Carroll Quigley: Tragödie und Hoffnung

Carroll Quigley war ein amerikanischer Historiker und Geostratege, der mit seiner tiefgreifenden Analyse westlicher Zivilisationen und Machtstrukturen faszinierte. Als Professor an der Georgetown University prägte er unter anderem Bill Clinton und hinterließ mit seinem Werk Tragedy and Hope ein Vermächtnis, das bis heute für Kontroversen sorgt. Ein Denker, der Macht nicht nur beschrieb – sondern ihren verborgenen Mechanismen nachspürte.

Einführung

Das umfangreiche Buch (982 Seiten Text, nahezu DIN-A 4) des amerikanischen Historikers Carrol Quigley (1910-1977) ist nicht nur Geschichtsschreibung, sondern stellt zumindest teilweise eine Art von Geschichtsphilosophie aus der Zeit des Kalten Kriegs dar. Es handelt von dem Versuch privater Finanziers, Regierungen und Wirtschaft zu kontrollieren. Das Buch mit dem Untertitel „Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit“ (1966) umfaßt den Zeitraum von 1862-1964.

Carroll Quigley

Im folgenden trage ich nur das Geschichtsphilosophische zusammen. Ich frage nicht so sehr, wie es war, als, was wir daraus für die Zukunft lernen können.

Der Gegensatz zwischen Banken, Regierungen und Wirtschaft

Quigley unterscheidet den Handelskapitalismus vom Merkantilismus: „Unter ihm versuchten Kaufleute nicht mehr aus dem Warenvertrieb Gewinne zu erzielen, sondern aus dessen Einschränkungen“ (S. 46).

Bankiers und Kaufleute haben entgegengesetzte Interessen, die auf dem Gegensatz zwischen Geld und Ware beruhen: „Waren bedeuten Reichtum, den man besitzt, während Geld ein Anspruch auf einen Reichtum ist, den man nicht hat. Daher sind Waren Besitz, während Geld einer Schuld entspricht. […] Steigt der Wert des einen, fällt der des anderen, und das im gleichen Verhältnis“ (S. 46). „Während der Händler an hohen Preisen und niedrigen Zinsen interessiert war, war der Bankier auf einen hohen Geldwert (das heißt: auf niedrige Priese) und hohe Zinsen aus“ (S. 47).

Bankiers und Regierungen haben ebenfalls entgegengesetzte Interessen: Bankiers wollen möglichst hohe Kredite vergeben, während Regierungen durch Steuern mehr Geld einnehmen wollen, als sie ausgeben. „Die Besteuerung neigt dazu, die Geldmenge in einem Gemeinwesen zu mindern, und wirkt daher in der Regel deflationär. Staatsausgaben tendieren dazu, die Geldmenge zu erhöhen, und wirken in der Regel inflationär“ (S. 58).

Die Konsequenz ist, daß es für Kaufleute und Regierungen gefährlich ist, sich von Bankiers beraten zu lassen: Denn ein solcher Rat war „durchweg vorteilhaft für die Bankiers, aber oft katastrophal für die Regierungen, Geschäftsleute und die Menschen im Allgemeinen.“ Aber ein „solcher Rat kann, wenn notwendig, durch Manipulation der Börsen, des Goldflusses, der Zinssätze und sogar des Niveaus der Geschäftstätigkeit durchgesetzt werden“ (S. 59).

Im Verlauf der modernen Wirtschaftsgeschichte gab es eine entscheidende Wende: „Bis 1931 konnten im Großen und Ganzen Bankiers […] sowohl die Geschäfswelt als auch die Regierungen beherrschen“ (S. 58). Doch nach 1931 hat der „Interessenkonflikt zwischen Bankiers und Industriellen […] in den meisten europäischen Ländern zur Unterordnung Ersterer entweder unter Letztere oder unter die Regierung geführt.“ Quigley bezeichnet diese Wende als „Übergang des Finanzkapitalismus zum Monopolkapitalismus“ (S. 59).

Der Gegensatz zwischen Rußland und dem Westen

Quickley sieht einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Rußland und dem Westen, die zwar beide von der „klassischen Antike“ abstammen. Aber in Rußland „gestaltete sich die Verbindung zu diesem Vorgänger so andersartig, dass zwei ganz unterschiedliche Traditionen entstanden sind. Die russischen Überlieferungen leiteten sich unmittelbar von Byzanz her.“ Dazu kamen die kulturellen Einflüsse der friedlichen Slawen und der raublustigen Wikinger (S. 73). „Als wichtigstes von alledem importierte die herrschende Klasse Russlands die byzantinische totalitäre Autokratie“ (S. 73).

Dagegen machte der Westen nach dem Untergang des Römischen Reiches die Erfahrung, „dass der Mensch ohne Staat leben kann. Dies bildete die Grundlage des westlichen Liberalismus. Man entdeckte, dass ein Staat, wenn er vorhanden ist, den Menschen dienen müsse, und dass es falsch ist zu glauben, der Zweck der Menschen sei es, dem Staat zu dienen. Man stellte fest, dass es Wirtschaft, Religion., Recht und Privateigentum auch ohne Staat gibt und sie ohne ihn wirksam sein können. […] Daher entstanden im Westen Gesetze aufgrund von Beachtung und nicht wie im Osten als Verordnungen einer Autokratie“ (S. 73).

Die Verwestlichung Rußlands bedeutete nicht nur die Übernahme von landwirtschaftlicher Revolution und Industrialisierung, sondern auch die Alphabetisierung der Bauern und die Verringerung der Landbevölkerung zugunsten der Städter. Das erforderte wiederum die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Einführung eines modernen Gesundheitswesens.

„Doch sobald die unteren Klassen begannen, Forderungen zu stellen, kam es zur Reaktion. Bei dieser Ausgangslage war die Geschichte Russlands vom 18. Jahrhundert bis zur Revolution von 1917 ein Wechselspiel zwischen Reform und Reaktion“ (S. 77).

Während die Nihilisten „alle Gedanken, alle Kunst, allen Idealismus und alle Konventionen“ ablehnten, bemerkten die Anarchisten allmählich, daß Mord und Terror nicht zum Verschwinden der Regierungen führte (S. 79).

Der Bau der Transsibirischen Eisenbahn (1891-1905) „veranlasste Großbritannien zu einer Allianz mit Japan (1902) und bescherte Russland den Krieg mit Japan (1904-1905)“ (S. 81). Der Sieg der Japaner über die Russen galt „als ein asiatischer Triumph über Europa“ (S. 132).

Unter der Herrschaft des Zaren Nikolaus II. (1894-1917) wurden die Juden, Katholiken, Lutheraner und Moslems verfolgt. Es wurden Terroranschläge inszeniert. Finnen, Baltendeutsche und Polen durften in der Öffentlichkeit nicht in ihrer Muttersprache sprechen. Sie unterlagen einer strengeren Wehrpflicht als die Russen.

„Gegen die Russen ging man übrigens mit geheimdienstlichen Spionageabwehrmaßnahmen, Zensur, Provokationen, Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren und regelrechter Brutalität unglaublich hart vor. Die Revolutionäre reagierten darauf mit ähnlichen Maßnahmen, die in Ermordungen gipfelten. Niemand konnte einem anderen vertrauen, denn Revolutionäre steckten in der Polizei und Polizisten in den höchsten Rängen der Revolutionäre“ (S. 85).

Westliche vs. russische Philosophie

Der Trend zu Vielfalt und Toleranz im Westen auf der Basis, daß „eine Einheit des Lebensganzen eher in der Vielfalt als durch erzwungene Vereinheitlichung erlangt wird“, „war der russischen Seele völlig fremd.“ Die Russen suchten nach dem einen „‚Schlüssel‘ zu Leben und Wahrheit […]. War dieser ‚Schlüssel‘ einmal gefunden, mussten alle anderen Aspekte der menschlichen Erfahrung als böse abgetan werden, und alle Menschen mussten gezwungen werden, diesen Schlüssel als gesamten Lebensinhalt in einer schrecklichen Einheit der menschlichen Erfahrung dadurch zu analysieren, dass sie sie in Gegensätze einander ausschließender Dualismen zerlegten: Westler gegen Slawophile, Individualismus gegen Gemeinschaft, Freiheit gegen Schicksal, Revolutionäre gegen Reaktionäre, Natur gegen Konventionen, Autokratie gegen Anarchie und so weiter“ (S. 87).

Insgesamt entstand dadurch ein ungeheures Durcheinander, da es zwischen diesen Antithesen „keinen logischen Zusammenhang“ gab. Das führte dazu, daß „einzelne Denker sich häufig auf eine Seite jeder dieser Antithesen stellten und eine unglaubliche Mischung aus emotional übernommenen Glaubensrichtungen bildeten. Darüber hinaus wechselten einzelne Denker häufig von einer Seite zur anderen oder oszillierten zwischen den Extremen dieser Gegensätze hin und her. Typischerweise hielten die meisten russischen Köpfe gleichzeitig an beiden Extremen in einer Art höherer mystischer Einheit jenseits einer rationalen Analyse und unabhängig von ihrer logischen Unvereinbarkeit fest. So bietet russisches Denken erstaunliche Beispiele für von Gott berauschte Atheisten, revolutionäre Reaktionäre, gewalttätige Widerstandsverweigerer, kriegerische Pazifisten, zwanghafte Befreier und individualistische Totalitäre“ (S. 87).

Quigley betrachtet den Extremismus als „Hauptcharakteristikum russischen Denkens“. Er „drückte sich in zweifacher Weise aus: 1) Jeder Bereich menschlicher Erfahrung, dem man Gefolgschaft erwies, wurde zur ganzen Wahrheit, verlangte die volle Unterwerfung, da alles andere böse Täuschung war; und 2) wurde von jeder lebenden Person erwartet, dass sie das Gleiche akzeptiert oder als Knecht des Antichrist verdammt ist“ (S. 87).

Konkrete Beispiele sind Alexei Khomjakow (1804-1860), der den Verstand abschaffen wollte, Fedor Dostojewski (1821-1881), der Logik und Mathematik zerstören wollte, und Leo Tolstoi (1828-1910), der Macht, Gewalt, Autorität, Kunst (einschließlich seiner eigenen Romane), Privateigentum und Sexualität für Sünde hielt.

