Adelbert von Chamisso als Philosoph

Adelbert von Chamisso (1781–1838), Spross eines lothringischen Adelsgeschlechts, wurde als Dichter, Naturforscher und Weltreisender bekannt. Mit seinem berühmten Werk Peter Schlemihls wundersame Geschichte schuf er eine literarische Figur, die bis heute fasziniert.

Einführung

Adelbert von Chamisso (1781-1838) stammt aus einem lothringischen Adelsgeschlecht. Er wurde auf den Namen Charles Louis Adélaïde getauft. Seine Familie floh 1790 wegen der Französischen Revolution über die Niederlande nach Deutschland. Denn das Schloß Boncourt, in dem Chamisso geboren worden war, wurde 1790 von Revolutionären zerstört, „der dazu gehörige Besitz konfisziert und verkauft, die Eltern an den Bettelstab gebracht“ (Rudolf von Gottschall, in: Chamisso I/II IV).

Adelbert von Chamisso

In Berlin erhielt Chamisso, nun mit dem Vornamen Adelbert, als Page der Königin Luise Privatunterricht. Außerdem durfte er das französische Gymnasium besuchen, „wo er besonders Rhetorik und Philosophie studierte“ (Gottschall IV). Weitere Fächer waren Latein, Griechisch, Erdkunde, Physik und Geschichte. Außerdem lernte er Deutsch.

1798 trat er in das preußische Heer ein und wurde Offizier wie sein Vater. Nebenher lernte er Griechisch und promovierte. Sein Kommentar nach dem bestandenen Examen: „‚Jetzt endlich bin ich Leutnant in der Philosophie und Doktor im Regiment Goetz'“ (Gottschall V).

Weil Chamisso die Kleiderordnung nicht immer einhielt, wurde er mehrfach gerügt. Er lebte bedürfnislos und genügsam, las Homer und die Bibel. Seine Lektüre der Werke von Goethe und Schiller regte ihn an, selbst zu dichten. Chamisso war Mitherausgeber des „Grünen Musenalmanachs“, zu dem unter anderen auch Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) Beiträge lieferte, allerdings anonym – er galt als „geistiger Führer des deutschen Widerstandes gegen Napoleon“ (Schleucher 113).

„Einen literarischen Wert hatte das grüne Buch nicht; es waren zum großen Teil unbedeutende Talente, die darin zu Worte kamen, aber es war eine strebsame Jugend welche eine Stagnation des literarischen Lebens verhinderte“ (Gottschall VIII).

Chamissos Wunsch, seinen Abschied zu nehmen, da er nicht gegen seine Landsleute kämpfen wollte, wurde nicht bewilligt. Am 7.10.1806 dekretierte Napoleon, daß kriegsgefangene Franzosen, die auf Seiten der Feinde kämpften, „vor ein Kriegsgericht gestellt und binnen vierundzwanzig Stunden erschossen werden“ sollten (Gottschall X).

Ein zweites Entlassungsgesuch wurde abermals abgeschlagen, doch der Kommandeur seines Regiments wies Chamisso darauf hin, daß ihm das weitere Verbleiben im preußischen Heer nicht zur Last gelegt werden könne. 1806 siegte Napoleon bei Jena und Auerstädt über die preußische Armee. Die Kapitulation der Festung Hameln empfand Chamisso als Schande.

Als Kriegsgefangener ging er nach Frankreich, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Denn er hatte nie gegen die Franzosen gekämpft. Chamisso kehrte aber bald wieder nach Deutschland zurück, nachdem er 1807 in Châlons-sur-Marne Freimaurer geworden war. Keines der beiden Länder, zwischen denen er in der Folge mehrmals wechselte, empfand er als Heimat.

Am 11.1.1808 wurde Chamisso ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen. Seine Uniform durfte er weiterhin tragen. In den savoyischen Voralpen baute er eine Pflanzensammlung auf, die 1812 1000 Gattungen, ein Jahr später 4000 Gattungen umfaßte. Gleichzeitig schrieb Chamisso für die Kinder seines Freundes Julius Eduard Hitzig (1780-1849) das Märchen „Peter Schlemihl“, durch das er berühmt wurde.

1813 kehrte Chamisso nach Berlin zurück und ordnete seine Pflanzen. An der Universität schrieb er sich bei den Fakultäten für „Botanik, Zoologie, Mineralogie, Naturphilosophie, Physiologie und Anatomie“ ein (Schleucher 98). Er „hörte Collegia über Naturphilosophie, Medizin, Magnetismus, Elektrizität und nach wie vor Botanik und Zoologie“ (Schleucher 115).

Als Chamisso an einer Forschungsreise nach Brasilien teilnehmen wollte, erhielt er zur Antwort, daß er seine Kosten selbst tragen müsse. Resigniert schrieb er: „‚Nichts fesselt mich mehr recht, und ich glaube, man möchte fast so ein abgekühltes Tier einen Philosophen nennen'“ (Schleucher 116).

Hitzig veranlaßte, daß Chamisso als Naturforscher zu einer dreijährigen Weltreise eingeladen wurde (1815-1818). Chamissos „Bemerkungen zu seinem Reisebericht enthalten viel Wertvolles auf dem Gebiete der Pflanzenkunde und der Geologie, vor allem aber Zeugnisse dafür, welch eifriger Sprachforscher der Dichter war“ (Gottschall XV).

