Afrika: Freiheitskampf der "Wüstenblume" Waris Dirie

Teaser: Afrika - ein wunderschöner Kontinent, der im Krieg und seinen alten Traditionen zu ersticken droht. Doch selbst im dunkelsten Zeitalter, erheben sich einzelne Leuchtfeuer am Firmament, die eine Wende ankündigen. Lesen Sie hier etwas über den Freiheitskampf der "Wüstenblume" Waris Dirie, einer starken Frau, die für eine neue Zukunft in Afrika kämpft.

„Ich gebe zu, daß wir ihn hoch achten müßten, wenn er Gesetze des Friedens hinterlassen hätte“, schreibt Voltaire an Friedrich den Großen über den geschichtlichen Mohammed.

Sahara in Afrika„Doch daß ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, daß er seinen Mitbürgern Glauben machen will, daß er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte; daß er sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben läßt, daß er um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, daß er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, daß er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben läßt:

Das ist mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, … der Aberglaube hat ihm jedes natürliche Licht erstickt.“

Der Religionsgründer Mohammed war erfolgreich wie kein anderer mit der Erfindung, Einführung und Verbreitung seines Glaubenssystems. Heute gibt es 1,4 Milliarden Moslems auf der Erde, und ihre Zahl wächst ununterbrochen, so auch auf dem schwarzen Kontinent. Im arabischen Norden Afrikas wird der Islam in seiner orthodoxen Tradition gepflegt, im Afrika südlich der Sahara vermischt er sich mit Elementen der angestammten sogenannten Naturreligionen.

Der Islam bleibt – wie das Christentum – Fremdreligion, nicht nur, aber auch für Afrika. Mit ursprünglicher „kollektiver Identität“ hat er nichts gemein. Er wurde den Völkern aufgezwungen. Wenn ein gewisser, bekanntermaßen rechtskonservativ denkender Franzose unserer Zeit tatsächlich meinen sollte, daß erst „mit den Menschenrechten … den Völkern die kulturelle Angleichung aufgezwungen“ werde, womit die „Auslöschung der ,kollektiven Identität’“ drohe, so befände er sich mit Ideologen und Religionsfanatikern auf gleicher Ebene, aber nicht unbedingt bei der Wirklichkeit geschichtlichen Werdeganges und menschlicher innerseelischer Grundbelange, die unabhängig von Traditionen jedem Menschen eingeboren sind.

Der Islam ist eine überstaatliche Ideologie, die auf Volkskulturen keine Rücksicht nimmt und in ihrer Starrheit keinen Raum gibt für eigenständige Lebensgestaltung.

„Die Welt ist ein Maskentanz. Wenn du sie verstehen willst, kannst du nicht auf einer Stelle stehen bleiben“, zitiert der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe ein Sprichwort seiner Heimat und deutet es mit seinen eigenen Worten: „Die Welt ist im ständigen Fluß, und wir, als Bewohner der Welt, müssen lernen, uns anzupassen, uns zu verändern, uns zu bewegen.

So ist das ganze Konzept der Mobilität der Ibo-Kultur in diesem Sprichwort eingeschlossen. Selbst alte Bräuche – Bräuche, die wunderbar sind – können zu gewissen Zeiten nicht mehr sinnvoll sein. Wir müssen in jedem Augenblick bereit sein, etwas Neues auszuprobieren. Das ist ein fundamentaler Gedanke der Ibo-Kultur, die Idee des Wandels. Du weißt, ,kein Zustand ist von Dauer’.“

Markt in AfrikaHier wirbt ein einzelner Freigeist für das gleiche, was die Minangkabau auf Sumatra meinen, wenn sie von ihrer Jahrtausende alten matriarchal-demokratischen Ordnung, ihrem „Adat“, sagen, es „verwittere“ nicht, obwohl es sich den jeweils auftretenden Herausforderungen zu stellen und anzupassen weiß, ohne seinen Wesenskern zu verlieren, und er wirbt für das gleiche, wovon die Somalierin Waris Dirie spricht, die aus ihrem Land geflohen und nun in Wien und Kapstadt zu Hause ist: „Ich trage mein Afrika in mir. Es ist ein modernes Afrika, eine kraftvolle Mischung aus Tradition und Erneuerung.“

