Bruno Bettelheim (1903–1990) war vieles zugleich: Wiener Intellektueller, Holocaust-Überlebender, Psychoanalytiker und scharfsinniger Deuter menschlicher Seele. Vom Holzgroßhändler wider Willen führte ihn der Weg durch die Hölle der Konzentrationslager bis in die akademischen Höhen der University of Chicago. Geprägt von existenzieller Erfahrung und philosophischer Tiefe wurde Bettelheim zu einer moralischen Instanz seiner Zeit – und zu einem Denker, der den Menschen nicht nur verstand, sondern in seiner Verletzlichkeit ernst nahm.
Einführung
Bruno Bettelheim (1903-1990) studierte Betriebsführung an der Hochschule für Welthandel in Wien, um einmal die Firma Bettelheim & Schnitzer seines Vaters Anton zu übernehmen, einen Holzgroßhandel. An der Wiener Universität studierte er parallel Psychologie und Philosophie. Die Lektüre von Bettelheim umfaßte u.a. Martin Buber, Sigmund Freud, Oswald Spengler, Dostojewski, Jacob Burckhardt, Hans Vaihinger und Karl May.
Anton Bettelheim starb am 13. April 1926. Am 11. Juni 1926 wurde Bruno Bettelheim sein Nachfolger, obwohl er eigentlich Universitätsprofessor werden wollte, was allerdings für Juden damals fast unmöglich war. Doch nun gab er sein Studium auf.

Ab Herbst 1936 studierte Bettelheim wieder. „Neben Kunstgeschichte konzentrierte er sich auf die Fachbereiche Philosophie und Psychologie“ (Sutton 147). Er promovierte mit der Dissertation Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik. Am 2. Februar 1938 wurde ihm der Doktortitel der Philosophie mit der Auszeichnung summa cum laude verliehen.
Am 28. Mai 1938 wurde Bettelheim von der Gestapo verhaftet und am 2. Juni 1938 in das Konzentrationslager Dachau überführt. Die Firma übernahm der Nationalsozialist Nikolaus Lackner. „Lackner kannte die Firma gut, schließlich war er Buchhalter bei der Hausbank von Bettelheim & Schnitzer gewesen. Er […] führte die Firma […] weiter bis zum Dezember 1955“ (Sutton 164).
Nachdem die Nationalsozialisten Bettelheim als politischen Häftling (wegen seines Beitritts zur „Vaterländischen Front“?) 10 Monate und 11 Tage in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald festgehalten hatten, emigrierte er 1939 in die USA. Dort wurde er zuerst dadurch bekannt, daß er über Konzentrationslager und Antisemitismus schrieb. „Diese Schriften machten ihn von Anfang an zur moralischen Instanz“ (Sutton 169).
Interessant ist die Bemerkung von Nina Sutton über die Holocaustleugner: „Wer die Lager der Nazis nicht erlebt hat, muß sich damit zufriedengeben, daß alles, was er darüber in Erfahrung bringen kann, nie ganz wirklich sein wird oder vollkommen rational (aus ebendiesem Grund können gewisse Leute es wagen zu behaupten, der Genozid habe nicht stattgefunden)“ (Sutton 171).
Bettelheim schrieb später, der Aufenthalt im Konzentrationslager habe ihm gut getan. Da er sich ganz auf das Überleben konzentrierte, hatte er im Lager im Gegensatz zu seiner übrigen Lebenszeit keine Selbstmordgedanken.
Außerdem wurde hier „aus dem Holzhändler mit philosophischem Doktorgrad, dessen Analyse durch den Anschluß [Österreichs an das Deutsche Reich] so abrupt unterbrochen worden war, der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim“ (Sutton 169f). Denn in Buchenwald lernte Bettelheim Ernst Federn kennen, den Sohn des Psychoanalytikers Paul Federn. Mit ihm und dem Arzt Dr. Alfred Fischer tauschte er Lagerbeobachtungen aus, analysierte sie und stellte Theorien auf.
Gesamtergebnis: Die Lagerhaft führte zu einem „Prozeß der Infantilisierung […]: Die Häftlinge beschäftigten sich dauernd mit Nahrung und Ausscheidung; sie masturbierten, anfangs zur Befriedigung, bald jedoch, um sich ihrer Potenz zu versichern, die durch Entbehrung und Kastrationsdrohungen der SS gefährdet schien; das obligatorische Duzen, die Beschimpfungen, die Notwendigkeit, zu lügen (da es unmöglich war, alle Forderungen zu erfüllen) und sich zu verstecken (da Auffallen Schläge bedeutete); die ständigen Drohungen, die Angst; die gefährliche ohnmächtige Wut, unterdrückt, gegen sich oder gegen andere Häftlinge gerichtet – alles war darauf angelegt, die Gefangenen auf ihre Kindheit zurückzuwerfen“ (Sutton 214).
Nach seiner Emigration in die USA trennte sich Bettelheims erste Frau Gina von ihm. Er heiratete seine zweite Frau Trude, mit der er drei Kinder hatte, nahm in Chicago an einem Forschungsprojekt teil, unterrichtete am Rockford College, leitete die Orthogenic School und bekleidete eine Professur für Erziehungswissenschaften, Psychologie und Psychiatrie, beides an der University of Chicago. Bettelheim hielt auch Vorlesungen an der Stanford University in Kalifornien sowie landesweit und im Ausland Vorträge, Seminare und Workshops; er gab Interviews, nahm an Konferenzen teil und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
Der Bettelheim-Skandal
Nachdem Bettelheim, der Atheist war, am 13. März 1990 Barbiturate und Alkohol zu sich genommen, für seine Kinder einen Abschiedsbrief geschrieben und sich mit einer Plastiktüte erstickt hatte, erschienen in den Zeitungen zwei Wochen lang Lobeshymnen.
