Carl Zuckmayer als Philosoph

Carl Zuckmayer gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern des 20. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, wie Zuckmayer in seinen Stücken menschliche Freiheit, gesellschaftliche Zwänge und den Widerstand gegen Autorität literarisch verhandelt.

Einführung

Die Mutter von Carl Zuckmayer (1896-1977) war Jüdin, wurde aber schon als Kind in der Wiege protestantisch getauft. Zuckmayer selbst wuchs katholisch auf. Er studierte Philosophie, Soziologie, Rechtswissenschaften, Nationalökonomie und Naturwissenschaften (Zoologie, Botanik, Biologie), schloß aber sein Studium nicht ab. Stattdessen wurde er Regieassistent, freier Schriftsteller und Dramaturg. 1925 erhielt er den Kleistpreis, 1929 den Georg-Büchner-Preis und den Dramatikerpreis der Heidelberger Festspiele.

Zuckmayer war Mitglied der „Eisernen Front“, die am 16.12.1931 in Berlin gegründet wurde, um den republikanischen Widerstand „gegen die extreme Rechte“ zu koordinieren. „Der eisernen Front gehörten die SPD, Gewerkschaften und Arbeitersportverbände sowie das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an“ (Willi Dreßen, in: ENS 443).

Carl Zuckermayer

1932 outete sich Zuckmayer als Antifaschist. In Berlin hielt er nach dem Verbot der Verfilmung des Berichts „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque eine Rede, in der er Goebbels verspottete. 1933 zog er mit seiner Frau Alice, deren Tochter Michaela (aus erster Ehe) und der gemeinsamen Tochter Maria Winnetou nach Henndorf bei Salzburg.

In Deutschland wurden die Aufführung seiner Stücke und seine Bücher verboten. Nur die Erzählung „Eine Liebesgeschichte“ durfte noch bis 19.3.1933 in Fortsetzungen erscheinen. 1934 erschien sie als Buch. 1935 beschlagnahmten die Nationalsozialisten Zuckmayers Roman „Salwàre oder Die Magdalena von Bozen“ (Wien 1936) und vernichteten ihn.

1938 floh er in die Schweiz. Daß die Nationalsozialisten sein Haus in Henndorf inzwischen besetzt und seinen Freund, „den treuen Jung-Gendarmen Lackner, einen unentwegten Nazigegner, der so oft am Abend bei uns die Zither gespielt hatte, halb totgeschlagen“ hatten, wußte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „In unsrer Wiener Wohnung erschienen sie am Tag nach meiner Flucht, und da sie mich nicht mehr fanden, schleppten sie alles fort, was unser war. Darunter eine Bibliothek von einigen tausend Bänden […]. Ich habe sie nie mehr wiedergesehn“, erzählt Zuckmayer in seiner Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir – Horen der Freundschaft“ (1/76f).

1939 wurde Zuckmayer aus Deutschland ausgebürgert und emigrierte mit seiner Familie und einem „uralten Hund“ (1/100) in die USA. Nach sechs Monaten als Drehbuchautor in Hollywood leitete er zweimal pro Woche eine Playwright-Class an der Theaterschule (Dramatic Workshop) der Exil-Universität New School for Social Researchs in New York. Erwin Piscator verschaffte Zuckmayer die Anstellung, die außerdem mit einer Vorlesung samt Diskussionen und Seminar über das Thema „Humor im Drama“ verbunden war. Doch das Geld reichte hinten und vorne nicht. Deshalb wurde Zuckmayer zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern 1940-46 Farmer in Vermont.

Für das Office of Strategic Services (OSS) schrieb Zuckmayer 1943/44 als Informant Dossiers über Künstler, die während des Dritten Reichs in Deutschland blieben. Sie wurden unter dem Titel „Geheimreport“ erst 2002 veröffentlicht. Zuckmayer verzichtete darauf, eine „Nazipsychologie“ zu schreiben (S. 26), zitierte aber eine Lehrerin, die als „Vertreterin der NS-Frauenschaft an Karl Holls Theaterschule“ unterrichtete: „‚Das deutsche Volk braucht keine Genies – es ist mit dem einen Genie seines Führers auf Jahrtausende eingedeckt (sic!). Wir brauchen gesunde Durchschnittsmenschen, die zu blindem Gehorsam bereit sind'“ (S.89).

Der Titel des Buchs von Zuckmayers Frau Alice Herdan-Zuckmayer „Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen“ erinnert daran. Es handelt sich um eine Äußerung des österreichischen Unterrichtsministers, der Oskar Kokoschka (1886-1980) wegen fehlenden Lehramtsprüfungen verbot, weiterhin an dem privaten Lyzeum von Dr. Eugenia Schwarzwald (1873-1940) Zeichenunterricht zu geben. Die Schulleiterin kämpfte vor dem Unterrichtsminister für ihn und bezeichnete Kokoschka als Genie. Darauf sagte der Unterrichtsminister, „‚Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen'“ (AHZ 47).

1946/47 kehrte Zuckmayer „als Zivilbeamter für spezielle Deutschlandfragen“ (2/556) nach Europa zurück, um im Auftrag der US-Regierung das kulturelle Leben in Deutschland und Österreich zu untersuchen. Außerdem sollte er vorschlagen, wie man das geistige Leben in den besetzten Ländern verbessern und aktivieren könne. 1947-1958 wohnte er abwechselnd in Deutschland und den USA, ab 1958 in der Schweiz. 1952 erhielt er den Goethe-Preis, 1972 den Heinrich-Heine-Preis.

