Energiepolitik: Hinterlaßt euren Kindern eine grüne Erde!

Teaser: Viele Menschen haben die Einstellung, daß Ihr persönliches Handeln an den faktischen Gegebenheiten des Klimawandels wenig ändert bzw. ändern würde. Doch das Gegenteil ist der Fall - jeder kann durch sein persönliches Verhalten selbst die Zukunft unseres Planeten entscheidend mitgestalten. Die Zeit des Wartens ist vorbei! Wir müssen jetzt und heute entscheiden, ob wir unseren Kinder eine lebenswerte Zukunft geben wollen!

Prolog: Wie Gorleben mein Leben veränderte ...

Als mein Mann und ich den Landkreis Lüchow-Dannenberg als neue Wohngegend für uns auf der Landkarte ausgeguckt hatten, bewahrheitete sich das grüne Kartenbild mit lediglich je einer Landstraße von den Städtchen Lüchow und Dannenberg nach dem Flecken Gartow bei unserem ersten Besuch: Bäuerlich genutzte, intakte Natur und ländliche Ruhe und Beschaulichkeit. Ein Traum ging in Erfüllung.

Doch kaum hatten wir uns in dieser heilen Welt niedergelassen, lasen wir 1973 in der Elbe-Jeetzel-Zeitung, dem Kreis-Blatt für Lüchow-Dannenberg, daß im Landkreis, bei Langendorf an der Elbe, ein Atomkraftwerk errichtet werden solle. Seit Jahren im Umweltschutz tätig, waren uns die Gefahren der Atomtechnik geläufig. Die Elbe-Jeetzel-Zeitung druckte meinen diesbezüglichen Leserbrief, worauf sich Oberstudienrat Joachim Fritzen fernmündlich bei mir meldete und wir beschlossen, eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen.

Seine Frau, Marianne Fritzen, wurde dann eine in jeder Hinsicht hochbefähigte langjährige Führerin der „Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg“, heute die allseits und parteiübergreifend anerkannte und verehrte „Alte Dame“. Als zwei Jahre später zwar der Plan für Langendorf fallengelassen, aber der „Nukleare Entsorgungspark Gorleben“ ausgerufen war mit Atomkraftwerk, Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstäbe, „Pilotkonditionierungsanlage“ sowie der Entsorgungsanlage im Salzbergwerk für den Atommüll, fiel die Verantwortung für die Führung des Widerstandes zentnerschwer auf unsere und vor allem Marianne Fritzens Schultern.

Wir waren Laien, hatten uns in die umfangreichen technischen, rechtlichen, wirtschaftlichen Zusammenhänge einzuarbeiten, Werbung zu betreiben, Geld zu sammeln und zu spenden, hatten vor Presse, Fernsehen und Politgrößen unsere Frau und unseren Mann zu stehen, Aktionen zu planen, Diskussionsrunden abzuhalten, Streit und Torheiten auszuhalten, Spaltpilze und „verdeckte Ermittler“ zu erkennen, aber auch das eigene Mißtrauen zu zügeln, so daß ein anständiger Umgang mit den „Betreibern“ möglich blieb, alles Dinge, für die wir nicht ausgebildet waren und mit denen unsere Lebenszeit auszufüllen wir bisher nicht beabsichtigt hatten.

Inzwischen sind über 30 Jahre ins Land gegangen. Die Bürgerinitiative lebt bis heute. Die „Erkundung“ des Salzstockes liegt seit Jahren brach, Pläne zum Bau eines Atomkraftwerkes und einer Wiederaufbereitungsanlage sind vom Tisch. Dafür stehen das oberirdische Zwischenlager zur Aufnahme abgebrannter, hochradioaktiver Kernbrennstäbe in der Verpackung sogenannter Castoren, eine Pilotkonditionierungsanlage zur Aufbereitung der Kernbrennstäbe für die Endlagerung im Salzstock sowie etliche Backstein-Neubauten für die Verwaltung der Gesamtanlage auf dem Gelände des Gorlebener „nuklearen Entsorgungsparks“. Diesen nur zu durchsichtig schön-färberischen Namen hatten die Betreiber allerdings alsbald nicht mehr zu benutzen gewagt.

