Du sollst Dir kein Bildnis machen – Max Frisch als Philosoph

Max Frisch gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk kreist um Fragen der Identität, der Wahrheit und des menschlichen Zusammenlebens – geprägt von dem berühmten Gedanken: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“

Einführung

Über seinen Jugendfreund Werner Coninx lernte Max Frisch (1911-1991) Nietzsche, Oswald Spengler und Schopenhauer kennen. Coninx führte ihn über das gemeinsame Anhören von Schallplatten in die klassische Musik ein (Bach, Mozart, Bruckner u.a.). Als einziger unter seinen Schulkameraden las Frisch nichts von Karl May. Doch er war tief beeindruckt von „Don Quixote“ und „Onkel Toms Hütte“. Am meisten interessierte er sich für Fußball und Theater.

Nach zwei Monaten auf der Rekrutenschule wollte Frisch lieber Dichter als Offizier werden. Vom Universitätsstudium (Germanistik, Psychologie, Kunstgeschichte, Literatur) war er enttäuscht: „Er lernte dort nicht, wie man Schriftsteller wird“ (Hage 19). Stattdessen schrieb er für Zeitungen und brach das Studium ab. Ein paar Jahre später hatte er das Gefühl, er sei nicht gut genug, und verbrannte alle seine Manuskripte.

Max Frisch

Als kleiner Junge hatte Frisch im Architekturbüro seines Vaters gebastelt. Nun studierte er selbst Architektur, finanziert von Coninx. Ab und zu schrieb er trotzdem noch für Zeitungen. Während des Militärdienstes vom 3. September bis 18. Oktober 1939 durfte er „offiziell das Tagebuch des Grenzdienstes schreiben“ (Hage 30), das er noch im selben Jahr veröffentlichte. 1940 erschien es unter dem Titel „Blätter aus dem Brotsack“ als Buch. Am Ende des Jahres erschien eine Fortsetzung.

1942 gewann Frisch einen Architekturwettbewerb mit seinem Plan für das Freibad Letzigraben, das allerdings erst nach dem Krieg gebaut wurde. 1949 war es fertig und konnte 4200 Besucher aufnehmen. Am 30. Juli 1942 heiratete er Trudy von Meyenburg, mit der er drei Kinder hatte. Er schrieb Erzählungen, die veröffentlicht, und Theaterstücke, die aufgeführt wurden. Zusammen mit Bert Brecht und Hermann Hesse gehörte Frisch zu den ersten Autoren, deren Werke Peter Suhrkamp in seinem eigenen Verlag veröffentlichte.

Seine Reisen führten Frisch zuerst nach Prag, Belgrad, Sarajewo, Dubrovnik, Zagreb, Istanbul, Athen, Korinth, Delphi, Bari und Rom, später nach Polen, wieder in die Tschechoslowakei, nach Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, in die arabischen Staaten, in die UdSSR, in die USA, nach Kuba und nach Mexiko. Mit seiner zweiten Frau Marianne Oellers besuchte er Prag, Warschau, Avignon, Paris, Leningrad, Odessa, Venedig, London, Jerusalem, Manhattan u.a.. Er kam auch nach Japan und (mit der Delegation von Bundeskanzler Helmut Schmidt) nach China.

Unter philosophischem Blickwinkel ist für Frisch laut Volker Hage, der den Dichter noch persönlich kannte, das Fragen charakteristisch, das „eine Art Markenzeichen“ war, „sein wesentliches Überzeugungs- und Erkenntnisinstrument. Fertige Antworten hatte er niemals zu bieten“ (Hage 94).

Sein Leitgedanke, der immer wieder auftaucht, ist das biblische Gebot, daß man sich kein Bildnis machen soll (vgl. Ex 20,4). Während sich das Gebot Jahwes gegen den Götzendienst wendet, macht Frisch daraus eine Moralvorschrift gegen Vorurteile, die allerdings positive und negative Auswirkungen haben kann: Während Stiller im gleichnamigen Roman durch das Bild, das seine früheren Bekannten von ihm haben, zu seiner wahren Identität zurückgeführt wird, wird Andri dadurch, daß er von den lieben Mitmenschen im Theaterstück „Andorra“ für einen Juden gehalten wird, in den Tod getrieben. Man könnte daraus schließen, daß Frisch nicht das Urteilen an sich, sondern nur das falsche Urteilen ablehnt.

Weitere Themen des Philosophierens von Frisch sind die Ehe, Krieg und Frieden, Terror und verschiedene Begriffe. Frischs problematische Ansichten über Frauen, Schauspieler, Homosexualität und Juden (die er eingedämmt wissen wollte, nur nicht so radikal, wie es die Nationalsozialisten taten), rechne ich nicht zur Philosophie. Auch was er über seine Heimat (die Schweiz) und sein Fach (die Architektur) schrieb, lasse ich in diesem Aufsatz weg.

Tagebuch 1946-1949

Schon hier stehen Notizen zu „Andorra“: „Ein Andorraner, der Geist hat und daher weiß, wie sehr klein sein Land ist, hat immer die Angst, eine lebenslängliche Angst, daß er die Maßstäbe verliere. […] Daher das andorranische Wappen: Eine heraldische Burg, drinnen ein gefangenes Schlänglein, das mit giftendem Rachen nach seinem eignen Schwanze schnappt“ (S. 10).

Wie das konkret aussehen könnte, illustriert Frisch anhand der Feindschaft zwischen Marion und Pedro. „Dabei weiß Marion selber nicht, woher er dieses Gefühl eigentlich bezieht“, nämlich, daß Pedro „ihm feindlich gesinnt sei.“ Denn „er hat nie mit dem Menschen gesprochen. Höchstens könnte es sein, daß Marion sich einmal betroffen fühlte von einem Satz, den jener Pedro irgendwo geschrieben hat, und es ärgerte ihn, daß Pedro sich einbilden möchte, jener Satz hätte ihn zu Recht betroffen. Der Satz hieß ungefähr: Man kann auch eitel sein auf seine Bescheidenheit.“ Von da an „verspürte Marion fortan einen Zwang, alles zu lesen, was jener Pedro […] an Aufsätzen und Büchern in das andorranische Geistesleben warf“ (S. 23).