Die Romanfiguren Dostojewskis hält Quigley für durchschnittliche Westler „nahezu unverständlich […]: Wenn eine solche Figur ein Vermögen bekommt, schreit sie: ‚Ich bin ruiniert!‘ Wird sie von einer Mordanklage freigesprochen, oder wenn dies wahrscheinlich der Fall zu sein scheint, ruft sie: ‚Ich bin verdammt!‘, und versucht sich selbst zu belasten, um sich der Strafe zu vergewissern, die für seinen spirituellen eigenen Freispruch notwendig ist“ (S. 89).

Dostojewskis mystischer „Imperialismus mit seinen apokalyptischen Untertönen […] wurde […] von vielen russischen Denkern geteilt und übte eine große Anziehungskraft auf die gedankenlosen Massen aus“ (S. 89f). Durch „die Verbindung mit der leninistischen Revision des Marxismus“ gewannen die Ideen von einer „Erhebung Moskaus zum ‚Dritten Rom'“ und einer „Herrschaft der Gerechtigkeit […] noch an Einfluss und stellten nach 1917 die Ideologie der Sowjetunion“ (S. 90).

Konflikte zwischen den Westmächten, Russen und Osmanen

Seit die Türken erfolglos Wien belagert hatten (1529 und 1683), wurden „die unterworfenen Völker zur Revolte und die ausländischen Mächte zur Intervention verleitet“ (S. 93). „Im Laufe des 18. Jahrhunderts erwarb Russland die Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres, insbesondere die Krim“ (S. 95). 1821-1830 kämpften die Griechen um ihre Unabhängigkeit von den Türken, gegen die die Russen im 19. Jahrhundert fünf Kriege führten. Die Motive waren der Zugang zum Mittelmeer, zum Persischen Golf und der Schutz von orthodoxen Christen und Slawen im osmanischen Reich.

Die Westmächte griffen zweimal ein, „um Russland daran zu hindern, dem Sultan seinen Willen aufzuzwingen. Die erste Intervention führte zum Krimkrieg (1854-1856) […], während die zweite mit dem Berliner Kongress im Jahr 1878 den Friedensvertrag (der Vertrag von San Stefano von 1877), den der Zar gerade dem Sultan aufgenötigt hatte, abänderte“ (S. 97).

Darin, daß Österreich dem Zar die von den Türken besetzten Fürstentümer Moldau und Walachei wegnahm, „zeigte sich die österreichisch-russische Rivalität auf dem Balkan, die zwei Generationen fortbestand und letztendlich den Weltkrieg von 1914 bis 1918 auslösen sollte“ (S. 97).

Die repressive Innenpolitik des Sultans „führte schließlich 1908 zum Aufstand der ‚Jungtürken'“ (S. 98), der „eine Reihe internationaler Krisen“ auslöste, „von denen der Ausbruch des Krieges im Jahr 1914 die letzte und katastrophalste war“ (S. 103).

Deutschland erwarb sich die Freundschaft des Sultans dadurch, daß es keine Gebiete verlangte. Österreich besetzte Bosnien, Herzegowina und den Sandschak von Novi-Bazar, England erhielt Zypern. Griechenland beanspruchte Kreta, Thessalien, Epirus und Mazedonien, Frankreich wollte Tunesien, Italien wollte Tripolis und Albanien. Sie erhielten aber nichts. Panslawisten, Rumänen, Bulgaren, Südslawen, Griechen und Türken ärgerten sich über den Vertrag von Berlin (1878).

Quigleys Fazit: „Es ist klar, dass die europäische diplomatische Geschichte von 1878 bis 1919 kaum mehr ist als ein Kommentar zu den Fehlern des Berliner Kongresses“ (S. 99). „Die Bagdadbahn spielte beim Kriegsausbruch im Jahr 1914 nicht die Rolle, die man ihr oft zuschrieb, weil es den Deutschen in der Zeit von 1910 bis 1914 gelang, die Einwände der Großmächte gegen das Vorhaben abzubauen“ (S. 102).

Großbritannien als Weltmacht

Die Ausdehnung des britischen Weltreichs führt Quigley auf drei Vorteile zurück: Großbritannien lag auf einer Insel (1) am Atlantik (2), und seine „heimischen Traditionen brachten den Willen und die Fähigkeiten für imperiale Erwerbungen hervor“ (3). „Weil Großbritannien Sicherheit besaß, hatte es Handlungsfreiheit“ von 1588 (Sieg über die Armada) bis 1935 (Entwicklung der Luftwaffe) (S. 104).

Der Burenkrieg in Südafrika (1899-1902) „zerstörte den Glauben an die britische Macht. […] Gleichzeitig entfremdeten Deutschlands offensichtliche Sympathien mit den Buren in Verbindung mit dem deutschen Marinebauprogramm des Jahres 1900 die britische Bevölkerung von den Deutschen und trugen wesentlich dazu bei, 1904 die anglo-französische Entente zu bilden“ (S. 113).

Die „Hauptursache für das wachsende Misstrauen“ der eingeborenen Ostafrikaner gegenüber den Weißen sieht Quigley in der „Überzeugung, dass die Weißen Heuchler seien, die eine Religion lehrten, sie aber nicht befolgten, die die Lehren Christi verrieten und diese nur benutzten, um die Eingeborenen zu beherrschen und ihre Interessen unter dem Vorwand religiöser Ideen, die die Weißen selbst nicht praktizierten, zu verraten“ (S. 124).

Die Zerstörung der traditionellen indischen Kultur ging letztlich von den Indern selbst aus: „Bis 1835 hatten die Engländer versucht, in der Bildung einheimische Traditionen zu fördern, aber ihre muttersprachlichen Schulen versagten aus Mangel an Protektion. Die Inder selbst klagten, von der britischen Bildung – wie sie es sahen – ausgeschlossen zu sein.“ Die Beherrschung des Englischen galt als „Eintrittskarte für den Aufstieg im Staatsdienst oder Berufsleben“ (S. 129).

„Cromwells Eroberung Irlands im 17. Jahrhundert hatte viele irische Ländereien als Kriegsbeute an abwesende englische Großgrundbesitzer übertragen“ (S. 139). „Schließlich machte das Unionsgesetz von 1801 Irland zu einem Teil des Vereinigten Königreichs“ (S. 140). Da die Katholiken nicht emanzipiert wurden, lehnten sie die Union ab (MEL 12/725). 1921 erhielt das katholische Südirland „den Dominion-Status als Freistaat Irland […], während Nordirland weiterhin dem Gesetz von 1920 unterstand“ (S. 141).

China und Japan

Die „Zerstörung der traditionellen chinesischen Kultur unter dem Einfluss der westlichen Zivilisation erfolgte deutlich später als die ähnliche Zerstörung der indischen Kultur durch die Europäer“ (S. 141).

Die von „Ineffizienz, Fortschrittsfeindlichkeit, Korruption“ und einem „Gefüge eigennütziger Interessen und Traditionen“ geprägte chinesische Gesellschaft konnte „gegenüber der Effizienz, Fortschrittlichkeit und den Durchdringungs- und Herrschaftsmitteln der Europäer nicht bestehen. […] Als die Waffen des Westens zusammen mit seinen effizienten Methoden der Hygiene, des Schreibens, des Transports und der Kommunikation, der individuellen Eigeninteressen und seinem zersetzenden geistigen Rationalismus mit der chinesischen Gesellschaft in Berührung kamen, begannen sie, diese aufzulösen“ (S. 144).

Im Gegensatz zu anderen asiatischen Völkern behielten die Japaner ihre Weltanschauung (den Shintoismus) „relativ unversehrt“ bei (S. 153), auch als sie westliche Technik und materielle Kulturgüter übernahmen. „In den Jahren von 1863 bis 1866 erzwang eine Reihe von Marinedemonstrationen und Bombardierungen japanischer Häfen durch Westmächte die Öffnung des Landes und nötigte ihm ein Zollabkommen auf, nach dem Einfuhrzölle bis 1899 auf fünf Prozent zu beschränken waren“ (S. 155).

„Die wachsende Militarisierung des japanischen Lebens in der Zeit bis 1918 hatte verhängnisvolle Auswirkungen auf die Zukunft. […] Bei drei Gelegenheiten in 30 Jahren, und zwar gegen China 1894/1895, gegen Russland 1904/1905 und gegen China und Deutschland in der Zeit von 1914 bis 1918, war Japan aus reiner Aggressivität in kriegerische Aktionen eingetreten“ (S. 163).

Der Erste Weltkrieg (1914-18)

Quigley bespricht neun politische Krisen im Vorfeld des Kriegs. Bemerkenswert sind die „psychologischen Bedingungen“ der letzten Krise im Juli 1914, die durch die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers ausgelöst wurde: u.a. Erschöpfung der Nerven, „körperliche Erschöpfung durch schlaflose Nächte, der stetige Stimmungsumschwung zwischen patriotischem Stolz und kalter Angst“, „Wut auf den Gegner“, die Entschlossenheit, auf den Krieg vorbereitet zu sein „und schließlich die tiefe Überzeugung, dass die ganze Erfahrung nur ein Albtraum war und dass irgendeine Macht im letzten Moment das alles stoppen würde“ (S. 173).

Die serbische Regierung hatte Kenntnis von dem Mordplan, was Österreich aber nicht beweisen konnte. Das Mordmotiv war die Furcht der Serben, Österreich-Ungarn könnte die Doppelmonarchie unter Einschluß der Slawen in eine Dreifachmonarchie umwandeln. Die Serben verließen sich auf die Russen, die Österreicher auf die Deutschen. Die Franzosen wollten Elsaß und Lothringen zurückgewinnen und verließen sich auf Großbritannien. Die Deutschen wollten Frankreich zuerst angreifen, um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden.

Die Militärgeschichte ersten drei Jahre des Ersten Weltkriegs faßt Quigley damit zusammen, daß die Soldaten auf allen Seiten scheiterten, weil sie „völlig unmögliche Dinge durchzuführen versuchten“ (S. 177). Scheitern bedeutet: hohe Verluste ohne Sieg.

Den ganzen Krieg betrachtet Quigley als „Belagerungsoperation gegen Deutschland“: „Um Deutschland zu schwächen, begannen die Entente-Mächte eine Blockade der Mittelmächte“ (S. 183). Es war „ein Rennen zwischen der wirtschaftlichen Abnutzung Deutschlands durch die Blockade und der personellen Abnutzung der Entente durch militärische Aktionen“ (S. 184).

