Bruno Bettelheim als Therapeut

Die Arbeit von Bruno Bettelheim an der Orthogenic School gehört zu den einflussreichsten – und zugleich umstrittensten – Ansätzen der Kinderpsychotherapie im 20. Jahrhundert. Der Beitrag gibt einen Überblick über Bettelheims pädagogische Ideen, zentrale Aussagen aus seinen Büchern und die Grundprinzipien seiner Arbeit mit psychisch belasteten Kindern.

Einführung

An der Orthogenic School praktizierte Bettelheim eine Form der „Milieutherapie, in der die Lebensbedingungen in allen Einzelheiten auf das Ziel der Heilung ausgerichtet sind“ (Sutton 309). Bettelheim verstand unter Milieutherapie die Organisation des Lebens „nach den Grundsätzen der Psychoanalyse“ (Sutton 369). Sich selbst verstand er als Über-Ich, die Erzieher als Ich und die Kinder als Es. Die Erzieher verhielten sich zu den Kindern wie Eltern, Bettelheim verhielt sich gegenüber den Erziehern wie ein Therapeut.

Bruno Bettelheim Therapeut

Bettelheim setzte keine Psychopharmaka ein, denn er wollte den Körper der Kinder nicht auf diese Weise vergiften oder manipulieren. Die Therapieerfolge waren insgesamt relativ bescheidener, als Bettelheim sie öffentlich dargestellt hat. Doch er gab zu, daß keiner wisse, wie man Autisten oder Psychotiker behandeln könne. Immerhin habe er sein Möglichstes getan.

Das Grundproblem besteht darin, daß das Unbewußte weder denken kann noch ein Gewissen hat. „Es ist Drang und Verdrängung, Wunsch und Strafe. Das Unbewußte gibt sich nicht mit kleinen Streichen ab, wenn es haßt, es tötet – oder es glaubt, getötet zu haben. Das Unbewußte unterscheidet den Wunsch nicht von der Wirklichkeit, es ist die Aufgabe des Ichs, zwischen beiden zu vermitteln und etwaige Mordgelüste beispielsweise auf Badewannen [die ein Kind überlaufen läßt] oder literarische Essays [etwa über die Orthogenic School] abzulenken, das heißt, den unannehmbaren Haß in mehr oder weniger angemessener Form zu äußern“ (Sutton 438f).

In ihrem Buch „Die Schule der Ungeliebten“ berichtet die Kindertherapeutin Geneviève Jurgensen über ihre Eingewöhnungsprobleme als Erzieherin an der Orthogenic School unter der Leitung von Bruno Bettelheim. Sie bezeichnet die Schule als „Heilanstalt“ (S. 36). Manche Lehrer und Erzieher waren gleichzeitig Therapeuten. Während Lehrer für ganze Klassen und Erzieher für eine Gruppe zuständig waren, hatte jedes einzelne Kind einen Therapeuten.

Als Bettelheim die Mitarbeiter einmal nach dem Besonderen der Schule fragte, sagte Jurgensen, für sie sei „die Hauptsache, daß an der Schule nicht mit zweierlei Maß gemessen wurde. Mitarbeiter und Kinder strebten nach dem gleichen Ziel, nämlich der Entfaltung ihrer Persönlichkeit“ (S. 210).

Jurgensens Erläuterung des Wegs zu diesem Ziel umfaßt die Grundpfeiler der Philosophie, nämlich Selbsterkenntnis und Goldene Regel: „Was für die Kinder gut war, war auch für die Mitarbeiter gut. Kinder, Erwachsene, Geisteskranke, Mitarbeiter, Schulleiter – alle kämpften um einen Lebensstil, den sie mit den gleichen Mitteln erreichten: Selbsterkenntnis zog Mitgefühl für die Erlebnisse der anderen nach sich, und man behandelte sie so, wie man selbst behandelt werden wollte und behandelt wurde“ (S. 216).