Doch dann schrieb Alida Jatitch, eine ehemalige Schülerin der Orthogenic School, einen Leserbrief, der am 6. April 1990 im Chicagoer Wochenblatt Reader erschien. Darin warf sie Bettelheim vor, er habe sie im Alter von 15 Jahren nackt an den Haaren aus der Dusche gezerrt und sie in einem Raum vor anderen Leuten geschlagen. Er habe sie außerdem beschimpft und behandelt, als wäre sie nur zwei Jahre alt.
Nina Sutton hat mit mehreren Zeugen über den Vorfall gesprochen. Sie kommentiert: „Er verlor dadurch ein paar seiner schockierendsten Aspekte. Und doch haben alle recht.“ Wobei „dasselbe Ereignis oft nicht wiederzuerkennen ist, wenn zwei verschiedene Leute darüber berichten“ (Sutton 525).
Der Leserbrief von Alida Jatitch brachte eine Lawine ins Rollen, an der sich andere ehemalige Schüler(innen), ehemalige Erzieher und Therapeuten, Feinde der Psychoanalyse und Bettelheimgegner beteiligten.
Am 26. August 1990 veröffentlichte Charles Pekow in der Sonntagsausgabe der Washington Post einen Artikel, in dem er Bettelheim als Sadist, Rassist und Scharlatan anklagte. An der Orthogenic School seien keine Kinder von Schwarzen gewesen, Bettelheim habe seine Macht mißbraucht, falsche Diagnosen gestellt und seine Fehler hinter seinem Ruhm versteckt. Es habe weder Sport- noch Musikunterricht gegeben. Am besten habe er für sich selbst werben können. Er habe sich wie der Guru einer Sekte benommen.
Pekows Artikel wurde auch von anderen Zeitungen in den USA und im Ausland veröffentlicht. Nina Sutton kommentiert: Bettelheim habe seine Kinder aus Wut und um eine Reaktion zu bekommen geschlagen, obwohl er sich stets dagegen aussprach.
Der ehemalige Schüler Ronald Angres warf Bettelheim vor, er habe sich zwölf Jahre lang wie ein Tyrann aufgeführt, Angst verbreitet, Comics konfisziert, seinen Spielzeugzug und eine seiner Zeichnungen schlecht gemacht, ihm Größenwahn vorgeworfen, ihn geohrfeigt und als Behinderten beschimpft. Außerdem habe es in den Schlafräumen nach Urin gestunken. Er sei kein Autist gewesen und habe unter Bettelheims Analysen und Überwachung gelitten.
Bettelheims Verteidiger wirkten auf Nina Sutton ziemlich blaß, als ob sie nicht richtig hinter dem stehen könnten, was sie vorbrachten. Doch Ende Herbst 1990 war Bettelheims Ruf zerstört. Journalisten hinterfragten Bettelheims Kindheit, Ausbildung und KZ-Erfahrung.
Der emeritierte Professor Ron Grossman befragte Schüler, Mitarbeiter, Psychoanalytiker und Ralph Tyler, der den Fachbereich Erziehungswissenschaften an der University of Chicago geleitet hatte. Aufgrund der Aussagen, die er über Bettelheim erhielt, entwarf er „das Bild eines sonderbaren Kauzes, halb Genie, halb Blaubart, auffallend intelligent, ungeheuer ehrgeizig, nicht übermäßig skrupulös und ziemlich eitel“ (Sutton 26).
Den Vorwurf, Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“ sei ein Plagiat der Ideen des Psychiatrieprofessors Dr. Julius Heuscher, konnte der Plagiierte selbst zwar ausräumen, doch „ein schwacher Nachgeschmack von Betrug bleibt zurück“ (Sutton 27).
Schließlich fragt Sutton: „Wie kam es, daß die besten Entlastungszeugen für Bettelheim Menschen waren, die ihn nicht kannten, während seine Mitarbeiter, die ihn bewunderten und die am meisten darunter litten, wie sein Bild bald nach seinem Tod entstellt wurde, so schlechte Verteidiger seines Andenkens waren?“ (Sutton 27)
Sutton beantwortet diese Frage aus dem Umfeld der Mitarbeiter: Einerseits bewunderten sie Bettelheim, andererseits begriffen sie ihn nicht und verabscheuten seine Brutalität gegenüber den autistischen oder psychotischen Kindern. Dazu kam, daß sie zusammen mit den Kindern lebten, also keinen Dienstschluß hatten. Aufgrund ihrer Selbstanalysen „wußten sie manchmal gar nicht mehr so genau, was sie eigentlich von den Kindern unterschied“ (Sutton 28).
Pädagogisch relevante Kindheitserfahrungen
Bettelheims Eltern waren zwar Juden, betraten allerdings nie eine Synagoge. Der Name „Bettelheim“ ist eine Verballhornung von Bet(h)lehem. Daß der Name von einem Waisenhaus namens „Bettel-Heim“ komme, ist unwahrscheinlich, da Bettelheims Großvater väterlicherseits, Jakob Morris Bettelheim, nie in einem Waisenhaus war. Er war zuerst Hauslehrer bei Anselm von Rothschild. Nach dessen Tod setzte ihn Albert von Rothschild als Güterdirektor ein.