In einem Brief an ihre Mutter fragt sie sich, „was bliebe“, wenn „man das, was im Leben scheinbar wichtig ist, mit der Hand einfach wegschieben könnte, was bliebe dennoch immer so, wie es war? Die Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Nichts auf der Welt ist so stark wie dieses Band.“

Das aber könne niemals bedeuten, daß das heimatliche Leben in altüberlieferten grausamen Bräuchen erstarrt. In ihrem Buch „Brief an meine Mutter“ (Quellenangabe 1) schildert sie die schmerzvollen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Tochter, zwischen dem unnachsichtigen Festhalten an alten Traditionen und dem Aufbruch zu eigenständiger Lebensgestaltung.

Der Freiheitskampf der „Wüstenblume“ Waris Dirie

Dem Nomadenmädchen Waris – zu Deutsch „Wüstenblume“ – wurden im Alter von 5 Jahren in ihrer somalischen Heimat ohne Betäubung mit primitivsten Werkzeugen die Genitalien verstümmelt, ein nicht zu überbietendes Schmerzensereignis und unüberwindbares, lebenslanges Trauma für Leib und Seele! Eine weitere himmelschreiende Menschenrechtsverletzung ihr gegenüber war die väterliche Absicht, sie ungefragt mit 13 Jahren an einen Greis zu verheiraten. Dies alles geschah im Namen Allahs und des Propheten Mohammed.

„Halb totgeprügelt vom jähzornigen Vater“ ergriff „Wüstenblume“ – gerade einmal 14 Jahre alt – die Flucht „mit nichts als den Kleidern auf dem Leib“, einsam und allein in die Wüste hinein. „Eine gnädige Welle spülte mich nach London, eine günstige Woge trug mich nach oben. Aus Waris, der Wüstenblume, wurde Waris das Topmodel, die UN-Sonderbotschafterin, die Kämpferin gegen das Unrecht der Genitalverstümmelung, die Erfolgsautorin. Viele Millionen Menschen haben die Bücher über mein Leben gelesen.“

Sie gründete die „Waris Dirie Foundation“, die in aller Welt die Folter der Genitalverstümmelung bekämpft, denn längst ist sie überall Praxis, selbst in westlichen Ländern.

afrikanische Frau„Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet – ich gab Interviews, hielt Vorträge, wurde zu Konferenzen eingeladen. Ich wurde geehrt und mit Auszeichnungen bedacht. Ich traf viele interessante, mächtige und bedeutende Menschen aus aller Welt, vom ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, bis zur Musiklegende Paul McCartney, vom früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan bis zum Bestsellerautor Paulo Coelho. Sie alle begannen, mich in meinem Kampf zu unterstützen, einige wurden zu Freunden.“

Auch wenn dieser weltweite Einsatz alle ihre Kräfte bis zur Erschöpfung beansprucht und „Anfeindungen gegen mich und meine Arbeit … für mich fast Alltag“ sind, „ich machte es gern. Vielleicht war es auch das Gefühl, erstmals in meinem Leben etwas Bedeutendes, Wichtiges für andere tun zu können, das mich so lange durchhalten ließ.“ „Ich bin eine Nomadin. Aber ich ziehe nicht aus freien Stücken durch die Welt.“

Sie fühlt sich Ihresgleichen, den gequälten Menschen ihrer Heimat, verpflichtet, denen sie nicht anders als vom Ausland aus helfen kann. „Laut Schätzungen der UNO werden jedes Jahr drei Millionen Mädchen in Afrika verstümmelt. Das bedeutet, daß allein am heutigen Tag 8000 Mädchen Opfer dieses Verbrechens werden“, erklärt Waris Dirie ihrer Zuhörerschaft im Kenyatta-Center in Nairobi im September 2004. Doch liegen ihr Ihresgleichen auf allen Erdteilen in gleicher Weise am Herzen.