Marion steigert sich in einen Haß hinein, der um so stärker wird, als Pedro nichts davon ahnt. Später merkt Marion, daß „ihm dieser Haß fast alle Gedanken jener Zeit verhunzt“ hat; „es kam Schärfe in alles, was er dachte und sagte, ein Drang nach Besserwissen, eine Bosheit, die unsere Worte immer spitzer, aber nicht überzeugender macht, ganz abgesehen davon, daß man zu gewissen Gedanken und Überzeugungen nur gelangt, weil man seinen Gegner, Pedro mit Namen, auf einem anderen Standpunkt wähnt“ (S. 24f).

Frisch kommentiert: „Es liegt in der Natur aller Polemik, daß Marion ihm stets, wenn er im stillen mit ihm haderte, den dümmeren Standpunkt überließ, jenen, den anzugreifen sein eigener gerade noch genügte … An Siegen fehlte es Marion also nicht. Das Gespenst aber, denn um ein solches handelte es sich mehr und mehr, wurde er dennoch nicht los, obschon er immerfort recht behielt; es änderte nichts an dem Übel, es befreite Marion nicht von dem Zwang, weiterhin recht haben zu müssen, und das Übel, das wie ein Schnupfen begonnen hatte, wurde unabsehbar; es wurde fieberhaft“ (S. 25).

Als die beiden bei einem „sehr andorranischen Nachtessen“ (S. 25) nebeneinander sitzen und mit einander reden, „unterhielten sie sich vortrefflich. […] Auf dem Heimweg gingen sie sogar ein Stücklein zusammen.“ Pedro erzählt die „Geschichte von seinem Hündchen […], das ihm in Paris einfach nachzulaufen begonnen hatte“, und Marion „hörte […] zu, dankbar, daß Pedro ihn endlich von dem albernen Gespenst befreit hatte –

Wer hätte es vermocht außer ihm?

Seither konnte Marion wieder lesen, ohne daß er an Pedro dachte, und er hatte es nicht mehr nötig, daß er in der Gesellschaft der Geistigen Blüte saß; neun Monate hatte das Gespenst ihn gekostet“ (S. 26).

Unter der Überschrift „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ führt Frisch aus, daß der Liebende „Vieles […] wie zum ersten Male“ sieht, aber die „Meinung, daß wir das andere kennen, […] das Ende der Liebe“ sei. Doch nicht die Erkenntnis töte die Liebe, sondern das Ende der Liebe verhindere fortschreitende Erkenntnis der Wandlungen des Geliebten (S. 28f).

Eine „fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer Eltern, unsrer Erzieher […] lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht.“ Dieses Orakel beeinflusse uns auch, wenn wir ihm widersprechen: „Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den andern“ (S. 30).

Der andorranische Jude“ (S. 32ff) bringt bereits eine Inhaltsangabe von „Andorra“: Ein junger Mann wird für einen Juden gehalten und lebt sich in diese Vorstellung hinein. Erst nach seiner grausamen Ermordung stellt sich heraus, daß er ein Andorraner wie alle andern war, ein Findelkind, „dessen Eltern man später entdeckt hat“ (S. 34).

Am Schluß dieses Tagebucheintrags zieht Frisch das Fazit: Daß man sich von Gott kein Bildnis machen solle, „dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfaßbar ist.“ Nur die Liebe schütze vor der Übertretung dieses Gebots (S. 34).

Auch Frischs Kritik am Hegen von Überzeugungen gehört in diesen Zusammenhang: „Menschen mit einer Überzeugung sollten nicht trinken; sonst verrutscht sie wie eine Larve, wenn man schwitzt …“ Und: „Wer eine Überzeugung hat, wird mit allem fertig. Überzeugungen sind der beste Schutz vor dem Lebendig-Wahren“ (S. 292).

Ebenfalls gehört die Geschichte vom Nachtwächter hierher, der für einen Hühnerdieb gehalten wird, weil die Hühner nachts gestohlen werden und der Nachtwächter nachts unterwegs ist (S. 307f).

Zur Inspiration beim Schreiben meint Frisch: „Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen“ (S. 19).

Er hält die schriftstellerische Arbeit für „das einzige, was uns am Morgen, wenn man jäh und wehrlos erwacht, vor dem Schrecken bewahrt; was uns in dem Labyrinth, das uns umgibt, weitergehen läßt; es ist der Faden der Ariadne“ (S. 41). „Wenn auch nur die Form eines einzelnen Satzes gelingt, der scheinbar nichts mit allem gemein hat, was ringsum geschieht – wie wenig das Uferlose uns anhaben kann, das Gestaltlose im eigenen Innern und rings in der Welt! Das menschliche Dasein, plötzlich erscheint es lebbar“ (S. 42).

Die Höflichkeit ist für Frisch „eine liebevolle Form für das Wahrhaftige“ (S. 56), „eine innere Haltung, eine Bereitschaft, die sich von Fall zu Fall bewähren muß“. Wer höflich ist, sagt nicht einfach seine Meinung, sondern „bemüht sich zugleich um ein Maß, damit sie den andern nicht umwirft, sondern ihm hilft; wohl hält man ihm die Wahrheit hin, aber so, daß er hineinschlüpfen kann. […] Der Weise, der wirklich Höfliche, ist stets ein Liebender. Er liebt den Menschen, den er erkennen will, damit er ihn rette, und nicht seine Erkenntnis als solche“ (S. 57).

Das Lesen betrachtet Frisch eher als Aktivität denn als passives Aufnehmen: „Was zuweilen am meisten fesselt, sind die Bücher, die zum Widerspruch reizen, mindestens zum Ergänzen […], und vielleicht gehört es überhaupt zum Genuß des Lesens, daß der Leser vor allem den Reichtum seiner eignen Gedanken entdeckt“ (S. 113).

Die Aphoristik ist für Frisch der „Ausdruck eines Denkens, das nie in einem wirklichen und haltbaren Ergebnis endet, es mündet immer ins Unendliche, und äußerlich endet es nur, weil es müde wird, weil die Denkkraft nicht ausreicht“. Der Aphorismus „entspringt […] aus einer Erfahrung, die er ins Allgemeine überwinden möchte“ (S. 115).

