mehr von ihr wissen als der Unterdrücker. Je rücksichtsloser er manipuliert, um so ahnungsloser wird er. Erzwingt er den Nullpunkt der Freiheit der anderen, so erreicht er gleichzeitig den Nullpunkt seines Wissens um deren Meinung“ (5/48).
Der Inspektor macht dem Stadtkommandanten klar, was er unter Loyalität versteht, indem er den Unterschied zwischen Militär und dem Präsidenten betont: „Ich diene dem, der die Macht hat. Das ist meine Pflicht. Seine Pflicht ist es, an der Macht zu bleiben. Büßt er sie ein, so bricht er die Treue“ (5/72).
Hermann Kesten (1900-1996), langjähriger Freund von Kästner und selbst Schriftsteller, hält das Stück für eine wahre „Schulkomödie der Diktatur“, für ein echtes „Lehrstück“, für eine „burleske und tragische Posse aller Diktatoren“. Kästner „stellt ihre blutig naive Technik bloß, die mit dem Mord beginnt und endet, und dazwischen ist lauter Lüge. Er greift die Diktatoren an, wo sie am eitelsten, am verletzlichsten sind, bei ihrer angeblichen Unersetzlichkeit.
Er führt Diktatoren und ein halbes Dutzend Attrappen von Diktatoren vor, addiert sie und subtrahiert sie wie echte Nullen, und es macht keinen Unterschied. Ein Diktator lebt vom irrigen Gefühl der Überlegenheit. Er hält sich für unvergleichlich und unersetzlich, oder prätendiert, ein Genie, ein Prophet, ein Religionsstifter, mindestens der Apostel einer alleinseligmachenden Religion zu sein.
Die Diktatur setzt den politischen Chiliasmus voraus. Sie schafft die Legende vom drohenden Chaos, vom Untergang eines Volkes oder der Welt, und vom Retter vor Katastrophen. Ihre Medizinen sind der nackte Terror und die nackte Lüge.
Kästner imitiert unser Jahrhundert und multipliziert die Diktatoren, um sie zu entwerten. Ja, er schafft eine ganze Schule der Diktatoren, ein Internat mit Bordellbetrieb für auswechselbare Diktatoren-Attrappen, eine Mischung aus Irrenhaus und Theaterschule.
Er zeigt, daß der Diktator ein ersetzlicher Menschentyp sei. Einen Diktator kann man ja aus jedem machen, man muß ihn nur erst drillen und präparieren. Er ist ersetzlich, weil er der überflüssigste Typ ist, nur eine Puppe mit Dynamit im Bauch, eine volkstümliche Zielscheibe für Attentate, eine Uniform ohne Gesicht, ein Lautsprecher ohne eigenen Text, eine auswechselbare Guillotine ohne Gesetz und Gericht, eine Nationalmaschine, die den gesamten Vorrat eines Landes an Lustmördern, Volksbetrügern, Scharlatanen, Chiliasten, Schwärmern, Narren, Hochstaplern und psychopathischen Taschendieben, das ganze lichtscheue Gesindel eines Volkes auf alle Regierungssessel und hinter die Beamtentische setzt“ (Kesten 39f).
Wegen der Ähnlichkeit ihrer Namen wurden Kästner und Kesten häufig verwechselt. Ein Kritiker hielt Kästners „Herz auf Taille“ für eine Gedichtsammlung von Kesten und meinte, sie habe ihm seinen Namen „unvergeßlich gemacht“ (Kesten 47). Tatsächlich veröffentlichten Kästner und Kesten ihre „Aufsätze und Geschichten – und Kästner seine Gedichte – in denselben Zeitungen und Zeitschriften“ (Kesten 46).
Als Kestens Verleger Gustav Kiepenheuer dem Redakteur vom „Berliner Tageblatt“, Fritz Engel, klarzumachen versuchte, „daß Hermann Kesten die Novellen Kestens veröffentlicht habe, und daß ‚Herz auf Taille‘ Gedichte von Erich Kästner enthalte“, erschien eine Berichtigung, die Kästner zum Autor von Kestens Novellen und seiner (Kästners) Gedichten machte (1/47).
Kesten erzählt: „Arm in Arm traten Kästner und ich vor den in Irrtümern ergrauten Engel hin, um ihn von der verschiedenen realen und poetischen Existenz von uns beiden visuell und akustisch zu überzeugen. Der arme alte Fritz Engel geriet in immer größere Verwirrung, erst hielt er mich für Kästner, dann Kästner für meinen Verleger Kiepenheuer, dann mich für Kästners Verleger Weller, schließlich uns beide für Hochstapler. Er begann an der Realität von meinen Novellen und Kästners Gedichten zu zweifeln. Schon unsere Titel klangen ihm unwirklich, ‚Herz auf Taille‘ und ‚Die Liebesehe‘.
Seitdem sind wir in der Tat noch viele Male verwechselt worden“ (Kesten 47).
Als Kästner und Kesten einander kennenlernten, waren sie sich „bald einig, daß wir Moralisten und Satiriker waren. Ich behauptete, man müßte auf die Besten seines Jahrhunderts wirken. Kästner sagte, er wolle dem Volke gefallen, und je mehr Leser, desto besser“ (Kesten 48).