Deutschlands Heimatfront wurde von zwei Juden gehalten (die Dolchstoßlegende ist eine wertlose Unterstellung):

  • Der Chemiker Fritz Haber (1868-1934) „entwickelte ein Verfahren zur Stickstoffgewinnung aus der Luft und sicherte damit die ausreichende Versorgung mit dem notwendigsten Bestandteil aller Düngemittel und Explosivstoffe.“
  • Walter Rathenau (1867-1922) „mobilisierte das deutsche Wirtschaftssystem auf eine Weise, die es Deutschland ermöglichte, den Kampf trotz langsam schwindender Rohstoffe weiterzuführen“ (S. 183).

Die diplomatischen Bemühungen während des Kriegs drehten sich um Neutralität (1), Kriegsbeteiligung (2) und einen Verhandlungsfrieden (3). Demokratie und Massenheere bedingten Quigley zufolge den totalen Krieg, da die „Unterstützung der Bevölkerung […] nur für große moralische Ziele oder universelle philosophische Werte oder schlussendlich für das bloße Überleben zu erlangen“ war (S. 184).

Zu (1): „Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten sowie zwischen kriegführenden und neutralen Ländern wurde verwischt und letztlich aufgehoben“ (S. 185).

Zu (2): Verbündete (Italien und Rumänien) wurden zu Kriegsgegnern Deutschlands. Die Entente wurde durch „England, Belgien, Griechenland, die USA, China, Japan, die Araber und 20 andere ‚alliierte und assoziierte Mächte'“ verstärkt (S. 187). Insgesamt waren es „32 alliierte und assoziierte Mächte“ (S. 207).

Zu (3): Ein Verhandlungsfrieden scheiterte an den Kriegszielen der beteiligten Parteien. Der Friede von Versailles war letztlich kein Ergebnis von Verhandlungen, sondern eine Kapitulation der Deutschen.

Sir Henry McMahon korrespondierte zwischen 1915 und 1916 mit dem Sherif Hussein von Mekka. Im November 1917 schrieb Arthur James Balfour an Lord Rothschild, daß sich die britische Regierung für „‚die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina […] einsetzen'“ werde. Dabei sollten weder die Rechte von Palästinensern noch von Juden in anderen Ländern beeinträchtigt werden (S. 192). „McMahon interpretierte nach 1922 bei unterschiedlichen Gelegenheiten die entsprechenden Bestimmungen so, dass Palästina den Arabern vorenthalten bleiben sollte“ (S. 191).

Zur Kriegspropaganda:

  • „Das österreichische Ultimatum an Serbien wurde groß herausgestellt, aber die russische Mobilmachung, die den Krieg einläutete, wurde kaum erwähnt“ (S. 204).
  • „Die deutsche Verletzung der belgischen Neutralität wurde ständig beklagt, während nichts über die Verletzung der Neutralität Griechenlands seitens der Entente gesagt wurde“ (S. 204).
  • „Als belgische Zivilisten auf deutsche Soldaten schossen, nahmen Letztere Zivilisten als Geiseln und übten gegen sie Repressalien aus. Diese deutschen Maßnahmen wurden von der britischen Propaganda in der ganzen Welt als ‚Gräueltaten‘ und Verletzungen des Völkerrechts (die es waren) verbreitet, während die belgischen zivilen Heckenschützen als treue Patrioten entschuldigt wurden (obwohl ihre Handlungen noch deutlichere Verletzungen des Völkerrechts waren und als solche die harten Reaktionen der Deutschen rechtfertigten)“ (S. 186).
  • „Die Vereinigten Staaten akzeptierten einerseits die britische ‚Kriegszone‘ und verboten ihren Schiffen, sie zu benutzen. Andererseits weigerten sie sich, die deutsche Kriegszone zu akzeptieren“ (S. 186).
  • „Das gewünschte Feindbild wurde durch die Auswahl und Verfälschung der Beweismittel erzeugt, sodass bis 1918 viele im Westen in den Deutschen blutrünstige und sadistische Militaristen sahen, während den Deutschen die Russen als untermenschliche ‚Monster‘ galten. […] Aber die Entdeckung nach 1919, dass sie getäuscht worden waren, führte zu einer Skepsis gegenüber allen Regierungsmitteilungen, was besonders im zweiten Weltkrieg auffiel“ (S. 204).

Die Zwischenkriegszeit (1919-1938)

Quigley sieht die Friedensverträge insgesamt positiv, denn „die Bedingungen der Verträge […] waren weder unfair noch rücksichtslos und fielen weit milder aus als jeder Friedensschluss, der sich nach einem deutschen Sieg ergeben haben würde. Sie begründeten ein neues Europa, das, zumindest politisch gesehen, gerechter war als das Europa vor 1914“ (S. 206). Quigley meint, die allgemeine Entwicklung wäre ohnehin in diese Richtung verlaufen, aber langsamer: „Das Ergebnis war nur, dass es zu Veränderungen, die in Friedenszeiten 30 oder sogar 50 Jahre gedauert hätten, durch den Krieg innerhalb von etwa fünf Jahren kam“ (S. 199).

Von den Sicherheitsgarantien kritisiert Quigley am meisten den Briand-Kellogg-Pakt (1928), da er trotz des Verzichts auf Angriffskriege das Völkerrecht demontierte:

  • Gegen den Verzicht auf Kriege als Mittel der Politik hatten drei Länder Vorbehalte, die aber nicht in den Text des Pakts aufgenommen wurden: Frankreich wollte sich verteidigen dürfen, England wollte im Nahen Osten Kriege führen, die man nicht als Selbstverteidigung verstehen konnte, und die USA wollten „im Sinn der Monroe-Doktrin Kriege […] führen“ (S. 226). Letzteres bedeutete ursprünglich, Kolonisationsversuche der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent zu verhindern und sich aus innereuropäischen Angelegenheiten herauszuhalten. Theodore Roosevelt (1858-1919) erweiterte jedoch die Monroe-Doktrin „im Sinne einer internationalen Polizeifunktion der USA in der westlichen Hemisphäre“ (MEL 16/454).
  • „Der Briand-Kellogg-Pakt unternahm einen der ersten Schritte zur Aufhebung der rechtlichen Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden, da von nun an die Mächte Kriege führten, ohne ihn zu erklären“ (S. 226).

Bei den Abrüstungsbemühungen unterscheidet Quigley zwei Ansätze, von denen er den zweiten für richtig hält:

  • Vor allem Großbritannien, die USA und Japan „argumentierten, Rüstung führe zu Krieg und Unsicherheit, demnach sei der richtige Weg zur Abrüstung schlicht darin zu suchen, dass man Waffen abbaue“ (S. 227).
  • Die Kontinentaleuropäer, vor allem Frankreich und die Tschechoslowakei, „argumentierten hingegen, Rüstung werde durch Krieg und die Angst vor Krieg ausgelöst, und der richtige Weg zur Abrüstung sei, die Nationen sicherer zu machen“ (S. 227).

Die Schätzungen, wieviel Reparationen die Deutschen zahlten, gehen weit auseinander. Quigley schätzt „rund 40 Milliarden Mark für die Reparationszahlungen insgesamt“ (S. 239). Die Hauptprobleme waren, daß die Deutschen nicht zahlen wollten und die Gläubiger deutsche Waren und Dienstleistungen ablehnten.

Zeitweise wurde folgender Ausweg gefunden: Mit der Hilfe von US-Krediten bauten die Deutschen ihre Industrie wieder auf und konnten auf diese Weise ihre Kriegsschulden zahlen.

Wirtschaftsgeschichte 1897-1947

Quigley teilt die wirtschaftliche Entwicklung von 1897 bis 1947 in sechs Phasen ein, die „sich in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten“ ereigneten und einander überlappten“ (S. 242): Reflation (der Geldumlauf wird erhöht) – Inflation (das Geld wird entwertet, indem der Geldumlauf ausgeweitet wird, ohne die Produktion zu erhöhen) – Stabilisierung – Deflation (der Geldumlauf wird verringert, ohne die Produktion einzuschränken) – Reflation – Inflation.

Er untersucht die Wirtschaftsgeschichte, weil er meint, daß die Wirtschaftsdepression „die Machtergreifung Hitlers möglich“ machte, „und diese erlaubte die Aggressionen Italiens und Japans und veranlasste die Appeasement-Politik Großbritanniens“ (S. 242). Die von den Bankiers erzeugte „Deflationskrise zwischen 1927 und 1940 […] gab […] den Anstoß zu den Aggressionen der Nationen, denen die parlamentarischen Regierungen erlagen, und wurde somit zur Hauptursache des Zweiten Weltkriegs“ (S. 272).

Dementsprechend war das Ansehen der Bankiers nach dem Zweiten Weltkrieg „stark gesunken […]. Statt als Herren des Wirtschaftssystems galten sie nun als dessen Diener. Das wurde dadurch erreicht, dass man sich jetzt mehr um die realen Wirtschaftsfaktoren kümmerte statt wie früher um die finanzielle Buchhaltung“ (S. 282).

Die Deflationskrise „erlaubte der Welt, in einem Märchenland der Selbsttäuschungen fern aller wirtschaftlichen Realitäten zu leben“ (S. 259). Die Weltwirtschaftskonferenz 1933 scheiterte, weil sich die beteiligten Länder nicht einigen konnten. Das lag daran, daß sie lediglich ihre Eigeninteressen vertraten, anstatt in ihre Überlegungen die ganze Erde oder „längerfristige Entwicklungen“ einzubeziehen (S. 268).

Der wirtschaftliche Nationalismus entstand Quigley zufolge nicht „aus nationalistischen Gründen […], das heißt, zur engeren Integration seiner Bevölkerung oder um sich deutlich von anderen Völkern abzuheben oder um das eigene Volk über die anderen zu erheben. […] Er beruhte auf der Tatsache, dass die Nation die einzige soziale Einheit war, die in der Notlage, die sich aus der Depression ergeben hatte, handeln konnte“ (S. 278).

Der Sozialismus

Quigley meint, daß es „fast so viele verschiedene Arten von Sozialismus“ gab, „wie es Sozialisten gab, und die Überzeugungen, die unter diese Bezeichnung fielen, änderten sich von Jahr zu Jahr und von Land zu Land“ (S. 286).

Im Prinzip unterscheidet er zwei Gruppen:

  • Anarchisten und Syndikalisten wollten „den Staat abschaffen oder seine Funktionen verringern“;
  • Sozialisten und Kommunisten wollten „die Funktionen des Staates durch die Übernahme wirtschaftlicher Aktivitäten erweitern“ (S. 287).