Vor der Philosophie hatte Frisch großen Respekt: „Die reine Philosophie, mit wirklicher Inbrunst befragt, offenbarte mir nur den eignen Mangel an Denkkraft“ (S. 262). Das hielt ihn nicht davon ab, über verschiedene Begriffe nachzudenken:

  • Über die Zeit: „Wenn es stimmt, daß die Zeit nur scheinbar ist, ein bloßer Behelf für unsere Vorstellung, die in ein Nacheinander zerlegt, was wesentlich eine Allgegenwart ist; wenn alles das stimmt, was mir immer wieder durch den Kopf geht, und wenn es auch nur für das eigene Erleben stimmt: warum erschrickt man über jedem Sichtbarwerden der Zeit?

Als wäre der Tod eine Sache der Zeit“ (S. 164f).

  • Über Begriffe und Vorstellungen: „Was es auch sei, Fischerei und Handel, Gericht und Hinrichtung, es verblaßt nicht in Begriffe; alles bleibt konkret. Wogegen wir in Begriffen leben, die wir meistens nicht überprüfen können; das Radio überzeugt mich von hundert Dingen, die ich nie sehen werde, oder wenn ich sie dann einmal sehe, kann ich sie nicht mehr sehen, weil ich ja schon eine Überzeugung habe, das heißt: eine Anschauung, ohne geschaut zu haben. Die meisten unserer Begriffe, wenn sie konkret werden, können wir gar nicht ertragen; wir leben über unsere Kraft. Es wird mir übel, wenn vor meinen Augen ein Schwein geschlachtet wird mit blankem Messer, ich habe dann gar keine Lust auf Schinken; sonst schätze ich ihn sehr. Unser Denken muß konkret werden! Man müßte sehen, was man denkt, und es dann ertragen oder seine Gedanken ändern, damit man sie denken darf“ (S. 185).
  • Über die Lüge: „Vielleicht ist das meiste, was uns als Lüge empört, in diesem Sinne durchaus keine Lüge, sondern redlicher Ausdruck einer Meinung, die sich ihrer Bedingtheit nicht bewußt ist. Lügen kann nur der Bewußte. […] Lügen verbraucht Kraft, im Gegensatz zur Verlogenheit, Lügen ist durchaus eine Tat, eine luziferische. Lügen ist bewußtes Verschweigen eines andern Bewußtseins, erfordert Willen und ist stets ein Wagnis, wogegen die Verlogenheit, selbst wenn sie wörtlich das gleiche sagt, durchaus bieder bleibt, sittsam, behaglich“ – der Verlogene ist zuversichtlich, „daß alles, was ihm am meisten frommt, die Wahrheit sei, nicht seine Wahrheit, sondern die Wahrheit schlechthin“ (S. 194f).
  • Über Toleranz: „Voraussetzung der Toleranz (sofern es sie geben kann) ist das Bewußtsein, das kaum erträgliche, daß unser Denken stets ein bedingtes ist.
  • Toleranz ist immer das Zeichen, daß sich eine Herrschaft als gesichert betrachtet; wo sie sich gefährdet sieht, erhebt sich immer auch der Anspruch, unbedingt zu sein, also die Verlogenheit, das Gottesgnadentum meines Vorteils, die Inquisition“ (S. 195). Kurz: „… und wer sich wohlfühlt, ist duldsam“ (S. 222).
  • Über die Heimat: Sie sei „unerläßlich, aber […] nicht an Ländereien gebunden. Heimat ist der Mensch, dessen Wesen wir vernehmen und erreichen. Insofern ist sie vielleicht an die Sprache gebunden. Vielleicht; denn in der Sprache allein ist sie ja nicht. Worte verbinden nur, wo unsere Wellenlängen übereinstimmen“ (S. 383).
  • Über Achtung und Bewunderung: „Achtung nenne ich es, wenn der andere, den ich lese, zwar weiter gekommen ist als ich, aber er geht auf der gleichen Ebene, ich werde ihn nicht mehr erreichen, aber er ist nicht unerreichbar von vornherein, er hat im wesentlichen keine anderen Mittel als ich […]. Dann aber, und das ist das Erlösende der wirklichen Bewunderung, gibt es solche, die uns von jedem Vergleiche befreien; der Unterschied ist unerbittlich klar: wir gehen – er fliegt …“ (S. 384f).
  • Über Liebe und Eifersucht: „Eifersucht als Angst vor dem Vergleich. […] Du redest von Treue, weißt aber genau, daß du nicht ihre Treue willst, sondern ihre Liebe. […] Nur in der Eifersucht vergessen wir zuweilen, daß Liebe nicht zu fordern ist, daß auch unsere eigene Liebe, oder was wir so nennen, aufhört, ernsthaft zu sein, sobald wir daraus einen Anspruch ableiten …“ (S. 401). Der Eifersucht „droht […] das Lächerliche“ (S. 403). Derjenige, auf den wir eifersüchtig sind, „wird […] immer eine Eigenschaft haben, die wir ihm um nichts in der Welt streitig machen können, und es wird immer, wenn es so weit ist, ein satanischer Schmerz sein“ (S. 406).

Frischs Gedanken über den Terror folgen auf die „Burleske“ (S. 230-236). Sie ist ein Entwurf zu dem späteren Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ (1957). Es handelt von einem Gutmenschen, der Brandstifter bei sich wohnen läßt, die ihre Vorbereitungen in aller Offenheit treffen und denen er sogar noch Streichhölzer gibt. Daß sie sein Haus anzünden wollen, will er nicht wahrhaben, aber sie tun es tatsächlich. Das Stück wurde von Hellmuth Karasek als Parabel auf „die Machtergreifung Hitlers“, von Eduard Stäuble als „‚Modell eines kalten Staatsstreiches nach bolschewistischem Muster'“ interpretiert (Hage 80). Der Untertitel lautet „Ein Lehrstück ohne Lehre“, doch in Frischs Tagebuch ist diese Lehre enthalten:

„Die Unmöglichkeit, sittlich zu sein und zu leben – ihre Zuspitzung in Zeiten des Terrors. Womit arbeitet jeder Terror? Mit unsrem Lebenswillen und also mit unsrer Todesangst, ja, aber ebenso mit unsrem sittlichen Gewissen. Je stärker unser Gewissen ist, um so gewisser ist unser Untergang. Je größer eine Treue, um so gewisser die Folter. Und das Ergebnis jedes Terrors: die Schurken gehen ihm durch die Maschen. Denn der Terror, scheint es, eignet sich besonders zur Vernichtung sittlicher Menschen“ (S. 241).

