Annette von Droste-Hülshoff als Philosophin

Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) zählt zu den bedeutendsten deutschen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts. Mit Werken wie Die Judenbuche verband sie poetische Sensibilität mit scharfer Beobachtungsgabe und gesellschaftskritischem Blick.

Einführung

Mary Lavater-Sloman hält Annette von Droste-Hülshoff, eigentlich Anna Elisabeth Freiin von Droste zu Hülshoff (1797-1848), für die größte „Dichterin Deutschlands“ (S. 298; ebenso Martini und Wilpert), für die „Führerin aus dem Abgrund der Schuld in den Frieden der Entsühnung“ (S. 106). Die Sendung Drostes erblickt sie darin, „mit ihrem Wort den Weg des Guten zu erhellen“ (S. 308).

Annette von Droste-Hülshoff

Dabei sind Gut und Böse ganz einfach definiert: „Es ist ‚gut‘ seinen Weg zu gehen, wie hart er auch sein mag und wie unverständlich für die Mitwelt; es ist ‚gut‘ ein Ganzes zu werden, aber es ist ‚böse‘, sich zu widersetzen und nach rechts und links auszubrechen. Das große Können lohnt die Bereitschaft; das Haften in der Halbheit aber ist die Strafe für den Eigenwillen gegen die höhere Macht“ (S. 159).

Die folgende Aussage steht dazu allerdings im Widerspruch: Droste „fürchtete, daß die Menschheit in Verrohung untersinken müßte, wenn sie einmal die ethische und bürgerliche Disziplin verloren hatte“ (S. 311).

Aus meiner Sicht zerbrach Droste an dem Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und dem Versuch der Erfüllung der adeligen Normen, die ihre Mutter Therese verkörperte. Die beiden Frauen führten „ein Lebensalter hindurch in unzerreißbarer Verbundenheit einen liebevollen Kampf um Herrschaft und Verstehen, um Unterwerfung und Selbständigkeit“ (Lavater-Sloman 461).

Drostes Gedichte spiegeln ihre Sehnsucht nach freier Liebe und den dazu im Gegensatz stehenden Wunsch wider, dem Ruf der Familie gerecht zu werden. „Alles, was Annette von Droste geschrieben hat, ist ja von ihrem persönlichen Erleben durchtränkt“ (Lavater-Sloman 167).

Die folgenden Verse bezeugen Drostes lebenslänglichen Konflikt: „O hätten wir nur Mut, zu walten / Der Gaben, die das Glück beschert! / […] Wir leiden nach dem alten Rechte, / Daß, wer sich selber macht zum Knechte, / Nicht ist der goldnen Freiheit wert. / […] Denn wer nicht kämpfen mag, der trage; / Dulde, wer nicht zu handeln weiß“ (zit. n. Lavater-Sloman 376).

Im folgenden frage ich nach den philosophischen Aussagen im Werk von Droste. Ich behandle sie also nicht als Dichterin, die ihr Leben in ihrem Werk verarbeitet, sondern als Philosophin, die in ihrem Werk zu allgemeingültigen Aussagen findet.

Das geistliche Jahr (1818-20, 1839-40)

Dieser Gedichtzyklus erschien erst 1851. Ursprünglich verfaßte Droste geistliche Lieder für ihre fromme Großmutter Maria Anna von Haxthausen, weil ihre Mutter Therese dagegen war, daß ihre Tochter dichtete. Denn „dichtende Frauenzimmer waren doch immer exzentrisch“ (Lavater-Sloman 45).

Drostes Aufarbeitung ihrer unglücklich endenden Beziehungen zu zwei Männern „führte zur Neugestaltung des Gedichtzyklus; statt beschaulicher Andacht dienen die Gedichte nun religiöser Selbstreflexion“ (Karl Reichert und Redaktion KLL, in: KNLL 4/875).

Im Brief vom 9.10.1820 an ihre Mutter schrieb Droste, für wen die Gedichte bestimmt sind: weder für die ganz frommen noch für die lasterhaften Menschen, sondern für diejenigen, „bei denen die Liebe größer wie der Glaube, für jene unglücklichen, aber törichten Menschen, die in einer Stunde mehr fragen, als sieben Weise in sieben Jahren beantworten können“ (IV 237).