Da Bettelheim seine therapeutische Methode in seinen Büchern ausführlich darstellt, geht Jurgensen nicht darauf ein. Doch sie hat allerlei Bemerkungen Bettelheims zusammengetragen, die nachdenkenswert sind:

  • Es macht ein Kind glücklich, wenn es merkt, daß es seiner Mutter Freude macht.
  • Die Kinder müssen nicht dafür sorgen, daß die Schule sauber ist, weil sie ihre Kräfte für wichtigere Dinge einsetzen sollen.
  • Man soll ein Kind nichts fragen, was man nicht selbst weiß.
  • Wenn Lehrer und Erzieher miteinander über die Kinder sprechen, verstellen sie sich dadurch einen unbefangenen Zugang zu den Kindern.
  • Kinder brauchen Grenzen, die sie schützen. Denn sie wollen noch nicht für alles verantwortlich sein.
  • Jugendliche Delinquenten projizieren ihre eigene Gestörtheit auf andere.
  • Zügelloses Verhalten kann ein Ausdruck von Schutzbedürfnis sein.
  • „‚Jeder ist lieber allein als in schlechter Gesellschaft; das ist tatsächlich gesund und natürlich. Aber niemand zieht die Einsamkeit einer angenehmen Gesellschaft vor'“ (S. 191).

Im folgenden bespreche ich die vier Bücher, die Bettelheim über die Orthogenic School schrieb. Bei den „Gesprächen mit Müttern“ handelt es sich um das Transkript von Tonbandaufzeichnungen.

„Liebe allein genügt nicht“ (1950)

Das Thema dieses Buchs ist, was man außer Liebe für die Erziehung braucht. Dabei versteht Bettelheim unter Liebe das Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder. Da Dreck und Chaos für die Kinder eine Versuchung darstellen, noch mehr davon anzurichten, ist es Sache der Erwachsenen, für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Das heißt nicht, daß die Kinder nicht auch dazu angehalten werden, im Hof Papier aufzulesen oder die Blätter wegzuharken.

Bettelheim lehnt die Haltung von Eltern, die ihren Kindern Kameraden sein wollen, mit der Begründung ab, daß sie dadurch den Schutz und die Geborgenheit verlieren, die nur Eltern geben können.

Die Arbeit mit den Kindern hält Bettelheim eher für Milieu- als für Psychotherapie. Insgesamt läßt er den Kindern mehr Freiheit, als sie anderswo bekommen können. Dahinter steht der therapeutische Ansatz, daß ein Kind am besten dadurch seine Persönlichkeit aufbauen kann, daß es eigene Entscheidungen trifft und hinterher die Erfahrung macht, daß sie richtig waren.

Der Aufbau des Buchs folgt dem Tagesablauf vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Bettelheim gibt einen Einblick, welche Schwierigkeiten alltägliche Verrichtungen seinen Kindern machen, und wie lange es dauert, bis sie sich dazu entschließen, diese Schwierigkeiten zu meistern. Den Erziehern, Lehrern und Therapeuten verlangt das fast übermenschliche Geduld ab.

Der therapeutische Ansatz ist individuell. Erst, wenn man einem Kind Geborgenheit und Sicherheit vermittelt, kann es sich zeigen, wie es ist. Dazu gehört auch das Ausleben seiner Tics, die in Traumata in der frühen Kindheit gründen.

Was auf Außenstehende „vielleicht wie zuviel Freiheit aussieht“, wird den Kindern meist deshalb zugestanden, „weil wir warten müssen, bis das Kind uns Hinweise darauf gibt, wie wir ihm am besten helfen können. Solche Hinweise bekommen wir mit viel größerer Wahrscheinlichkeit, wenn wir zulassen, daß das Kind seinen eigenen Neigungen folgt. Sobald wir die Hinweise verstehen, die das Kind uns gibt, kommen wir vielleicht zu der Entscheidung, das, was das Kind braucht, ist nicht mehr oder soviel Freiheit, wie wir ihm gegeben haben, sondern vielmehr wohldurchdachte Einschränkung“ (S. 212).

Selbst- oder Fremdgefährdung sind in der Schule verboten. D.h., die Erzieher schützen die Kinder vor anderen Kindern und dem, was sie sich selbst antun könnten. Das gilt etwa für lebensgefährliche Mutproben oder das Verhalten im Straßenverkehr.

Die folgenden Einschränkungen waren in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zeitbedingt: Jungen durften keine Mädchenkleider kaufen oder tragen, Mädchen keine Jungenkleider. Jungen durften keine langen Haare tragen und sich auch keine Glatze schneiden lassen. Während die Kinder in der Schule herumlaufen konnten, wie sie wollten, mußten sie bei einem Ausgang in die Stadt „unsere wirklich minimalen Forderungen nach Konformität in bezug auf Haarschnitt, Sauberkeit oder Kleidung […] erfüllen“ (S. 298).

Bei der „Gewährung sexueller Freiheit“ konnte das Schulpersonal „nicht so weit gehen […] wie bei der Ermutigung eines Kindes, seine analen oder urethralen Zwänge auszuagieren“ (S. 322). Die Freiheit, die den Kindern gewährt wurde, sollte dazu dienen, „sich ihren Ängsten probeweise zu stellen“ (S. 331).