Marx machte laut Quigley folgende Fehler:

  • In den Industrieländern wurden nicht die Arbeiter, wie Marx meinte, ausgebeutet, sondern Arbeiter und Unternehmer beuteten gemeinsam die Verbraucher aus.
  • Marx verkannte die Maschinisierung und Massenproduktion, die „Massenkonsum und […] steigenden Lebensstandard“ voraussetzen.
  • Die Reichen wurden nicht immer reicher, wie Marx meinte, sondern, was Quigley denkt, „unter dem Einfluss der progressiven Einkommen- und Erbschaftsteuer […] immer ärmer“ (S. 290).
  • In den Industrieländern waren eher die Kleinbürger als die Proletarier revolutionär gesinnt, aber anders, als Marx erhoffte, nämlich nicht antibürgerlich oder antikapitalistisch, sondern nationalistisch, antisemitisch, antidemokratisch und antigewerkschaftlich.

Was in Rußland geschah, wurde eher vom Zarismus (Geheimpolizei, Zweiklassengesellschaft, Verfolgung Andersdenkender) als vom Marxismus bestimmt, der für Menschlichkeit, Gleichheit, „Voreingenommenheit gegen Militarismus und Zwangsmaßnahmen“ (S. 301) stand.

Das „Axiom“ der Bolschewiki lautete, „dass die kapitalistischen Länder den erfolgreichen Aufbau eines sozialistischen Systems, das den gesamten Kapitalismus als veraltet erscheinen ließe, in der Sowjetunion nicht dulden würden. Diese Vorstellung wurde vom ‚Imperialismus als letztem Stadium des Kapitalismus‘ verstärkt, zu der Lenin den Hauptbeitrag geliefert hatte. Nach dieser Theorie tritt ein vollindustrialisiertes kapitalistisches Land in eine Phase der wirtschaftlichen Depression ein, die es veranlasst, ein Programm kriegerischer Aggression zu übernehmen“ (S. 300).

Während Lenin dem Prinzip von Versuch und Irrtum folgte, rechtfertigte Stalin seinen Terror mit der drohenden Aggression des imperialistischen Westens. Den Überfall Hitlers auf Rußland betrachtete er als endgültigen „Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung“ (S. 301).

Deutsche Geschichte 1913-1945

Quigley erklärt das Dritte Reich mit dem Charakter der Deutschen, die nicht wie die westlichen Europäer der „Faszination des Totalitarismus“, der von der Antike herrühre, entkommen seien (S. 310). Er vergleicht die Deutschen in diesem Punkt mit den Russen, denen es ähnlich ergangen sei. Er meint, die Deutschen litten an einer Entscheidungsschwäche. „Individualismus, Selbstvertrauen und Rationalismus“ seien ihnen verhaßt (S. 312).

Ein zweiter Erklärungsansatz Quigleys ist das Verhalten Frankreichs gegenüber Deutschland: „Hitler, Bismarck und sogar Kaiser Wilhelm II. könnte man auch als Deutschlands Rache an Frankreich wegen Richelieu, Ludwig XIV. und Napoleon verstehen“ (S. 312).

Quigley kritisiert insbesondere die Renommierungssucht der Deutschen, die sich „Titel, Uniformen, Namensschilder, Fahnen, Abzeichen“ u.a. dienstbar mache (S. 313). Verglichen mit anderen Europäern seien die Deutschen am kindlichsten, die Engländer am sozialisiertesten, die Franzosen am kultiviertesten, die Italiener am geselligsten und die Spanier am individualistischsten.

Vor 1914 sei Deutschland keine Demokratie gewesen. Das Quartett aus Armee, Grundbesitzern, Bürokratie und Industriellen hätte „wie seltsam große Tiere die kleineren“ herumgescheucht (S. 316). Die Revolution von 1918 habe daran nichts geändert, obwohl sie die Monarchie abgeschafft habe.

Die Sozialdemokraten (SPD) und die Zentrumspartei hätten eine tatsächliche Revolution verhindert. Nur die Deutsche Demokratische Partei (DDP) sei wirklich demokratisch eingestellt gewesen. Die SPD sei nur „theoretisch“ gegen den Krieg gewesen, habe ihn aber „aus Patriotismus“ unterstützt (S. 318). Die NSDAP sei vom Großteil der Bevölkerung „für eine revolutionäre Linke“ gehalten worden, „die sich nur durch ihren Patriotismus von den Kommunisten unterschied“ (S. 326). Sie habe schließlich aus dem Quartett ein Quintett gemacht. Denn der „Nihilismus der Nazis“ sei „nur die logische Folge der üblichen Methoden des Quartetts zur Durchsetzung seiner Ziele“ gewesen (S. 335).

Quigley hält das „NS-Regime im Gegensatz zum faschistischen Regime in Italien“ für „nicht totalitär“, weil „das Wirtschaftssystem nicht vom Staat regiert“ wurde und dem Militär und den Gutsbesitzern alle „Wünsche erfüllt“ wurden (S. 335). Nicht einmal die Bürokratie sei völlig gleichgeschaltet gewesen, sondern nur „in ihrer Macht sehr beschnitten“ worden. Sie habe aber „unter den Nazis zunehmend nach irrationalen und sogar unbekannten Regeln“ gearbeitet (S. 338).

Die nationalsozialistische Bewegung sei „eine Ansammlung von Gangstern, Neurotikern, Söldnern, Psychopathen und nur Unzufriedenen mit einer geringen Beimischung von Idealismus“ gewesen (S. 335). „Das NS-System war ein diktatorischer Kapitalismus“ (S. 339). „Die Partei war größtenteils paranoid, rassistisch und rigoros nationalistisch“ (S. 344). „Die Parteiführung kontrollierte den Staat und der Staat die Partei“ (S. 345).

Die Beschwichtigungspolitik Großbritanniens (1900-1939)

Hintergrund. Quigley charakterisiert das politische System Großbritanniens als „‚Parteidiktatur'“ und „größte Plutokratie der Welt“ (S. 354): „Die auf Brauchtum gegründete Verfassung beruht […] nur auf der öffentlichen Meinung als ihrer Bestätigung. Jede britische Regierung tut, was sie will, solange sie nicht die öffentliche Meinung gegen sich aufbringt“ (S. 352). Für die Parteimitglieder gelte bei Abstimmungen ein strenger Fraktionszwang. Ein Verständnis der Gesetze, über die abgestimmt werden soll, werde „nicht erwartet.“ Das Kabinett könne „Gesetzesverstöße genehmigen“ (S. 353).

Wer gewählt werden wollte, mußte genug Freizeit haben, also wohlhabend sein und „Sekretärinnen und Assistenten“ bezahlen können, um „mit dem nötigen technischen Wissen unterstützt“ zu werden (S. 355). Beide Parteien (Konservative und Labour-Partei) vertraten „direkt die eingefahrenen Wirtschaftsinteressen“; insofern brauchte man keine Lobbyisten (S. 359).

Und so gesehen gab es eine Gemeinsamkeit mit der NSDAP, die den Geschäftsleuten „praktisch“ alles gab, „was sie wollten“: Sie „bekamen die Arbeiter und die Lohn- und Arbeitsbedingungen, die sie haben wollten. Für sie waren auch die Gewerkschaften und Tarifverhandlungen abgeschafft worden, was ihren Hauptbestrebungen auf diesem Gebiet entsprach.“ Die Führer in den Fachverbänden waren nach wie vor „prominente Geschäftsleute. Von 173 Führungskräften in Deutschland waren neun Beamte und nur 21 Parteimitglieder, 108 waren Geschäftsleute, der Status der restlichen ist nicht bekannt“ (S. 342).

In Großbritannien war das „politische Hauptthema des Tages […] der Kommunismus“ (S. 366) – ebenfalls einer der Feinde der NSDAP.

Eine weitere Parallele war das Incitement to Disaffection-Gesetz über die „Aufstachelung zu politischer Unzufriedenheit“ aus dem Jahr 1934. Es „hob viele über die Jahrhunderte erworbene persönliche Freiheiten auf, indem es Hausdurchsuchungen der Polizei erleichterte und den bloßen Besitz von Material, das geeignet war, gegen die Streitkräfte aufzuwiegeln, zum Verbrechen erklärte. […] Zum ersten Mal seit drei Generationen wurden die persönlichen Freiheits- und Bürgerrechte in Friedenszeiten eingeschränkt.“ Es gibt also keinen Grund, sich über die „tolerante Haltung gegenüber dem Faschismus“ zu wundern (S. 370).

Angriffskriege im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs. Japan und Italien gehörten zu den Siegermächten im Ersten Weltkrieg. Quigley meint, „dass weder Japan noch Italien einen erfolgreichen Angriff ohne die gleichgerichtete Aggression Deutschlands durchgeführt hätten“ und „dass Deutschland die Aggression nicht ohne die Einwilligung und in einigen Fällen sogar die tatsächliche Aufforderung seitens der ‚befriedigten‘ Mächte, vor allem Großbritanniens, vorgenommen hätte“ (S. 419).

Die Überfälle von Japan auf die Mandschurei (1931) und Nordchina (1937) lösten Japans wirtschaftliche Probleme nicht. Da die Japaner fürchteten, daß die USA einen Überfall auf Niederländisch Hinterindien und die Malaiische Halbinsel nicht dulden würden, griffen sie zuerst die USA an (Pearl Harbor 1941).

Mussolinis Angriff auf Äthiopien (1934), Hitlers Einmarsch in das Rheinland (1936) und die polnische Invasion in die Tschechoslowakei (1938) wurden von Großbritannien im Prinzip hingenommen.

Im Fall Äthiopien „führte der Wunsch Frankreichs nach keinen Sanktionen in Verbindung mit dem britischen Wunsch nach unwirksamen Sanktionen schließlich zu nur vorgetäuschten Sanktionen. Weil es überhaupt zu Sanktionen kam, verlor Frankreich die Unterstützung Italiens gegen Deutschland, und weil sie unwirksam waren, verlor Frankreich auch noch das System der kollektiven Sicherheit des Völkerbunds gegen Deutschland“ (S. 431).

Der spanische Bürgerkrieg. Die Achsenmächte unterstützten Franco, stritten das aber ab. Die Russen unterstützten die Kommunisten. „Großbritanniens Haltung war so hinterhältig, dass sie kaum zu entwirren war“. Um „die Zustimmung zur Nichteinmischungs-Vereinbarung zu erhalten“, übertrieb Außenminister Robert Anthony Eden (1897-1977) die Kriegsgefahr. Die Sympathie der englischen Regierung für Franco wurde der Öffentlichkeit gegenüber verheimlicht (S. 450).