Adolf Seidler, Bettelheims Großvater mütterlicherseits, wurde als Dreizehnjähriger von seiner Stiefmutter aus dem Haus geworfen. Mit seinem Bar-Mizwa-Anzug und fünf Gulden wanderte der Junge nach Wien. Dort nahm ihn ein entfernter Verwandter auf. Durch allerlei Betrügereien wurde Adolf ein reicher Mann und Haustyrann.
Das Judentum lernte der kleine Bruno zunächst lediglich in Form des Antisemitismus kennen: Als Jude in Wien hatte man „die Wahl, für unempfindlich, zudringlich, frech oder für empfindlich, schüchtern, verfolgungswahnsinnig zu gelten“ (Sutton 41). Den Juden wurde vor allem ihre kritische Einstellung (als Zersetzung) und „Gefühlsduselei“ vorgeworfen (Sutton 44). Ein Klassenkamerad namens Karl schlug Bruno, weil die Juden Jesus umgebracht hätten.
Bruno wurde von einer Amme, einem Kindermädchen und einer Gouvernante großgezogen. Seine Mutter Pauline Bettelheim erzählte ihm vor dem Einschlafen Märchen. Sein Vater Anton Bettelheim starb nach zehnjährigem Leiden an Syphilis.
Als Bruno das Bundesrealgymnasium besuchte, warf er einmal mit der Hilfe seiner Klassenkameraden einen Lehrer aus dem Klassenzimmer, weil er anders als die anderen Lehrer war. Der Direktor des Gymnasiums rügte Bruno wegen Heuchelei (weil er sonst stets anständig war) und die Klassenkameraden, weil sie ihn nicht von seiner Tat abgehalten hatten. Bruno mußte „‚zwei Stunden nachsitzen und sich selbständig mit einem Lehrstoff beschäftigen'“, den sein Lehrer ihm „’so interessant hätte machen sollen, daß für eine solche Ungezogenheit kein Platz gewesen wäre'“ (zit. n. Sutton 73).
Am 19. November 1986 schrieb Bettelheim an den israelischen Psychoanalytiker und Pädagogen deutscher Herkunft Carl Frankenstein über sein Lebensziel: Er wollte „‚Kindern bei der Überwindung jener Schäden […] helfen, die ihre früheren Erfahrungen verursacht haben'“ (zit. n. Sutton 87). Er wollte sie allmählich verstehen machen, daß jedes Leben wertvoll ist, wenn man ihm einen Sinn geben kann. Da ihm klar war, daß emotional gestörte Kinder mit inneren Kräften kämpften, die potentiell tödlich waren, wollte er ihnen helfen, diese Kräfte zu überwinden.
Bettelheim wollte die Welt dadurch besser machen, daß er die Lektionen umsetzte, die er in Buchenwald gelernt hatte. Kritiker warfen ihm vor, daß seine Erfahrungen in Buchenwald nicht mit denen in den Vernichtungs- oder Todeslagern vergleichbar seien.
Mitarbeiter der Eight Year Study
Bettelheims erste Stelle in den USA war unbezahlt. Im Rahmen des Forschungsprojekts Eight Year Study mit dem Ziel, neue Lehrpläne für höhere Schulen zu testen, entwickelte Bettelheim an der Orthogenic School in einer früheren Kirche der Universalisten in Chicago „ein Instrument zur Evaluierung des neuen Kunstunterrichts“ (Sutton 246). Er sollte „das Kunstempfinden und -verständnis von Kindern“ meßbar machen (Sutton 247).
Dazu entwarf Bettelheim eine 110 x 60 cm große Tafel mit 40 Reproduktionen von Gemälden. Die Kinder sollten auf einem extra Blatt notieren, welche Gemälde zusammenpaßten. Außerdem sollten sie mitteilen, warum ihnen „welches Bild […] am besten und welches […] am wenigsten gefalle“ (Sutton 247).
Wenn man die Testergebnisse vom Anfang des Schuljahres mit den Ergebnissen vom Ende des Schuljahres verglich, konnte man sehen, inwiefern sich der Kunstgeschmack der Kinder durch den Unterricht entwickelt hatte. Ralph Tyler war vom Entwurf des Tests so begeistert, daß er Bettelheim eine bezahlte Stelle anbot.
Da 30 Schulen an dem Forschungsprojekt teilnahmen, mußte Bettelheim herumreisen, um seinen Test zu erläutern. Nach der Durchführung des Tests mußte er einen Bericht schreiben und sich anschließend eine neue Stelle suchen.
Assistent am Rockford College
Bettelheim unterrichtete zuerst Kunstgeschichte. Die Studentinnen (zum Studium waren nur Mädchen zugelassen) bewunderten ihn. „Er redete über die Kunst, die Philosophie, die Psychologie, ohne sich um Fächergrenzen zu scheren. Er quälte sie nicht mit Fachbüchern, sondern ließ sie die Originaltexte lesen, er schickte sie los, sich die Kunstwerke anzuschauen, von denen er immer erzählte“ (Sutton 254).
Als der Philosophieprofessor am Rockford College zum Militärdienst eingezogen wurde, vertrat Bettelheim ihn. Er „ermutigte die Studentinnen, nachzudenken und abzuwägen, bevor sie handelten, und stets zu sagen, was sie auf dem Herzen hätten“ (Sutton 255). Seine Methode: „Diskussion, Aufforderung zum Selberdenken und scharfe Verweise für die Angepaßten, die Oberflächlichen und die Eingebildeten.“ Besonders haßte Bettelheim „die Dummheit und ihre hochtrabende, wissenschaftliche Verkleidung, den Jargon“ (Sutton 256).