Daß der Terror trotzdem letztlich versagt, erklärt Frisch hypothetisch („vielleicht“) damit, „daß er die Sittlichkeit verbraucht, bis er niemanden mehr daran fassen kann.“ Mit andern Worten: bis sich ein „unsittlicher Täter“, ein „Attentäter“ gegen ihn findet, der ihn eindämmt (S. 241).

Frisch macht einen Unterschied zwischen der Durchsetzung des Guten und dem Bestreben, „ein guter Mensch zu werden“. Er meint, daß sich beides gegenseitig ausschließt. „Niemand hat größere Freude daran, wenn wir gute Menschen werden, als der Böse. […] Dein Anstand ist die beste und billigste Waffe deiner Feinde!“ (S. 240)

Er bedauert, daß die kirchliche und schulische Erziehung sich darauf beschränkt, „daß wir anständige Menschen werden“, aber uns nicht beibringt, „daß wir uns wehren, wo immer gestohlen wird, und daß wir für das Gute, das sie uns lehrt, kämpfen sollen“ (S. 241).

Frisch kritisiert die Vorstellung der Russen und Amerikaner vom Frieden. Sie sei „meistens nur die Ruhe, die durch Vernichtung eines Gegners erreicht wird.“ Er selbst definiert den Frieden lieber als „Nicht-Krieg.“ Bisher sei der Krieg „stets ein unvollkommenes Morden gewesen“, da zu einem vollkommenen Morden die technischen Mittel gefehlt hätten. Doch seit der Atombombe gibt es diese Mittel, „die nichts mehr zu wünschen übrig lassen. […] Unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen. Die Frage: ein Friede im wirklichen Sinn, also ein Friede mit dem Gegner, ist das überhaupt möglich? wird mehr und mehr zur Frage, ob das menschliche Leben schlechthin möglich ist“ (S. 294).

Churchills Maxime „Schwamm drüber!“, nämlich „man solle jetzt das Geschehene endlich geschehen sein lassen“, lehnt Frisch ab: Denn das Geschehene werde bereits „von neuen Untaten“ überdeckt, „die uns in einer willkommenen, einer fieberhaften und mit verdächtigem Eifer geschürten Empörung vergessen lassen, was Ursache und Folge ist“ (S. 310f). Er hält es „für ein eigentliches Unglück: das Verbinden von Wunden, die noch voll Eiter sind – […] das Vergessen der Dinge, die nicht durchschaut, nicht begriffen, nicht überwunden und daher nicht vergangen sind“ (S. 330).

Der Entwurf zu dem Film „Der Harlekin“ (S. 332-380) handelt vom Pakt mit dem Teufel. Die Handlung hat insofern ein von Frisch so genanntes positives Ende, als der Protagonist Gottlieb nur drei Leichen produziert, nämlich einen chinesischen Mandarin, seinen besten Freund und sich selbst. Seine anderen Freunde werfen den Teufel über Bord, was ihn zwar nicht aus der Welt schafft, aber ihre Seelen vor einem Pakt mit ihm rettet.

Stiller (1954)

Erwin Laaths, ebenso Kurt Lothar Tank und Wilhelm Jacobs (in: Fechter) halten Stiller, den Protagonisten des Romans, für einen Schizophrenen. Dabei ist es gleichgültig, wie man den Roman liest: als Geschichte des Hochstaplers James Larkins White, der sich wie Andri in „Andorra“ in die Rolle Stillers einlebt, die man ihm durch Haft und Verhöre aufzwingt, oder als Geschichte des Bildhauers Anatol Stiller, der seiner Vergangenheit entkommen will und eine neue Identität als James Larkins White annimmt, die schließlich entlarvt wird.

Was die Lektüre erschwert, ist, daß Frisch seinem Protagonisten Überlegungen in den Mund legt, die weder zu White noch zu Stiller passen, sondern eindeutig nur zu Frisch. So entzieht er dem Leser praktisch auf dreierlei Art den Boden unter den Füßen und erschafft einen Nebel, der bis zum Schluß des Romans nicht aufgeklärt wird.

Auch ob White/Stiller ein mehrfacher Mörder ist, bleibt offen, weil unklar bleibt, was er unter einem Mord versteht. Stillers erster Mord an seiner Frau Julika ist jedenfalls ein Kontaktabbruch, denn nach ihrer Ermordung schreibt sie ihm noch einen Brief. Außerdem meint sie, in White Stiller wiederzuerkennen. Sie lebt also noch. An einer anderen Stelle spricht White/Stiller von einem „‚innerlichen Mord'“ (S. 126).

Im Sanatorium lernt Julika einen Katholiken kennen, der ihr Frischs philosophisches Mantra beibringt, nämlich „den nicht unbekannten Gedanken, daß es das Zeichen der Nicht-Liebe sei, also Sünde, sich von seinem Nächsten oder überhaupt von einem Menschen ein fertiges Bildnis zu machen, zu sagen: So und so bist du, und fertig!“ Dementsprechend fragt sich Julika, ob sich ihr Mann ein Bildnis von ihr gemacht hat (S. 116).

Später wirft sie das Stiller vor: „‚Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe, siehst du, was du jetzt machst mit solchen Reden. Ich weiß nicht, ob du’s verstehst. Wenn man einen Menschen liebt, so läßt man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis, wie du es dir da machst von deiner Julika. Ich kann dir nur sagen: es ist nicht so. Immer redest du dich in etwas hinein – du sollst dir kein Bildnis machen von mir! Das ist alles, was ich dir darauf sagen kann'“ (S. 150).

Daß White/Stiller lügt, ist jedenfalls offensichtlich: „Wozu mein Geflunker?“, fragt er sich (S. 49). Er meint, mit Julika sein kein Gespräch möglich, da sie ihn für Stiller halte und erzählt ihr deshalb „die kleine Schnurre vom Isidor, dem Fall meiner schönen Besucherin angepaßt, also unter Weglassung der fünf Kinder und unter freier Verwendung eines Traums, den ich neulich hatte“ (S. 56). Er ist der Ansicht, man könne „alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben“ (S. 64). Er behauptet, daß er „die volle und ganze Wahrheit selber nicht weiß“ (S. 67).