Als ich ein kleiner Junge war (1957)
Hermann Kesten meint: „Mir scheint aber, ein Kinderbuch, das nicht ebensowohl von Erwachsenen wie von Kindern gelesen und genossen werden kann, sei kein gutes Kinderbuch“ (Kesten 37).
Er stellt fest: „Kästner schildert häufig die geistige und moralische Überlegenheit der Kinder über ihre Eltern, gemäß den Überzeugungen vieler denkender und scharf beobachtender Kinder. […] Er nimmt Partei für die Kinder gegen die Erwachsenen, die er von der Position der Kinder sieht und verurteilt, ohne Rücksicht auf Lehrer und Eltern, wenigstens tut er so“ (Kesten 38).
Und: „Die soziale Frage wird in seinen Kinderbüchern prämarxistisch behandelt. Seine Kinder haben weder ‚Das Kapital‘ noch Hegel, ja kaum die Propheten der Großen französischen Revolution gelesen. Die Armen sind gut und strebsam, die Reichen nur gedankenlos. […] Alle Erwachsenen sind komisch, alle Kinder sind ihnen überlegen“ (Kesten 38f). Sebastian im „Fliegenden Klassenzimmer“ befaßt sich immerhin mit Vererbungslehre.
Mit seinen Kinderbüchern wurde Kästner sogar zum Deutschlehrer: „Kaum berühmt, machte Kästner schon Schule. Schriftsteller und solche, die es werden wollten, kästnerten nach Pünktchen, Punkt und Komma. […] Statt beim Erzählen vor den Kindern ‚in die Kniebeuge zu gehen‘, wie er es bezeichnet, schrieb er für sie genauso wie für Erwachsene“ (Enderle 8/359). „Schulkinder in aller Welt lernen heute die deutsche Sprache an Kästners Texten“ (Kesten 48).
Nach Kästner sind über 50 Schulen in Deutschland benannt.
Kästners Autobiographie „Als ich ein kleiner Junge war“ ist für „Kinder und Nichtkinder“ geschrieben (4/9). Dementsprechend wechselt der Stil zwischen dem eines Kinderbuchs und einem sachlichen Bericht. Kästner schreibt nicht chronologisch, sondern springt zeitlich ziemlich viel hin und her.
Er unterscheidet zwei Arten von Zeit. Die eine kann man messen, die andere entsteht aus unserer Erinnerung: „Alt ist, was man vergessen hat. Und das Unvergeßliche war gestern. Der Maßstab ist nicht die Uhr, sondern der Wert. Und das Wertvollste […] ist die Kindheit“ (4/14). Kästner unterscheidet die Erinnerungen vom Gedächtnis. Letzteres ist eine Kopfangelegenheit wie das Einmaleins, erstere „wohnen mitten in uns. Meistens schlummern sie, aber sie leben und atmen, und zuweilen schlagen sie die Augen auf“ (4/47).
Der Klimawandel ist schon Kästner aufgefallen: „Im Sommer war es damals [als Kästner noch ein Kind war] heißer als heutzutage [zum Zeitpunkt der Abfassung der Autobiographie], und im Winter kälter.“ Im Hinblick auf die Ursachen ist Kästner redlicher als die heutigen Klimaaktivisten: „Woran das gelegen hat, weiß ich nicht. Es gibt Leute, die behaupten, sie wüßten es. Aber ich habe sie im Verdacht, daß sie renommieren“ (4/21f).
Daß er kein Lehrer wurde, begründet Kästner hier so: „Als ich, mit siebzehn Jahren, vor einer Schulklasse stand und […] Unterricht erteilen mußte“, merkten die „Professoren, die als pädagogische Beobachter dabeisaßen, […] nichts von meinem Irrtum und nichts davon, daß ich selber, in dieser Stunde, ihn endlich begriff und daß mir fast das Herz stehenblieb. Doch die Kinder in den Bänken, die spürten es wie ich. […]
Ich war kein Lehrer, sondern ein Lerner. Ich wollte nicht lehren, sondern lernen. Ich hatte Lehrer werden wollen, um möglichst lange ein Schüler bleiben zu können“ (4/55).
Was der Besuch des Lehrerseminars bedeutete, erklärt Kästner folgendermaßen: Wer die Aufnahmeprüfung bestand, „war […] sechs Jahre später Hilfslehrer, bekam Gehalt, konnte damit beginnen, die Eltern zu unterstützen, und hatte eine ‚Lebensstellung mit Pensionsberechtigung'“ (4/57).
Die Vorfahren von Kästners Mutter hießen Augustin. Sie waren Bäcker, Fleischer und schließlich Pferdehändler. Doch Kästner kam sich „immer wie ein Stief-Augustin vor“ (4/29). Daß Emil Kästner sein Stiefvater war, schreibt er nicht. Sein leiblicher Vater war Dr. Emil Zimmermann, der Hausarzt der Familie Kästner. Er starb am 17.3.1953 in Brasilien. In seinem Paß stand Emilio Israel Zimmermann. „Beerdigt wurde er auf dem alten Friedhof der Israelitischen Gemeinde von São Paulo“ (Görtz/Sarkowicz 181). Da Kästner eine arische Mutter hatte, galt er den Juden nicht als Jude. Er blieb vor allem wegen seiner Mutter und seinen Freunden in Deutschland.
