Mythologie Rom: Rolle der Göttin Vesta in unserer Geschichte

Die Römer feierten im Abstand von jeweils etwa einem halben Jahr große, mehrtägige Feste. Zur Zeit der Wintersonnenwende die Saturnalien. Mitte Dezember war die Zeit der Ernte vorbei, der Wein war gereift und sollte nun reichlich ausgeschenkt werden. Keinerlei Standesunterschiede trübten die Feierlichkeiten. Patrizier und Sklaven genossen gemeinsam die Feiertage.

Zur Zeit vor der Sonnenwende im Sommer standen die Priesterinnen der Vesta im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Von den Nonen bis zu den Iden des Juni wurde ihr Fest, die Vestalia, gefeiert.

Die Dienerinnen der Vesta sind Behüter des Herdfeuers, Vesta gehört einerseits zu den Penaten, zu den Hausgöttern, andererseits aber wurde auch das Geschick des Staates mit der gewissenhaften Erfüllung ihres Dienstes unmittelbar in Zusammenhang gebracht.

Mythologie Rom Vesta Göttin In der griechischen Mythologie entscheidet sich Hestia (sie entspricht der römischen Vesta) für ein jungfräuliches Leben, sie lehnt es ab die Gemahlin ihrer jüngeren Brüder Poseidon oder Hades zu werden.

Die Vestalinnen haben eine Sonderstellung in der römischen Gesellschaft, Frauen haben hier Rechte wie Patrizier. Und selbst der Konsul verneigte sich vor ihnen bei Begegnungen. Wenn die höchsten Würdenträger des römischen Staates ihr Amt antraten oder niederlegten, verbanden sie diesen Anlass mit einem Opfer im Tempel der Vesta.

Außerhalb des Tempels wurden die Priesterinnen jeweils von einem Liktor begleitet, auch dies ist ein Symbol von Staatsmacht. Die Verehrung der Vesta geht in Rom auf die Königszeit zurück, auf die Anfänge Roms.

Eine Vesta-Priesterin namens Rhea Silvia gilt als die Mutter der Zwillinge Romulus und Remus, der Kriegsgott Mars als der Vater der Gründer Roms. Gerade die Kombination, Hüterin des Herdfeuers und zugleich auch Staatsgottheit, zeigt uns den Ursprung im Matriarchat. In der römischen Königszeit ist es dann vorbei mit dem selbstbestimmten Leben in Frauengemeinschaften. Die Priesterinnen werden der Aufsicht des Pontifex maximus unterstellt.

Das Gebot der Jungfräulichkeit und die Dienstvorschriften und Rituale müssen genauestens eingehalten werden. Der Vesta-Kult zeigt uns die Verbindung von Familie und Staat. Wenn ein junges Paar eine eigene Familie gegründet hat, so hat die Frau im Herdfeuer der Eltern eine Fackel entzündet und symbolisch das Feuer an den eigenen Herd mitgenommen und erst damit war die neue Familie gegründet.

Als die Griechen neue Stadtstaaten gründeten, errichteten sie dort natürlich auch Tempel. Doch erst damit, dass sie das Feuer aus der Mutterstadt im Tempel der Tochterstadt entfachten, war der Prozess der Gründung des eigenen Stadtstaates feierlich abgeschlossen. Und denken wir auch heute an den Weg des Olympischen Feuers zur aktuellen Austragungsstätte der Spiele.

Erst mit der Ankunft des Feuers können die Spiele eröffnet werden. Ein vestalisches Ritual, bei dem immer wieder viele Staatsoberhäupter dabei sind.

Der Göttin Vesta wird nachgesagt, dass sie auch Schutzgöttin des Berufsstandes der Bäcker sei.

Die Versorgung der Menschen mit dem täglichen Brot war in Rom tatsächlich auch eine Staatsaufgabe, die den Amtsinhabern gelingen musste.

römische Mythologie Vesta Göttin In unsere Zeit übertragen können wir sagen, dass die Aufrechterhaltung des Sozialstaates eine Aufgabe der Politik ist.

Auch in Zeiten der Krise für Beschäftigung und stabile Einkommen zu sorgen, gehört zu unseren Erwartungshaltungen an die Politik.