Die aufwendig errichteten oberirdischen sowie die Bergwerks-Bauten sprechen ebenfalls eine andere Sprache, als die von einer vorgeblichen „Erkundung“ des Salzstockes, der schon gleich zu Anfang als instabil und daher zur Aufnahme Jahrzehntausende lang strahlenden Mülls als ungeeignet erkannt und dennoch weiter ausgeschachtet worden war bis zum Zeitpunkt des Baustopps, den die ehemalige rot-grüne Bundesregierung verfügt hatte.

Damals, bei Nennung des Standortes Gorleben, erwachte das verschlafene, dünnbesiedelte ehemalige Zonenrandgebiet Lüchow-Dannenberg, dessen Bevölkerung von den Betreibern gründlich unterschätzt worden war, so daß sie glaubten, leichtes Spiel mit ihr zu haben. Lüchow-Dannenberg hat sich deutschlandweit und darüber hinaus einen achtbaren Namen gemacht.

Neben einem intelligenten, fantasie- und kraftvollen Widerstand gegen „Gorleben“ schuf sich „alternatives“ Denken, Fühlen und Handeln Raum: Bio-Höfe, Bio-Läden, mutiges, zum Erfolg führendes Unternehmertum Einzelner, ganz eigene Kleinkunst und ebensolches Handwerk wie auch ein reiches Angebot an hoher Musikkultur im Rahmen überkommener, teils bäuerlicher, teils adliger Räumlichkeiten gewähren den dafür Aufgeschlossenen eine hohe Lebensqualität im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

So ist auch die Lektüre des Kreisblattes Elbe-Jeetzel-Zeitung zumeist keineswegs verschwendete Zeit. Am 6. Juli 2007 z.B. brachte es auf mehreren Seiten vielfältige Informationen über den Stand der Auseinandersetzung mit Energie-Bedarf , -Vorsorge und -Geschäft:

Wir erfahren, daß das Bremer Energie-Institut und das Arrhenius-Institut im Auftrag des Zukunftsrats Hamburg eine Studie erstellt hätten, die besagt, daß „die Überkapazitäten in der Stromerzeugung in Norddeutschland in den kommenden Jahren nochmals stark zunehmen“ werden. Die fünf norddeutschen Länder werden bis 2020 gegenüber 2005 ihre Kapazitäten verdoppeln bei weitgehend stabilem oder sogar sinkendem Verbrauch. Die Überproduktion werde dank der zahlreichen geplanten Kraftwerks-Projekte von heute 21 auf mehr als 100 Prozent steigen!

Das hört sich doch gut an, und man staunt, daß die alternativen Energiequellen plötzlich anscheinend doch äußerst wirkungsvoll sind, wurden sie doch bisher seitens der Atomlobby in ihrem Wirkungsgrad als ungenügend hingestellt. Die Macht des Faktischen, zu dessen Schaffung man als Bürger und Bürgerin offensichtlich doch eine Menge beitragen kann, gewinnt letztendlich die Oberhand.

„Einerseits gehen bis 2020 rund zwei Drittel der gegenwärtigen Kraftwerke außer Betrieb, zum einen wegen des Ausstiegs aus der Kernenergie, zum anderen wegen des Alters bestehender fossiler Kraftwerke. Andererseits wird die Offshore-Windenergie in Nord- und Ostsee ausgebaut, und es sind zusätzliche Kohle-Kraftwerke geplant.“

Bundeskanzlerin Merkel hält bekanntlich am Ausstieg aus der Atomenergie fest. Das schuldet sie schon dem Koalitionsfrieden. Es dient aber auch ihrem Ansehen als verläßliche Staatsfrau. Denn in ihrem Herzen befürwortet sie die Energiegewinnung aus Atomkernspaltung.

Das hat sie schon vor Jahren bei ihrem Besuch in Lüchow in ihrer Eigenschaft als Bundesumweltministerin klargemacht und das auf eine Weise, die zeigte, daß auch sie die hiesige Bevölkerung für dumm verkaufen wollte. Über die hatte man sie offensichtlich vorher nicht richtig aufgeklärt.

Die alten Atomkraftwerke geben nach und nach den Geist auf, und wir können froh sein, daß das AKW Krümmel mit seinem Trafobrand und Wasserabfall im Abklingbecken der Kernbrennstäbe an dem fragwürdigen Ruhm eines zweiten „Tschernobyl“ noch einmal vorbeigeschrammt ist. Wie gewohnt, erfüllte die Betreiber-Gesellschaft ihre Pflicht zur rechtzeitigen, umfassenden Unterrichtung über den „Störfall“ nicht. Dafür gescholten, schob sie den „Schwarzen Peter“ der Sozialministerin Gitta Trauernicht zu, die ihn jedoch umgehend an die Absender zurückverwies.