1819 wurde Chamisso Kustode am Botanischen Garten in Berlin. Seine Sammlungen, die er auf der Reise angelegt hatte, schenkte er dem Berliner Museum. Die Universität Berlin ernannte ihn für „seine Entdeckung des Generationswechsels der Salpen […] zum Ehrendoktor der Philosophie“ (Fischer 153).

Am 25.9.1819 heiratete er Antonie Piaste; „die Ehe war eine glückliche und kinderreiche“ (Gottschall XV): das Ehepaar hatte fünf Söhne und zwei Töchter. 1831 erkrankte Chamisso an Grippe und erholte sich nicht mehr davon. Seine Frau starb 1837 im Alter von 36 Jahren, Chamisso im Jahr danach.

1839 erschien die erste Biographie über Chamisso von Hitzig.

Faust (1803)

In diesem Gedicht „spuken Kant und Fichte, welcher letztere den poetischen Versuchen des jungen Chamisso eine warme Teilnahme widmete.“ In seinen späteren Dichtungen kam er „niemals wieder auf solche philosophische Probleme“ zurück (Gottschall VI).

Der alternde Faust ist unzufrieden mit seinem Leben. Er sucht immer noch nach der Wahrheit. Der Mensch ist ihm ein „ungelöstes Rätsel“. Ist er ein gefesselter Gott oder ein Staubkorn? Anders formuliert: Haben die Theologen recht oder die Materialisten? Die Welt ist für Faust nur „Erscheinung […] und Wahn“. Die Sinneswahrnehmung ist trügerisch und trennt den Menschen von Gott, ebenso tun das die Vernunftgesetze (I/II 365).

Als Faust die Geister beschwört, kommen zwei: ein böser und ein guter Geist. Den guten Geist schickt Faust gleich wieder weg, vom bösen Geist läßt er sich hereinlegen. Der Deal lautet: Seele gegen Erkenntnis. Doch der böse Geist schenkt Faust den Zweifel, weil der Zweifel die Grenze des „menschlichen Wissens“ ist, die „nur der Glaube überschreitet“ (I/II 370).

Es ist also das alte Lied: Der Teufel verspricht, was er nicht hat, und will, was ihm nicht zusteht. Der gute Geist läßt sich nicht abwimmeln, erreicht aber nichts bei Faust. Als dieser erkennt, daß er alles verloren hat, will er nur noch sterben. Da „wird ihm ein Dolch in die Hand gezaubert; er wendet die Spitze gegen sein Herz und stößt ihn langsam hinein“ (I/II 373).

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814)

Auch hier ist das Thema der Erzählung der Teufelspakt. Das Prinzip ist die Salamitaktik: ein kleiner Schritt nach dem andern führt in den Abgrund. Peter Schlemihl (= Pechvogel) faßt es für Chamisso, der seine Geschichte (angeblich) nur herausgegeben hat, so zusammen:

„Lieber Freund, wer leichtsinnig nur den Fuß aus der geraden Straße setzt, der wird unversehens in andere Pfade abgeführt, die abwärts und immer abwärts ihn ziehen; er sieht dann umsonst die Leitsterne am Himmel schimmern, ihm bleibt keine Wahl, er muß unaufhaltsam den Abhang hinab und sich selbst der Nemesis opfern“ (I/II 448).

Der Teufel läßt nicht locker. Er macht sein Opfer von sich abhängig und belehrt es auch noch: „‚Merken Sie sich’s, Schlemihl, was man anfangs mit Gutem nicht will, das muß man am Ende doch gezwungen'“ (I/II 446). Eine zweite Version: „‚Was Sie versäumt haben, aus frischer Lust zu tun, werden Sie, nur zu spät, aus Überdruß und Langeweile nachholen müssen; man entgeht seinem Schicksale nicht'“ (I/II 449).

Nicht einmal die Philosophie ist dem Teufel zu schade, um seine Ziele durchzusetzen. Er mißbraucht sie als hypnotisches Mittel, um Schlemihl einzuschläfern. Mit seinem bloßen Redeschwall will er ihn überwältigen. Schlemihl erzählt Chamisso:

„Du weißt, mein Freund, daß ich deutlich erkannt habe, seitdem ich den Philosophen durch die Schule gelaufen, daß ich zur philosophischen Spekulation keineswegs berufen bin, und daß ich mir dieses Feld völlig abgesprochen habe; ich habe seither vieles auf sich beruhen lassen, vieles zu wissen und zu begreifen Verzicht geleistet und bin, wie du es mir selber geraten, meinem geraden Sinn vertrauend, der Stimme in mir, soviel es in meiner Macht gewesen, auf dem eigenen Wege gefolgt“ (I/II 451f).

Doch der Teufel probiert es trotzdem: „Nun schien mir dieser Redekünstler mit großem Talent ein fest gefügtes Gebäude aufzuführen, das in sich selbst begründet sich emportrug und wie durch eine innere Notwendigkeit bestand. Nur vermißt‘ ich ganz in ihm, was ich eben darin hätte suchen wollen, und so ward es mir zu einem bloßen Kunstwerk, dessen zierliche Geschlossenheit und Vollendung dem Auge allein zur Ergötzung diente; aber ich hörte dem wohlberedten Manne gerne zu, der meine Aufmerksamkeit von meinen Leiden auf sich selbst abgelenkt, und hätte mich ihm willig ergeben, wenn er meine Seele wie meinen Verstand in Anspruch genommen hätte“ (I/II 452).