Der Anschluß Österreichs. Großbritannien ließ Hitler freie Hand inbezug auf Österreich, die Tschechoslowakei und Danzig. Einzige Bedingung war, daß Hitler keine Gewalt einsetzen durfte. Am 8.6.1938 schrieb Herbert von Dirksen (1882-1955), der 1938/39 deutscher Botschafter in London war, an Ribbentrop: „‚Alles, was erreicht wird, ohne einen Schuss abzufeuern, kann mit der Zustimmung der Briten rechnen'“ (S. 465).

Hitler stellte Schuschnigg zwar kein Ultimatum, doch es „war ganz klar, dass für den Fall, das friedliche Methoden nicht weiterführen, kriegerische angewandt werden würden“ (S. 466). „Göring forderte von Seyß-Inquart ein Telegramm an, in dem er um deutsche Truppen bat, um die Ordnung wiederherzustellen, um damit die Invasion zu rechtfertigen. Er bekam keines, also schrieb er es sich selbst“ (S. 467).

Vor der Volksabstimmung am 10.4.1938 „wurden diejenigen, die sich den Nazis widersetzt hatten, ermordet oder versklavt, die Juden geplündert und missbraucht und die Nazi-Gangster, die Österreich jahrelang durcheinandergebracht hatten, übertrieben geehrt“ (S. 467). Dementsprechend fiel das Abstimmungsergebnis aus: 99% waren für den Anschluß an Deutschland.

Die Zerschlagung der Tschechoslowakei. Hitler wollte die Sudetendeutschen vor den Tschechen retten und drohte mit Krieg. England wollte ein starkes Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus. Da die Tschechen militärisch so stark waren, daß sie sich erfolgreich gegen die Deutschen wehren konnten, wurde eine Lügenmaschinerie in Gang gesetzt:

  • Die Tschechoslowakei wurde als „‚Speerspitze des Bolschewismus in Mitteleuropa'“ (S. 469), als „eine künstliche Monstrosität, eine Verirrung von 1919“ hingestellt (S. 473), die auch im Fall eines Sieges der Tschechen nicht wiederhergestellt werde.
  • Verhandlungen wurden durch die Sudetendeutschen torpediert.
  • Die öffentliche Meinung wurde durch Angstmache vor den Schrecken eines Krieges manipuliert. Die Londoner mußten Gasmasken anschaffen und Gräben ausheben.
  • Die Tschechen wurden angewiesen, Deutschland nicht durch eine Mobilisierung zu „‚provozieren'“ (S. 473).

Kurz: „Im Allgemeinen wurde jeder Bericht oder jedes Gerücht, das Panik und Defätismus verstärken konnte, hochgespielt und alles, was zu einem starken oder einem vereinten Widerstand gegen Deutschland beitragen konnte, heruntergespielt“ (S. 474).

Auf der Vier-Mächte-Konferenz (vertreten durch Hitler, Chamberlain, Mussolini und Daladier) in München wurde dann die Tschechoslowakei ohne Rücksprache mit anderen Ländern aufgeteilt. „Das Münchner Abkommen wurde in allen Punkten zugunsten Deutschlands verletzt“ – „Polen besetzte […] tschechische Gebiete, in denen die Mehrheit der Bevölkerung nicht polnisch war“, Ungarn bekam die südliche Slowakei, Deutschland diktierte die Grenze zu den Tschechen, die Slowakei und Ruthenien wurden autonom. „Die Sowjetallianz wurde beendet und die kommunistische Partei verboten. Die aus dem Sudetenland vor den Nazis Geflohenen wurden von der Prager Regierung zusammengetrieben und an die Deutschen zur Vernichtung ausgeliefert“ (S. 477).

Das Ende der Beschwichtigungspolitik. Die Beschwichtigungspolitik endete nicht mit Hitlers Plänen, auch den Rest der Tschechoslowakei und das Memelland zu übernehmen. Sie endete auch nicht, als Hitler aus Böhmen-Mähren und der Slowakei deutsche Protektorate machte und Ungarn Ruthenien annektierte.

Sie endete erst „im Januar 1939, als britische Diplomaten in Europa London mit Gerüchten über einen bevorstehenden Angriff auf die Niederlande und Frankreich zu bombardieren begannen“ (S. 479f).

Quigley hält die Beschwichtigungspolitik für „eine Art langsamer Selbstmord“. Hitlers „eigentliches Ziel“ sei „Macht, Reichtum und schließlich die Weltherrschaft“ gewesen (S. 479). Er habe das Münchener Abkommen als eine Form des Betrugs empfunden, da er keinen Krieg bekommen habe. „Das nächste Mal, sagte Hitler, hoffe er, dass kein ‚Dreckschwein‘ eine Konferenz vorschlagen werde“ (S. 478). Er sei „allein aufgrund des persönlichen emotionalen Reizes, über große Macht zu verfügen, zum Krieg entschlossen“ gewesen, meint Quigley (S. 481).

Es wurde trotzdem weiter verhandelt, es wurden Bündnisse angeboten und ausgeschlagen und angenommen. „All dies war vergebens, weil Hitler zum Krieg entschlossen war. Die meiste Aufmerksamkeit widmete er in den letzten Friedenstagen auf die Inszenierung von Vorfällen, um seinen bevorstehenden Angriff zu rechtfertigen“ (S. 491).

Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)

Ich greife nur einige Gesichtspunkte heraus:

Russische Deserteure. Während Hitlers Feldzug gegen Rußland begannen viele gegen Stalin eingestellte Russen, vor allem Ukrainer, „sich den Nazis zu ergeben.“ Sie wollten „mit den Nazis gegen das stalinistische Regime der Sowjetunion […] kämpfen. Wären die Nazis bereit gewesen, mit dieser Bewegung zusammenzuarbeiten und die Deserteure auf eine anständige Weise zu behandeln, wäre es sehr wahrscheinlich gewesen, dass die Menge der russischen Deserteure zu einer reißenden Flut geworden und das Moskauer Regime hinweggespült hätte“ (S. 542).

Doch Hitler wollte die Slawen nicht befreien, sondern vernichten. Trotzdem setzten sie ca. 900000 Deserteure als Wächter und Besatzer ein. Erst im November 1944 erlaubte Himmler dem abtrünnigen sowjetischen General Andrei Andrejewitsch Wlassow (1900-1946), „einen Aufruf zu einer antistalinistischen Befreiungsarmee der Russen zu erlassen. In sechs Wochen erhielt diese Organisation eine Million Anträge auf Mitgliedschaft, bekam aber fast keine Ausrüstung und konnte somit nur 50000 Mann in Kampfeinheiten organisieren“ (S. 542).

Als der Krieg zu Ende ging, flohen Hunderttausende dieser Deserteure in den Westen, wurden aber an die Sowjetunion ausgeliefert, „um kurzerhand ermordet oder in Sklavenarbeitslager nach Sibirien geschickt zu werden“ (S. 542). Wlassow wurde hingerichtet.

Die Nöte von Japan. Die wirtschaftliche Not Japans wurde durch hohe Zölle der USA und die „‚Empire-Bevorzugung‘ im britischen Commonwealth“ verschärft. „Da sich Japan nicht gegen solche wirtschaftliche Maßnahmen verteidigen konnte, griff es zu politischen. Eine andere Form der Reaktion wäre gegen die japanischen Traditionen gewesen.“ Doch gegen politische Maßnahmen Japans „konnten sich die Westmächte unvermeidlich mit noch größeren wirtschaftlichen Einschränkungen“ wehren und Japan „über eine Reihe von Eskalationsstufen“ in einen aussichtslosen Krieg treiben (S. 547).

Die Amerikaner machten in den Augen Quickleys gegenüber den Japanern 1940/41 einen doppelten Fehler: „Einerseits bestand kein Verhältnis zwischen unseren Anforderungen an Japan und unserer tatsächlichen Macht im Pazifik, da unsere Forderungen weit über unsere damalige Stärke hinausgingen. Andererseits gab es keine Beziehung zwischen unseren strategischen Plänen und unseren diplomatischen Aktivitäten. Das hatte zur Folge, dass es auch keine Beziehung zwischen unserer Politik gegenüber Deutschland und der gegenüber Japan gab“ (S. 550).

Die Rundfunkmeldung vom 13.4.1943, die sowjetischen Behörden hätten in Katyn im Frühjahr 1940 5000 polnische Offiziere ermordet, wurde von Moskau als „Nazi-Propagandatrick“ (S. 575) abgetan. Die polnische Exilregierung in London verlangte eine Untersuchung, was zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der UdSSR führte.

Von den vielen Beweisen dafür, daß die Nazis in dieser Angelegenheit die Wahrheit sagten, führt Quigley folgende auf:

  • den guten Zustand der Kleidung der Opfer;
  • die Dokumente bzw. Briefe der Opfer mit Daten vor dem April bzw. Mai 1940;
  • die Anordnung der Gräber in der Reihenfolge des Aufbruchs der Offiziere aus dem sowjetischen KZ Kozielski;
  • die nach dem April 1940 als unzustellbar zurückgeschickten Briefe der Familien der Opfer;
  • Geständnisse sowjetischer Beamte.

Die Friedenspläne der Anglo-Amerikaner für Deutschland waren zunächst widersprüchlich: Einerseits sollte Deutschland „völlig entwaffnet und industriell gelähmt werden“, andererseits sollte es Reparationen zahlen (S. 590).

Ihren Lebensstandard während des Kriegs konnten die Deutschen im Gegensatz zu den Alliierten im wesentlichen halten. Die wichtigsten Mittel dazu waren die Plünderung der eroberten Gebiete und die Zwangsarbeit der Kriegsgefangenen.

Die Vereinigte Bomber-Offensive der Alliierten betrachtet Quigley als „Versuch, die weitgehend irrtümlichen Vorstellungen des italienischen Generals Giulio Douhet umzusetzen.“ Quigley hält einen Teil der „Behauptungen […] und Mutmaßungen“ Douhets für „beinahe völlig falsch“ (S. 596) und unsinnig. Die Luftwaffe Großbritanniens und der USA hätte sie aber „weitgehend akzeptiert.“ Die „strategische Bombardierung“ Deutschlands sei „weitgehend ein Fehlschlag“ gewesen, „und zwar wegen der schlechten Auswahl der Ziele und der langen Intervalle zwischen der Wiederholung der Angriffe“ (S. 597).