Droste vertritt insgesamt einen gut christlichen Standpunkt: „Gott ist über Alles gut!“ (I 11), bei ihm ist nichts unmöglich, seine Macht ist grenzenlos. Wir Menschen fahren am besten, wenn wir seinen Willen tun bzw. annehmen, was er uns schickt. Im Leben gibt es Zeiten der Prüfung, in denen wir durchhalten müssen. Es liegt nicht alles in unserer Macht. Außerdem unterliegen wir Täuschungen. Wir müssen die Konsequenzen von dem tragen, was wir tun. Zum Glauben zu finden, ist kein Verdienst, sondern Gnade. Die Heilung unserer seelischen Schmerzen liegt in der Hand Gottes.

Sich selbst empfindet Droste als Sünderin, die wie auch andere Menschen hinter dem Gebot der Nächstenliebe zurückbleibt, deren Körper stärker ist als deren Seele. Sie bezeichnet sich als „Wurm“, als „leer […] in Worten und Werken“ (I 41), als „klein“ und als „Nichts“ (I 42).

Manchmal ist ihr Kopf „wüst und öde“, ihr Herz „eingesargt“. Aus Schwäche kommt sie sich „blöde“ vor. Alles erscheint ihr „neblig […] und unverständlich“. Sie will sich nicht „zum Meister lügen“ (I 146). Es gibt Zeiten ohne „Trost und Beten“ (I 152). Droste ist voller „Ängste“ und meint, sie sei eine mattgehetzte Seele. Zu vergeben gibt es nichts: „Es tat ja meinen Tagen / Noch Keiner rechtes Leid“ (I 153). Trotzdem fühlt sie sich elend.

Die Vergebung der Sünden erhofft sie von Jesu Blutopfer. Sie will lieber von der Dreifaltigkeit verdammt als von jemand anders erlöst werden. Sie will auf keinen Fall, daß wegen ihr eine Seele verloren geht.

Geistliche Lieder (1818)

Hier ist Drostes Selbstzerknirschung noch um eine Stufe gesteigert: „Wenn in mich selbst ich schau‘, / Kann ich nur Schrecknis sehen“ (I 198). Sie bezeichnet sich als „schnöder Wurm der Sterblichkeit“ und klagt sich dafür an, daß sie bei etwas Leid „gleich ein leises Wohlbehagen“ über ihre „Stärke und Geduld“ fühlt (I 217). Angesichts ihrer Frevel gebe es keine Sühne, sondern nur noch Gnade – man fragt sich, was Droste denn verbrochen hat? Meint sie „Guten Willens Ungeschick?“ In diesem Gedicht findet sie, „Daß Nichts so hart am Herzen wühlt, / […] Als eine liebe rasche Hand / In guten Willens Ungeschick“ (II 141).

Ihre religiöse Hingabe grenzt an Masochismus: „Um eins nur bitt‘ ich, daß in deiner Hand / Ich demutsvoll die Rute möge küssen. / […] Daß ich dich lobe bei dem harten Schlag / Und daß ich dir im tiefsten Elend danke“ (I 204).

Ihre Liebe zu Jesus grenzt an Besessenheit: „Wenn ich nur seinen Namen nenne, / Dann ist’s, als ob das Herz mir brenne“ (I 212). „Wie kann mir noch vor Dornen bangen / Auf Wegen, die mein Gott betrat? / […] Ich kann nur Ihn, nur Ihn noch lieben, / Ich kann nur Ihn allein noch sehn“ (I 213).

Religiöse Gedichte

Am eindringlichsten ist Drostes Ansicht in „Die ächzende Kreatur“ (I 220ff), daß alle Lebewesen, auch die Pflanzen und Tiere, von Gott verflucht sind und nach Erlösung ächzen. Sie liefert dafür folgende Erklärung: „Das ist die Schuld des Mordes an / Der Erde Lieblichkeit und Huld“ (I 222).