Hitler machte es genauso. Es hing alles logisch miteinander zusammen: Man müsse die Volksgesundheit durch die Ausmerzung unreiner Elemente befördern und Lebensraum im Osten schaffen. Denn das deutsche Volk braucht mehr Platz, wenn viele Frauen dem Führer ein Kind schenken.

Schlemihl entgeht dem Teufel doch, indem er auf dessen Geld verzichtet und den Kontakt abbricht. Seine Seele will er ihm doch nicht verschreiben, um seinen Schatten zurückzubekommen. Allerdings muß er anschließend ein Leben als Einsiedler führen. Doch er weiht seine Zeit der Wissenschaft und erfährt dabei auch die Unterstützung, die er braucht.

Gedichte

Chamissos Gedichte handeln von der Liebe, der Kindheit, Krankheit und Alter, den sozial Schwachen („Die Blinde“, „Die alte Waschfrau“, „Abba Glosk Leczeka“), dem besonderen Schicksal von Mann und Frau.

„Es ist nur so der Lauf der Welt“ handelt vom Leid: das Kind wird geschlagen, der Schüler wird mit dem Lesenlernen gequält, der Erwachsene muß um sein Auskommen kämpfen, der Verheiratete steht unter dem Pantoffel seiner Frau und leidet unter dem Lärm der Kinder – so daß er sich das Glück der Kindheit zurückruft: „Die Rute war gar golden!“ im Vergleich zu dem, was das Leben danach brachte (I/II 54).

Ganz ähnlich geht es in „Pech“ zu: Ein junger Mann hätte „vieles / Werden können in der Welt“, wenn sich ihm das Schicksal nicht „in den Weg gestellt“ hätte. Doch für die Kugeln im Krieg war er sich zu schade, das Lesen hat er nicht gelernt, die Frauen lachten ihn aus, zum Reichsein fehlte das Geld und zum Herrschen der Stand (I/II 55f).

Beim „Nachtwächterlied“ ist das Lob der Jesuiten auffällig (E. T. A. Hoffmann stellt sie in seiner Erzählung „Datura fastuosa“ als Verbrecher hin, die potentielle Novizen zu Straftaten verleiten, um sie an sich zu binden). Daß Chamissos Jesuitenlob ironisch zu verstehen ist, zeigt der Kontext: Der Staat braucht Menschen, die brav zu Hause bleiben, ungebildet sind, die den Menschen mehr gehorchen als Gott, die Philosophen und Ketzer auf den Scheiterhaufen schicken. Für all das sorgen die Jesuiten.

In „Die goldene Zeit“ kommt der Islam noch schlechter weg: „Ungeschickt zum Löschen ist, / Wer da Öl gießt, wo es brennt; / Noch ist drum kein guter Christ, / Der zu Moham sich bekennt“ (I 64). In diesem Gedicht gilt als Jakobiner, wer daran glaubt, daß 2 + 2 = 4 ist. Ansonsten darf man alles frei sagen, „Was die hohe Polizei / Erst geprüft hat und erlaubt“ (I 64).

In „Vetter Anselmo“ und „Abdallah“ führt Chamisso die Folgen der Gier vor: Sie läßt ihrem Opfer keine Ruhe, bis es alles verloren hat oder sogar noch schlechter dran ist als zuerst.

Reise um die Welt (1821)

Chamissos „Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition in den Jahren 1815-1818 auf der Brigg Rurik, Kapitän Otto v. Kotzebue“ umfaßt zwei Teile: ein „Tagebuch“ (III/IV 1-253) und einen „Anhang: Bemerkungen und Ansichten“ (III/IV 255-476).

Tagebuch

In einer Anmerkung charakterisiert Chamisso den Charakter seiner Zeit, der „eben darin besteht, alle Schranken niederzureißen, alle Volkstümlichkeiten zu verschmelzen und aus den Angelegenheiten eines Volkes die Angelegenheiten aller Völker zu machen, so daß zum Beispiel an der Frage der Reform nicht das Schicksal Englands, sondern das Schicksal der Welt hängt“ (III/IV 16).

Chamissos Vorschlag, das „zur ungünstigsten Zeit geschöpfte und jetzt schon sehr übelriechende Wasser der Newa, welches wir tranken“, zu filtern, „fand […] keinen Anklang. Es fehlte an Raum, an Zeit, an andern Erfordernissen, und zuletzt war der Kapitän der Meinung: ‚das Filtrieren werde dem Wasser die nahrhaften Teile entziehen und es weniger gesund machen'“ (III/IV 22).

Leutnant Wormskiold hielt Chamisso „für einen Naturphilosophen […], die bei ihm nicht gut angeschrieben waren“ (III/IV 33).