Entgegen den Erwartungen brachen die Bombardierungen der Städte die Moral der Zivilbevölkerung nicht, weder bei den Deutschen noch bei den Engländern noch bei den Russen. Die Soldaten an der Front wurden stärker davon demoralisiert, obwohl sie selbst nicht unmittelbar darunter litten. Wenn Hitler geeignete Abwehrmaßnahmen ergriffen hätte, „wäre der Einfluss der strategischen Bombardierung der Alliierten auf das Ergebnis des Krieges unbedeutend gewesen“, meint Quigley (S. 601).

Die Hauptfunktion von Krieg sieht Quigley darin, „so schlüssig wie möglich irregeleiteten Geistern zu beweisen, dass sie sich in Bezug auf die Machtverhältnisse irren.“ Allerdings habe der Zweite Weltkrieg mehr als die Kriege davor „auch die objektiven Tatsachen selbst auf höchst drastische Weise“ verändert (S. 618).

Quigley betrachtet den Zweiten Weltkrieg auch als Konflikt zwischen Rationalismus und Irrationalismus: Die Alliierten hätten sich eher auf die Wissenschaft verlassen (nämlich Verfahrensforschung, Entwicklung neuer Waffen, Fortschritte in der Medizin), während Hitler auf Inspiration und Willenskraft, Mussolini auf Rhetorik und die Japaner auf Selbstmordattentate gesetzt hätten.

Ausführlich geht Quigley auf die Folgen der Entwicklung der Atombombe ein: Sie habe den Krieg gegen die Japaner lediglich um einige Wochen verkürzt. Eine konsequente Blockade der japanischen Häfen hätte ebenso zur Niederlage von Japan geführt.

Die bei der Entwicklung der Atombombe eingesetzten Sicherheitsmaßnahmen seien nicht nur nutzlos gewesen, sondern hätten die Wissenschaftler behindert. Da sie eigentlich gegen Deutschland gebaut wurde, hielten „viele Wissenschaftler“ nach dem Sieg über Deutschland „die weitere Arbeit an der Bombe für unmoralisch und für nicht mehr begründbar“ (S. 641f).

Quigley beklagt die Desinformation im Zusammenhang mit der Atombombe. Außerdem kritisiert er, daß die Wissenschaftler nicht über den Stand des Kriegs und die Politiker nicht über die Wirkung der Atombombe Bescheid wußten. General Leslie Richard Groves (1896-1970) und andere „wollten sie eingesetzt sehen, um die zwei Milliarden Dollar, die dafür ausgegeben worden waren, zu rechtfertigen“ (S. 644).

Doch nach dem Krieg hatte der Besitz der Atombombe laut Quigley weitreichende Folgen:

  • Ohne die US-Atombombe hätte sich die UdSSR nicht darum bemüht.
  • Die Atombombe habe die Expansion der UdSSR nach 1945 verhindert.
  • Ohne die Atombombe hätte es in Italien, Frankreich, Indien und „großen Teilen Afrikas“ kommunistische Regierungen gegeben (S. 645).
  • Ohne die Atombombe wären die USA den UdSSR unerträglich unterlegen gewesen und hätten womöglich deshalb einen Krieg führen müssen.

Doch das alles ist nur die eine Seite. Die Kehrseite seien folgende Konsequenzen der Atombombe: Die neuen Waffen erforderten Berufssoldaten. „Dies zerstört eine der drei Grundlagen der politischen Demokratie. Diese drei Grundpfeiler sind 1), dass die Menschen an tatsächlicher Macht relativ gleichgestellt sind, 2) dass die Menschen relativ gleichen Zugang zu den erforderlichen Informationen haben, um Regierungsentscheidungen zu treffen, und 3) dass die Menschen psychologisch bereit sind, Regelungen der Mehrheit im Gegenzug für das Bürgerrecht zu akzeptieren, das jeder Minderheit erlaubt, sich selbst aufzubauen, um eine Mehrheit zu werden“ (S. 646).

Die zweite Grundlage der Demokratie sei durch Geheimhaltung, Sicherheitspolitik und die zunehmende „Komplexität der Probleme […] untergraben“ worden. Die dritte Grundlage der Demokratie sei in Gefahr „durch die Veränderungen der ersten beiden Grundpfeiler sowie die heutige größere Gefährdung durch außenpolitische Kriege oder innenpolitische wirtschaftliche Zusammenbrüche“ (S. 646).

Die Rivalität um die Atombombe habe das Völkerrecht und die internationale Gemeinschaft fast vollständig beseitigt. Die „Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden, die Rechte der Neutralen, die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, die Natur des Staates und die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Autorität“ würden seither „entfallen“ oder seien „stark verwirrt“ (S. 647).

Der Besitz der Atombombe habe die „Gleichheit der Staaten“ zerstört (S. 648). Er habe Staaten ermöglicht, die nicht in der Lage seien, ihre Grenzen zu schützen oder für innere Ordnung zu sorgen. Beispiele: Kongo, Jemen, Togo. Um 1963 hätten afrikanische Stämme, die nicht einmal die Fahrkosten zahlen konnten, „die Anerkennung ihrer Staatlichkeit durch die Mitgliedschaft in der UNO“ angestrebt. So sei die „Anzahl der als Mitglieder in den Vereinten Nationen registrierten Einzelstaaten […] kontinuierlich von 51 im Jahr 1945 auf 82 im Jahr 1958 bis auf 104 im Jahr 1961“ gestiegen (S. 649).

Der „gesamte Mechanismus internationaler Beziehungen“ habe sich immer mehr „von Machtverhältnissen oder sogar von der Realität“ entfernt und sich „in subjektiven Erwägungen, Symbolen, Prestige, persönlichem Stolz und kleinlichen Gehässigkeiten“ verstrickt. Das atomare Patt im Kalten Krieg habe „die Tür zu einer Refeudalisierung der Autorität“ geöffnet, die eigentlich im 17. Jahrhundert überwunden worden sei (S. 649).

Der Kalte Krieg

Quigley betrachtet die Jahre 1945 – Anfang 1963 als Einheit, die vor allem von der wissenschaftlichen und technologischen Rivalität zwischen den USA und den UdSSR bestimmt war. Die „Folgen eines hypothetischen totalen Atomkriegs im Juni 1963“ wurden so eingeschätzt:

  • Mit einem atomaren Erstschlag könnten die UdSSR an einem einzigen Tag siegen.
  • Würden die UdSSR in Deutschland einmarschieren, könnten die USA mit einem atomaren Erstschlag nicht gewinnen, aber die UdSSR auch nicht.

Weitere bestimmende Faktoren in diesem Zeitraum waren laut Quigley

  • De- und Remobilisierung/Ab- und Aufrüstung/Wettrüsten (Kampf zwischen den drei Waffengattungen um Haushaltsgelder – die Luftwaffe setzte sich gegenüber Heer und Marine durch; in der Atombombenpolitik verfolgten die USA und die Sowjetunion verschiedene Strategien: die Amerikaner verkleinerten die Bomben, die Russen vergrößerten die Trägerraketen, was zu einem Vorsprung bei der Raumfahrt führte; an der Vernünftigkeit einer bemannten Mondlandung zweifelten sowohl die Russen als auch die Amerikaner);
  • der Konflikt zwischen Republikanern und Demokraten „um den Aufstieg und Niedergang des Unilateralismus und Neoisolationismus“ (S. 657);
  • die Machtkämpfe in der UdSSR um die Nachfolge von Stalin;
  • die Schwierigkeiten der USA und der UdSSR mit ihren Verbündeten;
  • die Geschehnisse im Fernen Osten, die 1962 mit dem Bruch zwischen den UdSSR und China endeten.

Wieder greife ich nur einige Gesichtspunkte heraus.

Die Verfolgung der Kommunisten. Die „Angst vor dem Kommunismus“ in den USA nahm ständig zu. „Die wirkliche Bedrohung, wenn es denn eine gab, hinter dieser Angst ist immer noch ungewiss. Der sowjetische und kommunistische Hass auf die amerikanische Lebensweise ist gut belegt, und die Existenz der amerikanischen Kommunistischen Partei als williges Werkzeug einer internationalen, von Moskau aus gelenkten, kommunistischen Verschwörung ist auch unbestritten. Diese Kommunisten betrieben ohne Zweifel Subversion und Spionage und erhielten dabei die Unterstützung von ‚Mitläufern‘ und anderen Sympathisanten. Darüber hinaus waren einige Kommunisten und Mitläufer zweifellos in der Regierung und – in größerem Ausmaß – in einigen anderen Bereichen vertreten“ (S. 685).

Die Anzahl der Kommunisten in den USA sank von ca. 75000 im Jahr 1945 auf 3000 im Jahr 1960. Wie groß ihr Einfluß war, ist „unmöglich […] real einzuschätzen“, da Kommunisten und Antikommunisten die Geheimhaltung zum Lügen benutzten (S. 685):

  • Ex-Kommunisten hätten „Beweise für ihre eigenen Zwecke dramatisiert, verzerrt und (bewusst oder unbewusst) manipuliert“ (S. 690).
  • Die Presse, das Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) und das FBI „glaubten, dass ein guter Zweck schäbige und irreführende Methoden rechtfertigte“ (S. 686).
  • „Bei […] persönlichen Kämpfen schwirrten in den Anhörungen, in der Presse, über den Äther und gelegentlich in Gerichtsverfahren so viele Klagen und Gegenanklagen frei umher, dass die Wahrheit jetzt kaum mehr ermittelt werden kann. Zweifellos lassen sich Lügen und sogar Meineide auf beiden Seiten finden“ (S. 692).

Erfolgreicher als das Lügen, das vor Gericht aufflog, war die Zermürbungstaktik: So sei etwa Edward U. Condon mit „einem Mischmasch von Unwahrheiten, Belanglosigkeiten und falschen Schlüssen“ angeklagt worden. „Nach dem vierten Freispruch und der Eröffnung einer fünften Untersuchung kündigte Condon 1954 sein Regierungsamt“ (S. 693).

Quigley meint, „dass die Spionage“, vor allem die Atomspionage der Kommunisten, „insgesamt erfolgreich war und die Aufklärungsarbeit in der Regel versagte“ (S. 687). Daß es immer wieder zu Überraschungen kam, habe nicht an fehlenden Informationen gelegen, sondern daran, daß diese Informationen nicht geglaubt wurden. Geheimhaltung werde weniger durch Vorenthaltung von Informationen als durch Desinformation erreicht. Doch insgesamt sei der „Einfluss der Kommunisten innerhalb und außerhalb der Regierung […] gering“ gewesen (S. 687).