Ihr großes Vorbild wurde Lech Walesa, der Führer der Solidarność. „In meinem Land sind Tausende von Menschen einfach verschwunden, von den kommunistischen Machthabern eingesperrt, gefoltert und umgebracht worden. Die freie Meinungsäußerung war verboten. Die Menschen lebten in Angst“, erklärte ihr Walesa gelegentlich eines Treffens.

„Als ich meinen Kampf als einfacher Elektriker und Gewerkschaftsmitglied in der Werft von Danzig begonnen habe, wußte ich, daß ich damit das Ende der kommunistischen Diktatoren einleiten werde … Man hat meine Familie bedroht und mich eingesperrt, aber ich war stärker, weil ich an meine Aufgabe geglaubt habe“, machte er ihr Mut und erzählte seinen Lebensweg. „Auf den ersten Blick klang alles so einfach und logisch … Heute denke ich: Was muß Lech Walesa für einen ungeheuren Willen und Lebensmut gehabt haben, um das alles durchzustehen.“

„Ich weiß, Waris, daß du mit deiner Mission, deinem persönlichen Kampf gegen Genitalverstümmelung erfolgreich sein wirst, daß du diesem schrecklichen Unrecht und dem Leid, das Millionen von Mädchen angetan wird, ein Ende setzen wirst. Du bist sehr stark, und du wirst deinen Kampf gewinnen! Wer sich berufen fühlt, gibt niemals auf und kann alles schaffen.“

„Von diesem Augenblick an … waren alle Zweifel wie weggeblasen. Von da an war ich felsenfest überzeugt davon, daß mein Kampf gegen Genitalverstümmelung richtig und wichtig ist. Wann immer mich der Mut verläßt, denke ich seither an Lech Walesa, seinen Kampf und seinen Sieg. Das verleiht mir Flügel.“

Über künstlich aufgerichtete Schranken zwischen den Geschlechtern, den Völkern, den Rassen, den Religionen hinweg einte die beiden Freiheitskämpfer ihr Eintreten für das, was allen Menschen gleichermaßen eingeboren ist: die Menschenwürde, das Streben nach Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit, kurz: Lech Walesa und Waris Dirie einte ihr Kampf für die Menschenrechte, die allen Menschen zustehen. Dieser Grundrechte des Menschen ist sich jede Menschenseele gewiß, die wach genug geblieben ist, die eigene Würde in sich und damit auch im Andern wahrzunehmen.

Der Widerstreit zwischen Althergebrachtem und neuem Aufbruch

Somalia ist ein islamisch geprägtes Land. Wie andere afrikanische Länder war es 1960 mit großen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft in die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft aufgebrochen. „Es wurde eine ,Freiheit mit gesenktem Kopf’, wie Kenias großer Romancier Ngugi Wa Thiongo schrieb.

Leidtragende waren besonders auch Frauen, die der Kameruner Experte für Entwicklungshilfe und frühere Weltbankberater Daniel Etounga-Manguelle, das mißachtete Rückgrat unserer Gesellschaften’ genannt hat. Bis heute haben sie, die schätzungsweise drei Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung erbringen, nur selten Zugang zu Bankkonten, Kredit und Eigentum – ein Trauerspiel. "Bleibt Afrika also durch übermächtige Traditionen an seine Vergangenheit gekettet?" fragt Rainer Tetzlaff, emeritierter Professor für Internationale Politik an der Universität Hamburg. (Quellenangabe 2)

Somalia gehört zu den afrikanischen Ländern, die zu „Staatsruinen“ geworden sind. „Aus dem legitimen Gewaltmonopol des Staates … wird die illegitime Herrschaft privater ,war lords’ und ethnischer Milizenführer … Die erschreckenden Bilder von den mit Kalaschnikows behängten Clan-Milizen bei der Auflösung Somalias … stehen uns vor Augen.“ (Quellenangabe 3)

28.08.2019 © seit 06.2007 Heidrun Beißwenger
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