Allgemein galt die Regel, „daß jedes Kind an unserer Schule das Recht hat, zu tun, was es will, vorausgesetzt, daß es für es selbst oder für andere keine Gefahr bedeutet und den legitimen Interessen anderer nicht widerspricht“ (S. 338).

Die Kinder dürfen ihre eigene Dokumentationsakte sehen. Wenn ein Betreuer ihnen eine Zeitlang daraus vorgelesen hat, läßt das Interesse nach. Denn was da steht, wissen sie ja alles (es werden nur Tatsachen notiert, keine Interpretationen).

Das Ziel der Schule ist nicht, aus den Kindern „vollkommene Menschen […] zu machen […]. Wir können nur versuchen, das Beste zur Geltung zu bringen, das in ihnen allen steckt.“ Wenn „Harry Lastwagenfahrer wird, wie er es vorhat, möchten wir ihm dazu verholfen haben, daß er ein guter Lastwagenfahrer wird, der Freude an seinem Leben hat und es denen lebenswert macht, die er einmal wird lieben können“ (S. 363).

„So können sie nicht leben“ (1955)

Bettelheim gibt zunächst einen Überblick über seine Publikationen zur Orthogenetic School: „Der vorliegende Band ist der zweite einer geplanten Reihe von drei Bänden, in denen die Arbeit der Schule erklärt werden soll.“ Während er in „Liebe allein genügt nicht“ „die Arbeit der Schule“ nicht „erschöpfend“ geschildert habe, wolle er in „So können sie nicht leben“ die „Rehabilitierung des einzelnen Kindes“ detailliert beschreiben und über ihre „Wiederanpassung an die Welt draußen“ nach dem Verlassen der Schule berichten (S. 8). Der dritte Band „Der Weg aus dem Labyrinth“, der in einem Zeitraum von mehr als 25 Jahren entstand, gibt Auskunft über „die Mitarbeiter und die Schule als soziales Gebilde“ (S. 8).

„So können sie nicht leben“ enthält vier ausführliche Fallgeschichten von Kindern mit „völlig verschiedenen Lebensgeschichten und ihren verschiedenen Krankheiten (ernsthafte Delinquenz, Magersucht, Hospitalismus, schwere Form von Kindheitspsychose“ (zit. n. „Der Weg aus dem Labyrinth“, S. 11).

„Gespräche mit Müttern“ (1962)

Diese Gespräche mit viel mehr Müttern als Vätern drehen sich um Probleme bei der Kindererziehung. Bettelheim versucht nicht, Wissen zu vermitteln, sondern will den Müttern eine Untersuchungsmethode beibringen. Die Mütter sollen lernen herauszufinden, was hinter dem unerwünschten Verhalten ihres Kindes steckt. Es geht dabei um „zumindest zwei Probleme: warum es in diesem Augenblick Aufmerksamkeit braucht, und warum es gerade dieses Verhalten wählte, um sein Ziel zu erreichen“ (S. 26).

Es ist sinnvoll, wenn sich der Erwachsene fragt, warum er selbst das tun würde, was das Kind gerade tut, und wie er selbst eine Situation empfinden würde, die dem Kind Probleme macht. Bettelheim betrachtet das Verhalten des Kinds nicht als das Problem, sondern nur als ein Symptom. Es stellte sich heraus, „daß es nichts hilft, wenn man lediglich die Ursachen für das Verhalten des Kindes feststellt, solange das Verständnis nicht zu einer veränderten Haltung bei den Eltern führt“ (S. 49).

Bettelheim haßt Verallgemeinerungen. Trotzdem macht er immer wieder allgemeine Aussagen, die dann auf konkrete Fälle angewendet werden können. Auch seine eigene ethische Haltung schimmert immer wieder durch.

Im folgenden sammle ich Einsichten, die von den konkreten Fällen abstrahiert sind:

