Das Gottesgutachten oder wie wir unsere Götter konstruieren

Bevor ich mit dem eigentlichen Artikel beginne, möchte ich darauf hinweisen, daß alle – als Zitat gekennzeichneten – Aussagen aus dem Buch „Das Gottesgutachten. Religion für Atheisten, Zweifler und Gläubige“ von José Antonio Marina stammen. Falls Sie das Gottesgutachten – was nur einen Teil des Inhalts wiedergibt – neugierig gemacht haben sollte, finden Sie am Ende des Artikels einen Link, bei dem Sie das genannte Buch des Autors erwerben können.

Die Menschheit hat sich von jeher die Frage gestellt, wie wir unsere eigene Existenz erklären können. Fragen wie: „Woher kommen wir?“ – „Was ist das Leben?“ – „Wer hat uns und die Welt erschaffen?“ begleiten uns schon seit Jahrtausenden. Der berühmte Philosoph E. Kant versuchte die Kernfragen der Philosophie wie folgt zusammenzufassen:

  • Was kann ich erkennen?
  • Was soll ich tun?
  • Was kann ich erwarten?

Gottvater Die Menschheit versuchte diese elementaren Fragen zunächst durch den Mythos zu beantworten. Heutzutage gehen wir immer mehr dazu über, diese Fragen an die Wissenschaften zu richten. Die Entwicklung zeigt, daß die positiven Wissenschaften der Religion immer mehr Boden abringen. Fragen der Ethik, der Ästhetik, der Logik oder auch der Ontologie sind selbstverständliche Untersuchungsgegenstände der Wissenschaften geworden.

Die Rolle der Religion beschränkt sich immer mehr auf die Frage: „Was wird aus mir?“ oder auch „Was ist der Sinn des Lebens?“ Bei diesen Fragestellungen ist die Konkurrenz durch die Wissenschaften noch sehr erdrückend.

Doch bevor wir einen Gott als Schöpfer, als Weltgeist oder ähnliches postulieren wollen, fragen wir uns zunächst, was eigentlich der Begriff Realität bedeutet? Wenn nämlich Realität die Summe aller existierenden Phänomene in sich birgt, so muß auch ein Phänomen, daß wir als Gott bezeichnen wollen, dort verwurzelt sein.

Der Autor antwortet auf die Frage – „Was ist Realität?“ – folgendes:

„Realität“ ist die Gesamtheit der Wesen, Eigenschaften, Beziehungen, Kräfte, die unabhängig davon existieren [wirken], wie der Mensch sie denkt, die sich demnach nicht in seinem bekannten Sein erschöpfen. (Zitat)

Real sind somit alle Phänomene, die unabhängig davon sind, wie wir über sie denken. Ein Stein wird ein Stein bleiben – auch wenn ich ihn als Pflanze oder Kochtopf denken will – er ist in seinem Sein nicht davon abhängig, was ich und wir über ihn denken. Etwas mißverständlich mag die Bezeichnung „Wesen“ sein, das hier im Sinne von „Phänomen“ verstanden werden soll und nicht im Sinne von „etwas Lebendigen“.

Weiterhin ist für alles Reale kennzeichnend, daß es Essenz und Existenz hat. Reale Wesen zeigen sich durch ihre Existenz, d.h. sie besitzen eine Wirkkraft oder Wirksamkeit. Das Existierende leistet mir Widerstand durch sein „Dortsein“, die ich ständig im Umgang mit den Dingen erfahren kann.

Interessant ist weiterhin, daß sich die Essenz ändert, die Existenz aber bleibt. Was bedeutet das? Bereits vor vielen Jahren entdeckte die Physik das Gesetz von der Erhaltung der Materie. Nichts wird geschaffen oder zerstört – alles verändert sich nur.

Wenn ich beispielsweise ein Holzstück verbrenne, dann verändere ich seine Essenz, d.h. die vorhandenen Struktur wird in einer endothermen Reaktion chemisch umgewandelt. Die Summe der Atome verändert sich nicht – sie verändern nur ihre Struktur – die Essenz – ihr Sosein. Die Materie an sich wird in ihrer Existenz jedoch nicht berührt – die Atome weisen vielleicht eine andere Struktur auf, bleiben aber weiter existent.