Seine detaillierte Schreibweise, die die Lektüre von Chamissos Tagebuch sehr langwierig macht, rechtfertigte er so: „Man habe Nachsicht mit mir. Wie in der Geschichte eines Gefangenen eine Fliege, eine Ameise, eine Spinne einen großen Raum einnehmen, so ist dem Seefahrer die Ansicht eines Blattes Tang, einer Schildkröte, eines Vogels eine gar wichtige Begebenheit“ (III/IV 51). Denn „das Ertötendste ist die Langeweile“ (III/IV 28).

Über das Rauchen. Chamisso war ein starker Raucher und belästigte damit seine Mitmenschen sehr. Nachdem Napoleon Anne Louise Germaine Baronin von Staël-Holstein (1766-1817) „als oppositionelle Schriftstellerin aus Paris verbannt“ hatte, zog sie sich auf Schloß Coppet am Genfer See zurück. Bevor sie in die USA emigrieren wollte, machte sie noch Zwischenstation auf Schloß Chaumont an der Loire. Chamisso kam ihrer Einladung nach und beglückte die „Staël-Sekte“ mit seinem Tabakqualm, „‚worüber sie die seltsamsten Gesichter schneiden. Die Staël möchte mir sogar die Unart abgewöhnen'“ (zit. n. Schleucher 89f).

Er kam zu dem Schluß, daß er hier fehl am Platz war: „‚Ich passe in diese Welt gar nicht. Obgleich keinerlei Zwang auferlegt ist, entbehre ich doch allerlei Freiheit. Selbst das Rauchen wird einem sauer gemacht, muß ich doch, wenn es regnet, von dem Abtritt aus meinen Qualm in die gelehrte Welt blasen, denn die stachelschweinförmige britannische Feindin [„‚eine kugelrunde, harte Engländerin'“] besetzt eine Stube neben der meinigen, von wo aus sie das Feuer meiner Batterien zum Schweigen gebracht hat'“ (zit. n. Schleucher 90f).

Grund genug, auf hoher See über das Rauchen nachzudenken: „Die sonderbare Sitte des Tabakrauchens, deren Ursprung zweifelhaft bleibt, ist aus Amerika zu uns herübergekommen, wo sie erst seit beiläufig anderthalb Jahrhunderten Anerkennung zu finden beginnt. Von uns verbreitet, ist sie unversehens zu der allgemeinsten Sitte der Menschen geworden. Gegen zwei, die von Brot sich ernähren, könnte man fünf zählen, welche diesem magischen Rauche Trost und Lust des Lebens verdanken. Alle Völker der Welt haben sich gleich begierig erwiesen, diesen Brauch sich anzueignen: die zierlichen, reinlichen Lotophagen der Südsee und die schmutzigen Ichthyophagen des Eismeeres.

Wer den ihm einwohnenden Zauber nicht ahnet, möge den Eskimo seinen kleinen steinernen Pfeifenkopf mit dem kostbaren Kraut anfüllen sehen, das er sparsam halb mit Holzspänen vermischt hat, möge sehen, wie er ihn behutsam anzündet, begierig dann mit zugemachten Augen nach langem, tiefem Zuge den Rauch in die Lungen einatmet und wieder gegen den Himmel ausbläst, während aller Augen auf ihm haften, und der Nächste schon die Hand ausstreckt, das Instrument zu empfangen, um auch einen Freudenzug auf gleiche Weise daraus zu schöpfen.

Der Tabak ist bei uns hauptsächlich und in manchen Ländern Europas ausschließlich Genuß des gemeinen Volkes.- Ich habe immer nur mit Wehmut sehen können, daß gerade der kleine Anteil von Glückseligkeit, welchen die dürftigere Klasse vor den begünstigteren voraus nimmt, mit der drückendsten Steuer belastet werde, und empörend ist es mir vorgekommen, daß, wie zum Beispiel in Frankreich, für das schwer erpreßte Geld die schlechteste Ware geliefert werde, die nur gedacht werden kann“ (III/IV 85; Abschnittsetzung von mir).

Chamisso hatte also keinerlei Bewußtsein für die Schädigung seiner Gesundheit durch die Verschmutzung seiner Lungen. Die nach Chamisso benannte Insel westlich von Alaska brachte einen der Mitreisenden auf folgenden Gedanken: „wenn ein Berg nach Chamisso benannt werden sollte, dann ein Vulkan, des ewigen Qualms wegen, der aus der Chamisso-Pfeife wie aus einem Krater emporsteige“ (Schleucher 133).

1835 wurde Chamisso von einer chronischen Lungenvereiterung heimgesucht, die Kurt Schleucher auf sein ständiges Pfeifenrauchen und eine Grippe zurückführt. Damals dachte Chamisso ans Sterben, erholte sich jedoch nochmals. Er stieg auf die Schneekoppe und genoß neben der frischen Bergluft das Botanisieren (S. 165).

Drei Jahre später war er tot. Todesursache: Chamisso ist „vermutlich erstickt […], weil aufgrund von Veränderungen der Schleimhaut zuletzt nur noch der linke Lungenflügel notdürftig arbeitete“ (Fischer 190).

Über das Essen. Erfreulicher sind Chamissos Gedanken über die Wertschätzung der Nahrung: „Es wirkt sehr natürlich unsere Volkserziehung dahin, und Volkssagen, Märchen und Lehren vereinigen sich, um uns eine große Ehrfurcht für die liebe Gottesgabe, das Brot, einzuprägen, welche hintenan zu setzen eine große Versündigung sei. Das geringste Stück Brot an die Erde zu werfen, war in meiner Kindheit eine Sünde, worauf unbarmherzig, unerläßlich die Rute stand.