  • Bettelheim ist grundsätzlich gegen Versuche, das Verhalten des Kindes durch Belohnungen und Bestrafungen zu ändern. Damit „erreicht man etwas, aber psychologisch ist es nicht vertretbar“ (S. 46). Ohrfeigen unterdrücken die Selbständigkeit des Kindes. Wer will, daß sein Kind denken kann, sollte darauf achten, daß die Strafe bzw. das Verbot „in einem logischen Zusammenhang mit seiner Missetat stehen“ (S. 181).
  • Er meint, es sei „nie zu spät, etwas in Ordnung zu bringen“ (S. 59).
  • Mitleid gegenüber einem Kind sei „immer gut“ (S. 60).
  • Bettelheim ist grundsätzlich gegen Lügen.
  • Er ist dagegen, daß Eltern ihre eigenen Ziele ihrem Kind aufbürden. Ein Kind wolle nicht zu etwas geformt werden.
  • Er will Konflikte lösen, auch wenn das bedeutet, daß er im Augenblick gegenüber einer Seite unfair ist. Diese eine Seite sind im vorliegenden Buch stets der Vater bzw. die Mutter, die ihr Problem vortragen. Denn da Bettelheim das jeweilige Kind nicht kennt und es nicht anwesend ist, will er nichts über das Kind sagen. Doch er kann anwesenden Eltern „eine bestimmte Betrachtungsweise beibringen“ (S. 92f).
  • Lachen sei besser als Weinen.
  • Der Glaube an Experten erschwere die Erziehung, weil man dadurch die Verantwortung für das, was man selbst tut, abgibt. Jede Entscheidung habe Konsequenzen, die sich manchmal erst viele Jahre später zeigen.
  • Es sei gefährlich, ohne Überlegung zu handeln: „Sie können nichts dafür, wenn das Kind Ihnen manche Ihrer Handlungen übelnimmt. Worauf es ankommt, ist, daß Sie in jedem Augenblick imstande sein sollten, Ihre Handlungen gegenüber dem Kind vernünftig zu rechtfertigen“ (S. 94).
  • Der „einzige Maßstab“ bei der Beurteilung der Entwicklung eines Kinds ist „das Kind selbst“ (S. 95).
  • Die Dringlichkeit eines Bedürfnisses erkennt man nicht am Geschrei.
  • Wenn Kinder ihre Eltern mögen, wollen sie sie nachahmen.
  • Bei Konflikten mit anderen Kindern sollen die Eltern dem Kind helfen, seine eigene Lösung zu finden.
  • Vorurteile verfälschen unsere Wahrnehmungen und verleiten uns zu voreiligen Schlüssen.
  • Es genügt nicht, „unsere Kinder vor Schmerzen und unnötigen Frustrationen zu bewahren.“ Wir müssen ihnen gleichzeitig helfen, „die Freude am Dasein zu entdecken“ (S. 156).
  • Wenn das Kind seine Eltern schlägt, sollten sie nicht zurückschlagen, weil sie „mehr Verstand und mehr Selbstbeherrschung haben sollten“ als das Kind (S. 180).
  • Kinder interessieren sich nicht für Gut und Böse, sondern dafür, ob man sie „mag oder nicht“ (S. 193).
  • „Wir sind wohl berechtigt, einzelne Handlungen zu beurteilen, nicht aber den gesamten Menschen“ (S. 196).
  • Unter dem „Deckmantel der Liebe“ kann „eine Menge Zwang, Unterdrückung und Einschüchterung […] ausgeübt werden“ (S. 203).

„Die Geburt des Selbst“ (1967)

Bettelheim weist darauf hin, wie wichtig es ist, sich selbst zu kennen, wenn man andere beobachten will. Er meint, daß wir durch Introspektion zwar unsere frühesten Erfahrungen als Säugling nicht bewußt machen können, doch angesichts des Bewußtseins von Autisten darauf Rückschlüsse ziehen können. Er setzt die Mythen vom Goldenen Zeitalter und vom Paradies in Analogie mit dem Bewußtseinszustand von Säuglingen. Doch er warnt „vor dem Mythos des seligen Säuglings“ und „vor dem verwandten Mythos von der vollkommenen, sich total engagierenden Mutter“ (S. 34).

Ein Kind kann sich nur entwickeln, wenn es die Erfahrung macht, daß es Einfluß auf seine Umwelt nehmen kann. Wird ihm diese Erfahrung verweigert, zieht es sich zurück und wird autistisch. Bettelheim behauptet, daß der Autismus mit dem „Zusammenbrechen der Kommunikation“ einsetzt (S. 103). Das bedeutet, daß das Kind nicht mehr in der Lage ist, „Mitteilungen richtig auszusenden und zu empfangen“ (S. 96).

Bettelheim beobachtete die Symptome von Autisten und Schizophrenen auch im KZ. Der Unterschied zum kindlichen Autismus ist, „daß das Kind nie die Gelegenheit hatte, auch nur einen Schatten von Persönlichkeit zu entwickeln“ (S. 89). Gemeinsam ist, daß es sich bei beiden um die Reaktion auf eine Extremsituation handelt. Das heißt, daß „nur das Extrem der negativen elterlichen Gefühle den autistischen Prozeß auslösen kann“ (S. 166).