Bettelheims Unterricht war eine „Mischung aus Lehren und Behandeln“ (Sutton 257), d.h., er arbeitete gleichzeitig als Lehrer und Therapeut. Er teilte nicht nur fachbezogene Inhalte mit, sondern zeigte auch, „wie die psychologischen Mechanismen funktionierten, um die es in der Vorlesung ging“ (Sutton 256). Er unterzog die Studentinnen den Tests, „deren Handhabung sie lernen sollten“ (Sutton 257). Er ließ sie ihre Autobiographie schreiben und analysieren.
Die Reaktionen auf seinen Unterricht waren gespalten: „Schon gaben manche, die er gekränkt, aufgebracht oder einfach übergangen hatte, nach ein paar Wochen auf und verkündeten, Bettelheim sei eine sadistische Bestie, und keine zehn Pferde brächten sie mehr in seine Veranstaltung. Schon rief dieser komische Sokrates Bewunderung, Angst und Eifersucht unter seinen Kollegen hervor. Schon förderte er Berufungen zutage und warf allzu gründlich geplante Lebensentwürfe über den Haufen“ (Sutton 259).
Wieder an der Orthogenic School
Bettelheims zweite Aufgabe an der Orthogenic School bestand darin, ein Konzept zu entwickeln, „wie man Kunstgeschichte, Psychologie und Deutsch prüfen könnte. Vier Tage pro Woche unterrichtete er weiterhin am College, die restlichen drei saß er im Souterrain der Kirche und dachte sich Examensaufgaben aus“ (Sutton 260).
Das Pfarrhaus der ehemaligen Kirche war ein Internat für Kinder, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben waren. „Niemand wußte mit dieser Mischung aus Schule und Heim etwas anzufangen, die so gar nicht zum Image der Universität als Hort der hohen Wissenschaft und Brutstätte für Nobelpreisträger paßte. Schließlich kam die Idee auf, die Einrichtung außer zu therapeutischen auch zu Forschungszwecken zu nutzen und die geistige Entwicklung von Kindern zu beobachten“ (Sutton 242), die normal intelligent, aber emotional gestört waren.
Als Bettelheim einem Freund von Patsy (Patricia Piel) erzählte, die im Alter von sieben Jahren einen Entwicklungsstand von zwei bis drei Jahren aufwies, aber von seiner ersten Frau Gina aufgenommen wurde, da ihre Mutter Agnes Piel Schriftstellerin werden wollte, hörte Ralph Tyler davon, der den Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Orthogenic School leitete. Er bat Bettelheim im Herbst 1942 um einen Bericht und Verbesserungsvorschläge.
Bettelheim schaute sich die Schule an und war so entsetzt, daß er keinen Bericht schrieb. Als Tyler ihn deswegen ansprach, meinte Bettelheim, mit der Schule könne man nur eines machen: sie niederbrennen. Er wollte Professor an einer Universität werden, nicht die Orthogenic School auf Vordermann bringen.
Da nach dem Krieg die Professoren von Rockford wieder heimkehrten und Bettelheim keine Aussicht auf eine ordentliche Professur hatte, entschied er sich, eine Stelle als Berater an der Orthogenic School anzunehmen. Er bat die Kinderpsychoanalytikerin Emmy Sylvester, die ebenfalls aus Wien stammte, ihn zu unterstützen.
Doch Tyler überrumpelte ihn: Nach einem Mittagessen führte er ihn zu Robert Hutchins, dem Rektor der University of Chicago, der ihm anbot, die Orthogenic School zu leiten. Bettelheim nahm das Angebot unter den beiden Bedingungen an, daß die Schule dreimal soviel Geld bewilligt bekäme und er fünf Jahre lang keine Fragen beantworten müßte. Hutchins akzeptierte Bettelheims Bedingungen.
In Wirklichkeit schrieb Bettelheim schon nach neun Monaten einen Bericht. Der Unterbringungsbeitrag wurde von 165 auf 200 Dollar erhöht. Sponsoren sollten zwei Millionen Dollar beschaffen. Bettelheim bat seine besten Studentinnen von Rockford, ihn an der Orthogenic School zu unterstützen. Drei von ihnen sagten zu. Außerdem wurde für ihn an der University of Chicago eine Stelle eingerichtet, so daß er Vorlesungen über Erziehungswissenschaft halten konnte.
Erziehungsziel an der Schule war, daß die Kinder ihr Leben und ihre Gefühle ernst nahmen. Außerdem sollten sie ihre Handlungen reflektieren. Sie sollten autonom und verantwortlich leben lernen. „Bruno Bettelheim liebte Kinder nicht, er verstand sie“ (Sutton 305). Er interpretierte unerwünschtes Verhalten als unbeholfenen Ausdruck innerer Regungen. Er betrachtete Verrücktheit als heilbare Krankheit und nahm nur Kinder auf, die woanders versagten. Aufnahmevoraussetzung war, daß es während der sechswöchigen Probezeit gelang, Kontakt zu ihnen zu finden. Diese Probezeit wurde schließlich fallen gelassen, als immer mehr schwierigere Kinder aufgenommen wurden.