Beim dürftigen Volke von Radack läßt sich ein ähnliches Gefühl in Hinsicht der Früchte, worauf seine Volksnahrung beruht, erwarten. Einer unserer Freunde hatte einen Kokos dem Kapitän zum Trunke gereicht; dieser warf die Schale mit dem ihr noch anklebenden eßbaren Kerne weg.- Der Radacker machte ihn ängstlich auf die verschmähete Nahrung aufmerksam. Sein Gefühl schien verletzt zu sein, und in mir selber regten sich die alten, von der Kinderfrau eingepeitschten Lehren“ (III/IV 154; Abschnittsetzung von mir).

Daß seine sorgfältige Aussaat von Wassermelonenkernen auf Radack und Otdia und das Hinterlassen eines Samenvorrats bei dem Eingeborenen Kadu keine Früchte zeitigte, kommentierte Chamisso folgendermaßen: „Nach Herrn von Kotzebues letzter Reise und letztem Besuch auf Otdia im Jahre 1824 scheint doch diese willigste der Pflanzen, die, wo nur eine milde Sonne nicht fehlt, den Europäern gefolgt ist, sich auf Radack nicht erhalten zu haben. Wahrlich, es ist leichter Böses zu tun, als Gutes!“ (III/IV 167)

Der Adel war für Chamisso mehr eine Geisteshaltung als ein Stand: „Man hat sich verwundert, mich von Adel unter den Polynesiern sprechen zu hören. Allerdings finde ich da noch den Adel, wie ich mir denke, daß er ehedem bei uns bestand, wo er bereits verschüttet, nur noch in verblassenden Erinnerungen lebt. Anerkannt wird in unsern Staaten unter dem armen Adel nur noch das Privilegium, und es ist auch nur gegen das Privilegium, daß das Wehen des Zeitgeistes fast zum Sturm anschwillt. Ein Adel, der gegeben und genommen werden kann, der erkauft wird, ist keiner. Der Adel liegt tiefer, er liegt in der Meinung, er liegt in dem Glauben“ (III/IV 202).

„Ich habe geglaubt und angenommen, es verstände sich von selbst, daß von einer Kaste in die andere kein Übergang möglich ist, daß selbige wie die Arten der Tiere unbezweifelt naturnotwendig geschieden sind, und daß, so wie es nur eine Fabel ist, daß der Esel sich zum einem Hunde und der Frosch zu einem Rinde habe ausbilden wollen, es auch außerhalb aller Wahrheit ist, daß ein gemeiner Mann zu einem Edeln zu werden nur träumen könne. Daher finden auch in diesen Verhältnissen Neid und Hochmut keinen Raum. Aber, dürfte man fragen, was versteht sich denn von selbst?“ (III/IV 203)

Weiter unten kam Chamisso nochmals unter einem anderen Gesichtspunkt auf das Thema der Unveränderlichkeit der Arten zurück: „Ich habe wohl in meinem Leben Märchen geschrieben, aber ich hüte mich, in der Wissenschaft die Phantasie über das Wahrgenommene hinausschweifen zu lassen. Ich kann in einer Natur, wie die der Metamorphosler sein soll, geistig keine Ruhe gewinnen. Beständigkeit müssen die Gattungen und Arten haben, oder es gibt keine. Was trennt mich homo sapiens denn von dem Tiere, dem vollkommneren und dem unvollkommneren, und von der Pflanze, der unvollkommneren und der vollkommneren, wenn jedes Individuum vor- und rückschreitend aus dem einen in den andern Zustand übergehen kann?“ (III/IV 237)

Die folgende Passage bezieht sich auf die Schmerzhaftigkeit des Erwachsenwerdens: „Die Verwandlungen des Insektes lassen sich auch an dem Menschen nachweisen, nur in umgekehrter Reihenfolge. Er hat in seiner Jugendperiode Flügel, die er später ablegt, um als Raupe von dem Blatte zu zehren, auf welches er beschränkt wird“ (III/IV 252).

Über die Religion. Chamisso, der sich als „Mann der Zukunft“ verstand, glaubte „an einen Gott, mithin an seine Gegenwart in der Geschichte, mithin an einen Fortschritt in derselben“ (III/IV 203).

Wie beim Adel unterschied er beim Christentum die Geisteshaltung vom äußeren Befolgen der Rituale: „Die Volkstümlichkeit, die vor dem aufgehenden Christentum untergehen muß, habe ich geschaut, und sie ist mir wert geworden; daß ich um sie traure, spreche ich unumwunden aus. Daß ich aber der Mann des Fortschrittes bin und höher mir der Geist des Christentums mit seinen Segnungen gilt, glaub‘ ich in meinem Gedichte: ‚Ein Gerichtstag auf Huahine‘ an den Tag gelegt zu haben“ (III/IV 204).

Der Hintergrund dieses Gedichts aus dem Jahr 1822: Am 14. Juli 1819 wurde der König von Tahiti Pomare II. getauft. Am 13. Mai nahm die Volksversammlung „die ersten geschriebenen Gesetze“ an. „Erst im Mai 1822 erhielt die Insel Huahine auf gleiche Weise ihr erstes Gesetzbuch“ (I/II 273).

