Deutsche Mythologie I: Die Götter der Südgermanen

In minutiöser Arbeit hat die Journalistin Eire Rautenberg die schwer zu rekonstruierende Geschichte der südgermanischen Kultur aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen. Die heute weitgehend verschüttete Tradition unserer eigenen Vorfahren besticht durch eine weitverzweigte Göttergenealogie, Lebensnähe und Erdverbundenheit.

Die Götter: Tiwaz Watanaz Donraz Pulaz Foraz

Zweiter Teil des Artikels:
Die Göttinnen der Südgermanen

Die Göttinnen: Erce Nerth Nehalennia Tanfana Frija Austro Baduhenna Walküren
Kult und Brauchtum
Vorstellungen vom Weltbeginn und Weltende
Textquellen

Grundsätzliches

Die Beschäftigung mit der deutschen (süd-germanischen) Mythologie ist - nach dem über fünfzig Jahre verordneten Verdrängen wegen des demagogischen Mißbrauchs durch den Nationalsozialismus - inzwischen fast eine Notwendigkeit, kann doch der Gang in die Vorzeit wesentlich zur Konsolidierung eines neuen deutschen Selbstverständnisses beitragen. Vielleicht gilt es, noch einmal deutsch zu denken, auch deshalb, um im gemeinsamen Haus Europa zu wissen, woher wir kommen, aus welchen Wurzeln der Vergangenheit wir wieder selbstbewußt wachsen dürfen, als ein Zweig des großen europäischen Stammbaumes der Zukunft.

Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Germanentum auf der Grundlage der deutschen Mythologie erfordert einen eigenen Artikel. Die Erklärung der Runen-Reihe (ohne Binderunen) würde einen dritten Artikel nötig machen. Für den interessierten Leser gibt es inzwischen einiges an Lesenswertem zu den fehlenden Bereichen.

Die Beschäftigung mit unserer Vergangenheit beinhaltet neben der wichtigen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner gefährlichen okkulten Ströme (zu der auch die magische Benutzung der runischen Energien gehörte) eine gesunde innovative Annäherung an die ursprüngliche Religion der südlichen Germanen. Die Erforschung unserer germanischen Ahnen und ihres Glaubens hat einen ganz eigenen Zauber, der genauso zu uns gehört wie der keltische Mythenkreis.

In Skandinavien hatte sich das germanische Heidentum länger ungestört bewahren können, es war ausgeprägter und wurde seit dem 10. Jhdt. schriftlich überliefert. Die nordische Literatur umfaßt die isländischen Sagas, die Ältere Edda, die Skaldendichtung sowie die Aufzeichnungen des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus (um 1200 n. Chr.). Die Mythologie der nordischen Sagas und Skaldendichtung unterscheidet sich jedoch in vielem von der der Süd- bzw. Festland-Germanen, kann also in unserer deutschen, der südgermanischen Mythologie, keine Beachtung finden.

Es gibt so gut wie keine originären schriftlichen Zeugnisse unserer Vorfahren. Die Schrift als Medium spielte kaum eine Rolle, das soziale Gedächtnis setzte sich in mündlicher Form fort, als direkte Tradition. Erst mit Beginn der Christianisierung West- und Mitteleuropas durch irische und später deutsche Missionare im 5. Jhdt. begann man mit schriftlicher Fixierung von Texten. Unser heutiges Wissen gewinnen wir aus zeitgenössischen Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetze, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden, aus Anekdoten, Zaubersprüchen, aus Sagen und Bräuchen. Die bis heute einzigartige zeitgenössische Schilderung germanischen Glaubens und alltäglichen Lebens lieferte um 100 n. Chr. Tacitus in seiner Germania. Sie bleibt die einzige Schrift, die aus heidnischer Sicht überliefert ist.

Mit Sicherheit haben die unterschiedlichen Lebensräume - bei den Nordgermanen der rauhe kalte Norden und bei den Festlandgermanen die milden mitteldeutschen Wald-, Seen- und Mittelgebirgsgebiete - Einflüsse auf die Lebensweise und die naturreligiösen Vorstellungswelten gehabt. Trotz vieler Übereinstimmungen in den Grundvorstellungen besteht ein beachtlicher Unterschied zwischen der nordischen und der deutschen Mythologie. Um 500 n. Chr. beginnt ein reger Sagen- und Mythenaustausch von Süd nach Nord.