Gedichte

Zuckmayers Gedichte sind in vier Zyklen zusammengefaßt. Beim Zyklus Der Baum (1926) fallen die Naturverbundenheit und Frömmigkeit Zuckmayers auf. Beispiele:

  • „Weißt du, daß manche Kröten nachts wie Weiber singen?“ (3/9) „Und viele Götter leben im Salate“ (3/14).
  • Es kommen viele Bitten an Gott vor: um Vergessen, um Ruhe, um Erwachen (3/11), um das Verschmelzen mit unserem Pferd, damit „uns ein Wesen lebt, mit dem wir das gleiche wollen“ (3/20), um „Kraft und Mut wie Deinen Spatzen“ (3/23), um Zeit, um „Not, / Eh‘ unser Herz erschlafft“, um „täglich Brot / Jedem, der sich’s erschafft“, um den rechten Ehepartner (3/44).
  • Zuckmayer fängt die Gedanken von Prozessionsteilnehmern ein: „Herrgott, hüte Dich vor unsrer Wut“, „unser Tun ist recht, und ob Du uns erhörest oder nicht, es gilt uns gleich.“ Es komme einfach darauf an zu leben und das Leben zu lieben (3/18). Auch die Gedanken von Angehörigen der Heilsarmee, die sich durch Jesus schuld- und sündelos fühlen, gibt er in einem Gedicht wieder (3/33).
  • Die Schöpfung wird als das akzeptiert, was sie ist: „Die Leute, welche meinen, / Die Welt sei schlecht gemacht, / Sind nicht mit sich im reinen / Und gar noch nicht erwacht.“ Man solle nicht mit Gott „rechten“, denn er „wußte, was er tat!“ (3/48) Und: „Die Welt ist groß und unser Wort ist klein“ (3/15).
  • Andererseits sagt eine Stallmagd: „Ich bin von Gott zerstört. / Mein Name ist ausgelöscht. / Zuviel Schatten düstert auf der Erde. / Es können nicht alle Menschen Gottes Kinder sein“ (3/37).

Der Gedichtezyklus Blätter (1948) handelt von der Zerstörung, die Krieg und Unwetter anrichten. Zuckmayer fragt nach dem Wesen des Menschen und findet folgende Antworten: „Wir sind der Weg. Wir sind aus Gott gemacht. / Wir sind der Geist, der über Wassern wiegt. / Wir […] sind Musik und wunderbare Stimme / Und Schwebende, und allen Winden wach“ (3/54). „Die Mutter lebt im Kinde“ (3/72). Über den Schlaf: „Erlöst von Geistern, die ins Dämmer flüchten, / Ist nun der Leib mit dunklem Licht umhäuft“ (3/62).

Gelinde Mahnung (1948) handelt von himmlischen und irdischen Berufen (Engel, Bauer, Bahnwärter, Kellner, Dichter), der Unzulänglichkeit der Worte, vom Schlaf und vom Alkohol, dem Zuckmayer reichlich zusprach: Man soll nicht trinken, um zu vergessen, sondern, um sich zu erinnern. Man soll nicht alleine, sondern nur in Gesellschaft trinken. Man soll damit aufhören, „wenn dir im Kopf die Bienen sausen“ und „wenn Ärger oder Scham dich plagt“ (3/104).

Die „SALZBURGER NACHTPHANTASIE – Eine Improvisation für Max Reinhardt“ schließt mit den Versen: „Kann zwar nicht jedermann mit seinem Teufel leben / Doch atmet keiner ohne seinen GOTT-!“ (3/101)

Aus Abschied und Wiederkehr (1948): „Doch einzig die Phantasie / Heiligt Mensch wie Vieh“ (3/118). Wer eine Frau liebt, dem gehören alle Frauen an, doch er soll sie bei ihrem Namen nennen: „nenn sie niemals: ‚Deine‚ Frau“ (3/121). „O wie leidet, wer die Freude kennt!“ (3/125) In seinem Freund erkennt man sich selbst (3/130). Man wird alleine geboren, und man stirbt alleine. „Denn ein Mensch sein heißt immer ein Fremdling sein“ (3/134).

Kreuzweg (1920)

In diesem „Drama“ (7/5) geht es um die Selbstbestimmung (Christa Kutter flieht vor der Trauung und der Hochzeitsnacht) und die Freiheit der Bauern von der Knechtschaft.

Der fröhliche Weinberg (1925)

Dieses „Lustspiel“ (7/91) handelt von der menschlichen Natur. Der Weingutsbesitzer Jean Baptiste Gunderloch spricht es aus: „Bild sich keiner ein, er könnt die herrgottsgeschaffene Natur kommandiere! Bedingunge läßt sich die nit stelle, un ausrechne kann ma’s auch nit, aber eins muß ma könne: Das Gras wachse höre“ (7/149).

Schinderhannes (1927)

Der „Schinderhannes“ genannte Räuberhauptmann hieß eigentlich Johann Bückler (1783 oder 1777 – 1803). Er wurde als Mordbrenner hingerichtet. „Die Umtriebe dieses deutschen Robin Hood versteht Zuckmayer eher als gegen den deutschen Obrigkeitskult gerichtete Provokation denn als Verbrechen. Wenn überhaupt, so wird Bückler nur formalgesetzlich, nicht moralisch oder gegen die Gesellschaft schuldig“ (Redaktion KLL, in: KNLL 17/1110).