Ich habe den Roman von vornherein unter der Annahme gelesen, daß White nicht Stiller ist, und wurde allmählich vom Gegenteil überzeugt. Einige Hinweise:

  • Stiller kennt „diese lebenslängliche Bemühung, anders zu sein, als man erschaffen ist, diese große Schwierigkeit, sich selbst einmal anzunehmen“ (S. 193).
  • Er fragt sich: „Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewußten Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt meine Wirklichkeit“ (S. 330). Die folgende Passage klingt eher nach Frisch als nach White/Stiller: „Schreiben ist nicht Kommunikation mit Lesern, auch nicht Kommunikation mit sich selbst, sondern Kommunikation mit dem Unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt“ (S. 330f).
  • Schließlich erinnert sich Stiller an seine Zeit als Bildhauer: „Ganz im Anfang meiner Künstlerei, mag sein, war ich allein, vermochte ich es beinahe, in einem wirklichen Sinn allein zu sein in der Hoffnung, in Lehm oder Gips mich verwirklichen zu können“ (S. 335).
  • Er schreibt: „Wenn ich beten könnte, so würde ich darum beten müssen, daß ich aller Hoffnung, mir zu entgehen, beraubt werde. […] Das heißt, unter Weg verstehe ich letztlich noch immer nur die Hoffnung, mir zu entgehen“ (S. 343).
  • Schließlich erkennt Stiller seinen Stiefvater und weint, als er ihn erkennt. Er dreht sich um, „zu feige für diesen Anblick, der mich im Grunde doch nicht überrascht; damals in der nächtlichen Bowery, als er mir einfiel, hatte ich ihn mir nicht viel anders vorgestellt“ (S. 374). Trotzdem behauptet er, daß er ihn nicht erkennt. Aber er kommt sich dabei lächerlich vor.

Dem Staatsanwalt Rolf legt Frisch seine Ansichten über die ideale Ehe in dem Mund: „Zu den Voraussetzungen rechnet er unter anderem: das beidseitige Bewußtsein davon, daß wir kein Anrecht haben auf die Liebe unseres Partners; die lebenslängliche Bereitschaft für das Lebendige, selbst wenn es die Ehe gefährdet, und also eine immer offene Tür für das Unerwartete, nicht für Abenteuerchen, aber für das Wagnis; in dem Augenblick, wo zwei Partner glauben, einander sicher zu sein, haben sie sich meistens schon verloren. Ferner: die Gleichberechtigung von Mann und Frau; Verzicht auf die Meinung, daß die geschlechtliche Treue hinreiche, und ebenso auf die andere Meinung, daß es ohne geschlechtliche Treue überhaupt keine Ehe gebe; eine möglichst weitgehende und lautere, nicht aber rücksichtslose Offenheit in allen Nöten dieser Art“ (S. 199f).

Andorra (1961)

Siegfried Kienzle nennt dieses Theaterstück ein „Lehrstück um den Rassenwahn“ (in: Wilpert II 56). Frisch weist zu Beginn des Stücks darauf hin, daß Andorra „nichts […] mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens“ oder einem anderen Kleinstaat (z.B. der Schweiz) zu tun hat, sondern „der Name für ein Modell“ ist (S. 266).

Darauf, daß die „Schwarzen“ (Soldaten mit schwarzer Uniform) nichts mit den Nationalsozialisten (der SS) zu tun haben, weist er nicht hin. Die Andorraner erklären sich als Zeugen alle für unschuldig, ähnlich wie die Nationalsozialisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Keiner hat irgendetwas gemacht.

Der angebliche Jude heißt hier Andri. Barblin, die Tochter des Lehrers, verliebt sich in Andri, und die beiden küssen einander. Doch er ist ihr Halbbruder. Seine Eltern geben ihn als Pflegesohn aus. Den Heiratsantrag Andris weist der Lehrer ab. Als er Andri die Wahrheit sagt, glaubt Andri ihm nicht, weil der Lehrer betrunken ist. Dabei hat er getrunken, um den Mut zur Wahrheit zu haben. Aber Andri will seine Geschichte nicht hören. Und Barblin vergnügt sich unterdessen mit einem Soldaten.

Als der neue Amtsarzt den Lehrer fragt, warum sein Sohn ein Jude sei, schweigt er. Der Amtsarzt hält die Juden für besserwisserisch und ehrgeizig. Er hat nichts gegen sie, mag sie aber auch nicht. Er ist dagegen, daß sie verfolgt werden. Die Schwarzen, heißt es, binden die Juden an einen Pfahl und töten sie per Genickschuß. Jüdinnen werden die Haare abgeschnitten.

Der Pater, der Andri ebenfalls für einen Juden hält, zitiert Frischs Mantra folgendermaßen: „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind“ (S. 307).

Eine Senora, die für einen Spionin gehalten wird, fragt nach dem Lehrer. Andri führt sie hin. Die Senora fragt den Lehrer, warum er über ihrer beider Sohn gelogen hat. Tatsächlich hatten beide Angst vor ihren eigenen Leuten, die Senora vor den Schwarzen, der Lehrer vor den Andorranern. Die Senora wird fortgeschickt, denn Andri darf die Wahrheit noch nicht erfahren. Der Pater soll sie ihm sagen. Immerhin weiß die Frau des Lehrers sie jetzt. Und Andri vermutet, daß die Senora die Geliebte seines Vaters war. Doch als der Pater ihm die Wahrheit sagt, glaubt Andri ihm nicht. Denn er fühlt es, daß er ein Jude ist. Unterdessen wird die Senora durch einen Stein getötet. Der Täter ist unbekannt.

Als die Schwarzen nach Andorra einfallen, will Barblin Andri davon überzeugen, daß er ihr Bruder ist. Doch er glaubt auch ihr nicht. Stattdessen will er sie vergewaltigen. Der Soldat, begleitet von zwei Soldaten der Schwarzen führt Andri ab zur Judenschau. Er glaubt Barblin nicht, daß Andri kein Jude ist, und beschimpft sie als Judenhure.