Viele Grundvorstellungen scheinen den Südgermanen zu entstammen. Beim Vergleich erscheinen die Göttersagen und Mythologien des Nordens wesentlich bildreicher, umfangreicher und poetischer. Grund dafür ist, daß die Veränderungen und spirituellen Vertiefungen der alten Stoffe, die die Skandinavier, Dänen und Isländer vorgenommen haben, das Werk von Dichtern sind und daher Kunstwerke. Die Edda-Lieder sind weniger Volksglauben als Kunst, mehr Phantasie und Prophetie als gelebte Religion.

Die Götter der westlichen Festlandgermanen sind die eigentlichen deutschen Götter. Die ursprüngliche Wortform Gott könnte mit der indogermanischen Wurzel ghu (sanskrit: hu) zusammenhängen, was bedeutet: das Berufene, Besprechung. Ist die Erklärung richtig, so nannte man das Gott, was man durch Zauberkraft oder Zauberwort seinem Willen untertan machte.

Die Götter

Tiwaz

Seit der ältesten Zeit begegnen die himmlischen Wesen in der Dreiheit. Die 3 x 3, die Vorstellung von insgesamt neun Aspekten der Gottheit, tauchte erst später in der religiösen Geschichte auf.

Plinius und Tacitus nennen die drei westgermanischen Mannus-Stämme: Istaevonen, Herminonen und Ingaevonen, die auf die drei Beinamen des Himmelsgottes Istwio, Irmino und Ingwio zurückgehen.

Uralte Lieder, die schon zur Zeit des Tacitus aus ferner Vorzeit stammen, singen von den drei göttlichen Ahnen. In der urgermanischen Form lauten sie Istwaz, Ermnaz und Ingwaz. Sind es Brüder, verschiedene Götter oder uralte Erscheinungsformen einer einzigen Gottheit? Letzteres ist wahrscheinlich.

Die Istaevonen nannten ihren strahlenden Gott Tiwaz Istwaz, den "Flammenden" (Wurzel idg.= brennen, flammen oder isi= glänzen, leuchten). Tiwaz war das Attribut, das alle drei Stämme dem Ahnennamen voransetzten, der allgemeine Name des Sonnen- und Himmelsgottes, des Beschützers in Krieg und Frieden.

Das zentrale Stammesheiligtum der Istaevonen war der Istenberg bei Olsberg-Bruchhausen in Süd-Westfalen, Hochsauerlandkreis.

Der Istenberg mit seinen herausragenden vier Felsen, den heutigen "Bruchhauser Steinen", gehört zu der mittlerweile weltweit entdeckten Kultur der Groß-Skulpturen, die noch früher als die eigentliche Megalithkultur anzusetzen ist. Während die Menschen, die die megalithischen Bauwerke schufen, etwa von 4000 bis 1500 v. Chr. lebten, muß die Kultur der Groß-Skulpturen mindestens in der ausgehenden Alt-Steinzeit, zwischen 8500 und 6700 v. Chr. entstanden sein, wenn nicht schon im Aurignacien, um 32.000 v. Chr.

Meterhohe figürliche Plastiken und Gesichter zieren die Steine. Fotografien der Felsformationen sind sehr überraschend. Dennoch ist die Theorie umstritten, da nirgendwo eindeutige Bearbeitungsspuren sichtbar sind.

Die Herminonen, deren Wohnsitze sich von der Donau bis zur Spree erstreckten, nannten ihn Tiwaz Ermnaz, den "Erhabenen, den Himmelsgott" (= Ermin, Irmin). Als Irmin-Tius (röm.: Tius) bildete er den Mittelpunkt ihres Kultes. Auch die Sachsen verehrten ihn unter diesem Namen. Nach ihrem Siege über die Thüringer bei Scheidungen an der Unstrut errichteten sie ihm eine Siegessäule, geschmückt mit dem Standbild eines Adlers, der nach Osten blickte. Die Errichtung der Siegessäule, Irmin-Sul (Sonne des Irmin), kennzeichnet ihn als Sonnen- und Kriegsgott.