Neben der Realität definiert der Autor auch Irrealitäten … :

„… als Wesenheiten, die durch die menschliche Intelligenz geschaffen, hergestellt, erhalten wurden – in anderen Worten unser Denken…“ (Zitat)

shiwa Was gehört zu den Dingen, die von unserem Denken abhängig sind? Von unserem Denken sind beispielsweise alle Werte oder Normen abhängig – also alles war wir mit gut/böse – schön/häßlich – wahr/falsch etc. bezeichnen. Diese Werte sind in der Natur als unabhängig von uns existierende Phänomene nicht beobachtbar und damit auch keine Naturgesetze.

Wichtig ist hier zu beachten, daß der Autor damit nicht aussagt, daß Gedanken nicht existieren, denn auch sie haben Essenz (also eine Form und sei diese auch nur symbolisch) und Existenz (wir nehmen sie wahr, wenn wir sie denken). Gesagt ist damit nur, das diese Phänomene allein von Denken abhängen und keine Möglichkeit haben, sich in materieller Form zu zeigen, die unabhängig vom Medium des Denkens ist.

Auch die Gottesvorstellung leitet sich aus dem Denken ab – konkret aus der Frage, was das größte, mächtigste, weiseste und allumfassendste Wesen sein könnte.

Wir haben also reale und irreale Wesenheiten, die miteinander verwechselt werden können.

Die Wissenschaft geht so vor, daß sie Theorien (Irrealitäten) aufstellt und sie durch Beobachtung und Experiment in der „realen Welt“ zu bestätigen sucht. Wir erweitern unsere Sinnesorgane mit Gerätschaften – wie einem Spektroskop – und können von daher auch Phänomene beobachtbar machen, die sich normalerweise dem Kontinuum unserer natürlichen Wahrnehmung entziehen. Als „bestätigt“ oder „bewiesen“ gilt aber in der positiven Wissenschaft nur das, was durch Beobachtung verifiziert werden kann.

Es gibt keine Wissenschaft über das Reale, die nicht auf der Sinneswahrnehmung beruht. Man könnte diese Form der „Beweisführung“ zwar ebenfalls als einen „Glaubensakt“ entlarven – aber es ist immerhin ein Glaubensakt, der funktioniert, d.h. unsere Handlungsmöglichkeiten planbar erweitert.

Letztlich führt uns die Beobachtung einer Theorie zu deren Evidenz – wir sind von dem überzeugt (als etwas reales) was wir mit unseren Sinnen (oder erweiterten Sinnen durch Gerätschaften) faktisch wahrnehmen können. So könnte man auch umgekehrt sagen, daß das, was wir nicht mit den Sinnen wahrnehmen können eine Illusion oder ein Hirngespinst ist, das nichts mit der Realität gemein hat.

Wir können also behaupten, daß die empirischen Wissenschaften die Materie (im weitesten Sinne) als Evidenzkriterium ansieht – die empirischen Wissenschaft basiert auf den Grundlagen des Materialimus. Damit kommen wir zur der berühmten Frage, wie sich die Materialisten sogenannte „belebte“ oder „lebendige“ Materie vorstellen.

Thot Gehen wir in in der Geschichte unseres Planeten zurück in seine Entstehungszeit. Glaubt man den Wissenschaften, so war die Erde am Anfang eine glühende Lavamasse, die erst im Laufe der Jahrmillionen erkaltet ist. Als diese flüssigen Gesteinsmassen abkühlten, bildeten sich weiterhin – durch chemische Prozesse – Ozeane und eine Atmosphäre. Geht man noch ein paar Milliarden Jahre weiter, so finden sich in den Urozeanen irgendwann die Einzeller, die als erste Lebensformen auf diesem Planeten gelten. Bekanntermaßen entwickelten sich diese Einzeller zu Mehrzeller und bildeten damit die Grundlage für die gesamte Vielfalt des Lebens, die wir heute auf unserem Planeten kennen.

Lassen wir zu diesen Punkt den Autor zu Wort kommen:

„In der Urmaterie, diesem Punkt von unendlicher Dichte, mit dem alles begann, waren die Gesetze der Materie eingeschlossen, die Möglichkeit, Leben zu erzeugen, die Möglichkeit, die bewußten Phänomene hervorzurufen, und die Möglichkeit, Wissenschaft zu betreiben, die diese großartige Genealogie entdecken würde.“ (Zitat)

So gesehen müssen wir anerkennen, daß bereits in der Materie selbst eine offene, dynamische, geordnete, universale, evolutive, konstruktive, entstehende, lebendige, bewußte und persönliche Energie waltet, die alles was wir an Phänomenen beobachten können in sich birgt.