Aber „die Kosten infolge der Zerstörung des Ansehens unschuldiger Personen und aufgrund der völligen Verwirrung der amerikanischen Bevölkerung waren sehr hoch und weitgehend unnötig. Schließlich wurden einige Regierungsstellen […] ernsthaft geschädigt, und zwar durch den Verlust an Moral, die Störung ihrer Arbeit und die Weigerung wertvoller Personen, unter solchen Bedingungen für die Regierung zu arbeiten“ (S. 694).

Joseph R. McCarthy (1908-1957) richtete bei seinem Versuch „nachzuweisen, dass das Außenministerium und die Armee weithin von Kommunisten unterwandert wurden“, großen Schaden an. Quigley charakterisiert ihn als „ein Stück Elementarkraft, ein Atavismus des urzeitlichen Chaos. Er war der Feind aller Ordnung und aller Autorität, ohne Respekt oder sogar Verständnis für Prinzipien, Gesetze, Verordnungen oder Vorschriften. […] Konzepte, Logik, Unterscheidungen von Kategorien lagen völlig außerhalb seiner Welt.“ Er habe nicht gewußt, „was ein Kommunist und noch weniger was der Kommunismus war. Das war ihm auch egal“ (S. 695).

Er sei ein völlig unmoralischer Sadist gewesen, der alle Menschen einschließlich sich selbst für Gauner gehalten habe. Es sei ihm nur um „persönliche Macht“ gegangen, darum, „Angst zu erzeugen, gegen die Regeln zu verstoßen, Aufmerksamkeit und Bewunderung für sein Tun zu bekommen. […] Alle seine zerstörerischen Instinkte richteten sich gegen alles Etablierte, gegen die Reichen, die Gebildeten, die gut Erzogenen, die Regeln des Senats, das amerikanische Parteiensystem, die Regeln des Fair Play. McCarthy hatte keine Vorstellung von Wahrheit oder vom Unterschied zwischen richtig und falsch, genauso wie er keine Vorstellung von gestern, heute und morgen als getrennte Einheiten hatte“ (S. 695).

Er habe sich wie ein Schauspieler verhalten, der sein eigenes Stück „voller Unwahrheiten und Widersprüche während der Aufführung“ geschrieben habe. Er war ehrlich überrascht und verletzt, wenn eine Person, die er während einer Anhörung stundenlang übel behandelt und beleidigt hatte, unmittelbar nach der Sitzung nicht mit ihm in eine Bar oder sogar zum Abendessen gehen wollte“ (S. 695).

Die angeblichen Dokumente, die McCarthy für seine Anschuldigungen theatralisch einsetzte, hatten in der Regel nicht einmal etwas mit dem Einzelfall zu tun. „In den meisten Fällen hatte er nicht einmal selbst in sie hineingeschaut. Sie waren nur Requisiten für seine Show“, in der er sich ständig widersprach. Dementsprechend „waren seine Geschäfts- und Finanzfragen ebenso wie sein Leben ein einziges Durcheinander in Gestalt von Rechtswidrigkeiten“ (S. 696).

Fazit: „Selbst heute wissen nur wenige Menschen, dass McCarthy in den fünf Jahren, in denen er seine Anschuldigungen vorbrachte, nie einen Kommunisten im State Department aufgespürt hat, obwohl es dort zweifellos einige gegeben haben muss“ (S. 697).

Auch nachdem er „wegen ‚Betrug und Falschmeldung‘ gegenüber dem Senat“ von einem Untersuchungsausschuß verurteilt worden war, den Senator Millard Tydings (1890-1961) leitete, war seine Macht nicht gebrochen, da er durch seine Irreführungen die öffentliche Meinung gegen Senatsmitglieder aufgebracht hatte. Infolgedessen „erlitten mehrere Mitglieder des Senats, die am schärfsten gegen McCarthy aufgetreten waren“, bei den Wahlen im November 1950 „eine Niederlage“ (S. 698).

McCarthy, der nicht einmal vor Bücherverbrennungen zurückschreckte, hatte „mehr Gesetze und Vorschriften als jeder frühere Senator in der Geschichte“ verletzt. Die Regierung unter Eisenhower „fand […] nicht den Mut“, ihn der Spionage anzuklagen (S. 698).

Maos Sieg über Chiang-Kai-shek. Die USA unterstützten den Nationalisten Chiang-Kai-shek gegen den Kommunisten Mao Tse-tung, doch letzterer siegte, weil das Regime Chiang-Kai-sheks inkompetent und korrupt war.

Die Personalpolitik von Außenminister John Foster Dulles (1888-1959), dessen Antikommunismus religiös motiviert war (MEL 7/300), charakterisiert Quigley so: Er „hielt einen Mitarbeiter, sobald er das Ziel eines öffentlichen Angriffs wurde, für unzuverlässig. Die Frage seiner Schuld oder Unschuld blieb dabei definitiv zweitrangig gegenüber de Frage, ob sein Wert für das Amt nicht einfach dadurch zerstört wurde, dass er zum Gegenstand einer Kontroverse gemacht worden war. Wenn das der Fall war, sollte der Mitarbeiter aus dem Dienst entlassen werden, auch wenn er unschuldig war“ (S. 745).

Auf Dulles selbst wurde diese „Sichtweise“ allerdings nicht angewandt. „Der eigentliche Schaden für das Außenministerium ergab sich aus der Beseitigung einiger seiner erfahrensten Mitarbeiter. […] Auf diese Weise wurde George Kennan entlassen […]. Hauptopfer dieser Säuberungen war Robert Oppenheimer“ (S. 745).

Während ursprünglich jeder ein Recht auf die Mitarbeit bei der Regierung hatte, dem nichts „Nachteiliges nachgewiesen werden“ konnte und Wissenschaftler hauptsächlich auf ihre Loyalität hin überprüft wurden, wurden diese „Vorstellungen“ in den Jahren 1951-53 geändert: Die öffentliche Anstellung wurde nun nicht mehr als Recht, sondern als Privileg betrachtet. Das Kriterium der Loyalität wurde durch das Kriterium der Sicherheit ersetzt. An der Stelle von Beweisen genügten nun Zweifel an der Eignung eines Bewerbers (S. 746).

„Zusammengenommen verwiesen diese drei Änderungen die Beweislast an den Arbeitnehmer und nicht mehr an den Ankläger und legten sie so breit an, dass sie kaum zu erfüllen war. Die Regierung musste nichts beweisen, sie brauchte lediglich Zweifel zu hegen. Diese Zweifel brauchten nichts mit der Loyalität oder der Arbeit des Mitarbeiters zu tun haben, sondern konnten sich einfach auf seine Diskretion, seine Trinkgewohnheiten, seine Glaubwürdigkeit oder andere persönliche Merkmale negativer Art beziehen, gleichgültig, ob sie im Bereich seiner Arbeit zur Geltung kamen oder nicht“ (S. 746).

Die Politik Chruschtschows betrachtet Quigley sehr kritisch. Chruschtschow sei gegenüber Stalin blutrünstiger und kriecherischer gewesen als jeder andere in Rußland. In der Landwirtschaft sei es ihm wichtiger gewesen, die Parteikontrolle als die Produktion zu steigern. Sein Aufstieg „vom Parteisekretär zum obersten Autokraten“ sei dem Aufstieg Stalins ähnlich gewesen (S. 756). Allgemein formuliert: „Jedes System des menschlichen Zusammenlebens, das auf Alleinherrschaft und Autorität beruht, […] züchtet […] sadistische Monster“ (S. 766).

Quigley zitiert ausführlich aus Chruschtschows Geheimrede zum 20. Parteitag der KPdSU, in der er mit Stalin abrechnete. Doch als diese Rede nicht geheim blieb und zu Aufständen in Polen und Ungarn führte, fing Chruschtschow wieder an, „das alte Ungeheuer“ Stalin zu loben. Während er in seiner Geheimrede Stalin als Alleinschuldigen hingestellt hatte, gab er nun zu, „‚dass wir in der Tat alle Stalinisten waren'“ (S. 771).

Stalinismus und Titoismus vergleicht Quigley folgendermaßen: Sie würden sich eher inbezug auf ihre Methoden als inbezug auf ihre Ziele (Wohlstand in einem kommunistischen System durch Industrialisierung) unterscheiden. Während Stalin ausländischen Investoren als Spionen mißtraute, öffnete sich Tito ausländischen Investoren und Fachleuten, solange sie ihn politisch nicht kontrollieren wollten. „Der Stalinismus besteht auf einer einheitlichen, zentralisierten Behörde, während der Titoismus eher bereit ist, Vielfalt und kollegiale Kontrolle zuzulassen. […] Schließlich hielten die Stalinisten ihren Weg zum Sozialismus für den einzig richtigen, während die Titoisten behaupteten, es gäbe viele Wege zum Sozialismus“ (S. 767).

Anhand des Sturzes von Mohammad Mossadegh (um 1880 – 1967), der im April 1951 zum Ministerpräsidenten des Iran gewählt wurde, führt Quigley die Mechanismen eines Regimewechsels vor:

Im Juli 1952 „erhielt Mossadegh für sechs Monate diktatorische Vollmachten. Er brach die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien ab, schloss neun britische Konsulate, vertrieb verschiedene britische wirtschaftliche und kulturelle Gruppen und löste den Senat und den Obersten Gerichtshof des Iran, die sein Vorgehen zu hinterfragen begannen, auf“ (S. 793).

Vorausgegangen war ein Konflikt mit Großbritannien über die Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company (AIOC). Da die Sowjetunion „dem Westen volle Handlungsfreiheit ließ“, taten sich die „Briten, die AIOC, das Welterdölkartell, die amerikanische Regierung und die frühere iranische Elite […] unter Führung des Schahs zusammen, um Mossadegh zu stürzen“ (S. 793).

Federführend war CIA-Direktor Allen Welsh Dulles (1893-1969), der Bruder des Außenministers. Mossadegh verließ sich auf das iranische Volk, das mit ca. zwei Millionen Stimmen gegen 1200 Gegenstimmen für ihn war. Da Mossadegh den Rücktritt verweigerte und seine Anhänger „gegen den Schah, der mit seiner Familie nach Rom geflohen war, randalierten“, wurde „ein Anti-Mossadegh-Mob, der von der Armee unterstützt wurde“, von Oberst H. Norman Schwarzkopf mit zehn Millionen Dollar aus dem „unbegrenzten Geheimfonds der CIA“ gekauft. Er besiegte „die Mossadegh-Anhänger in Teheran und tötete mehrere hundert von ihnen. Mossadegh wurde aus dem Amt gedrängt und von General Zahedi abgelöst“ (S. 794).