Zuckmayer beschönigt den Protagonisten in seinem „Schauspiel“ (7/153) also. Derselben Ansicht ist Karl H. Ruppel: „Die historische Gestalt des Johann Bückler ist legendär und poetisch verklärt, so wie sie in Rheinhessen noch heute in Geschichten und Anekdoten lebt. Auch die patriotische Gloriole eines Widersachers der ‚Franzosenzeit‘ ist dem Räuberhauptmann dort verliehen worden“ (RS 734).

Johannes Klein vergleicht Bückler mit dem Hauptmann von Köpenick: „der tüchtige Mensch, der sich am rechten Ort nicht entwickeln kann. Er ist zum Verteidiger der Gerechtigkeit geschaffen, aber in den Widerstand gegen eine bloß formalistische Gesellschaft getrieben“ (in: Wilpert II 1155).

Alfred Kosean-Mokrau macht in seinem Buch „Räuberleben – Räubersterben. Aus der Geschichte berühmt-berüchtigter Banden und Banditen“ (Bern/Stuttgart 1972, S. 185) „darauf aufmerksam, daß sich in der Gestalt vom Schinderhannes auch antisemitische Haltungen zeigen. Die Legende beschreibt den Räuber als Gegner der Juden, denen er ihr unrechtmäßig erworbenes Eigentum raubt. Aber der ‚Antisemitismus‘ diente dem Johann Bückler offensichtlich nur dazu, seine Raubüberfälle auf reiche Juden und alte jüdische Händler zu begründen. Zu der Räuberbande gehörte übrigens eine Anzahl jüdischer Mitglieder“ (Ayck 134).

Die eigentliche Heldin in Zuckmayers Stück ist m.E. Bücklers Geliebte Julchen. Sie ist die einzige in seiner Nähe, die ihm nicht nach dem Mund redet und ihn davon abhalten will, das französische Militär anzugreifen, obwohl sie weiß, daß es aussichtslos ist, Bückler davon überzeugen zu wollen.

Da sie einfach schweigt, bringt Bückler sie zum Reden. Sie wendet ein, daß er ja doch mache, was er wolle. Als er tobt, sagt sie: „Jetz schreist du so laut, daß du dich selbst nit hörst! Du hast ja Blut in de Auge vor lauter Trotz! […] Warum schreist du so laut – wenn du recht hast!“ Als Bückler einwendet, er habe niemand umgebracht, sagt Julchen: „Heut nit! Aber morge!“ (7/199)

Erst jetzt erreicht sie ihn, denn bisher hatte er sich tatsächlich daran gehalten, niemand zu töten. Die Verteidigung Bücklers ist lahm: „Das is kein Mord! Das is Totschlag! Das schadt nix, im offene Kampf! Die han ja angefange! Warum komme se her?!“ Julchen wendet ein: „Aber du kannst es doch nit wehre! Wie willst denn du Krieg führe, gege die Welt?! […] Du kannst doch die große Armee nit aufhalte, mit deiner Handvoll Hunsrücker?!“ (7/200)

In dem Augenblick hat Bückler verloren, denn jetzt setzt er nur noch auf Autorität: „Schweig! Das ist Männersach! Das geht dich nix an!“ Darauf Julchen: „Dann frag mich nit – was ich denk!“ Nun schickt Bückler sie weg, aber das läßt sich Julchen nicht gefallen: „Nein! Jetz schickst mich nit schlafen wie en Vieh! Jetz will ich redde, jetz mußt mich zu End höre, hier, wenn sonst keiner da ist, wo dir Licht macht!“ Im Hinblick auf seine Gefolgsleute meint sie: „Die sin ja all besoffe, wenn du se anguckst! Die springe ja von der Rheinbrück, wenn du se runnerjagst! Aber dann, wenn se wach werde, dann falle se um wie morsch Holz – un dann bleibst allein, du!“ (7/200)

Bückler wirft ihr vor, sie wolle ihn herunterziehen und „klein mache!“ Julchen wendet ein: „Das weißt du selbst – daß das nit wahr is!“ (7/200) Bückler kann nur noch schimpfen und sie wegschicken. Da geht Julchen nicht schlafen, sondern „ganz weg“. Bückler will sie mit Gewalt aufhalten, „packt sie bei den Schultern, schmettert sie furchtbar zu Boden„. Julchen „liegt wie gefällt„, bevor sie langsam aufsteht und geht, „ohne sich umzudrehn“ (7/201).

Trotzdem folgt sie ihrem Geliebten, von dem sie schwanger ist, von weitem, und bringt ein gesundes Kind zur Welt. Bückler ist es um seine Hinrichtung nicht bange, doch daß er 19 Kameraden mit in den Tod gezogen hat, macht ihm doch zu schaffen. Julchen ist noch bei ihm, bis er zur Hinrichtung abgeholt wird. Die Glocken läuten, und es kommen 15000 Zuschauer.

Heiner Boehncke hat in der Sonntagsbeilage der Stuttgarter Zeitung am 5.12.1992 unter dem Titel „Der schwäbische Schrecken – Vom Räuber Hannikel und seiner Bande“ auch über Bückler geschrieben. Im Prozeß 1803 sagte Julchen Blasius aus, sie habe Bückler eigentlich nicht folgen wollen, doch er habe gedroht, sie zu töten, falls sie nicht mitkomme. Sie habe erst sehr viel später erfahren, daß Bückler der Schinderhannes war – Bücklers Vater war ein Abdecker (= Schinder), tötete also Tiere, die nicht zum Verzehr geeignet waren, und beseitigte sie.