Was im Bereich der Interaktion zwischen Eltern und Kind „zählt, ist, ob die Handlung richtig interpretiert wird und die richtige Reaktion zur Folge hat.“ Das Problem ist, daß „sogar die positiven Reaktionen des Kleinkindes“ von den Eltern „als beabsichtigte Zurückweisung mißverstanden werden“ können. Werden „die Absichten des Kindes […] – wegen der Bedürfnisse und Wünsche der Pflegeperson selbst – fehlinterpretiert, wird die Entwicklung des Kindes gestört“ (S. 169).

Ein Problem, das bei Autisten im Vergleich zu Gesunden verschärft auftritt, ist die Notwendigkeit, innere Wahrnehmungen anhand der äußeren Welt zu überprüfen:

„Je schwerer die Kommunikation gestört ist, desto geringer wird der Kontakt zu den Mitmenschen, und desto intensiver muß die Person, will sie die Realität interpretieren, auf ihre inneren Erfahrungen zurückgreifen. Als sei das nicht schon schlimm genug, ist es auch noch so, daß die Person, je weniger Kontakt sie zur Realität hat, um so weniger ihre inneren Erfahrungen an etwas messen kann, das ein ausgewogenes Urteil erlauben könnte. Und je weniger Kontakt sie hat, desto wahrscheinlicher ist es, daß sie die Signale von außen falsch und die von innen auf solipsistische Weise interpetiert. […]

Ein Innenleben, das sich nicht an äußeren Erfahrungen mißt und bewertet, um dieser Bewertung entsprechend organisiert zu werden, bleibt chaotisch. Je ausschließlicher wir uns dem Innenleben zuwenden, desto größer wird das Chaos“ (S. 103).

Von einem anderen Menschen abhängig zu sein, ist für Bettelheim noch keine Form der Kommunikation, während bloße Kommunikation noch keine echte persönliche Beziehung ist, die aus Geben und Nehmen besteht, also nicht einseitig sein darf. Doch nur innerhalb „zwischenmenschlicher Beziehungen“ läßt sich selbständiges „Fühlen und Denken“ entwickeln (S. 397).

Die „Geburt des Selbst“ kann „nur stattfinden, wenn eine aktive Erkenntnis der Außenwelt“ stattfindet (S. 231). Fehlt diese Erkenntnis, kommt es zu Projektionen: „Wenn der Säugling unglücklich ist, so läßt sein verzweifeltes Klagen vermuten, daß er das Gefühl des Allesseins in das Elend des Nichtsseins hineinprojiziert. Die autistische Position kann als ein Gefühl des Entsetzens beschrieben werden, daß nämlich alles (das Selbst mit einbeschlossen) schlimmer als nichts ist und das nicht bloß manchmal, sondern immer“ (S. 235).

Ein Symptom des fehlenden oder ungenügend entwickelten Selbstes ist die Neigung, „die Worte anderer“ zu wiederholen, was „weniger gefährlich zu sein“ scheint, „als eigene Dinge zu äußern“ (S. 237). Auch die Identifikation mit dem Aggressor gehört dazu: Das autistische Kind tut den Erwachsenen an, was ihm angetan wurde. Es widerspricht sich in seinem Wunsch „zu besitzen und dem auszulöschen“ (S. 247f), es will „nicht mehr bloß die böse Brust kaputtmachen“, sondern „auch die gute Brust aufessen“ (S. 272). Anstatt Dinge und Menschen zu sehen, wie sie sind, werden sie gleich gelogen. Bestimmte Wörter werden als gefährlich empfunden und eventuell durch Wortneuschöpfungen ersetzt.

Ich und Du werden vertauscht, was Leo Kanner (1894-1981) als „pronominale Umkehrung“ bezeichnet (S. 320). Bettelheim hält diese Vorstellung allerdings für „irreführend“. Denn es geht bei diesem Prozeß nicht darum, daß autistische Kinder Pronomina umkehren, sondern darum, daß sie deren Benutzung vermeiden, ja daß sie sie um so mehr vermeiden, je direkter sich das Pronomen auf sich selbst bezieht“ (S. 558).