Bettelheim bevorzugte junge Erzieher und Erzieherinnen, die noch nicht verbogen waren. Er erwartete von ihnen, daß sie ihre Reaktionen auf störendes Verhalten der Kinder analysierten. Was hatten sie als Kind versäumt und wollten es deshalb dem ihnen anvertrauten Kind geben? Wollten sie in dem Kind vor ihnen das Kind, das sie selbst gewesen waren, bestrafen?
Sie mußten in Berichten alles festhalten, was passiert war, ohne zu erklären oder zu interpretieren. Einmal stellte Bettelheim anhand der Berichte fest, daß anscheinend zwei Wochen lang kein einziges Kind auf’s Klo gegangen war.
Nur diejenigen Erzieher(innen) hielten durch, die durch ihre tägliche Arbeit ihre eigenen psychischen Probleme lösen konnten. Bettelheim forderte sie z.B. dazu auf, sich vorzustellen, was sie veranlassen könnte, sich ebenso wie das ungezogene Kind vor ihnen zu verhalten. Er sah das Problem, daß die Kinder in den Erwachsenen negative Emotionen hervorrufen können, die eben diese Erwachsenen nicht akzeptieren können.
Nina Sutton stellt einen direkten Bezug zwischen Bettelheims Kindheitserfahrungen und seiner Pädagogik her: Seine Erzieherinnen sollten für die Kinder die Empathie aufbringen, die er selbst als kleiner Junge bei seiner Mutter vermißt hatte. Nach dem Tod des Vaters fungierte Bruno als Partnerersatz und mußte die Leistungen erbringen, die seine Mutter nicht zustandegebracht hatte. Er sollte ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft werden, weil seine Mutter keine Geschäftsfrau werden durfte, sondern von ihrem tyrannischen Vater in eine arrangierte Ehe gedrängt wurde. Bettelheims Erzieherinnen sollten die Kinder sehen, wie sie waren, weil Bettelheim selbst von seiner Mutter nicht gesehen wurde, weil sie nicht verstand, was er hoffte, worüber er sich freute und wovor er Angst hatte.
Eine Einladung, die Bettelheim im Herbst 1945 aushängte, zeigt, wie sehr er sich von der Schule und sich selbst distanzieren konnte, wie sehr er darüber stand:
„‚Meine lieben Freunde, ihr habt gelitten im letzten Jahr, aber die Götter wissen: Ich auch. Meint Ihr nicht, es wäre an der Zeit, uns zu der großen Wehklage zu versammeln, um uns vom Schrecken und den Sorgen des letzten Jahres zu reinigen und uns bereit zu machen für den Schrecken und die Sorgen des nächsten? […] Es wird nicht genug Stühle geben, nicht genug zu essen und zu trinken, aber es wird genug Leute geben, das verspreche ich, mit denen Ihr gemeinsam über mich fluchen könnt … Keine Sorge, ich werde es Euch im Laufe des Jahres schon noch heimzahlen'“ (zit. n. Sutton 324f).
Am 29. Juni 1973 verabschiedete sich Bettelheim von den Kindern der Orthogenic School, die er seit 1. Oktober 1944 als Direktor geleitet hatte.
Im folgenden bespreche ich zwei Bücher von Bettelheim, die eher pädagogisch als therapeutisch zu verstehen sind (wobei beides schwer zu trennen ist).
„Kinder brauchen Märchen“ (1976)
In diesem seinem berühmtesten Buch interpretiert Bettelheim ausgewählte Märchen psychoanalytisch. Seine grundlegende These ist, daß die Märchen den Kindern helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu finden, indem sie den Kampf gegen Schwierigkeiten zeigen. Sie bringen ihnen bei, daß es sich nicht lohnt, böse zu sein, da am Ende der Märchen stets die Guten siegen. Die Märchen helfen den Kindern, sich von den Eltern zu lösen und einen eigenen Weg zu gehen.
Doch Bettelheims Buch ist für Erwachsene geschrieben. Es soll ihnen helfen, „sich der Bedeutung der Märchen klarer bewußt zu werden“ (S. 26).
„Kinder brauchen Bücher“ (1981)
Die Kapitel 2, 4, 9 und 11 verfaßte Bettelheim zusammen mit seiner Assistentin an der Orthogenic School Karen Zelan. Die Kapitel 1, 3, 10, 12 und 13 schrieb er alleine. Über die Verfasser der Kapitel 5-8 gibt Bettelheim keine Auskunft.
Er hält das Lesen für das Wichtigste, was Kinder in der Schule lernen können. Die Lehrer müßten ihnen von Anfang an klar machen, daß das Lesen kein Selbstzweck, sondern ein Mittel sei, um nützliche Inhalte von Büchern zu erfahren. Dabei hat „nützlich“ zwei Bedeutungen: Informationen für das praktische Leben und Anregung zur Selbst- und Welterkenntnis.
Doch das wird von amerikanischen Schulbüchern zum Lesenlernen verhindert, die so gestaltet sind, daß sie möglichst oft verkauft werden können. Mit anderen Worten: Es dürfen keine Inhalte darin vorkommen, gegen die irgendjemand etwas haben könnte. Das Ergebnis sind langweilige, wirklichkeitsfremde Geschichten, die den Kindern das Lesen verleiten. Dabei wird die Zahl der verwendeten Wörter immer mehr reduziert. Außerdem werden die Kinder durch Bilder vom Lesen abgehalten.