Gedichte (1844)

In „Alte und neue Kinderzucht“ (II 32-35) stellt Droste die traditionelle patriarchalische Prügelpädagogik, der zufolge die Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten, der heute gängigen Antipädagogik gegenüber, der zufolge die Kinder außer Rand und Band geraten und den Eltern auf der Nase herumtanzen: Ein junger Dichter, der eigentlich für seine Zeitung einen „Lückenbüßer“ (I 34) fertig schreiben will, muß ständig besorgt sein, daß er durch Ball oder Peitsche belästigt wird. Denn nun wird das Entwicklungspotential der Kinder nicht mehr unterdrückt. Dafür machen die Kinder aus seinem Manuskript einen Drachenschwanz, den er bewundern kann, wenn er gen Himmel schaut. Ein Kind „leert den Wasserkrug auf seines Vaters Glatze!“ (II 35)

Bei den einigen Gedichten fällt Drostes Bezug zur Anderwelt auf: Wassermann, Geisterland, Geisterhall, Träume, Wettermann, Dämonen, Heidewichte, Heidemann, Spinnlenore, Todesengel, Geisterschiff.

Das kontrastiert sie in „Die Mergelgrube“ (II 57-60) mit der offiziellen Wissenschaft: Ein Schäfer hält die Geologen für verrückt, weil sie trotz der Sintflut von Versteinerungen reden – dabei seien die Tiere damals doch ertrunken, nicht in Steine verwandelt worden!

Manche Gedichte kann man geradezu existentialistisch auffassen, als Momentaufnahmen der Selbstbeobachtung. Beispiele:

  • „Gedanken tauchten aus Gedanken auf, / Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf, / Gesichter, die mir lange fremd geworden; / Vergeßne Töne summten um mein Ohr, / Und endlich trat die Gegenwart hervor, / Da stand die Welle, wie an Ufers Borden“ (II 89).
  • „Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht / Und starrte in das aufgeschlagne Buch, / Die Zeilen zählte sie und wußt‘ es nicht, / Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!“ (II 119)
  • „Dann kommen mir Gedanken, ob gesund, / Ob krank, das mag ich selber nicht bestimmen“ (II 130).

Epen

Das Hospiz auf dem Großen St. Bernhard (1828-34) handelt vom „Sieg der christlichen Nächstenliebe über feindliche Naturgewalten […]; die Natur erscheint ebenso als Ort göttlicher Offenbarung wie menschlicher Bedrohung“ (Jörg Drews, in: KNLL 4/876f).

Lavater-Sloman fragt, ob „der Tod eines alten, freundlichen und sanften Mannes sowie die Beschreibung seines Schreckens und Grauens, im Schneesturm, den Tod vor Augen, gefangen zu sein“, eine „Erinnerung an das Sterben des Vaters“ ist, „die in Annette nicht zur Ruhe kommt“ S. 144). In Rosette, der Tochter des Toten, sieht Lavater-Sloman eine Erinnerung an den Vornamen Drostes, da er „dem Klange nach Annette gleicht“ (S. 145).

Das Vermächtnis des Arztes (1834) ist „eine reine Gruselgeschichte, in der […] kein Versatzstück der Raubritterromantik fehlt.“ In einer Prosazusammenfassung des Versepos erklärte Droste, es sei ihr „um die Intensität der Darstellung gegangen […], durch die das Geschehen Analogien zum Sündenfall des Menschen erhält“ (Marianne Bernhard / Redaktion KLL, in: KNLL 4/874).

Das Arrangement des Arztes mit den Räubern läßt ihm die Natur als bedrohlich und gespenstisch erscheinen, als zweideutig, nämlich „als Manifestation göttlicher Ordnung wie als Hort des Bösen. Das weitere Schicksal des Arztes kann auch gelesen werden als gescheiterter Versuch, die Verfehlung jener Nacht zu sühnen“ (ebd.).

Lavater-Sloman interpretiert den ANHANG: Des Arztes Tod als Aufarbeitung des Todes von Drostes Vater. Sie spricht hier „von sich selber, wie sie es fast immer in ihren Werken tat, als von einem männlichen Wesen; sie stellt sich als einen der anwesenden Söhne des alten Arztes dar; dieser zweite Sohn ist erst für den ‚Anhang‘ erfunden, im Epos: ‚Des Arztes Vermächtnis‘ gibt es ganz deutlich nur einen Sohn.

Der ältere Sohn heißt Carl, ein Name, den Annette mehrfach in ihren Gedichten für den einen oder andern ihrer Brüder benutzte. Sie selber ist ‚der bleiche Knabe‘, ‚der Jüngling‘, der glaubt, mit der Macht des Gebetes den Vater retten zu können, um ihn dann doch bei Morgengrauen entseelt zu finden“ (S. 131; vgl. a. die Verse „Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur, / So würde der Himmel mir raten“ in Drostes Gedicht „Am Turme“, II 84f).