Laut Boehncke galt Bückler „als eher ängstlich, konnte sein eigenes Blut nicht sehen und verriet im Verhör etliche seiner Kumpane an das Gericht. Gelegentlich ‚arbeitete‘ er sogar unter fremdem Kommando. […] Geschickt machte er sich in den zu Frankreich gehörenden linksrheinischen Gebieten den Franzosenhaß der Landbevölkerung zunutze und stilisierte sich als Freiheitskämpfer. Auch der antisemitischen Vorurteile der kleinen Leute wußte er sich zu bedienen. Durch Raubüberfälle auf jüdische Händler erschlich er sich die Gunst der Bauern, auf deren Schutz er bei seinen Raubtaten angewiesen war.“

Aus dem Artikel „War der Schinderhannes Schurke oder Held?“ in der Stuttgarter Zeitung vom 28.12.1995: Bückler „war in Wahrheit ein brutaler, selbstsüchtiger Schurke, der nie mit Armen und Unterdrückten teilte. Nur weil seine Bande die ungeliebten Franzosen und Juden überfiel, fand er Bewunderung der Bevölkerung.“

Anders als Bückler in seinem Stück hat Zuckmayer 1938 auf seine Frau Alice gehört, als sie ihn davon abhalten wollte, gegen Hitler zu kämpfen. Sie sagte, er solle ein Jahr im Ausland zu überleben versuchen. Dann könne er immer noch nach Deutschland zurück, um bei einem Aufstand gegen die Nationalsozialisten mitzumachen.

Zuckmayer erzählt in seiner Autobiographie: „In diesem Augenblick kehrten Vernunft, Klarheit, ruhige Überlegung in meinen Denkbereich zurück.“ Er erkannte, daß seine „abrupte Halsstarrigkeit und fatalistische Haltung kein Heroismus, sondern […] eine Psychose, ein Versagen der Nervenkräfte“ waren. „Daß es die größere Feigheit wäre, sein Leben jetzt wegzuwerfen, als es mit Mühsal und Geduld für eine vielleicht doch noch kommende bessere Stunde und größere Aufgabe zu bewahren. Daß es keine andere Entschlossenheit gab, auch im Sinne des Widerstandes gegen die Sieger von heute, auch in dem der Ethik und der Humanität, als zu überleben“ (1/76).

Katharina Knie (1928)

In diesem „Seiltänzerstück“ (7/233) geht es um die menschliche Bestimmung, die jedem schon in die Wiege gelegt ist.

  • Der Clown und Kunstradler Julius Schmittolini formuliert das so: „Un so is es auf der Welt, daß ma bleibt, was ma is – un was eim schon bestellt is, eh daß der Vatter auf die Mutter kommt“ (7/313f).
  • Die Kugelläuferin Katharina Knie sagt: „Ich weiß jetzt, was ich muß – un da gibt’s nix drüwwer! Mir sin ja nit allein auf der Welt – un es hat sich ja keiner ausgesucht. – Aber ma darf nit weglaufe. Sich selbst nit – un seiner Sach nit“ (7/317).
  • Die Rothackerin, die Mutter des Bräutigams von Katharina, den sie dann doch nicht will, um ihrer Berufung treu zu bleiben, versteht sie und meint: „Un halt’s auch aus, allein. Ma kann’s – wenn ma muß. Ich hab auch gemußt – un gekonnt – mei Lebe lang. Un möcht nix anners, wenn alles wieder käm“ (7/317). Vom Verlobungsring, den die Rothackerin nicht zurück will, zahlt Katharina einen Teil der Schulden der Akrobatentruppe.

Karl Knie senior, Katharinas Vater, ist eine „historische Figur“. Zuckmayer hat ihn „in seiner Jugend noch in seiner rheinhessischen Heimat auftreten“ sehen (RS 737). Friedrich Knie (1784-1850) „übernahm 1806 einen Zirkus, der von seinen Nachkommen als Familienunternehmen weitergeführt wurde. 1919 wurde der Schweizer Nationalzirkus Knie gegründet, den heute die Brüder Fredy Knie (* 1920) und Rolf Knie (* 1921) leiten“ (MEL 13/804).

Noch vor der Uraufführung des Stücks lernte Zuckmayer vier Brüder aus der Dynastie Knie kennen:

  • den Dompteur Fréderic Knie, der mit Tigern und Eisbären arbeitete,
  • den Dompteur Charles Knie, der mit Elefanten arbeitete,
  • Rudolf Knie („Pferde und artistisches Programm“) und
  • Eugène Knie („Geschäftliches“, 2/449).

Die vier Brüder waren von einer „‚Durchlaufprobe'“ ohne Dekoration und Kostüme (2/449) so gerührt, daß sie „heulten“: in Albert Bassermann, der Karl Knie spielte, erkannten sie ihren Vater wieder; „sie konnten kaum glauben, daß er ihren Vater nicht gekannt habe, dessen Porträt er für sie bis zu Tonfällen und Gesten so ergreifend zurückgerufen hatte.“ Ihren „Einwand, daß die Knies ja längst keine armen Leute mehr seien, als die sie hier gezeigt würden“, behob Zuckmayer damit, „daß im Programmheft ihr heutiger Besitzstand und die Bedeutung des ‚Nationalzirkus‘ an erster Stelle erwähnt werden sollten“ (2/450).