Zähes Ringen um das zukünftige Energiekonzept

Das „Katz-und-Maus-Spiel der Energiekonzerne“ ist denn auch das Thema eines Gesprächs des Niedersächsischen Tageblattes, dem die Elbe-Jeetztel-Zeitung zugeordnet ist, mit Dr. Hermann Scheer, dem „Solarpapst“ und Träger des Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award) 1999, des Weltsolarpreises 1998, des Weltpreises für Bioenergie 2000 und des Weltpreises für Windenergie 2004.

Scheer wirbt für „erneuerbare“ Energien „als Schlüssel, um technischen Fortschritt mit Moral und Ökologie mit Ökonomie zu koppeln.“ Dafür kämpft er – mit dem Titel „Hero of the green century“, den ihm das US-Magazin „Time“ verliehen hat – im Deutschen Bundestag, im Bundesvorstand der SPD, in der Organisation EUROSOLAR, deren Präsident er ist, und im Weltrat für erneuerbare Energien.

„Sprechblasen müssen Sie woanders suchen“, ist in seinem Weltnetz-Auftritt zu lesen, und so spricht er auch der Zeitung gegenüber Klartext:

  • Die „herkömmlichen Energieversorger (kämpfen) um die Aufrechterhaltung ihres Anbietermonopols“. Daher blockieren sie alternative Möglichkeiten zur Energiegewinnung.
  • Alternative Energiegewinnung erfordert „dezentrale Strukturen, also den Wechsel von wenigen Großanlagen und damit wenigen Eigentümern zu vielen mittleren und kleinen Anlagen, die in ihrer Summe die Großen ersetzen.“
  • Der Energiekonflikt ist in Wahrheit ein Konflikt mit dem Großkapital. „Davon wird immer nur abgelenkt mit Argumenten, die die Wirtschaftlichkeit oder technische Machbarkeit von Alternativen bestreiten. Diese Argumente sind größtenteils fadenscheinig oder verraten doppelte Maßstäbe.“
  • „Die fossile und atomare Energieversorgung speist sich aus nur wenigen Quellen auf der Welt.“
  • „… je mehr Quellen sich erschöpfen, desto stärker wird die Konzentration“ auf die verbleibenden. „Die Versorgung der Welt erfolgt von immer weniger Plätzen, die Bereitstellungskosten der Energie steigen und das bei einem wachsenden Energiebedarf. Diesen Prozeß können nur noch transnationale Konzerne organisieren. Die Folge ist, daß komplette Gesellschaften [Volkswirtschaften] abhängig werden. Die transnationalen Konzerne können mit Regierungen Katz und Maus spielen.“
  • Schon heute ist die Abhängigkeit von solchen Konzernen „alarmierend hoch. Längst werden für die Interessen dieser Energiewirtschaft Kriege geführt. Ausführende sind dann die Staaten.“
  • Für „erneuerbare" Energie dagegen gibt es überall auf der Welt ein breites, mannigfaltiges Angebot der Natur. Energiegewinnung sowie -nutzung können die Staaten hierbei selbst bestimmen und steuern.
  • „Dieser Strukturwandel ist der größte seit Beginn der Industrialisierung“ – mit andern Worten: Er ist die Umkehrung der Globalisierung und damit eine Rückkehr zu republikanischen, das heißt von den Völkern selbstbestimmten Verhältnissen in ihren Staaten.
  • „Am Ende wird es Gewinner und Verlierer geben. Letztere sind die heutigen Energiekonzerne.“
  • „Das Interesse eines Energiekonzerns kann daher nur sein, so lange weiterzumachen, wie es irgendwie geht, und den zwingend notwendigen Wechsel zu erneuerbaren Energien möglichst um Jahrzehnte aufzuschieben. Aus dieser Sicht ist eine solche Strategie verständlich, [aber] für die Gesellschaft [die Völker] unerträglich.“
  • Zudem ist die herkömmliche Energiegewinnung aus Atomkernspaltung und fossilen Energieträgern teuer, umwelt- und gesundheitsschädlich.
  • Beim Energiegipfel in Heiligendamm fehlten die Umweltschützer. „Es ist schon problematisch, den Energiekonzernen eine überproportional große Rolle einzuräumen. Die Konzerne haben keinen Verfassungsrang. Auch wenn sie sich bisweilen wie ein Staat im Staate aufführen und etwa der Bundeskanzlerin ein Ultimatum stellen.“
  • „Vieles der künftigen Energieerzeugung geht den klassischen Energieversorger gar nichts mehr an: Etwa das Solar-Haus, das seine benötigte Sonnenenergie kostenlos empfängt. Und potentiell kann jedes Haus komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden.“