Der Inhalt des Gedichts (I/II 273-276): Die Witwe von Pomare, Königin von Tahiti, besucht Huahine. Ein Zimmermann bittet sie um einen Baum zum Schiffsbau. Die Königin zeigt ihm einen Brotfruchtbaum, der für den Zimmermann gefällt wird. Der Eigentümer des Baumes, Tahute, verklagt die Königin, weil er durch das Fällen des Baumes seine Nahrung und seinen Sonnenschutz verloren hat. Er fragt, ob nun das Gesetz oder Gewalt gilt. Die Königin gesteht. Der Richter fragt sie, ob sie sich der Gesetzesübertretung bewußt war. Die Königin bejaht, beruft sich aber auf die königliche Macht, die gottgegeben sei. Der Richter fragt, ob denn im Gesetz von dieser Macht die Rede sei. Die Königin schweigt und will den Kläger bezahlen. Der Richter gebietet Einhalt und fragt, ob sie ihre Tat bereue. Die Königin bejaht, errötet und weint. Nun fordert der Richter Tahute auf, die Höhe der Entschädigung zu bestimmen. Doch Tahute ist mit der Reue der Königin zufrieden und will kein Geld. Denn die Erde würde denjenigen leicht ernähren, der über ein Unrecht nicht zornig sei. Der Richter entläßt die Königin und fordert sie auf, Christus zu loben.

Es folgt die Fortsetzung des unterbrochenen Tagebucheintrags von Chamisso: „Selbst an dem frommen Ellis (Polynesian researches) habe ich zwei Dinge vermißt: er hätte, meine ich, selber O-Taheitier werden sollen, bevor er O-Taheitier umzuschaffen unternahm, und hätte sein heiliges Geschäft geistiger auffassen und betreiben können. Seefahrer, die da Weiber und Lust auf den Sandwichinseln gesucht, mögen dem Missionswesen abhold sein; aber gewichtigere Beschuldigungen fallen lassend, scheint mir doch aus allen Zeugnissen hervorzugehen, daß das Missionsgeschäft geistlos auf O-Waihi betrieben wird, wo noch kein Fortschritt in der geselligen Ordnung das Aufgehen des Geistes beurkundet hat. Die stille Feier des Sabbats und der erzwungene Besuch der Kirche und der Schule sind noch das Christentum nicht“ (III/IV 204).

Über die Heimat. In Chamissos Gedenkworten für Kadu, die auch heute angesichts der Massenmigration noch beherzigenswert sind, heißt es: „Du hast, mein Freund Kadu, das Bessere erwählt; du schiedest in Liebe von uns, und wir haben auch ein Recht auf deine Liebe, die wir die Absicht gehegt und uns bemüht haben, Wohltaten deinem zweiten Vaterlande zu erweisen. Du hast von uns das Gute gelernt, und es hat dich ergriffen; du hast in unserm frommen Sinn fortzuwirken dich unterfangen; möge, der die Schicksale der Menschen lenkt, dein Werk segnen und dich selbst bei deiner fahrvollen Sendung beschirmen! Möge er eine Zeit noch die Europäer von euren dürftigen Riffen, die ihnen keine Lockungen darbieten, entfernen! Sie würden euch zunächst nur den Schmutz von O-Waihi zuführen.-

Aber was hättest du in unserm alten Europa gesollt? Wir hätten eitles Spiel mit dir getrieben, wir hätten dich Fürsten und Herren gezeigt; sie hätten dich mit Medaillen und Flittertand behangen und dann vergessen. Der liebende Führer, dessen du Guter bedurft hättest, würde dir nicht an der Seite gestanden haben; wir würden nicht zusammengeblieben sein, du hättest dich in einer kalten Welt verloren gefunden. Paßlich für dich würde unter uns keine Stellung sein und hätten wir dir endlich den Weg nach deinem Vaterlande wieder eröffnet, was hätten wir zuvor aus dir gemacht?“ (III/IV) Einen heimatlosen Spion?

Über die Kleidung. Chamisso schreibt ausführlich über den Unterschied der europäischen und der polynesischen Kleidung (III/IV 206ff). Sein Resümee: „Ich finde, daß die Schönheit sich überall mit der Zweckmäßigkeit paart. Für den Menschen ist die menschliche Gestalt das Schönste; es kann nicht anders sein. […]

Die Kleidung dient einerseits der Schamhaftigkeit, die den Körper zum Teil verdecken will, andrerseits der Bedürftigkeit, die Schutz gegen äußere Einwirkungen sucht. Nur der Barbar ruft sie zu Verunstaltungen, in denen er sich wohlgefällt, zu Hilfe. Die Kleidung der Polynesier im allgemeinen genügt der Schamhaftigkeit, ohne den edlen Gliederbau der kräftigen, gesunden, schönen Menschen zu verhüllen“ (III/IV 206).