„‚Er will Jahre kranken‘, das ist ein Gedanke, wie er Annette in ihrer eigenen schwachen Gesundheit kommen mußte.“ Droste kommentierte selbst: „‚Das Thema dieses Epos ist die vernichtende Einwirkung des Schauerlichen, Unbegreiflichen auf ein Menschenkind, dessen Seele, von Natur aus, dem Außerordentlichen offen ist, aber in seiner Harmlosigkeit und Gutmütigkeit dieses Außerordentliche zu tragen nicht befähigt ist'“ (S. 132).

Lavater-Sloman wendet diesen Kommentar auf den Tod von Drostes Vater an: „Ja, wenn Clemens August wirklich ein seelenerschütterndes Ereignis zuteil wurde, so wäre es bei seiner zarten seelischen Lebenskraft wohl möglich, daß er davon wie zu Tode getroffen wurde.

‚Das Menschenkind‘, das in Annettens Begleitsatz beschrieben wird, ist Wort für Wort ihr Vater, der Harmlose, Gutmütige, als den sie ihn auch andernorts gekennzeichnet hat, und ist zugleich der Arzt, dessen Todesstunde so erschütternd von ihr dargestellt wurde. […]

Es liegt offensichtlich ein Geheimnis über dem Tod von Annettens Vater, denn da alle ihre Werke von tiefem Erleben durchblutet sind, darf man kaum ihre deutlich hinweisenden Verse und Aussprüche auf dieses Hinsterben als Zufallserfindungen ansehen – doch können sich ihre Worte nur in Vermutungen widerspiegeln“ (S. 132f).

Die Schlacht im Loener Bruch (1837) fand am 6.8.1623 zwischen Johann Tserclaes Graf von Tilly (1559-1632) und Herzog Christian von Braunschweig bei Münster statt. Reinhold Schneider zufolge macht Droste aus den historischen Ereignissen „eine Studie über mögliches Verhalten gegenüber dem Bösen und seinen Ursprüngen.“ Sie erklärt den Krieg „als Folge des Sündenfalls und als Verfehlung des Menschen gegen die Stimme seines Gewissens“ (KLL, in: KNLL 4/878).

Der Spiritus Familiaris des Roßtäuschers (1842) ist eine dichterische Umgestaltung der Sage „Spiritus familiaris“ in der Sammlung der Brüder Grimm (Nr. 84). Diese Sage zeigt, wie leicht und lukrativ der Weg des Bösen ist und wie schwer nur man ihn wieder verlassen kann. Der Roßtäuscher zerbricht an dem Unglück, das durch den Regelbruch seiner Frau über ihn kommt, und ersticht sie. Dann erschießt er sich. Dabei wollte seine Frau lediglich den bösen Zauber brechen, um wieder zurückzukehren auf den Pfad des Guten, nämlich hart zu arbeiten.

Bei Droste wird der Roßtäuscher durch den geweihten Nagel des Kreuzes erlöst. Er wird wieder arm und tut Buße, bevor er Gottes Gnade erfährt und stirbt (vgl. Redaktion KLL, in: KNLL 4/879).

Balladen

Reinhold Schneider, der die Nachworte zu der von mir verwendeten vierbändigen Werkausgabe geschrieben hat, gliedert die Balladen in zwei Gruppen: Die erste handelt vom Frevel, die zweite von der Gnade, die den Frevel abwendet. Menschliche Helden gibt es hier nicht mehr.

Während die Menschen leiden, regiert hier „das Geheimnis, der Schatten des Gewesenen, der noch einmal tun will, was ihm nicht mehr vergönnt ist. […] Wehe dem, der an die Grenze gerät, der dem Zwischenreich zu nahe ist und als Schicksal ein dem Menschen nicht gemäßes Wissen tragen muß! Er wird versehrt; sein Haar wird grau über Nacht; er muß sich dem Tode stellen; er fügt sich nicht mehr in den Kreis gewohnten Lebens. Im Zwischenreich geschieht auch eine vernichtende Selbstbegegnung […]; es gibt eine Art von Hellsicht in das eigene Leben und Wesen, die sich mit gesunden Sinnen kaum mehr tragen läßt. Solche Gesichte sind auferlegt; sie sind Heimsuchung“ (III 323).