Der Versuch eines Erziehers, ein autistisches Kind dadurch zum Sprechen zu bringen, daß er selbst darauf losredet, ist zum Scheitern verurteilt: Ein Kind setzte „das Gerede ihrer Beraterin mit Scheiße“ gleich (S. 285). Wenn ein Kind von der Mutter so sehr dominiert und besessen wird, daß es sie nicht mehr integrieren kann, wird es wie gelähmt: „In dieser Lage in irgendeiner Weise tätig zu werden, hätte bedeutet, die Macht des Eindringlings noch zu vergrößern“ (S. 300).

Daß Eltern für ihr Kind nicht mehr sorgen wollen, kann auf Überforderung beruhen: Sie ignorieren es aus Angst. Trotzdem bleibt die Frage offen, warum die einen Kinder Autisten werden und die anderen nicht. Bettelheim meint, es komme vor allem auf die Reaktion des Kindes an, weniger auf das Verhalten der Eltern.

Bettelheim rechnet den Autismus zu den Psychosen. Er glaubt, „daß alle Kindheitspsychosen, ganz besonders aber der infantile Autismus, auf die Überzeugung des Kindes zurückgeführt werden können, daß es in Lebensgefahr schwebe. […] Nur wenn das Leben selbst in Frage gestellt ist, scheint der Rückzug aus der Welt der unerläßliche Preis fürs nackte Überleben zu sein“ (S. 326). Während „die Wahnvorstellungen der autistischen Person die Hoffnungen und Ängste der Gesellschaft, in der sie lebt, widerspiegeln“, sind „alle Psychosen auf einen innerpersönlichen Konflikt zurückzuführen“ (S. 307).

Nachdem allgemein gehaltenen Ersten Teil und den drei Fallgeschichten im Zweiten Teil räumt Bettelheim im Dritten Teil mit dem Mythos von den Wolfskindern auf. Sie sind für ihn Autisten. Im Vierten Teil versucht er anhand der Auseinandersetzung mit der Literatur über Autismus, „dem Mythos von der Hoffnungslosigkeit der Zukunft des autistischen Kindes auf den Grund zu gehen“ (S. 501).

Er geht aus von der Definition von Kanner (der frühkindliche Autismus wird auch „Kanner-Syndrom“ genannt): Autistische Kinder vermeiden Kontakt mit anderen Menschen, haben „‚ein zwanghaftes Verlangen nach Gleichförmigkeit'“ und zwingen die Menschen in ihrer Umgebung, „’sich noch zwanghafter zu verhalten'“ als sie selbst. „‚Das autistische Kind ist ein strenger und unnachsichtiger Richter und Kritiker'“ und befaßt sich meist damit, „‚die Aufrechterhaltung der Gleichförmigkeit, der absoluten Identität auf eine gewichtige, feierliche, ja priesterhafte Weise zu erzwingen'“ (S. 505).

Während sich Kanner zufolge „der Schizophrene aus der Welt zurückzieht“, hat „das autistische Kind gar nicht erst die Möglichkeit gehabt […], diese Welt zu betreten“ (S. 506). Kanner empfiehlt, „man solle autistische Kinder außerhalb des Elternhauses mit warmherzigen, verständnisvollen Menschen zusammenleben lassen“ (S. 538).

Das geht schon in die Richtung von Bettelheims Orthogenic School. Bettelheim spricht sich nachdrücklich gegen Konditionierungsversuche aus, die „das autistische Kind auf dieselbe Stufe“ stellen wie den Pawlowschen Hund (S. 538). Außerdem wendet er sich gegen Lobotomie und Elektroschocks, die die Kinder unheilbar machen, indem sie eine Funktionsstörung in einen physischen Schaden verwandeln, der nicht mehr behandelbar ist.

Bettelheim berichtet auch über einen Fall von medikamentöser Behandlung, durch die „sich der infantile Autismus […] in das Symptom Schwachsinn“ verwandelte, „obgleich viele Fachleute […] überzeugt sind, daß es sich bei Autismus um eine Störung handelt, die in der Regel bei Kindern mit potentiell hoher Intelligenz auftritt. Die totale und aktive Ablehnung des Selbstseins und jeglicher Kommunikation mit der Umwelt wurde durch die medikamentöse Behandlung durchbrochen. Auch verschwand der extreme Negativismus […]. Durch die Ausschaltung dieser höheren geistigen Funktionen, die bisher zwar nur einer extremen Abwehrhaltung gedient hatten, wurde das Kind schwachsinnig“ (S. 567).

Demgegenüber setzt Bettelheim auf Zwischenmenschlichkeit: „Bei der Behandlung autistischer Fälle ist es unerläßlich, daß das Kind in den Genuß von positiven Erfahrungen kommt, die es allmählich überzeugen, daß es seine autistischen Abwehrmaßnahmen aufgeben kann“ (S. 540).