Aufgrund meiner jahrelangen Recherchen behaupte ich, daß die Vokale im Wortstamm ‚Ir-Min-Sul‘ auch durch andere Vokale ersetzt werden können. Die fünf Vokale waren den alten Naturvölkern heilig und korrespondierten in ihrer Magie in vielfältiger Weise. Folglich bekommen wir z. B. die Zusammensetzung ‚Ar-Man-Sil‘. Armansil als Bezeichnung des Stammbaumes der Mannusstämme hat die runischen Bedeutungen der Ar-Rune, der Man-Rune, und der alten mythologischen Bezeichnung für Wald, Sil, das Licht der Bäume.

Runen sind pfeilartige Energiekanäle, die in vielfältiger Art genutzt werden können und durch die sich unsere Vorfahren mit den göttlichen Mächten verbanden. Erst später wurde eine Keilschrift daraus.

Die Ar-Rune ist das Zeichen für "Licht und Sonne". Ar, Aar ist auch der Adler, dessen Stärken Weitsicht, Scharfblick der Wahrnehmung und kluges Handeln sind. Er erhellt das Dunkel der Unwissenheit und gewährt Ruhm und Erfolg, Heilung und Schutz. Die Priester hießen bei uns die Armanen, die Adlermenschen, Lichtträger, Sonnenpriester. Ar ist die Rune des Führers, des Eingeweihten.

(Ich vermute, daß Hitler und seine Anhänger ein beschränktes Runenwissen besaßen. Das machte sie offensichtlich nicht zu wahrhaft Eingeweihten. Tatsächlich wurden die Runen im nationalsozialistischen Kontext für den deutschen Machtgewinn eingesetzt. Das sollte unsere Generation aber nicht daran hindern, die Runen positiv für die spirituelle Entwicklung zu verwenden und sie durch eine heilende Verwendung zu reinigen.)

Man ist die Menschheits-Rune, die Rune der "Wiedergeborenen", der "Auferstandenen", der manifestierte Logos, das Zeichen des Urlichtlandes. Ma(n) ist die Vereinigung von Weib und Mann in der Dreiheit von Körper, Seele und Geist.

Sil ist eine uralte Silbe, deren Bedeutung so mystisch ist, daß kaum darüber gesprochen wird. Das "Licht der Bäume", das Mysterium des Waldes, die Anbetung der Großen Mutter, die Kristalle, das Schweigen.

Doch wir können Irminsul auch ausschließlich mit der Tyr-Rune in Zusammenhang stellen. Tyr, Ti, Tiu, Tau, Teiwas, Tiwaz. Alles alte Bezeichnungen dieser Rune mit dem Grundbuchstaben T ...

Es ist die Rune des Schwertgottes, des Tiwaz, des Kreuzes; des Lebensbaumes; des hängenden Gottes, der sich selbst opfert und der Auferstehung gewiß ist.

Es ist der alte Himmelsgott, der schon vor Wodan/Odin über die geistigen Welten herrschte. Wodan/Odin übernahm später die alten Kräfte und Mächte. Tyr zeigt den Weg zur Glückseligkeit und bewirkt eine Befreiung von der Todesfurcht.

(Das Tau-Kreuz war übrigens auch den alten Völkern in Irland bekannt. Niemand weiß, wer sie in die Landschaft stellte. Sie existieren in versteinerter Form an etlichen Orten der Insel, z. B. auf Tory-Island.)

Die Irminsul hatte das Aussehen eines Pfahles, der sich oben teilt und zwei oder alle vier Äste in die Himmelsrichtungen ausstreckte. Die Irmensäule als Lebensbaum verband die vier Elemente des Lebens zu einer Einheit und hier teilten sich die Wege für die alten Germanen.

Karl der Große zerstörte 772 n. Chr. die überall vorhandenen gewaltigen Irmensäulen, doch angeblich nicht die Irminsul in der Nähe des dem Gott geweihten westfälischen Heiligtums in Eresburg.

Nicht weit davon entfernt befindet sich das alte Stammesheiligtum der Herminonen, die bekannten Externsteine im Teutoburgerwald. Auch sie sollen zur Kultur der Groß-Skulpturen gehören.

Sächsische Beinamen von Irmin waren "Er" und "Saxnot", der "Schwertgenosse".

08.09.2017 © seit 07.2003 Eire Rautenberg
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