Sechs Jahre nach der Uraufführung wurde „Katharina Knie“ im Zelt des Zirkus Knie in Zürich aufgeführt. „In den Zwischenakten produzierte sich die damals jüngste Generation der ‚Dynastie‘, der heutige Direktor Freddy, neunjährig, mit langen blonden Locken, als Schulreiter, seine Cousine Eliane Knie, noch jünger, als elfenhaft graziöses Seiltänzermädchen auf dem ’schlappen Draht'“ (2/451). Charles Knie ließ Zuckmayer auf den Rüssel des Elefanten Rosa sitzen. „Ich glaube nicht, daß je ein anderer Dramatiker auf einem Elefantenrüssel vorm Publikum erschienen ist“, kommentiert Zuckmayer (2/451f).

Der Hauptmann von Köpenick (1931)

Das historische Vorbild für den Hauptmann von Köpenick in dem von Zuckmayer „deutsches Märchen“ (7/321) genannten Theaterstück ist der Schuhmacher Wilhelm Voigt (1849-1922), der nach seiner Köpenickiade (Hochstapelei) zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Nach ca. zwei Jahren wurde er begnadigt. Danach lebte er „davon, sich für Geld sehen zu lassen“ (MEL 24/658).

Da er aus Deutschland ausgewiesen wurde, kam er am 22.5.1909 nach Luxemburg. Von dort wollte er nach Kanada emigrieren. 1910 trat er im amerikanischen Zirkus Barnum & Balley als Hauptmann von Köpenick auf. Nach seiner Rückkehr lebte er bei Familie Blum in der Rue du Fort Neyperg Hausnummer 5. Ein französischer Offizier ließ seine Soldaten strammstehen und salutieren, als der Leichenzug vorbeikam. Denn er „nahm an, es handele sich um einen verdienstvollen Hauptmann des Luxemburger Freiwilligenkorps“ (Stuttgarter Nachrichten vom 24.9.1988, Artikel „Einen Grabstein vom Zirkus Sarrassani gestiftet“, Kürzel oh).

„Für Zuckmayer selbst war der vorbestrafte Zuchthäusler eine Variante seines Eulenspiegel-Themas. Mit dem mittelalterlichen Schelm hatte der Schuster gemeinsam, daß er die Waffe des Schwächeren gebrauchte, nämlich List, Täuschung, Verstellung, um sich an den Mächtigen schadlos zu halten“ (Ayck 92).

In seiner Autobiographie erzählt Zuckmayer: „Vom ‚Hauptmann von Köpenick‘ wußte ich nicht mehr als jeder – die Anekdote von seinem Geniestreich im Köpenicker Rathaus, und daß er dann, nach kurzer Gefängnishaft vom Kaiser begnadigt, durch die deutschen Städte reiste und signierte Postkarten mit seinem Bild in Uniform verkaufte: so hatte ich ihn selbst bei einer Mainzer Fastnacht im Jahr 1910 gesehen. Noch zögernd ließ ich mir von meinem Verlag die alten Zeitungsberichte und Prozeßakten über den vorbestraften Schuster Wilhelm Voigt beschaffen – und plötzlich ging mir auf: das war mein ‚Eulenspiegel‘, der arme Teufel, der – durch die Not helle geworden – einer Zeit und einem Volk die Wahrheit exemplifiziert“ (2/454).

Karl H. Ruppel sieht in dem Stück Zuckmayers die Begegnung zwischen der deutschen Wirklichkeit (dem „Kampf eines Menschen um seine behördlich anerkannte Existenz, das vergebliche Anrennen gegen die ‚Zuständigkeiten‘, die Machtlosigkeit des Individuums gegenüber der korrekten, absoluten Herzlosigkeit der bürokratischen Apparatur“) und dem deutschen Mythos (nämlich der „Allmacht der Uniform“, RS 741).

Zuckmayer stellt auch einen aktuellen Bezug der 1896 und 1906 spielenden Szenen zum Ende der Weimarer Republik her: Die Geschichte von Voigt sei angesichts des Erfolgs der Nationalsozialisten, die 1930 „als zweitstärkste Partei in den Reichstag einzogen und die Nation in einen neuen Uniformtaumel versetzten, wieder ein Spiegelbild, ein Eulenspiegel-Bild des Unfugs und der Gefahren, die in Deutschland heranwuchsen – aber auch der Hoffnung, sie wie der umgetriebene Schuster durch Mutterwitz und menschliche Einsicht zu überwinden“ (2/454f).

Die Folgen: „Es gab keine Theaterskandale, doch wütende Beschimpfungen von seiten der Nazipresse, vor allem in dem jetzt von Goebbels redigierten Berliner ‚Angriff‘, der mir, im Hinblick auf eine Szene im Zuchthaus, verkündete, ich werde bald Gelegenheit haben, ein preußisches Zuchthaus von innen kennenzulernen. Auch wurde mir schon damals – für die kommende Machtergreifung – mit Ausbürgerung, Landesverweisung oder schlichtweg mit dem Henker gedroht“ (2/458f).

Neben Schmähbriefen bekam Zuckmayer allerdings mehr Briefe, deren Absender ihre Anerkennung äußerten und ihn bestärkten.

Was Zuckmayer „Uniformtaumel“ nannte, beschrieb Alfred Polgar 1918 in dem Buch „Ich bin Zeuge“ folgendermaßen:

„Die Uniform war stärker als der, der sie trug. […] Sie war der Inhalt; der Mensch, der sie trug, nur dieses Inhalts zufällige Form. […]

Wie unter einer Tarnkappe verschwand ‚das Individuum‘ in der Uniform. In Erscheinung trat: das Gattungsexemplar. Der Mensch hörte auf, ein Selbständiges, Abgeschlossenes zu sein. Er war jetzt Teil, Splitter, Bruchstück, das erst durch Einfügung in das Ganze ein Etwas wurde.“

Die „Idee“ der Uniform lautete: „Du hast aufgehört, Zweck zu sein, und bist Mittel! Die Pflichten gegen das eigene Ich, mit ihrem ganzen Komplex sittlicher und ästhetischer Martern, endeten, ersetzt durch die einfachere Pflicht, dieses Ich dem Verdrecken und Verrecken preiszugeben.