Mit zermalmender Wucht handelt die jenseitige Macht, wenn der Frevel des Menschen sie herausfordert; Ahndung und Gerechtigkeit, Vollzug des Rechtes von oben her bestimmen einen andern, dem des Zwischenreichs freilich benachbarten Balladenkreis. […] Die Gnadenmacht ist dem Frevel ganz nahe und wendet ihn ab“ (III 324).

Der Graf von Thal wird von seiner Frau Allgund beim Racheschmieden belauscht und nimmt ihr den Schwur ab, so zu tun, als habe sie nichts gehört. Allgund „schwur, und wußte nicht wie“ (III 234), doch sie kann den Schwur nicht halten und warnt ihren Mann durch ein Bibelorakel und das Lied eines Troubadours. Als sie nach einer Woche den Grafen zurückreiten sieht, stürzt sie unbeabsichtigt in den Tod, weil ihre Knie weich werden. Ihr Mann macht der Sterbenden noch Vorwürfe, weil sie den Schwur gebrochen hat. Da sagt Allgund: „‚Es mußt‘ eine Sünde geschehen – / Ich hab‘ sie für dich getan!'“ (III 240)

Der Graue erscheint dem Brüsseler Kaufherrn Waller. Das graue „Ding“ hat zuerst eine unbestimmte Gestalt, doch allmählich erkennt Waller die Umrisse eines Menschen. Er zückt seine Pistole, fragt, wer da ist, und schießt. Waller hört die Kugel an die Tür schlagen, die ganze Kammer ist mit Pulverdampf ausgefüllt. Als er sich verzieht, sieht Waller „das Gesicht“ mitten im Zimmer, „Ganz wie ein graues Bild von Stein, / Die Formen scharf und unverletzt, / Die Züge edel, streng und rein“, „Auf grauer Locke grau Barett, / Mit grauer Hahnenfeder drauf“ (III 269).

Waller überlegt, einen zweiten Schuß abzugeben. Doch auf ein „Bild“ zu schießen, wäre „lächerlich“; „Und wär’s ein Mensch – das Blut ihm quillt – / Ein Geck, der unterfinge sich -?!“ Waller schießt trotzdem. „Ein neuer Ruck, und wieder Knall / Und Pulverrauch – war das Gestöhn?“ Diesmal hört Waller kein Aufprallen der Kugel und zuckt zusammen. „Mit einmal ist er kalt wie Eis, / Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn, / Er starret in den Nebelkreis“ (III 270).

Was er nun wahrnimmt, ist ihm nicht recht klar: „Ein Ächzen! Oder Windeshauch! – / Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt. / O Gott, es zappelt! Nein – der Rauch / Gedrängt vom Zuge schwankt und irrt; / Es wirbelt aufwärts, woget, wallt, / Und, wie ein graues Bild von Stein, / Steht nun am Bette die Gestalt“ (III 270).

Es knistert „wie von Sand, / Wie Funke, der elektrisch lebt; / Nun zuckt ein Finger – nun die Hand – / Allmählich nun ein Fuß sich hebt, – / Hoch – immer höher – Waller winkt; / Dann macht er schnell gehörig Raum, / Und langsam in die Kissen sinkt / Es schwer, wie ein gefällter Baum“ (III 270).

Waller packt das vermeintliche Gespenst und schlingt seine Arme wie Stricke darum herum. Er merkt, daß er eine steife nackte Leiche umklammert und schreckt zurück. „Da wälzt es langsam, schwer wie Blei, / Sich gleich dem Mühlstein über ihn; / Da tat der Waller einen Schrei, / Und seine Sinne waren hin“ (III 271).

Am nächsten Morgen wird Waller gefunden. Er liegt am Boden und fühlt sich ganz kalt an. Doch er ist nur ohnmächtig und fragt, nachdem er aufgewacht ist, ob in der Nacht „keiner ward gestört? – / Doch alle schliefen überfest, / Nicht einer hat den Schuß gehört“ (III 271).

„So ward es denn für Traum sogleich / Und alles für den Alb erkannt“. Doch sicher ist sicher: Alle verlassen die Gegend, denn „Sie waren alle viel zu klug / Und vollends zu belesen gar; / Allein der blonde Waller trug / Seit dieser Nacht eisgraues Haar“ (III 271).