Es ist ein Teufelskreis: Wenn die Kinder durch solche Bücher nur schlecht lesen lernen, vereinfacht man die Bücher noch mehr, weil man denkt, sie seien „zu schwierig“ für die Kinder (S. 34). Dadurch lernen sie noch schlechter lesen. Die Gestaltung der Fibeln als Beleidigung für die Intelligenz der Lehrer und Schüler wird damit gerechtfertigt, daß die Inhalte nicht vom Lesenlernen abhalten sollen. Doch die Inhaltslosigkeit unterbindet das Interesse am Lesenlernen.
In einer Feldstudie gingen die Autoren und ein Team aus sechs Mitarbeitern der Frage nach, was hinter den Lesefehlern der Kinder steckt. Bei den Befragungen von Kindern und deren Lehrern war der psychoanalytische Gedanke maßgebend, daß bei einem Fehler das Unbewußte mit einer bestimmten Botschaft im Spiel ist. Vorbild für dieses Vorgehen war Freuds „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“.
Beispiele:
- Ein Kind liest Tigger, den es aus einem Kinderbuch kennt, statt Tiger. Erklärung: Es handelt sich um die Bewältigung der Angst vor einem gefährlichen Tier.
- Ein Kind liest, daß ein schlafender Hund keinen statt einen Wolf sehen kann. Erklärung: Das Kind korrigiert den Text, denn wer schläft, kann nichts sehen.- Was Bettelheim hier außer acht läßt, ist, daß die Druckfehler in Büchern zunehmen, seit weniger lektoriert wird. Er und (die Kinder) müßten also nicht gleich an einen Test oder eine Falle denken, die das Schulbuch stellen will, sondern es würde genügen, an ein Versehen des Setzers oder (seit der Einführung von Computern) Autors zu denken.
- Ein Kind liest defective statt detective. Erklärung: Die Detektiv-Ausrüstung in der betreffenden Geschichte ist nutzlos (also defekt).
- Ein Kind liest dump (wegwerfen) statt jump (springen). Erklärung: Es hält das Arbeitsbuch für Quatsch und will es wegwerfen.
- Ein Kind liest mom (Mama) und dad (Papa) statt mother (Mutter) und father (Vater), weil die beiden letzten Bezeichnungen nicht seinen Gefühlen für seine Eltern entsprechen.
- Ein Mädchen liest job (Beruf) statt truck (Lastwagen), weil es eines Tages Lehrerin werden und keinen Lastwagen bekommen will.
Jedenfalls ließ sich Bettelheim bei seiner Feldstudie von drei Prinzipien leiten:
- Lesefehler besitzen „auf irgendeiner Ebene für das Kind eine subjektive Bedeutung“.
- Lesefehler weisen auf einen Konflikt „zwischen seinem bewußten Versuch, das was im Buch steht zu lesen, und einem unbewußten Bedürfnis“ hin, „einer völlig anderen Reaktion Ausdruck zu geben, die das Gelesene in ihm erweckt hat.“
- „Man sollte den Lesefehler des Kindes als einen Akt anerkennen und respektieren, bei dem das Kind sich selbst auszudrücken sucht“ (S. 83f).
Durch die Anerkennung des Lesefehlers und die Unterdrückung von Kritik nimmt man den Kindern die emotionale Ladung bzw. Ablenkung weg, die sie gehindert haben, richtig zu lesen, so daß sie daraufhin von selbst den Satz wiederholen, diesmal ohne Fehler.
Über das konkrete Anliegen der Behebung von Lesefehlern hinaus enthält das Buch auch allerlei Lebensweisheiten, so daß es trotz allen Wiederholungen, mit denen Bettelheim dem Leser seine Erkenntnisse regelrecht einbläut, interessant bleibt.
Beispiele:
- Wer einem Lümmel nachgibt, zerstört seine Selbstachtung.
- Wer etwas kann, muß seine Überlegenheit nicht dadurch beweisen, daß er jemand schikaniert.
- Kinder neigen eher dazu, einen Text in ihr Denksystem einzupassen (und dabei zu verändern), während Erwachsene eher in der Lage sind, einen Text so zu verstehen, wie er ist.
- Die Mathematik liefert „den Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der Welt“ (S 54).
- Die Ziele von Erziehung und Psychoanalyse lassen sich nur schwer von einander abgrenzen.
- „Jede Lösung eines Problems schafft neue Probleme“ (S. 188).
- Mit den amerikanischen Fibeln geht Bettelheim hart ins Gericht:
- Die Texte sind belanglos oder langweilig.
- Der verwendete Wortschatz ist geringer als der, den die Kinder bereits beherrschen.
- Die Sätze sind übertrieben einfach (Babysprache), so daß die Kinder beim Sprechen bereits weiter sind.
- Es werden endlos dieselben Wörter wiederholt.
- Die Illustrationen sind komplizierter als die Texte, die den Bildern nicht gerecht werden.
- Titel und Schutzumschlag, die Spiel und Spaß verheißen, stehen im Widerspruch zu den langweiligen und ärgerlichen Texten und der Schwierigkeit des Lesenlernens. Wenn die Texte von einem Jungen und einem Mädchen handeln, warum sind dann auf dem Schutzumschlag zwei Mädchen abgebildet? Wenn das schwarze Mädchen auf dem Umschlag die Kinder dazu erziehen soll, andersfarbige Kinder nicht zu diskriminieren, warum wird dann dieses Thema in den Texten ausgespart?
- Warum verrichten in den Geschichten im Gegensatz zu den Bildern die Kinder keine Arbeiten, die ihnen von den Eltern aufgetragen wurden?