Für den Nahostkonflikt präsentiert Quigley zwei Lösungen. Die erste ist von ihm selbst, die zweite von der UdSSR (ich beschränke mich auf das Wichtigste):

  • „Die umfassende Verteidigung des Gebietes hätte sich auf Äthiopien, Israel und die Türkei stützen müssen. Den arabischen Staaten hätte man die Unabhängigkeit, Neutralität und Wirtschaftshilfe, die sie haben wollten, gewähren sollen. […] Im Gegenzug hätte man von den arabischen Staaten 1) die Akzeptanz eines Friedensvertrags mit Israel und 2) die Wiederansiedlung der arabischen Flüchtlinge nach dem israelischen Krieg auf den durch das Jordantal-Projekt neu gewonnenen, landwirtschaftlichen Flächen verlangen sollen. Schließlich sollten die Vereinigten Staaten einseitig erklärt haben, dass sie jede erforderliche Streitmacht einsetzen würden, um eine sowjetische Einmischung in den Nahen Osten oder einen Angriff auf die Unabhängigkeit Israels zu verhindern“ (S. 810).
  • Die UdSSR schlug 1957 „gemeinsame Anstrengungen der Vier Mächte (Russland, die Vereinigten Saaten, Großbritannien und Frankreich) vor, um den Nahen Osten auf der Grundlage von sechs Prinzipien neu zu ordnen: 1) friedliche Beilegung aller dortigen Streitigkeiten, 2) Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, 3) Verzicht auf alle Bemühungen, Länder des nahen Ostens in die Militärblöcke der Großmächte zu integrieren, 4) Entfernung der ausländischen Militärstützpunkte und der dort stationierten Truppen aus der Region, 5) wechselseitiges Verbot von Waffenlieferungen und 6) Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung ohne politische oder militärische Verknüpfungen“ (S. 811).

Die Struktur einer diplomatischen Krise reduziert Quigley auf drei Schritte: Konfrontation, Anerkennung und Beilegung. Ihm zufolge gibt nicht der Klügere, sondern der Schwächere nach. Der Stärkere sollte den Besiegten nicht demütigen, da es sonst auf der Verliererseite zu einem Regierungswechsel kommen würde und man nie weiß, ob die neue Regierung ebenso nachgibt.

Andererseits stellt Quigley den demokratischen Rechtsstaat dem archaischen Stammesdenken gegenüber, in dem „Recht und Politik einfach als persönliche Beziehungen“ betrachtet werden, deren hauptsächliche Rechtfertigung die Macht und Position der Person ist, die die Befehle gibt“ (S. 836).

Angesichts der Invasion in der Schweinebucht prägt Quigley folgenden Aphorismus: „Etwas Falsches zu tun ist schlecht, es inkompetent zu tun ist unverzeihlich“ (S. 850). Quigley hält diese Invasion nicht nur für kriminell, sondern für eine Dummheit: „Ein einseitiger, gewaltsamer Angriff auf einen Nachbarstaat, mit dem wir uns nicht im Krieg befanden, in einem Gebiet, in dem wir uns zur multilateralen und friedlichen Beilegung von Streitigkeiten verpflichtet hatten, war eine Absage an all unser idealistisches Gerede über die Rechte kleiner Nationen und unsere Hingabe für friedliche Verfahren, die wir der ganzen Welt seit 1914 gepredigt hatten. Er war ein Verstoß gegen unsere Verpflichtung zur Nichteinmischung in beide Amerikas und speziell in Kuba“ (S. 849).

Die US-Außenpolitik gegenüber Lateinamerika stellt Quigley als egoistisch dar: Den USA gehe es um Profit und Rohstoffe, nicht um die Lösung der Probleme der Lateinamerikaner. Deren Strapazierung als Verbündete gegen Stalin, Hitler und Japan habe „kaum“ etwas gebracht (S. 855). Allgemein würden in der Entwicklungshilfe Almosen nichts bringen. Es brauche „Strukturreformen“, um „die Muster des lateinamerikanischen Lebens in eine konstruktivere Richtung“ zu verändern (S. 857).

Würdigung und Kritik

Quigley geht ausführlich auf die Gesellschaftsentwicklung, den Charakter verschiedener Völker, die Wirtschaftsgeschichte und die in den beiden Weltkriegen verwendeten Waffen ein.

Er bespricht auch politisch einflußreiche (halb)geheime Gesellschaften und Stiftungen. Doch man erfährt nur wenig Interessantes, obwohl Quigley das Netzwerk der Round-Table-Gruppen „über 20 Jahre lang untersucht“ hat und es ihm „in den frühen 1960er-Jahren zwei Jahre lang erlaubt war, seine Unterlagen und geheimen Aufzeichnungen zu studieren“ (S. 710).

Mit anderen Worten: Quigley lüftet die Geheimhaltung nicht wirklich. Wer sich für Geheimgesellschaften interessiert, kann die Bücher von Des Griffin, Gary Allen, Dieter Rüggeberg und John Coleman lesen.

Der Titel des Buchs ist angesichts der beiden Weltkriege („Tragödie“) und Situationen, in denen gehofft wurde (Churchill hoffte z.B., daß eine Wirtschaftsblockade zum Sturz Hitlers führen könnte; Stalin hoffte, daß Hitler seinen Befehl zum Angriff auf Rußland zurücknehmen würde) leicht verständlich. Quickley betrachtet das Zweite Vatikanische Konzil als „Symbol der Hoffnung […], auch für Nichtkatholiken und sogar für diejenigen, die erkennen, dass das Konzil nicht einmal die Hälfte dessen vollbringt, was dringend nach einer Lösung ruft“ (S. 922).

Andererseits schreibt er, daß zwar die Tragödie des von ihm behandelten Zeitraums „auf der Hand“ liege, aber „die Hoffnung vielen zweifelhaft erscheinen“ mag (S. 981). „Die Hoffnung des 20. Jahrhunderts beruht auf dem Eingeständnis, dass Krieg und Wirtschaftskrise von Menschen gemacht werden und unnötig sind.“ Quigley meint, Kriege und Wirtschaftskrisen könnten durch die Abkehr von Lastern bzw. Übeln (z.B. Egoismus und Heuchelei, Gewalt und Imperialismus, „Ausrottung und Despotismus“, Materialismus und falsche Werte) und die Hinwendung zu Tugenden (z.B. „Großzügigkeit, Mitgefühl, Zusammenarbeit, Rationalität und Weitsicht“, „Liebe, Spiritualität, Wohltätigkeit und Selbstdisziplin“) überwunden werden (S. 982).

Das Schicksal von Deutschland hält Quigley für „eines der tragischsten in der gesamten menschlichen Geschichte“ (S. 310). Deutschland ist für ihn das „zentrale Problem Europas“ (S. 960), da ein „wiedervereinigtes Deutschland […] für alle eine Kraft der Instabilität und Gefahr darstellen“ würde, „auch für die Deutschen selbst“ (S. 961).

Auch die „Zurückhaltung Londons“ gegenüber einem „echten Schritt in Richtung Europäische Union“ betrachtet Quigley als „eine große Tragödie“ (S. 965). Andererseits lehnte de Gaulle „den 17-monatigen britischen Antrag auf Mitgliedschaft in der EWG ab.“ Denn er wollte kein Europa „‚unter amerikanischer Dominanz und Führung'“ (S. 980).

Einige Absurditäten: Quigley betrachtet die Abstraktion nach den drei Raumdimensionen und der Zeit als fünfte Dimension. Das „Kommunistische Manifest“ von Marx hält er für den „Höhepunkt“ der Romantik (S. 916). „Die Einbeziehung der Vielfalt hat im Zweiten Weltkrieg zur Atombombe geführt“ (S. 920).

Ausblick

Jim Garrison betrachtet die Ermordung von John F. Kennedy als Staatsstreich, mit dem „das Amerika der Nachkriegszeit seine Unschuld“ verlor (Garrison 13). Wenn man diese Sichtweise auf die Entstehung von Aids, 9/11 und die Coronakrise anwendet, kommt man meines Erachtens der Wahrheit näher, als wenn man Aids auf afrikanische Affen, 9/11 auf muslimische Selbstmordattentäter und die Coronakrise auf einen natürlichen Ursprung zurückführt (vgl. die Bücher von Segal/Klug, Rothkranz und Osrainik).

Über die Kriege der USA empfehle ich die Bücher von Mansur Khan, Daniele Ganser, William F. Engdahl und Thomas Mayer.

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

ALLEN, Gary: Die Insider, 2 Bände, Preußisch Oldendorf 131995/41997

COLEMAN, John: Die Hierarchie der Verschwörer – Das Komitee der 300, Gelnhausen/Roth 42015

– Das Tavistock-Institut, Gelnhausen/Roth 22014

ENGDAHL, F. William: Krieg in der Ukraine – Die Chronik einer geplanten Katastrophe, Rottenburg 2014

GANSER, Daniele: NATO-Geheimarmeen in Europa, Zürich 52012

– Illegale Kriege, Zürich 32016

GARRISON, Jim: Wer erschoß John F. Kennedy – Auf der Spur der Mörder von Dallas, ins Deutsche übertragen von Uwe Anton, Bergisch Gladbach 111992

GRIFFIN, Des: Die Herrscher, Wiesbaden 1980

– Wer regiert die Welt?, Düsseldorf 21996

KHAN, Mansur: Die geheime Geschichte der amerikanischen Kriege, Tübingen 1998

– Das Kosovo-Komplott, Tübingen 2000

– Das Irak-Komplott, Tübingen 2004

MAYER, Thomas: Wahrheitssuche im Ukraine-Krieg – Um was es wirklich geht, Raubling 2023

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

OSRAINIK, Flo: Das Corona-Dossier – Unter falscher Flagge gegen Freiheit, Menschenrechte und Demokratie, München 22021

QUIGLEY, Carroll: Tragödie und Hoffnung – Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit (Tragedy & Hope – A History of the World in Our Time, 1966), Übersetzung von Helmut Böttiger, Rottenburg 2016

ROTHKRANZ, Johannes: Was am 11. September 2001 wirklich geschah – Eine kriminalistische Rekonstruktion, Kempten 2008

RÜGGEBERG, Dieter: Geheimpolitik, 2 Bände, Wuppertal 1991/1994

SEGAL, Lilli und Jakob / KLUG, Christoph: AIDS ist besiegbar – Die künstliche Herstellung, die neue Therapie und deren Boykott, Essen 11995

WAHRIG, Gerhard (Hg.): Deutsches Wörterbuch, Gütersloh/München 1991

Gunthard Heller

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