Wer schon einmal die Gelegenheit hatte und längere Zeit ein brennendes Feuer beobachten konnte, dem wird auch der Eindruck nicht fremd sein, dass uns das Feuer immerzu Geschichten erzählen will. Es sind Geschichten der Veränderung, des Wandels.

Es sind die Geschichten, die uns sagen, dass nichts bleibt wie es war. Es sind Geschichten des Entstehens und des Vergehens, der Vergänglichkeit. Es sind Geschichten, die unser Weltbild prägen.

In Griechenland hielt sich jede einzelne Polis noch für den Mittelpunkt der Welt. Und unsere Welt für den Mittelpunkt des Universums. Bis Kopernikus die Sonne in den Mittelpunkt rückte. Die Menschheit lernte den Unterschied zwischen Planeten und Fixsternen, wie sie so lange in den Lehrbüchern bezeichnet wurden.

Inzwischen sind wir ein beinahe beliebiger Ort im Weltraum. Am Abend des 29. März 1807 beobachtete Heinrich Olbers in Bremen einen Himmelskörper und hatte den Verdacht, dass es sich dabei um einen Planeten handeln könnte.

Die Berechnungen seines Freundes Gauß bestätigten alsbald diese Annahme. Der mit freiem Auge kaum zu erkennende Himmelkörper, der aber heller leuchtet als die beiden größeren Asteroiden Pallas und Ceres, wurde Vesta genannt.

Anfangs gab man ihnen allen den Status von Planeten, doch als man immer mehr Objekte im Asteroidengürtel gefunden und ihre Bahnen berechnet hat, einigte man sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Bezeichnungen Klein- oder Zwergplaneten und Asteroide.

Vesta wurde also entdeckt in einer Zeit des Umbruchs und inmitten der Kriege Napoleons, aber auch auf die Woche genau zu der Zeit, als das britische Unterhaus beschlossen hat, die Sklaverei zu verbieten.

Am Abend der Entdeckung stand Vesta auf 29 Grad Jungfrau. In dem Zeichen, in dem sie astrologisch in ihrem Domizil ist. Die Umlaufzeit um die Sonne beträgt annähernd vier Jahre. In etwa so lange wie von einer Olympiade zur nächsten.

Doch in Griechenland kam man zusammen, um sich bei diesem festlichen Anlass zu sagen und zu preisen, inwieweit man im gesellschaftlichen Leben, in der Baukunst und in der Kultur etwas Neues geschaffen hat und welche Leistungen man gemeinsam vollbracht hat. Die olympischen Feste markierten nicht selten einen Aufbruch in eine neue Zeit.

Daher erscheint es gar nicht allzu gewagt, auch heute Vesta dahin gehend zu deuten, welcher Aufbruch in eine neue Zeit bevorsteht. Der Tempel der Vesta auf dem Forum Romanum mag uns als ebenso leuchtende Markierung in den Ständekämpfen der Republik erscheinen, wie heutzutage Ministerien für Frauenfragen oder Generationen in Regierungen.

Vestalisch ist auch die Aufnahme von Kinder- und Jugendrechten in die Verfassungen. Vestalisch denken bedeutet auch den gesellschaftlichen Wandel zu verstehen. Wer nur die Rolle des Arztes am Krankenbett des Kapitalismus spielen möchte und einen Zustand wie vor Ausbruch der Krise wiederherstellen möchte, hat die Bedürfnisse nach einem grundlegenden Wandel noch nicht verstanden.

Vestalisch denken ist visionär und konservativ zugleich. Die Zukunft kann einfach nicht ein Abklatsch der Vergangenheit sein, nicht eine Fortsetzung der Produktion von immer größeren Stückzahlen von Waren und Gebrauchsgütern.

Vestalisch denken heißt im eigenen Heim Sicherheit und Geborgenheit spüren. Die Zeit des Kampfes um Befriedigung elementarer Bedürfnisse ist vorbei. Es ist an der Zeit unsere Visionen vom persönlichen Glück in einer von Ängsten und Bedrohungen freien Gesellschaft zu leben.

Von Günter Wittek

Günter Wittek

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