Mit der Uniform zog man ‚einen andern Menschen an‘: den Un-Menschen, den Anti-Menschen“ (zit. n. d. Programmheft „Theater der Jugend“, Stuttgart-Bad Cannstatt o.J.).

Voigts Grab wurde „zur Pilgerstätte“ für „Touristen aus ganz Europa […]. Auf der Schärpe ihres Blumenbuketts würdigte eine Mittelschulklasse aus Lothringen jetzt [1979] den Schuster als ‚beispielhaften Europäer‘. […] Weil dem ‚Hauptmann von Köpenick‘ ein Geniestreich gegen den Kadavergehorsam gelang, verehren ihn vor allem junge Besucher“ (Jacques Lieb: Hauptmann von Köpenick – Für die Jugend ein Beispiel als Europäer, in: Stuttgarter Nachrichten vom 11.5.1979).

Als wär’s ein Stück von mir – Horen der Freundschaft (1966)

Der Titel von Zuckmayers Autobiographie ist ein Vers aus Ludwig Uhlands (1787-1862) „Lied vom ‚Guten Kameraden'“ (1/208). Er bedeutet zweierlei:

  • Zuckmayer empfand sein Leben wie eines seiner Theaterstücke. So wirkte etwa die Spannung einiger Tage wie ein „Aktschluß“ (1/73), einmal kam er sich vor wie der Hauptmann von Köpenick in seinem „eigenen Stück“ (1/91).
  • Bei Uhland bedeutet der Vers, daß der gefallene Soldat für seine Kameraden ein Stück ihrer selbst ist (1/196).
  • Zum Untertitel:
  • Die Horen (Jahreszeiten) sind die Töchter von Zeus und Themis. „In Athen unterschied man zwei oder drei: Thallo (Frühling), Karpo (Herbst) und Auxo (Wachstum, d. h. Sommer). In den Werken des griechischen Dichters Hesiod tragen sie ethische Bezeichnungen: Eunomia (Gesetz und Ordnung), Dike (Gerechtigkeit) und Eirene (Friede)“ (Grant/Hazel 211).
  • Die Freundschaft, die er mit der Treue gleichsetzte, betrachtete Zuckmayer als Heilmittel gegen die Leiden des Exils.

Spuk. Zuckmayer geht unbefangen auf Gespenstergeschichten ein, insofern andere sie ihm erzählen. Bei eigenen Erlebnissen neigt er zur Rationalisierung: Da seine Frau schwanger war, sei sie „wohl besonders empfänglich für parapsychologische Einflüsse“ gewesen (1/15). Auch alte Bilder an der Wand macht Zuckmayer für die „Unheimlichkeit“ eines Geisterzimmers mitverantwortlich. „Tritte oder Klopfen“ führt er auf „Naturgeräusche“ zurück, „ein unerklärlich kühler Luftzug“ im August beunruhigt ihn nicht weiter: er macht sich „keine Gedanken darüber, ob das nun ’spukhaft‘ oder physikalisch zu erklären sei“ (1/16).

Vorzeichen. Als die Österreicher 1866 von den Preußen besiegt wurden und als Hitler 1938 Österreich an Deutschland anschloß, erschienen Nordlichter. 1938 wurde in Wien „eine albinohafte Spielart des Sperlings“ gesehen, der als „‚Pestvogel'“ galt. „Angeblich soll er sich nur vor großen Seuchen oder vor einem Kriegsausbruch zeigen.“ Die durch einen verfrühten Frühling aufblühende Vegetation machte ein Maifrost zunichte (1/63).

Ödön von Horváth, der „schon immer eine Phobie vor möglicherweise auf ihn herabfallenden Gegenständen hatte“, ging nach Paris, weil ein Hellseher zu ihm sagte, daß ihn dort „‚das entscheidende Ereignis'“ seines Lebens erwarte. Er „hatte öfter geäußert, er werde einmal von einem Dachziegel erschlagen werden.“ An seinem Todestag war Horváth „von einer unerklärlichen Unruhe getrieben“. Einen Kinobesuch sagte er während eines Sturms an der Kasse ab und „lief […] wieder in den peitschenden Regen hinaus.“ Danach wurde er vom Ast einer Ulme erschlagen (1/110f).

Zuckmayer kommentiert: „Ulmen sind Bäume, denen ein Hauch von Verhängnis anhaftet.“ Ihr Bestand wurde durch die „sogenannte Ulmenpest“ sehr reduziert. „Was an alledem zufällig, was ursächlich ist, entzieht sich menschlicher Beurteilung.

Doch übten diese Vorzeichen, besonders in der verschatteten Atmosphäre der Emigration, eine sinistre, verstörende Wirkung aus. Jeder fühlte sich von diesem Schicksal eines der Hoffnungsvollsten betroffen, als sei ihm selbst wieder ein Stück Hoffnung geraubt“ (1/110f).