Was Einzelne zu verändern vermögen

Meinen Strom kaufe ich seit einigen Jahren von den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) im Süd-Schwarzwald. Denn die Elektrizitätswerke Schönau vertreiben ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien, bislang von 1005 bundesweit geförderten privaten Ökostrom-Anlagen und heute bereits an rund 50 000 Abnehmer; Jahresumsatz 23 Millionen Euro! Gefördert werden neu entstehende Ökostrom-Anlagen.

Kürzlich wurde das Gründerehepaar der EWS Ursula und Michael Sladek mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet. „Der Deutsche Gründerpreis ist die bedeutendste Auszeichnung für herausragende Unternehmer in Deutschland. Er wird für vorbildhafte Leistungen bei der Entwicklung von innovativen und tragfähigen Geschäftsideen und beim Aufbau neuer Unternehmen verliehen. Ziel ist es, ein positives Gründungsklima in Deutschland zu fördern und Mut zur Selbstständigkeit zu machen.“

Da kommt Freude auf über unser Land. „Die überaus gelungene Verknüpfung von ökonomischem Erfolg mit ökologischer sowie sozialer Verantwortung und die starke Kundenorientierung waren auch zentrale Argumente für die Jury des Deutschen Gründerpreises, die die Elektrizitätswerke Schönau mit dem Sonderpreis 2007 auszeichnet.

Die Gründung zeige, so die Experten, daß es sich lohnt, für seine Ziele zu kämpfen, und daß sich Durchhaltevermögen am Ende auszahlt“, heißt es in der Begründung für die Preisvergabe. Ausgelobt wird der Preis von Stern, Sparkassen, ZDF und Porsche. „Die Initiative wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, namhaften Förderern, einem hochkarätigen Kuratorium und einem Experten-Netzwerk unterstützt“, erfahren wir unter www.ews-schoenau.de.

grüne umweltpolitikGanz besonders hoffnungsvoll ist, daß Schönau „viel Besuch aus dem Ausland“ vermelden kann. „Besuchergruppen aus Mexiko, Afrika, Korea und Japan wollten vor allem hören, wie es die Schönauer Energie-Initiativen geschafft haben, die Bevölkerung für umwelt- und energiepolitische Themen zu interessieren und dieses Interesse in engagiertes Handeln zu verwandeln.

Länder, wie Mexiko oder Korea, die erst am Anfang eines Umweltbewußtseins oder alternativer Energieversorgung stehen, erhoffen sich Impulse aus der Arbeit in Schönau. Den Besuchergruppen folgten dann die Medien: das mexikanische Fernsehen ,Azteka’, der BBC London, ,La Liberation’ Paris, das koreanische und japanische Fernsehen, die Deutsche Welle fürs Ausland.“

Die Besuchergruppen wollten wissen, „wie man sich selbst und andere über einen so langen Zeitraum [seit „Tschernobyl“ bis heute] hinweg motiviert, Widerstände überwindet und neue Mitstreiter aktiviert“, berichtet Ursula Sladik und kommt wie Scheer und viele andere verantwortlich Denkende zu dem Schluß: „Zum anderen ist es das Prinzip der Dezentralisierung, das für die Lösung globaler Probleme immer größere Bedeutung erfährt.“

Das ist das Geheimnis des Fortschritts zum Guten, in diesem Falle weg von diktatorischen und hin zu republikanisch-freiheitlichen Strukturen: Das elend-machtlose Lamentieren über die schlechten Zeiten, diese Zustände hinter sich lassen und selbst zur Tat schreiten oder, wenn man sich nicht zutraut, selbst „ein Ganzes“ zu „werden“, der Empfehlung Schillers folgen:

„Schließ an ein Ganzes dich an!“

06.02.2013 © seit 07.2007 Heidrun Beißwenger
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