Der Wirt beschuldigt Andri, den Stein auf die Senora geworfen zu haben. Seine Stiefmutter gibt ihm ein Alibi, doch der Wirt behauptet, daß sie lügt. Der Judenschauer identifiziert Andri als Juden und läßt ihn abführen. Daß der Lehrer sagt, Andri sei sein Sohn, nützt nichts. Daraufhin erhängt er sich. Barblin verliert den Verstand.

Jetzt ist Sehenszeit – Briefe, Notate, Dokumente 1943-1963

Dieser Band enthält Briefe und Schriften aus dem Nachlaß. In „Death is so permanent – Notizen einer kleinen deutschen Reise“ (1946) machte Frisch sich Gedanken über die Beurteilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts der Ruinen und des Hungers:

„Kein Tag vergeht, ohne daß ich urteile, bald so, bald anders; es reißt einen hin und her, und was noch mühsamer ist, es bleibt eine Art von schlechtem Gewissen, das sich selber nicht klar wird, Unbehagen der Verschonten, das uns seit Jahren begleitet und oft so wunderliche Blüten treibt: Man macht sich Vorwürfe, daß man überhaupt urteilt“ (S. 22).

Seine Frage nach dem Grund dieser Vorwürfe beantwortet Frisch folgendermaßen: „Jedes Urteil, das wir abgeben, enthält auch schon immer das Urteil über uns selber, und davor die Angst: man möchte kein Pharisäer sein“ (S. 22), d.h. nicht selbstgerecht erscheinen.

Das Verzeihen betrachtet Frisch nicht als „Ausflucht“, denn auch „das Verzeihen setzt immer schon ein Verurteilen voraus; es ist kein Unterschied im Hochmut, es kommt nur noch die Angst hinzu, daß man sich eines Hochmutes schuldig mache“ (S. 22).

Bei Frisch kam noch „die Angst vor jeder Aussage“ hinzu, da sie „schon als solche immer das Gefälle zu einer Verallgemeinerung“ hat, „die man nicht verantworten kann. Das Gefühl, es gebe in diesem Lande nichts, was nicht möglich ist, und nichts, wovon man nicht auch das Gegenteil, wenn man Geduld hat, mit eigenen Augen sehen kann.“ Er hielt „im Grunde […] alles, was man in diesen Tagen denkt oder aufschreibt“, für „eine verzweifelte Notwehr, die immerfort auf Kosten der Wahrhaftigkeit geht“ (S. 31).

Zurück in der Schweiz unter Freunden „zeigt es sich, wie wenig man mitzuteilen hat, eigentlich nichts, was hierzulande nicht jedermann schon wüßte, wenn er will. Unsere Ahnung wird vom wirklichen Bild nicht übertroffen, auch nicht einmal wesentlich verändert. […] Darin besteht eigentlich der einzige Unterschied, daß man die Dinge, die man mit Augen gesehen hat, auch weiß“ (S. 45).

Zu Frischs Verhältnis zur Religion:

  • Da er „keine zweifellose Gotteserfahrung“ hatte (S. 47), meinte Frisch, er habe keine Beziehung zu Gott. Doch er besuchte in „jeder fremden Stadt“ den Gottesdienst, falls er „allein“ war. Das Knien war für ihn „oft […] nichts als eine Rast, oft ein Konzert, oft eine Betrachtung der Menschen, oft eine Meditation, die Wirkliches vollbringt; man spürt es nachher sehr deutlich, man ist sich selber ferner gewesen und hat weiter geschaut“ (S. 110).
  • „Jeder christlich-sittliche Mensch ist Revolutionär; er muß es sein, oder er ist verlogen“ (S. 52). „Die Christen […] könnten den gefürchteten Kommunismus von heute auf morgen erledigen […] dadurch, daß sie ihr Christentum ernstnehmen u. zwar in allen seinen Geboten“ (S. 53).

Zu Frischs politischen Anschauungen:

  • „Ich möchte meinen Standort einen sozialistischen Humanismus nennen; außer jedem Zweifel steht die Ablehnung der Gewalt und der Diktatur“ (S. 73). Frisch war „so wenig Kommunist wie Faschist“ (S. 105). Er gehörte „nie einer politischen Partei“ an; seinen „politischen Standort“ umschrieb er mit den „Schlagwörtern […] demokratisch, sozialistisch im humanistischen Sinn“ (S. 114).
  • Frisch kritisierte die Zensur in den USA, die „eine Inquisition aus privater Initiative“ sei; „ihre vorläufige Waffe ist der geschäftliche Boykott“ (S. 123).
  • „Es gibt keinen Krieg, der nicht als Verbrechen anzusehen ist“ (S. 68). In Kalifornien sagte ein Motel-Wirt zu Frisch: „Amerika ist für den Frieden, aber es kann sein, daß Krieg gemacht werden muß, um die Krise zu vermeiden“ (S. 118).

Tagebuch 1966-1971

Dieses Tagebuch hat einen ganz anderen Charakter als das vorige. Auffällig sind die Fragebögen zu unterschiedlichen Themen (Meinungen, Ehe, Frauen, Hoffnung, Humor, Geld, Freundschaft, Heimat, Eigentum und Tod), die fiktiven Verhöre, die Zeitungsausschnitte, die fiktive „Vereinigung Freitod“ und die vier verschiedenen Schriftarten. Frisch erzählt von seinen Reisen und denkt über Politik nach.

Frischs Artikel über die School of Arts und über den Vietnam-Krieg kann man beide vor dem Hintergrund des Bildnisverbots lesen. Im ersten Artikel geht es um den Rassismus zwischen Weißen und Schwarzen. „Die schwarzen Studenten fühlen sich in der Klasse unverstanden und ungerecht kritisiert von den weißen Lehrern und Schülern. Schon vor der Aussprache trennen sich die Schwarzen demonstrativ von den Weißen“ (S. 387f).