„Indem wir uns in unsere häßlichen Kleider einzwängen, verzichten wir auf den Ausdruck des Körpers und der Arme; die Mimik tritt bei uns Nordeuropäern ganz zurück, und wir schauen kaum dem Redenden ins Antlitz. Der bewegliche, gesprächige Polynesier redet mit Mund, Antlitz und Armen, und zwar mit der größten Sparsamkeit der Worte und der Gebärden, so daß zweckmäßig der kürzeste Ausdruck und der schnellste gewählt wird, und ein Wink an die Stelle einer Rede tritt“ (III/IV 207).

„Die vollendete Kraft sucht nicht, sondern trifft mit Sicherheit das Rechte, und das Rechte ist das Schöne. Jede versuchte willkürliche Ausschmückung ist Verunzierung und Verunstaltung“ (III/IV 208).

Auch über das Tätowieren hat Chamisso sich Gedanken gemacht: „Die Tatuierung ist eine sehr allgemeine Sitte unter den Menschen; Kalifornier und Eskimos huldigen ihr mehr oder weniger, und das Mosaische Verbot beurkundet, daß ihr die Völker anhingen, von denen die Kinder Israels abgesondert werden sollten“ (III/IV 207).

In der Bibel sagt Jahwe zu Moses: „‚Macht euch wegen eines Toten keine Einschnitte an eurem Leib und ätzt euch keine Zeichen ein'“ (Lev 19,28). Zu Jeremia sagt Jahwe: „‚Kann etwa ein Mohr seine Haut wechseln oder ein Panther sein buntes Fell? Und ihr könntet gut handeln, die ihr ans Böse gewohnt seid'“ (Jer 13,23). Diese zweite Stelle bedeutet: Die Menschen sind im Gegensatz zu den Tieren frei, Böses zu tun, werden aber dafür von Jahwe bestraft.

Über die Medizin. Da Chamisso auf seiner Weltreise von den Einheimischen immer wieder für einen Arzt gehalten und um Hilfe gegen allerlei Krankheiten angegangen wurde, machte er sich Gedanken über die Medizin:

„Es ist die Medizin für den, der ihrer bedarf, eine heimliche, fast zauberische Kunst. Auf dem Glauben beruht immer ein guter Teil ihrer Kraft. Zauberei und Magie, die tausendgestaltig, tausendnamig, ausgebreitet und alt sind wie das Menschengeschlecht, waren die erste Heilkunst und werden wohl auch die letzte sein. Sie verjüngen sich unablässig unter neuen Namen und zeitgemäßen Formen – für uns unter wissenschaftlichen, und heißen: Mesmerianismus und … Ich will niemand beleidigen. Wer aber wird bestreiten, daß heutzutage noch in einer aufgeklärten Stadt wie Berlin mehr Krankheiten besprochen oder durch sympathetische und Wundermittel behandelt, als der Sorge des wissenschaftlichen Arztes anvertraut werden?“ (III/IV 226)

Über ein unidentifiziertes Flugobjekt schrieb Chamisso: „Wir hatten am 21. die Sonne im Zenith. Am Abend des 2. März ward eine Feuerkugel von ausnehmendem Scheine am nördlichen Himmel gesehen.- Ich habe im Atlantischen Ozean und in anderen Meeren manche Meteore derart mit ziemlicher Genauigkeit beobachtet. Aber die Wissenschaft verlangt zusammentreffende, gleichzeitige Beobachtungen derselben Erscheinung, und meinen Beobachtungen sind keine anderen entgegengekommen“ (III/IV 234).

Anhang: Bemerkungen und Ansichten

Auch hier denkt Chamisso wieder über die Religion nach: Es sei nicht möglich, die Sitten und Tabus der Völker auf den pazifischen Inseln „zu einem Prinzip und einer Quelle zurückzuführen und diese Menschensatzungen in ihrem Zusammenhang zu verstehen oder sie von dem religiösen und Zivilsystem anderer bekannten Nationen herzuleiten.- Hier fehlt die Schrift […].

Wir sind außerdem weit entfernt, anzunehmen, daß jede Zivil- oder religiöse Ordnung als ein vollendetes Ganze aus einem Geist hervorgegangen sei […].

Und sehen wir nicht selbst den blöden Menschen aus einer rein geistigen Religion zum Polytheismus zurückkehren und sein eitles irdisches Vertrauen dem materiellen Gegenstande, dem Stein, dem Holze zuwenden? Wird es nicht uns selbst wie andern Völkern der Welt leichter, der Zauberei, der Lüge und dem Wort zu glauben, als dem Geiste anzuhängen?“ (III/IV 299f; Abschnittsetzung von mir)

Ein Beispiel für ein animistisches Tabu: In der Nähe eines Vulkans ermahnen die Tagalen die Reisenden, „an diesem unheimlichen Orte wohl alles anzuschauen, aber zu schweigen und durch kein unbedachtsames vorwitziges Wort den Unhold zu reizen; der Vulkan bezeige sich unruhig jedesmal, wenn ein Spanier ihn besuche, und sei nur gegen die Eingebornen gleichgültig“ (III/306).

Ein Beispiel für die Feinfühligkeit der Eingeborenen gegenüber den Schattenseiten der Christen: „Die Inquisition scheint jetzt zu schlummern, aber die Gewohnheit der Vorsicht gegen sie besteht, und man merkt den Menschen an, daß es unheimlich ist, und daß ein Gespenst gefürchtet wird, das man nicht sieht“ (III/IV 314).