Das Fräulein von Rodenschild begegnet ihrer Doppelgängerin, einem „Nebelgesicht“ oder „Phantom“ (III 279), ein „Glühwurmleuchten“ oder „Gespenst“ (III 280), und verfolgt es. „Sie fährt zurück – das Gebilde auch – / Dann tritt sie näher – so die Gestalt – / Nun stehen die beiden, Auge in Aug‘, / Und bohren sich an mit Vampyres Gewalt.“ Das Fräulein streckt dem Gespenst die Hand entgegen und „spüret / Als ob ein Luftzug schneidend sie rühret, / Der Schemen dämmert – zerrinnt – entschwand“ (III 281).

Danach ist das Fräulein eine Zeitlang krank. Seit der Begegnung mit ihrer Doppelgängerin trägt sie an der rechten Hand einen Handschuh. „Man sagt, kalt sei sie wie Eises Flimmer, / Doch lustig die Maid, sie hieß ja immer: / ‚Das tolle Fräulein von Rodenschild!'“ (III 281)

Der Schloßelf taucht sich jedesmal in einen Weiher, „So oft dem gräflichen Geschlecht / Der erste Sprosse wird geboren“ (III 313). Ein Bauer glaubt nicht so recht daran. Doch da hört er die Tritte eines Kindes, ein Rascheln. Als „frommer Christ“ hat er keine Angst, „schlägt behend des Kreuzes Zeichen“ und denkt, daß das Wesen ihm weichen muß, sei es auch der Teufel (III 314).

Da fühlt er, als ob ihn eine Feder streife. Es raschelt wieder und etwas „zischt […] in den Teich, / Daß bläulich Schilf und Binsen glühn; / Und wie ein knisterndes Geschoß / Fährt an den Grund ein bläulich Feuer / Im Augenblicke, wo vom Schloß / Ein Schrei verzittert überm Weiher.“ Der Bauer beugt sich vor und meint, den Leib eines Kindes zu sehen, „phosphorisch, feucht / Und dämmernd, wie verlöschend Gas; / Ein Arm zerrinnt, ein Aug‘ verglimmt – / Lag denn ein Glühwurm in den Binsen? / Ein langes Fadenhaar verschwimmt, / Am Ende scheinen’s Wasserlinsen!“ (III 314)

Während der Bauer noch abwechselnd in den Teich und in die Nacht starrt, geht am Schloß ein Fenster auf. Jemand ruft, daß die Gräfin einen Sohn geboren hat.

Die Judenbuche (1841)

„Der Novelle liegt eine wahre Begebenheit zugrunde“, die Drostes Onkel August von Haxthausen „unter dem Titel Geschichte eines Algerier Sklaven nach Gerichtsakten über den Judenmörder Johannes H. Winkelhagen (1764-1808) aufzeichnete und 1818 veröffentlichte“ (Steffen Ewig, in: KNLL 4/877).

Droste schreibt selbst: „Aber dies alles hat sich wirklich zugetragen; ich kann nichts davon oder dazu tun“ (IV 38). Später schränkt sie ein: „Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1789“ (IV 63).

Steffen Ewig meint dagegen: „Indem die Droste eine Vorgeschichte dazu erfindet, gelingt es ihr, das historisch beglaubigte Ereignis als Folge einer Störung der menschlichen Gemeinschaft darzustellen“ (KNLL 4/877).

Droste zeigt, wie Schuld dazu neigt, weitere Schuld nach sich zu ziehen. Friedrichs Vater Hermann Mergel säuft und mißhandelt seine fromme zweite Frau Margaret Semmler, die ihn deshalb für ein „‚Schwein'“ hält (IV 13).

Nach Hermanns Tod kümmert sich Margarets Bruder Franz um Friedrich und zieht ihn in seine illegalen Holzgeschäfte hinein. Als Förster Brandes die Holzdiebe jagt, schickt Friedrich ihn statt zu seinen Leuten zurück in die falsche Richtung. Nachdem Brandes mit einer Axt erschlagen wurde, fragt Friedrich seinen Onkel, wo denn seine Axt sei. Er verdächtigt ihn also. Immerhin hört nach dem Mord der Holzfrevel auf.