Eine schwarze Studentin hält „literarische Qualität“ für einen weißen Begriff. „Shakespeare ist ein Rassist, ein Weißer, untauglich für sie. […] Jeder Weiße kann sagen, was er will; er ist ein Nachfahre der Sklavenhalter. […] Ein Weißer kann einen Schwarzen nicht kritisieren“, da die Weißen nicht dort gelebt haben, wo die Schwarzen herkommen (S. 388f).

Die schwarze Studentin fragt: „Haben die Weißen darüber zu befinden, was uns verletzt, was nicht? Auch das Lob, das sie bekommen hat, ist rassistisch: man ging nämlich nicht auf die Erfahrung der Schwarzen ein, sondern lobte bloß literarisch“ (S. 389).

Als Frisch selbst vom Schulleiter zum Reden aufgefordert wird und Brecht erwähnt: „Sie wissen von Brecht, daß er ein Weißer ist. […] Wie sie nach langem Hin und Her zugeben, hat die Lehrerin nie gesagt, es gebe keine schwarze Literatur; trotzdem bleibt der Tatbestand, daß sie sich gedemütigt fühlen. Kritik an ihren Texten sei nur zum Schein literarisch, im Grund aber rassistisch“ (S. 389).

Frischs Artikel über den Vietnam-Krieg ist nur vor dem Hintergrund verständlich, daß er 1970 im Hinblick auf Joseph R. McCarthy (1909-1957), der 1950-54 die Kommunisten verfolgte, geschrieben hat: „Ein Antikommunismus ohne Kenntnis, was Kommunismus will, in Verbindung mit einem repressiven Patriotismus (nicht viel anders als bei uns), ist nicht geschwunden; im Schwinden ist trotzallem die Arroganz der Macht“ (S. 313).

1971 gab Frisch die erste Stunde einer Fernsehdiskussion mit einem Pfarrer wieder, der die „US-Army in Vietnam, in Kambodscha, in Laos oder wo immer“ mit dem barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) gleichsetzte: „sie helfen den Wehrlosen dort, die von Räubern überfallen werden.“ In seinen Augen wollten die Kommunisten die Welt „durch Materialismus“ zerstören (S. 410).

Jesu Aussage, daß derjenige, der zum Schwert greife, durch das Schwert umkommen werde (Mt 26,52), bezog der Pfarrer auf die Kommunisten: „Zum Schwert gegriffen hat der Kommunismus, und es ist Gottes offenbarter Wille, daß die USA, als das stärkste Land der Welt, sein Gericht vollstrecken muß. […] Auch Frauen und Kinder und Greise sind unsere Feinde […], und Feinde muß man töten, sagt der Pfarrer, […] und die Feiglinge im Land, die nach Frieden rufen, helfen nur dem Antichrist, denn es gibt nur Frieden durch Waffen, Frieden durch Sieg der US-Army“ (S. 411).

Auch die „Ausrottung der indianischen Bevölkerung […] waren Siege, Gottes Wille […]: jedenfalls kann Gott nichts übrig haben für die Sowjetunion. Denn Gott ist für Freiheit und Anstand und Moral. Wie heißt es in der Bibel?“ Kommentar von Frisch: „Es gibt nur eins, was den Pfarrer jeweils zu unterbrechen vermag, die nächste Fernseh-Reklame“ (S. 411f).

Fortsetzung nach der Werbung: „Also die Bibel sagt, und die Pflicht eines jeden Amerikaners ist offenbar: Kommunisten müssen getötet werden, die amerikanischen Gefangenen erlöst, die Bombenangriffe auf Nord-Vietnam fortgesetzt und verstärkt. […] Daß es in Vietnam bekanntlich Zonen gibt, wo die amerikanische Armee ihrerseits keine Gefangenen macht, sondern alle tötet, findet der Pfarrer militärisch gerechtfertigt, denn das amerikanische Volk geht in einen Krieg, um ihn zu gewinnen, sonst gibt es auf der Welt, ‚die Gott uns geschenkt hat‘, weder Frieden noch Freiheit noch Anstand noch Moral … Nach einer Stunde stelle ich ab“ (S. 412).

Den Hintergrund des Vietnamkriegs stellt Mansur Khan so dar: 1954 kämpfte die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung mit amerikanischen Waffen gegen die Franzosen. Die CIA brachte „eine Million nordvietnamesische Flüchtlinge nach Südvietnam“, um „die richtige Kriegs- und Krisensituation hervorzurufen […]. Mit den amerikanischen Waffen kontrollierte HO CHI-MINH von 1945 bis 1954 große Teile Vietnams“ (S. 266).

„Die Mehrzahl der Bevölkerung lebte in Nordvietnam und war deutlich prokommunistisch, während man im Süden dem Kommunismus ebenfalls nicht abgeneigt war.“ Als die Franzosen „mit den nationalistischen Nordvietnamesen über einen Waffenstillstand zu verhandeln“ begannen, „übten die Amerikaner massiven Druck auf Frankreich aus, nicht zu verhandeln, ansonsten, so drohte Washington, würde man die dringend notwendige Wirtschaftshilfe für Frankreich einstellen“ (S. 267).

Schon 1953 warnte Lyndon B. Johnson (1908-1973) „vor dem Verlust reicher Wolfram-, Zinn- und Gummiressourcen […]. Zinn und Wolfram sind nämlich strategische Rohstoffe, die für die moderne Kriegführung unentbehrlich sind. […] Fast alle glaubten, daß der Vietnamkrieg die Gefahr eines größeren (wirtschaftlichen) Rückgangs ausschließe “ (S. 267). „Die USA […] verwandelten auch noch das verwüstete Land in eine lukrative Gewinnquelle: Der Bau von Häfen, Kraftwerken, Munitionsdepots, Flughäfen usw. bedeutete überragende Profite für US-Konzerne“ (S. 268).

Daniele Ganser ergänzt: „Am 28. Januar 1950 protestierte die kommunistische Abgeordnete Jeanette Vermeersch in der Nationalversammlung mit klaren Worten gegen den Krieg […] von Frankreich gegen Vietnam“ und verglich ihn „mit dem landesweit verhassten Angriffskrieg von Deutschland“. Der Präsident der Nationalversammlung empfand das als eine Beleidigung des Parlaments und der Franzosen (S. 132). „Die US-Presse übernahm die Kriegslügen von Präsident Johnson, ohne sie zu hinterfragen, und stellte die USA als Opfer von Vietnam dar, das auf einen hinterhältigen und bösen Angriff reagieren musste“ (S. 138).