Zur Erdgeschichte: Chamisso nimmt an, daß es die Menschen noch nicht lange gibt: „In den Schichten der Berge liegen die Trümmer einer älteren Welt wie Hieroglyphen begraben, die Gewässer ziehen sich zurück, Tiere und Pflanzen verbreiten sich von verschiedenen Punkten aus in verschiedenen Richtungen über die Oberfläche der Erde, die Berge werden die Länderscheiden. Der Mensch steigt von seiner Wiege, dem Rücken von Asien, herab und nimmt, nach allen Seiten vorschreitend, das feste Land in Besitz“ (III/IV 304).

Chamisso stellt die Hypothese einer Ursprache auf (vgl. a. das Buch von Arnold Wadler): „Wir ahnen, daß, wer mit gehörigen Kenntnissen gerüstet, alle Sprachen des redenden Menschen überschauen und vergleichen könnte, in ihnen nur verschiedene, aus einer Quelle abgeleitete Mundarten erkennen würde und Wurzeln und Formen zu einem Stamme zurückzuführen vermöchte“ (III/IV 305).

Würdigung und Kritik

Chamissos Weltreise hatte für ihn eine ähnliche Bedeutung wie die Weltreise für Darwin: Sie machte aus ihm einen Naturwissenschaftler. Der Zweck der Reise, nämlich eine Nordostpassage von der Beringstraße nach Nordeuropa zu finden, wurde nicht erreicht, weil der Kapitän die Reise krankheitsbedingt abbrach.

Trotz seiner adeligen Herkunft ließ sich Chamisso von den Idealen der Französischen Revolution so sehr beeindrucken, daß er eine durchaus demokratische Einstellung hatte: In einem Aufsatz trat er für die Redefreiheit ein, er plädierte für einen freundschaftlichen Umgang mit fremden Völkern auf der Basis gegenseitigen Respekts, er war pazifistisch eingestellt.

Kurt Schleucher hält die Toleranz für den „Grundzug“ von Chamissos Wesen (S. 25), die er von Voltaire gelernt habe. Die Naturliebe habe er von Rousseau, die Universalität seines Denkens von Diderot aufgenommen. „Grundmotiv im Leben und Schreiben“ Chamissos sei die Dreiheit von Dichten, Freundschaft und Liebe (S. 34).

Während die Soldaten Chamisso vor allem als Offizier, die Dichter als Dichter sahen, hielten andere ihn für einen Naturwissenschaftler, „zumal da er etwa doppelt so viele wissenschaftliche Texte geschrieben hatte als poetische“ (S. 173).

„Die Botaniker rühmten ihn als Pflanzenentdecker und Gartenkünstler. Die Zoologen als Spezialisten für Meerestiere, die Ethnologen als Bereicherer der Völkerkunde, die Geologen als Kenner der nördlichen und südlichen Gesteinswelt, die Geographen schließlich als Forschungsreisenden von Rang“ (S. 175).

Viele Pflanzen, aber auch Tiere und Orte sind nach Chamisso benannt. Beispiele: Erica chamissionisRanunculus clacialis chamissionis (Hahnenfußart), Xylaria chamissionis (Kernpilz), Chamissatas (Früchte der Zwergsträucher), Thymus chamissionis (Heilpflanze), Chamisso-Vögel, Polyptera chamissionis (Qualle), Papilio chamissionis (Schmetterling), Carabus chamissionis (Käfer), Chamisso-Insel, Port Chamisso (Hafen der Karolinen-Inseln).

© Gunthard Rudolf Heller, 2025

Literaturverzeichnis

DIE BIBEL – Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes, Freiburg/Basel/Wien 201976

CHAMISSO, Adelbert von: Sämtliche Werke in vier Bänden, mit Einleitung von Rudolf von Gottschall, Berlin/Leipzig o.J. (Die vier Bände sind in einem Band zusammengefaßt; da in der Seitennummerierung nicht zwischen Band I/II und III/IV unterschieden wird, die Gesamtausgabe also nur in zwei Abteilungen gegliedert ist, belege ich Zitate mit I/II bzw. III/IV und Seitenzahl.)

FISCHER, Robert: Adelbert von Chamisso – Weltbürger, Naturforscher und Dichter, Berlin/München 1990

HOFFMANN, E. T. A.: Sämtliche Werke in fünfzehn Bänden. Herausgegeben mit einer biographischen Einleitung von Eduard Grisebach, Leipzig 1905

KINDLERS NEUES LITERATUR-LEXIKON, 21 Bände, hg. v. Walter Jens, München 1996

MEYERS ENZYKLOPÄDISCHES LEXIKON, 25 Bände, Mannheim/Wien/Zürich 91980/81

SCHIERSE, Franz Joseph: Konkordanz zur Einheitsübersetzung der Bibel, Düsseldorf/Stuttgart 21986

SCHLEUCHER, Kurt: Adelbert von Chamisso, Berlin 1988

WADLER, Arnold: Der Turm von Babel – Urgemeinschaft der Sprachen (1935), Wiesbaden o.J.

WILPERT, Gero von (Hg.): dtv-Lexikon der Weltliteratur in 4 Bänden – Autoren, München 1971

– Lexikon der Weltliteratur Band II – Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen, Stuttgart 31993

Gunthard Heller

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