Als der Jude Aaron Friedrich wegen einer nicht vollständig bezahlten Uhr öffentlich zur Rede stellt, erschlägt Friedrich ihn und flieht. Er läßt sich von den Österreichern als Söldner anwerben. Im Krieg gegen die Türken wird er gefangen genommen und versklavt.

Da der Mörder Aarons nicht gefunden wird, ritzen die Juden in eine Buche auf Hebräisch einen Fluch ein. Er lautet in deutscher Übersetzung: „‚Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast'“ (IV 63).

Das Geständnis des sog. „Lumpenmoises“, der sich im Gefängnis erhängt, so daß nicht geklärt werden kann, was dahintersteckt, entlastet Friedrich (IV 52), so daß seine Flucht seiner Beteiligung am Holzfrevel zugeschrieben wird. Als er 28 Jahre später in die Heimat zurückkehrt, gibt er sich für Simons Schweinehirt Johannes Niemand aus, der mit Friedrich geflohen ist. Erst als er erhängt an der Judenbuche gefunden wird, kann er als Friedrich identifiziert werden.

In ihrem Brief vom 4.8.1837 an Wilhelm Junkmann bezeichnet Droste die noch unfertige Novelle als „Kriminalgeschichte“, die „im Paderbornschen vorgefallen“ sie, „rein national und sehr merkwürdig“ (IV 258). Junkmann sagte daraufhin zu Droste, „die Paderbörner würden mich auch totschlagen, wenn ich sie herausgäbe“ (IV 276), teilte die Verfasserin ihrer Schwester am 30.6.1841 mit. Die Veröffentlichung erfolgte 1842.

Ledwina (1819-25)

In der Protagonistin dieses autobiographischen Romanfragments stellt Droste sich selbst dar: Wir finden hier düstere Visionen und Träume, Selbstmordgedanken und Todessehnsucht, Zweifel an der eigenen Liebes- und Heiratsfähigkeit.

Am eindrücklichsten ist der Traum von Ledwina, in dem sie sich selbst von oben auf dem Friedhof „mit wild im Winde flatternden Haaren an den Gräbern wühlen“ sieht. Sie fällt in ein Grab, zerbricht den Sarg und liegt neben einem Skelett, in dem sie „ihr Liebstes“ erkennt (IV 94).

Sie will im Grab bleiben, bis sie tot ist. Von einem Kind kauft Ledwina Blumen ab, „um den Toten damit zu schmücken“. Die Blumen füllen das ganze Grab aus und bringen sie auf „die Idee, als könne sie den verwesten Leib wieder aus Blumen zusammensetzen, daß er lebe und mit ihr gehe. Über dem Aussuchen und Ordnen der Blumen erwachte sie“ (IV 95).

Bilder aus Westfalen (1842)

Bemerkenswert sind Drostes Ausführungen über den Volksaberglauben, der sich in Gespensterfurcht, Hexenglauben, „vorzugsweise in sympathetischen Mitteln und dem sogenannten Besprechen“ äußert. Droste war selbst Zeugin seltsamer Erfolge und „unerwarteter Resultate“, die ihr „manches zu denken“ geben und „sich durch bloßes Hinwegleugnen keineswegs beseitigen lassen“ (IV 199; vgl. a. die Wunderheilung von Johanna Droste, über die die Dichterin in ihrem Brief vom 29.9.1844 an Lev in Schücking berichtete, IV 323ff).

Das Besprechen dient vor allem der Unkraut- bzw. Ungezieferbekämpfung und der Heilung, aber auch dem Schadenzauber (der Schwarzen Magie). Dabei „ist die Annäherung des Besprechers oder seines Mittels an den zu besprechenden Gegenstand immer so gering […], daß eine Erklärung durch natürlich wirkende Essenzen hier keine Statt haben kann, so wie die vielbesprochene Macht der Phantasie bei Tieren, Kräutern und selbst Gestein wegfallen muß und dem Erklärer wohl nur die Kraft des menschlichen Glaubens, die magnetische Gewalt eines festen Willens über die Natur als letztes Auskunftsmittel bleiben dürfte“ (IV 200).

Gespenster werden als „arme Seelen aus dem Fegefeuer“ betrachtet, für die Rosenkränze gebetet werden (IV 215).