Montauk (1975)

Diese autobiographische Erzählung über ein Wochenende in Montauk mit Alice Locke-Carey ist „ohne Botschaft.“ Frisch will „bloß erzählen“ (S. 155). Wie ernst seine Äußerungen über das Schreiben zu nehmen sind, wird nicht recht klar. Öffentlich sagte er: „Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe. Eigentlich kein Witz“ (S. 12). „Je älter ich werde, um so weniger halte ich mich aus, wenn ich nicht arbeite“ (S. 163).

Würdigung und Kritik

Fritz Martini bezeichnet das „‚Unversicherte menschlichen Wesens'“ als das zentrale Thema von Frisch. „Es scheidet nicht nur Mensch und Unmensch, sondern es spaltet den Menschen selbst auf, macht ihn sich gegenüber rätselhaft, und eine Erlösung ist nur im Wissen um diese Spaltungen möglich: als Erlösung zur kompromißlosen Wahrhaftigkeit“ (Martini 627).

Gero von Wilpert betrachtet Frisch als Moralisten, der „desillusionierend die geistige Krise der Gegenwart, die Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit der Existenz, das Rätselhafte, Unversicherte menschlichen Seins und den Zweifel an herkömmlichen Ordnungen gestaltet und auf individuell-privater oder allegorischer Ebene mit modernen Stilmitteln gleichnishaft allgemein-menschliche Zeitprobleme aufzeigt“ (Wilpert 446).

Laut Kurt Rothmann „grenzt die existentialistische Fähigkeit, sich von sich selbst zu lösen und sich in jedem Augenblick neu zu entwerfen“, bei Frisch „ans Pathologische, weil hier jede Identität von Dauer zurückgewiesen wird“ (Rothmann 286).

Ursula Priess (geb. 1943), die Tochter von Max Frisch, schreibt von dem „Bild“, das ihr Vater von ihrer Mutter „mitsamt ihrer Herkunft entworfen“ (S. 33) bzw. „fabriziert hat“ (S. 24). Auch von ihr selbst „und der Welt“, in der sie sich „damals bewegte“, hatte er „längst“ ein „Bild […] festgelegt“ (S. 37).

Volker Weidermann bezeichnet Frischs Mantra als „Max-Gesetz“ (S. 130) und kommentiert: „Sich kein Bildnis zu machen, das gilt ihm auch als Ideal der Weltbetrachtung. Nur Schauen. Keine Reflexion“ (S. 132). Das „auch“ in diesem Satz bezieht sich auf „das Ende einer Liebe“, die „für Frisch auch der Beginn der Festlegungen“ ist, „der Moment, in dem man glaubt, den anderen, den Geliebten zu kennen. Sobald man das Gegenüber fixiert glaubt, fixiert in festen Bildern, fixiert in Meinungen über ihn, fixiert in einer gemeinsamen, festen Zukunft, ist die Liebe vorbei“ (S. 130).

Doch wer auf die Reflexion des Wahrgenommenen verzichtet, verzichtet gleichzeitig auf jede Erkenntnis, zu der beides gehört: Wahrnehmung und Denken. In diesem Sinn wäre Max Frisch kein Philosoph gewesen, hätte er auf das Reflektieren tatsächlich verzichtet. Mit Kohelet (3,1-8) könnte man sagen: Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit zu sehen und eine Zeit, darüber nachzudenken. Genau das drückte Frisch im Tagebuch 1946-1949 aus: „Solange ich alldies vor Augen habe, wozu soll ich es beschreiben? Jetzt ist Sehenszeit“ (S. 398).

In Analogie zu diesem Wort bildet Weidermann das Wort „Explosionszeit“, mit dem er sich auf Frischs „Jähzorn und Beleidigungslust“ bezieht (S. 309). Daß Leser sich in Frischs Büchern porträtiert fühlen konnten, bezeichnet Weidermann hypothetisch als „Ausdruck literarischer Qualität – je mehr Menschen sich gemeint fühlen, umso besser ist das Frisch-Kunststück gelungen, das eigene Ich zum Fall zu machen, in dem die Welt sich selbst erkennt – aus dem Leben Literatur zu machen“ (S. 296).

Frischs Reisen interpretiert Weidermann „auch“ als „Flucht […] vor sich selbst, auch vor der Familie, vor Selbstbetrachtung und Grübelei“ (S. 128).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

FECHTER, Paul: Geschichte der deutschen Literatur 2 – Die Literatur des 20. Jahrhunderts, bearbeitet von Kurt Lothar Tank und Wilhelm Jacobs, Gütersloh 1960

FRISCH, Max: Tagebuch 1946-1949, Frankfurt am Main 1950

– Stiller – Roman (1954), Frankfurt am Main 1973

– Meisterdramen, Frankfurt am Main 1974

– Jetzt ist Sehenszeit – Briefe, Notate, Dokumente 1943-1963, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Julian Schütt, Frankfurt am Main 31998

– Die Chinesische Mauer – Eine Farce (Version für Paris, 1972), Frankfurt am Main 1973

– Tagebuch 1966-1971, Frankfurt am Main 1972

– Montauk – Eine Erzählung (1975), Frankfurt am Main 1993

GANSER, Daniele: Illegale Kriege. Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren – Eine Chronik von Kuba bis Syrien, Zürich 32016

HAGE, Volker: Max Frisch, Reinbek bei Hamburg 1997

KHAN, Mansur: Die geheime Geschichte der amerikanischen Kriege – Verschwörung und Krieg in der US-Außenpolitik, Tübingen 1998

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, hg. v. Walter Jens, 21 Bände, München 1996

LAATHS, Erwin: Geschichte der Weltliteratur – Eine Gesamtdarstellung, München/Zürich 1953

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

MARTINI, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 141965

PRIESS, Ursula: Sturz durch alle Spiegel – Eine Bestandsaufnahme, Zürich 32009

ROTHMANN, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Stuttgart 71985

WEIDERMANN, Volker: Max Frisch – Sein Leben, seine Bücher, München 2012

WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur – Autoren, 4 Bände, München 1971

– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

Gunthard Heller

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