- Kinder sind allergisch gegen Befehle – doch die Lesefibeln sind voll davon.
- Die Dialoge in den Geschichten sind wirklichkeitsfremd.
- Über die Figuren in den Geschichten erfährt der Leser nicht einmal das Elementarste.
- Da die Bilder informativer als die Geschichten sind, machen sie das Lesenlernen überflüssig.
- Schule, Lesen und Lernen kommen nicht vor, es sei denn als langweilige und sinnlose Alltagsroutine oder eben als fade Spaßveranstaltung und Lockmittel. „Damit will man dem Kind offenbar einreden, daß sein Leben deshalb so deprimierend ist, weil es in die Schule gehen muß“ (S. 232). „Kein Wort von etwas Positivem, das sich während des Schultags ereignen könnte – die angenehmen Dinge ereignen sich erst, wenn die Schule aus ist“ (S. 233).
- Da die Fibeln alles aussprechen, bleibt für die Phantasie der Kinder kein Raum.
Am besten wären für die Kinder „Geschichten, in denen der kindliche Held auf ernste Schwierigkeiten stößt, mutig dagegen ankämpft und schließlich siegreich daraus hervorgeht“ (S. 247), wie es in vielen Märchen oder auch manchen biblischen Geschichten geschieht.
Fazit:
- „Kein Wunder, daß sich die Kinder bei ihren Lesebüchern hauptsächlich darüber ärgern, daß die Texte sie als Idioten behandeln“ (S. 227) und sie dadurch verdummen.
- Für Kinder gibt es nichts Schlimmeres, „als wenn signifikante Erwachsene ihm in wichtigen Dingen gleichzeitig widersprüchliche Lehren erteilen“ (S. 234).
- Den Schulfibeln zufolge lernen die Kinder nicht, das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip zu ergänzen. Die verheißenen Es-Befriedigungen lassen Ich und Über-Ich unzufrieden und unentwickelt zurück.
- „Inzwischen hat man mehrere Generationen amerikanischer Grundschulkinder um die Entdeckung betrogen, daß das Lesen die anregendste, lohnendste und sinnvollste Erfahrung ist, die die Schule zu bieten hat“ (S. 251).
Anhand der Gegenüberstellung der amerikanischen Lesebücher mit europäischen aus Österreich, der Schweiz, Polen, Rußland und Frankreich zeigt Bettelheim, wie man es besser machen kann. Alle nehmen das Kind ernster als amerikanische Lesebücher. Sie respektieren seine Intelligenz und gehen davon aus, „daß ein Kind schon von frühester Jugend an positiv auf literarisch Wertvolles reagiert“ (S. 284).
- Die österreichischen Fibeln wirken realistischer und geben keine Anweisungen.
- Eine Schweizer Fibel beginnt mit den Worten „‚ICH BIN'“ und betont so das Ichsein der Kinder (S. 274).
- Eine polnische Fibel „strahlt eine Atmosphäre ernster Hingabe an das Lesen und Lernen und an alles, was mit der Schule zusammenhängt, aus, während die amerikanischen Fibeln so tun, als bestünde das Leben nur aus belanglosen Späßen und Spielen“ (S. 278).
- Die Geschichten in einer russischen Fibel „fordern die Kinder auf, gern in die Schule zu gehen, fleißig zu arbeiten und gute Kameraden zu sein. Andere Geschichten sollen dazu dienen, den Charakter zu formen.“ Sie „wenden sich streng an das Gewissen des Kindes, an sein Pflichtgefühl, das ihm gebietet, den Lehrern zu gehorchen und seinem Vaterland zu dienen.“ Bettelheim kritisiert hier allerdings die sowjetische Indoktrinierung: Die Lesebücher suchen „nur gewisse Aspekte der kindlichen Persönlichkeit zu entwickeln […] und […] unterdrücken“ andere Aspekte, „indem sie sich auf eine bewußte politische und gesellschaftliche Indoktrination konzentrieren“ (S. 280).
- Eine französische Fibel zeigt dem Kind „Verständnis für einige seiner besonders heiklen Erfahrungen“ (S. 281). Eine Geschichte handelt von einer Elefantenfamilie „im Gegensatz zur Schlange und zur Ratte, die im erwähnten amerikanischen Lesebuch vorkommen“ (S. 283).
Fazit: „Kinder stellen hohe Ansprüche. Sie sind die aufmerksamsten, wißbegierigsten, eifrigsten, interessiertesten, einfühlsamsten, am schnellsten auffassenden und ganz allgemein kongenialsten Leser der Welt“ (S. 284).
Würdigung und Kritik
Durch die Biographie von Nina Sutton ziehen sich wie ein roter Faden die Bemerkungen über Bettelheims Halbwahrheiten, Lügen und Fabulierkünste, die sich vor allem auf seine Vergangenheit beziehen. Sutton faßt sein „Verhältnis zur Wahrheit nach der Erfahrung der Lager“ so zusammen: „Er […] vernachlässigte die faktischen Einzelheiten zugunsten der vollendeten Geschichte“ (Sutton 201).
Ihre Erklärung dafür: Bettelheim habe „seine wunden Stellen […] schützen“ wollen. „Doch er sah das als Betrug und fühlte sich schuldig. Und wappnete sich dagegen mit Arroganz und Aggressivität. Und dieses Verhalten wiederum gab den Verdächtigungen gegen ihn neue Nahrung“ (Sutton 273).