Damit haben wir den Aspekt der Essenz der Realität beschrieben, so wie wir ihn aus der wissenschaftlichen Beschreibung unserer Entstehungsgeschichte kennen.

Was gibt es über den Punkt der Existenz zu sagen?

Speziell das Sein der Dinge wurde lange Zeit in der Wissenschaft als etwas selbstverständliches hingenommen, ohne hinterfragt zu werden. Erst der große Philosoph Martin Heidegger stellte diese Selbstverständlichkeit wieder in Frage, da er Sein und Seiendes trennte – oder anders formuliert – er machte klar, daß das Seiende (die konkreten Phänomene) und das Sein nicht gleichgesetzt werden können.

Ob etwas „ist“, wie etwas „ist“ oder wie etwas „war“ oder „werden“ kann, ist offensichtlich ein Modus des Seienden, aber nicht das Seiende selbst.

José Antonio Marina setzt an dieser Stelle die Idee der Existenz, in anderen Worten: Das Sein des Seienden zeigt sich in dessen Existenz.

Gehen wir bei dieser Frage zurück zu den Griechen, speziell zu Parmenides. Er stellt in einer einfachen Überlegung folgenden Zusammenhang auf: „Das was ist, ist – das was nicht ist, ist nicht!“

Dies scheint auf den ersten Blick ein banale Feststellung zu sein, aber wenn man ein wenig darüber nachdenkt – und dieser Überlegung folgt – kann man sagen, daß die Existenz sich nur – und ausschließlich – positiv bestimmen läßt!

Das ist die ganze Enthüllung. Parmenides sagt uns damit, das ein Nichts nicht existiert, nichts hervorbringen oder abgrenzen kann – es zeigt durch sein „Nichtsein“ schlicht überhaupt keine Wirkung im Realen und kann von daher von allen positiven Bestimmungen oder Definitionen ausgeschlossen werden.

Nichts ist nur ein Wort – ein logisches Konstrukt und für uns Menschen ist ein solches „Nichts“ nicht einmal denkbar. Dies gilt auch für die Sprache – speziell für die Negation.

„Dieses Nichts, von dem wir sprechen, ist lediglich Negation von etwas. Es kommt folglich nach der Bestätigung. Die menschliche Intelligenz ist grundsätzlich bestätigend: Sie sieht nur das, was existiert. “ (Zitat)

Daraus können wir ersehen, daß wir im Grunde immer nur etwas – eine positive Form – bestätigen können. Selbst wenn ich sage, daß ich kein Hund, Baum oder Auto bin, maskiere ich diese Verneinung immer als Bestätigung von Etwas. Wir können ein Nichts nicht denken – immer dann wenn wir darüber reden, werden wir etwas existentes anführen, was es „nicht“ ist.

Daher kommt José Antonio Marina zu dem Schluß:

„Von der Erschaffung der Welt aus dem Nichts zu reden, ist nicht wahr oder falsch, es ist einfach undenkbar. Wir sind in der Realität geboren, unsere Intelligenz ist dazu gemacht, die Realität zu erkennen, und das einzige „Nichts“, das wir kennen, ist lediglich logischer Natur: der Inhalt eines negativen Urteils. Wir können also sagen, woher das „Nichts“ kommt (aus dem Denken), aber nicht, woher das Existieren kommt.“ (Zitat)

Dies konnte man aus Parmenides einfacher Feststellung lernen.

Was können wir mit diesen Vorüberlegungen weiterhin über das Existieren sagen? Das Existieren verleiht dem Realen Wirklichkeit. Es läßt die Phänomene ihre Eigenschaften verwirklichen, ihre Dynamik auslösen und entfalten, leben, denken.

Man kann also sagen, daß das Existieren dem Realen seine Wirkmächtigkeit verleiht. Die Existenz bestätigt das Seiende, während die Essenz (oder die konkrete Form) die Realität gestaltet. Damit können wir das Existieren als Aktualisierung des Möglichen ansehen.