Die Erfolge Bettelheims in der Orthogenic School sind beeindruckend.

Bei der Auseinandersetzung mit Gerhard Bosch und Jean Piaget stellt Bettelheim fest, daß sie sich „kaum mit der emotionalen Entwicklung von Kindern befaßt“ haben. Piagets Interesse gelte vor allem „der Entwicklung ihrer Intelligenz“ (S. 599). Bei Säuglingen stellte er fest, daß beim Egozentrismus Selbstbewußtsein und Objektivität fehlen, „‚während die Besitzergreifung des Objektes als solches Hand in Hand geht mit dem Sich-seiner-selbst-bewußt-Werden'“ (S. 584).

Bettelheim kommentiert: „Das ist eine genaue Beschreibung des Prozesses, durch den das autistische Kind ‚vom Objekt Besitz ergreift'“. Und: „Solches ‚Sich-seiner-selbst-bewußt-Werden‘ kann letztlich nur dadurch zustande kommen, daß sich das Subjekt aus sich selbst heraus aktiviert“ (S. 584).

Das paßt zu seiner früheren Feststellung: Die „nötigen Schritte“ zur eigentlichen Heilung kann „nur das Kind selbst […] tun“ (S. 376).

„Der Weg aus dem Labyrinth“ (1974)

In diesem abschließenden Band der Trilogie über die Orthogenic School will Bettelheim zeigen, daß es möglich ist, Institutionen mit dem Ziel zu schaffen, psychisch Kranke gut zu versorgen „und zu seelisch-geistiger Gesundheit“ zurückzuführen (S. 10). Er betont noch einmal, „daß Gefühle, auch so positive wie die Liebe, nicht ausreichen; man darf es sich nie erlauben, sorgfältige rationale Planung und rationales Tun zu vernachlässigen“ (S. 17).

Einige allgemeine Gesichtspunkte: Heilungsvoraussetzung ist eine „gute Beziehung zwischen Betreuer und Patienten“ (S. 305). Wenn der Patient den Betreuer für wertlos und der Betreuer den Patienten für krank hält, verhindert das eine gute Beziehung.

Das „Hauptproblem bei der Milieu-Therapie“ liegt „darin […], wie man ein Milieu schaffen kann, in dem sich die Mitarbeiter nicht gegen die emotionalen Verheerungen wehren müssen, welche die Patienten und ihre Bedürfnisse bei ihnen anrichten“ (S. 310). Anders ausgedrückt: Wie können die Mitarbeiter die desintegrierende Wirkung der Patienten ausgleichen, d.h. die damit einhergehende „Auflösung der Ich-Struktur“ durch eine „Neubildung der Ich-Struktur“ kompensieren? (S. 383)

Wenn die Mitarbeiter das Verhalten der Patienten ablehnen, besteht die Gefahr, daß die Patienten es wiederholen oder sich noch feindseliger verhalten. Womöglich ziehen sie sich ganz vom Betreuer zurück und verhindern dadurch die Heilungsaussichten. Andererseits schrie eine Patientin eine Betreuerin an: „‚Du hast dich immer von mir schlagen lassen und hast mir damit gezeigt, daß du mich für ein wildes Tier hältst, was ich sowieso von mir denke‘, und brach darauf schluchzend zusammen – zum erstenmal, seit sie denken konnte“ (S. 359).

Bettelheims Lösung ist, daß die Mitarbeiter einander beistehen. Wenn der einzelne sich vom Team getragen fühlt, kann er die Schäden, die ihm die Patienten zufügen, leichter heilen, als wenn er es alleine tun muß. Um die eigene Desintegration durch die Begegnung mit den Patienten zu reduzieren, ist es wichtig, alle Entscheidungen gemäß den eigenen Maßstäben zu treffen und nicht gemäß einer Rolle, die man meint spielen zu müssen.

Als eine Betreuerin sich von Bettelheim ermuntert fühlte, beim Umgang mit Patienten unter die Gürtellinie zu gehen, führte das überraschend zu einem positiven Ergebnis: „Da sie die Freiheit hatte, sich so schlecht zu benehmen, wie sie wollte, konnte sie den Patienten die Freiheit geben, Gleiches zu tun. Infolgedessen hatten nun die Patienten keinerlei Grund mehr, sich derart schlecht aufzuführen, und sie hatte keinen Grund mehr, sich so zu verhalten, daß sie selbst das Gefühl hatte, sie schlüge die Patienten unterhalb der Gürtellinie“ (S. 319).