Auch die Orthogenic School wurde von Bettelheim in seinen Büchern geschönt dargestellt. Nina Sutton weist allerdings darauf hin, daß dreißig Jahre später die Therapieerfolge bei autistischen Kindern kaum besser waren.
Fritz Redl warf Bettelheim vor, daß sein Buch „Liebe allein genügt nicht“ „‚eine Märchensammlung'“ sei, in der die Schwierigkeiten und die Disziplinfrage ausgeblendet würden. Bettelheim verteidigte sich so: Wenn er ehrlich gewesen wäre, würden die Leser seine Bücher „‚als Ausrede benutzen, um ihre eigenen Kinder zu mißhandeln'“ (zit. n. Sutton 352).
Aus demselben Grund weigerte sich Bettelheim, ein Vorwort zu dem Buch „Mutterliebe“ von Elisabeth Badinter zu schreiben, in dem sie behauptet, es gebe keinen Mutterliebeinstinkt. Bettelheim stimmte ihr zu, denn wenn es die Mutterliebe gäbe, wäre ja seine Arbeit in der Orthogenic School nicht angefallen. Doch er befürchtete, daß Badinter mit ihrem Buch Mütter „von ihrem Schuldgefühl befreien“ könnte, „das wenigstens ein paar Kinder vor Selbstmord, Magersucht und so weiter gerettet hat“ (Sutton 353).
Nina Sutton faßt die Problematik so zusammen: Bettelheim habe die Hoffnung aufgegeben, den Kampf gegen die Dämonen auf faire Art und Weise gewinnen zu können. „Für den guten Zweck war Bruno Bettelheim stets bereit, der Wahrheit ein wenig nachzuhelfen“ (Sutton 354).
Das Schlagen der Kinder war in der Orthogenic School offiziell verboten. Wenn ein Erzieher ein Kind schlug, wurde er fortgeschickt. Doch Bettelheim selbst gab den Kindern Ohrfeigen. Dahinter steckte der Gedanke, daß er deren Aggressivität von ihnen selbst auf einen äußeren Feind (nämlich Bettelheim) lenken wollte. Doch zumindest in einem Fall handelte es sich auch um persönliche Rache: Einer der Schüler hatte Arthur Schnitzler kritisiert, der einer von Bettelheims Lieblingsautoren war. In allen Fällen war mit der Ohrfeige eine bestimmte Botschaft verbunden, die auf das Kind zugeschnitten war.
Nina Sutton hat mit vielen Lehrern und Erziehern gesprochen, die an der Schule arbeiteten. Alle „berichteten auf die eine oder andere Weise, wie Bettelheims Bücher sie an der Verteidigung ihrer Schule hinderten“ (Sutton 355).
Taten sie es dennoch, hatten sie das Gefühl, mißverstanden zu werden. Bettelheims Nachfolgerin Jacquelyn Sanders versuchte in ihrem Buch A Greenhouse for the Mind (Chicago 1989) trotzdem, die Wahrheit zu sagen. „Doch die Orthogenic School, die sie schildert, hat mit der Bettelheims außer den Räumlichkeiten kaum etwas gemein“ (Sutton 356).
Als die Lehrer und Erzieher vom Bettelheim-Skandal hörten, überlegten sie, ob sie vielleicht gerade nicht da waren oder nichts von dem gemerkt hatten, was die inzwischen erwachsenen Kinder von der Schule erzählten. Andererseits war ihnen klar, daß das nicht sein konnte, da ja in den Konferenzen stets alles besprochen wurde.
Nina Sutton weist darauf hin, wie schwer es ist, stets die Wahrheit zu leben und zu sagen. Selbst wer sich redlich darum bemüht, stößt an Grenzen, da Erinnerungen sich mit der Zeit verändern können.
Anmerkung von mir: Außerdem gibt es falsche Erinnerungen. Trotzdem halte ich den Ansatz von Bettelheim für falsch, für einen guten Zweck zu lügen. Ich denke, für die Wahrheit gilt dasselbe wie für die Gesundheit: Sie sind nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts.
Den „Kern der Bettelheimschen Erziehungsphilosophie“ faßt Nina Sutton so zusammen: Gute Eltern müssen sich gegenüber Kindern wie Erwachsene verhalten und die Kinder Kinder sein lassen. Sie sollen von Kindern weder Verständnis noch Trost erwarten und ihnen nicht die eigenen Schwierigkeiten aufbürden. Kinder haben die Aufgabe, sich zu entwickeln, um das Leben bewältigen zu können. Es ist die Aufgabe der Eltern, dafür ein günstiges Umfeld zu schaffen und den Kindern „mittels ihrer Autorität Grenzen zu setzen. Und schließlich: für alles ein Happy-End zu finden, das das Kind darin bestärkt, zu leben und zu wachsen“ (Sutton 495).
© Gunthard Rudolf Heller, 2025
Literaturverzeichnis
BETTELHEIM, Bruno: Kinder brauchen Märchen (The Uses of Enchantment, New York 1976), aus dem Amerikanischen von Liselotte Mickel und Brigitte Weitbrecht, München 111988
– / ZELAN, Karen: Kinder brauchen Bücher – Lesen lernen durch Faszination (On Learning to Read. The Child’s Fascination with Meaning, New York 1981), aus dem Amerikanischen von Liselotte Mickel und Brigitte Weitbrecht, München 1985
SUTTON, Nina: Bruno Bettelheim – Auf dem Weg zur Seele des Kindes (Bruno Bettelheim. Une vie, Paris 1995), aus dem Französischen von Brigitte Große, Hamburg 1996
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