Innere Stimme. Zuckmayers Verhalten bei der Grenzkontrolle wirkt wie eine Illustration zu Mt 10,17-20: Zuckmayer sagte einfach die Wahrheit und beeindruckte damit den Sturmführer so sehr, daß er meinte: „‚Sie sind halt ein deutscher Mann'“ (1/90). Warum in seinem deutschen Paß „auf Grund irgendeiner, mir damals wie heute ebenso unerforschlichen wie gleichgültigen Auslegung der Nürnberger Gesetze“ kein J für Jude stand, wußte Zuckmayer nicht (1/78). Das übrige taten sein Eisernes Kreuz Erster Klasse, die hessische Tapferkeitsmedaille und der „‚Zähringer Löwe mit Eichenlaub und Schwertern'“ aus dem Ersten Weltkrieg (1/91). Auch daß er in England Drehbücher schreiben wollte, sprach für ihn, da Hitler Filme liebte. Zuckmayer konnte sogar noch eine Jüdin mit einem gebrochenen Bein und ihren Mann über die Grenze bringen.

Zuckmayer kommentiert, er habe seine Antwort sich „nicht für den Bruchteil einer Sekunde überlegt. Ich tat es ganz automatisch, und ich wußte nicht, warum ich es tat und was darauf folgen würde. Aber ich verstehe seitdem, daß Menschen an die Einflüsterungen von Schutzengeln oder guten Geistern glauben“ (1/89f).

Über Heimat und Exil.

  • „Geburtsheimat […] ist ein Gesetz. Sie bedeutet Bestimmung und Vorbestimmung, sie prägt Wachstum und Sprache, Blick und Gehör, sie beseelt die Sinne und öffnet sie dem Wehen des Geistes wie einem heimträchtigen Wind“ (1/129).
  •  „Das Haus, die Wohnung, ist eine Seelenhülle, ein magisches Gespinst, das der Not, auch dem Mitleid, verbietet, dem Menschen zu nah zu kommen, und ihm hilft, seinen Stolz zu bewahren“ (2/351).
  • „In jeder menschlichen Existenz ereignet sich, früher oder später, die Katastrophe der Austreibung oder Verstoßung“ (1/35).
  • Ein Exilant, der „von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er ist selbst nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist. Er mag wiederkehren […]. Aber er kehrt niemals heim“ (2/475).

Aphorismen. Zuckmayer meint, daß Menschen „noch nie […] etwas aus den Erfahrungen anderer gelernt“ hätten (1/65). Trotzdem ist seine Autobiographie durchsetzt von allerlei Einsichten, die ziemlich belehrend wirken, als hätte er doch noch nicht alle Hoffnung aufgegeben:

  • Den Bauern darf man „nicht zu rasch nachgeben […], besonders in materiellen Dingen, will man nicht ihren Respekt verlieren und als Trottel oder Verschwender gelten“ (1/28).
  • Man kann „in Wahrheit nichts verlieren […], was man je wesentlich erfaßt und besessen hat, weder Glück noch Schmerz“ (1/35).
  • „Zwar heilt die Zeit keineswegs alle Wunden. Doch sie lehrt uns eine Dialektik der Metamorphose, des Sich-Verwandeln-Müssens. Ihre These ist: der Lebenswille! Ihre Antithese: die Verzweiflung. Ihre Synthese ist die Freundschaft“ (1/94).
  • „Das Gewebe der Erinnerung ist so dicht, all seine Fasern sind so fest ineinander verschlungen, daß es unmöglich scheint, aus diesem unteilbaren Ganzen ein Stück herauszulösen, von dem man sagen könnte: Schaut her, so ist das. So sieht das aus“ (1/139). „Nichts ist unvergeßlich, außer den Menschen, mit denen man gelebt hat“ (1/139).
  • „Ich glaube, einen Menschen zu demütigen, selbst wenn es ihm recht geschähe, macht nur subalternen [unterwürfigen] Kreaturen Spaß“ (1/152).
  • „Wer das Gefühl, zugunsten des reinen Intellekts, ausschalten oder rationalisieren will, hat keinen Verstand“ (1/183).
  • „Rauschgiftler sind Missionare ihrer Neigung, immer auf Seelenfang aus, sie wollen jedem einreden, daß nur diese Ecclesia selig macht – man mußte sich ihrer erwehren“ (2/352).
  • „Innerhalb von Grenzen, die den natürlichen Anlagen eines Talentes entsprechen, kann alles erreicht werden“ (2/410). „Es gibt Tage, an denen man im voraus weiß, daß man Glück haben, daß das, was man anfaßt, gelingen wird. Es gibt Zeiten, in denen man die Gunst der Sterne geradezu körperlich spürt“ (2/411).
  • Peter Suhrkamp sagte zu Zuckmayer, der ihm recht gab, man solle Grausamkeiten nicht detailliert schildern, weil das nicht abschrecke, sondern „den im menschlichen Unterbewußtein vorhandenen Trieb zur Grausamkeit, die geheime Lust an ihrer Vorstellung, im Tun und im Erleiden“, errege und „damit […] die bösen Geister wieder aufgerührt und neu gerufen“ würden. „Ähnlich sei es mit Kriegsbüchern, auch wenn sie gegen den Krieg gerichtet seien“ (2/565).