Die folgende Passage widerspricht all dem: „Ein Betreuer ließ sich beispielsweise durch das aufsässige Benehmen eines Patienten hinreißen und schlug ihn; ein anderer kratzte einen Patienten – nicht aus Versehen oder zufällig, sondern weil er sich so über ihn ärgerte. Sollte das therapeutische Milieu glaubhaft bleiben, mußte man in beiden Fällen den Mitarbeiter bitten, zu gehen“ (S. 320).

Soll das heißen, daß man als Betreuer nur kontrolliert und bewußt unter die Gürtellinien gehen darf, nicht aber im Affekt? Straftaten werden im allgemeinen umgekehrt beurteilt: ein kaltblütiger Mord ist schlimmer als ein Mord im Affekt!

Allgemein beruft sich Bettelheim auf Kants kategorischen Imperativ als „Prüfstein für die humanistischen Prinzipien der Milieu-Therapie“ (S. 365).

Auch über Jesu Empfehlung, die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird (Mt 5,39; Lk 6,29) macht er sich Gedanken: „Sicher meinte er, wir sollten nicht zurückschlagen“ (S. 366). „Meiner Erfahrung nach scheint doch festzustehen, daß wir eine Reaktion wollen, wenn wir jemanden schlagen, und daß wir uns, wenn diese ausbleibt, in unserer Absicht, den anderen niederzuschlagen, besiegt fühlen. Die psychologische Konsequenz des Hinhaltens der anderen Wange ist für den Angreifenden entweder Demütigung oder Beleidigung, denn seine Gewalttätigkeit hatte entweder keine oder nicht die gewünschte Wirkung“ (S. 367).

Insgesamt ist es für die Betreuer wichtig, sich nicht zu überschätzen: „Wir müssen bei unserer Arbeit von dem Bild vom Ritter ohne Fehl und Tadel, der hinausreitet, um den Drachen Gemütskrankheit zu erlegen, Abschied nehmen und es hinnehmen, daß wir nichts als schlichte, arbeitende Betreuer sind. Wenn wir ein paar Unkräuter ausrupfen und ein paar kleine Blumen pflanzen, ergibt das noch lange nicht den wundervollen Rosengarten, den sich der Patient (und wir vielleicht auch) gewünscht hat“ (S. 384).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

BETTELHEIM, Bruno: Liebe allein genügt nicht – Die Erziehung emotional gestörter Kinder (Love is not Enough. The Treatment of Emotionally Disturbed Children, New York 1950), aus dem Amerikanischen übersetzt von Gudrun Theusner-Stampa, Stuttgart 51985

– So können sie nicht leben – Die Rehabilitierung emotional gestörter Kinder (Truants from Life. The Rehabilitation of Emotionally Disturbed Children, New York 1955), aus dem Amerikanischen übersetzt von Gudrun Theusner-Stampa, Stuttgart 1973

– Gespräche mit Müttern (Dialogues with Mothers, New York 1962), aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese, München/Zürich 81988

– Die Geburt des Selbst – The Empty Fortress. Erfolgreiche Therapie autistischer Kinder (The Empty Fortress. Infantile Autism and the Birth of the Self, New York 1967), mit einem Vorwort von Jochen Stork, aus dem Amerikanischen von Edwin Ortmann, Frankfurt am Main 1983

– Der Weg aus dem Labyrinth – Leben lernen als Therapie (A Home for the Heart, New York 1974), aus dem Amerikanischen von Eva Gärtner, München 21990

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

HELLER, Gunthard: Bruno Bettelheim als Pädagoge, Philognosie 2025

– Bruno Bettelheim als Philosoph I, Facebook 2025

– Bruno Bettelheim: Erziehung zum Überleben (Bettelheim als Philosoph II), Facebook 2025

– Bruno Bettelheim: Aufstand gegen die Masse (Bettelheim als Philosoph III), Facebook 2025

JURGENSEN, Geneviève: Die Schule der Ungeliebten – Als Kindertherapeutin bei Bruno Bettelheim, mit einem Vorwort von Bruno Bettelheim und einem Geleitwort von Christa Meves, aus dem Französischen von Brigitte Weitbrecht, München/Zürich 1976

PSCHYREMBEL: Klinisches Wörterbuch, Berlin/New York 2581998

SUTTON, Nina: Bruno Bettelheim – Auf dem Weg zur Seele des Kindes (Bruno Bettelheim. Une vie, Paris 1995), aus dem Französischen von Brigitte Große, Hamburg 1996

Gunthard Heller

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