Worin besteht die Beziehung des Existierens zum Erkennen? Erkennen können wir (weil wir existieren) nur das, was existiert. José Antonio Marina meint hierzu:

„Unsere Intelligenz wird auf das gelenkt, was die realen Dinge sind. Wir müssen sie erkennen, bewerten, uns aneignen oder meiden. Aber das können wir genau deshalb tun, weil sie existieren und wir existieren. Aber das Existieren ermöglicht das Erkennen des Realen, ohne sich zu erkennen zu geben [wir erkennen nur die Essenz], als ob es transparent würde. Es begleitet alle unsere Erfahrungen, aber ohne zu einem Thema von ihnen zu werden. Es wird stillschweigend miterlebt. Es ermöglicht also das Erkennen des Realen, ohne explizit zu werden.“ (Zitat)

Jesus Machen wir nun eine Sprung zur Religion und betrachten, wie verschiedene Theologen diese Konzepte als Erklärungmodell für ihre „Gotteshypothese“ nutzten.

Der heilige Bonaventura meint: „Jedes Mal, wenn wir etwas erkennen, erkennen wir Gott.“ (Zitat)

Thomas von Aquin: „Unsere Erfahrung der Existenz Gottes ist die Vorbedingung für den Schluss, durch den wir sie behaupten wollen.“ (Zitat)

Rosmini behauptete: „…Die erste bekannte Wahrheit sei die Anschauung des Seins als solches, ewig, unveränderlich, nicht erschaffen und einfachst.“ (Zitat)

Man könnte daraus die etwas gewagt Schlußfolgerung ziehen, daß wir unsere Wahrnehmung der Existenz mit dem Begriff „Gott“ belegt haben.

Fragen wir dabei Thomas von Aquin, was die Existenz als Phänomen so besonders macht:

„Existieren ist Gott bzw. eine Teilhabe an Gott. „Genau jenes, das sie existieren läßt, ist das, was die Wesen zu Teilhabern an der göttlichen Natur macht.“ (Zitat)

Fassen wir an dieser Stelle die wichtigsten Aussagen in den Worten des Autors nochmals zusammen:

Die Sinneswahrnehmung ist das Medium, um kognitiv die materielle Realität zu erfassen.
Alles Reale hat ein essentielles und ein existentielles Moment.
Die Unterschiede kommen vom essentiellen Moment.
Der existente Hund, das existente Atom oder der existente Engel sind sich in einem gleich: ihrem Existieren. Existieren ist einzigartig und unbegrenzt.
Nur das Existente könnte das Existente begrenzen, aber beide befänden sich in der gleichen Dimension. (Zitat)

Aus diesen Prämissen leitet José Antonio Marina fünf Prinzipien ab:

1. Prinzip der offenen Materie

Anhand des Beispiels, der Entwicklung unseres Planeten – vom flüssigen Lavahaufen hin zur lebendigen Welt, die wir kennen – können wir sagen, daß der Materie viele Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß wir uns bereits am Endpunkt der Evolution befinden. Die menschliche Intelligenz stellt die große Möglichkeit dar, daß die „offene Materie“ sich weiterentwicklen kann.

2. Prinzip der Existenz

Die Existenz besteht nur aus sich selbst. Selbst wenn man einen Gott als Grund für unsere Existenz annähme, würde er selbst existieren. Wir würden uns daher nur von der Essens, aber nicht von der Existenz her unterscheiden.

Gott wird von den meisten Religionen so charakterisiert, daß er völlig eigenständig ist – aus sich selbst heraus existiert. Folgen wir diesem Gedanken kann man sagen, daß das materielle Universum eine Manifestation Gottes ist. Ob er auf irgendeine andere Art existiert, bleibt völlig in der Spekulation von irrealen Gedanken überlassen.

Ob er eine „transzendente Person“ oder ein „reines Bewußtsein“ sein könnte, sind Fragestellungen, die niemals beantwortet werden können. Denn eine „transzendente Person“ oder ein „reines Bewußtsein“ kann man nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen – es ist damit eine Fiktion oder lediglich ein irrwitziges Gedankenkonstrukt, welches sich selbst ad absurdum führt.

Zumindest kann man sagen – wenn Gott irgendeine Form von Wirksamkeit besitzen soll, muß er existent sein und eine Essenz besitzen, denn dies sind die Bedingungen für Reales. Spricht man ihm diese Eigenschaften zu, wäre er das gesamte materielle Universum selbst.