In dem Brief der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums vom 10.8.1935 an den Nationalsozialistischen Lehrerbund wurde Kästner als Jude bezeichnet. Ob die Nationalsozialisten den wahren Sachverhalt kannten oder Kästner nur verleumden wollten, ist unklar. Jedenfalls hätte er als sog. Halbjude noch mehr unter den Nationalsozialisten leiden müssen. In Briefen distanzierte er sich von den Juden, da er davon ausgehen mußte, daß die Gestapo sie las. „Kästner fühlte sich nicht als Jude“ (Görtz/Sarkowicz 201).
Zur Selbstverwirklichung: „Das Quadrat ist kein Kreis, und der Mensch ist kein Engel. Die Quadrate scheinen sich damit abgefunden zu haben, daß sie nicht rund sind. […]
Bei den Menschen ist das anders, zumindest bei denen, die über sich hinausstreben. Sie wollen nicht etwa vollkommene Menschen werden, was ein schönes und angemessenes Ziel wäre, sondern Engel. […] Die unvollkommene Frau Lehmann möchte nicht die vollkommene Frau Lehmann werden, sondern eine Art Heiliger Cäcilie. […] So sieht sie zum Schluß aus wie ein schiefes, krummgezogenes Viereck, das ein Kreis werden wollte“ (4/97).
Kästner lernte zwei Tyrannen kennen: einen kompetenten und einen inkompetenten.
- Der Pferdehändler Franz Augustin, Kästners Onkel, strahlte aus, daß er seine Kunden so geschickt über’s Ohr hauen würde, daß sie sich einbildeten, er hätte ihnen etwas geschenkt. Daheim scharwenzelten seine Frau Lina, seine Tochter Dora und die Wirtschafterin Frieda um ihn herum. „Die drei umstanden und umknieten ihn wie die Sklavinnen ihren Großmogul, hingen an seinen Lippen und warteten auf weitere Befehle“ (4/113).
- Seinen Lehrer Lehmann vergleicht Kästner mit einem Dompteur, der zwei Rohrstöcke pro Woche auf seinen Schülern zuschanden schlug. „Ihn übermannte der Zorn angesichts fauler Schüler, frecher Schüler, dummer Schüler, stummer Schüler, feiger Schüler, bockiger Schüler, wispernder Schüler, heulender Schüler und verzweifelter Schüler. Und wer von uns wäre nicht das eine oder andre Mal dies oder das gewesen?“ (4/121) „Er war kein Lehrer, sondern ein Dompteur mit Pistole und Peitsche. Er machte das Klassenzimmer zum Raubtierkäfig“ (4/122). Nachdem er mit Erich Kästner Klettern gegangen war, gestand er ihm: „‚Ich wäre ein ganz brauchbarer Hofmeister geworden […] für drei, vier Kinder. […] Doch dreißig Schüler, das sind für mich fünfundzwanzig zuviel'“ (4/126).
Als Kästner seine erste Werkausgabe in sieben Bänden herausgab, stellte er seine Kindheitsautobiographie vor die Romane für Kinder.
© Gunthard Rudolf Heller, 2026
Literaturverzeichnis
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– Vier Stationen: Dresden – Leipzig – Berlin – München – Und eine Krankenstation: Lugano (1974), in: Erich Kästner: Gesammelte Schriften für Erwachsene – Band 8: Vermischte Beiträge III, München/Zürich 1969, S. 345-378
ENZYKLOPÄDIE DES NATIONALSOZIALISMUS, hg. v. Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, München 31998
GÖRTZ, Franz Josef / SARKOWICZ, Hans: Erich Kästner – Eine Biographie. Unter Mitarbeit von Anja Johann, München/Zürich 2003
GREGOR, Ulrich / PATALAS, Enno: Geschichte des Films 2 – 1940-1960, Reinbek bei Hamburg 1976
KAISER, Joachim: Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten, Frankfurt am Main 1979
KÄSTNER, Erich: Gesammelte Schriften für Erwachsene, 8 Bände, München/Zürich 1969
KÄSTNER FÜR KINDER, 2 Bände, Frankfurt am Main/Olten/Wien 1985
KESTEN, Hermann: Erich Kästner (1958/68) – Einleitung zu Erich Kästner: Gesammelte Schriften für Erwachsene – Band 1: Gedichte, München/Zürich 1969, S. 17-50
KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996 (KNLL)
KOEBNER, Thomas (Hg.): Filmklassiker – Beschreibungen und Kommentare, Band 2: 1946-1962, Stuttgart 52006
MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81 (MEL)
RECLAMS FILMFÜHRER, von Dieter Krusche unter Mitarbeit von Jürgen Labenski, Stuttgart 1973
RECLAMS SCHAUSPIELFÜHRER, Stuttgart 121973
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