Der Sinn des Lebens in Mythos und Dichtung

Eine der Grundfragen der Philosophie stellt die Frage: Was ist der Mensch? Und ich antworte darauf, dass wir einerseits Geschaffene sind (von unserer Herkunft, der Familie, der Erziehung, unserer Umwelt, von Politik, Zeitgeist und Gesellschaft), wir haben von vielen Seiten einen prägenden Stempel aufgedrückt bekommen, andererseits sind wir auch Schaffende, die durchaus in der Lage sind, das eigene Leben, das eigene Schicksal zu gestalten und unserem Dasein Sinn zu geben.

Trotzdem gibt es ein Quantum Vorherbestimmung. Wir können nicht frei wählen, was wir gerne sein möchten oder wem wir uns anschließen. Unser Leben verläuft in der Regel wie auf Schienen und nur gelegentlich kommen wir zu einer Weiche.

Sinn des Lebens Mythos In der Heraklessage wird erzählt, dass der Held an eine Wegkreuzung kommt und dort zwei schönen Frauen begegnet. Eine verspricht ihm alles Glück der Erde, ein sorgenfreies und angenehmes Leben, aber Herakles spürt und merkt, dass er den von ihr beschriebenen Weg nicht gehen kann.

Hingegen fühlt er sich zu der anderen Frau, die sich als die Tugend vorstellt, hingezogen. Sie erklärt ihm: Wenn er sich nach Ruhm, Anerkennung und nach einem Platz bei den Göttern sehnt, ihn nur durch Mühen und Anstrengungen erreichen kann.

Herakles erkennt sofort, dass nur dieser Weg seiner sein kann. Er hat sich schon längst entschieden. Aber es gehört in der Dichtung, wie im Leben dazu, eine Entscheidung bewusst zu treffen und zu dieser zu stehen, den Weg zu gehen, der für uns bestimmt ist.

Der Weg des Herakles ist es, durch immer neue Aufgaben immer wieder etwas zu lernen. Am Anfang erscheinen diese Aufgaben unlösbar. Am Ende hat der Held alle Aufgaben gelöst.

Mit jeder bestandenen Aufgabe ist er über sich hinaus gewachsen und an Erfahrungen reicher geworden. Oft wird die Heraklessage mit der Geschichte vom Nemeischen Löwen begonnen. Der Held geht nicht nur in die Höhle des Löwen, sondern, bevor es zum entscheidenden Kampf kommt, verschließt er den zweiten Eingang zur Höhle.

Er signalisiert damit, dass er keinen Zweifel daran hat, zu gewinnen. Er sieht keinen zweiten Ausweg, als seine Aufgabe zu erfüllen. Er zeigt uns, dass wir dann gewinnen, wenn wir an eine Aufgabe herangehen, ohne dabei schon eine Hintertür, einen Plan B im Hinterkopf zu haben und was wir tun würden, wenn wir scheitern.

Natürlich muss Herakles auch die genau umgekehrte Erfahrung sammeln, als er die Pferde des Diomedes zähmen soll. Er merkt, dass er die Zügel nicht mehr halten kann und lässt locker. Und siehe da, die Pferde laufen auch ganz alleine!

Eine weitere Stärke des Herakles ist nicht bloß seine Kraft, sondern sein Vertrauen in die Führung durch die Götter. Wer um etwas mit reinem Herzen bittet, dem wird geholfen. Da spielt es keine Rolle, dass er zuvor, von seiner „Stiefmutter“ zum Wahnsinn und zur Raserei getrieben, schreckliche Verbrechen begangen hat. Wer sich bemüht, seine Fehler zu korrigieren, darf auf Unterstützung und Führung durch die Götter hoffen. So lehrt es uns die Sage.

Die Aufgaben sind nicht allein mit klarem Verstand zu lösen. Natürlich spielt das Denken in unserem Leben eine zentrale Rolle. Wir machen uns von allen Dingen einen Begriff, wir bezeichnen konkrete und abstrakte Dinge. Wir finden am Anfang ein Wort, dem wir eine Bedeutung, einen Inhalt und Sinn geben. Doch damit ist es noch nicht getan.

Wir müssen dem Wort noch Kraft, Gefühl und Leben einhauchen, damit es wirken kann. Dadurch entdecken wir die schöpferische, gestaltende Kraft in uns, die uns zu zielorientierten, unseren Wünschen und Hoffnungen entsprechenden Handlungen befähigt. Ähnliche Gedanken werden vermutlich auch Goethe beschäftigt haben, als er den Faust am Beginn im Studierzimmer um eine Übersetzung ringen lässt:

Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd’ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt ’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!"
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Sinn des Lebens Dichtung Jeder dieser Entwicklungsschritte ist notwendig, um zur schöpferischen Tat zu gelangen. Am Anfang des Lebens steht, dass das Kind einen Namen bekommt. Wie im Märchen erscheinen Menschen, die dem Kind viele gute Wünsche (aber damit auch Lernaufgaben) auf den Weg mitgeben.

Im Schutz der Eltern wächst das Kind auf und sammelt Kraft, für die zu bewältigenden Aufgaben. Wir sammeln in der Jugend Kraft und Stärke für die Aufgaben des Helden in uns.

Aber nicht nur das, was wir als Geschenk bekommen, zählt, sondern vor allem das, was wir uns selber schaffen. Wir sind niemals vor einem möglichen Irrtum sicher, aber die Furcht vor dem Irrtum ist wahrscheinlich der größte Irrtum.

Jedes falsche oder nicht taugliche Programm in unseren Gedanken kann wieder aufgelöst werden. Jeder Glaubenssatz, der sich nicht bewährt, kann gegebenenfalls auch korrigiert werden. Nur die Furcht vor dem Scheitern, ein zögerliches Herangehen an die Verwirklichung unserer Pläne wirkt derart lähmend, dass ein Erfolg gar nicht erst zu erwarten ist.

Als erstes Geschenk sollten wir uns das Vertrauen geben, dass wir in der Lage sind, unsere Geschicke zu lenken. Wir sind zuständig für unsere Gedanken, und wie wir daraus den Sinn unseres Daseins formen. Alles, was wir zu denken und zu hoffen vermögen, ist auch in unseren Anlagen vorhanden.

Was wir von den Eltern und den Ahnen mitbekommen haben, ist zwar wichtig, aber nicht unabänderlich. Wir wissen, dass nicht nur unser Gehirn neue Gedanken aufnehmen kann, sondern unser gesamter Körper fortwährend immer neue Informationen aufnimmt und sich daran anpasst. Doch solange wir an die Wünsche nur denken, bleiben sie bloß eine Option für später.

Erst wenn wir die Entscheidung treffen, dass wir etwas in die Tat umsetzen wollen, dann mobilisieren wir Kräfte in uns, die wir im Alltag zumeist unterschätzen.

Von Günter Wittek

Günter Wittek

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