3. Das Prinzip des Bewußtseins

Mit dem Menschen betritt eine sich selbst bewußt gewordene Intelligenz die Bühne des Universums. Der Mensch markiert einen Umbruch und Aufbruch in den Möglichkeiten des Realen. Er bringt Irrealitäten hervor wie Ethik, Kunst, Sprache, Mathematik welche die Realität verändern. Der Mensch wäre somit die Hand Gottes – er hat die Potenz selbst zum Schöpfer zu werden.

4. Das Prinzip der Nichtkausalität

Wenn wir davon ausgehen, daß die Existenz aus sich selbst heraus existiert, d.h. keine Ursache hat, dann können wir für die Existenz auch das Kausalitätsprinzip ausschließen. Damit drehen wir die Argumentation der meisten Gottesbeweise nur um – sie gelten im umgekehrten Sinn. Alles was etwas bewirken will, muß existieren – es gibt keinen nicht existenten Grund, der Existenz bewirken könnte. Mit der „Existenz“ existiert also etwas, dasselbst keine Ursache hat.

5. Prinzip der göttlichen Dimension der Realität

José Antonio Marina sagt hierzu:

„Die Realität existiert: Das ist ihre göttliche Dimension, die affirmativ, völlig eigenständig, einzig, ohne Gegensätze ist. Sie besitzt die Universalität der Naturgesetze. Sie hat keine Grenzen, denn nur das Nichtexistente könnte sie begrenzen. Sie ist aufgrund ihres absolut positiven Charakters, ihrer Radikalität rätselhaft: Es gibt kein Mehr oder Weniger im Existieren. Man ist oder ist nicht. Es gibt nichts außerhalb der Realität, weil sogar die Bedingungen für ihr eigenes Existieren, wenn es sie gäbe, ebenfalls zur Ordnung des Existenten gehörten. Man kann sie nicht von etwas anderem ableiten, denn das würde ebenfalls existieren. Wir können gehen, wohin wir wollen, den Bereich des Existierens verlassen wir nicht.“ (Zitat)

Dem Autor folgend können wir weiter sagen, daß diese göttliche Dimension die Existenz des Realen ist und sich in …

„… offener, erfinderischer Materie, die überraschende Entwicklungssprünge macht: Von der anorganischen geht sie zur organischen, von der organischen zur bewußten, von der bewußten zur reflexiven und freien Materie. Wir müssen demnach der göttlichen Dimension der Realität all jene Merkmale zuschreiben, die die Realität besitzt.“ (Zitat)

Mit dieser Gottesdefinition verlassen wir die gewohnten Bahnen der Religion. Sicher wäre auch dieser Gott eine Person, aber nur insofern, als seine persönliche Existenz aus dem Menschen strahlt. Ein solch gearteter Gott wäre immer noch allmächtig und ewig – nur in einem ungewohnten Sinne: Genauso, wie die Realität „allmächtig“ ist, weil in ihr alle Macht liegt, die etwas bewirken kann.

Doch alle Werte: Güte, Schlechtigkeit, Schönheit oder Wahrheit wären nur durch den Menschen einem solchen Gott zugänglich, da es Schöpfungen des Menschen sind.

Aus diesen Überlegungen kommt José Antonio Marina zu folgenden Kernsätzen:

Horus „Ich bekräftige die göttliche Dimension der Realität,
ich bestätige, daß diese Dimension zumindest im Menschen bewußt wird,
ich bekunde, daß der Mensch damit beauftragt ist, der Realität einen Sinn zu geben,
ich versichere, daß in ihm die persönlichen und freien Qualitäten der Existenz und auch die Wahrheit, die Güte und die Schönheit in ihrem strengen Sinn entstehen,
ich bestätige, daß sich im Menschen die Schöpfungstat der Gottheit fortsetzt, und daher bekräftige ich, daß die gesamte Realität unter ihrer Obhut ist.“ (Zitat)

Um diese göttliche Dimension verstandesmäßig zu begreifen, haben wir uns Götter erschaffen. Wir hätten uns andere ausdenken können, und ich nehme an, wir werden es tun. So habe ich Ihnen in diesem Artikel aufgezeigt, wie man anhand von ontologischen Überlegungen zu einem Gottesbegriff kommen kann. Allerdings gehen die Ergebnisse solcher Überlegungen nicht immer mit den Erwartungen traditionell denkender Religionen konform. Aber es geht auch weniger darum allbekanntes zu bestätigen, sondern sich durch die Gedanken selbst zu neuen Ufern tragen zu lassen, die unser Universum erweitern.

Tony Kühn

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