Über Kindheit und Jugend. Zuckmayers Äußerungen zu diesem Thema sind teils problematisch, teils widersprüchlich. Beispiele:

  • „Die Jugend neigt natürlich immer zum Illegalen (und manchmal hat sie damit auch recht)“ (1/27). Was soll man dabei denken angesichts der Klassenkampfschlägereien der Schüler (1/140) und ihren Versuchen, ihre Lehrer „nach Möglichkeit zu ärgern und zu betrügen“ (1/151)?
  • „Daß Kinder überhaupt am Leben bleiben, läßt sich höchstens durch eine Kette von Glücksfällen oder durch Schutzengel erklären“ (1/130). Zuckmayer bezieht sich hier auf die von ihm sogenannten Selbstgefährdungen (1/131), nämlich das Hinaufklettern auf fahrende Lastschiffe oder die Erkundung von einsturzgefährdeten Höhlen. Zuckmayers Begriff der Selbstgefährdung ist sehr viel weiter als der des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB § 1906), nach dem ein Betreuer einem Betreuten zu seinem Wohl durch Unterbringung die Freiheit entziehen kann, falls aufgrund einer psychischen Störung „die Gefahr besteht, daß er sich selbst tötet oder erheblichen gesundheitlichen Schaden zufügt“ (zit. n. Deinert 44). Inzwischen sind die §§ 1889-1921 BGB weggefallen
  • „In der Zeit, in der ich aufwuchs, wußten die Erwachsenen noch wenig von den Kindern, beschäftigten sich nicht mit ihrer ‚Psychologie‘, und das war gut so. man blieb auf diese Weise in einer Welt für sich, die doch keiner mit einem teilen kann, der nicht selber Kind ist“ (1/138).
  • Zuckmayer bezeichnet seine Kindheit als glücklich, trotz allen „Ängsten und Nöten, dem Kummer und der Bedrängnis, dem Erfahren des Unrechts und der Empörung, […] den schwarzen, verzagten, verzweifelten Stunden, […] den Widerwärtigkeiten“. Seine Begründung dafür formuliert er als Frage: „Aber gehört nicht dieser Wechsel von Tief und Hoch dazu, damit es überhaupt ein Wetter gibt?“ (1/137)
  • Zuckmayers Vater sang „‚O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!'“ Der Sohn kommentiert: „Ob er sich wirklich gar nicht mehr erinnerte an das unentwirrbare Geflecht von kleineren und größeren Lügen, Defraudationen [Betrügereien], Hintergehungen, Vertrauensbrüchen samt der damit verbundenen Gewissensnot, durch die allein man sich den Großen, Eltern und Lehrern gegenüber behaupten kann?“ (1/145)
  • „Kinder wissen alles und verstehen genau das, wovon man glaubt, daß sie es nicht verstehen“ (1/160).

Über Erziehung.

  • Den „Lehr und Bildungsgang“ des humanistischen Gymnasiums hält Zuckmayer „für den bestmöglichen […]. Das Studium der ‚toten Sprachen‘ stattet uns mit lebendigem Wissen aus, das wir nicht mehr verlieren“ (1/172).
  • „… kein Volk kann ein anderes erziehen, am wenigsten durch eine Armee“ (2/575).
  • Den Amerikanern gelang es nur im eigenen Land durch eine „unbrechbare, pedantische Gesetzesstrenge, […] eine halbwilde Gesellschaft von Westwanderern, Ansiedlern, Glücksrittern, Abenteurern aus allen Ländern und Rassen zu domestizieren und überhaupt zu einem Staatsvolk zusammenzufügen“ (2/480).

Religion. Zuckmayer betrachtet es als Glücksfall, daß er zur Katholische Kirche gehörte. Er war angetan vom „Zauber […] der Sakramente“ (1/153). Einen Gegensatz zwischen Glauben und Wissen empfand er nicht: „Gelebter Glaube hemmt nicht, sondern erregt und stimuliert den Drang zum Wissen, zur Erkenntnis“ (1/154).

Zuckmayer war auch glücklich, wenn er vom Weg abkam, da er meinte, man könne nur auf diese Weise fortschreiten. „‚Es gibt überhaupt keine Bahn, keinen Weg, kein Vorbild, keinen Mantel, kein Gesetz … es gibt nur die Fülle, die tausendarmige Gottheit, die immer neu in die Erscheinungen tritt. Es gibt gar nichts Absolutes, nur die Selbstzucht, die jeder haben muß nach seinem eigenen Maß'“ (aus einem Brief an Ludwig Berger, 2/355).

Die Liebe ist für Zuckmayer „die höchste Seelenkraft, auch die stärkste Gestaltungsmacht in unserer Welt“ (1/180).

© Gunthard Rudolf Heller, 2026

Literaturverzeichnis

AYCK, Thomas: Carl Zuckmayer in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt, Reinbek bei Hamburg 1977

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

DEINERT, Horst: Das Recht der psychisch Kranken, Köln 2000

ENZYKLOPÄDIE DES NATIONALSOZIALISMUS, hg. v. Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, München 31998

GRANT, Michael / HAZEL, John: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, aus dem Englischen von Holger Fließbach, München 141999

HERDAN-ZUCKMAYER, Alice: Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen, o.O. o.J. (AHZ)

KOKOSCHKA, Oskar: Mein Leben, München 1971

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

RECLAMS SCHAUSPIELFÜHRER, Stuttgart 1973, hg. v. Otto C. A. zur Nedden und Karl H. Ruppel (RS)

ROEWER, Helmut / SCHÄFER, Stefan / UHL, Matthias: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert, München 2003

WILPERT, Gero von: dtv-Lexikon der Weltliteratur in 4 Bänden, München 1971

– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

ZUCKMAYER, Carl: Geheimreport, München 2004

– Werkausgabe in zehn Bänden, Frankfurt am Main 1976 (Sperrdruck habe ich kursiv wiedergegeben.)

Gunthard Heller

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