„Von den ebenfalls häufigen Hausgeistern in Schlössern und großen Bauernhöfen denkt man etwas unklar, aber auch nicht schlimm und glaubt, daß mit ihrem völligen Verschwinden die Familie des Besitzers aussterben oder verarmen werde.“ Bei den Hausgeistern werden „‚Timphüte'“, die gezielt helfen, und „‚Langhüte'“, die Schaden abwenden, unterschieden (IV 216).

Das sog. „‚Vorgesicht'“ ist „ein bis zum Schauen oder mindestens deutlichem Hören gesteigertes Ahnungsvermögen“, das sich auf zukünftige Ereignisse bezieht, die häufig genauso eintreten, wie sie gesehen werden. „Der Vorschauer […] im höheren Grade ist […] meistens gesund und im gewöhnlichen Leben häufig beschränkt und ohne eine Spur von Überspannung. – Seine Gabe überkommt ihn zu jeder Tageszeit, am häufigsten jedoch in Mondnächten, wo er plötzlich erwacht und von fieberischer Unruhe ins Freie oder ans Fenster getrieben wird; dieser Drang ist so stark, daß ihm kaum jemand widersteht, obwohl jeder weiß, daß das Übel durch Nachgeben bis zum Unerträglichen, zum völligen Entbehren der Nachtruhe gesteigert wird; wogegen fortgesetzter Widerstand es allmählich abnehmen und endlich gänzlich verschwinden läßt“ (IV 217).

Drostes Vater, Reichsfreiherr Clemens August II. von Droste zu Hülshoff, schrieb derartige Vorkommnisse, die ihm zugetragen wurden, in ein Buch mit dem Titel Liber mirabilis sive collectio prognosticorum, visionum, revelationum et vaticiniorum („Merkwürdiges Buch oder Sammlung von Vorhersagen, Visionen, Offenbarungen und Weissagungen“). Er starb am 25. Juli 1826 unter ungeklärten Umständen. Lavater-Sloman vermutet aufgrund von Äußerungen Drostes und Stellen in ihren Werken, daß „ein seelenerschütterndes Ereignis“ oder „Spukerlebnis“ in Drostes Beisein die Ursache war (S. 132).

In der vorliegenden Schrift erwähnt Droste ihn anonym: „Ein längst verstorbener Gutsbesitzer hat viele dieser Gesichte verzeichnet, und es ist höchst anziehend, sie mit manchem späteren entsprechenden Begebnisse zu vergleichen“ (IV 218).

Kritik und Würdigung

Paul Fechter zufolge ist Drostes Welt „doppelbödig. Sie hatte nicht ohne Grund die Gabe des zweiten Gesichts und zugleich die Kraft, ihrer zweiten Wirklichkeit ebensoviel und mehr an Realität zu geben wie der dreidimensionalen Welt, in der sie mit den anderen leben mußte. […] Sie lehnt sich auf gegen die Romantik, in der sie hausen muß; sie sieht das Sein hinter den Phänomenen“ (S. 268).

Laut Fritz Martini suchte Droste „nicht ihr eigenes Erleben in der Natur, sondern sie rief die Natur selbst als die unendlich vielstimmige, vielgestaltige Wirklichkeit der Dinge in das Gedicht. […] Sie besaß die Stammeseigentümlichkeit des ‚Zweiten Gesichts‘, das in der Landschaft ein dämonisches Weben der mythischen Urkräfte, in der Vergangenheit des Hauses und der Heimat, ja, in der eigenen Seele die Stimmen und Leidenschaften verjährter Schicksale ahnen und erleben ließ“ (S. 400).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

DROSTE-HÜLSHOFF, Annette Freiin von: Gesammelte Werke, 4 Bände, Nachworte von Reinhold Schneider, Vaduz o.J.

FECHTER, Paul: Geschichte der deutschen Literatur Band 1 – Von ihren Anfängen bis ins neunzehnte Jahrhundert, Gütersloh 1960

GRIMM, Brüder: Deutsche Sagen, München 1999

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996 (KNLL)

LAVATER-SLOMAN, Mary: Annette von Droste-Hülshoff – Einsamkeit und Leidenschaft (1950), München 51989

MARTINI, Fritz: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1965

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur, 4 Bände, München 1971

– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

Gunthard Heller

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